Gordian Troeller im Gespräch

Aus: Kein Respekt vor heiligen Kühen. Gordian Troeller und seine Filme. Bremen, 1992

Gordian Troeller, Luxemburger, wurde am 16. März geboren. Das Jahr verschweigt er. „Nicht etwa aus Eitelkeit, sondern weil dann alle denken, so und so alt, aha – und sich einbilden, meine Arbeit in eine vorgefertigte Schublade stecken zu können.“
In der Süddeutschen Zeitung ist er 65, im Spiegel 67 und in der Weltbühne hat er mittlerweile die siebzig erreicht.
„Die haben sich gesagt, wenn er mit 17 von zu Hause weglief, um im Spanischen Bürgerkrieg zu kämpfen, dann muss er jetzt etwa 70 sein – vielleicht war er damals aber auch erst 16 oder 15 …“

Im Spanischen Bürgerkrieg

Jedenfalls war er überzeugt, daß auch Luxemburger sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen und ihn bekämpfen müssen, und er entschließt sich, Kommunist zu werden. „Ich kam erst gegen Ende des Bürgerkrieges in Spanien an, aber es war früh genug, die Kommunisten am Werk zu sehen. Und das hat mir gereicht. Ich habe erlebt, wie die UdSSR Menschen gegen Waffen ausspielte und ihre Gegner ermorden ließ, vor allem Trotzkisten und Anarchisten, die den Monopolanspruch der Partei in Frage stellten. Brüderlichkeit, Menschlichkeit fand ich bei den Anarchisten. Deshalb ist meine Grundhaltung auch heute noch eine libertäre. Aber wenn man das sagt, provoziert man nichts als Mißverständnisse, denn wer kennt heute noch die Ideen der spanischen Anarchisten, ihre Vorstellungen von einer gerechteren Gesellschaft und was sie geschaffen haben? Das hat nichts mit dem zu tun, was man landläufig unter Anarchismus versteht. Wie dem auch sei, ich habe mich keiner Theorie, keiner Ideologie verschrieben. Wenn überhaupt, dann kann man mir ein gestörtes Verhältnis zur Macht in dem Sinne nachsagen, daß ich gegen das Recht des Stärkeren bin. Die Aufteilung der Welt in Herrscher und Beherrschte scheint mir das Grundübel. Nicht die ideologischen Gegensätze sind es, die uns in den Abgrund führen, sondern ein systemübergreifendes Prinzip patriarchalischer Selbstherrlichkeit. Für mich bedeutet diese Erkenntnis, daß ich keiner herkömmlichen Ideologie das Wort rede, sondern mich einem – wahrscheinlich utopischen – Humanismus verpflichtet fühle. Wenn diese Idee sich in meinen Filmen wiederfindet, dann habe ich etwas erreicht.“

In Portugal

Unversehrt aus Spanien zurück in Luxemburg, flieht Troeller 1940 vor der anrückenden Wehrmacht und schlägt sich zu den Alliierten durch. In Portugal baut er für sie eine Organisation auf, die die Aktivitäten des deutschen Geheimdienstes beobachtet und sowohl rassisch wie politisch Verfolgte aus den von den Deutschen besetzten Gebieten Europas nach Portugal bringt.
Unter anderem geht der luxemburgische Historiker Henri Koch-Kent in seinem Buch Année d’Exil (Luxemburg 1986) auf die Aktivitäten Troellers im Widerstand ein, und Suzanne Chantal widmet ihm ihren Roman La Chaîne et la Trame (Paris 1950), in dem sie seine Arbeit beschreibt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg: Erste journalistische Erfahrungen

Nach dem Ende des Krieges gründen Troeller und Norbert Gomand die Zeitung L’Indépendant, in der sie versuchen, die luxemburgische Kriegsvergangenheit aufzuarbeiten und die Verantwortlichen – vor allem die amtierenden Minister – zur Rechenschaft zu ziehen. Doch jene sind mächtiger und prozessieren so lange, bis der Indépendant finanziell am Ende ist.
Troeller lässt sich als Korrespondent bei der kanadischen Armee in Deutschland akkreditieren, bereist das befreite Europa und berichtet über die Nürnberger Prozesse. Gleichzeitig knüpft er Kontakte zu regionalen Zeitungen in Kanada und verschiedenen Ländern Europas, die sich keinen Auslandsberichterstatter leisten können, aber stolz sind, ihren Lesern einen solchen zu präsentieren. Etwa 60 Zeitungen waren bereit, seine Artikel zu kaufen.
Als Korrespondent geht er 1946 nach Spanien, um über den Untergang des letzten faschistischen Regimes in Europa – das damals in großer Bedrängnis war – zu berichten.
Franco bleibt an der Macht und Troeller landet 1948 im Gefängnis, weil er einem Führer der baskischen Untergrundbewegung zur Flucht nach Frankreich verholfen hatte.
„Eigentlich hatte ich wenig Sympathie für den baskischen Untergrund, aber Sabin Barrena war halt mein Freund. Als ich nach dreimonatiger Einzelhaft dem Militärrichter vorgeführt wurde, beschuldigte er mich, einem Feind des Regimes geholfen zu haben. ‚Nein, ich habe einen Freund in Not in Sicherheit gebracht‘, sagte ich. Damals hatten gerade die Kommunisten in der Tschechoslowakei die Macht übernommen und ich fragte den Richter: ‚Wenn Sie heute in Prag Journalist wären und ein Freund würde nachts an ihre Tür klopfen und sagen: Ich bin in großer Gefahr, bitte hilf mir – was würden Sie tun?‘ ‚Hombre, ich würde ihn retten!‘ – ‚Nichts anderes habe ich getan. Ich habe einem Freund die Freiheit, vielleicht sogar das Leben gerettet. Mit Politik hat das nichts zu tun.‘ Und wie aus der Pistole geschossen antwortete der Richter: ‚Hombre, dafür kann ich Sie nicht verurteilen. Ich werde Sie aber ausweisen müssen, denn die internationale Presse hat Ihren Fall so hochgespielt, daß wir das Gesicht wahren müssen. Sonst könnten Sie hierbleiben‘.“ Das, so meint Troeller, ist – oder war – typisch spanisch.
Er wird nach Holland abgeschoben, weil er auch Korrespondent des Algemeen Handelsblad war. In Amsterdam lernt er Marie-Claude Deffarge kennen.

Marie-Claude Deffarge

„Ich war so in Spanien vernarrt, daß ich den Portier meines Hotels fragte, wo ich im kalten Norden spanische Atmosphäre finden könnte. Er empfahl mir ein Theater, in dem Maria de la Cruz auftrat. Ihre Tänze begeisterten mich und ich wollte sie kennenlernen. Als ich ihr erzählte, daß ich gerade aus einem spanischen Gefängnis kam, setzte sie sich zu mir. Das war sie: Marie-Claude Deffarge. Da sie an der Sorbonne eine wissenschaftliche Arbeit über spanischen Tanz schrieb, hatte sie es für notwendig gehalten, selbst zu tanzen und aufzutreten, um ‚das richtige Gefühl zu bekommen‘. Damals verliebte ich mich in sie und ich konnte sie davon überzeugen, fortan mit mir um die Welt zu reisen.“
Gemeinsam gehen sie 1948 als Wahlbeobachter nach Italien. Gleichzeitig berichtet Troeller über die Länder des Balkan, in die er sich von Oppositionellen heimlich einschleusen lässt.

