Ulrich Spies

Ein Signet der ARD
Gordian Troeller und der Grimme-Preis

Das Dokumentarische im deutschen Fernsehen wird seit drei Jahrzehnten maßgeblich durch zwei Namen geprägt: Georg Stefan Troller und Gordian Troeller. Nachdem beide in den sechziger Jahren und Anfang der Siebziger häufig wechselnd für verschiedene Anstalten der ARD und das ZDF arbeiteten, fand Gordian Troeller ab 1974 bei Radio Bremen, dem kleinsten Sender der ARD, eine dauerhafte Beschäftigungsmöglichkeit. Georg Stefan Troller gestaltete seit 1971 für das ZDF mehr als 70 Personenbeschreibungen und Features. Ein merkwürdiger und glücklicher Zufall also, daß zwei Männer, die wegen ihrer Namensähnlichkeit nicht selten verwechselt werden, es geschafft haben, beiden öffentlich-rechtlichen Fernsehsystemen zu einem jeweils eigenen, kennzeichnenden und geachteten Signet zu verhelfen.

Aber es gibt noch eine weitere Gemeinsamkeit, die diese beiden großen Dokumentaristen miteinander verbindet: Im Gegensatz zu den meisten Kolleginnen und Kollegen ihrer Zunft sprechen Troller und Troeller ihre Texte selbst. Texte, denen man in ihrer Prägnanz der Analyse, in ihrer Argumentations- und Stilsicherheit anmerkt, daß sie aus der Feder journalistisch geprägter Autoren stammen. Ihre Stimmen, jede für sich unverwechselbar, sonor mit einem leichten Timbre, ihre gleichbleibend lakonische Sprache und die oft didaktisch wirkende Art der Betonung, dieses Sprech- und Hörerlebnis im flüchtigen Bildmedium Fernsehen haftet unauslöschbar all jenen Zuschauern im Ohr, die ihr Gerät (noch) in erster Linie zu Informations- und Erkundungszwecken einschalten. Die sich noch ein Gespür für Sprachkultur in einem immer geschwätziger daherkommenden Medium bewahrt haben.

Fernsehpreise haben in Deutschland Konjunktur. Verbände, Parteien, Presseverlage, Bundes- und Länderministerien, ja sogar die Rundfunkanstalten selbst loben zur Pflege oder Aufbesserung des eigenen Images mitunter hochdotierte Fernsehpreise aus. Prämiert wird – bis auf Ausnahmen – den Massengeschmack bedienende, bereits vorher erfolgreich vermarktete TV-Unterhaltung, oder gefällige Konvention. Die ständig steigende Zahl solcher Auszeichnungen steht jedoch in diametralem Gegensatz zur ständig sinkenden Qualität eines Programmangebots, das zudem immer unüberschaubarer wird.

Der Adolf-Grimme-Preis, 1961 auf Initiative Bert Donnepps vom Deutschen Volkshochschul-Verband gestiftet und seit 1964 alljährlich in Mari vergeben, zeichnet als anerkannte kritische Instanz Fernsehsendungen, Serien und spezielle Programmleistungen aus, die (so das Statut) »die spezifischen Möglichkeiten des Mediums Fernsehen auf hervorragende Weise nutzen und nach Inhalt und Methode Vorbild für die Fernsehpraxis sein können«. Durch Entscheidungen stifterunabhängiger Juries und ohne Dotation sind bis heute mehr als 500 Regisseure, Autoren, Kameraleute, Schauspieler, Komponisten, Cutter, Moderatoren, Sprecher und Redakteure dekoriert worden, die mit ihren künstlerischen Hervorbringungen Qualitätsmaßstäbe in allen Genres und Sparten des Programms gesetzt haben.

