Wer leben will, muss spielen

Veröffentlicht in „Stern“, Nummer 8, am 25.Februar 1962

Er stürmt aufgeregt in mein Zimmer: „Kannst du Cha-Cha-Cha tanzen?“ will er wissen. Schon wieder Antonio. Seit einer Woche sehe ich ihn jeden Tag. Ein großartiger Kerl. Junger Journalist. Kennt Gott und die Welt. Aber diesmal störte er mich wirklich. Noch nie hat mir Fotografieren soviel Spaß gemacht. Ich liege in der Badehose auf dem Balkon meines Hotelzimmers. Unter mir die Avenida Atlantica. Links der Zuckerhut von Rio. Von mir sechs Kilometer Strand. Darauf tausend Mädchen. Mit dem soliden Wolkenkratzer von Copacabana im Rücken hole ich sie mir auf dem Balkon. Eine nach der andern. Schwarze, weiße, braune. Mal scharf, mal unscharf. Je nach Laune und Figur. Ich habe mich oft gefragt, weshalb wir Spiegelreflexkameras und lange Teleobjektive mit uns herumschleppen. Heute weiß ich, warum. Und jetzt – mitten in der Arbeit – will Antonio wissen, ob ich Cha-Cha-Cha tanze.

„Ja – warum?“

„Dann werden wir die Könige von Copacabana. Lies.“

Er hält mir die Gesellschaftskolumne der größten brasilianischen Illustrierten hin.

Ich lese, dass es einen neuen revolutionären Tanz gibt: den Cha-Cha-Cha. Zunächst nur unter Polizeiaufsicht in der Apachenatmosphäre des avantgardistischen ‚Black Horse‘ getanzt, wird er auch jetzt von der guten Gesellschaft auf Partys geübt. Die eleganten Damen suchen verzweifelt nach Meistern der neuen Kunst, um ihren Gästen die komplizierten Schritte beizubringen. „Denen, die diesen Tanz zunächst verurteilten,“ – schreibt der Autor – „muss Folgendes gesagt werden: Es gibt weniger Anbiederungsmöglichkeiten als beim ruhigen ‚Fox Blue’ in, diesem Verführer zum Ohrgeflüster, zum sinnlichkeitsgeladenen ‚ cheek-to-cheek ‚. Während des Cha-Cha-Cha gibt es weniger Körperfühlung. – was vor und nach dem Cha-Cha-Cha passiert, kann ebenso gut vor und nach dem Walzer passieren. Und es ist zu allen Zeiten passiert.“

Antonio schaut mich erwartungsvoll an.

„Wie viel brauchst Du?“ frage ich voller Bewunderung, denn ich weiß, dass man hier nie jemand direkt anpumpt. Überhaupt wird in Brasilien fast alles in Geheimsprache ausgedrückt und selten deutlich ja oder nein gesagt. Aber so kompliziert hat Antonio mir noch nie zu verstehen gegeben, dass er eine neue Freundin ausführen möchte und kein Geld hat.

„Ich weiß nicht, wovon Du redest“, sagt er beleidigt.

„Dann erkläre mir bitte, wie ich es deuten muss, wenn du dir die Mühe gibst, einen alten Zeitungsartikel übers Tanzen vorzutragen.“

Jetzt wird der böse, was bei Brasilianern eigentlich nie vorkommt. „Schau doch hin. Die Zeitung ist von heute.“

Er hat Recht. – Und für mich bricht die Legende von Rio de Janeiro endgültig zusammen. Ich weiß, dass man nicht „dazugehört “, nicht „dabei gewesen ist“ nichts „begriffen hat“, wenn man nicht nachplappert, was „doch alle wissen“: Rom ist die Hochburg des süßen Lebens, Persien, das Land aus 1001 Nacht, Nehru ein verlogener Pazifist, de Gaulle der Retter Frankreichs, Castro ein blutrünstiger Massenmörder, und die Neger sind glücklich, die Spanier feurig, die Deutschen treu, die Italiener faul und die Engländer langweilig. Das weiß doch jeder. Man ist eben unterrichtet. – Es fragt sich nur, von wem.

