Joachim Paschen

Gordian Troeller in der Schule

Massenmedien und Schule sind nicht von vornherein fürein­ander geschaffen. Journalisten mögen sich nicht auf pädagogi­sche Zwecke ausrichten. Lehrern ist eine auf den Tag be­schränkte Berichterstattung für den intendierten Bildungspro­zeß nicht ausreichend genug. Noch schlechter kann es für einen Journalismus aussehen, der keinen Respekt vor heiligen Kühen kennt, dem keine sicheren Erkenntnisse abgewonnen werden können, der in Frage stellt und Unsicherheit verbrei­tet, was dem Lehrer unheimlich ist. Ganz verquer kann es ausgehen, wenn solch ein Journalismus auch noch via Fernse­hen in die Schule dringt: Dann scheint das pädagogische Ideal dreifach gefährdet: durch Aktualität, Tendenz und Oberfläch­lichkeit der Bilder.

Zugegeben: Der didaktische Aufwand ist beträchtlich hö­her, wenn man in der Schule nicht vor- und aufbereitet, sondern originelle Original-Materialien verwendet. Auf die für den Unterricht zurechtgestutzten Schulbücher, Textsamm­lungen und andere Lehrmedien kann man sich mehr oder weniger blindlings verlassen; Beispiele aus den Medien dage­gen müssen zunächst begutachtet, auf Verstehbarkeit geprüft und eventuell auf den Verständnishorizont der Schüler hin überarbeitet werden. Auch urheberrechtliche Probleme sind zu beachten, wenn man aus den allgemeinen Rundfunkpro­grammen Mitschnitte im Unterricht vorführt.

Vor 20 und mehr Jahren ist als didaktische Begründung für die Verwendung von Ausschnitten aus Zeitungen etc. angeführt worden, daß damit ein Stück Wirklichkeit in die Schule her­eingeholt und zur Auseinandersetzung mit ihr angeregt wür­de. Inzwischen dominiert beim Medienverhalten von Kindern und Jugendlichen das Fernsehen die Lebenswirklichkeit, und eine Schule, die das nicht einkalkuliert, muß ins Hintertreffen geraten. Das heißt nicht, Unterricht zur Fortsetzung des Früh­stücksfernsehens umzuwandeln; aber Schule kann medien­erzieherisch wirken, indem sie sich geeigneter Medien be­dient, einen ’souveränen‘ Umgang mit Medien vorführt und so Ansprüche an die Medien, vor allem an das Fernsehen, weckt hinsichtlich besserer Informationen über das Schicksal dieser Welt.

Es ist sicher müßig, auf die schul-‚ideale‘ Fernsehsendung zu hoffen, zu unterschiedlich sind die Interessen, Erwartun­gen und Bedingungen von Unterricht. Aber einige Kriterien für gut geeignete Sendungen, etwa für den Politik- Unterricht, können schon genannt werden: Sie sollen die Möglichkeiten des Mediums in Bild und Wort nutzen, sollen ihre Machart und nach Möglichkeit ihren Standort durchschaubar machen, sie sollen nicht nur informieren, sondern auch zur Auseinan­dersetzung mit Haltungen und Bewertungen, zum Nachden­ken und vielleicht sogar zum Handeln herausfordern.
Das Fernsehen bietet nicht sehr viele solcher Beispiele, aber es gibt sie. Ein herausragendes ist das journalistische Werk GordianTroellers und seiner Partnerin Marie-Claude Deffarge. Herausragend vor allem, weil über Jahre hinweg in einer unverwechselbaren Handschrift das europäische Publikum mit Problemen dieser Welt konfrontiert worden ist. Es ist fast einzigartig, daß zwei Jahrzehnte lang ein solch kritischer Jour­nalismus einen regelmäßigen Sendeplatz im Fernsehen be­haupten konnte.

Es ist Journalismus, nicht Didaktik, was Troeller zu bieten hat. Notizen mit Kamera und Mikrofon von Orten und Menschen, die meistens nicht im Mittelpunkt des Weltinteresses stehen und sich nur im Augenblick von Katastrophen oder Staats­besuchen in den Medien wiederfinden. Es ist aber auch ein Journalismus, der Partei nimmt für diese Menschen, der sein Engagement nicht in objektivistische Formeln verpackt, der vielmehr einen Standpunkt bezieht und zu erkennen gibt.

Engagierte Reportagen, die nicht der Sensationen, sondern des Nachdenkens wegen gemacht sind, haben schon an sich einen didaktischen Reiz, weil sie eine Herausforderung zur Diskussion sind. Noch viel mehr gilt das, wenn das Publikum durch solch ein Engagement nicht überwältigt und verführt, sondern zur Benutzung seines eigenen Verstandes animiert wird. »Die meisten Themen, die ich behandle«, sagt Gordian Troeller, »entsprechen nicht den Vorurteilen, gegen die ich diese Filme mache.«

Für viele hört jedoch der Spaß auf, wenn ihre Vorurteile in Frage gestellt werden. Und so hat Troeller mehr als einmal die Erfahrung gemacht, daß er mit seinen Filmen aneckt. Ein bekanntes Beispiel ist die Reportage mit dem Titel Verarmungs­hilfe: In der kritischen Zeit der siebziger Jahre als Entlarvung der unheilvollen Folgen sogenannter Entwicklungshilfe be­grüßt und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zu­sammenarbeit als Diskussionsbeitrag verbreitet, nach der ‚Wen­de‘ von 1984 vom selben Ministerium aus dem Verkehr gezo­gen, weil das Thema nicht mehr in die Zeit passe und man sich diffamiert fühle. Welch ein didaktisches Wunderwerk, das zu solchen Kontroversen herausfordert.

