Für Erwachsene verboten (Indien)

Stern, Heft 43, 24. Oktober 1965 –

Wir sitzen in einer kleinen Hütte im indischen Dschungel. Um uns sind nur Kinder zwischen fünf und siebzehn Jahren. Es ist Abend. Während die Kleinen in einer Ecke spielen, verteilen die Großen die Rollen für die Nacht.
„Willst du heute dein Lager mit Mukwab teilen?“ fragt der Chef der Gruppe ein
Mädchen von vielleicht vierzehn Jahren.
Sie schüttelt energisch den Kopf.
„Dann schlage ich Dafedar vor“, sagt der Junge.
„Den will ich auch nicht.“
„Wen denn?“
„Havaldar“, ruft sie, und ihre Augen strahlen.
Es wird still. Kleine Gruppen bilden sich. Sie scheinen zu beraten. Aus der Ecke der spielenden Kleinen ertönt plötzlich eine Stimme: „Das ist unmöglich“, ruft ein neunjähriger Junge, „mit dem hast du dein Lager schon dreimal geteilt. Heute nacht möchte ich mit dir schlafen. Bitte … “
Das Mädchen lächelt und geht zu dem kleinen Jungen. „Einverstanden“, sagt sie und fängt an ihm die Haare zu kämmen.
Aber stopp! – Ins Paradies muß man auf Zehenspitzen treten. Leise, liebevoll, lautlos. Unbeschwert von unseren Urteilen. Wie der Mensch vor dem Sündenfall. Arglos und unverdorben. Nur wer bereit ist, während fünfzehn Minuten anzunehmen, daß seine Welt und Moral nicht unbedingt die einzig richtigen sind – nur der wird am Schluß dieses Berichtes nicht den Eindruck haben, durch ein Sündenbabel geführt worden zu sein.
Man braucht vielleicht nicht so weit zu gehen wie Verrier Elwin, ein berühmter Theologe und Anthropologe: Als er das Volk der Murias bekehren wollte, legte er sein Priesterkleid ab und erklärte: „Es gibt keinen anderen Gott als die Wahrheit.“ Er glaubte, ihm bei den Murias näher zu sein und ihm dort besser zu dienen als in der strikten Befolgung christlicher Lehren und der Verbreitung westlicher Zivilisation.
Aber etwas guten Willen muß auch der Leser unseres Berichtes schon mitbringen.
Auf Elwins Spuren erreichten wir das Gebiet der Murias, eines Volkes von zweihunderttausend Menschen, das südlich von Neu-Delhi im Gebiet von Bastar, mitten im Herzen von Indien, lebt. Umgeben von Tigern, Schlangen – und Indern, die, überzeugt von der Lehre des Hinduismus, im heidnischen Muria den Teufel wittern.

Dem ersten „Teufel“ begegnen wir auf einem schmalen Waldpfad. Ein Junge von ungefähr zehn Jahren. Allein. Fröhlich. Singend. Seit wir in Indien herumreisen, ist es das erste Mal, daß wir ein Lied hören. Außerhalb der für musizierende Dirnen reservierten Häuser ertönt nie Gesang. In den Dörfern lächelt man nicht einmal. Und hier ist plötzlich ein kleiner Mensch, der vergnügt aus voller Kehle singt – und der bei unserem Anblick nicht angstvoll zusammenfährt, obwohl der Busch dicht und die Gegend gefährlich ist.
In seinen Haaren stecken vier rote Blumen. Um den Hals trägt er eine Kette aus geschnitztem Holz. Unbefangen nähert er sich Marie-Claude Deffarge und reicht ihr eine Blume.
„Bist du eine Motiari (unverheiratetes Mädchen)?“ fragt er.
Marie-Claude nickt.
„Dann nimm diese Blume. Sie ist ein Zeichen der Liebe.“
Jetzt fühlen wir uns befangen vor diesem galanten Kind des Dschungels. Aus purer Verlegenheit frage ich den kleinen Kavalier, wer ihm die Blumen geschenkt hat.