Der Verlust der journalistischen Unschuld

Als Mossadegh 1952 den Schah aus dem Land jagt, die multinationalen Konzerne enteignet und die Erdölvorkommen verstaatlicht, antworten die Westmächte mit Sanktionen, die den Iran in die Knie zwingen sollen. Der erste ernsthafte Nord-Süd-Konflikt scheint sich zu entwickeln und Troeller / Deffarge wollen darüber berichten.
„Wir lernten Mossadegh persönlich kennen und waren oft bei ihm eingeladen. Als er erfuhr, daß Marie-Claude auch Archäologie studiert hatte, schlug er uns vor, im Auftrag der Regierung einen archäologischen Führer des Landes zu erstellen. Ein fantastisches Angebot, denn so konnten wir in die entlegensten Gebiete des Iran reisen.“
Also fahren sie 26.000 Kilometer durch Persien und fotografieren alles mehr oder weniger Sehenswerte.
„Als wir irgendwo zwischen Isphahan und Shiraz eine alte Festung fotografierten, kam ein Reiter des Weges, ein Stammesfürst, dem wir schon bei Mossadegh begegnet waren. Er sah uns eine Weile zu und sagte dann: ‚Ihr seid wie alle anderen Europäer, die uns besuchen kommen. Euch interessieren nur die Zeugen einer angeblich glänzenden Vergangenheit. Daß aber all dieser Prunk mit dem Schweiß und dem Blut eines geknechteten Volkes erschaffen wurde, daß Hunderttausende versklavt wurden und viele sterben mußten, um das hier zu bauen, läßt euch kalt. Nach diesen Menschen fragt niemand, sie aber waren das eigentliche Persien. Wenn ihr den Iran verstehen wollt, müßt ihr mit der Bevölkerung reden, nicht mit den Herrschenden. Dann werdet ihr begreifen, daß die Prunkstätten, die ihr fotografiert, nicht die Zeugen einer Hochkultur sind, sondern die Grabsteine eines geknebelten Volkes, die Mahnmale einer barbarischen Zivilisation.‘ Und er lud uns ein, mit seinem Stamm durch Persien zu wandern.
So begleiteten wir die Bassiri, einen Nomadenstamm von etwa 40.000 Menschen, auf ihren Wanderungen. Nach sechs Monaten konnten wir nicht mehr so berichten wie vorher. Wir hatten unsere journalistische Unschuld verloren, wenn man das so nennen kann, die Überzeugung nämlich, daß die in den eingeweihten Kreisen der Hauptstädte gesammelten Informationen der Realität entsprächen. Unser Weltbild war zwar erschüttert, doch der Glaube an die zivilisatorische Überlegenheit der westlichen Welt, unser Eurozentrismus, war noch nicht überwunden. Und im nachhinein weiß ich auch warum. Wer waren wir schon als Journalisten und wer sollte uns ernst nehmen, wenn wir nicht aus der Sicht westlichen Überlegenheitsanspruchs urteilten und verurteilten? Wir mußten bekannt werden, Spezialisten der Dritten Welt sozusagen, Autoritäten, um ungehindert das sagen zu können, was uns langsam zur Gewissheit wurde: die kulturelle und wirtschaftliche Verelendung der sogenannten Entwicklungsländer durch den westlichen Fortschrittsimperialismus. – Das gelang uns später beim Stern.“

Für die „Revue“ bei der griechischen Königin

Bis 1958 bleiben Troeller und Deffarge im Mittleren Osten. Sie berichten aus dem Irak, aus Syrien, dem Libanon, der Türkei und dem Iran. Nachdem ihr „Buch Persien ohne Maske“ (Berlin 1958) erschienen ist, wird Troeller von Peter Boenisch, damals Chefredakteur der Revue, eingeladen, die Auslandsabteilung der Illustrierten zu übernehmen.
„Wir Deutschen haben noch keine Auslandserfahrung“, sagte Boenisch. „Sie sollen uns beraten und können Reportagen machen, wo immer Sie wollen.“
Troeller sagt zu. Er besucht Albert Schweitzer, begleitet de Gaulle auf seiner Dekolonisierungsreise durch Afrika, berichtet über die Revolution im Irak und die Haifische im Persischen Golf.
„Eines Nachts wurde ich um vier Uhr aus dem Bett geholt. Krisensitzung der Redaktion im Beisein Kindlers, des Besitzers der Revue. Die Illustrierte hatte eine Fotomontage mit der griechischen Königin veröffentlicht und diese drohte mit Prozessen. ‚Sie sind unser Auslandsexperte, was schlagen Sie vor?‘ fragte man mich. ‚Wieviel sind Sie bereit zu zahlen?‘ wollte ich wissen. Konsternation bei der gesamten Redaktion. ‚Wollen Sie eine deutschstämmige Königin kaufen?‘ – ‚Nicht direkt‘, meinte ich und erklärte, welche Erfahrungen ich mit der Bestechlichkeit hoher und niederer Beamten rund ums Mittelmeer gemacht hatte.“
Man lässt ihn nach Athen fahren, und mit 30.000 Mark wird die Sache beigelegt. Als er zurückkommt, wird er zum stellvertretenden Chefredakteur befördert.

Reportagen für den „Stern“

Aber der Redaktionsalltag macht ihm zu schaffen. Er will wieder reisen, wieder in den Mittleren Osten. Als ihm die Carnegie Foundation anbietet, im Iran eine Studie über internationale Konflikte zu erstellen, packt er seine Koffer.
„Am Vorabend meiner Abreise rief Henri Nannen, Chefredakteur des Stern, an und fragte, ob ich nicht für den Stern arbeiten wollte. Wenn ich schon vorhätte, per Auto über Paris in den Iran zu reisen, wäre ein Abstecher über Hamburg doch kein großer Umweg. – Gesagt, getan.“
Bis 1970 arbeiten Troeller/Deffarge als Reporterteam für den Stern. Schwerpunkt: Dritte Welt und die dortigen Befreiungsbewegungen. In zehn Jahren lernen sie fast alle kennen: in Kuba, Vietnam, Kurdistan, Dhofar, Palästina, Biafra, Sudan, Eritrea, Nord- und Südjemen, Algerien. Ihre kritischen Berichte und Fotoreportagen tragen zur Auflagensteigerung des Stern bei und bald schon können sie von jeder Reise eine Serie, das heißt vier bis sechs Artikel, veröffentlichen. So berichten sie über Sizilien und die Mafia, über den Schah von Persien und seine „Weiße Revolution“. Aus der Karibik schreiben sie einen sechsteiligen Bericht unter dem Titel „Zwischen Kennedy und Castro“ und ein Bericht aus Brasilien trägt bereits 1962 die Überschrift „Bauernmord durch Entwicklungshilfe“.
Ihre kritische Berichterstattung bleibt nicht ohne Folgen. In vielen Ländern werden beide zur „persona non grata“ erklärt: Im Iran, in Brasilien, in Nicaragua und Haiti, in Spanien und Gabun, in Madagaskar und Indien. Eine sechsteilige Serie über Frankreich während des Algerienkriegs führt dort zu einem mehrwöchigen Auslieferungsverbot des Stern. Daraufhin meint Henri Nannen besorgt, ob sie nicht weniger heiße Eisen anfassen könnten.