So war ich unterrichtet worden, was sich in Rio und Copacabana zu finden hatte: die schönste Stadt der Welt, den elegantesten Strand, den größten Luxus, die schönsten Frauen, die gewagtesten Bauten, die erotischste Erotik, das Tollste vom Tollen.

Trotz aller Mühe fand ich wenig von alledem. Die Wolkenkratzer mit den hellen Fassaden sind pompöse Mietskasernen, in denen schäbige Wohnungen mit viel schlechtem Geschmack Europa imitieren. Wo ist das Kühne, Überwältigende, Futuristische? Wenn es ganz toll ist, haben die Diener vergoldete Knöpfe und der Hausherr einen geschmuggelten Cadillac. (Die Einfuhr von amerikanischen Wagen ist seit Jahren verboten.)

Der Strand ist wundervoll. Aber die meisten Frauen, die ich mir mit der Telelinse auf dem Balkon hole, sind nicht hübscher als die Frauen in Europa. Auf der Straße ist man enttäuscht. Manchmal gibt es natürlich eine Farbmischung, die den Atem verschlägt: grüne Augen, dunkelbraune Haut, schwarze Haare und Blicke, in denen es alles gibt, selbst Handschellen und Beichtstühle. – Wer möchte da nicht an alle Legenden glauben. Besonders an die „erotischste Erotik“.

Aber die Märchenfeen gehen um sieben nach Hause. Was dann noch in Copacabana übrig bleibt, sind kleine Mulattinnen. Sie versperren den Weg, und man erkennt sie wieder, weil sie zum Mittagessen die Suppe servierten. Bei Freunden, nebenan.

„Brasilianisch“ gelebt und geliebt wird nur in den Favelas, den aus Kisten, Büchsen, Wellblech und Draht gebastelten Armenvierteln. Sie besetzen alle die unzähligen Hügel, die das Panorama von Rio bestimmen. Wie Schutthalden liegen sie hinter den Wolkenkratzern von Copacabana. Mehr als eine Million Menschen leben hier. Fast alle Neger. – Und hier wird getanzt, gelacht, geliebt mit jenem Rhythmus, den man brasilianisch nennt. Eine Mischung von Urwald, mittelalterlichem Christentum und lyrischem Zirkus.

Wie könnte die Jungfräulichkeit hier ein Kapital sein? Man ist selten verheiratet. Man ist arm und trinkt deshalb gierig alle Freuden des Lebens, für die man kein Geld braucht. Die Zuschauer sind nicht – wie in Copacabana – amerikanische Touristen, die für Dollar Vergnügen verlangen, sondern fettgefressene Ratten, verhungert Hunde und Kinder, deren Väter keiner kennt.

Aus diesen Bretterställen kommen die Melodien, die wir in Europa lieben. Die gute Gesellschaft Brasiliens hingegen zieht es vor, ihre Rhythmen zu importieren. Wer Frank Sinatra und Edith Piaf nicht über alles liebt, ist kein Mensch. Brasilianische Musik wird nur dann akzeptiert, wenn sie über New York, Paris und Rom zurückkommt: verjazzt, entseelt und ohne Warenmarke.

Die afro-brasilianische Musik ist ein zu direkter Appell an das Blut der Sklaven, das in allen Adern fließt. Schutz ist nötig. Man will sich „veredeln“, die Rasse reinigen, in allem, selbst in der Musik – und hängt deshalb am Kulturschnuller Europas wie früher an der Brust der schwarzen Amme.

Aber einmal im Jahr brechen die Deiche. Die Favelas überfluten Rio und reißen alles in ihren Strudel. Die Samba, ein afrikanischer Totemtanz, lockt die verstoßenen Götter aus ihrem Versteck. Der Rausch mischt den „italienischen“ Grafen, den zerlumpten Schuhputzer, die blonde Frau des Industriemagnaten und die fetisch-beladene Negerin. Den indianischen Rock mit dem Kleid von Dior, Diamanten mit Amulett, Christus, Ogun und Karl Marx.