Gordian Troeller und die von ihm (bis 1984 gemeinsam mit Marie-Claude Deffarge) in allen Teilen der Welt zusammengetragenen Filmdokumente über die alltäglichen Verletzungen der Menschenwürde, über das Elend und die Not in den sogenannten Entwicklungsländern, waren und sind ständiger Gegenstand der Diskussion in Kommissionen und Juries des Adolf-Grimme-Preises. Ihre durch das Fernsehen in deutsche Wohnstuben vermittelten Bilder, Analysen und Konklusionen zählen heute beinahe zum rhetorischen Allgemeingut. Die Anhängerschaft der troellerschen Form von Fernsehpublizistik unter den Zuschauern ist groß und dokumentiert sich – nach mehr als zehnjähriger eigener Erfahrung des Verfassers – in regelmäßigen Publikumsnominierungen für diesen Wettbewerb.

Beim 20. Adolf-Grimme-Preis 1984, der Sendungen des Programmjahres 1983 prämierte, hatte die Vorauswahljury zwei Beiträge von Gordian Troeller und Marie-ClaudeDeffarge zur Preisverleihung weiterempfohlen: Abschied vom Lachen aus der Reihe Frauen der Welt und Bitterer Zucker aus der Reihe Im Namen des Fortschritts. Die Jury »Allgemeine Programme« (zusammengesetzt aus Fernsehkritikern, Medienwissenschaftlern und Weiterbildungsfachleuten) honorierte die herausragenden Leistungen des Autorenteams durch die Vergabe eines Adolf-Grimme-Preises mit Bronze für Bitterer Zucker und hob in ihrer Preisbegründung sowohl auf die handwerklichen Qualitäten als auch auf programmpolitische Aspekte ab:

»Wirtschaftspolitische Vorgänge, die Millionen betreffen, werden in den Fachressorts der Medien üblicherweise so behandelt, daß nur eine eingeweihte Minderheit sie versteht. Gordian Troeller und Marie-Claude Deffarge beweisen mit ihrer kontinuierlichen Fernseharbeit, daß es auch anders, populärer, wirkungsvoller geht. In ihrer Dokumentation Bitterer Zucker gelingt es ihnen in knappen 42 Minuten überzeugend und unerschrocken zu analysieren, warum – auf Kosten von Millionen Kleinbauern – aus dem Wirtschaftswunderland Brasilien der größte Schuldner der Welt wurde. Eine Menge Text ist dazu nötig, doch er ist hier so geschickt auf die Bilder und die zahlreichen authentischen Aussagen der Bauern abgestimmt – wobei zentrale Informationen unaufdringlich wiederholt werden -, daß man als Zuschauer nicht nur betroffen, sondern auch erheblich klüger zurückbleibt. Die Auszeichnung für Bitterer Zucker aus der Reihe Im Namen des Fortschritts sollte Programmverantwortliche ermuntern, im Massenmedium Fernsehen nicht nur den Entertainer, sondern auch verstärkt den Lehrmeister im besten Sinne zu sehen. «

Leider war es den ausgezeichneten Autoren nicht möglich, Trophäe und Urkunde persönlich in Empfang zu nehmen, da sie sich zum Zeitpunkt der Preisverleihung bereits bei den Dreharbeiten für den Abschlußfilm der Reihe Im Namen des Fortschritts in den USA aufhielten. Kurze Zeit später verlor Gordian Troeller unmittelbar hintereinander die beiden für ihn wichtigsten Bezugspersonen: Marie-Claude Deffarge, die nach seiner Einschätzung für das gemeinsame Lebenswerk ebenso viel, wenn nicht gar mehr verantwortlich war, und seine Mutter.

Im Herbst 1984 veranstaltete das Adolf-Grimme-Institut eine Tournee mit Gordian Troellers prämiertem Film Bitterer Zucker: Geschildert werden darin die Verhältnisse im Nordosten Brasiliens, einer Region, die sechsmal so groß ist wie die Bundesrepublik Deutschland und in der 35 Millionen Einwohner leben. Die meisten sind Tagelöhner, die allmorgendlich aus ihren Elendsvierteln kommen und versuchen, Platz auf einem der Lastwagen zu finden, die sie zu den Zuckerrohrplantagen fahren. Nur während der Ernte, die etwa 180 Tage dauert, werden viele Hände gebraucht; in der übrigen Zeit, von Januar bis August, wird Zuckerrohr nur geschlagen, um Schnaps zu brennen und Sprösslinge zu pflanzen. Dann sind die meisten arbeitslos und müssen hungern.

