Elmar Hügeler

Ein Fall für sich – Meine Arbeit mit einem Unikat

„Den werden Sie nicht halten können“, prophezeite Gert von Paczensky und meinte damit einen Mann, den er mir 1974 warmherzig empfohlen hatte. Damals sah ich ihn zum ersten Mal. Was mir spontan gefiel, war seine unprätentiöse Art, seine Bescheidenheit. Inzwischen weiß ich, sein Erscheinungsbild sagt nichts über seine innere Entschlossenheit. Die zeigt er vor allem dann, wenn es darum geht, unsere komplexe Welt auf den Punkt zu bringen.

„Den werden Sie nicht halten können“. – Vielleicht galt die Prognose diesem Wesenszug, der mir in der Tat noch manches Ärgernis bescheren sollte. Die Logik nämlich, daß eine auf den Punkt gebrachte Welt dem besseren Verständnis diene, wird nicht von jedermann bejaht. Was viele rückhaltlos begrüßen, weil es Wurzeln (und damit auch Zusammenhänge) offenlegt, ist anderen nur noch suspekt. Die Art, das Chaos dieser Welt auf ein paar Ursachen zurückzuführen, brachte manchen, der sich an den Symptomen orientierte, in Wut. Die Schlagworte, die dabei fielen, schufen jene Schattenexistenz, die in den Hirnen vieler Rezensenten ein gepflegtes Obdach fand: Gordian Troeller – ein finsterer Ideologe, Marxist oder doch Kommunist, zumindest links und damit als seriöser Journalist nicht akzeptabel, ein Thesenfabrikant, ein Agitator, ein Religionsverächter, Atheist, nein, Nihilist – kurzum, ein mieser Weltbeschmutzer, der die Ideale unserer Zeit mißachtet und daher eigentlich verboten werden müßte.

„Den werden Sie nicht halten können.“ Gert von Paczenskys Worte waren das Präludium zu einer Fuge, die ich bis heute höre. Als er mir dieses prophezeite, hatte er bereits beschlossen, als Chefredakteur von Radio Bremen abzudanken. Das Thema blieb – auch wenn es nun, wie ja bei Fugen üblich, von vielen Stimmen einzeln und nacheinander vorgetragen wurde.

Zunächst aber war es der Sender selbst, der mich an Troellers Zukunft zweifeln ließ.

Die personelle Konstellation, die mich 1974 vom Südfunk Stuttgart zu Radio Bremen zog, begann sich schon fünf Jahre später aufzulösen. Gert von Paczenskys Abgang war nur die erste Reaktion auf einen Wechsel, der alle Programmpläne zunichte machen konnte. Der Programmdirektor, Dieter Ertel, der mich gemeinsam mit Klaus Bölling (damals Intendant) zur Umsiedlung nach Bremen überredet hatte, ging als Fernsehspielchef zum WDR nach Köln. Von seinem Nachfolger, Hans Werner Conrad, wußte man noch nicht, was er im Schilde führte.

Vor allem Troeller schien gefährdet, denn der zu dieser Zeit amtierende Intendant (Gerhard Schröder) hatte wiederholt verlauten lassen, daß er das Engagement der Redaktion im außenpolitischen Bereich nicht länger unterstützen wolle. Nun könnte der Wechsel ihm erlauben, was Dieter Ertel (der mir freundschaftlich verbunden war) schon durch Präsenz verhindert hatte: eine Zertrümmerung meines nach vier Jahren zaghaft blühenden Programms. Die Sorge war: der neue Programmdirektor würde sich dem Druck nicht widersetzen wollen und, gewissermaßen als Dank für seine Nominierung, Gordian Troeller opfern.

Hans Werner Conrad hatte solche Vermutungen schon bald nach seinem Amtsantritt entkräftet. Nicht, daß er Troellers Weltsicht vorbehaltlos akzeptierte. Sie war ihm in mancher Hinsicht zu dogmatisch. Gleichwohl erkannte er die visionäre Kraft, die hinter seinen Filmen steckt. Im Grunde ging es ihm wie mir, als ich Troeller kennenlernte.