Das Ergebnis: 69 Tote, 5517 Verletzte, 417 Überfälle, 309 Stürze aus der Straßenbahn, 7 Vergiftungen und 7 mehr oder weniger gelungene Selbstmorde, darunter ein kleines Mädchen, dessen Kleid nicht rechtzeitig fertig war.

Man kann verstehen, dass die gute Gesellschaft das ganze Jahr über auf der Hut ist, andererseits aber der Karneval von Rio den Ruf Brasiliens bestimmt, obwohl er nur einige Tage dauert.

Weniger verständlich ist die tödliche Langeweile der Nachtlokale. In Paris, Hamburg oder Rom wären sie schon lange pleite. – Aquarien in rötliche Dunkelheit gehüllt. Einmal untergetaucht, erkennt man nichts mehr außer der eigenen Hand. Die Ober kassieren mit Taschenlampen. 80 % von Rio leben ohne Wasser, aber Licht gibt es genug. Will man „auf intim“ machen oder sich verstecken vor eifersüchtigen Ehefrauen und nachtwandelnden Gläubigern? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass man sich nicht wundern darf, wenn die Begleiterin, mit der man herauskommt, nicht mehr die gleiche ist, mit der man untertauchte, oder anstelle des Freundes ein betrunkener Matrose steht.

Vom Tanzen gar nicht zu reden. Die heißen Rhythmen, von denen wir träumen, wenn wir an Brasilien denken, gehören dem Volk. Man darf sich auf keinen Fall damit identifizieren und schiebt deshalb seine soziale Würde im amerikanischen Slow übers Parkett. – Und jetzt endlich soll auch der Cha-Cha-Cha salonfähig werden, der – wohlverstanden – im Transit über Italien kommen muss: drei Schritte vor, drei zurück und ein Anschlag in der Mitte.

„Wenn man von euch doch nur das behaupten würde, was es wirklich gibt und euch abhebt von allen: die menschlichste Menschlichkeit.“

„Ich weiß nicht, was das mit Cha-Cha-Cha zu tun hat“, sagt Antonio mürrisch. „Kannst du ihn tanzen, oder kannst du es nicht?“

„Ich hab das vor vielen Jahren mal in Beirut gelernt, Mittelmeerstil.“

„Großartig“, er springt an den Nachttisch, „ich muss sofort telefonieren“ Und er preist seinen tanzenden Ausländer an, als sei ich ein Wundertrank, ohne den keine Party ein Erfolg sein kann. Als er endlich aufhört, sind wir für die nächsten fünf Tage ausverkauft.

Am sechsten Tag habe ich Muskelkater, drei Kilo abgenommen und so viel dazugelernt, dass ich jede weitere Einladung ablehne. Ich glaubte, Antonio würde mir bittere Vorwürfe machen. Aber nein. Als ich ihn im „Bistro“ treffe, strahlt er übers ganze Gesicht.

„Viertausend Contos (50.000 Mark)“, ruft er mir begeistert zu, „ich bin um vier Millionen Cruzeiros reicher geworden.“

„Unglaublich. So viel kann die Amerikanerin nicht geboten haben.“

„Welche?“

„Die alternde Ölprinzessin auf der letzten Party.“

„Du spinnst. Ich habe ein fantastisches Geschäft gemacht. Eine Traumwohnung: zwei Empfangsräume, vier Zimmer, zwei Bäder. Im achten Stock. Sicht aufs Meer. Morgen ist sie schon das Doppelte wert. Begreifst du: acht Millionen Cruzeiros. Bei dieser Inflation muss man sein Geld richtig anlegen.“

Antonio bringt es fertig, mich jeden Tag zu überraschen. Ich kenne ihn jetzt schon lange, weiß, dass er in seiner Zeitung zwanzig Contos (250 DM) verdient und als Buchhalter weitere 100 Mark einsteckt. Ich weiß auch, dass er zwei Anzüge hat, vier Hemden und nie die Freundin wechselt, ohne mich anzupumpen. Um lächerliche Beträge. – Und jetzt entpuppt er sich plötzlich als ein reicher Mann.

