Mit Geld gegen Kennedy

Stern, Heft 10,  11. März 1962 –

Willy Lupion liebt keine Besen. Besonders keine politischen Besen. Deshalb sprang er schnurstracks über den Ozean, als Präsident Janio Quadros vor einem Jahr in Brasilia einzog und das große Reinemachen losging. In der Schweiz stieß Willy zu den bereits vorausgeschickten vierhundert Millionen Mark, die sein Exil ein wenig aufheiterten .

Mittlerweile hat sich die Lage in Brasilien radikal geändert. Janio musste den Besen in die Ecke stellen, die Koffer packen und selbst ins Exil gehen. Willys Stunde scheint wieder gekommen. Er will zurück in die Heimat, denn seine Freunde sind wieder an der Macht. Und Freunde hat Willy viele. Über dreißigtausend Männer verdanken ihm Geld und Einfluss, und mindestens zehnmal so viele sind fanatische Anhänger seiner Methoden.

Willy hat seine Laufbahn als Bonbonverkäufer begonnen. Aber 1945 hatte er es bereits zum Gouverneur des Staates Paraná gebracht – zum Segen seines Bankkontos und seiner vielen Freunde.

Früh schon hatte er begriffen, dass man nur dann wirklich ungestört stehlen kann, wenn man so viele Menschen wie möglich am Geschäft beteiligt; unter besonderer Berücksichtigung der politischen Freunde. Die konsequente Befolgung dieser Überlegung machte Willi zum Meister in der Stellenvermittlung. Im Laufe von fünf Jahren vergab er 30.000 Regierungsposten, davon jedem mindestens viermal. Die guten Freunde ließ er nach wenigen Tagen zum höchsten Tarif pensionieren.

Als eines Tages die drei Posten als offizielle Balsamierer frei wurden, ernannte Willy gleich 600 neue – genug, um sämtliche Einwohner seines Staates ausstopfen lassen zu können.

Bald waren keine Stellen mehr zu vergeben. Aber Willy sprühte vor Einfällen. Er forderte von der Zentralregierung das Recht, eine Million Morgen Land unter einer Immobiliengesellschaft zusammenfassen zu dürfen. Schon am nächsten Tag verkaufte er dieses Land: 40 Mark pro Morgen für Freunde – 140 DM für sonstige Liebhaber. Das Geschäft ging so gut, dass er auch anliegende Ländereien an seine Freunde verteilte. Und als die rechtmäßigen Besitzer sich widersetzten, schickte er einfach die Soldaten. War er nicht Gouverneur? Über hundert Bauern mussten ins eigene Gras beißen.

Willys brillanteste Idee war jedoch eine andere: Er erklärte seinen Staat zum „Notstandsgebiet“und führte Enteignungen durch im Werte von 50 Millionen Mark, mit denen er seine politischen Freunde und die Geschäfte seiner Familie finanzierte.

Als der Besen Janio Quadros am politischen Horizont aufstieg, wollte Willy noch schnell ein paar zusätzliche Gefolgsmänner für die unsichere Zukunft schaffen: Er verkaufte die öffentlichen Gärten von Curitiba, der Hauptstadt seines Staates, zu Spottpreisen. Den João-Gulberto-Platz für 28 Mark und sieben andere Plätze für 40 Mark das Stück, einschließlich Karussell, Spielplätzen, Brunnen, Marmorstatuen usw.

Der Staat Paraná gehörte nicht zum Norden Brasiliens, der, „wie hier jeder weiß“, rückständig, voller Neger und korrupt ist, sondern zum fortschrittlichen, stolzen, weißen Süden.

Dass Willy von Janios Besen davonlief und jetzt wieder zurückeilt, zeigt deutlich, was Quadros in Brasilien bedeutete und lässt zum Teil erkennen, warum er gehen musste.

Andererseits kann nichts die politische Lage Brasiliens und ganz Lateinamerikas besser illustrieren als dieser dramatische Abgang, der das Land an den Rand des Bürgerkrieges führte, und dessen Auswirkungen heute nicht noch abzusehen sind.