„Meine Motiari“, sagt er, und ein zärtlicher Glanz leuchtet in seinen Augen auf.
„Und wie alt ist die?“
Der Junge hebt seine Hände in Brusthöhe und öffnet sie, als wolle er zaghaft zwei kleine Rundungen umfassen. „Nicht älter als so“, erklärt er. „Ihre Brüste sind noch winzig wie Zitronen. Aber sie ist die Schönste im ganzen Dorf!“
Als wir den ersten Mädchen begegnen, üben wir uns im Deuten des Alters. Das ist gar nicht schwer. Über Rücken und Busen tragen sie ein gefaltetes Tuch, das bei jeder lebhaften Bewegung den „Geburtsschein“ zur Schau stellt.
Die Kleine, die uns mitteilt, daß der Dorfälteste von Chilputi uns nicht empfangen kann, ist – nach den „Maßstäben unseres kleinen Freundes – bereits im Alter der Pampelmusen. Sie reicht uns Salfi, einen Palmwein, der besser schmeckt als Champagner. Aber das kann uns nicht trösten. Ohne die Erlaubnis des Bürgermeisters können wir hier nichts anfangen.
Ein älterer Junge klärt uns auf: „Der Dorfälteste ist nur ein wenig betrunken. Er glaubt, Euch zu beleidigen, wenn er nicht nüchtern vor Euch tritt. Habt Geduld.“

Ein weiser Mann! Das beruhigt uns. Aber wir wollen mehr als die Erlaubnis, hierzubleiben. Wir wollen das Leben der Murias studieren. Sie gehören zu den dreißig Millionen Eingeborenen, deren Vorfahren Indien bereits bewohnten, bevor die arischen Eroberer den Subkontinent überrannten.
Die Murias leben wie eh und je von Landwirtschaft, Jagd und Fischerei, und sie sind kaum vom Hinduismus berührt worden. So haben sie auch eine Institution beibehalten, der sie es verdanken, das glücklichste Volk der Erde genannt zu werden: das „Ghotul“ – das Haus der Kinder.
Ein solches Kinderhaus gibt es in jedem Dorf. Meistens liegt es abseits, am Rande des Dschungels. Während die Eltern nur die Säuglinge und Kleinkinder bei sich behalten, wohnen alle anderen Kinder der Dorfgemeinde zusammen in dieser selbstgebauten Hütte. Allein. Ohne die Aufsicht Erwachsener. Es ist eine unabhängige Republik der Minderjährigen, in der sie nach ihren eigenen Gesetzen leben und die Nächte verbringen.
Uns geht es vor allem um dieses „Ghotul“. Hier Zugang zu finden, ist sehr schwer. Bis heute ist es nur wenigen gelungen.

Wir haben Glück. Der höfliche junge Mann, der uns um Nachsicht für den betrunkenen Dorfältesten bat, ist Chef des örtlichen „Ghotuls“. Er hat sogar die Schule besucht. Wir können ihn deshalb leicht überzeugen, daß wir nicht – wie indische Reisende und Trödler – lüstern nach Laster Ausschau halten. Uns interessiert, was selbst europäische Soziologen als die „gesündeste Erziehung der Welt“ bezeichnen: das Kinderhaus der Murias.
Wir tauschen ein paar Geschenke aus. Am Abend dürfen wir bereits den täglichen Tänzen der Kinder zusehen. Zwei Tage später werden wir offiziell zu Verwandten ernannt. Von jetzt ab bin ich der Bruder des Chefs. Ja, trotz meines Alters erhalte ich einen Ehrentitel. Ebenso Marie-Claude Deffarge. Sie wird „Belosa“, ich „Divan“. Diese Titel bezeichnen wichtige Funktionen in der Republik der Kinder.