„Gratuliere“, sage ich, „obwohl ich nicht begreife.“

„Das ist doch ganz einfach! Ich habe meine Wohnung in Copacabana in Zahlung gegeben und …“

„Stopp. Du wohnst in einem winzigen Zimmer in Leblon. Ich kenne es.“

„Genau – und war trotzdem Besitzer einer Wohnung in Copacabana, die ich vor einem Jahr gekauft habe. Damals gab ich mein Grundstück in Caxias als Anzahlung, und …“

„Wieder Stop. Grundstücke besitzt was auch?“

Er schaut mich an, als hätte ich ihn gebeten, mich von der Existenz seine Hände zu überzeugen.

„Was denkst du denn? Natürlich. Seinerzeit war das Grundstück in Caxias achtzigtausend Cruzeiros wert. Ich hatte es erworben, indem ich mein Grundstück im Norden von Nitetrói als Anzahlung gab. Ein Zauberflecken, den ich für vierzigtausend gekauft hatte.“

Er hielt inne und rechnet. Ich will ihm helfen: „Achtzig weniger vierzig ist vierzig. Du bliebst also weitere vierzigtausend schuldig.“

„Aber nein. Dir muss man auch alles erklären. Ich blieb genau fünfundsiebzigtausend schuldig.“

„Zweimal zwei sind vier. – Einverstanden?“

„Natürlich, aber das hier ist ein wenig komplizierter: Das Grundstück in Niterói hatte ich auf Raten gekauft. Fünfhundert monatlich. Zehn Raten waren bezahlt, als ich es für das Grundstück in Caxias Anzahlung gab. Es blieb also noch fünfunddreißigtausend.“

„Im Grunde gabst du nur fünftausend Cruzeiros als Anzahlung, denn mehr gehörte dir ja nicht an dem Grundstück in Niterói.“

„Nein. Der Besitzer von Caxias wollte auch zehntausend in bar. Ich verkaufte also ein kleines Grundstück in Campo Grande, das zwanzigtausend wert war. Ich hatte es für zehntausend gekauft. Ein Spottpreis. Elf Raten zu je vierhundert waren bezahlt. Ich brauchte also nur fünftausendsechshundert drauf zulegen. Diese beschaffte ich mir, indem ich meinen Anteil an Gummibäumen verkaufte, die ich im Mato Grosso erworben hatte. Ein tolles Geschäft. Du weißt, Gummi ist wieder im Kommen. Die Bäume hatte ich gekauft, indem ich mein Haus …“

„Stopp, Antonio, sonst bekomme ich auch noch Muskelkater im Gehirn. – ich weiß jetzt, dass Du ein reicher Mann ist.“

„Du übertreibst“, sagt er lächelnd. „Ich bin ein zukünftiger Neureicher. – Siehst du, das ist der Unterschied zwischen Europa und Brasilien. Ihr seid zufrieden, wenn ihr morgen soviel verdient wie heute oder euch ein wenig verbessert und Sicherheit habt fürs Alter. Wir hingegen sind überzeugt, dass wir morgen alle reich sein werden, und handeln dementsprechend. Das ist der brasilianische Optimismus, der dieses Land auf schwindende Höhen treiben wird.“

„Spekulation?“

„Durch was denn sonst?“

„Durch Arbeit zum Beispiel.“

„Damit wird man doch nicht reich. Man rettet sich höchstens vorm Verhungern. Schau mich doch an. Hast du mich jemals satt gesehen, außer wenn du mich einlädst?“