Über journalistische Unabhängigkeit

Sie hatten schon oft mit dem Gedanken gespielt, weltweit das System zu untersuchen, dem sie die Verantwortung für alle Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen geben: die patriarchalische Ordnung.
„Wir schlugen Nannen also vor, die Situation der Frau in verschiedenen Kulturen zu untersuchen. Er sagte begeistert zu, denn er hatte immer ein Gespür für den sogenannten Zeitgeist. Damals nämlich, Mitte der sechziger Jahre, begann das, was man noch euphorisch die ’sexuelle Revolution‘ nannte, und was heute in Porno-Filmen in Sat.1 und RTLplus seinen traurigen Höhepunkt erreicht hat. Wir erhielten also grünes Licht für die Serie „Die Frauen dieser Welt“, die mit insgesamt 26 Folgen zum Verkaufsschlager wurde.“
Auch andere europäische Zeitungen und Zeitschriften übernehmen die Reportagen von Troeller /Deffarge, wie Le Monde, The Observer, Réalité, Le Monde Diplomatique. Das Team hat erreicht, was es sich vorgenommen hatte: so erfolgreich zu sein, daß es sich nicht mehr an den Vorgaben meinungsbildender Renommierblätter zu orientieren brauchte, um als „gute Journalisten“ zu gelten. Troeller hat selbst erfahren, wie Journalisten und ihre Berichterstattung manipuliert werden können.
„Wir kamen aus dem Nordjemen zurück, wo die Royalisten gegen die Republikaner kämpften. Dort hatten wir El Badr, den totgesagten Imam interviewt und waren vier Wochen lang durch royalistisches Gebiet geritten. Wir waren die ersten und lange Zeit die einzigen Journalisten in diesem Gebiet. Der Stern konnte nicht sofort mit der Serie über den Nordjemen beginnen, aber der Observer hatte schon einen Artikel von uns veröffentlicht und die Redaktion meinte, man solle wenigstens in einem kurzen Artikel die Brisanz unserer Erfahrungen ankündigen. Ich schrieb also den gewünschten Artikel und fuhr anschließend nach Paris. Als ich zurückkam, traute ich meinen Augen nicht. Der Bericht war völlig verändert worden. Nichts stimmte mehr. Was war geschehen? Der zuständige Redakteur hatte Newsweek und New York Times gelesen, sich mit Reuters, AFP, dpa und den arabischen Agenturberichten, wie er meinte, klug gemacht und genau das Gegenteil dessen zu Papier gebracht, was ich geschrieben hatte, obwohl er wußte, daß wir die einzigen waren, die vor Ort recherchiert hatten. Es kam ihm nicht in den Sinn, sich zu fragen, ob diese Medien nicht benutzt würden, um ‚Meinung zu machen‘.“

Im Jemen: Der erste Film

„Warum wir in den Nordjemen kamen, ist eine Erklärung wert. Wir hatten uns im Auto auf den Weg gemacht, um eine Serie über den Nahen Osten zu schreiben und waren in Beirut angekommen. In unserem Hotel wohnte auch Eric Rouleau, ein Freund, der für Le Monde arbeitete. Er war mit drei Reportern von Life verabredet, die gerade aus dem Jemen zurückgekommen waren, und wir schlossen uns ihm an.
Da saßen nun diese drei jungen Männer und beklagten sich: Sie hatten es ohne Schwierigkeiten bis zur jemenitischen Grenze geschafft, denn Saudiarabien wollte der Weltöffentlichkeit unbedingt zeigen, daß der Imam El Badr nicht, wie von den Republikanern behauptet, umgekommen war, sondern persönlich den Kampf der Bergstämme anführte. Als die Life-Reporter an der Grenze von Jemeniten in Empfang genommen und in einen Jeep der Royalisten gesetzt worden waren, wollten sie doch erst einmal sehen, wie das Vehikel, dem sie ihr Leben anvertrauen sollten, beschaffen war. Sie stellten fest, daß es technische Mängel hatte und daß auch die Reifen ohne Profil waren und womöglich nach wenigen Kilometern platzen würden. Daraufhin beschlossen sie, die Reise abzubrechen und nach Beirut zurückzukehren. Und hier saßen sie nun, im besten Hotel, enttäuscht, aber überzeugt, das einzig Richtige getan zu haben.
Ihr Versagen gab uns die Chance, in den Nordjemen zu gelangen. Am nächsten Tag gingen wir zur saudiarabischen Botschaft. Unsere Argumentation war einfach: ‚Was die Life-Korrespondenten verpatzt haben, können wir wieder gutmachen. Der Stern ist ebenso wichtig wie Life; gebt uns ein Visum und wir berichten über El Badr und seine Gefolgsleute.‘ In wenigen Minuten hatten wir das Visum. Sogar der Botschafter empfing uns, um uns eine gute Reise zu wünschen, und zwei Tage später waren wir an der jemenitischen Grenze. Dort warteten 4.000 Krieger auf uns und schrien ‚Long live Life‘. So sollten sie die Amerikaner begrüßen, aber wir klärten das Mißverständnis auf. ‚Long live Stern‘, tönte es dann aus allen Kehlen.
Nach vier Wochen kamen wir nicht nur mit einer guten Reportage zurück, wir hatten auch einen Film gedreht, unseren ersten. Er lief im französischen Fernsehen in der Sendereihe Cinq Colonnes a la Une unter dem Titel „Une Française chez les Guerriers du Yemen“.“

Eurozentrismus verlernen

Die eurozentrische Sichtweise sei auch für ihre Arbeit lange Zeit bestimmend gewesen, meint Troeller. Einige Erlebnisse aber haben ihr Weltbild entscheidend verändert und ihnen das Verhängnisvolle am europäischen Überlegenheitsgefühl bewußt gemacht.
„Es geschah vor etwa 20 Jahren. Die schwarze Bevölkerung des Südsudan hatte sich gegen die Herrschaft des arabischen Nordens erhoben. Wir wollten einen Film bei den Rebellen drehen und mußten heimlich von Uganda in den Sudan geschleust werden. Sieben Männer und vier Frauen vom Stamm der Kakua erwarteten uns am Ufer des Flusses, der hier die Grenze bildet. Die Frauen trugen nur Lendenschurze. Der Rest ihrer ‚Bekleidung’ bestand aus rituellen Narben. Wir mußten durch den Fluß schwimmen. Die Frauen nahmen Marie-Claude in ihre Mitte, die Männer schwammen neben mir. Es gab Komplikationen mit Treibholz und Krokodilen, und wir konnten nur mit größter Anstrengung ans andere Ufer gelangen. Dort umarmten wir uns. Eine rührende Szene, die nach Brüderschaft aussah. Anschließend wurde im Wald gegessen, aber da waren wir wieder getrennte Gruppen. Wir saßen auf einer Zeltbahn und unsere Begleiter hockten 20 Meter entfernt auf dem Boden. Obwohl wir sie immer wieder aufforderten, sich zu uns zu setzen, lehnten sie ab. Am nächsten Tag war es nicht anders. Doch diesmal machten wir nicht den Fehler, sie zu bitten, sondern nahmen unser Essen und setzten uns zu ihnen. Die Diskussion, die hierdurch ausgelöst wurde, dauerte die ganze Nacht.
Sie hatten uns das Leben gerettet, doch mit uns zu essen, das glaubten sie nicht zu dürfen. Einer so intimen Beziehung fühlten sie sich nicht würdig. Nach langem Gespräch kam es an den Tag: Sie waren überzeugt, keine richtigen Menschen zu sein, höher entwickelte Affen vielleicht. Aber Menschen nicht. Noch nicht. Das hatten Missionare ihnen gesagt. Dieses ‚Noch-nicht-Sein‘, als Vorbild aufgezwungen, gepredigt oder vorgelebt, diktiert ihr Verhalten. Verinnerlichung der vom Westen geformten und dank seiner materiellen Überlegenheit akzeptierten Überzeugung, daß die menschliche Entwicklung nur in eine Richtung gehen könne: in die von Europa vorgezeichnete. Im Südsudan wurde dies in dramatischer Weise erlebt und ausgesprochen.
Wir hatten uns einiges über die Kakua angelesen. Ein paar italienische Missionare, ein englischer Ethnologe und zwei weiße Söldner waren hier gewesen. Die Missionare hatten erklärt, daß alle Schwarzen mit unsichtbaren Affenschwänzen auf die Welt kämen, die erst abfielen, wenn sie sich taufen ließen. Erst dann könnten sie sich langsam zu wahren Menschen entwickeln. Auch Lesen und Schreiben müssten sie zunächst einmal lernen. Die Regierung in Khartum hatte die Missionare vertrieben und die Islamisierung des Südens befohlen. Wieder wurde den Kakua gesagt, daß sie keine Menschen seien, solange sie Mohammeds Lehren nicht befolgten. Viele wurden zwangsbekehrt. Auf Widerspenstige wurde Jagd gemacht wie auf wilde Tiere. Die Fragen des Ethnologen waren wie richterliche Verhöre im Gedächtnis haften geblieben. Der Einfluß der Söldner hingegen war eher ein guter, denn sie waren gekommen, um diesen Menschen zu helfen, ihre Lebensart zu erhalten. Sie hatten den Männern beigebracht, mit modernen Waffen umzugehen.
All das wurde uns in dieser Nacht erzählt und immer wieder hieß es: Was haben wir nur getan? Welche Schuld haben wir auf uns geladen? Warum haben uns böse Mächte so arg mitgespielt?
Solche Fragen waren vor der Ankunft der Araber und Europäer nicht gestellt worden. Es hatte Nachbarn gegeben, die anders waren, etwas heller oder dunkler, vielleicht tüchtiger im Jagen oder weniger vertraut mit den Tieren. Sie hatten ihre Tänze und Sitten und man hatte seine eigenen. Man konnte von anderen lernen, aber Vorbild waren sie nicht. Mit dieser Arroganz traten erst die Araber und Europäer auf. Aus dem ‚Nicht-so-sein‘ wie andere wurde das ‚Noch-nicht-so-sein‘.“