Zwei andere Titel aus der Reihe Im Namen des Fortschritts haben eine besondere Verbreitung dadurch erfahren, daß sie vom FWU, dem Länderinstitut für Unterrichtsmedienproduktion, allerdings erst einige Jahre nach ihrer Entstehung, übernommen wurden und über die Bildstellen den Schulen zur Verfügung stehen: Bitterer Zucker über die moderne Sklaverei auf brasilianischen Plantagen wirkt nun mit dem FWU-Titel Hunger durch Entwicklung fast noch provozierender; bei der Reportage über die schrecklichen Folgen der Industrialisie­rung der Landwirtschaft in den USA mit dem ironischen Titel Saat des Fortschritts verbirgt dagegen der sachliche FWU-Titel Agrarindustrie in den USA den kritischen Ansatz. Trotz einer leichten Kürzung haben beide Filme nichts von ihrer Brisanz und Aktualität verloren.

Eine große Verbreitung in den deutschen Bildstellen haben in den letzten sechs, sieben Jahren die Beiträge aus der Reihe Kinder der Welt gefunden. Das mag zunächst mit einem Mißver­ständnis zusammenhängen: Es handle sich um Filme über und daher für Kinder, und sie seien, wenn es in der Schule um die Lebensverhältnisse von Kindern in fremden Kulturen geht, besonders geeignet. Mag sein, daß eine solche Idee bei der Konzeption dieser Serie mitgespielt hat und daß bei den ersten Folgen eine solche Absicht auch noch stärker hervortritt. In der Tendenz, die sich in den späteren Beiträgen deutlicher ab­zeichnet, ist dieser Sendereihe jede Kindertümelei fremd, auch besondere Mitleidseffekte werden nicht gesucht, schon gar nicht werden die Kinder als Vehikel für Botschaften miß­braucht. Die Kinder spielen in diesen Filmen deswegen eine herausragende Rolle, weil aus ihren gegenwärtigen Erlebnis­sen und Erfahrungen so viel über die zukünftige Entwicklung unseres Planeten zu erfahren ist. Diese Sichtweise ist Men­schen mit viel Lebenserfahrung sehr vertraut und für Kinder häufig überhaupt nicht nachvollziehbar. Die meisten Filme dieser Reihe sind daher auch eher für die Sekundarstufe ll und die Erwachsenenbildung geeignet.

Wie schon bei den anderen Reihen wird eine fast weltweite Vollständigkeit angestrebt: Die Kinder der Welt leben eben nicht irgendwo in der Dritten Welt, sondern in einem konkre­ten Land, das seine jeweils eigenen Probleme hat, die auch nicht nur etwas mit den eigenen Voraussetzungen (geographi­sche Lage, Religion) zu tun haben, sondern häufig genug durch ökonomische Faktoren verursacht werden. Es gehören dazu die Länder mit den ‚klassischen‘ Problemen der Abhän­gigkeit vom großen Nachbarn im Norden (Bolivien, Honduras), solche mit bekannten ‚Altlasten1 (Eritrea, Mosambik, Vietnam), solche, über die sonst praktisch nie etwas gesendet wird (Togo, Nepal, Jemen); es gibt sogar Berichte über die USA, wo die Nord-Süd-Probleme im eigenen Land ausgetragen werden, und über Japan, das man nach diesem Blick in den Schulalltag auch nicht mehr als eine Insel der Glückseligkeit ansehen kann.

Obwohl Kinder nicht zu denen gehören, die die Zustände in ihren Ländern detailliert kommentieren, die ökonomische Abhängigkeit mit Zahlen belegen und die Zukunftsaussichten darlegen können, lassen sich in ihrem Leben doch diese Dinge ablesen. Dabei zeigen sich die Kinder nicht etwa als Opfer, sondern vor allem als Akteure der Entwicklung. Es gelingt Gordian Troeller, mit Hilfe der jungen Leute Filme zu gestal­ten, die einen unmittelbaren Zugang verschaffen, den selbst ein manchmal in den Vordergrund drängender Kommentar nicht mehr verbauen kann.

Es ist sofort einzusehen, daß so gestaltete ‚Kinderfilme‘ Widerspruch erregen, da sie unsere Vorstellungen von ‚Kind­heit‘ herausfordern. Am ergiebigsten für die Schule sind sicher solche Filme, die auf bestimmte Erwartungen treffen, die sie nicht erfüllen können. Auf zwei jüngere Beispiele soll kurz eingegangen werden.