Um ihn wieder heiter zustimmen, schlage ich vor, die neue Luxuswohnung zu besichtigen. Antonio schüttelt den Kopf:

„Die steht noch auf dem Papier. Ich habe sie vom vorhergehenden Besitzer gekauft, indem ich meine Wohnung in Copacabana – die auch noch nicht gebaut ist – als Teilanzahlung gab. Den Rest beschaffe ich mir, indem ich …“

Ich glaube, er hätte den ganzen Tag reden können, um mich in die Geheimnisse eines Spiels einzuweihen, das den Großteil der Brasilianer täglich mehr beschäftigt als der Fußball oder die Mulattin: morgen neureich zu sein, sei es durch Spekulation, Bluff, Betrug, Lotterie oder Bicho (eine verbotene Lotterie, die von Dreiviertel aller Brasilianer leidenschaftlich gespielt wird).

„Das Bicho ist unser großer Schandfleck. Der Beweis, dass unsere Politiker weiterhin im Sumpf der Korruption waten. Betrug und Verbrechen regieren uns. Wir sind Marionetten in den Händen von Dieben und Hehlern.“

Der Redner steht auf der Treppe des Schauspielhauses von Rio de Janeiro im Herzen der Stadt. Einige Hundert Männer haben sich um ihn geschart eben noch, als er gegen den Realismus wetterte, haben sie stürmisch Beifall geklatscht. Aber jetzt, mit dem Wort ‚Bicho‘, ist es still geworden. Alle Hände sind in den Taschen verschwunden und suchen. Vielleicht nach dem Geld, das sie noch heute aufs Bicho setzen wollen, oder – um den bösen Blick zu bannen. Denn es bringt kein Glück, schlecht vom Bicho zu reden. Man muss sich schützen, indem man dorthin fasst, wo man sich am stärksten fühlt – einige drehen sich um und gehen.

Der Redner lässt sich nicht beirren: „Warum glaubt ihr funktioniert die Lotterie des ‚Bicho‘ trotz Verbotes ungestört? Weil unsere Politiker nur eine Heimat kennen: das Geld. Sie lassen sich ihre Wahlen, ihre Reisen, ihre Geliebten und Autos von den Herren des ‚Bicho‘ bezahlen und werden somit die Sklaven von Verbrechern. Wir sollten alle das ‚Bicho‘ boykottieren, denn es ruiniert Brasilien. Moralisch und materiell.“

„Ein bisschen Hoffnung sollte doch sein“, ruft ein alter Mann, der keine Zukunft mehr hat, aber beide Hände fest in den Taschen hält, denn er glaubt nur ans Glück.

„Sicher – aber nicht für wenige und vom Zufall abhängig; für alle, von allen gewollt. – Seit Jahrzehnten spielen wir alle ‚Bicho‘. Ein Viertel des gesamten Geldes, das im Umlauf ist, wird täglich ins ‚Bicho‘ investiert und reinvestiert. Es bleibt ihm also keine Chance, dem Ausbau unserer Produktionsmittel zu dienen, von denen letztlich euer aller Wohl abhängt. In einem Land von Spielern können nur Betrüger reich werden. Auf Kosten aller anderen. Nur weil die Europäer Sparkassen haben, sind sie reich geworden. Ihr Geld arbeitet und schafft Reichtum, statt von einer Tasche in die andere zu rollen. Schaut doch unsere Scheine an. Es sind nur noch Lappen. Millionenfach abgegriffene zerfetzte Träume.“

Fünf Männer haben die Nase voll. Sie schlendern hinüber ins „Cinelandia“, wo auf einem Hektar Pflaster das Vergnügen und die Kinos von Rio liegen. Ich gehe hinter ihnen her. Eine Mulattin pudert sich vor dem Schaufenster eines Kaufhauses.

„Wenn man doch Geld hätte“, meint ein Dicker.

„Wie viel mag sie kosten?“ fragt ein Junger mit feinem Schnurrbart und drei vergoldeten Ringen.

