Geld macht weiß

Stern, Heft 9,  4. März 1962 –

Sie heißen Wolfgang, Hans, Sepp, Karl und Franz. Ihre wuchtigen Nacken haben sich vorsichtig in den Raum geschoben. Die gebrechlichen Bänke haben unter ihrem Gewicht geächzt. Die Trommeln haben zwei Takte ausgelassen. Die Engel sind etwas erschrocken.

Aber jetzt ist alles wieder wie vorher. Der Gottesdienst geht weiter. Die Gläubigen tanzen zum Rhythmus der drei Trommeln, die sich rufen, sich antworten und mit den Göttern sprechen. Neger, Mulatten, Weiße werden hier zu Engeln und Göttern. So will es die Religion. Sie fallen in Trance und werden von dem Gott besessen, dem sie geweiht sind und dessen Leben im Himmel sie hier und jetzt auf der Erde tanzen. Mit nackten Füßen, denn ein Gott muss den Boden fühlen, auf dem er Fleisch und Blut wird.

Oshala, der Gott aller Götter, fährt in einen jungen Mulatten, der ein weißes Gewand trägt. Weiß ist die Farbe des Herrschers im Himmel. Der Mann fällt in Trance – der Gott tanzt.

Alle Götter und Göttinnen sind jetzt erschienen. Solange die Trommeln schlagen, werden sie diese Tänzer besitzen. Sie lieben diese Musik, dieses rhythmische Gebet, weil es ihnen Leib und Seele der Gläubigen öffnet. Wie alle Götter müssen sie Gestalt annehmen. Denn ein Gott, der keinen Gläubigen mehr hat, in dem er Blut und Fleisch werden kann, ist kein Gott mehr. Er ist tot. – Hier leben sie in ihren Söhnen und Töchtern, die jetzt keine Männer und Frauen mehr sind – die Götter tanzen selbst.

„Scheen is se nich“, sagt Wolfgang.

„Welche?“

„Keene.“

„Was machen wir bloß hier?“, flüstert Karl. „Ich hab gehört, so ein Candomble wäre etwas Erotisches.“

„Hier stinkt‘s, das ist alles “, sagt Hans.

Jemanja tanzt vorüber, die Göttin des Wassers. Sie kommt auf mich zu. Ich stehe auf, und sie berührt mein Gesicht mit ihren Lippen. Claude steht auf und wird von der Göttin geküsst. Alle Zuschauer werden umarmt. Wolfgang, Hans, Sepp, Heinrich und Karl bleiben sitzen und wenden sich ab. Nur Franz steht auf und lässt sich umarmen.

„Was fällt dem verschwitzten Weib bloß ein?“, ruft Heinrich.

„Mit einem schöneren Mund wüsste ich schon was anzufangen. Haha.“ Das war Sepp, wenn ich nicht irre.

Jemanja zögert eine Sekunde vor der blonden Gruppe. Ihre Lider sind geschlossen, aber sie sieht, wie alle Götter, ohne Augen. Sie dreht sich langsam um und lässt sich wieder von den Trommeln führen. Ihre Bewegungen werden wilder, ihr Körper zittert, schluchzt, schreit, bäumt sich auf. Alle Glieder der Göttin besingen Herrlichkeit und Tiefe des Wassers. Leib des Lebens.

„Da kann dir alle Lust vergehen“, seufzt Hans.

„Alles Schwindel“, meint Wolfgang. „Wo sind die tollen Weiber? Ich sehe nur dicke Negerinnen. Der Professor soll mal herkommen.“

Der Professor kommt. Wir kennen ihn gut. Er ist Mulatte, Ethnologe an der Universität von Bahia.

„Wo sind wir hier?“, will Wolfgang wissen.

„Im Tempel eines Cadomble.“

„Warum?“

„Sie wollten etwas Echtes sehen, erinnern Sie sich. Das hier ist echt. Touristen können sonst hier nicht rein. Nur weil ich diese Religion in diesem Tempel studiere, habe ich Sie mitbringen dürfen.“

„Pst“, macht Franz, „ich finde das fantastisch.“

„Man soll nie auf Intellektuelle hören“, sagt Sepp. „Die verderben immer den Spaß. Der Franz hat uns das eingebrockt. Lass uns abhauen.“