Stationen der Rundreise waren Hamburg, Bremerhaven, Cuxhaven und Bremen. Ziel dieser unter dem Titel ‚Adolf-Grimme-Preis unterwegs‘ veranstalteten Unternehmung ist es, dafür zu sorgen, daß Höhepunkte des Fernsehens nicht vorschnell in Vergessenheit geraten; sie nochmals öffentlich vorzuzeigen und zu diskutieren, bevor sie – was leider den meisten von ihnen beschieden ist – für immer in den Archiven der Rundfunkanstalten verschwinden. Darüber hinaus haben preisgekrönte Filmemacher Gelegenheit, mit dem Publikum, den eigentlichen Adressaten ihrer Bemühungen, ins Gespräch zu kommen.

Gordian Troeller, der noch im selben Jahr 1984 gemeinsam mit ’seinem‘ Redakteur Elmar Hügler von Radio Bremen die Konzeption zur Filmreihe Kinder der Welt entwickelt hatte, nahm an zwei Veranstaltungen teil. Als exemplarisch für die Diskussionen, wie sie allerorts im Anschluß an die Präsentation geführt wurden, mögen Fragen aus der Abschlußveranstaltung im Bremer Filmtheater Schauburg gelten, bei der dank guter Vorbereitung seitens des ortsansässigen CON-Filmverleihs mehr als 160 Zuschauer anwesend waren:

Welche Kräfte tragen die Verantwortung für diese Verhältnisse? Inwieweit sind deutsche Konzerne wie VW mittelbar oder unmittelbar daran beteiligt? Warum finden erfolgreich beschrittene ‚dritte Wege‘ (Beispiel Kuba und auch Nicaragua) keine Nachahmung? Gordian Troeller machte in diesem Zusammenhang deutlich, daß die Verhältnisse in Nicaragua in keiner Weise mit denen in Brasilien zu vergleichen sind: Die Größe des Landes und die Heterogenität der Bevölkerungszusammensetzung (im Norden Indianer und Schwarze, im entwickelten Süden Europäer), machten die Herausbildung einer geeinten revolutionären Gegenmacht unmöglich.

Nach einer mehr als einstündigen Diskussion verabschiedete sich Gordian Troeller. Es war spät geworden, vor dem Kinosaal warteten bereits die Besucher der nachfolgenden Spätvorstellung und Gordian Troeller mußte noch zurück nach Hamburg – um Koffer zu packen vor dem Abflug zu Dreharbeiten im Iran, wo ein neuer Film für die Sendereihe Kinder der Welt gedreht werden sollte. Lang anhaltender Beifall verabschiedete ihn.

Die Präsentation von Bitterer Zucker hat gezeigt, daß die Auseinandersetzung des Publikums mit Fernsehsendungen, die eine gesellschaftliche Debatte in Gang setzen wollen, weit über die Ausstrahlung und gelegentliche Wiederholung im flüchtigen Medium Fernsehen hinausreicht und zur vertiefenden Erkundung geradezu anstiftet. Das Konzept des ‚Adolf-Grimme-Preis unterwegs‘ will möglichst beides: Eine Diskussion über die (nach wie vor häufig umstrittenen) Inhalte hervorragender Fernsehproduktionen und eine darüber, wie die Medienverhältnisse sind oder sein müssen, die solche Qualitätsarbeit ermöglichen. Bei der Tour mit Bitterer Zucker und Gordian Troeller hat sich dieses Konzept zum wiederholten Male bewährt.