„Mehr als du verdienst“, sagt ein Dritter.

Die beiden anderen sagen gar nichts. Sie starren nur.

„Sollen wir sie verlosen?“ fragt der Dicke.

„Wie?“

„Wer gewinnt, bekommt von jedem Verlierer den fünften Teil des Preises. – Einverstanden? “

Alle sind einverstanden. Der junge Mann mit dem Schnurrbart zieht ein Notizbuch aus der Tasche. Er zerreißt ein Blatt in fünf gleiche Teile, auf die er die Namen seiner Freunde schreibt.

„Und nun?“ fragt er.

„Die Kleine soll selbst Fortuna spielen“, sagt der Dicke, „ gib mir die Lose. „Und er bringt sie zu der Mulattin. Nach kurzer Verhandlung ergreift sie ein Papier.

„Carlindo“, sagt sie lächelnd, „ ein schöner Name.“

Diese Szene hätte sich genau so oder ähnlich in allen anderen Städten Brasiliens abspielen können. Die Mentalität des Spielers ist eines der Hauptmerkmale des brasilianischen Charakters – und Lateinamerikas überhaupt. Bluff, Spekulation, Betrug, Korruption sind nur Varianten der Spielleidenschaft. Man sagt Banko, obwohl man nicht zahlen kann. Mit etwas Glück mag es gut gehen.

Es fängt mit der Eroberung an. Die Spanier wollten Gold und töteten alles, was sich ihnen in den Weg stellte. Die Portugiesen suchten nach Edelsteinen und drangen bis in die Urwälder vor. Selbst der heutige Auswanderer wagt den Sprung in die neue Welt nur deshalb, weil er glaubt, schneller und leichter reich zu werden als zu Hause.

Diese Mentalität bestimmt die brasilianische Geschichte mehr als die Christianisierung der Indianer, die Erringung der Unabhängigkeit oder die Befreiung der Sklaven. Sie hat die wirtschaftliche Struktur geschaffen, in der das Land heute erstickt. In Brasilien gab es immer einen „Goldrausch“. Man stürzte sich blindlings auf jene Gebiete, die sofort gewaltige Gewinne versprachen. Zuerst war es der Zucker, dann der Tabak, der Kakao, die Baumwolle, das Gold, die Gummibäume, der Kaffee – und heute ist es die Industrie. So wurde jedes Mal ein Wirtschaftszweig der unerbittliche Tyrann des Landes. Und wenn er zusammenbrach, lag ganz Brasilien am Boden.

Aber nicht nur das: Die Ausbeutung wurde so rücksichtslos betrieben, dass der Boden ganzer Staaten buchstäblich verwüstet wurde und soziale Zustände geschaffen wurden, die heute zur Explosion drängen.

Jedes Mal glaubte man die Zauberformel des Reichtums gefunden zu haben. So auch jetzt mit dem neuen Zyklus: der Industrialisierung, die mit dem unwahrscheinlichen Aufschwung São Paulos parallel läuft. – Und wie immer gibt es eine Poesie des Erfolgstaumels – solange er anhält:

Im Lift, auf einer Party, zwischen Tür und Angel, wird jeder echte Paulista Sie am Ärmel nehmen und Ihnen Geschichten erzählen, die wie Zukunftsromane klingen: „São Paulo, mein lieber Herr, ist die Stadt des Jahrhunderts. 1920 gab es hier nur eine halbe Million Menschen – heute sind es fast vier Millionen. Kennen Sie eine andere Stadt der Welt, die im Jahr hundertfünfzigtausend Menschen schluckt? Sehen Sie, das gibt es nur ein Mal. Fünfzig Häuser werden hier täglich aus dem Boden gestampft. Um euch nicht zu erschrecken, sagen wir nur: eins pro Stunde. Und bevor diese Häuser fertig sind, haben sie schon zehnmal den Besitzer gewechselt.