Aber unsere Ehrentitel schützen uns nicht vor dem strengen Gebot, nur bis Mitternacht im „Ghotul“ bleiben zu dürfen. Was nachher passiert, ist ausschließlich Sache der Kinder und muß den Augen der Erwachsenen verborgen bleiben.
Da sitzen wir also im Kreis dieser jungen Menschen, die ihre Rollen für die Nacht verteilen. Es ist elf Uhr.
Das vierzehnjährige Mädchen, das es vorhin energisch abgelehnt hat, ihr Lager mit dem vorgeschlagenen Partnern zu teilen, ist mit dem Kämmen fertig. Jetzt zieht sie das Hemd des kleinen Jungen aus, der so lautstark um ihre nächtliche Gesellschaft gebeten hat, und massiert ihm den Rücken und die Arme. Sie ist einen Kopf größer als er. Eine Frau im Vergleich zu diesem Kind.
Es ist schwer, nüchtern zu bleiben und nicht nach unseren Maßstäben zu urteilen. Unserem indischen Dolmetscher gelingt es nicht. Er atmet schwer. „Das sind wiedergeborene Teufel“, flüstert er. ,,Schamlose Geschöpfe. Warum verbietet unsere Regierung so etwas nicht?“
Ich kann mir vorstellen, was in seinem Kopf vorgeht. Aber auch nur dort. Denn hier knistert es nicht nach Sex oder perversen Spielen. Die Massage ist kein zärtliches Streicheln. Ich habe es ausprobiert. Die Haut geht in Fetzen, aber die Muskeln werden dabei nach der Arbeit des Tages entspannt.
Die Kinder tun alles mit großem Ernst. Ich möchte sie fast mit europäischen Pfadfindern vergleichen, die am Lagerfeuer die Aufgaben des nächsten Tages besprechen. Während jetzt fünf Mädchen ihre Partner kämmen, diskutiert eine Gruppe größerer Jungen über die Ernte. Die Aufgaben werden verteilt, und die Kleinen müssen berichten, was sie tagsüber getan haben.
Der Chef, „Sirdar“ genannt, und die Chefin, die „Belosa“, wachen über die Ordnung im „Ghotul“. Strafen werden verhängt, wenn es nötig ist, und niemand widerspricht. Die Autorität wird durch die gesamte Gruppe verkörpert und von jedem akzeptiert. Rechte und Pflichten werden immer wieder neu aus den inneren Bedürfnissen der Kinder geboren – und ausschließlich von ihnen selbst verwaltet und streng befolgt; denn diese Rechte und Pflichten entsprechen ihrer Welt.
Die Eltern haben im „Ghotul“ nichts zu sagen. Sie dürfen sich nicht einmal einmischen. Ihre Autorität beschränkt sich auf die Verwaltung der Gemeinde. Der Ältestenrat regelt die Beziehungen zu den Nachbarstämmen und den indischen Regierungsstellen. Er wacht auch über die Schulen, die heute von vielen freiwillig besucht werden.
Natürlich geben die Eltern ihren Kindern zu essen – wofür diese wiederum einen Großteil der landwirtschaftlichen Arbeiten verrichten. Am Tage sind die jungen Menschen in der Schule oder auf dem Feld. Pünktlich um sechs aber beginnt die Stunde des „Ghotuls“.
Das „Haus der Kinder“ dient keineswegs ausschließlich der sexuellen Erziehung. Es ist Mittelpunkt der dörflichen Aktivität. Seine Mitglieder organisieren die Ernte, die Jagd und die Feierlichkeiten für Hochzeit und Begräbnis. Ohne das „Ghotul“ könnte die Muria-Gemeinde nicht funktionieren.
Im Augenblick fragt die „Belosa“, wer heute Nacht die Wache gegen die Tiger übernimmt. Vier Jungen melden sich. Zwei werden ausgesucht. Ein großer und ein kleiner.