Ich war gebannt von dem, was seine Filme an Einsichten und Wissen vermitteln konnten, obgleich mir unter filmtheoretischen Aspekten manches unüblich erschien. Schließlich hatte ich als Filmemacher zwölf Jahre lang an einer eigenen Theorie gefeilt und – wie ich glaubte – mich dabei mit allen Spielarten des Films vertraut gemacht.

Die Diskussion, die ich zuvor auch schon mit Dieter Ertel führte, begann daher neu aufzuleben. Die Frage war: Wie kann ein Autor (nämlich ich), dem das Wort zwar teuer, die Bildsprache dagegen unersetzlich ist, sich urplötzlich für eine Wirklichkeitsdarstellung engagieren, die sich doch eher als textbetont erweist?

Ich höre sie noch heute, dieselbe Frage, doch die Konzilianz der Fragesteller hat mit den Jahren abgenommen. Die Antwort, die ich habe, erfordert noch einmal einen Blick auf meine eigene Entwicklung.

In der Tat, in Stuttgart hatte ich Gelegenheit, mich als Autor und Filmemacher bis an die Grenzen meines Genres heranzutasten. Als ich nach Bremen kam, hoffte ich (nun als Leiter eines Programmbereichs, der sich exklusiv dem Dokumentarfilm widmen sollte), die aus der Praxis gewonnenen Erfahrungen mit anderen Autoren so umsetzen zu können, daß eine neue Dokumentarfilmtheorie erkennbar würde. Was mich reizte, war, die Herkunft der Gattung ‚Fernsehdokumentation‘, ihre Zugehörigkeit zum ‚Film‘, nicht länger zu verleugnen, die blutleeren, didaktischen Produkte der Nachfahren von 1968 mit einer nachweisbar ‚filmischen‘ Dokumentation zu kontrastieren.

Daß Gordian Troeller nicht an mir selber scheiterte, lag an der Unmöglichkeit, seine Filme den mir bekannten Mustern zuzuordnen. Sie entsprachen gleichzeitig in nichts der Utopie, die ich – nochjugendlicher Cineast – mir selbst geschaffen hatte. Ich erinnere mich noch gut, wie ich, bei einem seiner ersten Stücke, zur sinnlichen Vertiefung seiner Botschaft, die Verwendung von Musik empfahl. Gemeinsam saßen wir am Schneidetisch und vertonten seine Bilder. Vielleicht war das der Augenblick, nach dem ich endgültig begriff, daß Qualität kein Vorbild braucht. Was in sich stimmt, hat jenen Grad an Unangreifbarkeit erreicht, der den Vergleich unmöglich macht. Daß viele Fernsehmacher, in devoter Anpassung an das System, ‚kompatibel‘ sind, ist leider wahr. Daß ihre Willigkeit die Qualität ihrer Produkte steigere, ist ein Gerücht. Es stammt von Fließbandredakteuren, deren Ehrgeiz sich erschöpft in der Herstellung genormter Ware. Dies zu unterstützen, schien mir pervers. Hier jedenfalls war ich mit einem Autor konfrontiert, der seine eigene Form gefunden hatte. Mein Bestreben mußte sein, ihm diese Form zu lassen. Dies umso mehr, als deren Wirkung überzeugend war.

Längst ist die Handschrift Troellers ‚Stil‘ geworden, er selbst ein Unikat. Was er ist, weiß man deshalb allerdings noch lange nicht.

Ein ‚Dokumentarfilmer‘ (wie er sich selbst gelegentlich bezeichnet) ist er zumindest in jenem orthodoxen Sinne, den ein Teil der deutschen Dokumentaristen mit dem Begriff verbindet, nicht. Diese, puritanisch nur auf das fixiert, was die Kamera an Wirklichkeit direkt erfasst, glauben an die Objektivität von Filmbildern. Den Glauben hat Gordian Troeller nie gehabt. Andererseits: Er paßt auch nicht in die Schablone jener, die sich der Diktatur des Sichtbaren entziehen, und, mit Bausteinen der Realität, diese (nach Maßgabe der eigenen, sinnlichen Erfahrung) nachträglich gestalten. Seine Stücke sind schon eher jenem Typus zuzuordnen, dessen erzieherischer Impetus keine Rücksicht nimmt auf filmspezifische Gesetze. So sind die Menschen in seinen Filmen nur selten aktiv, keine Handlungsträger. Sie sind fast immer Funktionen seiner Botschaft, Kronzeugen für das, was er zu sagen hat. Das hat ihm den Vorwurf eingebracht, sein Hang zur Aufklärung mißachte die, die aufzuklären er doch eigentlich mit allen Mitteln trachte. Eine Kritik, die tatsächlich an einen Grundsatz filmischer Vermittlung rührt: Der Zuschauer kann sich nur identifizieren, wenn ihm sein Gegenbild den Vorgang der Entscheidung, die Freiheit seiner Wahl aktiv (das heißt handelnd) offenbart.