John Kennedy macht Revolution

Der Rücktritt Janio Quadros‘ trifft besonders die Vereinigten Staaten. Er bedeutet für die neue Politik Washingtons eine größere Niederlage als die missglückte Invasion Kubas. In Lateinamerika steht Präsident Kennedy zum ersten Mal einem mächtigen Gegner aus dem eigenen Lager gegenüber: dem Big Business. Kennedys neue Konzeption der interamerikanischen Beziehungen, die Roosevelts „Gute Nachbar-Doktrin“ an Großzügigkeit und Weitblick übertrifft, wird systematisch von den amerikanischen Privatinteressen sabotiert: Sie machen ihre eigene Politik. Im Falle Quadros siegten sie und bewiesen, dass sie sich nicht um die fortschrittlichen Ideen ihres Präsidenten kümmern, wenn es um ihr Geld geht. Es ist deshalb sicher nicht übertrieben, wenn objektive Beobachter behaupten, John F. Kennedy setze seine Präsidentschaft nicht in Berlin, Laos oder Afrika aufs Spiel, sondern hier auf dem amerikanischen Kontinent.

Die neue Politik des Präsidenten drückt sich durch das „Bündnis für den Fortschritt“ aus, dass Kennedy selbst den „Pakt des Jahrhunderts“ genannt hat. Drei Wochen vor dem Rücktritt Janio Quadros‘ war dieses Bündnis in Punta del Este von allen amerikanischen Staaten, mit Ausnahme Kubas, unterzeichnet worden. Die Vereinigten Staaten verpflichteten sich, mit 20 Milliarden Dollar Wirtschaftshilfe dazu beizutragen, die soziale Struktur Lateinamerikas grundlegend zu ändern. Das ist eine Revolution der amerikanischen Politik. Es handelt sich nicht mehr darum, Positionen zu verteidigen, indem man einer Gruppe von Männern mit Geld hilft, an der Macht zu bleiben. Im Gegenteil: Präsident Kennedy will diese Männer zwingen, die Grundübel der Unsicherheit auszurotten: veraltete Gesellschaftsformen und ungerechte Verteilung des Nationalvermögens.

Die Bedeutung dieses Kurswechsels wird erkennbar, wenn man das „Bündnis für den Fortschritt“ mit dem vorjährigen interamerikanischen Abkommen vergleicht. Während der Konferenz von Bogotá bot die Eisenhower-Verwaltung nur 500 Millionen Dollar für 21 Staaten und bestand sogar darauf, dass der Großteil in Form von nordamerikanischen Privatkapitalanlagen investiert werden sollte.

Als Fidel Castro 1959 in Punta del Este vorschlug, Washington solle Lateinamerika mit 30 Milliarden Dollar unpolitischer Wirtschaftshilfe retten, antwortete der damalige US Außenminister Herter mit einem wegwerfenden Achselzucken, und die New Yorker Presse bespöttelte den kubanischen Revolutionär als einen überspannten Träumer. – Heute ist Castros Vorschlag zum „Bündnis für den Fortschritt“ geworden, zur Hauptsache Kennedys im Kampf um Südamerika.

Der Schwerpunkt des Bündnisses liegt auf dem Wort „Fortschritt“, und dieser wiederum ist sozial gemeint. Es kann deshalb nur wirksam durchgeführt werden von fortschrittlichen Regierungen mit ausgesprochen sozialen Tendenzen, von Männern, die Kennedys Überzeugung teilen, dass tiefgreifende Strukturänderungen unumgänglich geworden sind.

Wallstreet gegen Washington

Aber gerade solche Männer erwecken das Misstrauen des nordamerikanischen Privatkapitals in Südamerika. Die Geschäftsleute der Vereinigten Staaten fühlen sich wohl in Ländern wie Nicaragua, wo sie kaum Steuern zahlen, keiner Kontrolle unterworfen sind, wo ein „starkes Regime“ von ihren Gnaden alle Spielverderber in Schach hält. Sie betrachten deshalb jeden Reformer als Wegbereiter des Fidelismus und bekämpfen ihn mit allen Mitteln. Das bedeutet: Die einzigen möglichen Bündnispartner Präsident Kennedys stehen auf der Abschussliste des Big Business. Hierdurch wird die Schlacht um Lateinamerika um ein neues Element bereichert: den Kampf zwischen Washington und Wallstreet.