Scherzverwandtschaft

„Was konnten wir mit dieser Erkenntnis anfangen? Worte können Situationen klären, aber Verhalten nicht ändern. Durch Zufall hatten wir die einzige Beziehung hergestellt, die das Minderwertigkeitsbewußtsein aufheben konnte: die ‚Scherzverwandtschaft‘. Sie ist in vielen Kulturen üblich. Durch Scherze, Blödeleien und Schabernacks werden Situationen geschaffen, in denen niemand sich mehr ernst nimmt oder ernst genommen werden will. Wir nennen sie ‚Wilde‘ und ‚Neger‘, sie uns ‚Besserwisser‘ und ‚Imperialisten‘. Alle Vorurteile werden ausgesprochen und direkt auf die Person bezogen. Schon nach wenigen Tagen haben all diese Vorurteile ihren Sinn verloren. Jeder ist gleich viel wert. Der Einfallsreichtum unserer ‚Scherzverwandtschaft‘ wuchs täglich. Als wir auch noch Läuse kriegten und uns täglich lausten, war der Mythos von der menschlichen Überlegenheit der Weißen dahin. Die Kakua konnten uns als Gleiche in ihre Familie aufnehmen, und geweint haben wir alle, als wir uns nach sechs Wochen trennen mußten.
Fast überall konnte in traditionellen Gesellschaften ein partnerschaftliches Verhältnis nur dank der scherzhaften Überspitzung der Vorurteile hergestellt werden. Oft ging die Initiative von ihnen aus, zaghaft immer, aber wenn man einmal ein Gespür dafür hat, kann einem die Absicht nicht entgehen. Es ist ein Angebot der Freundschaft und jedesmal geht Erleichterung durch die Gruppe, wenn man zurückfrotzelt und damit kundtut, daß die angebotene Verwandtschaft akzeptiert wird.“

Über das Filmen

„Filmen kann man unter solchen Bedingungen, ohne fürchten zu müssen, etwas zu verfälschen. Die Kamera gehört zum ‚Scherzverwandten’ genauso wie sein Arm und seine Augen. Er nimmt durch das Objektiv am täglichen Geschehen teil. Aber stellen darf man keine Szene, wiederholen, was eindrucksvoll und typisch scheint. Dann fühlen sich die Beteiligten wieder unter Aufsicht, als Objekt, und keine Bewegung stimmt mehr. Ja, es zerstört sogar das Vertrauensverhältnis, das sich langsam entwickelt hat. Plötzlich wird die Kamera eine Autorität, die diktiert, was getan werden soll – und sogar wie. Deshalb lasse ich nie eine Szene stellen. Sie kann die Realität nicht wiedergeben, sie wird zum Theater – nicht nur in traditionellen Gesellschaften, sondern überall.
Ich arbeite mit einer leichten Kamera, die ich unterwegs fast nie aus der Hand lege. Ich bin der ‚Mann mit dem großen Auge‘. Ich benutze auch nie ein Stativ. Es erlaubt vielleicht schöne Bilder und gekonnte Effekte, aber um die Wirklichkeit einzufangen, müßten die drei Beine unsichtbar sein und laufen können. Ich nehme auch nie Licht mit. Wenn es dunkel wird, setzt man sich gemütlich hin und plaudert. Dann erfährt man mehr als in gut geführten Interviews.“
Auch die Tatsache, daß sie immer nur in einem kleinen Team unterwegs sind und nie als ‚das Fernsehen‘ auftreten, beschreibt Troeller als wichtige Voraussetzung, um Kontakte herzustellen und eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Er hat früh die Erfahrung gemacht, wie wichtig es ist, daß das Team aus einem Mann und einer Frau besteht. „Als Mann“, sagt er, „bekomme ich kaum Kontakt zu den Frauen, so daß mir Einsichten und Erkenntnisse über die Hälfte der Menschheit verborgen bleiben würden.“

Noch-nicht-so-sein

„Unser immer noch schwelender Eurozentrismus wurde durch ein anderes Erlebnis endgültig erschüttert.
Wir hatten das Glück, den Jemen zu besuchen, bevor das Land sich der Außenwelt öffnete. Kontakte zu ihren Nachbarn pflegten die Jemeniten zu haben, doch niemand hatte sie erobert und ihnen seine Kultur als die bessere aufgezwungen. Wir standen Menschen gegenüber, die keinen Grund hatten, ihre Lebensart zu rechtfertigen. Was sie taten, war richtig und was wir taten, akzeptierten sie als unsere Eigenart. Wir handelten verschieden, doch wir waren Gleiche. Kein Jemenit schämte sich, dem getöteten Feind die Ohren abzuschneiden, und niemanden erstaunte es, daß wir uns die Zähne mit Bürsten putzten. Wir filmten, sie schossen, wir schrieben, sie bestellten ihre Äcker, tanzten und gingen ihren Geschäften nach.
Auch die Scherzverwandtschaft war hier sehr beliebt. Aber sie hatte nicht die gleiche Funktion wie im Sudan. Es ging nicht darum, Minderwertigkeitsgefühle abzubauen, sondern darum, Unterschiede spielerisch zu überbrücken.
Filmen war ein Vergnügen. Ich legte an, genau wie sie mit ihren Gewehren. Nur bei mir knallte es nicht. Ich brauchte halt ein großes Auge, um besser sehen zu können. Und da die Jemeniten noch nie einen Film gesehen hatten, sich noch nie mit anderen vergleichen mußten, konnten sie gar nicht anders sein als sie selbst.
Im Gegensatz zu den Kakua, die zu Minderwertigen gestempelt worden waren und sich als solche fühlten, waren die Jemeniten mit sich selbst zufrieden, ja stolz, so gute Krieger, Bauern und Moslems zu sein. Gottes Lieblinge sozusagen, genau wie wir.
Zehn Jahre später kamen wir in den Jemen zurück. Das Ergebnis der Öffnung, der ‚Modernisierung‘, war erschütternd. Diesmal mußten wir Scherzverwandtschaft wie im Sudan spielen, um mit alten Bekannten noch verkehren zu können. Filmen war schwer geworden. Wenn wir die Kamera hoben, winkten sie erst einmal ab, verschwanden im Haus und kamen in ihren besten Kleidern zurück. Was nach den eingeführten Kriterien arm und rückständig wirkte – und das war jetzt ihr ganzes Leben – beschämte sie.
Früher hatten sie keine Armut gekannt, und auch jetzt gab es noch genug zu essen, aber sie fühlten sich verarmt. Auch ihre Gesten stimmten nicht mehr, und was sie sagten, klang falsch. Bewußtsein hatte sich eingeschlichen, das Bewußtsein nämlich, ’noch nicht zu sein‘ wie Zivilisierte laut Muster sein sollten.
Das hatte die Modernisierung geschafft, die auch wir 1962 noch befürwortet hatten. Damals berichteten wir über die Revolution der Militärs und hatten noch alle gängigen Vorurteile im Kopf: ein feudales System, ein mittelalterlicher Herrscher, sein Sturz war nur zu begrüßen. Endlich konnte das Land ins 20. Jahrhundert geführt werden und sich der Welt öffnen. Selbstverständlich ergriffen wir Partei für die Revolutionäre und berichteten so überzeugend, daß die Bundesrepublik als erster westlicher Staat die Arabische Republik Jemen anerkannte.
Ein Jahr später hatten wir das Glück, anstelle der Life-Reporter zu den Royalisten zu kommen, die die Republik bekämpften, und wenige Monate danach wieder zu den Revolutionären zurückzukehren. Und langsam begannen wir zu begreifen: Wir hatten es keineswegs mit einer rückständigen Gesellschaft zu tun. Die sechs Millionen Einwohner lebten zwar nicht im Überfluß, aber sie hatten alles, was sie brauchten. Die Architektur war prachtvoll, reiner Luxus. Wir hatten gelesen, daß die meisten Jemeniten Analphabeten seien, doch die kleinsten geschäftlichen Vereinbarungen wurden auf Papier festgehalten. Nur gab es keine Institution, die, wie bei uns die Schule, das Monopol der Wissensvermittlung hat. Man lernte von den Eltern, was man zum Leben brauchte. Es gab keine Armen, keine Bettler, keine Slums. Der Binnenmarkt deckte alle Bedürfnisse der Bevölkerung. Dennoch hatten wir für die Revolution Partei ergriffen. Wir glaubten an das, was im Westen als Fortschritt gilt.
Zehn Jahre später war die Landwirtschaft ruiniert, überall herrschte Korruption, prächtige Bauten waren dem Erdboden gleichgemacht worden, um Straßen für die jetzt eingeführten Autos zu bauen und moderne Hotels für Touristen. Auch das Berufsethos fiel dem ‚Fortschritt‘ zum Opfer. Früher sorgten strenge Regeln für die Sicherung der Chancengleichheit. Alle Mitglieder eines Berufsstandes hatten die gleichen Rechte und Pflichten. Von jetzt an entschied allein die Konkurrenz. Was wir zunächst als Beginn der ‚Entwicklung‘ gefeiert hatten, war in Wirklichkeit der Beginn der Unterentwicklung.“