Auch für den 21. Adolf-Grimme-Preis 1985 wurden von Zuschauern zwei Troeller-Filme nominiert: …denn ihrer ist das Himmelreich, der Eröffnungsfilm der Reihe Kinder der Welt und Die Saat des Fortschritts oder Das Ende der Entwicklung, die Abschlußarbeit der Reihe Im Namen des Fortschritts. Wie bereits im Vorjahr mußte jedoch zunächst die Hürde der Vorauswahljury genommen werden. Dieser Kommission obliegt die schwierige und zeitaufwendige Aufgabe, aus hunderten von Zuschauervorschlägen einzeitlichdefiniertes Wettbewerbskontingent zu ermitteln, das dann (so die Praxis bis 1991) gemeinsam mit direkten Nominierungen seitens der Rundfunkanstalten (beim 21. Grimme-Preis waren ARD und ZDF als öffentlich-rechtliche Programmanbieter letztmals unter sich) der Jury ‚Allgemeine Programme‘ überantwortet wird.

Informations- und Dokumentationssendungen haben es in diesem Selektionsprozeß schwer, sich gegenüber herausragenden Fernsehspielen, Unterhaltungs-, Kultur- oder Bildungsprogrammen durchzusetzen, da von Zuschauern – dem unterstellten kritischen Anspruch des Grimme-Preises gemäß – in der Mehrzahl Exempel eines investigativen und aufklärenden Fernsehjournalismus vorgeschlagen werden.

Beim 21. Adolf-Grimme-Preis 1985 konnte sich Gordian Troeller – diesmal auf der Bühne des Marier Theaters – zum zweiten Mal in den Kreis der Preisträger einreihen. Gemeinsam mit Elmar Hügler wurde ihm für die Dokumentation Die Saat des Fortschritts oder Das Ende der Entwicklung ein Adolf-Grimme-Preis mit Silber zuerkannt: »Mit Passion und Profession hat Gordian Troeller seinen eigenen und unverwechselbaren Stil der Berichterstattung über die Verelendung unserer Welt entwickelt. Seine Fernsehbeiträge, eher Thesen-Filme als Dokumentationen, sind in ihrer Treue zum Thema, ihrer Schlüssigkeit und Entschiedenheit wesentliche Bereicherungen des entwicklungspolitischen Fernsehjournalismus. Jede einzelne seiner Sendungen hat die essayistische Qualität, persönlich, originell und streitbar bis zur Strittigkeit zu sein. Die Zusammenfassung mehrerer Sendungen zu themenbezogenen Reihen bietet vertiefende, aspektreichere Informationen.

In Die Saat des Fortschritts oder Das Ende der Entwicklung wendet Troeller die in den ärmsten Ländern der Welt gesammelten Erfahrungen von wachsender Abhängigkeit auf die Erste Welt und das Mutterland des Fortschritts an. Er bereichert damit die entwicklungsbezogene Berichterstattung um eine wesentliche Perspektive. Die Auszeichnung Gordian Troellers gilt auch dem Andenken seiner langjährigen Mitarbeiterin Marie-Claude Deffarge, die 1984 gestorben ist. Auch ihr zu Ehren sei angemerkt, daß bereits im Wettbewerbskontingent des vorigen Jahres ebenso wie in diesem zwei Beiträge aus ihrer Zusammenarbeit mit Gordian Troeller vorlagen.«

Mit Gordian Troeller zusammen erhält Elmar Hügler diesen Grimme-Preis. Ihm, dem Leiter des Programmbereichs Kultur und Gesellschaft in der kleinsten ARD-Rundfunkanstalt, Radio Bremen, ist zu danken, daß Gordian Troeller seit einem Jahrzehnt seine Arbeit kontinuierlich weiterführen konnte. Hügler erhält den Preis als getreuer Patron der Fernsehdokumentation im ARD-Programm. »Unter den 26 Beiträgen der Sparte ‚Information und Dokumentation‘ des diesjährigen Wettbewerbs stammten vier aus dem Verantwortungsbereich Hüglers. An sie fallen zwei der sechs Grimme-Preise dieses Jahres«, so die Begründung der Jury.