„Sagen Sie, Professor, kennen Sie keine bessere Adresse?“

„Das hier ist die Beste.“

„Stellen Sie sich doch nicht so dumm …“

Der Professor wendet sich ab. Er kommt zu uns, außer sich, und flüstert auf Portugiesisch: „ Ich koche, Troeller, ich möchte weinen. Ich habe immer geglaubt, die Deutschen liebten Kultur und Wissen. Deshalb studiere ich Deutsch. Was würde man in Deutschland sagen, wenn ich mich in einer Kirche benehmen würde wie im Bordell? Wenn ich nur gekommen wäre, um unter den Betenden etwas ‚Abendfüllendes‘ auszusuchen. Ja, was würde man sagen, wenn ich den Gottesdienst unterbrechen würde, um zu erklären, dass Christus schwitzt und stinkt und jede Nonne eine alte Hure ist. Bitte, Troeller, was würden alle sagen? – Neger, würden sie sagen, dreckiger, ungebildete, obszöner Neger – und sie würden mich davonjagen wie einen Irren.“

Wir versuchen ihn zu beruhigen. Dann frage ich, woher er die Deutschen kennt.

„Da ich Deutsch spreche, haben die Behörden mich gebeten, ihr Führer zu sein. Sie bauen irgendwie einen Staudamm oder so was Ähnliches. Sehen wir uns morgen?“

„Ja, Sie müssen uns viel über den Gott Oshala erzählen. Wer ist er?“

„Christus – auf seine Weise.“

„Und Jemanja, die Göttin des Wassers?“

„Die Jungfrau Maria. Hier in Brasilien haben die afrikanischen Götter ein christliches Gewand angelegt, um salonfähig zu werden. Im Himmel gibt es die gleichen Klassenunterschiede wie auf Erden. Lächeln Sie nicht. Sie wissen ganz genau: Wenn man schwarz ist, steht man unten, ganz gleich, ob Gott oder Mensch, ob im Himmel oder auf Erden.

Der weiße Mann hat die Welt erobert. Seither bestimmt seine Weltanschauung den Wert aller Dinge. Wer nicht ‚weiß’ denkt, ist minderwertig – sozial und menschlich. Ein Neger, der angesehen sein will, muss den Lebensstil der Weißen nachahmen: Einehe, Zweireiher, Dreieinigkeit, vier Jahreszeiten, Goldzähne, Messer und Gabel, Spülklosett und Geburtenkontrolle. Nur so steigt man die soziale Leiter hinauf.

Es genügt auch nicht, gläubig zu sein. Man muss auch ‚richtig‘ glauben und es zeigen nach dem Himmelfahrtsknigge der Weißen. Deshalb werden diese Tänze morgen früh zur Messe gehen.

Nicht anders ist es mit den Göttern. Sie tragen die Namen katholischer Heiliger. Aber es ist nur eine weiße Maske auf einem schwarzen Gesicht. Eine soziale Maske. Eine Farbretusche im Himmel. Die Mythen und Rhythmen sind die gleichen geblieben wie in Afrika.“

Wolfgang, Hans, Sepp, Heinrich und Karl winken ungeduldig.

„Ich darf nicht unhöflich sein“, sagt der Professor. „Ich bin noch schon lange ein Weißer. – Bis morgen.“

Er wollte einen Scherz machen, aber er hat recht. Hier, in Brasilien, ist er ein Weißer, denn er ist Professor, hat etwas Geld, ist christlich verheiratet und benimmt sich tadellos. Er ist gesellschaftsfähig – mithin weiß.

Es gehört zu den vielen Wundern Brasiliens, dass es kein Rassenproblem im herkömmlichen Sinn gibt. Es gibt nur ein Problem der Farbe, deren Schattierungen nicht vom Mischungsgrad zwischen Kaffee und Milch abhängen, sondern vom Geldbeutel.

„Geld macht weiß “, sagt man hier.

Und es stimmt, dass ein reicher Schwarzer nicht mehr als Neger angesehen wird, während ein miserabler Weißer leicht zum „Neger“ werden kann. Aber ein anderes Sprichwort fügt hinzu: „Eine weiße Haut ist Gold wert.“ Auch das stimmt. Beim Klimmzug an den Sprossen der sozialen Leiter erwischen weiße Hände weit weniger Splitter als schwarze Finger.

„Mensch, möchte ich Ihre Haare haben.“ Der Friseur liegt die Schere auf den Rand des Waschbeckens und wischt sich den Schweiß aus dem braunen Gesicht. „Mit solchen Haaren können Sie alle Negerinnen und Mulattinnen erobern. Das sind ein paar Millionen. Knapp gerechnet.“

Ich habe Haare zwischen den Lippen und will sie erst mal weggeblasen, bevor ich antworte. Er fischt ein paar heraus und hält sie gegen das Licht: „Gold“, meinte er neidisch, „davon ist jedes einzelne zehn Weiber wert. Knapp gerechnet, natürlich.“

Er scheint meine Gedanken zu erraten, denn er fährt fort:

„Keine Angst, mein Herr, es bleiben noch genug, um bis ans Lebensende glücklich zu sein. – Kommen Sie, wir müssen ein Bier trinken. Sie zahlen dann beides zusammen.“

Ich kratze mir die Haare aus den Ohren und folge ihm in die nächste Kneipe.