Verarmungshilfe

„Es fiel uns wie Schuppen von den Augen und wir prägten den Begriff der ‚Vor-Unterentwicklung‘. So bezeichneten wir einen Zustand, in dem die Wirtschaft eines Landes ausschließlich auf die Bedürfnisse der Bevölkerung ausgerichtet ist. Erst wenn ein Land in den Welthandel eingeklinkt wird, wenn seine Wirtschaft den Gesetzen des Weltmarkts ausgeliefert ist, erst dann beginnt jener Prozeß, den wir heute Unterentwicklung nennen.
Diesem Aspekt der ‚Unterentwicklung durch Modernisierung‘ widmeten wir eine ganze Fernseh-Reihe, der wir den Titel „Im Namen des Fortschritts“ gaben. Die unaufhaltsam fortschreitende kulturelle und wirtschaftliche Verarmung der Massen in den sogenannten Entwicklungsländern bestätigt unsere damaligen Analysen.
Der real-existierende Sozialismus hat Pleite gemacht. Er war ja nichts anderes als ein Staatskapitalismus, der nicht weniger fortschrittssüchtig war als der real-existierende Kapitalismus und sich ebensowenig um das Wohl der Menschen kümmerte. Daß der Kapitalismus jetzt triumphierend seinen Sieg feiert, ist ein Hohn, denn seinen Erfolg im Norden der Erde zahlen zwei Drittel der Menschheit mit fortschreitender Verarmung und mit Millionen von Hungertoten. Nicht von ungefähr sprechen Autoren der Dritten Welt von einem schleichenden Holocaust.“

Beziehungen und Zusammenarbeit

Das Weltbild von Troeller/Deffarge wurde nicht nur durch eigene Erfahrungen und Recherchen geprägt. Sie hatten auch das Glück, Menschen zu begegnen, die ihnen halfen, diese zu ordnen. Die wichtigsten sind François Partant, Ingrid Becker-Ross, Ivan Illich, Francisco Julião, Silvia Perez Vitoria, Marie-Christine Aulas. Sie waren oft Mitarbeiter und wurden zu Freunden.
François Partant war entscheidend an den ersten Filmen der Reihe „Im Namen des Fortschritts“ beteiligt. Ingrid Becker-Ross hat alle Filme der Reihen „Frauen der Welt“ und „Kinder der Welt“ mitgestaltet, und bei etlichen Filmen der Reihe „Im Namen des Fortschritts“ war sie ebenfalls beteiligt.
1974 trennen sich Troeller/Deffarge. Marie-Claude Deffarge geht nach Paris, sie arbeiten aber bis zu ihrem Tod 1984 weiter zusammen.
Mittlerweile ist Ingrid Becker-Ross Troellers Lebensgefährtin geworden und, obwohl Troeller immer behauptet hatte, er habe mit der Ehe wenig im Sinn, heiraten sie 1986.

„Wir reisen ja nicht, um festzustellen, daß unsere Thesen stimmen“

Daß die gemeinsam erarbeiteten Thesen, auf denen die Aussagen der Filme basieren, hinterfragt und korrigiert werden müssen, beschreibt Troeller so:
„An Ort und Stelle gehen wir davon aus, daß sich vieles verändert hat, die erarbeitete Dokumentation oder die bisherigen Erfahrungen möglicherweise überholt sind. Wir gehen ja nicht auf Reisen, um festzustellen, daß unsere Thesen stimmen. Wir können durchaus verwirrt sein, wenn unsere Arbeitshypothesen nicht stimmen, aber wir sind nicht unglücklich darüber. Uns geht es darum, aus neuen Situationen Neues zu lernen.
In Tansania zum Beispiel haben sich unsere Ausgangsthesen nicht bestätigt. Bei unserem ersten Besuch 1964 hatte uns Tansania begeistert. Zehn Jahre später, als wir den Film „Zum Teufel mit der Schule“ drehen wollten, machte es uns traurig. Die wirtschaftliche Lage, die menschlichen Beziehungen, die Korruption – alles war jetzt katastrophal. Daran konnten auch die gutgemeinten Schulversuche in den Ujama-Dörfern nichts ändern. Wir haben daraus gelernt, daß eine soziale Veränderung nicht zu erzielen ist, solange das Wirtschaftssystem nicht verändert wird. Deshalb mußte die Schulreform, die Nyerere in Angriff genommen hatte, scheitern. Wir haben das sehr deutlich gesagt, auch wenn wir darüber nicht glücklich waren. Nach diesem Film wurden wir von Nyerere-Fans heftig angegriffen. Aber sollten wir einem Mythos aufsitzen? Uns schien es wichtiger, zu zeigen, was wir gelernt hatten: daß eine Gesellschaft sich nicht verändern kann, wenn das Wirtschaftssystem und die Beziehungen zu den reichen Ländern die gleichen bleiben. Nyerere war der Gefangene einer neuen Bourgeoisie geworden, die ihre Privilegien ausbaute, anstatt an das Wohl der Bevölkerung zu denken.“