Es geht um die Definition des Begriffes „nationales Interesse“. Bis zur Wahl Kennedys galt es als selbstverständlich, dass „nationale Interesse“ der Vereinigten Staaten in Lateinamerika mit den Interessen des dort investierten Kapitals zu identifizieren.

Folglich sah das amerikanische Außenministerium es als seine Hauptaufgabe an, die dortigen Privatinvestitionen zu schützen. Wenn es sein musste, durch militärische Intervention. Das Verhältnis der Vereinigten Staaten zur kubanischen Revolution wurde durch diese Doktrin bestimmt. Es war also letzten Endes immer das „Big Business“, das die amerikanische Politik südlich der Grenzen bestimmte. Wenn sich die Lateinamerikaner heute gegen den Imperialismus erheben, dann meinen sie vor allem das Big Business.

Präsident Kennedy hat resolut einen neuen Weg eingeschlagen. Er vertritt den Standpunkt, dass die Addition materieller Egoismen nicht unbedingt die Summe der nationalen Interessen eines Landes ausmacht. Im Gegenteil, in einem weltweiten Bürgerkrieg zwischen reichen und armen Völkern mag nur das Opfer gewisser privater Vorteile die Nation vor dem Untergang retten. Anstatt die armen Nationen auszubeuten und in Schach zu halten, wollen die neuen Männer in Washington ihren Nachbarn die Mittel geben, gesunde unabhängige Nationen zu werden.

Schon die Tatsache, dass jedermann heute gezwungen ist, politisch zu Fidel Castro Stellung zu beziehen, macht den kubanischen Revolutionär zur wichtigsten Figur Lateinamerikas. Es gibt hier einfach keine Politik mehr ohne Bezugnahme auf Kuba. Und die Massen sind zweifellos pro-kubanisch. Die große Presse der Welt hat nur oberflächlich über die Solidaritätskundgebungen berichtet, die nach der missglückten Invasion Kubas ganz Lateinamerika erschütterten. Wer weiß in Europa, dass ganz Chile 72 Stunden lang von einem Generalstreik lahmgelegt war? Dass die amerikanischen Touristen in Mexiko von Militär in Schutz genommen werden mussten? Dass Blut geflossen ist, in fast allen Städten dieses Kontinents.

Das „Big Business“ hingegen weiß es. Es ist an Ort und Stelle. Daher auch seine panische Angst vor allen, die sich nicht eindeutig und radikal gegen Castro stellen. Bis zum Invasionsversuch gab es in Südamerika noch große Zeitungen, die offen für Kuba eintraten. Wenige Tage später riefen die Direktoren ihre Redaktion zusammen und erklärten: „Von jetzt ab muss gegen Castro geschrieben werden, ob ihr es wollt oder nicht.“ Die nordamerikanischen Unternehmer hatten gewarnt: „Wer nicht gegen Castro schreibt, bekommt keine Anzeigen mehr.“ Und wer nicht eines Schnellen wirtschaftlichen Todes sterben wollte, musste sich gleichschalten, denn es gibt kaum Anzeigenkunden, die nicht von amerikanischem Kapital abhängig sind.

So entstand eine paradoxe – um nicht zu sagen undemokratische – Situation sondergleichen: In einem ganzen Kontinent, in dem die Mehrheit der öffentlichen Meinung selbst nach Ansicht amerikanischer Kreise pro-kubanisch ist, gibt es keine einzige unabhängige Tageszeitung, die es noch wagen darf, offen für die kubanische Revolution einzutreten.

Erpressung mit Dollars

Im Grunde kann Castro sich darüber freuen. Wenn die Presse der Vereinigten Staaten oder Europas gegen Castro schreibt, bildet sie die Meinung ihrer Leser, denn Amerikaner und Europäer sind überzeugt, eine objektive und ehrliche Information zu lesen. In Südamerika hingegen weiß jedes Kind, dass die Presse das Instrument finanzieller Gruppen ist, und dass man auf keinen Fall glauben darf, was man liest.

