Ernst Schreckenberg

Ein leidenschaftlicher Chronist

Die Auflistung der Filmtitel von Gordian Troeller wäre selbst für den eine spannenden Lektüre, der noch nie einen seiner Filme sah – eine wahrscheinlich schwer ausfindig zu machende Person, weil im Lauf der letzten dreißig Jahre wohl jeder Fernsehzuschauer einmal eine oder mehrere seiner mehr als siebzig Dokumentationen gesehen haben dürfte. Aber selbst für diejenigen, die mit Gordian Troeller eine spezielle Thematik und eine persönliche Handschrift verbinden und ihn nicht mit Georg Stefan Troller verwechseln, dürfte die Lektüre manche Überraschung bereit halten.

Nehmen wir nur einmal die Reihe Im Namen der Fortschritts, dann fallen uns natürlich so bekannte Titel wie Mit Medizin ins Unglück, Die Nachkommen der Inkas oder Bitterer Zucker ein. Wir stoßen aber auch auf andere Titel, die man in dieser Reihe kaum erwartet hätte, etwa Europas Weinfässer laufen über, Von Basken und Katalanen oder Die grauen Panther. Man kann nur vermuten, dass es sich bei dem Film über Basken und Katalanen um die Geschichte ihrer Autonomiebestrebungen im und nach dem Franco-Zentrismus handelt – und ist neugierig speziell auf diesen Film , weil man über das Fernsehen mitbekommen hat, wie sehr die Katalanen die Olympischen Spiele in Barcelona als Forum zur Selbstdarstellung nutzten.

Im Augenblick, da ich diesen Artikel schreibe, könnte ich mehrere solcher Verbindungslinien ziehen , etwa zu aktuellen ‚Krisenherden’ in Nahost und Nordafrika: Durchs blutige Kurdistan von 1964 oder Algier, Hauptstadt der Revolutionäre von 1972. Oder ich könnte die fünf Jemen-Filme aus den sechziger und siebziger Jahren mit dem jüngsten Film von 1991 vergleichen, in dem Troeller nach langer Zeit wieder in den Jemen, an den Schauplatz seines ersten Films, zurückkehrt. Vom Jemen des Jahres 1963, dem Kriegsbericht aus dem Mittelalter, dem Auftakt der Filmarbeit Troellers und seiner langjährigen Partnerin Marie-Claude Deffarge, spannt sich der Bogen bis zu diesem letzten Film über den Jemen im Jahr 1991, einem Film mit dem programmatischen Titel Opfer des Fortschritts.

Opfer des Fortschritts – prägnanter läßt sich das Anliegen nicht formulieren, das Troeller in jedem seiner Filme unmißverständlich vertritt. Er erlebt überall dort, wo ihn seine ausgedehnten Reisen hingeführt haben, Das Scheitern eurozentrisch geprägter Vorstellungen über gesellschaftliche Modernisierung und erlebt und zeigt es am Beispiel der Menschen, die diesem politschen Prozessen hilflos ausgeliefert sind. Das gilt vor allem für die Filme der Reihe Im Namen des Fortschritts, die deshalb in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit in den siebziger Jahren besonders viel eingesetzt wurden.

In den Reihen Frauen der Welt und Kinder der Welt verschiebt sich die Perspektive dann auf Zustände von Unfreiheit und Abhängigkeit, die letztlich alle ihren Ursprung in der patriarchalischen Ordnung haben. die Ordnung erscheint als ein globales Ausbeutungsprinzip, das sich in allen Formen wirtschaftlicher und geistiger Kolonialisierung der Dritten Welt durch die Erste Welt widerspiegelt. Geblieben ist Troeller bei der Vorgehensweise, solche strukturellen Prozesse immer anhand ihrer Auswirkungen auf davon Betroffene, auf die Opfer, dingfest zu machen.

Dieses Dingfest-Machen ist bei Troeller zu wesentlichen Teile eine Sache des Kommentars. Er erläutert, erklärt, zeigt Hintergründe auf, zieht Schlußfolgerungen, benennt Verantwortliche und Schuldige. Man hat immer den Eindruck, dass hier jemand mit großer Dringlichkeit einem imaginären Publikum ein Anliegen vorträgt, das in der zur Verfügung stehenden knappen Zeit möglichst umfassend vermittelt werden soll. Nun gehen die Meinungen über die Funktion des Kommentars in dokumentarischen Filmen weit auseinander, doch ist das künstlerische Selbstverständnis des Filmautors Troeller wahrscheinlich ein sehr pragmatisch definiertes: Wie kann ich im Fernsehen auf Programmplätzen, auf denen ich noch ein potentiell großes Publikum erreichen kann, möglichst allgemein verständlich und kompakt informieren. Wie handfest diese Fragestellung ist, zeigt sich daran, daß er seit kurzem für seine Filme nicht mehr die gewohnten 45, sondern nur noch bescheidene 30 Minuten zur Verfügung hat.