Erste Filme – erste Probleme

Das Filmen begann für Troeller/Deffarge eigentlich durch Zufall. Sie machten eine Reportage bei den Turkmenen an der sowjetisch-iranischen Grenze. Troeller hatte eine kleine Filmkamera dabei, während Marie-Claude Deffarge fotografierte. Als sie die Ergebnisse ihrer Arbeiten verglichen, wurde ihnen klar, daß sie sich mehr aufs Filmen verlegen sollten.
„Die Fotos waren schön, ja, hinreißend, aber sie unterschlugen die Realität. Der Film hingegen verheimlichte nichts: die Kröpfe, das Elend, die aufgetriebenen Leiber. Mit dem Fotoapparat sucht man in erster Linie das ästhetische Bild, das Besondere, den Reiz des Lichts. Mit der Filmkamera hingegen muss man auch mal die Gesamtheit zeigen, und dann entdeckt man, was schöne Bilder oft verdecken: die Wirklichkeit. Von nun an nahm ich immer eine Filmkamera mit und so entstanden in Zusammenhang mit den Fotoreportagen für den Stern eine ganze Reihe von Filmen.“
Einige werden von der BBC ausgestrahlt (Jemen, Dhofar, Südsudan), aber Hauptabnehmer ist das französische Fernsehen. Die Zusammenarbeit läuft problemlos, bis Troeller/ Deffarge 1972 einen Film in Madagaskar drehen, einer früheren französischen Kolonie. In ihrem Film gehen sie nicht nur auf die aktuelle Situation, sondern auch auf die Folgen der Kolonisation ein und lassen Menschen zu Wort kommen, die direkt davon betroffen waren.
„So erzählt ein Mann vom Volk der Antandroy, zu welchen Exzessen die Logik der Kolonisierung führen kann. Dank eines Riesenkaktus, dem Rakket, hatten die Antandroy für sich und ihre Rinderherden eine optimale Existenzmöglichkeit gefunden. Die Menschen ernährten sich von den Früchten der Kakteen und von der Milch und dem Fleisch ihrer Tiere. Während der Trockenzeit konnten die Rinder dank der saftigen Kakteen überleben. Aus der Sicht der Kolonialherren hatte dieses System einen grundlegenden Fehler: die Antandroy hatten es nicht nötig, für Fremde zu arbeiten. Und da sie Dickköpfe sind, konnte auch die Kopfsteuer sie nicht dazu bewegen. Sie versteckten sich einfach im Labyrinth ihrer Kakteenfelder, aus denen selbst die gefürchteten Kolonialtruppen aus dem Senegal sie nicht vertreiben konnten. Daraufhin führten die Franzosen ein Insekt ein, die Schildlaus. Innerhalb von zwei Jahren zerstörte sie alle Kakteen der Gegend. 300.000 Rinder starben. Eine Hungersnotbrach aus, die bis heute anhält.
In Frankreich war der amerikanische Einsatz von Entlaubungsmitteln in Vietnam heftig kritisiert worden. Daß aber die Franzosen selbst schon Jahrzehnte vorher ähnliche Mittel angewandt hatten, um die Lebensgrundlage eines Volkes zu zerstören, durfte im französischen Fernsehen nicht gesagt werden.“
Der Film „Die Revolution der kleinen Leute“, 1972 in Madagaskar gedreht, wird abgelehnt. Troeller/Deffarge kommen auf eine ‚Schwarze Liste‘ und können anschließend keine Filme mehr im französischen Fernsehen unterbringen.

Keine Zeit zum Träumen: Film – Bild – Kommentar

Seit 1970 widmet sich Troeller ausschließlich dem Film. Damit verbinden sich andere Arbeitsweisen, aber auch andere Ansprüche und Erwartungen seitens des Publikums.
„Ich hatte als schreibender Journalist begonnen, aber sehr bald erkannt, daß die Dritte Welt mit Worten allein nicht darzustellen ist. Bilder sind notwendig. Also begannen wir, unsere Berichte mit Fotografien zu illustrieren und landeten beim Stern.
Für eine Reportage waren wir meist vier bis sechs Wochen unterwegs und konnten anschließend schreiben, soviel wir wollten: vier bis sieben Folgen, je nachdem, wieviel Material wir mitbrachten. Für jede brauchten wir ein paar ’starke Aufmacherfotos‘, um die Leser neugierig zu machen, und mehrere Bilder für den Text. Diese mußten keineswegs belegen, was im Text stand. Sie waren hauptsächlich der Beweis, daß wir vor Ort gewesen waren und gewissenhaft recherchiert hatten.
Die Fernsehnorm für Dokumentarfilme hingegen stellt mich vor Anforderungen, die kaum zu bewältigen sind. Da soll in 45 – und neuerdings sogar in nur 30 Minuten – schlüssig belegt werden, was in langen Recherchen ermittelt wurde. Vor allem sollen auch noch die Bilder das beweisen, was im Kommentar gesagt wird. Da ich grundsätzlich keine Szene stelle, kommt es schon vor, daß sich Bild und Text nicht gegenseitig belegen. Bei Reiseberichten oder Propagandafilmen ist das einfach, bei wirtschaftlichen und politischen Analysen hingegen ganz unmöglich.
Man wirft mir auch vor, zu dicht zu texten, den Kommentar zu überladen. Die Puristen sind der Meinung, daß ein Dokumentarfilm hauptsächlich von der Aussagekraft des Bild- und Tonmaterials leben sollte und deshalb letztlich auf den Kommentar verzichten müßte. Wenn ich einen Film über die Bundesrepublik drehen würde, wo die Zuschauer mit der Situation vertraut sind, würde auch ich vermutlich weniger sagen. Wenn es jedoch um Fremdes, um die Problematik der Dritten Welt geht, werden kommentarlos ablaufende Bilder die bestehenden Vorurteile nur untermauern. Das heißt, daß der Zuschauer das wenige, das er auf diesem Gebiet weiß, auf die Bilder projiziert und sich in seinen Vorurteilen bestätigt fühlt. Wenn zum Beispiel ein Landarbeiter im Nordosten Brasiliens von der Misere seiner zehnköpfigen Familie spricht und sagt, daß sie langsam verhungern, dann muss ich die Zusammenhänge erklären, die für das Elend verantwortlich sind, sonst nämlich sagt sich der Zuschauer: der soll mehr arbeiten und nicht so viele Kinder zeugen, der ist doch selbst an seinem Elend schuld. Ich muß auch erklären, daß dieser Mann und seine Familie tatsächlich chronisch unterernährt sind, denn Unterernährung sieht man den Menschen meist nicht an.
Oder in einem Flüchtlingslager in Mosambik. Was soll ich da filmen? Die Menschen sind einfach kaputt. Seelisch und körperlich. Unsere Bilder können das kaum vermitteln. Menschliches Leid stellt sich in jedem Kulturkreis anders dar. Dort weniger deutlich für uns, denn unsere Lebensbedingungen, unsere Erwartungen sind nicht übertragbar. Auch das muß gesagt werden.
In einem Kino in Paris lief einmal unser Film über den Iran „Die Weiße Revolution“. Nach der Vorführung rief eine Zuschauerin: ‚Das ist unerträglich. Ihr laßt uns keine Zeit, über den Bildern zu träumen.‘ Und Marie-Claude Deffarge antwortete: ‚Genau das ist unsere Absicht. Ihr sollt keine Zeit zum Träumen haben. Dann nämlich steigen in euch jene Klischees auf, die die Regenbogenpresse und andere Medien euch in den Kopf gesetzt haben. So zu träumen heißt, sich der Wirklichkeit zu entziehen.’
Es heißt auch immer wieder, wir sollten die Menschen in unseren Filmen mehr zu Wort kommen lassen und selbst weniger reden. Ich berichte aus einer Welt, die der Zuschauer nicht kennt, und die, über die ich berichte, kennen die Welt des Zuschauers nicht und können sie ihm nicht erklären. Ich hingegen kenne beide Welten und versuche, zu vermitteln. Wenn ich einen Indio in Peru frage, warum es seiner Familie so schlecht geht, dann wird er mir aus seinem begrenzten Lebensfeld heraus kaum schlüssige Antworten geben können. Frage ich ihn aber nach seinen täglichen Problemen, wird er mir bis ins Detail seine Lebensumstände schildern können. Dieses Wissen vermittle ich im Kommentar aufs Wesentliche gekürzt und stelle es zudem noch in den gesellschaftlichen und politischen Kontext. Für lange Interviews fehlt leider die Zeit. Also kann ich sie nur in ihrem Alltag zeigen und erklären, warum sie so leben. Ich sage nicht, daß das die Ideallösung ist, aber die Zuschauer sollten auch ein wenig Vertrauen in den Filmemacher setzen.“