Die kleine Mulattin, die uns bedient, scheint die Theorie meines Friseurs nicht zu kennen. Sie lächelt mir nicht einmal zu.

„Maria“, sagte er, „hol dir auch ein Bier und setzt sich zu uns. – Sie hat zwei Kinder von mir“, fügt er leise hinzu, während die junge Frau eine neue Flasche Bier bringt. „Knapp gerechnet, denn sie hat vier oder fünf.“

Maria ist sehr hübsch. Ihre vorstehenden Backenknochen lassen erkennen, dass hier auch ein wenig Indianerblut mitgemischt hat.

Der Friseur zupft sich ein paar meiner Haare von Ärmeln und legt sie auf den Tisch. „Mit solchen Haaren wäre ich auch der Vater deines dritten Kindes, was? Hast du die Haut gesehen, die dazugehört?“

Zum ersten Mal schaut die Mulattin mich richtig an. Ungezwungen wandert der Blick über mein Gesicht, um in meinen Augen stehen zu bleiben.

„Und blaue Augen hat er auch“, sagt sie lächelnd. „Du hast recht, José, wenn meine Kinder so aussehen würden, wäre ich glücklich.“

Ich sehe mich plötzlich auf dem Viehmarkt, Abteilung Bullenkrönung, mit einem Lorbeerkranz auf den Ohren, und verbeuge mich höflich.

„Ich verstehe sie gar nicht“, sage ich. „Sie sind eine bezaubernde Frau, Maria, gerade weil Sie nicht weiß sind. Schauen Sie sich doch mal an, zum Teufel, da kann einem Hören und Sehen vergehen. “

Ich blähe die Nüstern. Sie wird traurig.

„Möchten, Sie Kinder haben, die so aussehen wie ich?“, fragt sie mit leiser Stimme.

„Es brauchen ja nicht gleich …“ Mein Mund bleibt offen. Ich fühle förmlich meine stolzen Ohren herunterklappen.

„Ehrlich gesagt, ich habe nie daran gedacht.“

„Weil jeder Weiße nur ans Vergnügen denkt, wenn er eine Frau meiner Farbe sieht“, ruft sie böse und sieht noch hübscher aus. „Als Mutter seiner Kinder … Buh! – Oh, protestieren Sie nicht.“

„Ich protestiere gar nicht.“

„Ich auch nicht“, meint José, „und ich bin auch nur ein halber Weißer.“

„Nur bist du der Vater meiner ersten Kinder. Glaubst du, ich hätte dich deinetwegen genommen? “

„Meine Farbe gefällt mir “, sagt José stolz, „und sie wird noch vielen deiner Art den Kopf verdrehen. Da kannst du Gift drauf nehmen.“

„Weiße Kinder möchte ich haben“, seufzt Maria, „richtige Herrenbabys, mit weißen Beinchen, rosa Popo, feinem Mund und spitzer Nase. Mein Gott …“

Ihr Blick verliert sich träumerisch in meinen Augen. Und schon hab‘ ich das Gespräch vergessen und glaube, wie alle Männer, an meinen ganz persönlichen Charme. José gähnt.

Als ich einige Tage später erfahre, dass ein Däne (32 Jahre, ein Meter achtzig, 200 Pfund, blond, blauäugig) von seinem Schwiegervater nicht mehr gegrüßt wird, weil der Sprössling seiner jungen Ehe das Licht der Welt mit schwarzen Augen erblickte und sogar geschmacklos genug war, krause Haare zu produzieren, begreife ich die Bedeutung der Farbe noch besser. Der aufgebrachte Gutsherr war keineswegs schwarz, nicht einmal braun. Nein, er war weiß wie ein Spanier oder Italiener, mit einem kaum merkbaren negroiden Einschlag. Er war wie die meisten „weißen“ Brasilianer. Aber wie fast alle, wollte auch er die Farbe beständig machen und veredeln. Er wollte, dass seine Tochter ihr „Blut reinigt“, wie man hier sagt, und die neue Generation das Aushängeschild einer farbreinen Vergangenheit würde. Das einzige Adelswappen in einer Rassendemokratie. Es ist nichts anderes als der europäische Stolz auf einen guten Namen oder adlige Abstammung. Man ist eben aus einem „guten Stall“ und will nichts mit Proleten zu tun haben. Auch bei uns wird manche Bürgerin zur Kupplerin, wenn blaues Blut um ihre Tochter wirbt.