So schön kann Theorie mit Worten glänzen, falls nicht ein Troeller an ihren Fundamenten gräbt. Tatsächlich ist es ihm gelungen, solche Regeln immer wieder zu mißachten und doch von vielen akzeptiert zu werden. Ich selber habe schnell gelernt, daß für seine Art der ‚filmischen‘ Vermittlung das theoretische Vokabular nicht taugt. Sein Werk verdient eine Bewertung, die sich der Konvention entzieht. Wer bei Troeller die fernseh-genuine Meßlatte benutzt, hat nichts begriffen. Um ihm gerecht zu werden, muß man wertfrei sehen und sich von Vorurteilen trennen können. Man muß sich die Kriterien aus seinen Filmen selber holen. Was Schiller einst in einem Brief an Goethe schrieb – hier wird es zum Gebot: Wenn es kein Gesetzbuch gibt, auf das sich der Kritiker berufen kann, muß er zugleich Gesetzgeber und Richter sein.

Zugegeben, der Satz ist nicht gemeinschaftsfähig. Er widerspricht nicht nur der Überzeugungskraft, mit der das Fernsehen nach homogener Wirkung strebt. Er fordert zugleich eine Toleranz, die bei der Entwicklung dieses Mediums nie vorgesehen war. Kein Wunder, daß der Name Troeller bei vielen Fernsehbossen für journalistische Libertinage steht. Wer sich der institutionalisierten Norm entzieht, riskiert, daß er – markiert und abgestempelt – in einer Schublade verschwindet.

Dieser außerinstitutionelle Ordnungsakt legitimiert noch einmal das innerbetriebliche Prinzip (Ordnung muß sein) und hält den Fernsehbürokraten wach. Im Joch der immer gleichen Etikette war sein Erfindungsgeist ohnedies erlahmt. Ein Fall wie Troeller bot endlich wieder eine Chance, das rudimentäre kritische Potential zu neuen Höhenflügen anzustacheln.

Was war er nur?

Zunächst einmal (schon schlimm genug): ein Spielverderber. Warum zum Teufel war er nicht bereit, es jenen nachzumachen, die (Kopf über Mikrofon und Faust, im Hintergrund Kanonendonner) ihr vordergründiges Weltwissen als Schnellgericht servieren? Als Korrespondent könnte er (beamtet und damit auch befugt) sich Einschätzungen leisten, die, gemessen an seinen historisch orientierten Analysen, geradezu absurd erscheinen. Sie, die ‚Auslandsberichterstatter‘, hatten einen Stil geschaffen, der integrierbar war. Ihre inszenierten Hypothesen ließen sich verkaufen. Denn was man mit Kopf auf Bild besitzt, kann man getrost nach Hause tragen.

Dagegen Troeller. Außer einer monochromen Stimme, die unbewegt auch anerkannte Wahrheiten zerpflückt, war nichts von ihm bekannt. Wer eigentlich gab ihm das Recht, das Medium so radikal und subjektiv zu nutzen? Ja, hätte seine Wirklichkeitsdarstellung wenigstens die Realitätsbezogenheit einer Reportage, wäre die Glaubwürdigkeit seiner Behauptungen zumindest teilweise belegt. Er aber begnügte sich mit losen Bildern, Szenen, Fakten, die er erst mit Worten zu allerdings bestürzenden Aussagen verband.