Der Druck beschränkt sich jedoch nicht auf die Presse. Gemeinsam mit den Besitzenden des Kontinents hat das amerikanische Kapital eine Front geschaffen, der kaum ein Politiker widerstehen kann. Die Willy Lupions und kleinen Leute werden ganz einfach gekauft. Bei den Präsidenten geht das natürlich nicht. Besonders nicht in den großen Republiken Lateinamerikas. Hier kann kein Herr Smith einfach Geld anbieten oder Befehle geben. Aber er kann erpressen. Er kann zum Beispiel erklären, dass sein Öl- oder Bergbaukonzern nicht mehr an der Entwicklung des Landes interessiert sei. Das bedeutet einen Verlust von 50 oder 100. Millionen Dollar für die Staatskasse. Andere Industrielle können hinzufügen, dass sie kein Vertrauen mehr haben und es vorziehen, ihr Geld woanders anzulegen.

So wurde der Exkommunist und heutige Präsident von Venezuela, Romulo Betancourt, zum fanatischen Castrohasser, nachdem viele Millionen Dollar sein Land verlassen hatten. Um Venezuela vor einer tödlichen Dollarausblutung zu retten, musste Betancourt das „Vertrauen des Kapitals“ wiedergewinnen, wie man hier sagt. Das heißt, er musste sich von den „Linken“ lossagen, Verdächtige Minister und Beamte kaltstellen und jeden Tag erklären, dass Castro ein Verräter sei.

Mexiko erlebte eine ähnliche Dollarflucht, als es in den Vereinigten Nationen die Invasion Kubas verurteilte.

Überall auf dem Kontinent gibt es tausend Fälle dieser Art. Wenn die Lateinamerikaner gegen den Neo-Imperialismus wettern, dann meinen sie vor allem diese durch Erpressung und Korruption erzwungene Gleichschaltung ihrer nationalen Interessen mit ausländischen Privatinteressen.

Quadros unterstützt Castro

Der Druck dieser Privatinteressen wird umso aggressiver, als sie einerseits die Unterstützung Washingtons verloren haben, und andererseits zum ersten Mal ein tödlicher Feind innerhalb der westlichen Hemisphäre aufgetaucht ist: Kuba.

Janio Quadros besaß zunächst das volle Vertrauen des amerikanischen Kapitals und dessen lokaler Verbündeter. Er hatte eine brillante Karriere gemacht. Vom einfachen Stadtrat war er, ohne die Hilfe einer Partei, bis zur Präsidentschaft der Republik aufgerückt. Als Gouverneur von São Paulo gewann er sich den Ruf eines ehrlichen um besonders tatkräftigen Organisators. Er unterstützte weitgehend Privatinvestitionen. Sein Symbol während der Wahlschlacht um die Präsidentschaft war der Besen. Sein Programm: der Kampf gegen die Korruption.

Aber Quadros wollte nicht nur im Innern des Landes die Achtung vor Gesetz und Gewissen wiederherstellen. Er verlangte für Brasilien das Recht, eine eigene Außenpolitik zu betreiben, wie es einem Land zusteht, das so riesig wie ein Kontinent ist. – „Ich bin kein Neutralist“, pflegte er zu sagen, „sondern ein Verfechter totaler Unabhängigkeit.“

Aus diesem Grund unterstützte er Fidel Castro. Für ihn war Kuba das einzige Land Lateinamerikas – und er scheute sich nicht, es laut zu sagen -, das die herkömmlichen Ketten politischer und wirtschaftlicher Bevormundung erfolgreich gesprengt hatte. Und Quadros ging nicht nur nach Havanna. Er knüpfte auch diplomatische Beziehungen zu den Staaten des Ostblocks an und befürwortete die Aufnahme Chinas in die UN.

Trotz alledem betrachtete das Big Business ihn nicht als einen Feind. Im Gegenteil: Auf innenpolitischem Gebiet erweckte er zunächst den Anschein eines Konservativen. Sein außenpolitisches Gehabe wurde deshalb als eigenwillige Demonstration der Unabhängigkeit gedeutet und gleichzeitig als geschicktes Manöver, um die „Linke“ zu beschwichtigen.

Wenn die großen Republiken Lateinamerikas es heute ablehnen, aktiv am nordamerikanischen Kreuzzug gegen Kuba teilzunehmen, dann haben sie ähnliche Beweggründe: Es ist zunächst eine Frage des Prestiges. Sie wollen unter keinen Umständen als Satelliten der Vereinigten Staaten erscheinen. Andererseits stehen ihre Regierungen unter politischem Druck. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die Großen Lateinamerikas sich vor einigen Wochen in Punta del Este der Stimme enthielten, als US Außenminister Rusk Kollektivsanktionen gegen Kuba verlangte.