Wir sind in Salvador, der Hauptstadt des Staates Bahia, in dem siebzig Prozent aller Einwohner Farbige sind. Auf dem Ball der Debütantinnen, dem eleganten Heiratsmarkt der guten Gesellschaft, sehen wir jedoch keine Negerin, nicht einmal eine Mulattin – und auch keine farbigen Männer. Der einzige ausgesprochene Mischling ist ein Mädchen mit der goldbraunen Haut der Indianer. – Die indianische Vergangenheit wird nicht verleugnet. Sie erregt ein stilles Heimweh an die glorreiche Zeit, eine Bewunderung für die tapferen Krieger, die lieber sterben, als Knechte zu werden. Man ist stolz auf sie. Aber kann man stolz sein auf Vorfahren, die als Sklaven kamen – als Arbeitstiere aus Afrika? Sicher nicht, denn die schwarze Farbe ist ein Makel in der sozialen Vergangenheit. Man verleugnet diese Vorfahren genauso, wie Gräfinnen die Magd im Stammbaum vertuschen, die ihre Großväter in einer schwachen Stunde zur „Verjüngung des Blutes“ nahmen.

In den Bars hingegen wimmelt es von Mulattinnen. Hier hat keine Weiße eine Chance:

„Die Braunen sind die Magierinnen. Sie zwingen die Weißen zu sagen: So wie die Braune liebt, kann die weiße Frau es nie …“

Unzählige solcher Verse besingen die Liebeskunst der „Mulatinha“. Sie ist die Zentralfigur der Schnulze, die Kleopatra der brasilianischen Erotik. Selbst jeder improvisierte Fremdenführer besteht – neben der Besichtigung der Barockkirche und der Besteigung des höchsten Wolkenkratzers – auf einem Ausflug ins Land der braunen Liebe.

„Wenn ich doch nur eine Mulatinja wäre oder ein Mann.“

Der Seufzer fällt so schwer in mein Whiskyglas, dass ich es hinstellen muss und meine Begleiterin ansehe. Sie könnte aus einem Gemälde Botticellis geschnitten sein. Ich werde Frau nie verstehen: Wie kann diese Märchenfee eine Mulattin beneiden?

„Die haben wenigstens was vom Leben. Schau doch hin.“

Die Paare, die um uns herum tanzen, sind fast alle gemischt: helle Männer mit dunklen Frauen, die lachen und manchmal mehr tun.

Ich nehme Terezas Hand und führte sie an meine Lippen. Es soll ein Kompliment sein.

„Bist du verrückt “, ruft sie. „Soll ich ewig Jungfrau bleiben? Die Männer, die sich hier amüsieren, dürfen nie an meiner Tugend zweifeln.“

„Kennt man dich hier?“

Sie lächelt: Diese Kerle sind die Sprösslinge der guten Gesellschaft, von denen einer mich eines Tages … “, sie spitzt den Mund, „ erlesen wird, um die Mutter seiner Kinder zu sein. Bis dahin muss sich brav sein. Du weißt, ein Mann ist keine Frau.“

„Gott sei Dank.“

„Mach es mir doch nicht schwer. Ich geb mir schon alle Mühe, dir gegenüber wie ein modernes Mädchen zu erscheinen. Und du weißt gar nicht, wie gut es tut, sich endlich mal ausquatschen zu können. Ich meinte die doppelte Moral. Eine für Männer und eine für Frauen. Wir müssen keusch sein bis zur Ehe und züchtig bis ins Grab. Amen.“

Tereza ist rot geworden. Ich lade sie zum Tanz ein.

„Aber mit Abstand “, flüstert sie, „ die Herren Bewerber müssen zwischen uns hindurchsehen können. “

Ein junger Mann winkt ihr zu. Sie stellt mich vor: „Ein Freund meines Vaters“, sagt sie schnell, „du kannst dir gar nicht vorstellen, wie lange wir betteln mussten, um ausgehen zu dürfen.“

Wir tanzen weiter. „Hoffentlich glaubt er es“, sagt sie besorgt. „Es ist ja sogar wahr.“