Ja mein Lieber, das ist São Paulo. Haben Sie die tausend Betonfinger gesehen, die gierig nach dem Himmel greifen, oder – wenn sie wollen – Gott entgegenstürmen? Was ist New York und Chicago dagegen? Baukästen für unbegabte Kinder.

Vor den Yankees haben wir keine Angst. Dieses politische Gesellschaftsspiel überlassen wir den Leuten in Rio, Recife, Bahia, unseren Träumern, die ihre Folklore mit etwas Hass färben müssen, um ihr mehr Glanz zu geben. – Wir hatten auch nie Angst vor Europa. Im Gegenteil: Wir haben sie willkommen geheißen, die Light and Power, die General Motors, Mercedes Benz, Firestone, Ford, Mannesmann, Krupp, Toyota, Willys, Unilever, Volkswagen und tausend andere Neosterne am imperialistischen Machthimmel. Denn sie wissen, wo Kapital Zinsen bringt. Und je mehr sich das rote Gewitter über euch zusammenzieht, umso ausgiebiger sind die Dollarwolkenbrüche hier. Aus Yankeehänden goss es weit über eine Milliarde, aus Kanada 600 Millionen, aus der Bundesrepublik 320 Millionen, aus England 250 Millionen – und noch mal soviel aus allen anderen Ländern. Dollar natürlich. Ja, so viel Geld hat eure Industriearistokratie in uns hinein gesteckt. Aber wir haben keine Angst vor diesem alten Adel, der sich bei uns verjüngen will. Heute sind wir noch Partner, aber morgen diktieren wir die Bedingungen, denn wir sind die Besseren und werden deshalb die Mächtigsten sein.

Sechzig Prozent aller brasilianischen Industrien sind jetzt schon in unserer Hand – und damit das Schicksal der Nation. Schauen Sie sich unsere Fabriken doch an: mehr als 50.000 Würfel, die wir mit einem Schmiss um unsere Stadt geworfen haben. Immer die Sechs nach oben. – Nein, nein, die Würfel sind nicht präpariert. Es ist Glück, es ist unser Genie, mit dem wir, Göttern gleich, das Unmögliche schaffen. Das Modernste. Wir haben vierhundert Banken, über eine Million Arbeiter, fünfhundert Milliardäre und mindestens ebenso viele, die vorgegeben, es zu sein.

Ja, mein junger Freund, wir sind die Zukunft der Welt. Warum, wollen Sie wissen? Einfach: Wir haben das beste Blut aus Europa herausgepumpt. – Kommen Sie! Courage! Seien Sie nicht traurig, wenn Ihnen ihre großen Städte jetzt wie Altersheime vorkommen, in denen zahnlose Großmäuler die Grabreden ihrer Träume halten. Ihr habt sie eben nicht ausgenutzt, die Matarazzo, Pignatari, Chateaubriand, die Le Corbusier, Gropius und wie sie alle heißen. Ihr habt in Tradition gemacht und Andenken vergoldet: Eiffeltürme, gallische Hähne, britische Löwen und Brandenburger Tore. São Paulo hat keine Geschichte, keine Andenken, keine Falten des Alters. Wir sind der ungebundene Impuls, der Funke, die Kraft, die Zeugung, das Können, die reine Schöpfung. – Amen.“

Genauso poetisch wurde einst der Zuckerrausch besungen: die süße, faule, sinnliche Zivilisation des Zuckers, mit ihren Sklaven, den hübschen Negerinnen, den großen Landhäusern und der Liebessiesta unter Palmen. Die Herren ließen sich in Hängematten tragen und setzten Europa mit ihrem Luxus in Erstaunen.

Heute fahren sie amerikanische Wagen. Den Zucker gibt es immer noch. Aber der Lobgesang ist zum Klagelied geworden. Die Bundesstaaten des Nordostens verhungern, weil das süße Unkraut ihr bestes Land gefressen hat. Sie ersticken, weil die Zuckerbarone ihre Rohre nicht zurückstecken wollen, obwohl die ganze Industrie unrentabel geworden ist und diese Herren nur noch durch Staatszuschüsse reichen bleiben. Der Nordosten explodiert, weil wenig andere Arbeit da ist und Millionen beschäftigungslose Fäuste sich zum Kampf ballen.