Francisco Julião, der als Beobachter anwesend war, gab hierzu einem Reporter die beste Erklärung. Auf die Frage, was geschehen würde, wenn der brasilianische Außenminister doch „im letzten Moment umfallen würde“, antwortete Julião:

„Das kann er nicht.“

„Warum nicht?“, wollte der Journalist wissen.

„Weil dies Bürgerkrieg bedeuten würde.“

Aus dem gleichen Grund glaubte man, Janio Quadros seine eigenwillige Außenpolitik verzeihen zu müssen.

Und doch musste er zurücktreten. In seiner dramatischen Abschiedsbotschaft sagte er unter anderem: „Ich bin von der Reaktion besiegt worden und verlasse deshalb mein Amt. Ich habe meine Pflicht erfüllt. Aber meine Anstrengungen, diese Nation auf den Weg echter politischer und wirtschaftlicher Befreiung zu führen, sind umsonst gewesen … Ich fühle mich erdrückt. Dunkle Mächte haben sich gegen mich erhoben …“

Reformen bedeuten Selbstmord

Was war geschehen? Warum haben die „dunklen Mächte“, wie Quadros die Koalition zwischen ausländischem Kapital und einheimischen Konservativismus nennt, plötzlich beschlossen, ihre gewaltigen Mittel gegen den Präsidenten ins Feld zu führen, um ihn zum Rücktritt zu zwingen?

Quadros ist kein Idiot, kein Hysteriker, verschrobene Professor, Alkoholiker oder Homosexueller, wie eine gewisse Presse schamlos behauptet, um die wirklichen Hintergründe der Krise zu vertuschen.

Wir haben mit Freunden des Präsidenten gesprochen, Mitarbeiter interviewt. Sie alle sprachen voller Bewunderung von der Integrität, der Intelligenz, dem kompromisslosen Verantwortungsbewusstsein des Präsidenten. Und sie erklärten uns, warum Quadros gehen musste.

Weil er Reformen durchführen wollte, wie sie dem Geist des „Bündnis‘ für den Fortschritt“ entsprechen, und diese Reformen unvermeidlich die Macht und einige Vorteile der „dunklen Mächte“ beschneiden mussten. Auf der Liste der Reformen, die er im Herbst letzten Jahres in Angriff nehmen wollte, standen: Antitrust-Gesetz, Bankreform, Ausfuhrbeschränkung der Gewinne, höhere Versteuerung der Gewinne, Beschränkung der Dividenden, Landreform usw. …

Aber lassen wir João Agripino das Wort, dem Bergbauminister in der Regierung Janio Quadros:

„Janio wollte die Eisenerzproduktion steigern und die Gewinne für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes benutzen. Die Ausfuhr von Eisenerz wirft einen Gewinn von ungefähr 40 Prozent ab. Es schien uns deshalb nicht zu viel verlangt, die Voraussetzungen zu schaffen, damit ein Teil dieser Gewinne im Grundindustrien angelegt werden konnte, besonders in der Eisenindustrie.

Drei ausländische Gruppen wurden von unseren Reformplänen Betroffen: die Hanna (amerikanisch), die Rio Tinto (englisch), die Bethlehem Steel (amerikanisch).

Ich machte im übrigen die schmerzhafte Entdeckung, dass reiche Erzvorkommen, die in ausländischen Händen liegen, gar nicht ausgebeutet werden. Zum großen Teil seit Vergabe der Konzession. Nickel, Zink, Kupfer, Aluminium und andere Metalle liegen hier in Brasilien brach, während wir sie einführen müssen.

Andere, von ausländischen Gruppen kontrollierte Bergwerke werden regelrecht ausgeraubt, das heißt, man baut nur die leicht zugänglichen Erze ab, was natürlich die Produktion verbilligt und große Gewinne bringt, jedoch eine schnelle Erschöpfung der Erzlager zur Folge hat.