Ihr Bekannter küsst jetzt seine Partnerin. Tereza gibt mir einen Stoß: „Siehst du, Mulattinnen und Negerinnen dürfen. In ihrem Milieu haben die Männer keinen Erstlingsfimmel. Schau sie dir an, unsere stolzen Hähne. Wenn ich mir vorstelle, dass ihre einzige Ehre unserer Keuschheit ist, wird mir richtig übel; komm, ich muss schnell was trinken.“

Ich gieße ihr nur ein wenig Whisky ein. Tereza stürzt einen großen Schuss nach. „Lass mir doch wenigstens das Vergnügen, ein Mal frei zu reden. Ohne Whisky geht das nicht. Glaubst du, ich möchte zum Psychiater rennen, wie Conçeição und Leila?“

Ich versuche sie zu beruhigen, aber sie trinkt und schwatzt weiter. „Weißt du, warum die Mulattinnen den Ruf haben, Meisterinnen der Liebeskunst zu sein? Ganz einfach. Weil sie keine Konkurrenz haben. Wir dürfen ja nicht. Und später sieht jedermann es als einen Verstoß gegen seine Ehre an, wenn seine Frau auch die Geliebte sein möchte. Du verstehst. Schon wieder diese Ehre. In Rio und São Paulo ist das anders. Gott sei Dank. Aber der Rest Brasiliens. Buh. – Du kennst meine Schwester. Sie hat einen Amerikaner geheiratet. Weißt du, dass mein Vater sich fast mit ihm verkracht hat?“

„Erzähl.“

Tereza lacht. Ihre Augen blitzen schelmisch. Sie trinkt noch einen kräftigen Schluck. „Pass auf. Hier ist der Dialog, wie meine Schwester ihn mir erzählt hat:

– Vater (väterlich): Harry, mein Junge, manchmal kommt es mir vor, als wären die Amerikaner keine richtigen Männer.

– Harry (verwirrt): Aber Fernando, du hast zwei Enkel in zwei Jahren bekommen. Schneller geht es nicht, sogar im Atomzeitalter. Haha.

– Vater (immer noch väterlich): Jaja, mein Junge. Großartige Burschen sind sie. Aber das meine ich nicht. Hm, hu …

Harry (amerikanisch): Na, raus mit der Sprache, alter Knabe. Wir sind unter Männern.

– Vater (vorsichtig): Mir ist noch nicht zu Ohren gekommen, dass du dich amüsierst.

– Harry (stolz): Und die Kater, die ich jeden Morgen liebevoll pflege, sagen die dir gar nichts?

– Vater (halb amerikanisch): Ich rede nicht vom Whisky. Ich meine Frauen. Du hast keine Geliebte. Warum?

Harry (verblüfft): Aber Fernando! Meine Frau genügt mir.

– Vater (erblassend): Das verbiete ich dir!

– Harry (stotternd): Wwwwas?

– Vater (ohne Appell): Ich verbiete es dir! Basta!

– Harry (bestürzt): Aber Vater …

– Vater (unterbrechend): Schluss damit! Morgen besorgst du dir eine Geliebte oder ich beschaffe sie dir. Ein Mann muss eine Geliebte haben, sonst spricht man schlecht von seiner Frau. Und hier geht es um meine Tochter.

Die Tür knallt. Vorhang. Ende eines Familiendramas.

– Titel: Liebe bei feinen Leuten

– Hauptrolle: die männliche Ehre

– Helden (unsichtbar): die Mulatinha

– Opfer (unsichtbar): die brasilianische Frau“

Tereza hat die Stimmen nachgeahmt, ihren Vater parodiert. Wir schütteln uns vor Lachen. Hier ist eine 24 jährige Studentin, die ausgelassen ist wie ein Kind, weil sie für wenige Stunden aus dem Käfig der Konventionen fliehen durfte.

Die Haltung des brasilianischen Mannes in der Liebe ist sozial bedingt. Wie bei der Farbe handelt es sich darum, sich klar abzuheben. Die Freiheit gehört den unteren Klassen, den Negern und Mischlingen, die lieben dürfen, weil sie keine „Ehre“ haben, das heißt keinen Namen, keinen Stand, kein Geld, kein Ansehen verlieren können.

Sie nützen diese Ungebundenheit der Armut auch weitgehend aus. Wir haben Männer getroffen, die zwanzig Kinder hatten, von zehn verschiedenen Frauen und sich nur noch um die letzte kümmern. Geheiratet wird selten: Es sei denn, dass man die soziale Leiter schon ein wenig hinaufgeklettert ist und sich „benehmen“ muss. Die Moral beginnt beim Briefträger. Darunter wird afrikanisch gelebt, das heißt: herkömmliches Konkubinentum, das durch die Proletarisierung ein wenig in Unordnung geraten ist.