Troellers Filme sind zupackend und unmissverständlich. Das hat sie in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit, die schon immer sehr viel mit Filmen gearbeitet hat, eine zeitlang zu begehrten Beispielen für eine fundamentale Kritik an der in den meisten Ländern der Dritten Welt praktizierten Anpassung der jeweiligen Ökonomien an die Bedürfnisse des Weltmarktes gemacht. Fundamental in dem Sinne, daß derartige Entwicklungsprozesse ins ins genaue Gegenteil des Wortsinnes umschlagen, da für breite Bevölkerungsschichten materielle Verelendung, also Rückschritt, die Folge ist. Troeller hat einmal davon gesprochen, daß durch solche als Fortschritt verkauften Anpassungsmaßnahmen an den Weltmarkt erst jener Prozeß beginne, „den wir heute Unterentwicklung nennen“. Im Jemen habe er diese Erkenntnis gewonnen. Dort sei es ihm und Marie-Claude Deffarge „wie Schuppen von den Augen gefallen“.

Genau das haben in den siebziger Jahren Filme wie Verarmungshilfe, Mit Medizin ins Unglück und vor allem Bitterer Zucker bei vielen Zuschauern ausgelöst, jenen Aha-Effekt, der heute kaum mehr nachvollziehbar ist, wo derartige Erkenntnisse zwar nicht Gemeingut, aber jedem einigermaßen politisch Interessierten vertraut sind – und von Politikern auch schon routiniert in Sonntagsreden eingesetzt werden. Für viele, den Verfasser eingeschlossen, waren diese Filme in der suggestiven Klarheit ihrer Argumentation für die Meinungsbildung, für das politische Bewußtsein prägender als die theoretische Beschäftigung mit den Problemen des Verhältnisses der Ersten zur Dritten Welt. Im Rückblick auf die Filme, die in dieser entwicklungpolitischen Diskussion eine Rolle spielen, haben vergleichbaren Eindruck damals die frühen Filme von Peter Krieg (Flaschenkinder) und vor allem sein abschließender Beitrag zu diesem Thema, Septemberweizen, gemacht.

Im nachhinein erscheint der letztgenannte Film als Abschluß eines Jahrzehnts dieser Arbeit mit Filmen im Rahmen entwicklungspolitischer Bildungsarbeit. Danach war und ist bis heute vor allem von der Krise des entwicklungspolitischen Films die Rede, insbesondere im Zusammenhang mit geänderten Anforderungen an die filmische Machart und der zunehmenden Präsenz eindrucksvoller Produktionen aus Afrika, Asien und Lateinamerika, nicht nur im nicht-gewerblichen, sondern im bescheidenen Umfang auch im gewerblichen Filmbereich. Das hat dazu geführt, daß sich Filmautoren, wie Peter Krieg und Peter Heller in den letzten Jahren anderen Themen und auch anderen filmischen Formen zugewandt haben. So stellt etwa Peter Hellers Film Dschungelburger den Versuch dar, mit einer entwicklungspolitischen Thematik formal auf der Höhe der Zeit zu sein – im Kontrast zu einem thematisch vergleichbaren, aber ‚konventionell’ gemachten Film wie Troellers Die Saat des Fortschritts oder das Ende der Entwicklung, beide Mitte der achtziger Jahre entstanden.

Troeller ist seinem Stil bis heute treu geblieben, einem eher schmucklosen Stil, ohne Abschweifungen, konzentriert in der Darstellung, eindeutig in der Aussage, Polemik nicht scheuend; einem Stil, dem nichts fremder ist als die Verliebtheit in gesuchte Einstellungen und schöne Bilder, einem Stil aber auch, der die Frage provoziert, ob er jedem Sujet angemessen ist, dessen sich Troeller angenommen hat, besonders in den Reihen Frauen der Welt und Kinder der Welt.

Als massive Kritik liest sich das bei ‚Cornelia Bonesch so: „so scheint mir die polemische Kraft eines Autors wie Gordian Troeller nicht mehr so wirkungsvoll zu sein wie in der Frühzeit seiner Berichte, mit denen er, vor allem mit der Reihe Im Namen des Fortschritts, bekannt geworden ist. Damals hat er einem zu großen Teilen uninformierten Publikum noch bittere Wahrheiten über die Ausbeutung der Dritten durch die Erste Welt gesagt. Der Holzschnitt-Charakter seiner Filme war eine Waffe, mit der erst einmal Schneisen in das Dickicht der Vorurteile und der Ignoranz geschlagen werden mußten. Inzwischen hat Troellers Methode der Allwissenheit aber einige Kratzer bekommen – oft entspricht sie nicht dem Informationshunger, der gerade im Informationsüberfluß zunächst etwas wertfrei erfahren und dann erst die Meinung des Autors darüber wissen will…“ (1)

Gordian Troeller also ein unzeitgemäßer Autor? Wenn das für alle gälte, die ihren Standpunkt kenntlich machen, auch mit dem Risiko der Vereinfachung, die spüren lassen, daß sie etwas zu sagen haben (und dafür haben Zuschauer ein Gespür), dann sollten wir über jeden unzeitgemäßen Autor froh sein. Das trifft gerade für den prognostizierten Zustand des Informationsüberflusses zu: Jemand wie Troeller kann hier „Schneisen ins Dickicht“ wenn schon nicht der Vorurteile, so doch in das der Übersättigung mit Pseudo-Informationen schlagen. Das von Cornelia Bolesch angesprochene Problem scheint eher etwas damit zu tun zu haben, daß Troeller nicht mehr die thematische ‚Vordenker’-Funktion wie in den siebziger Jahren hat, als er mit seiner filmischen Infragestellung eurozentrischer Sichtweisen von der Dritten Welt bewußtseinsbildend war.