Ich unterrichtete den Präsidenten von dem, was ich vorgefunden hatte und schlug vor, alle jene Konzessionen zu kündigen, die nicht in Betrieb genommen oder industrialisiert würden. Er stimmte diesem Plan voller Begeisterung zu. Die Hanna hätte über die Hälfte ihrer Gruben verloren.“

Aber es kam nicht dazu. Bevor die Reform Gesetz werden konnte, war Quadros zurückgetreten.

Und genauso ging es mit den Uranvorkommen in Minas Gerais. Bevor Quadros die unter mysteriösen Umständen vergebene Konzession rückgängig machen konnte, musste er die Präsidentschaft verlassen.

Und nicht anders war es mit dem Programm der Elektrifizierung des Landes. Es forderte einige Opfer von den ausländischen Firmen, die hier die Elektrizität kontrollieren.

Elektrizität, Gas, Straßenbahn und Telefon werden hier nicht vom Staat, vom Land oder von der Stadt verwaltet. Sie liegen in der Hand ausländischer Unternehmen. Uns würde es sicher sehr erstaunen, wenn wir Gas- oder Telefonrechnungen in französischer oder englischer Sprache zugestellt bekämen. Genau das passiert in Brasilien.

Quadros wollte diese Unternehmen keineswegs verstaatlichen. So kühn waren seine Reformpläne gar nicht. Er wollte die ausländischen Betriebe nur soweit bringen, sich nicht mehr gegen die vitalen Interessen der Nation zu stellen. Das brachte ihn zu Fall.

Militärs werden gekauft

Da er andererseits keinen Unterschied machte zwischen ausländischem und inländischem Kapital, wenn es um die Interessen des Landes ging, sah er sich einer einheitlichen Front gegenüber, der er umso weniger widerstehen konnte, als auch das Heer den konservativen Kreisen verbunden ist.

Alle lateinamerikanischen Republiken unterhalten ebenso kostspielige wie nutzlose Armeen. Brasilien, das eine Auslandsschuld von mehr als 3 Milliarden Dollar hat, gab 46 Prozent seines Staatshaushaltes für die Verteidigung aus. Es hat 3500 Generäle und 7 Marschälle.

Als Präsident Kubitschek der Vorgänger von Janio Quadros, ernsthafte Schwierigkeiten mit der Wehrmacht hatte, kaufte er der Marine, dem reaktionärsten Flügel der Männer in Uniform einen Flugzeugträger. Der Preis: 16 Millionen Dollar. Die Instandsetzung: weitere 14 Millionen. Hiermit hätte man den ganzen Nordosten bewässern können. Aber es ging um Wichtigeres. Es ging um die kritischste Seite der Herren Offiziere: das Prestige. Und jetzt besitzen die stolzen Krieger ein nutzloses Spielzeug für reiselustige Admirale und erholungsbedürftige Korvettenkapitäne. Das Schiff war noch nie einsatzbereit. Die Brasilianer nennen es den „ Schönen Antonio“, weil es, genau wie dieser Geck, vollkommen impotent ist und meistens nur vor dem Strand von Copacabana auf und ab fährt.

Quadros jedoch war nicht so kompromissbereit wie Kubitschek. Er hatte der Korruption jeglicher Form den Kampf angesagt und wollte das Geld dort anlegen, wo es allen dient. Er kürzte deshalb die Militärausgaben und bestimmte, dass Brasilien genug Marschälle habe.

Es ist deshalb verständlich, dass nicht nur die vielen Willy Lupions sich gegen ihn stellten, sondern dass auch die Militärkaste zum Werkzeug der „dunklen Mächte“ wurde.

So fiel Janio Quadros. Man hat ihm vorgeworfen, nicht an das Volk appelliert zu haben, das ihn mit einer bis dahin nie dagewesenen Mehrheit gewählt hatte. Er wollte keinen Bürgerkrieg. Quadros ist ein Reformer. Er ist kein Revolutionär.

Kapitalismus kein Dogma des Christentums

Die Niederlage des „Janismus“ist für Präsident Kennedy ein weit schwererer Schlag als die missglückte Invasion Kubas.