Es wird nie befohlen. Es wird stets gemeinsam beschlossen. „Sirdar“ und „Belosa“ sind keine Tyrannen. Sie besitzen ihre Posten auch nicht, weil ihre Eltern etwa reich wären und deshalb vielleicht mehr Einfluß hätten als andere. So etwas gibt es hier nicht. Der Beste steigt automatisch zum höchsten Rang auf, und es herrscht dabei Einstimmigkeit.
Mein Bruder, der Sirdar dieses „Ghotuls“, ist der Sohn eines einfachen Schmiedes. Jetzt lächelt er mir zu, denn ein achtjähriges Mädchen hat von ihm Besitz ergriffen und reißt ihm fast die Haare aus. Die Kleine will zeigen, daß auch sie schon kämmen kann, wie es sich gehört.
„Hast du sie dir ausgewählt?“ frage ich.
„Nein, die Kleine will heute Nacht mein Lager teilen, und da darf ich nicht nein sagen“, antwortet er mit schmerzverzerrtem Gesicht. Büschel von Haaren bleiben im Kamm des Mädchens hängen.
Heute Nacht also wird eine Vierzehnjährige ihre Matte mit einem neunjährigen Jungen teilen, und der sechzehnjährige Sirdar muß mit dem kämmwütigen Kind schlafen.
Was wird passieren? – Wahrscheinlich gar nichts. Oder sehr wenig. Hier gibt es keine verdrängte Sexualneugier, die nun plötzlich die einmalige Gelegenheit wahrnimmt. Denn sie ist nicht einmalig. Sie gehört zum Leben wie Essen und Trinken. Die Vierzehnjährige wird ihren kleinen Kameraden in ihre Arme nehmen und dann mit ihm ruhig einschlafen. Andere Paare mögen ein paar Zärtlichkeiten austauschen, bevor die Müdigkeit sie übermannt – und größere Kinder vielleicht leise aus dem Haus schleichen, um sich draußen zu lieben.
Mittlerweile haben einige Jungen ihre Matten ausgebreitet. Neben ihnen stehen Mädchen. Sie haben sie gekämmt und massiert. Jetzt warten sie, bis wir das „Ghotul“ verlassen haben, um sich in den Armen der Jungen zur Ruhe zu legen.
Die Belosa beugt sich über Marie-Claude Deffarge. „Nur noch zehn Minuten“, sagt sie, „dann müßt ihr uns leider verlassen.“
Man schickt uns nicht fort, weil wir Zeugen irgendwelcher Liebesspiele werden könnten. Wer hier streichelt oder liebt, muß es unbemerkt tun. Diskretion und Zartgefühl sind strengste Regeln. Und im übrigen geschieht ja nie etwas Verbotenes. Hier handelt jeder genauestens nach den vorgeschriebenen Gesetzen der Kinderrepublik.
Diese Vorstellung ist für einen Europäer kaum faßbar. Im „Ghotul“ sind Liebkosung und Sexualität ebenso harmonisch ins Leben eingefügt wie Arbeit und Tanz ins tägliche Geschehen. Die Murias sind überzeugt, daß die Sexualität das Hauptproblem des Menschen ist und daß eine Gesellschaft nur dann ihr Gleichgewicht bewahren kann, wenn diese Urgewalt den ihrer Bedeutung entsprechenden Platz erhält. Anstatt sie – wie wir, die Inder und viele andere es tun – durch Verbote einzudämmen, haben die Murias den Versuch unternommen, die Sexualität im „Ghotul“ zu zähmen und sogar zu sublimieren; und tatsächlich herrscht in ihrem Paradies sexuelle Harmonie und innerer Frieden.
Die Beweise fehlen nicht: Andere Völker Indiens und selbst die modernen Inder haben eine wahre Inflation an Verbrechen, Selbstmorden und Sexualvergehen zu verzeichnen. Bei den Murias hingegen gibt es keine Kriminalität, keine Prostitution, keine Homosexualität – ja, nicht einmal kleinere Diebstähle. Hier leben laut indischer Statistik – und die ist sicherlich nicht gerade Muria-freundlich – die harmonischsten Menschen der Welt. Und wenn wir sie nicht selbst in vielen Dörfern besucht hätten, würde auch ich es nicht glauben.