Drehgenehmigungen

„Filmemacher haben gegenüber schreibenden Journalisten noch einen anderen Nachteil: Sie brauchen eine Drehgenehmigung. Das gilt für die meisten Länder der Dritten Welt. Vor dem Fernsehen haben die Mächtigen dieser Länder eine gewaltige Angst. Sie haben sich nämlich mit Leib und Seele dem westlichen Fortschrittsmodell verschrieben und geben keine Ruhe, solange sie aus ihrem Volk nicht Karikaturen der ehemaligen Kolonialherren gemacht haben. Wer Barfüßige filmt, verletzt die Ehre des Landes. Nur wenn man die Kamera auf das hält, was die Herrschenden für modern halten: Geschäftsstraßen, Wolkenkratzer, schlagkräftige Armeen, Bürger in westlichem Outfit und Bauern mit Krawatte, gilt man als ‚objektiver Filmemacher‘. Um sicher zu sein, daß man nicht filmt, was ihrer Meinung nach dem Ansehen des Landes schaden könnte, wird man meist von einem Beamten des jeweiligen Informationsministeriums begleitet. Aber das ist halb so schlimm. Entweder man legt ein derartiges Arbeitstempo vor, daß er nach wenigen Tagen lieber im Auto schläft, als den Wachhund zu spielen, oder man bessert sein Gehalt ein wenig auf.
In Ägypten verlangte der Chef des Informationsministeriums mein ‚Ehrenwort als Gentleman‘, daß ich ohne Begleiter nicht filmen würde. Ich gab es freimütig und filmte anschließend auf Teufel komm raus. Ich konnte mir nämlich unter den gegebenen Umständen nicht vorstellen, was dieser wichtige Herr unter ‚Gentleman‘ versteht und habe deshalb einen unserer schönsten Filme nach Hause gebracht. Selbstverständlich protestierte die ägyptische Botschaft in Bonn nach der Ausstrahlung des Films.
Um in Indien filmen zu dürfen, muß man unterschreiben, den Film vor der Ausstrahlung der Botschaft in Bonn vorzuführen und allen eventuellen Änderungswünschen zu entsprechen. So wurde zum Beispiel ein Bericht der ARD über Indira Gandhi dreizehnmal verändert, bis nichts mehr übrig blieb als reine Hofberichterstattung.
Die in Indien akkreditierten TV-Korrespondenten müssen jeden Bericht, der länger als acht Minuten ist, der Zensur vorlegen. Auch ich unterschrieb vor einigen Jahren, daß ich den Film der Botschaft vorlegen würde, tat es dann aber selbstverständlich nicht. Ich wollte es auf einen Prozeß ankommen lassen, endlich einmal der Öffentlichkeit klar machen, mit welchen Schwierigkeiten TV-Korrespondenten in der Dritten Welt zu kämpfen haben. Leider beließ es die indische Botschaft bei einigen Drohanrufen bei Radio Bremen.“

Über die Arbeit der Korrespondenten

„Ich kann mir einen solchen Eklat leisten, denn ich bin nicht gezwungen, noch einmal in Indien zu drehen. Aber wie steht es mit den dort akkreditierten Korrespondenten? Die müssen sich mit Kritik zurückhalten, sonst sind sie weg vom Fenster. Und das gilt für die meisten Länder der Dritten Welt. Daß die Korrespondenten und ihre Anstalten sich damit abfinden, ist selbstverständlich. Sie haben keine Wahl. Da hat sich ein Mensch auf ein Land eingestellt, hat alles gelesen, die nötigen Kontakte geknüpft, eine schöne Wohnung und liebe Freunde, und nun soll er all das aufs Spiel setzen, indem er berichtet, was wirklich Sache ist? Wem kann man das schon zumuten? Die Anstalten sind ja einverstanden.
Hier liegt einer der Gründe, weshalb sich unsere Filme so radikal von der üblichen Auslandsberichterstattung unterscheiden. Wir brauchen keine Rücksichten zu nehmen. So wird vielleicht auch verständlich, warum unsere Berichte von vielen Fernsehgewaltigen immer wieder als überspitzt, verzerrt, dogmatisch, apodiktisch oder unsachgemäß kritisiert werden. Sie enthüllen nämlich beim genauen Hinsehen, daß die festen Korrespondenten aus der Dritten Welt nur sehr beschränkt berichten können und das kostspielige Nachrichtennetz der Anstalten zwar schnelle Nachrichten, aber nur oberflächliche Analysen liefern kann oder darf.
Printmedien haben die gleichen Probleme. Deshalb schicken sie hin und wieder einen Sonderkorrespondenten in die betreffenden Gebiete. Was der dann schreibt, kann dem akkreditierten Vertreter nicht angelastet werden, obwohl meist er es ist, der die brisanten Informationen liefert und so endlich einmal Dampf abläßt, ohne fürchten zu müssen, des Landes verwiesen zu werden.
Als eine Art ‚Sonderkorrespondenten‘ sollte man auch uns akzeptieren, anstatt uns vorzuwerfen, in ‚fremden Jagdgründen zu wildern‘.
Unsere Filme bringen manchmal sogar den lokalen Vertreter der ARD in Schwierigkeiten, denn sie werden ja im ersten Programm ausgestrahlt. Oft genügt dann der Hinweis, daß wir gar nicht dazu gehören, sondern freie Mitarbeiter sind. Jedesmal, wenn es Ärger gab, konnte dieses Argument den Korrespondenten zumindest entlasten. Deshalb stellen wir uns auch nie bei ihm vor oder bitten ihn um Hilfe. Er (oder sie) soll nicht mit uns in Verbindung gebracht werden können. Die Korrespondenten haben keinen einfachen Job.
Hautnah erlebten wir das vor vielen Jahren in Indien, als wir eine Reportage für den Stern machten. Wir wohnten bei Hans-Walter Berg, dem damaligen Korrespondenten in Delhi. Er gab uns seine Informationen, die er jahrelang hatte zurückhalten müssen, und wir schrieben einen aufsehenerregenden Bericht. Kurz darauf fragte ihn ein Herr der Deutschen Botschaft in Delhi, ob er wisse, wen er beherbergt habe. ‚Gordian Troeller und Marie-Claude Deffarge‘ war seine Antwort. – ‚Sie irren, Troeller ist Bormann, der Stellvertreter des Führers (Adolf Hitler). Die indische Regierung hat uns den Tip gegeben‘. Da konnte Hans-Walter Berg sich vor Lachen nicht mehr einkriegen, denn wir hatten uns schon als Kinder kennengelernt.“

Der Mut des Redakteurs

Was die Redaktion von Radio Bremen immer wieder erstaunt, ist die große Zahl von Zuschauerbriefen. Es gab Filme, da mußte sie bis zu 1.500 Zuschriften bewältigen, davon waren die meisten positiv. Bemerkenswert scheint dabei vor allem, daß es immer wieder heißt: „Wo nimmt Troeller den Mut her, so zu berichten, er soll um Gottes Willen so weitermachen, sich nicht unterkriegen lassen.“ Es wurden sogar Unterschriften gesammelt und Protestmeetings organisiert, als Troellers Position nach der Ausstrahlung des Films „Die Nachkommen Abrahams“ – einer kritischen Bewertung der israelischen Besatzungspolitik – gefährdet schien.
„Viele Zuschauer wissen also, daß das, was sie alltäglich an Berichten serviert bekommen, nicht unbedingt ihrer Information dient. Sonst nämlich würden sie nicht befürchten, daß es Kopf und Kragen kosten kann, wenn man gegen diesen Informationsstrom anschwimmt.“
Troeller meint jedoch, daß es nicht sein Verdienst ist, weiterhin im Programm zu sein. Das hat er vor allem Elmar Hügler, dem verantwortlichen Redakteur von Radio Bremen (1) zu verdanken, der trotz massiven Drucks zu seinem Autor steht.
„Seinen Mut sollten die Zuschauer würdigen. Mein Verdienst ist es lediglich, daß ich nicht bereit bin, meine Filme der ’vorherrschenden Meinung‘ anzupassen und mich weigere, den fortschreitenden Verdummungs- und Entpolitisierungsprozeß zu unterstützen. Ich versuche nur, die angeblich wertfreien und somit meist wertlosen Informationen wertend zu entmystifizieren.“

