Peter Zimmermann

Denn sie wissen, was sie tun. Zur Dekonstruktion eurozentrischer TV-Stereotypen über die »Dritte Welt«

Kinder als Schuhputzer und Parkwächter, als Arbeiter in Ziegeleien und auf Zuckerrohrplantagen – die Bilder, mit denen Gordian Troellers Reportage Denn sie wissen, was sie tun (1985) über Kinderarbeit in Bolivien beginnt, spekulieren auf das Mitleid der westlichen Zuschauer. Da sieht man es wieder: Kinderarbeit, das ist Ausbeutung und Fronarbeit, ein Produkt der Verarmung und Verwahrlosung der Menschen im täglichen Überlebenskampf im Dschungel aus Slums, Dreck, Armut und Kriminalität.

Doch die vermeintliche Botschaft der Bilder trügt. Sie provozieren unsere gängigen Fernseh-Gewohnheiten und Bildassoziationen nur, um sie zu dekonstruieren und uns auf unsere eigenen Klischees auflaufen zu lassen. Denn die Kinder erscheinen im weiteren Verlauf der Reportage nicht als Opfer der Gesellschaft, sondern als weitaus selbständiger, lebenstüchtiger und sozialer, als unser Ideal einer gleichermaßen behüteten wie disziplinierten Kindheit es sich vorzustellen vermag. Ihre Lage wird nicht beschönigt, sie werden aber auch nicht vorschnell bemitleidet. Desavouiert wird die Ignoranz und heimliche Arroganz eines Mitleids-Blicks, der alles bedauert, was von den eigenen Standards und Normen abweicht und die Lebensgewohnheiten ärmerer Völker nur im Rahmen einer Verelendungstheorie zu begreifen vermag.

Damit wird die filmische Strategie deutlich, der Troeller sein Renommee zum guten Teil verdankt: In seinen besten Filmen unterläuft er die von Film und Fernsehen eingeschliffenen euro- und ethnozentrischen Seh- und Denkgewohnheiten und konterkariert die fast schon zu Symbolen geronnene Ikonographie der Fernsehbilder und die damit gekoppelten Konnotationsketten durch eine Betrachtungsweise, die dem Selbstverständnis fremder Völker Ausdruck zu verleihen und gerecht zu werden versucht. Es ist eine Verfahrensweise, die zum mainstream der Fernsehberichterstattung nahezu programmatisch quer liegt und deren Funktion und Bedeutung erst in diesem (Programm-)Kontext angemessen beurteilt werden kann.

In den sechziger Jahren gehörte er zu den ersten Reportern, die mit Verständnis und Sympathie über die Aktionen und Ziele revolutionärer Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt berichteten. Dies in einer Zeit, in der die Mehrzahl der Auslandskorrespondenten des Deutschen Fernsehens – allen voran Peter Scholl-Latour – die ‚in die Unabhängigkeit entlassenen‘ ehemaligen Kolonien noch vornehmlich unter dem Gesichtspunkt durchcheckten, ob deren Regierungen eher dem Westen oder dem Ostblock zuneigten. Revolutionäre Bestrebungen wurden dabei tendenziell dem feindlichen Lager zugeschlagen. Troeller hingegen zeigte sich eher an jenen interessiert, die keinem der beiden Lager zuneigten und nach einem eigenen Weg der gesellschaftlichen Umgestaltung der nachkolonialen Gesellschaft suchten.

Die Reihe Im Namen des Fortschritts (1974-1984) attackierte den Export westlicher Entwicklungsmodelle in die Länder der Dritten Welt bereits in jenen Jahren, in denen das Gros der Journalisten bis hin zu exzellenten Dokumentaristen wie Ralph Giordano (Hunger u.a.) die Lösung der wirtschaftlichen Probleme der sogenannten Entwicklungsländer noch in deren rascher Technisierung und Industrialisierung sah, die durch eine entsprechende Entwicklungshilfe der Industrienationen gewährleistet werden sollte. Aus dem Rahmen westdeutscher Fernsehberichterstattung fiel diese gemeinsam mit Marie-Claude Deffarge gedrehte Reihe nicht zuletzt auch deshalb, weil sie die damals geläufigen entwicklungspolitischen Rezepturen durch strukturanalytische Reportagen konterte, die gerade in einer solchen Entwicklungspolitik die Fortsetzung neokolonialer Abhängigkeitsverhältnisse sah. Von konservativer Seite handelten sich die Autoren den Vorwurf ein, sie verbreiteten mit ihrer These von der Entwicklungshilfe als ‚Verarmungshilfe‘ Zerrbilder der entwicklungspolitischen Problematik und »ritten immer wieder auf ihrem Lieblingsthema herum: der fortbestehenden Ausbeutung der ehemaligen Kolonien durch die ehemaligen Kolonialmächte und Industrienationen«. (1)

Doch auch wohlwollende Kritiker bemerkten bald, daß die unverwechselbare ‚Handschrift‘, die die Qualität dieser Reportagen ausmachte, auch zum Handicap werden konnte: zu einer Art Schnittmuster nämlich, das die Vielfalt der Entwicklungen auch wieder nach Maßgabe der eigenen weltanschaulichen Vorstellungen verarbeitet, nur daß diese nicht rechts-, sondern linksgerichtet waren. Ein Beispiel mag die besondere Machart und die Problematik dieses Reportagestils veranschaulichen.

Abschied vom Lachen (1981) ist eine, wie ich finde, besonders gelungene und eindrucksvolle Reportage aus der Reihe Frauen der Welt. Mit dieser Reihe setzten Gordian Troeller und Marie-Claude Deffarge ihre Berichte aus der Dritten Welt fort und wandten sich mit der Thematisierung der Lage der Frauen dem ‚doppelt kolonisierten‘ Geschlecht zu: von den ehemaligen Kolonialmächten und der auch und besonders in den Ländern der Dritten Welt wirksamen Herrschaft des Patriarchats.