Und was den Armenrecht ist, ist den Reichen billig. Les extrêmes se touchent, sagt der Franzose, was in diesem Fall bedeutet, dass die ganz feine Gesellschaft in ihren Palästen genauso durcheinander liebt wie die Stallbewohner der Vororte. Wenn man ganz oben ist, hat man keinen Namen mehr zu verlieren: Er kann höchstens interessant verschnörkelt werden. Kein Wunder, dass die gute Gesellschaft wie ein Mann gegen die Scheidung ist und sie bis heute unterbunden hat. Warum sollte man sich das Leben komplizieren?

Die Opfer sind hier nur die biederen Bürger, der Mittelstand, der tapfer um seinen Ruf kämpft, indem er seine Jungfrauen an die Front geschickt. Die Herren Kavaliere reiten in der Etappe ihren Mannesstolz zum Siege. So will es die Zivilisation des Hahnes, aus Portugal eingeführt, durch italienische Emigranten verstärkt, unter tropischer Sonne zu voller Blüte entfaltet. – Und manche tapfere Kämpferin rächt sich für den männlichen Verrat – nach der Hochzeit.

Der Katholizismus hat keinen Anteil an dieser komplizierten Welt des sozial gestaffelten Männlichkeitsfimmels. In einem Land, wo Rassen, Kulturen und Religionen sich seit Jahrhunderten mischen, hat er gelernt, großzügig zu sein.

„Brasilien ist das größte katholische Land der Erde“ heißt es in den Schulbüchern. Ein großes Land – sicher, aber von Katholizismus in unserem Sinne kann bei der Mehrzahl der Brasilianer kaum die Rede sein. Auf siebzig Millionen Einwohner kommen nur neuntausend Priester. Das ist einer der niedrigsten Prozentsätze der christlichen Welt. – Aber geglaubt wird hier. Ja, Gläubige gibt es vielleicht mehr als irgendwo anders, denn nirgends sind die Kontraste so groß, die Widersprüche so gewaltig, die Menschen so hilflos, die verzweifelten Anstrengungen des Einzelnen so nutzlos wie in Brasilien. In einer solchen Lage steigert sich die ewig panische Angst vor dem Irrationalen ins Maßlose. Die Aussichtslosigkeit des irdischen Kampfes zwingt mehr denn je, sich mit allen übernatürlichen Mächten zu versöhnen und zu verbünden. Seien es der Gott der Christen, die Götter Afrikas, die Seelen der Verstorbenen, die magische Kraft von Steinen, Wurzeln, Schlangen oder die um Mitternacht geschnittenen Fingernägel einer schwangeren Frau.

Es ist deshalb kein Zufall, dass echter Katholizismus eigentlich nur von den oberen Klassen praktiziert wird. Je tiefer man die soziale Leiter heruntersteigt, umso größer wird die Häufung vieler Glauben in einem Menschen: Er will sich alle verbünden und seine gesellschaftliche Isolierung in göttlicher Gesellschaft ertragbar machen. Es handelt sich ja gar nicht mehr ums Seelenheil. Nein. Jetzt und hier, wo die Solidarität der Menschen versagt, sollen ihm die Götter helfen: die Lunge heilen, die Schmerzen aus der Hüfte vertreiben, Liebe vermitteln, das Los verbessern.

Was ein einzelner Gott nicht kann, vermögen vielleicht mehrere. Aus dem Christentum zieht man die „starken Gebete“ des Mittelalters und die irdische Protektion der Heiligen. Aus Afrika die Götter, die den Elementen gebieten und die Trance schenken, in der man Rausch und Erlösung findet. Man wird selbst Gott, für einige Stunden, und übertanzt so auf himmlischer Ebene die gesellschaftlichen Schranken des Alltags. Und es gibt den Spiritismus, der Brasilien im Sturm erobert hat, weil die Seelen der Verstorbenen sich kundtun, um den Lebenden Ratschläge zu geben fürs tägliche Leben. Es handelt sich immer darum, Trost zu finden, Hilfe und Ersatz für soziales Nichtssein. Nur so erklärt sich, dass Weiße, die gesellschaftlich „Schwarze“ geworden sind, auch oft in den afrikanischen Sekten aufgehen – und es mehr Zauberer gibt als Ärzte.

Mein Freund Silvano ist ein schwarzer Zauberer, der seine Praxis in einem Menschenstall von Rio hat. In seinem Sprechzimmer stehen viele Heiligenbilder. Hinter ihm hängt ein Christusbild neben der polizeilichen Bescheinigung, dass er ein echtes Medium ist.