Die entwicklungspolitische Diskussion und das ‚Scheitern der Modelle‘

„Weil ich keiner Partei angehöre, ideologisch nicht so recht einzuordnen bin, gingen die meisten ‚Dritte-Welt-Theoretiker‘ zu mir auf Distanz. Auch weil ich mich an der theoretischen Diskussion nicht beteiligte, sondern mich damit begnügte, an konkreten Beispielen aufzuzeigen, wie sehr die im Norden konzipierten Theorien im Süden in der Praxis versagten.
Daß die gesamte ‚Entwicklungsstrategie‘ zur fortschreitenden Verarmung der betroffenen Völker geführt hat, wird heute fast einmütig anerkannt. Man spricht vom ‚Scheitern der Modelle‘ und bedauert, daß sich die Dritte Welt ‚jenseits theoretischer Begreifbarkeit‘ unterentwickelt hat.
Offensichtlich hat man einen der Wesenszüge der Entwicklungshilfe nicht berücksichtigt, die Tatsache nämlich, daß sie Menschen zusammenführt, zwischen denen ein unüberbrückbares Machtgefälle besteht und deren Interessen nicht zu vereinbaren sind. Der Dünkel, Menschen anderer Kulturen ‚zu entwickeln‘, also dem Selbstbild anzupassen, kann doch nur dazu führen, herkömmliche Überlebensstrategien zu zerstören und selbständige Initiativen im Keim zu ersticken.
Das ist im sogenannten Abendland seit wenigstens 500 Jahren Tradition. Zunächst mußte das Christentum dafür herhalten, den Überlegenheitsanspruch des weißen Mannes zu rechtfertigen. All jene, die nicht wie er an seinen angeblich einzig wahren Gott glaubten, erklärte er zu minderwertigen Geschöpfen, zu Heiden, denen er das Heil bringen müsse, hatte doch Gott den Christen aufgetragen, dies zu tun. So kürte der weiße Mann sich zur Krone der Schöpfung und zum Retter der Menschheit.
Die Ergebnisse sind bekannt: Unter dem Schutz des Kreuzes wüteten Feuer und Schwert. Millionen wurden ermordet, Millionen wurden versklavt, und wer übrigblieb, wurde getauft.
Das war das erste Entwicklungsmodell, das Europa, wo immer es konnte, der übrigen Welt aufzwang. Es wurde dabei reich, die Bekehrten hingegen immer ärmer, vor allem kulturell.
Im Laufe der Zeit entdeckten die Europäer, daß der christliche Glaube die Welt doch nicht erklären könnte. Wissenschaft und Rationalität traten an seine Stelle. Von nun an wurden sie ins Feld geführt, um die Überlegenheit des weißen Mannes zu rechtfertigen. Materiell war er ja der stärkere und konnte den Süden der Welt zwingen, seinem Vorbild nachzueifern.
So entstand das zweite Entwicklungsmodell, und es wirkte nicht weniger zerstörerisch als das erste: 60% der Südbevölkerung leben heute unterhalb der Armutsgrenze, täglich sterben dort 40.000 Kinder an Hunger oder leicht zu heilenden Krankheiten. Die Schulden der Länder der Dritten Welt belaufen sich mittlerweile auf 1.900 Milliarden Dollar – eine unvorstellbare Summe. Zwar pumpen die Industrienationen jährlich etwa 10 Milliarden Dollar an Entwicklungshilfe in diese Länder, doch von dort fließen in der gleichen Zeit an die 60 Milliarden Dollar in die Banken des Nordens. Dennoch wird kräftig weiter ‚entwickelt‘. Das neue Evangelium heißt Fortschritt, Modernisierung und wird nicht weniger fanatisch verbreitet als das Christentum. Bekehrt werden die ‚Heiden‘ in unseren Universitäten und in Schulen, die von uns eingeführt wurden. Die neuen Missionare nennen sich Entwicklungshelfer, und wie seinerzeit Kirchen und Kathedralen schießen allerorts Entwicklungsprojekte aus dem Boden. Ein wirtschaftlicher Aufschwung ist dennoch nicht in Sicht, die kulturelle Gleichschaltung hingegen ist nahezu abgeschlossen.
Bei den Navajos in Nordamerika stieß ich auf eine überlieferte Prophezeiung. Sie besagt, wenn alle Menschen die gleiche Sprache sprechen, ist das Ende der Welt gekommen. Tatsächlich gibt es wohl keine Alternative mehr zum Denken des weißen Mannes, es sei denn, in seiner Gesellschaft wüchse die Besinnung und führte zu einem radikalen Umdenken.
Angesichts des entwicklungspolitischen Debakels und der daraus drohenden Gefahr für den Norden wird auf höchster Ebene erwogen, den verarmten Teil der Menschheit nicht mehr als Entwicklungspotential zu betrachten, sondern als globalen Sozialfall zu behandeln. Das heißt, sie nach vorprogrammierter Verarmung nun endgültig zu Bettlern zu erklären und ihnen genug zu geben, damit sie nicht aufmüpfig werden. Caritas zu unserem Nutzen.
Die Theoretiker hingegen geben sich weiter Mühe, neue Entwicklungsmodelle zu entwerfen. Schon 1974 denunzierte ich in der Serie „Im Namen des Fortschritts“ die gängige ‚Entwicklungshilfe‘ als „Verarmungshilfe“. Damals wurde ich als ‚linker Spinner‘ abgetan, und heute wollen Spezialisten nicht wahrhaben, daß jemand, der keine ‚wissenschaftliche Legitimation‘ hat, immerhin schon vor fast 20 Jahren das Scheitern jeder wie auch immer ausgerichteten Entwicklungspolitik voraussagte.
Ich bin weiterhin der Meinung, daß es selbst eine ‚alternative Entwicklung‘ nicht geben kann, sondern allenfalls eine Alternative zur Entwicklung, und die kann nur von den Betroffenen selbst gefunden werden, unter Ausschluß der ‚Entwicklungshelfer‘.
Damit stehe ich schon wieder im Gegensatz zu den Spezialisten und der Mehrzahl der NRO’s (Nichtregierungsorganisationen), deren Vertreter – wohl bezahlt, versteht sich – den angeblich ‚Unterentwickelten‘ mit zweifelhaften Rezepten zu einem besseren Leben verhelfen wollen. Daß die Überlebensstrategien dieser Menschen, die von unseren Theoretikern als ‚Schattenwirtschaft‘ bezeichnet werden, nach dem voraussehbaren Kollaps der Umwelt und damit unseres Wohlstandes wahrscheinlich dann auch die unseren sein werden, das will keiner hören.“

Nachtrag

Bis 1998 hat Gordian Troeller noch gedreht. Mit 82 Jahren hört er schweren Herzens auf zu filmen. Gleichgewichtsstörungen machen ihm die Arbeit mit seiner geliebten 16mm Kamera unmöglich. „Kinder dieser Welt“, diese letzte Filmserie, schließt er mit einem Zusammenschnitt aus seinen früheren Dokumentationen ab – einer Art Bilanz, die 1999 gesendet wird. Der Titel: „Wenn die Irrtümer verbraucht sind“.

Gordian Troeller starb am 22. März 2003.

In 36 Jahren und 89 Filmen hat er die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklungen an vielen Brennpunkten des 20. Jahrhunderts mit der Kamera verfolgt. Über fast alle Freiheitsbewegungen der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts hat er berichtet. Er hat die Antriebskräfte der westlichen Gesellschaften analysiert, ihr Selbstverständnis in Frage gestellt und vor den Auswirkungen des „Fortschrittsdenkens“ gewarnt.

(1) Unter der Rubrik Über Gordian Troeller befindet sich auf dieser Website ein Aufsatz von Elmar Hügler: Ein Fall für sich – Meine Arbeit mit einem Unikat.