Auch die Reportage Abschied vom Lachen beginnt mit einer dialektischen Volte, die den Zuschauer dadurch hellhörig macht, daß sie seine Erwartungen düpiert: Bilder schwer arbeitender Indianerinnen vom Stamm der Campas tief in den Regenwäldern des Amazonasbeckens scheinen die These von der doppelten Unterdrückung der Frauen zu beweisen. Doch der Off-Kommentar, der den Bildern unterlegt ist, belehrt die Zuschauer eines besseren. Die Feldarbeit der Frauen ist die Grundlage der Subsistenzwirtschaft dieses Stammes und Garantie ihrer Gleichstellung mit den Männern. Und wie in ihrer ersten Reportage über die Minangkabau in Sumatra (Männerherrschaft unbekannt 1979) entdecken Troeller und Deffarge auch hier Reste einer matriarchalisch geprägten Gemeinschaftskultur, die sich noch nicht in »Besitzende und Besitzlose, in Herrscher und Beherrschte« gespalten hat und kein Profitdenken kennt: »Ein solches Anti-Wirtschafts-System paßt weder Kapitalisten noch Marxisten ins Konzept. (…) Und dort, wo es keine Wirtschaft gibt, keine Obrigkeit und keine Hierarchie, da ist auch die Frau nicht dem Manne Untertan, auch wenn es für uns so aussehen mag. « So das Fazit des Kommentators, während aus dem Munde der Indianer vor allem das helle und girrende Lachen der Frauen zu hören ist.

Ob diese Interpretation stimmt, können die Zuschauer nicht überprüfen. Man mag ihr glauben oder nicht. Mißtrauisch macht allerdings das Ungleichgewicht von Bild und Text. So eindrucksvoll die Bildsequenzen sind: Sie dienen in diesem Fall vor allem als Illustration für den aufklärerisch-didaktischen Off-Kommentar. Der vermittelt eine fast lehrbuchhafte Version vom Ursprung der Menschheit, die an die edlen Wilden des Rousseauismus ebenso erinnert wie an Marxens klassenlose Urgemeinschaft und die Mythen eines ursprünglichen Matriarchats. Die Skepsis wird durch ein Gestaltungselement verstärkt, das dazu dient, sie auszuräumen: Durch den betont sachlichen und durch politologische Termini untermauerten Tonfall, der die eigene Interpretation als Faktum behauptet. Der Zuschauer spürt: Im Gestus journalistisch und wissenschaftlich fundierter Sachlichkeit verkünden die Autoren eine Botschaft, die im weiteren Verlauf der Reportage klare Konturen gewinnt.

Der Film ist durch eine Bootsfahrt der Reporter flußabwärts in vier Stationen geteilt. Es sind die Stationen des Zerfalls und der Zerstörung der ursprünglichen indianischen Kultur: Auf der nächstgelegenen Missionsstation werden die Campas zu Christen, Arbeitern und ‚zivilisierten‘ Menschen erzogen: »Alles ist darauf angelegt, die traditionelle Gruppensolidarität zu zerstören. ‚Jeder hat nur ein Recht auf das, was er sich im Schweiße seines Angesichts selbst verdient hat.‘ Ein Satz wie dieser leitet hier das ein, was wir den gesellschaftlichen Sündenfall nannten. Er spaltet die Gruppe in Tüchtige und Versager, in Reiche und Arme. Ungleichheit und Geschichte haben begonnen – der Kampf ums Dasein geht los. Unter dem Motto: du bist, was du hast. (…) Die Zivilisation hat gesiegt. (…) Die Kleinfamilie ist zum Kern der Gesellschaft geworden unter patriarchalischer Ordnung, wie Staat und Kirche es verlangen. «

Zwei weitere Stationen belegen diesen unaufhaltsamen Verfallsprozeß. In einem Dorf weiter flußabwärts leben die von Großgrundbesitzern und Spekulanten aus ihren Jagdgebieten vertriebenen Indianer vom Tourismus, der die Reste ihrer Kultur zur exotischen Ware macht. In der Hafenstadt schließlich führen die Reporter Gespräche mit Campa-Frauen, die sich als Arbeiterinnen, Putzfrauen und Prostituierte durchschlagen. »Der Weg aus dem Urwald in die Zivilisation endet für viele im Bordell oder auf der Straße. Sie haben endgültig Abschied genommen vom Lachen. «

So minutiös der Zerfallsprozeß gefilmt, beschrieben und durch eine Reihe von Interviews und Gesprächen belegt ist – es ist eine Thesen-Reportage großen Stils, die, orientiert an strukturanalytischen Kategorien, den Prozeß der Zivilisation als Deformationsprozeß beschreibt. Eine imperialismuskritische Parabel auf den verheerenden Siegeszug von christlicher Mission, Handel, Industrie, westlichen Werten und Verhaltensnormen in der Dritten Welt.