Es fasziniert mich jedes Mal, wenn Silvano in Trance fällt und ein vor hundertfünfzig Jahren verstorbener Indianer des oberen Amazonas in ihn hineinfährt. Er zischt und gurgelt dann wie eine alte Lokomotive, bis der Indianer gemütlich in seinem Körper Platz genommen hat. Und dann spricht Silvano plötzlich mit einer anderen Stimme in gebrochenem Portugiesisch. Er ist nur noch das Medium, durch das der Indianer heilt, Ratschläge gibt und Schicksale deutet. Wenn man etwas mehr bezahlt, lässt er sich auch zur „Schwarzen Magie“ überreden. Dann werden kleine Puppen, die Feinde des Kunden darstellen, mit Nadeln durchbohrt, und es werden Zauberformeln gemurmelt, die Krankheit und Unheil bringen. Der gute Silvano macht das so überzeugend – besonders das vulkanartige Gurgeln, unter dem der Indianer wieder ausfährt -, dass ich ihn für einen alten Schwindler halte. Meine einzige Testmöglichkeit ist Alkohol, Schnaps. Im normalen Leben trinkt Silvano nicht. Aber der kühne Jäger vom Amazonas ist förmlich verrückt nach Feuerwasser. Er nützt seine kurzen Passagen auf Erden so unverschämt aus, dass Silvano nicht umhin kann, zu erklären: „Im Himmel gibt es keinen Tropfen Schnaps.“ Er beklagt sich nicht über die Mengen, die er trinken muss, wenn der Indianer in ihm sitzt. Es tut ihm nur weh um das Geld. Denn oft gehen drei bis vier Liter Zuckerrohrschnaps in wenigen Stunden die braune Gurgel hinunter.

Ich habe einen halben Liter davon probiert und hatte sicher zwei Promille. Aber Silvano erwacht aus seiner Trance und ist vollkommen nüchtern. Selbst wenn der vier Liter getrunken hat, spricht er normal, geht sicher, nimmt sein Fahrrad und fährt nach Hause. Außer dieser unverständlichen Immunität gegen Schnaps habe ich keinen Beweis, dass Silvano wirklich in Trance fällt und dem Trunkenbold aus den ewigen Jagdgründen zum vorübergehenden Aufenthalt dient.

Die beiden jungen Männer, Serge und Francisco, haben Jura und Philologie studiert. Sie sind erklärte Marxisten, bewundern Castro und basteln selbst politisch ein wenig herum, um Brasilien in neue Bahnen zu lenken. Typische brasilianische Linksintellektuelle. – So hatte ich sie in Erinnerung. Ich bin deshalb erstaunt, dass diese weißen Herren mehr über afrikanische Religionen wissen als mein brauner Professor aus Bahia. Unterwegs erklären sie mir, dass die neue Religion, die sich anschickt, Brasilien zu erobern, weit entfernt ist von den afrikanischen Sekten, die ich im Süden und Norden des Landes gesehen hatte.

„In Rio und São Paulo vollzieht sich die Synthese“, meint Serge. „Sie heißt Umbanda. Eine Mischung von afrikanischem Animismus, indianischem Ritual und europäischem Spiritismus, mit Spuren aus der katholischen Heiligengeschichte. Die große Hochzeit aller Kulturen, die sich hier begegnen.“

„Die Verschmelzung des kollektiven Unterbewusstseins aller beteiligten Völkergruppen“, erklärt Francisco. „Das scheint mir die beste Definition.“

„Na, du wirst dir sehen.“

Wir gehen zunächst in einem kleinen Tempel, wo Francisco sich einen Weg durch die Tanzenden bahnt, um sich von einem indianischen Gott seinen rheumatischen Arm behandeln zu lassen.

Im zweiten Tempel erklärt mir ein soeben materialisierter Syrer aus dem 16. Jahrhundert, dass ich viel reise und ein interessantes Leben führe. Mittlerweile hilft Serge einer tanzenden Göttin, das Gleichgewicht zu halten, während zwei schwarze Götter den Rauch dicker Zigarren über Serge blasen und so die bösen Geister verscheuchen, die in seinen Kleidern sitzen.

Im dritten Tempel ist der Teufel los. Verzeihung: Götter und Geister sind losgelassen in einer ekstatischen Verzückung, wie ich es noch nie gesehen habe. Weiße, Mulatten, Neger tanzen zum Rhythmus der Trommeln so schnell, so präzise, so gut, mit geschlossenen Augen, ohne sich zu berühren, auf wenigen Quadratmetern, dass es unmöglich Menschen sein können.