Im „Ghotul“ wird indessen nicht angelernt, nicht unterrichtet oder dressiert. Lediglich die Grundhaltung zur Sexualität ist der unseren völlig entgegengesetzt. Von dem dreizehnjährigen Mädchen zu meiner Rechten, das heute ihr Lager mit einem Fünfzehnjährigen teilen wird, wissen wir zum Beispiel, daß sie noch Jungfrau ist. Nicht weil die Eltern es so wollen oder eine bestimmte Moral es so diktiert. Sie hat ganz einfach noch niemanden gefunden, mit dem sie den letzten Schritt gemeinsam tun will – obwohl sie schon seit Jahren jede Nacht mit einem anderen Jungen schläft.
Wenn wir das „Ghotul“ jetzt verlassen müssen, beginnt die Stunde des Schlafens oder der Zärtlichkeit – oder auch der Liebe. Es mag sogar sein, daß die Vierzehnjährige heute Nacht ihren neunjährigen Kameraden in die Liebe einführt. Vielleicht wird auch ein sechzehnjähriger Junge einem zwölfjährigen Mädchen zaghaft zeigen, was es heißt, Mann und Frau zu sein.
Es gehört zur inneren Weisheit des „Ghotuls“, daß es besser ist, von einem älteren Kind geführt, als von einem unerfahrenen verführt oder überrumpelt zu werden – ohne
Gewissensbisse, ohne Schwierigkeit, aber auch ohne jede Verpflichtung. Und wenn ein Junge versuchen sollte, einem Mädchen Gewalt anzutun oder nur gegen ihren Willen zärtlich zu sein, dann wird er streng bestraft.
Zu Beginn des Abends hat man uns gezeigt, wie das geschieht: Ein Junge ließ sich mit einem Strick an den Daumen aufhängen. Er hielt es einige Sekunden aus. Im Ernstfall dauert die Strafe drei Minuten. Und falls der so Bestrafte es nochmals versuchen sollte, den Willen eines Mädchens zu überrennen, dann wird er für längere Zeit aus der Gemeinschaft der Kinder ausgeschlossen. Das bedeutet hier ungefähr soviel wie der Tod.
Der Sirdar gibt uns das Zeichen. Es ist gleich Mitternacht. Jedes der Kinder berührt unsere linke Schulter mit einem kurzen Handschlag und wünscht uns eine gute Nacht.
Vor der Tür frage ich den Sirdar, mit wieviel Jahren ein Kind ins „Ghotul“ kommen darf.
„Wenn es nachts nicht mehr in die Hosen macht und groß genug ist, um Holz für unser Feuer zu sammeln.“
„Ist das der einzige Maßstab?“
„Natürlich nicht“, sagt er jetzt ernst. „Die Kinder kommen ins „Ghotul‘, sobald sie begreifen, was nachts eventuell zwischen Vater und Mutter passiert. Das ist schlecht für ein Kind. Verstehst du? Wenn ein Kind plötzlich merkt, daß der Vater ihm die Mutter wegnimmt, dann ist es höchste Zeit, es ins „Ghotul‘ zu schicken.“
Die Murias wissen, welche seelische Belastung es für ein Kind sein kann, im Halbschlaf Zeuge der elterlichen Liebe zu werden. Sie scheinen auch zu ahnen, daß die erwachende Sexualität eines Kindes sich gewöhnlich auf die Mutter oder den Vater überträgt und zu krankhaften Bindungen führen kann. Sie gehen dieser Gefahr aus dem Wege, indem sie das Kind aus dem Elternhaus ins „Ghotul“ schicken, wo seine Sexualität rechtzeitig auf Gleichaltrige gelenkt wird. Die unbewußte und oft zerrüttende sexuelle Gegnerschaft zum Vater, welche die Psychoanalyse unter der Bezeichnung „Ödipus-Komplex“ berühmt gemacht hat, wird somit vermieden.