Das mag in vielen Zügen richtig sein, wirft aber einen Einwand auf, der in der Süddeutschen Zeitung auch schon gegenüber den ersten Reportagen der Reihe Im Namen des Fortschritts erhoben worden ist: »Für eine Dokumentation, die marxistische Maßstäbe nicht verleugnet, sollte es sich verbieten, die Lösung des Problems in der Rückbesinnung auf die ‚ursprüngliche Kultur‘ oder auf das ‚kulturelle Erbe‘ zu suchen. Zumindest sind solche Kriterien mit dem Selbstverständnis der Entwicklungsländer unvereinbar. Die Staaten der Dritten Welt sind der Überfremdung durch die früheren Kolonialmächte stärker denn je ausgesetzt, aber nicht wegen des unbewältigten Kolonialerbes, sondern infolge der realen Bedrohung durch ökonomische Übermacht. Ihnen in dieser Situation zur Bukolik oder zur Beschaulichkeit zu raten, ist von Zynismus nicht weit entfernt. « (2)

Ein solcher Einwand übersieht allerdings, daß Troeller und Deffarge eine mögliche Lösung auch gar nicht in einer illusionären Rückkehr zu ursprünglichen Lebensformen sehen, sondern eher in der sozialrevolutionären Umgestaltung von Staaten der Dritten Welt, die nach einem eigenständigen Weg der Entwicklung suchen. Die Ursprungsmythen dienen bei einer solchen Suche nur als Orientierungsmarken, die die Tendenz der anvisierten Sozialutopie bezeichnen. Mit dieser Suche nach politischen, sozialen und kulturellen Alternativen zu den kapitalistischen, kommunistischen und patriarchalisch geprägten Industriegesellschaften ist ein weiteres Leitmotiv benannt, das die Reportagereihen durchzieht.

Bereits in den frühen Reportagen aus dem Jemen suchte das Team Troeller/Deffarge nicht nur nach Relikten ‚urkommunistischer‘ Sozialstrukturen (Kommunisten seit 1000 Jahren, 1973), sondern auch nach neuen revolutionären Perspektiven (Südjemen, das Kuba der arabischen Welt 1972). Den Versuch einzelner Länder und Befreiungsbewegungen, eigenständige Vorstellungen von einer gerechteren Gesellschaft in die Praxis umzusetzen, dokumentierten sie unter anderem auch in Reportagen aus Algerien (Algier, Hauptstadt der Revolutionäre 1972), Madagaskar (Die Revolution der kleinen Leute 1973), Tansania (Zum Teufel mit der Schule 1974) und Eritrea (Allein gegen die Großen 1977, Die Vergessenen 1986).

Mit solchen und ähnlichen Filmen standen sie im Kontext einer breiten Solidaritätsbewegung, die sich seit den späten sechziger Jahren um die Unterstützung sozialrevolutionärer Tendenzen in Ländern der Dritten Welt bemühte. Doch anders als viele Dritte-Welt-Gruppen, die nicht selten zu einer Idealisierung des jeweils favorisierten Entwicklungsmodells neigten, beobachteten Troeller und Deffarge deren Entwicklung bei aller Sympathie mit distanzierter Skepsis. Wiederholt überprüften sie ihre einstigen Einschätzungen im Lauf der Zeit und kamen dabei etwa am Beispiel Tansanias, Algeriens, Chinas oder auch des Iran zu ernüchternden Bilanzen. Seine Zielsetzungen und seine Vorgehensweise hat Gordian Troeller 1981 in einem Interview skizziert:

»Wenn ich meine Denkweise definieren sollte, würde ich sagen, daß die vorherrschenden Wertvorstellungen, die politischen Dogmen und eine ganze Menge wissenschaftlicher Methoden mir suspekt vorkommen, weil sie ideologisch besetzt sind. Sie erscheinen mir wie ein Schleier zwischen der Welt und mir, wie ein Zerrspiegel, der mir den Zugang zur Wirklichkeit verstellt. Das macht unsere Arbeit eher schwerer als leichter. (…) Vielleicht haben wir deshalb diese unsichtbare Schranke überwinden können, die die meisten daran hindert, andere Kulturen von innen heraus zu verstehen. Den kulturellen Hochmut des Ethnozentrismus und den Fortschritts-Fetischismus, dem Linke wie Rechte gleichermaßen huldigen, lehnen wir mit der gleichen Entschiedenheit ab, mit der diese unsere Ideen bekämpfen. Wir haben selber recht lange gebraucht, um zu akzeptieren, daß der weiße westliche Mensch nicht das Summum der menschlichen Entwicklung ist, der über andere Kulturen richten darf. Und wir sind zu dem Schluß gekommen, daß es für andere Völker eine Katastrophe ist, wenn unsere Zivilisation sich ihrer annimmt. « (3)

Diese Skepsis dürfte ihn auch davor bewahrt haben, allzu enttäuscht auf das Scheitern entwicklungspolitischer Experimente zu reagieren, von dem die Solidaritätsbewegung paralysiert worden ist. Das Interesse der ‚Neuen Linken‘ an Problemen der Dritten Welt ließ in den achtziger Jahren in dem Maße nach, wie sich die sozial-utopischen Hoffnungen zerschlugen. War der Kommentar-Journalismus schon unter dem Einfluß des Direct Cinema in den sechziger Jahren in Mißkredit geraten, so wurden nunmehr auch die strukturanalytischen Filme und die Dritte-Welt-Filme auf linke Klischees, politische Projektionen und Schwarzweißmalerei hin überprüft. Am rigorosesten rechneten Filmemacher wie Peter Heller, Peter von Gunten und Peter Krieg mit dem zuvor von ihnen selbst bevorzugten Filmstil ab. Peter Heller sprach vom »linken Paukersyndrom«, das die eigenen Weltverbesserungsideen zu didaktischen Dokumentarfilmen verarbeitete. Peter Krieg stellte den von Dokumentarfilmen postulierten Wahrheitsanspruch in Frage und bezweifelte grundsätzlich die Möglichkeit einer realitätsadäquaten Abbildung von Wirklichkeit durch dokumentarische Filme. Beide Autoren wandten sich stärker subjektiv geprägten Essayfilmen zu. Die in den achtziger Jahren immer wieder geführte Debatte über die Krise des Dokumentarfilms traf insbesondere auch die Dritte-Welt-Filme.