Die Nachkommen Abrahams: Die im Mai 1989 ausgestrahlte Sendung hat inzwischen bedauerlicherweise mehr deswegen Interesse auf sich gezogen, weil sie unter dem Vorwurf des Antisemitismus zur Intervention der israelischen Botschaft bei der Bundesregierung in Bonn und bei der ARD geführt hat. Bei solch schwerem Geschütz wird leicht übersehen, daß dieser Beitrag in der ansonsten weitgehend uniformen Berichterstat­tung über den israelisch-palästinensischen Konflikt sich einer wichtigen Methode bedient, nämlich auch einmal die andere Seite zu Wort kommen zu lassen, ohne sie gleich durch ent­sprechende Kommentare ins ‚rechte Licht‘ zu rücken. Da die Auseinandersetzungen über diese Sendung inzwischen abge­klungen sind, kann man sie in der Schule wieder im ursprüng­lichen Sinne der Aufklärung über die Schwierigkeiten der massenmedialen Information nutzen: Aus der Konfrontation der Vorerfahrungen der Schüler mit den überraschenden Zeug­nissen aus einer Welt, die trotz aller Satelliten-Verbindungen dem Fernsehkonsumenten kaum vertraut ist, kann ein wichti­ger Anstoß entstehen, mehr wissen zu wollen. Aus der Er­kenntnis, bislang unvollständig und einseitig informiert ge­wesen zu sein, erwächst das Bedürfnis, den Gründen dafür nachzugehen, ein kritisches Verhältnis zu den Medien zu entwickeln und ein Gespür dafür zu erlangen, wo den Medien zu trauen ist.

Gut versorgt im Mangel: Ein anstoßerregender Film aus dem Jahre 1991, weil die im Vergleich zum übrigen Iberoamerika hervorragenden Systeme der Ausbildung und der medizini­schen Betreuung in Kuba im Mittelpunkt stehen, und nicht die schlechte Versorgung mit Benzin und Konsumgütern. Auch diese Reportage widerspricht den über die offiziellen Kanäle verbreiteten Bildern über diesen widerborstigen Inselstaat. Muß ein Lehrer nicht Schiffbruch erleiden, der seine Schüler mit solch ungewohntem Informationsmaterial herausfordert?

Hier bewährt sich natürlich die innere Stringenz der Film­berichte von Gordian Troeller: Kamera, Interview und Kom­mentar sind gewissermaßen aus einer Hand; die Rolle des Augenzeugen vor Ort bleibt für die Zuschauer durchschaubar, da er sich immer wieder zu erkennen gibt. So entsteht der Eindruck, daß mit den Bildern und der Sprache argumentiert, nicht manipuliert wird. Diese Qualität der Berichterstattung muß als Überzeugungshilfe genutzt werden, wenn die Frage beantwortet werden soll: Wie sieht es nun tatsächlich in Kuba (oder anderswo) aus? Die Antwort mag banal klingen, aber sie zu finden ist gerade in der Schule wichtig, wo die nachwach­senden Generationen der total verfügbaren Fernsehwelt in der Illusion erschüttert werden könnten, daß die auf Minuten und Sekunden komprimierten Berichte uns ausreichend auf dem Laufenden halten: Wichtiger als das Gefühl, informiert zu sein, ist die Steigerung der Wißbegierde. Und das leisten die Berich­te Gordian Troellers. Sicher wäre es nützlich, wenn es zur Erfüllung dieser Wünsche für Lehrer und Schüler zusätzliche Hinweise auf Informationsmöglichkeiten gäbe. Augenzeugen vor Ort bleibt für die Zuschauer durchschaubar, da er sich immer wieder zu erkennen gibt. So entsteht der Eindruck, daß mit den Bildern und der Sprache argumentiert, nicht manipuliert wird. Diese Qualität der Berichterstattung muß als Überzeugungshilfe genutzt werden, wenn die Frage beantwortet werden soll: Wie sieht es nun tatsächlich in Kuba (oder anderswo) aus? Die Antwort mag banal klingen, aber sie zu finden ist gerade in der Schule wichtig, wo die nachwach­senden Generationen der total verfügbaren Fernsehwelt in der Illusion erschüttert werden könnten, daß die auf Minuten und Sekunden komprimierten Berichte uns ausreichend auf dem Laufenden halten: Wichtiger als das Gefühl, informiert zu sein, ist die Steigerung der Wißbegierde. Und das leisten die Berich­te Gordian Troellers. Sicher wäre es nützlich, wenn es zur Erfüllung dieser Wünsche für Lehrer und Schüler zusätzliche Hinweise auf Informationsmöglichkeiten gäbe.

Dr. Joachim Paschen, geb. 1944, mehrere Jahre pädagogischer Referent für politische Bildung im FWU. Seit 1987 Leiter der Staatlichen Landesbildstelle Hamburg

Aus:
Kein Respekt vor heiligen Kühen, Gordian Troeller und seine Filme
Herausgeber: Joachim Paschen
Bremen, 1992