In den achtziger Jahren beschäftigt er sich mit Themen, die nicht mehr so stark in einer politisch engagierten Teilöffentlichkeit diskutiert werden, wie das im Umfeld der entwicklungspolitischen Gruppen und der Dritte-Welt-Initiativen mit den bekannten Filmen der Reihe Im Namen des Fortschritts der Fall gewesen war. Es sind Themen, die er nicht erst in die öffentliche Diskussion bringt, die schon im Fernsehen, in der Presse präsent sind – seien das Apartheid, islamischer Fundalismus oder Drogenkrieg.

Aber es ist die in gewissem Sinne doch unzeitgemäße Art und Weise, alle diese im Warenangebot des Informationsüberflusses gehandelten Themen einer Perspektive unterzuordnen, die Troellers Filme unverwechselbar macht. Auch hier setzen schon Titel wie Abschied vom Lachen, Die Vergessenen oder Die Verlassenen deutliche Signale: Die Parteinahme für die Opfer sogenannter Modernisierungsprozesse und die Leidtragenden patriarchalischer Macht- und Herrschaftsstrukturen ist der Dreh- und Angelpunkt dieser Filme.

Die Zuspitzung auf diese Perspektive läßt wenig Differenzierungen, wenig behutsames Abwägen, kein wohlausgewogenes Urteil zu. Sonst hätte es kaum solche Auseinandersetzungen wie zuletzt um Die Nachkommen Abrahams gegeben, wo Troeller mit „plakativen Aussagen“ Mißverständnisse bei der „Wahrheitssuche in vermintem Gelände“ produziert habe. (2) Solche Mißverständnisse sind wahrscheinlich der Preis für eine Darstellungsmethode, die das immer komplexe, oft mit Empfindlichkeiten besetzte politische Umfeld eines Themas rigoros auf eine Perspektive zuspitzt und damit natürlich auch verkürzt. Nimmt man Troeller als politischen Moralisten ernst, dann muß man allerdings nicht nur billigend in Kauf nehmen, sondern sich klarmachen, daß es sich um eine bewußt anstößige Darstellung handelt – anstößig in dem Sinne, dass sich der Filmemacher an den Verhältnissen stößt, sie als skandalös empfindet, sie ‚plakativ’ anprangert.

Das hat Troeller fast dreißig Jahre durchgehalten. So etwas geht wahrscheinlich nur mit kühlem Kopf und mit Wut im Bauch: „Ich weiß, die Geschichte kann man nicht zurückdrehen. Aber wenn man sieht, welchen Verlauf sie nimmt, dann kann einen schon das Bedürfnis packen, sich mit den Opfern dieses selbstmörderischen Kurses zu verbrüdern und mit ihnen darüber nachzudenken, wie er eventuell zu verändern wäre. Ein wenig träumen sollte man schon dürfen.“

Ein Ende seines filmischen Engagements ist nicht abzusehen. Was bis jetzt vorliegt und in Form von Filmen und Videokassetten auch komplett zum Gebrauch zur Verfügung steht, ist eine Chronik der Fehlentwicklungen im Verhältnis Erster zu Dritter Welt, eine Chronik von Abhängigkeit, Ausbeutung und geistiger Kolonisierung, eine Chronik nicht der laufenden spektakulären Ereignisse, sondern des alltäglichen fremdbestimmten Unglücks. Eine Chronik, wie sie in diesem Umfang einzigartig ist, ein Beitrag zur Geschichte dieses Jahrhunderts. Von daher trifft auf den Dokumentaristen Gordian Troeller vielleicht am besten die Bezeichnung leidenschaftlicher Chronist zu.

Ernst Schreckenberg, geboren 1947, Leiter des Medienbereichs und des Kommunalen Kinos der Volkshochschule Dortmund, ehrenamtlich Filmreferent des Deutsch Volkshochschul- Verbandes.

Troeller Zitate aus dem Artikel von Robert Garcia: Abrechnung mit den Mächtigen – der Filmemacher Gordian Troeller. In: Lëtzebuerger Almanach, Luxemburg 1989.

(1) Cornelia Bolesch: Dokumentarisches Fernsehen – ein Beziehungsproblem. In: Cornelia Bolesch (Hrsg.): dokumentarisches Fernsehen, München1990, S. 26 f.

(2) Ellen Hofmann: Wahrheitssuche in vermintem Gelände. In: Süddeutsche Zeitung vom 14.11.1989