Gordian Troeller blieb von den filmtheoretischen Diskussionen der sechziger und achtziger Jahre über Direct Cinema und die Krise des Dokumentarfilms sowie von den wechselnden dokumentarischen Moden merkwürdig unberührt. Er hielt wohl auch bewußt Distanz zu ihnen. Seinen eigenen Filmstil hat er früh entwickelt und seit den sechziger Jahren nicht wesentlich modifiziert.

Wie viele Fernseh-Journalisten der älteren Generation kam auch er von der Presse. Der Wort-Journalismus und die Fotoreportage haben seinen Filmstil beeinflußt. Dessen markantestes Merkmal ist ein scharfsinnig-analytischer und vielfach provokant zugespitzter Autorenkommentar, der durch Interviews und Gespräche ergänzt wird. Das hat ihm wiederholt den Vorwurf eingetragen, seine Filme seien wortlastig und er illustriere vielfach mit filmischen Mitteln vorgefertigte journalistische Analysen. Gegen Vorwürfe dieser Art hat er sich vehement zur Wehr gesetzt:

»Starke Bildsequenzen passen nicht unbedingt zu starken Textpassagen – und umgekehrt. Manchmal ergänzen sich Bild und Text nicht recht. Dann wettern die Puristen: Der Troeller belegt nicht, was er sagt, die ‚Schere‘ zwischen Bild und Text klappt weit auseinander. Das kommt schon mal vor. Aber stimmt deshalb meine Analyse nicht? Als ich schreibender Journalist war, brauchte ich nichts mit Bildern zu belegen. Man nahm mir ab, daß ich gründlich recherchiert hatte. (…) Jetzt verlangen pedantische Puristen, daß jeder Satz von Bildern bestätigt wird. Bei Reiseberichten und Propagandafilmen ist das einfach, bei Analysen hingegen ganz unmöglich. Es sei denn, man stellt die Szenen, spielt den Regisseur, um die verlangten Beweise zu erbringen. Das lehne ich ab. (…) Interviews schaffen Probleme, wenn man nur 45 Minuten für einen Film zur Verfügung hat und viel erklärt werden muß. Wie soll ein Bauer oder ein Arbeiter aus seiner individuellen Lage heraus die Gesamtheit einer Situation, die Ursachen seines Elends ebenso beurteilen und konkret zusammenfassen, ja, einem deutschen Publikum verständlich machen können, wie wir, die wir so viele Vergleiche anstellen können? Deshalb finden wir es realistischer, Bilder zu zeigen, die die Situationen charakterisieren, und darüber unsere Erfahrungen zu erläutern. « (4)

Ganz von der Hand weisen läßt sich der Einwand, es handle sich bei vielen Filmen um eine von politischen Analysen vorstrukturierte selektive filmische Wahrnehmung mit solchen Argumenten allerdings nicht. Doch darin besteht die Crux jeglicher Filmberichterstattung.

Schon die ersten bedeutenden Fernsehreporter wie Peter von Zahn (Bilder aus der Neuen Welt), Hans Walter Berg (Gesichter Asiens), Thilo Koch (Weltbühne Amerika) und Peter Scholl-Latour orientierten sich in ihrer Auslandsberichterstattung über die Dritte Welt an leitenden Perspektiven wie dem Ost-West-Gegensatz, dem Stand der Industrialisierung oder der Adaption westlicher Kultur und Zivilisation. Später kamen der Nord-Süd-Konflikt, entwicklungspolitische und ökologische Gesichtspunkte hinzu.

Troeller steht dagegen in einer kolonial- und imperialismuskritischen Tradition, wie sie im Dokumentarfilm früh von Joris Ivens und im Fernsehen zuerst von Gert von Paczensky und der frühen Panorama-Redaktion geprägt worden ist. Seine Besonderheit besteht darin, daß er an dieser analytischen Betrachtungsweise selbst dann noch festhielt, als das Fernsehen und die Filmemacher der ‚Neuen Linken‘ sich von ihr abwandten. Lag er in den siebziger Jahren im Trend, so wurde er in den Achtzigern und Neunzigern eher zum Außenseiter.

Diese hartnäckige Konsequenz, die ihm gelegentlich als Starrsinn vorgehalten worden ist, erweist sich unter den gewandelten Verhältnissen allerdings als neue Qualität. Mehr denn je liegen Troellers Filme mit ihrem aufklärerischen Anspruch und ihrer Parteinahme für die in Abhängigkeit und Armut gehaltenen Völker der Dritten Welt quer zur Depolitisierung nicht nur der Fernsehberichterstattung. Stärker noch als zuvor sind sie zum Stein des Anstoßes geworden, an dem sich der herrschende Konsens bricht. Während die am Vorbild der Live-Berichterstattung von CNN orientierten aktualitätsversessenen Reportagen immer reflektionsloser werden, konterkariert Troeller die Selbstverständlichkeiten, Mythen und Tabus der Fernsehberichterstattung durch provokante Gegendarstellungen, die oft heftige öffentliche Diskussionen auslösen. Gerade in dieser Funktion im Kontext öffentlicher Meinungsbildung erweist sich die Produktivität seiner Vorgehensweise. Zwei Beispiele liefern reichliches Anschauungsmaterial.