Auch den Zusammenprall zwischen kindlicher Bestätigungsnot und elterlicher Autorität gibt es hier nicht. Vater und Mutter werden frühzeitig durch einen anderen „Ordner“ abgelöst: die Gemeinschaft aller Kinder. Ihre Regeln und Gesetze werden nie in Frage gestellt – weil sie alle binden. Sie sind nicht, wie zu Hause, die Summe oft sehr willkürlich verwalteter Vorrechte zweier erwachsener Menschen mit all deren Schwächen, Launen und erzieherischen Unzulänglichkeiten, sondern die selbstgewählten Pflichten einer Republik der Kinder.
Kurzum: Bei den Murias findet der unvermeidliche Konflikt zwischen Eltern und Kind nicht statt – weder im unbewußt sexuellen noch im bewußt autoritären Bereich. Die Liebe zu den Eltern ist infolgedessen viel größer als anderswo, und sie dauert das ganze Leben.
Das klingt beinahe zu schön, um wahr zu sein. Eigenartigerweise stimmt diese Beobachtung jedoch mit den Erkenntnissen der europäischen Psychiatrie im wesentlichen überein: Das „Ghotul“ der Murias ist sozusagen das psychoanalytische Ideal der Erziehung. Es widerspricht natürlich unserer herkömmlichen Familienordnung und Sexualmoral. Aber viele Soziologen und selbst das schwedische Parlament diskutieren heute ernsthaft, ob die Erfahrungen der Murias nicht auch uns einen Weg aus der drohenden sexuellen Anarchie weisen könnten.
Wie dem auch sei: Wir jedenfalls haben noch nie so viele lebensfrohe Menschen wie in diesem „Paradies“ gesehen. Auch sind uns noch kaum Menschen begegnet, die sexuell so ausgeglichen waren wie die Murias.
Aber was geschieht, wenn eines dieser Mädchen sich verliebt? Wenn es einen ganz bestimmten Jungen vorzieht und für sich allein haben will? Die Gesetze des „Ghotuls“ verbieten das. Ein Mädchen darf dreimal mit dem gleichen Jungen zusammensein. Dann muß es wechseln, sonst wird es bestraft. Später darf das Mädchen ihn wiederum dreimal lieben, aber stets muß es zwischendurch einigen anderen Jungen den Vorzug geben.
„Auf diese Weise bleibt die Liebe erhalten“, sagt uns ein alter Muria. „Wenn die Kinder sich früh an einen Partner binden, gehen sie der Liebe verloren.“
Wir wollen ihn vom Gegenteil überzeugen und erzählen ihm von Europa und Amerika, wo man glaubt, daß die Jugendliebe übers Grab dauern kann.
Er schüttelt nur den Kopf. „Wo vor der Hochzeit zuviel Liebe besteht, da gibt es nachher immer weniger.“
„So bleibt man später auch leichter treu“, wirft ein anderer Muria ein. „Wer als Kind schon alles kennengelernt hat, ist später nicht mehr neugierig.“
Was passiert aber, wenn ein Mädchen verliebt ist und später doch mit einem anderen verheiratet wird?
„Das kommt vor“, erklärt der alte Herr. „Wenn die Liebe wirklich groß ist, dann trennen die beiden sich eben von ihren weniger geliebten Ehepartnern und heiraten einander. Wir haben drei solcher Fälle im Dorf. Jeder findet das normal. Und niemand würde protestieren. Am wenigsten die ungeliebte Ehehälfte.“
Wir fragen viele junge Männer nach ihrer Meinung. Sie antworten alle übereinstimmend: „Im „Ghotul“ darf es keine festen Liebespaare geben, sonst würden sich Eifersucht und Konkurrenz einschleichen. Die Gemeinschaft könnte dann nicht mehr gerecht funktionieren. Und was geschähe in solchem Fall mit den Häßlichen? Sollten sie etwa ausgestoßen werden oder abseits stehen?“
„Wird ein Verliebter denn nicht unglücklich, wenn er das Mädchen, das er vorzieht, in den Armen eines anderen weiß?“ wollen wir wissen.