Gert von Paczensky mußte Argumente dieser Art erwartet und ihre Wirkung hochgerechnet haben: „Den werden Sie nicht halten können.“

Dabei konnte er damals noch nicht ahnen, daß die Kritik an Troellers Filmen sich vermehrt auch mit der Form befassen würde. Die Frage, ob das real existierende Programm Formverletzungen verkraften könne, erhielt aber zunehmend Gewicht. Noch bevor die Jagd nach Quoten die Artenvielfalt reduzierte, gab es bereits den Wunsch, das Programmgesicht auf Stromlinie zu bürsten. Als Muster galt das herkömmliche Feature, später die aktuelle Reportage. Abweichungen wurden sorgfältig vermessen und nach den selbstgeschaffenen Geschmackskriterien bewertet. Mit solcher Denkarbeit produzierte das Fernsehen im Lauf der Jahre ein Troeller-Bild, das aus einem zugegeben eigenwilligen Autor einen Fernsehkiller machte. Da sich an dieser Demontage auch die amtlich eingesetzten Fernsehüberwacher (Gremienmitglieder) wollüstig beteiligten, da also ein öffentliches Votum vorgespiegelt werden konnte, wuchs der interne Widerstand. Wäre er am Ende d och nur ein Didaktiker, ein raffinierter zwar, der mit Eloquenz besticht, mit Thesen, Worten, weil er mit Bildern nicht beweisen kann, was er an Weltkenntnis besitzt? Oder ist er einfach das, was man von einem Autor dann behauptet, wenn er nicht einzuordnen ist, wenn er die Konvention, das Reglement, die Spielregeln verletzt – ein Essayist? Die Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts benutzten diesen Begriff, um damit den Fragmentcharakter ihrer Werke zu betonen. Freilich, so sehr Troellers Stil dazu verführt, diese Art, einzelne Botschaften miteinander zu verketten: seine Filme sind nicht fragmentarisch. Und er, der sich Zeit seines Lebens mit aller Kraft bemüht, das Einzelne als Teil globaler Verflechtung zu übermitteln, ist alles andere – ein Fragmentarier sicher nicht.

Was aber ist er dann?

Vor Jahren, als die Wellen wieder einmal hochschlugen und die Proteste auf einen Troeller-Film die Mitglieder des Fernsehausschusses von Radio Bremen in Rage brachten, erlaubte ich mir, dieses produktiv zu nutzen. Ich versuchte, aus den Äußerungen der Sitzungsteilnehmer ein Phantombild Troellers zu entwerfen. Was dabei herauskam, war das Bild eines Dynamikers, jung, alternativ, Typus Jeans mit Lederjacke, ein Weltverbesserer der unbeugsamen Art, ein bißchen Albert Schweitzer, viel mehr jedoch Karl Marx. Dies brachte mich auf die Idee, Gordian Troeller zur nächsten Sitzung mitzunehmen. Die Reaktion, als er erschien, werde ich nie vergessen. Das also war er. Silberhaar und leicht gebeugt, Horn- statt Nickelbrille, glatt rasiert statt Rauschebart. Die Diskussion um seine Filme hatte wieder (wenn auch nur für kurze Zeit) die neutrale Lässigkeit eines ausschließlich produktbezogenen Meinungsaustauschs. Die Antwort auf die Frage, wer Gordian Troeller wirklich ist, blieb freilich wieder einmal auf der Strecke.

Er ist nicht links, er ist nicht rechts und ‚alternativ‘ auch nur insofern, als er alles, was er sieht, zunächst einmal in Frage stellt, um nach anderen Sichtweisen zu fahnden. Mit Albert Schweitzer verbindet ihn die „Ehrfurcht vor dem Leben“, mit Karl Marx der feste Wille, Verhältnisse, in denen „Menschen erniedrigt und geknechtet werden“, nicht zu dulden. Sein Leitsatz, daß „jedem erlaubt sein muß, er (sie) selbst zu sein“, bringt ihn gleichwohl wieder auf Distanz zu allen Weltanschauungen, deren Humanität sich nur in äußeren Bekenntnissen erschöpft. Er schaut hinter die Fassaden und was er da entdeckt, steht fast immer in Kontrast zur öffentlich legitimierten Meinung. So war vorhersehbar, daß das Thema Kirche Konflikte schaffen würde.