Mit der Reportage …denn ihrer ist das Himmelreich eröffnete Troeller 1984 bei Radio Bremen seine neue Reihe Kinder der Welt. Am Beispiel der Missionstätigkeit der katholischen Kirche bei Indianern im tropischen Tiefland Boliviens beschreibt er Kindheit als Metapher für einen Erziehungs-, Unter-drückungs- und Anpassungsprozeß, der in der Entmündigung und ‚Zivilisierung‘ von Naturvölkern durch die Agenten christlicher Religiosität und westlicher Kultur seine Entsprechung findet. Die katholische Kirche erscheint dabei nicht nur in historischer Sicht, sondern auch in ihrem gegenwärtigen Wirken als eine der stärksten Kräfte der Zersetzung einst autonomer indianischer Kulturen. Sie beantwortete diese journalistische Herausforderung nicht nur mit einem Aufschrei der Empörung, sondern vor allem auch mit einer gezielten Intervention in den Gremien und Rundfunkräten der ARD und Radio Bremens. Von »beispielloser Diffamierung der kirchlichen Missionsarbeit« war die Rede; man erwog strafrechtliche Schritte wegen Verächtlichmachung der christlichen Religion, und Forderungen nach Einstellung der Reihe und Kündigung der Zusammenarbeit mit Troeller wurden laut. Der Sender blieb den massiven Interventionen der katholischen Kirche gegenüber allerdings standhaft und stellte sich trotz heftiger Kritik auch aus den Reihen der ARD und des Rundfunkrats im Namen journalistischer Meinungsfreiheit hinter den Autor und seinen Film. (5)

War hier der Nerv einer Institution getroffen, die mit ihrer Lobby in den Rundfunkräten in der Regel für eine kirchenfreundliche Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sorgt, so wurde eine weitere Reportage der Reihe Kinder der Welt zum Skandalen, weil sie nicht nur eine andere Religionsgemeinschaft in Harnisch versetzte, sondern zugleich ein deutsches Trauma berührte. Die Reportage Die Nachkommen Abrahams (1989) setzte sich unter dem Eindruck der lntifada, des Aufstands der Palästinenser gegen die Israelische Besatzungsmacht, mit dem Israelisch-arabischen Konflikt auseinander.

Dixieland – das ist im Jargon der Nahost-Korrespondenten der etwas abschätzige Name für Israel -, und das soll wohl heißen, daß man es wie selbstverständlich für eine Art Yankee-Kolonie hält. Dennoch, oder gerade deshalb, ist die deutsche Fernsehberichterstattung bei aller Kritik an einzelnen Mißständen in der Grundtendenz pro-israelisch geblieben. Das hat die gesamte Nahost-Berichterstattung eingefärbt. In der Auslandsberichterstattung des Fernsehens nimmt sie zwar einen großen Raum ein, aber das deutsche Fernsehen ist in diesem Konflikt keineswegs der neutrale Beobachter, der allen Seiten gleichermaßen gerecht zu werden versucht, sondern es ergreift spätestens dann Partei, wenn Israel involviert ist. Schon Peter von Zahn verschaffte in seinem Fernseh-Portrait Der Sohn des Löwen. Israels Ben Gurion (1963) dem Israelischen Staatsführer ein Forum der Selbstdarstellung und rechtfertigte unter Berufung auf uralte religiöse Prophezeiungen von der Rückkehr des auserwählten Volkes in das Land der Väter die expansive zionistische Eroberungs- und Siedlungspolitik. Den deutschen Fernsehzuschauern wurden auf diese Weise die jüdischen Geschichtslegenden von der Entstehung des Staates als Fakten unterbreitet. Getreu der zionistischen Parole »Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land« erschien die jüdische Landnahme in Palästina in dieser Sicht als Besiedlung eines nahezu menschenleeren Wüstenlandes.

Der liberale und linke Journalismus hatte dem skizzierten Israel-Bild lange Zeit wenig entgegenzusetzen. Anders als in England und Frankreich wurde Kritik am militanten Zionismus wegen der Schuld, die seit der Massenvernichtung der Juden auf Deutschland lastet, vielfach mit Antisemitismus gleichgesetzt und aus einem kollektiven schlechten Gewissen heraus gerade auch von der Linken tabuisiert.

Noch stärker als für Presse und Rundfunk galt dies für die Fernsehberichterstattung. Der Fernseh-Journalist Helmut Greulich hat in seinem Dokumentarfilm Wie fern ist der Nahe Osten (1975) am Beispiel eines Israel-Korrespondenten über Arbeitsweise und Zwänge der journalistischen Tätigkeit in der Region berichtet. Für den einzelnen Korrespondenten ist es äußerst schwer, gegen den skizzierten Trend, der von der Heimatredaktion erwartet und teilweise auch gesteuert wird, anzuberichten. Zwar ist auch die deutsche Fernsehberichterstattung spätestens seit dem Engagement der Studentenbewegung für die arabisch-palästinensische Befreiungsbewegung auf die problematische Lage der Palästinenser verstärkt aufmerksam geworden. Doch selbst die Berichterstattung über Diskriminierung und Benachteiligung der Palästinenser und die im Verlauf der Israelisch-arabischen Kriege von 1956, 1967 und 1973 vollzogene völkerrechtswidrige Eroberung und Annexion arabischen Landes durch Israel zeigt in der Regel viel Verständnis für die Politik der Staatsführung. Trotz des allmählichen Wandels der Israel-Berichterstattung sind die zentralen Tabus und Ideosynkrasien in Deutschland nach wie vor wirksam. Dabei wirken die Tabus in der Regel als internalisierte Denkmuster und Kommunikationsverbote, als Schere im Kopf. Erst wenn sie trotzdem verletzt werden, tritt mit dem öffentlichen Protest auch die interne Rundfunkzensur in Aktion.