„Das kommt nur selten vor. Wir gewöhnen uns schon früh daran, alles zu teilen. Wenn ein Junge aus Eifersucht ein langes Gesicht macht, wird er bestraft.“
Wir fragen einige Mädchen, ob sie nicht lieber einen festen Freund hätten. „Dann wären wir doch alles schwanger“, antwortet eine von ihnen. „Oh nein, niemals“ Im „Ghotul’ ist schon alles richtig.“
Die Murias sind überzeugt, daß ein Mädchen nur dann schwanger werden kann, wenn es sich seelisch an einen Mann bindet und ihm physisch treu bleibt. Das mag ein lächerlicher Aberglaube sein. Aber irgendwie muß diese Überzeugung so tief im Bewußtsein der kleinen Murias verankert sein, daß sie wirksam ist. Dort gibt es nämlich kaum Schwangerschaften: nur vier Prozent – bei völliger sexuellen Freiheit. Das ist unglaublich wenig. Sobald jedoch eines dieser Mädchen heiratet, ist auch schon im ersten Jahr der Ehe das erste Kind da.
Ärzte und Psychologen haben sich mit diesem Phänomen beschäftigt, ohne eine befriedigende Antwort darauf zu finden. Vielleicht gibt es im „Ghotul“ Regeln und vorgeschriebene Zeiten der Liebe, auf die diese Empfängnisbeschränkung zurückzuführen ist. Wir wissen es nicht.
Trotz allem, was wir und andere vor und nach uns erfahren konnten, birgt die Republik der Kinder nach wie vor tausend Geheimnisse. Sie werden umso strenger gehütet, je mehr durchreisende Inder das „Ghotul“ als Freudenhaus betrachten und versuchen, sich als „Kunden“ Zutritt zu verschaffen. Gott sei Dank ist es ihnen bis heute nicht gelungen!
So präsentiert sich hier die „Zivilisation“: Fremde Menschen, welche die Murias als Primitive verlachen und ihre Sitten verhöhnen, die jedoch bei der erstbesten Gelegenheit versuchen, sie schamlos auszunutzen – unterstützt von Schnaps, Geschenken oder Drohungen. Sie sind die Schlangen im Paradies. Mit ihren schmutzigen Händen und Gedanken bieten sie die „Erkenntnis“ an. Aber sollen die Murias „erkennen“ und somit schuldig werden?
Die Murias sind keine Primitiven. In ihrer kleinen Welt haben sie bewußt die harmonischste Gesellschaft geschaffen, die wir je gesehen haben. Den Anspruch, diese Menschen zu „zivilisieren“, können weder die Inder noch die anderen erheben. Es sei denn, sie zivilisierten sich zunächst selbst; das heißt: sie hörten auf zu töten, zu hassen, auszubeuten und sich überlegen zu fühlen.
Der englische Theologe Verrier Elwin, der einen Teil seines Lebens bei den Murias verbracht hat, schrieb: „Während ich das freie und glückliche Leben der Murias teilte, stellte ich mir oft die Frage, ob ich Hunderte von Jahren zurück oder hundert Jahre voraus war. Ich schlage nicht vor, unsere Mittelschulen in „Ghotuls“ zu verwandeln. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, daß es im Leben und in der Lehre des „Ghotuls“ Elemente gibt, die wir aufmerksam studieren sollten, und daß es nur wenigen von uns schaden könnte, von dem Geist der Murias angesteckt zu werden.“