Und ebenso poetisch begannen die Sagas vom Tabak, vom Kaffee, vom Gummi – um nicht weniger tragisch zu enden. Während des Gummirausches verwandelte sich das Wasser des Amazonas in Gold. Mitten in den Urwald baute man eine Kopie der Pariser Oper. Die damaligen Diors, Faths, Cartiers, und Chanels verkauften ihre teuersten Modelle an der Mündung des größten Flusses der Welt. Tänzerinnen, Sängerinnen, Schauspieler wurden aus Paris herübergeholt. Man wollte allen zeigen, dass Geld Kultur schaffen kann. Die Honorare: ihr Gewicht in Gold. Ja, das waren Zeiten. Manáus war überzeugt, die Hauptstadt Brasiliens zu werden, die Stadt des Jahrhunderts. – Heute ist sie ein kleiner Handelsplatz am oberen Amazonas.

São Paulo wird es sicher nie so ergehen. Doch heißt es skeptisch bleiben in diesem Land, wenn ein Rausch die Menschen verzaubert und die Beteiligten lyrisch werden.

São Paulo wird immer wieder mit einer Lokomotive verglichen, die fauchend und stampfend ganz Brasilien vorwärts zieht. Es sieht jedoch so aus, dass die Stadt nur deshalb so schnell nach vorne rast, weil sie keine Waggons mitschleppt und sich sogar zum Teil aus diesen abgehängten Abteilen speist. Nicht nur mit den Devisen, die andere Bundesstaaten ins Land bringen und mit denen São Paulo seine modernen Maschinen gekauft. Nein. São Paulo zieht das beste Kapital aus dem Land, füttert sich mit Menschen, die in den ärmeren Gebieten bitter fehlen. Vom Rausch angezogen, verhungert, kommen sie zu Tausenden aus dem Innern. Die meisten finden Beschäftigung.

Das klingt gut. Aber es ist fatal, besonders für den Nordosten, aus denen jährlich 15 Prozent abwandern. Es sind junge Leute zwischen 18 und 30, die einzigen, die noch die Kraft haben, ihre Heimat zu verlassen. So vergreisen gerade jene Gebiete, die gesunde Kräfte heute am meisten brauchen.

Ohne diesen ständigen Zufluss verhungerter Zuwanderer aus dem Innern wäre es kaum zu erklären, dass São Paulo die einzige Industriestadt der Welt ist, die eine solche Entwicklung durchmacht, ohne dass das Einkommen beträchtlich steigt.

Und auch das ist fatal. Denn wer soll sie kaufen, die Autos, die Nähmaschinen, Kühlschränke, Fernsehgeräte, die São Paulo am Fließband verlassen, in einem Land, wo das jährliche Durchschnittseinkommen 500 Mark beträgt? – Ein Volkswagen brasilianischer Fabrikation kostet rund 10.000 Mark. Es ist leicht, sich auszurechnen, wann der Markt gesättigt sein wird. Von Ausfuhr kann bei diesen Preisen keine Rede sein. Und so ist es mit den meisten Erzeugnissen der paulistischen Industrie.

Solange der Markt nicht gesättigt ist und die Inflation das Geld zur Flucht in die Güter treibt, wird der Rausch anhalten und noch ein paar Milliardäre fabrizieren. Aber dann? – Natürlich wird das investierte Kapital schon vielfach amortisiert sein. Bei hohen Preisen und niedrigen Löhnen dauert das nicht lange. Aber das, was geschehen wird, wenn in Brasilien die sozialen Strukturen nicht so geändert werden, dass viele neue Käufer den Markt beleben können, bringt selbst heute schon in alle Poesie einen Ton des Grauens.