Marie-Claude Deffarge im Gespräch

Warum „Im Namen des Fortschritts“?

Es ist merkwürdig, unsere beiden Leben plötzlich von außen zu betrachten und Bilanz zu ziehen nach 30 Jahren Arbeit und Reisen. Es ist ein bißchen, als wenn man auf dem Gipfel eines Berges steht und im Tal wie eine Fata Morgana all die Menschen vorbeiziehen sieht, denen wir begegnet sind, die kämpften, die wir ein Stück auf ihrem Weg begleitet haben, für kurze Zeit, für die Dauer einer Reportage. Denn wenn es eine Kontinuität in unserem Leben gegeben hat, dann die, Zeugen zu sein. Wir haben nichts anderes getan, als in Fotoreportagen und Filmen von Kriegen, von der Guerilla zu berichten.

Für Karrieristen könnte das ein gutes Markenzeichen abgeben und wir könnten uns heute mit unseren Abenteuern brüsten: sie sind zahlreicher und amüsanter als eine Filmographie es zum Ausdruck bringen kann. Bislang sind es 35 Filme, aber mehr als 70 Fotoreportagen. Und die Reise um die Welt, die von Patagonien nach China und nach Japan führte – aber auf den längsten Wegen und über viele Jahre hinweg – um die Situation der Frauen der Welt zu erforschen. In gewisser Weise auch eine Art Kriegsberichterstattung…

Vielen erscheint das Leben eines Reporters wie ein Traum. Abenteuer, Risiken, Reisen im Jeep oder auf dem Rücken eines Kamels. Im Jet den Atlantik überqueren oder in einem Hubschrauber ausbrechende Vulkane oder die Schlachtfelder von Vietnam überfliegen.

Eine Tatsache ist aber auch, daß die großen, hektischen Reporter, die ehrlich bleiben wollen, eines Tages zusammenbrechen. Die Leser und Betrachter einer Fotoreportage wissen nicht, was es heißt, aus dem bewaffneten Widerstand in Kurdistan zurückzukehren und zu wissen, daß die Vernichtung bevorsteht, oder aus dem Südsudan, wo man erlebt hat, wie ein ganzes Volk ausgelöscht wird – und man fast mit ihnen getötet wurde -, nachdem man im gleichen Jahr über Biafra und Vietnam, den Kampf um Aden vor der Unabhängigkeit und die Belagerung von Sanaa berichtet hatte. Und dann hört man einen eingebildeten Chefredakteur sagen: „Also, gab es nicht mehr Tote, mehr Blut – nur so wenige enthauptete Herrscher?“
Dann möchte man am liebsten alles hinschmeißen.

Daß wir es nicht getan haben, dafür gibt es sicher zwei Gründe: vor allem, weil wir immer den übertrieben hektischen Stil abgelehnt haben, weil wir nicht am ‚guten Geschäft‘ interessiert waren, weil wir uns Zeit genommen haben und jedesmal sehr lange an einem Ort geblieben sind, Monate, wenn es nötig war. Das ist das Gegenteil von Rentabilität in diesem Beruf.

Und außerdem, weil wir 1959 François Partant begegnet sind, damals Wirtschaftsexperte, der fest an seine Mission glaubte, den armen Ländern helfen zu können, die Unterentwicklung zu überwinden. Er war empört über die Intrigen, die faulen politischen Kompromisse, die Korruption westlicher Geschäftsleute – Bestechungen, um internationale Wirtschaftsverträge abzuschließen, gibt es ja nicht erst seit heute – und all die Lügen.

Er empfand wie wir, daß wir alle Teil der großen Lüge waren, mit der wir den Begriff der Unterentwicklung umgeben. Unterentwicklung ist nicht das, was man uns in den Tageszeitungen vermitteln will. Und François Partant, der Wirtschaftstheoretiker der gesamten Reihe Im Namen des Fortschritts, hatte den Mut, aus dem System auszubrechen und zur ökonomischen Theorie zurückzukehren. Zwei Jahre seines Lebens hat er den Filmen der Reihe Im Namen des Fortschritts gewidmet, seit zehn Jahren schreibt er wieder ausschließlich.

Und das wollten wir zusammen zum Ausdruck bringen: daß die Unterentwicklung kein ’natürlicher‘ Zustand ist. Die Länder, die sich angeblich auf dem ‚Weg der Entwicklung’ befinden, sind keineswegs Länder, die auf dem Weg zum Fortschritt zurückgeblieben sind – und sich nun anschicken, diese Verspätung aufzuholen -, und es handelt sich auch nicht um arme Länder. Sie sind die Opfer des Weltwirtschaftssystems, das seit Jahrhunderten von den herrschenden Nationen errichtet wurde.

Die Unterentwicklung ist ein Prozeß, der darin begründet ist, daß die reichen Länder die wirtschaftlich schwächeren Länder für ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen nutzen. Die abhängigen Länder arbeiten damit nicht mehr für ihren eigenen Profit, sondern für das Wachstum derer, die sie beherrschen.

Dieser Prozeß hat mit den kolonialen Eroberungen der großen europäischen Mächte begonnen und beschleunigt sich in dem Maße, in dem der ‚Fortschritt‘ in die unterdrückten Länder Einzug hält.

Alle Anstrengungen, die Kluft zu verringern, die mit jedem Tag zwischen dem Club der reichen Länder und den Ländern der Dritten Welt deutlicher wird, sind gescheitert. Darin sind sich alle einig.

Es wird wohl keine Lösung geben, solange die Länder, auf deren Kosten die Reichen immer reicher werden, nicht das Entwicklungsmodell in Frage stellen können, das von den Industrienationen geschaffen wurde, und solange sie nicht Nein sagen zu diesem ‚Fortschritt‘.

Aus: Cinéma 77, April 1977

Von François Partant sind folgende Bücher erschienen:

La Guerilla économique. Edition Seuil, Paris, 1976
Que la Crise s’aggrave. Edition Solin, Paris, 1978
Le Pédalo Ivre. Edition Solin, Paris, 1978
La Fin du Développement. Naissance d’une Alternative? Librairie François Maspero, Paris, 1982