Gordian Troeller begann seine Reportage Die Nachkommen Abrahams (1989) ähnlich wie Peter von Zahn sein Porträt Ben Gurions mit einem Rekurs auf biblische Mythen und Verheißungen. Doch anders als jener reproduzierte er nicht das Selbstverständnis der Israelischen Staatsführung, sondern begann mit einer Kontrastmontage, die die im Lande herrschenden Interessengegensätze und Widersprüche scharfkonturierte. Vermummte palästinensische Kinder spielen auf den Straßen Intifada. Brave jüdische Kinder singen in einem Kindergarten hebräische Lieder. Dann erst setzt der Kommentar ein:

»Die Juden sind aus den verschiedensten Ländern der Welt in dieses Land gekommen. Einige Kinder hier sehen aus wie Marokkaner, andere wie Äthiopier und wieder andere wie Polen und Deutsche. Der Grund für die Diskriminierung und Verfolgung der Juden kann also nicht die Rasse sein, auch wenn das Wort Antisemitismus das nahelegt. Was weltweit zur Ausgrenzung des jüdischen Volkes führte, hat eher mit seinem Anspruch zu tun, Gottes auserwähltes Volk zu sein. In diesem Glauben werden die Kinder noch heute erzogen. Sie lernen auch, daß Gott ihnen das Land geschenkt hat. (…) Das war vor 4000 Jahren. Die meisten Juden, die in den letzten hundert Jahren hier einwanderten, haben sich darauf berufen. Doch in diesem Land lebten schon andere Menschen. Araber. Auch sie sind Nachkommen Abrahams. Die ‚Bruderfehde‘ zwischen Juden und Palästinensern hat zu mehreren Kriegen geführt. Israel konnte sich behaupten und seine Existenz wird von der Mehrheit der Palästinenser nicht mehr in Frage gestellt. Es könnte Friede herrschen, wenn die Israelis sich mit den ihnen international zugestandenen Gebieten begnügen würden. «

Mit dieser Einleitung verletzte Gordian Troeller gleich eine ganze Reihe von Tabus. Mit der Infragestellung der Mythen vom ‚auserwählten Volk‘ und vom ‚Land der Verheißung‘ wird auch die Legitimation der Israelischen Landnahme und Herrschaft in Frage gestellt und die Juden werden mitverantwortlich gemacht für den Antisemitismus. Und es werden die zionistischen Koloniallegenden vom ‚Land ohne Volk‘ widerlegt, die Forderungen der Palästinenser unterstützt und Israels Annexionspolitik für die gespannte Lage und die Intifada verantwortlich gemacht. Im weiteren Verlauf zeigt der Film am Beispiel zweier palästinensischer Familien die elenden Lebensbedingungen in den besetzten Gebieten, die schon bei den Kindern zu Angst- und Haßphantasien führen und stellt dann arabische und Israelische Schulklassen vor, um zu demonstrieren, wie die Feindbilder der Elterngeneration von den Kindern und Jugendlichen übernommen werden. Der Schluß zeigt mit Aktionen der Friedensorganisation Peace now und mit Frauendemonstrationen Aktivitäten der liberalen und linken jüdischen Opposition, die sich für die Räumung der besetzten Gebiete und die Verständigung mit den Arabern ebenso einsetzt wie für »die Werte, denen sich die meisten Juden in aller Welt verpflichtet fühlen: Menschlichkeit, Toleranz, Friedfertigkeit…«

Der Film ist antithetisch durchstrukturiert und ergreift deutlich Partei, wie Dutzende von Features zuvor auch – nur eben für die andere Seite. Die Reaktionen ließen nicht auf sich warten.

Der Fernsehausschuß des Bayerischen Rundfunks erklärte die Reportage für gesetzeswidrig, weil sie eine »eindeutige antisemitische Tendenz« aufweise, und erforderte eine Gegendarstellung. Der Rundfunkrat des NDR sprach von »antijüdischen Tendenzen« und »historischen Fehldarstellungen«. Der Vorsitzende des Programmbeirates der ARD meinte, der Film sei »maßlos aggressiv gegen Israel gewesen und geeignet, antisemitische Gefühle zu wecken« und zeigte sich entsetzt darüber, daß ein solcher Beitrag im deutschen Fernsehen gezeigt worden war. Der Zentralrat der Juden sah das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden in der Bundesrepublik bedroht, und der Vertreter der jüdischen Kulturgemeinde im bayerischen Rundfunkrat sprach von Nazi-Propaganda, die dazu diene, »die Stimmung gegen die Juden aufzuheizen«. Radio Bremen konzedierte mißverständliche Formulierungen, wies die Vorwürfe jedoch zurück. (6)

Gordian Troeller reagierte auf die auch in der Presse vorgetragenen Angriffe mit dem Hinweis, »daß die Israelische Propaganda jede Kritik am Staat Israel als Verleumdung des jüdischen Volkes anprangert«, um sie dann als neonazistisch und antisemitisch abwerten zu können. Der Film habe für die Menschenrechtsverletzungen aber nicht »die Juden« verantwortlich gemacht, sondern die Israelische Regierung. »Mit der Gleichsetzung von Israel und jüdischem Volk tut man den Juden in aller Welt keinen Gefallen. Im Gegenteil, man provoziert einen neuen Antisemitismus. Aber gerade dem wollen wir mit Filmen wie dem unsrigen entgegenwirken. « (7)

Die Angriffe auf Troellers Film zeigen, daß es in Deutschland, anders als etwa in England, Frankreich und den USA, offenbar nach wie vor kaum möglich ist, Kritik an der Israelischen Politik und dem Mißbrauch der jüdischen Religion für Zwecke der zionistischen Rechtfertigungsideologie zu üben, ohne sogleich als Antisemit verschrien zu werden. Nicht, daß man hierzulande zwischen Antizionismus und Antisemitismus nicht unterscheiden könnte. Man kann es schon, aber man darf es nicht und hat es auch nicht zu wollen. Insbesondere läuft jede Parteinahme für Palästinenser und Araber Gefahr, ebenfalls als Antisemitismus abqualifiziert zu werden. »Die Solidarität mit dem vorgeschobenen Posten abendländischer Zivilisation in der arabischen Welt war psychologisch dadurch nicht hinterfragbar abgesichert«, so heißt es in einer neueren Studie zum TV-Orientalismus, »daß die Adenauer-Gesellschaft sich vom Grauen der Vergangenheit durch unverbrüchliche Freundschaft mit dem Staat Israel loszukaufen suchte. Diese ‚Entsorgung‘ von Schuldgefühlen schaffte in der Bundesrepublik, was in anderen Ländern das Geschäft einer massiven Lobby war, nämlich die Demarkationslinie des Diskurses über die Region durch die Gleichung pro-arabisch = antisemitisch festzulegen und mit Argusaugen zu bewachen. « (8) Wegen der Schuld, die das deutsche Volk mit den Judenverfolgungen auf sich geladen hat, hat es nun zur Sühne und Wiedergutmachung seiner Untaten geschlossen hinter Israel zu stehen. Und wehe den Feinden, die es wagen, diesen Staat zu bedrohen. Die Mehrheit der Deutschen und ihrer Presse von Bild bis Konkret – das ist anläßlich des letzten Golf-Krieges klar geworden wie selten zuvor – ist innerlich bereit und demnächst dank der künftigen NATO-Eingreiftruppen auch militärisch gerüstet, sie niederzumachen. Am besten mit einem Präventivschlag.