In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre hatten es Filme von Gordian Troeller trotz gleichbleibend überdurchschnittlicher Qualität schwer, bis ins Preisfinale vorzudringen oder gar ausgezeichnet zu werden. Zum einen hatte sich die Fernsehlandschaft durch das Hinzutreten privater Veranstalter und die Einspeisung von Sendungen via Satellit und Kabel grundlegend verändert. Die Folge: immer mehr Kanäle, zunehmende Konkurrenz und Vervielfachung des Programmangebots. Dadurch wandelten sich zwangsläufig Sichtweisen und Diskussionen in den Gremien des Grimme-Preises. Aber auch die an anderer Stelle in dieser Publikation beschriebenen Konflikte um Filme von Gordian Troeller (die katholische Kirche und ihre Gliederungen reagierten massiv auf den ersten Beitrag der Reihe Kinder der Welt und noch schärfer artikulierten sich Proteste jüdischer Organisationen in Deutschland und christlich-konservativer Parteien nach der Ausstrahlung von Die Nachkommen Abrahams) blieben nicht folgenlos: Fernsehkritiker überregional verbreiteter Tages- und Wochenzeitungen, viele von ihnen in Kommissionen und Juries des Adolf-Grimme-Preises vertreten, reagierten zunehmend resistent auf troellersche Erklärungen und Thesen, sahen ihre eigene Kompetenz infrage gestellt und wähnten sich bevormundet von einem Autor, der alles weiß, alles erklären kann und scheinbar keine andere Meinung als die eigene gelten läßt.

Beim 24. Adolf-Grimme-Preis 1988 wäre Gordian Troeller um ein Haar zum dritten Mal ausgezeichnet worden. Sein Film Die Verlassenen, der das Schicksal von verlassenen Kindern in Lateinamerika am Beispiel von Honduras verdeutlichte, stand bei den Schlußberatungen um die Vergabe der zehn Grimme-Preise im Wettbewerb ‚Allgemeine Programme‘ auf den vorderen Plätzen. Daß ihm kurz vor dem Ziel die zum Greifen nahe Trophäe vorenthalten wurde, hatte preis- und programmpolitische Hintergründe: Mit Die andere Seite der Münze (ZDF), acht Nachrichten aus dem inoffiziellen Chile, und dem Auslandsbericht Lebend verbrannt (SWF) von Nicolaus Brender über Carmen Gloria und die Justiz des General Pinochet in Chile, waren bereits zwei Beiträge über die politischen Verhältnisse in Südamerika als auszeichnungswürdig ermittelt worden. In Anerkennung und unter ausdrücklicher Hervorhebung der herausragenden Qualität seiner Filme beschloß die Jury jedoch einstimmig, Gordian Troeller dem Stifter für die höchste Auszeichnung im Rahmen des Adolf-Grimme-Preises zu empfehlen: Die Besondere Ehrung.

Gert von Paczensky und der Referent für den Adolf-Grimme-Preis schlugen Gordian Troeller für die Besondere Ehrung vor. Nach gründlicher Beratung in der Wettbewerbsleitung beschloß der Stifter beim 28. Adolf-Grimme-Preis 1992 die Vergabe dieser höchsten Auszeichnung des Deutschen Volkshochschulverbandes an Gordian Troeller und Gerd Ruge. Gewürdigt werden sollte damit das fernsehjournalistische Lebenswerk von zwei Männern, die dem deutschen Fernsehpublikum mit unterschiedlichen Mitteln und Methoden über Jahrzehnte ein differenziertes Bild der politischen Verhältnisse und Entwicklungen in anderen Teilen der Welt geliefert haben. Daß diese Auszeichnung für das filmische Gesamtwerk von Gordian Troeller ausgerechnet im Jahre 1992 erfolgte, ist kein Zufall: Als ein Jahr, in dem durch vielfältige Jubelfeiern (Weltausstellung in Sevilla, Olympische Spiele in Barcelona) der Entdeckung Amerikas vor 500 Jahren durch Christopher Kolumbus gedacht wurde, war 1992 geradezu prädestiniert dafür. Denn seine Kritik an der europäischen Kolonialpolitik, die zur Ausbeutung einst mächtiger und reicher Völker in der heutigen sogenannten Dritten Welt führte, Menschen ihrer kulturellen Identität beraubte und dem christlichen Glauben unterwarf, zieht sich einem roten Faden gleich durch sein Filmschaffen.