Das „Bündnis für den Fortschritt“ fordert vor allem: angemessene Besteuerung, angemessene Verteilung des Landes und soziale Gerechtigkeit. Drei Wochen nach Unterzeichnung dieser neuen Kennedy-Doktrin bricht das einzige Experiment zusammen, das in Südamerika versucht hat, dieses Ziel durch gewaltlose Methoden zu erreichen. – Der „Janismus“, die einzig mögliche, westlich orientierte Antwort auf Kuba erweist sich als undurchführbar. – Der im Sinn der neuen amerikanischen Politik handelnde Reformer muss gehen, weil amerikanische Interessen es wollen.

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass das Big Business die letzten von John F. Kennedy erkannten und konsequent ergriffenen Chancen des Westens verspielt.

Wenn Reformer wie Quadros daran gehindert werden, ihrem Volk Würde, Unabhängigkeit und soziale Gerechtigkeit im Rahmen der bestehenden Ordnung zu geben, dann werden die Massen mehr denn je die Überzeugung gewinnen, dass es nur einen Ausweg gibt: die Zertrümmerung des ganzen Systems.

Es ist nicht Fidel Castro, der seine Revolution exportiert. Sie sind es: die „dunklen Mächte“. Mit ihrem Egoismus, ihrer Propaganda, ihrer Korruption, mit ihren Militärputschen werden sie die Südamerikaner dazu treiben, nicht mehr zu versuchen wie Quadros, sondern so zu handeln wie Fidel Castro.

So sehen es nicht nur Männer von „links “oder aus der „Mitte“, so sehen es auch hervorragende Vertreter der katholischen Kirche und christliche Politiker.

Der frühere Präfekt von Brasilia, Paolo de Tarso sagt: „Für den Christen kann es nur eine vertretbare Haltung geben: den Kampf zur Überwindung beider Materialismen, des Kapitalismus und des Kommunismus. Wir müssen die Grundlagen einer neuen Zivilisation schaffen, die nichts davon abhält, aus dem wirtschaftlichen System des Kommunismus das anzunehmen, was mit dem Respekt vor der menschlichen Person vereinbar ist. Das Christentum hat kein ökonomisches System demagogisch aufzuzwingen. Unser Glaube verpflichtet uns nicht, die wirtschaftlichen Positionen des Sozialismus zu bekämpfen. Die ganze Verwirrung kommt daher, dass der Kapitalismus sich anmaßt, das ökonomische Dogma des Christentums zu sein.“

„Hier liegt das Übel“, erklärt uns ein hoher Geistlicher. „Es geht um den Missbrauch des Christentums. Ein ideologisches, durch gesteuerte Propaganda unterhaltenes Missverständnis ist verantwortlich für die heutige Situation in Lateinamerika. Ohne dieses gewollte Missverständnis hätten wir schon lange unsere wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit erzielt. Auch das kubanische Experiment wäre heilbringend für unseren Kontinent gewesen. – Stattdessen ist Castro gezwungen worden, im Lager der Marxisten Zuflucht zu suchen.“

Ich höre jetzt alle Leser schreien: „Unsinn, Castro hat doch selber erklärt, er sei immer Kommunist gewesen. Er hat es nur vertuschen wollen, um die ahnungslosen Bürger für seine Revolution zu gewinnen. – Das hab ich gelesen.“

Castro: „ Kommunisten sind die Pest“

Ja, lieber Leser, das haben Sie gelesen – aber Fidel Castro hat es nie gesagt. Auch Sie sind das Opfer des „gesteuerten Missverständnisses“geworden eine verstümmelte Agenturmeldung wurde ihnen blindlings serviert, interpretiert und „meinungsbildend verleitartikelt“.

Ich glaube eine Wette eingehen zu können, dass keiner der Kommentatoren sich die Mühe gegeben hat, die Meldung zu kontrollieren oder die Rede Castros zu lesen. Sonst hätten Sie erfahren müssen, dass Fidel Castro sich selbstverständlich noch als Revolutionär betrachtete, als er gesiegt hatte, dass seine Kenntnisse des Marxismus jedoch sehr beschränkt waren (370 Seiten „Kapital“ als Student gelesen) und dass er den Kommunisten gegenüber die größten Vorbehalte hatte – selbst noch nach seiner Machtergreifung.