Der zwanghafte Philosemitismus, mit dem die Deutschen ihre Vergangenheit zu bewältigen glaubten, hat ein Monstrum wieder zum Leben erweckt, das fast so alt ist wie der verdrängte Antisemitismus und diesem in vielen Zügen zum Verwechseln ähnlich sieht – den Antiarabismus und Antiislamismus. Der nach den Judenvernichtungen tabuisierte Antisemitismus hat damit jedoch nur seine Gestalt verändert und richtet sich nunmehr nicht mehr so sehr gegen die Juden als vielmehr gegen die übrigen semitischen Völker und darüber hinaus gegen den gesamten Islam. Dieser Gestaltwandel des schuld- und interessegeleiteten deutschen und europäischen Ressentiments, das mit wachsender Distanz zum Holocaust und wechselnder Interessenlage auch wieder umschlagen kann in die unterschwellig immer noch spürbare und partiell auch noch offen auftretende Judenfeindschaft, ist das Charakteristikum des hier skizzierten janusköpfigen Antisemitismus-Syndroms.

Es liegt in der Logik dieses Syndroms, daß die Bombardierung des Irak propagandistisch dadurch vorbereitet wurde, daß sein Staatschef Saddam Hussein als arabisch-islamischer Hitler verteufelt wurde. Nicht weil er Kuweit annektiert hatte, sondern weil er mit seinen Großmachtplänen auch Israel und die westlichen Interessen in Nahost bedrohte. Faschistische Diktaturen darf man nicht nur, man muß sie – wie der Zweite Weltkrieg angeblich gelehrt hat – ohne falsche Rücksichtnahme und ‚Appeasement-Politik‘ rechtzeitig militärisch vernichten. Die Angreifer nannten sich wie einst die Anti-Hitler-Koalition die ‚Alliierten‘, und die Deutschen standen diesmal zwar auf der richtigen Seite, mußten sich aber von ihren ‚Alliierten‘ wie von den Israelis den Vorwurf gefallen lassen, sie seien nicht militant genug bei der Sache.

Dabei steigerte auch die Fernsehberichterstattung das Schreckensbild vom irakischen Diktator und seinem verblendeten Volk durch Rekurs auf alte abendländische Ängste und Feindbilder ins Dämonische. Wie einst der von den Arabern verherrlichte Feldherr Saladin den Kreuzrittern als Ausgeburt der Hölle und Gesandter des Teufels erschienen war, so wurden jetzt Saddam Hussein und seine Anhänger verteufelt. Doch er ist nur der vorerst letzte in der nach dem Zweiten Weltkrieg von den westlichen Medien entworfenen Galerie schreckenerregender arabisch-islamischer Despoten und fanatisierter Völker. Ähnliches war zuvor schon Nasser und den Ägyptern, Arafat und den Palästinensern, Ghadaffi und den Libyern sowie Khomeiny und den Iranern widerfahren, als sie es wagten, sich mit dem Kampf gegen Israel, der Verstaatlichung des Suezkanals oder der eigenen Ölindustrie dem Zugriff der euro-amerikanischen Konzerne und der westlichen Großmächte zu entziehen, die ihrer Ansicht nach im Nahen Osten imperialistische Interessenpolitik betrieben. Nach gleichem Muster wird auch der islamische Fundamentalismus als ebenso fanatische wie bedrohliche Heilslehre perhorresziert.

Besonders hervorgetan haben sich bei dieser Verketzerung wechselnder arabischer Staaten, Staatsmänner und des Fundamentalismus die Nahost-Experten des deutschen Fernsehens, Gerhard Konzelmann und Peter Scholl-Latour. In einer Fülle von Reportagen und fragwürdigen Sachbüchern verficht Konzelmann seine These vom jahrhundertealten Kampf zwischen Orient und Okzident, Islam und Christentum, der nun mit dem Herrschaftsanspruch des Fundamentalismus neuerlich in eine entscheidende Phase getreten sei. Und zur Einstimmung des deutschen Fernsehpublikums auf den Golf-Krieg der sogenannten Alliierten gegen den Irak trat kurz vor dem Ablauf des US-Ultimatums der Sonderkorrespondent Peter Scholl-Latour mit seiner vierteiligen Dokumentation Das Schwert des Islam (6.1. -14.1.1991) im Fernsehen auf. Mit seiner Metapher vom ‚Schwert Allahs‘, das Israel und das Abendland mit religiösem Fanatismus, ‚Heiligem Krieg1, Giftgas, Öl-Boykott und der islamischen Atombombe bedroht, baute er ein Feindbild auf, das der bevorstehenden Bombardierung des Irak den Boden bereiten sollte. (9)

Es gehört zu den bedeutendsten Leistungen Gordian Troellers, daß er den antiarabischen und antiislamischen Stereotypen der Fernsehberichterstattung und der Stilisierung des Nahen Ostens zur permanenten Krisenregion in einer Vielzahl von Reportagen entgegengewirkt hat.