Im Lido, in Paris, würden sie ein Vermögen verdienen – denke ich und ziehe mich in eine Ecke zurück, um nicht zu stören. Der Boden ist weich. Ich rückte ein wenig. Er ist noch weicher – und rund. Wir stehen gedrängt. Es ist ziemlich dunkel. Ich fühle mich gar nicht wohl. Und plötzlich stürzt ein Indianer mit Kopfschmuck und glühenden Augen auf mich zu: „Oshumari“, schreit er. „Sie stehen auf Oshumari.“

Serge wird weiß und murmelt einige Entschuldigungen. Ich lehne mich gegen die Wand und suche festen Boden. Der Indianer bückt sich. Als er wieder erscheint, hängt eine große Schlange um seinen Hals.

„Oshumari, der Gott der Schlangen“, flüstert Francisco.

Indianer und Schlange starren mich an.

„Der fremde Bruder kommt von weit her“, sagt Serge, „er konnte nicht wissen. Bitte verzeih.“

„Es ist ihm verziehen.“

„Darf ich nachher ein paar Worte an alle richten?“, fragt Serge wieder.

„Wann du willst.“

Der Indianer erhebt die Hand; die Trommeln schweigen. Götter und Seelen treten brav an die Wände, während Serge zum Altar schreitet.

„Meine Brüder“, sagt er mit bewegter Stimme, „ihr habt eine wundervolle Harmonie geschaffen. Europa, Afrika und unsere indianische Vergangenheit erleben hier ihre Synthese. In diesem Haus der Götter lebt Brasilien. Es gibt keine Grenzen mehr zwischen den Rassen, zwischen Arm und Reich. Wir alle sind gleich. Lasst uns diese Brüderschaft auch ins Leben tragen, auf die Straße, und ein neues Brasilien aufbauen. – Das musste ich euch sagen. Habt Dank. “

Die Götter und Geister klatschen begeistert Beifall. Die Trommeln rufen wieder. Der Tanz geht weiter.

„Ich dachte, Serge sei Marxist“, sage ich zu Francisco.

„Ist ja auch.“

„Und er glaubt an Götter und Seelenwanderung.“

„Natürlich.“

Jetzt steht mein Geist auf schwankendem Boden. – Was soll ich auch noch lange fragen, ob hier Menschen Götter werden oder Götter Menschen, ob Geister tanzen oder Marxisten glauben, weiße Seelen schwarzer Götter Trommeln werden … Trommeln, Trommeln. Ja – Trommeln. Ich folge den Trommeln, sehe Rhythmus, bin nur noch Rhythmus, weder Geist, Gott, Mensch, Neger, Indianer, Luxemburger oder Franzose. – Nur Rhythmus, Rhythmus, Rhythmus.

Ich weiß nicht, wie lange ich getanzt habe, ob ich getanzt habe oder wer mich getanzt hat. Ich weiß nur, dass meine Beine wehtun und ich etwas Luft schnappen muss.

Vor der Tür sitzen zwei Männer. Ein Weißer und ein Schwarzer.

„Die Seelen haben keine Farbe, sagt der Schwarze.

„Doch“, ruft der Weiße.

„Wo?“

„Im Himmel. Die schwarzen sind die Diener der weißen.“

„Das ist nicht wahr.“

„Doch.“

„Und in der Hölle?“

„Da sind alle Seelen schwarz.“

„Woher weißt du?“

„Ich hab’s gelesen.“

„Du lügst.“

„Sag das noch mal.“

„Meine Herren“, sage ich feierlich, „bevor Sie diesen Streit auf gewaltsame Weise austragen, möchte ich Ihnen sagen, dass ich ein weit gereister Mann bin und sowohl den Himmel als auch die Hölle kenne.“

„Aha“, sagt der Schwarze, „und wie sieht es da aus?“

„Im Himmel haben die Seelen keine Farbe, keine Vergangenheit, keinen Zwang, keine Grenzen. Sie tummeln sich frei nach ihrer Wahl. – In der Hölle hingegen bleiben die Farben, die irdische Vergangenheit. Dort müssen die Seelen im Gleichschritt marschieren, die schwarzen gegen die weißen, die roten gegen die braunen, die gelben gegen ich weiß nicht wen. Nur das Blut, das fließt, hat die gleiche Farbe …“

„Das klingt schön“, meint der Neger.

„Ich bin gar nicht sicher“, sagt der Weiße. „Das ist irgend so eine Propaganda. Ich glaube, Sie verschwinden besser, bevor ich recht verstanden habe.“

Ich verschwinde.