Der Vorstand des Deutschen Volkshochschul-Verband es vergibt die Besondere Ehrung an Gerd Rüge und Gordian Troeller, die – jeder auf seine besondere Art – »für eine präzise, verständige und couragierte Auslandsberichterstattung stehen, die nichts mit üblicher Korrespondenten-Routine zu tun hat. Gordian Troellers Arbeit ist im deutschen Fernsehen einzigartig: Seit beinahe drei Jahrzehnten widmet er sein filmjournalistisches Können einem einzigen Gegenstand – der Berichterstattung und Aufklärung über die Ausbeutung von Völkern der sogenannten ‚Dritten Welt‘ durch die reichen Industrienationen. Seine Filmographie weist mittlerweile weit über 70 Titel auf. Anfangs recherchierte er gemeinsam mit seiner inzwischen verstorbenen Lebensgefährtin Marie-Claude Deffarge für den NDR in den Kriegs- und Krisengebieten der arabischen Welt, in Lateinamerika und Afrika. Seit Mitte der siebziger Jahre arbeitet der gebürtige Luxemburger für Radio Bremen, den kleinsten ARD-Sender, der ihm den Freiraum zur Gestaltung der Filmreihen Im Namen des Fortschritts, Frauen der Welt und Kinder der Welt eröffnete. Troellers Arbeiten schaffen eine wundersame Verbindung von ‚radikal subjektiven‘ Erzählungen und publikumsfreundlicher Ansprache. Daß manche seiner Fernsehfilme umstritten sind und heftige Debatten auslösen, spricht gerade für seine Methode. Filmarbeit ist für Gordian Troeller weder Selbstzweck noch bloße Verdienstquelle. Er möchte damit etwas bewirken, und zwar über die Ausstrahlung im Massenmedium Fernsehen hinaus. Deshalb hat er sich beizeiten umgesehen und im Bremer CON-Verleih einen ebenso engagierten Partner gefunden, der dafür sorgt, daß in Volkshochschulen und anderen Einrichtingen kirchlicher und gewerkschaftlicher Weiterbildung mit diesen Filmen gearbeitet werden kann.«

In seiner Replik auf die von der Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes, Prof. Dr. Rita Süssmuth, vorgetragene Laudatio bedankte sich Gordian Troeller für die lobenden Worte und gab seiner Hoffnung Ausdruck, »daß diese Auszeichnung nicht nur meiner Filmarbeit gilt, sondern auch als Mahnung gedacht ist an die Programmacher der öffentlichrechtlichen Anstalten, den kritischen Dokumentarfilm und die engagierte Reportage nicht auf dem Altar der Einschaltquoten zu opfern. Je größer die Flut der Informationen – und sie wird ja täglich gewaltiger – desto notwendiger scheint mir ein Fernsehjournalismus, der bewertet und nicht davor zurückschreckt, subjektiv zu sein. Denn objektive Wahrheiten, das wissen wir alle, gibt es nicht! Die immer wieder beschworene Ausgewogenheit ist ein Zugeständnis an die widersprüchlichen Interessen unserer Gesellschaft, sie ist kein Rezept. Dokumentarfilmer sollten sich weder vom herrschenden Meinungstrend noch von politischen Interessen leiten lassen, sondern der Flut angeblich wertfreier und somit auch wertloser Informationen wertend entgegentreten. Ob sie dabei Zustimmung ernten, Wut, Skepsis oder was auch immer – es ist ohne Belang. Hauptsache, der Zuschauer muß sich mit dem Film auseinandersetzen, Stellung beziehen, nachdenken, seine eigene – aus der Flut meist oberflächlicher Informationen gewonnene Meinung – hinterfragen. Auch Gerd Ruge tut, soweit ich seine Sendungen kenne, genau das. Er sagt unverblümt seine aus der Erfahrung gewonnene Meinung und scheut sich nicht, gegen den Strom zu schwimmen. Ich bin deshalb sehr froh, diese Ehrung mit Gerd Rüge zu teilen.«