Schon seine frühen Reportagen aus dem Jemen, dem Irak und dem Iran bemühten sich darum, dem westlichen Zuschauer Verständnis für die Eigenarten der islamischen Religiosität und Kultur und die politischen Probleme der arabischen Völker zu vermitteln. Dabei hat insbesondere seine Sympathie für die islamische Revolution im Iran viel Widerspruch provoziert. Mit seiner Iran-Reportage Freiheit unter dem Schleier (1981) unterlief er die gängige Gleichsetzung von Verschleierung und Frauenunterdrückung und zog sich den Zorn westlicher Feministinnen zu. Zugleich konterte er die westlichen Islam-Klischees durch den Nachweis, daß der moderne Fundamentalismus mit der Abwehr westlicher Überfremdung nicht der Aggression oder einer obskuren ‚Rückkehr ins Mittelalter‘, sondern in erster Linie der Bewahrung der eigenen Kultur dient.

Troellers Nahost-Reportagen erweisen sich damit im Programmkontext als Instrumente der Dekonstruktion mythisch fundierter Medienbilder, die insbesondere die Ressentiments und Freund-Feind-Schemata deutscher Zuschauer aufbrechen. Gerade weil sie tief verwurzelte Tabus in Frage stellen, provozieren sie eine Diskussion, die in Deutschland überfällig ist. Dies ist um so wichtiger in einer Situation, in der der letzte Golf-Krieg die alten Medienklischees wieder aktiviert hat. Troellers filmische Strategie, die die ethno- und eurozentrischen Leitlinien des Fernsehjournalismus und deren Tendenz zur Krisen- und Elendsberichterstattung über die Dritte Welt unterläuft und gezielt mit Gegenbildern konfrontiert, erweist sich damit als produktiv. Mit der Demontage nationaler Stereotypen und Vorurteile zielt sie auch auf die Relativierung medial vermittelter Weltbilder, die aufgrund ihrer Omnipräsenz von der Masse der Zuschauer leicht als adäquater Ausdruck der Realität genommen werden.

Ein Prüfstein für die Qualität des Fernseh-Dokumentarismus wird auch künftig sein, ob er umstrittenen Außenseitern wie Gordian Troeller die Möglichkeit bietet, ihre Sicht der gesellschaftlichen Verhältnisse öffentlich zur Diskussion zu stellen.Auch und besonders dann, wenn dadurch die uns allen allzu vertraute Fernseh-Realität aus zweiter Hand ins Flimmern gerät.

Dr. Peter Zimmermann, geb. 1944, Privatdozent der Literatur- und Medienwissenschaften. Von 1973 bis 1991 Lehr- und Forschungstätigkeit an den Universitäten Wuppertal, Kairo und Marburg. Seit 1992 wissenschaftlicher Leiter des von SDR, SWF, ZDF u.a., neugegründeten Hauses des Dokumentarfilms in Stuttgart.

(1) Fernseh-Kritik in: Niederelbe-Zeitung vom 28.7.1976
(2) Manfred Hutterer: Partnerschaft – ein leeres Wort. In: Süddeutsche Zeitung vom 1.12.1974
(3) Gordian Troeller und Marie-ClaudeDeffarge im Gespräch. <st1:place><st1:city>CON-Film</st1:city>, <st1:state>Bremen</st1:state></st1:place> 1988, S. 36 f.
(4) Gordian Troeller, a.a.O., S. 11 f.
(5) Vgl. Dokumentation des CON-Fim-Verleihs zur Kampagne der katholischen Kirche gegen Troellers Film.
(6) Vgl. ‚BR-Fernseh-Ausschuß rügt Troeller-Reportage als gesetzwidrig‘. In: epd 90/89 vom 15.11.1989; ‚Heftige Kritik an Fernsehsendung über Palästinenserkinder‘. In: epd/Kirche und Rundfunk Nr. 77 vom 30.9.1989; Ellen Hofmann: ‚Wahrheitssuche in vermintem Gelände‘ .In: Süddeutsche Zeitung vom 14.11.1989; Gordian Troeller: ‚Israel ist ein Staat wie jeder andere‘. In: Süddeutsche Zeitung vom 17.11.1989; David Singer: ‚Den Genozid zum Gärtner machen. Für die ARD sind »die Juden« selber schuld‘. In: Die Tageszeitung vom 26.9.1989; Uwe Grieger: ‚Vom hohen Roß herunter. Antwort auf David Singers Kritik‘. In: Die Tageszeitung vom 29.9.1989; Elkan Spiller: ‚Antisemitismus in der Informationsvermittlung. Analyse eines vieldiskutierten Dokumentarfilms‘. Diplomarbeit an der Hochschule der Künste Berlin, 1991.
(7) Gordian Troeller: Die Israelischen Mythen. In: Die Tageszeitung vom 4.10.1989
(8) Dorothee Kreuzer: Der elektronische Orientalismus. Spiegelreflexe im Weltspiegel. In: Helmut Kreuzer, Heidemarie Schumacher (Hrsg.): Magazine audiovisuell. Politische und Kulturmagazine im Fernsehen der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1988, S. 228.
(9) Vgl. dazu: Jürgen Felix, Peter Zimmermann (Hrsg.): Medien-Krieg. Zur Berichterstattung über die Golf-Krise. Augenblick. Marburger Hefte zur Medienwissenschaft Nr. 11. Marburg 1991, S. 16 ff; Gernot Rotter: Allahs Plagiator. Die publizistischen Raubzüge des »Nahostexperten« Gerhard Konzelmann. Heidelberg 1992.