In der Rede, in der angeblich „endlich die Maske“ abwirft sagte er wörtlich:

„ Habe ich Vorurteile gehabt? Ja, ich glaube, es ist gut, davon zu sprechen. Ich habe den Kommunisten gegenüber Vorurteile gehabt. Kommunist zu sein bedeutete, eine Art Pest zu haben …“

Er erklärt weiter, dass er erst im Laufe der Zeit zu der Überzeugung gezwungen worden ist: „dass es keinen Mittelweg zwischen Kapitalismus und Sozialismus gibt …“

Aber warum nicht? Er beschreibt selber, wie er diese Gewissheit erlangt hat:

„Je mehr das Leben uns Erfahrungen schenkt, je mehr man den Imperialismus kennt – nicht in Worten, sondern im Fleisch unseres Volkes und im Blut unseres Volkes – umso mehr entdeckten wir die Wahrheiten, welche die marxistische Doktrin enthält.“

Klarer kann es gar nicht sagen, dass nur der wirtschaftliche, diplomatische und militärische Krieg gegen seine Revolution ihn ins „sozialistische Lager“ gedrängt hat. Denn 1960 erklärte er noch, auch in einer Rede, dass er weder an den Kommunismus noch an den Kapitalismus glaube, sondern seine Revolution zwischen den beiden Systemen halten wolle, die sich die Welt teilen. – Das mag in Afrika oder Asien möglich sein, weil Präsident Kennedy dort die amerikanische Politik bestimmt, aber nicht in Südamerika, wo amerikanische Privatinteressen seine Politik sabotieren.

Die gleichen „dunklen Kräfte“, die Quadros zum Rücktritt zwangen, wollten auch Castro stürzen. Aber Castro ist nicht, wie Quadros, ein friedlicher Reformator, er ist ein Revolutionär, der kämpfen gelernt hat.

Seit seiner Rede vom 1. Dezember reiben sich die Gegner der kubanischen Revolution die Hände. Sie haben es geschafft. Castro musste sich zum Marxismus bekennen. „ Jetzt hat seine Revolution ihre Anziehungskraft in Südamerika verloren“, jubeln sie, „denn auch dort bedeutet es eine Art Pest, Kommunist zu sein …“

Es ist leider zu befürchten, dass sie selbst die Opfer ihres „gesteuerten Missverständnisses“ geworden sind. Denn: die Niederlage des „Janismus“ untergräbt den Glauben an Reformen im Rahmen der bestehenden Ordnung. Das Beispiel Kubas erschüttert die Hoffnung auf unabhängige Revolutionen.

Die Völker Lateinamerikas mögen daraus die Lehre ziehen, dass es unmöglich ist, auf Reformen zu warten, wie Quadros sie wollte, oder einen „Mittelweg zwischen Kapitalismus und Kommunismus“ anzustreben, wie Fidel Castro es versuchte. Wenn Reformer und Revolutionäre erkennen müssen, dass jeder Schrei nach Gerechtigkeit zum kommunistischen Kriegsruf gestempelt wird, um mit „gutem Gewissen“ erdrosselt werden zu können, dann mögen die Massen des Kontinents zu einem fatalen Fehlschluss gezwungen werden: Sie können nur noch glauben, dass das, was sie anstreben, Kommunismus ist und nur im marxistischen Lager verwirklicht werden kann.

Das Big Business verrät den Westen

Präsident Kennedy will dies vermeiden. Er will ihn zu Gerechtigkeit und Freiheit verhelfen. Seine Politik ist die erste konsequente Antwort auf die Herausforderung des Kommunismus in Südamerika, der einzige Erfolg versprechende Versuch, diesen Kontinent vor extremen Lösungen zu bewahren.

In Brasilien hat er seine Schlacht verloren. Aber der Kampf geht weiter. Im eigenen Lager. Er entscheidet unsere Zukunft. Deshalb müssen wir John F. Kennedy unterstützen. Wir können dies nur tun, wenn wir uns weigern, weiterhin schweigend die Mitwisser des „gesteuerten Missverständnisses“ zu sein. Wenn wir uns nicht mehr scheuen, jene zu nennen, die ihren Egoismus als Schild der Demokratie tarnen und somit unsere Verteidigung brüchig machen und uns verraten Sie öffnen dem Kommunismus die Tür. Nicht die Millionen hungrige Mäuler, die nach Gerechtigkeit schreien, sind es, sondern jene wenigen, die ihnen Freiheit und Würde verweigern.