Die publizistische Resonanz auf die Besondere Ehrung Gordian Troellers war beachtlich: Während fast alle überregional erscheinenden Tageszeitungen (und auch der Spiegel) durch Teilabdrucke der Stifterlaudatio darauf aufmerksam machten, nahmen das Hamburger Abendblatt, der Tagesspiegel, die Westdeutsche Allgemeine Zeitung, das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt und sogar die Neue Zürcher Zeitung die Auszeichnung zum Anlaß, das Troellersche Lebenswerk in eigenrecherchierten Artikeln und Portraits zu würdigen.

Bleibt abschließend zu fragen, ob eine solche Prämierung, ob Fernsehpreise überhaupt hinsichtlich der Programmqualität etwas bewirken können. Ein Blick in die sogenannte ‚prime-time‘ des abendlichen Fernsehangebots läßt Zweifel daran aufkommen. Denn hier findet seit nunmehr fast sieben Jahren ein erbitterter gegenseitiger Wettkampf aller Fernsehanstalten um die Gunst der Zuschauer statt. Programmstrukturreformen als Ergebnis einer oft hysterisch anmutenden Anpassung beider öffentlich-rechtlicher Systeme an das Privatfernsehen haben zu einem kaum noch überschaubaren Serien- und Unterhaltungsangebot geführt.

Am Anfang dieser Entwicklung hatte Cornelia Bolesch in der Süddeutschen Zeitung (Dokumentarisches Fernsehen (3): ‚Jedem erlauben, er selbst zu sein‘, vom 27.1.1986) der ARD noch attestiert, »dank Troellers Provokationen zum Faktor in einer überlebensnotwendigen (entwicklungspolitischen, Anm. d. Verf.) Diskussion geworden« zu sein, während die ARD »zum Dank dafür diskutiert, … wie sie seine und anderer Kollegen Arbeitsmöglichkeiten beschneiden kann.« In der Zwischenzeit sind viele Dokumentations- und Feature-Termine an die Programmränder (Nachmittag, später Abend) verschoben und in der Länge von ehemals 45 auf 30 Minuten verkürzt worden. Und manchem ausschließlich quotenorientierten Programmverantwortlichen ist auch dies noch zu lang.

Außer für Gordian Troellers Filmreihe Kinder der Welt ist Elmar Hügler auch für die prominenteste und (beim Grimme-Preis) am häufigsten ausgezeichnete Dokumentationsreihe Unter deutschen Dächern von Radio Bremen verantwortlich. Mit zunehmender Sorge beobachtet er die Politik des Fernsehmanagements, den Erfolg einer Sendung ausschließlich an der Zahl der Zuschauer abzulesen. Für ihn gilt das, was die Einschaltquote vermeintlich an Zustimmung ermittelt, nicht der Dichte, der Substanz, der ‚Qualität‘ der dargestellten Wirklichkeit. Sie zeige vielmehr lediglich den Grad, in dem die Anpassung der Wirklichkeit an den Geschmack der Zuschauer gelungen ist.

Auf den wenigen ihm verbliebenen 20.15-Uhr-Sendeplätzen hemme das Qualitätsaspekte außer acht lassende Diktat der Einschaltquote jeglichen Erfindungsgeist. Sie suggeriere, man habe bei Nichterreichung der vorgegebenen Zahl tatsächlich Pfusch gemacht. Und dieses werde (zumindest atmosphärisch) von der Programmverwaltung so auch noch vermittelt.