Als Troeller in einem Film über Indianer die Haltung von katholischen Geistlichen (Missionaren) und deren Erziehungsmethoden kritisierte, hatte er (wie ich) nicht damit gerechnet, daß das Hinterfragen von Denkweisen und Ritualen zu Protesten führen könnte, die dem christlichen Gebot der Duldsamkeit auf schlimme Weise widersprachen. Das Stück beschäftigte nicht nur die Deutsche Bischofskonferenz. Über die Kanzeln vieler Kirchen, über Streitschriften und Flugblätter wurde ein Heer von Gläubigen mobilisiert, von denen viele den Film gar nicht gesehen hatten. So wurde aus Gordian Troeller der personifizierte Antichrist, aus Radio Bremen eine Agentur der Hölle.

Es sollte allerdings noch schlimmer kommen.

Als sich Troeller in einem Film über Palästinenserkinder auch kritisch mit der Israelischen Besatzungspolitik auseinandersetzte, sah Heinz Galinski, der Direktoriumsvorsitzende des Zentralrats deutscher Juden, bereits schon die „Substanz des Zusammenlebens von Juden und Nichtjuden“ in der Bundesrepublik bedroht. Der Israelische Botschafter in Bonn warf dem Autor vor, seine Kritik sei „antiisraelisch“. So deckte er seine Regierung, indem er Troeller als Feind des ganzen Volkes diffamierte. Was er damit allerdings tatsächlich wollte, wurde später deutlich – bei einer persönlichen Begegnung, zu der der Botschafter sich selbst bei Radio Bremen eingeladen hatte. Ich wurde Zeuge einer weiteren Metamorphose. Gordian Troeller, eben noch ein Katholikenhasser, wurde nun, in einer Marathonbeschimpfung, zum Judenfeind gemacht.

Man könnte lachen, wenn so viel Unverstand nicht symptomatisch wäre. Er, der Philanthrop, der rastlose Verteidiger von Toleranz und Menschenwürde, hat genau das zu erleiden, was er so vehement bekämpft. Im Spannungsfeld verschiedener Interessen, hat er, dessen einziges Interesse, die Gerechtigkeit, unparteiisch ist, Objektivität nicht zu erwarten. So ist und bleibt er eben ein Anarchist. Ein Außenseiter.

Von dieser Tatsache war meine Arbeit mit Gordian Troeller von Anfang an geprägt: jedoch – die Konflikte, die er mit seiner Haltung provozierte, wuchsen. Während aber früher die Kritik an seinen Filmen an Grundfragen des menschlichen Zusammenlebens rührte, hat nun ein Widerstand begonnen, der seine Legitimation auf eher zweifelhafte Interessen stützt. Konkret gesagt: In einer Zeit, in der die Massenwirksamkeit das Denken der Medien beherrscht, ist eigentlich kein Platz für einen, der seinen Arbeitsstil auch dann verficht, wenn er das Medieninteresse sabotiert.

Troeller und die Einschaltquote:

Ein Thema, das bei nüchterner Betrachtung zu einer überraschenden Erkenntnis führt. Zwar sind die Zeiten, in denen seine Filme 30% und mehr erreichten, ein für allemal vorbei. Der Stamm seiner Verehrer ist mittlerweile aber so gewachsen, daß ihm eine Mindestquote von 6-8% bei jeder Sendung sicher sind. Und das genügt. Was einst darüberlag, rekrutierte sich aus Zufallssehern, die heute, angelockt von der geschönten Welt der Kommerziellen, sich lieber in Entspannung üben. Das ist ohne Zweifel zu bedauern. Ein Unglück ist es gleichwohl nicht. Wirklich fatal dagegen ist, daß das Fernsehmanagement verlangt, die abtrünnig gewordenen Seher um jeden Preis zurückzuholen. Um für die ARD salonfähig zu bleiben, hätte Gordian Troeller daher mehr zu leisten, als er (und mit ihm ich) verkraften könnte: Ein Akt der Selbstverleugnung wird gefordert, der zwar der ARD die Quote rettet, gleichzeitig aber auch ein Fernseh-Biotop vernichtet.