Die zur Zeit für ihn daraus zu ziehende Konsequenz präsentierte Elmar Hügler unlängst als »Vorschlag zur Güte« bei einer Fachtagung: »Ich schlage vor, uns endlich diesen Sendeplatz zu nehmen. Schafft uns ab 22.00 Uhr ein Reservat! Das wird die Wirklichkeit im ARD-Programm zwar nicht befördern, sieben Prozent der Zuschauer indes erreichen wir auch da. Was wir verlieren, ist also bestenfalls die Ehre, auf einem populären Platz verheizt zu werden. Was wir verlieren, ist das (im positiven Falle) interesselose Wohlgefallen von ein paar Zufallssehern. Was wir gewinnen (zurückgewinnen), ist weit mehr: den Mut, der Quotenideologie zu trotzen, die Ungeniertheit in der Wahl der Themen, die Unbefangenheit gegenüber Stücken und Autoren. So paradox es ist: Nur hier, im Reservat, weit ab von Medienräson, kann solches noch gedeihen.«

Ein solch abgeschiedenes Dasein im Reservat mag zwar in der aktuellen Situation als erstrebenswertes Ziel erscheinen. Mittel- bis langfristig sollten jedoch alle an Qualitätsfernsehen Interessierten nicht darin nachlassen, den öffentlich-rechtlichen Programmauftrag nach Bildung und substantieller Information auch für das Hauptabendprogramm einzuklagen.

Als hoffnungsvolles Anzeichen dafür, daß sich in der ARD eine Rückbesinnung auf die eigenen Stärken breitmacht, mögen Äußerungen des neuen ARD-Programmdirektors Dr. Günter Struve gelten. In stern-tv (37/1992) antwortete er in einem Interview auf die Frage, was die ARD tue, um die im Informationsbereichliegenden Stärken zu betonen: »Die Information ist eine hochattraktive Ware, und zudem eine, die uns auch noch in zehn Jahren erschwinglich erscheint. Eine, bei der der kommerzielle Wettbewerb gar nicht mit der ganzen Härte zuschlagen kann. Die ARD wird im neuen Sendeschema die Informationsangebote stärker herausstellen. Wir werden klarmachen, daß wir hier das Feld sehen, auf dem die Zukunftsschlacht geschlagen wird. Eine qualitative Schlacht. Dazu gehört an jedem Werktag zwischen 20.15 und 22.30 Uhr ein Informationsschwerpunkt, der klarer strukturiert ist als gegenwärtig.«

Bleibt abzuwarten, wie die ARD-Verantwortlichen den Begriff der Information definieren und mit welchen journalistischen Mitteln und Sendeformen diese programmpolitische Offensive eingelöst werden soll. Es wäre begrüßenswert, wenn an Stelle des deutlich gestiegenen Ereignis-Journalismus ä la Brennpunkt wieder häufiger Reportagen, Features und Dokumentationen zu sehen wären. Weniger Sendungen, in denen mit hohem technischen Aufwand zwar schnell, aber allzu oft leider nur oberflächlich auf politische oder gesellschaftliche Vorgänge reagiert wird und Zuschauer durch spektakuläre Bilder, Expertenaussagen und tendenziöse Politikerstatements um die Chance einer eigenen Urteilsbildung gebracht werden. Und mehr analytisch fundierte Beiträge, die im besten Sinne aufklären, zur differenzierten Meinung befähigen, ohne zu bevormunden. Vielleicht erinnert man sich bei den bevorste-hendenDiskussionen in der ARD an ein Signet namens Gordian Troeller.

Dr. Ulrich Spies, geb. 1947, Studium der Rechts- und Sozialwissenschaften in Göttingen und Frankfurt/M. Seit 1981 verantwortlicher Referent für den Adolf-Grimme-Fernsehpreis des Deutschen Volkshochschul-Verbandes in Marl.