Sich dem zu widersetzen, wird immer schwerer. Dies umso mehr, als auch die Möglichkeiten für eine autonome, sendereigene Programmplanung seit Jahren schwinden. Im Namen des Fortschritts, Troellers erste Reihe (Start 1974) wurde als Programmvorschlag Radio Bremens von der ARD noch widerspruchslos akzeptiert. Bei der zweiten Reihe Frauen der Welt (Start 1979), gab es bereits Probleme. Der Anspruch eines kleinen Senders auf ein mehrteiliges Konzept (eine ‚Reihe‘) entsprach nicht mehr dem antiföderalen Geist der Zeit. Immer mehr suchte die ARD ihr Heil in einem zentral gesteuerten Programm. Die kreative Eigenleistung wurde als Senderegoismus denunziert. Daß es dennoch gelang, 1984 eine weitere Reihe durchzusetzen (Kinder der Welt) erscheint mir heute wie ein Wunder. Vielleicht war den Programmhierarchen in diesem Augenblick nicht klar, was für Konsequenzen ihr Großmut haben könnte: Während ich hier schreibe, dreht Troeller in Nicaragua. Es ist der sechsundzwanzigste (!) Beitrag dieser Reihe. Es werden hoffentlich noch viele folgen, denn als Autor von Einzelthemen würde Troeller – mit Hinweis auf die offizielle Auslandsberichterstattung und deren ‚aktuelles‘ Reaktionsvermögen – kaum mehr zum Zuge kommen.

Bleibt also nur, den Freischein auszunutzen und die Kinder-Reihe ad infinitum auszudehnen. Ich kann mit dieser Lösung leben, denn in der Praxis hat sich längst erwiesen, daß sich die Themen unserer Zeit auf diese Art besonders eindrucksvoll vermitteln lassen. Nicht nur, daß das Sujet Troellers Engagement mit Leben füllt. Über Kinder transportiert, erhalten seine visionären Thesen und Aspekte eine apokalyptische Realität. Der eigentliche Grund für meine Haltung ist banaler: Mir ist jedes Mittel recht, um einen Autor im Programm zu halten, dessen Eigenständigkeit zwar Ärger macht, dessen Kunst, die herrschenden Tabus sinnfällig zu verletzen, ich aber über alles schätze. Der Frage, ob ich denn wolle, daß Troeller „auch noch mit achtzig Jahren Kinder filme“ (sie wird mir nun gelegentlich gestellt), begegne ich gelassen. Einmal kann ich mir denken, daß dieser Autor, der eine Trennung zwischen Leben und Filmen nie wirklich zustande brachte, nichts dagegen hätte. Zum anderen: wenn es dazu wirklich käme – dies wäre nur ein weitere Beleg, daß sich Troeller jeder Festlegung entzieht.

Noch einmal also: Kinder der Welt und Gordian Troeller – eine unendliche Geschichte?

Die Vorstellung erheitert mich, denn was sie offenbart, ist paradox: Indem die ARD anderes verhindert, rechtfertigt (und verewigt) sie, was ihr an Troeller sonst mißfällt: sein Konzept, die Welt nicht aus dem Blickwinkel der Mächtigen zu sehen.

Eine Wende, die das öffentlich-rechtliche Interesse widerspiegelt. Das Fernsehen verzichtet auf seine kritische Autorität zugunsten äußerer Programmhygiene. Wie immer das bewertet werden müßte, in diesem Fall deckt es sich mit Troellers eigenem Interesse.

Ansonsten bringt der Trend, das Fernseh-Outfit dem Zeitgeschmack entsprechend schmuck zu halten, Troeller immer stärker in Gefahr. In der nach oben offenen Frohmut-Skala belegt er einen schlechten Platz. Analog dazu wächst die Bereitschaft, ihn als Programmschädling zu diffamieren. Ihm, dem vielfach Preisgekrönten, muß ich nun immer öfter sagen, wie dünn der Faden ist, an dem wir beide hängen. Er quittiert meine Besorgnis mit weisem Lächeln, denn schließlich haben wir Ziel und Thema seiner nächsten Reise längst geplant.

Womit die Frage, was dieser Autor wirklich ist, schlußendlich doch noch eine Antwort findet – ein wunderbar friedfertiger Mensch.

Elmar Hügler, geb. 1933, von 1962 bis 1974 Dokumentarfilmer und Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk, Autor und Regisseur zahlreicher TV-Sendungen und -Reihen. Seit 1974 Leiter der Abteilung Kultur und Gesellschaft bei Radio Bremen/Fernsehen.