Liebe ist nur Zauberei (Bali)

Stern, Heft 44, 31. Oktober 1965 –

Den Touristen wird Bali als ein Operetten-Paradies angepriesen, mit Tempeltänzen und halbnackten Mädchen.Die indonesische Regierung will aus den Insulanern moderne, fortschrittliche Menschen machen.Die Balinesen aber leben in ihren verborgenen Dörfern wie vor 1000 Jahren: zwischen Liebe und Angst vor Göttern und Dämonen.

Wenn Sie Fräulein Müller und Herrn Meier auch noch bitten, ihre paradiesischen Vorstellungen auf einen Globus zu übertragen, bleiben die Finger auf drei Punkten stehen: Hawaii – Tahiti – Bali.Wir haben den Test siebzehnmal gemacht. Jedes Mal mit dem gleichen Ergebnis.Konnten wir also eine Serie über die Frauen der Welt schreiben, ohne die Südsee einzuschließen? Natürlich nicht.
Die Wahl fiel nicht schwer. Auf Hawaii kommen vier amerikanische Touristen auf einen Einheimischen: eine überfüllte Insel.In der Gegend von Tahiti lassen die Franzosen ihre nächste Atombombe hochgehen: Spione bespitzeln Soldaten, die ihrerseits die Schönen der Insel requirieren: ein militärisches Freudenhaus.
Es blieb also nur Bali. Obwohl wir im Flugzeug angekommen, scheinen wir auch hier „auf dem falschen Dampfer“ zu sitzen.Es ist kaum zu glauben, was die paar Fotos freibrüstiger Mädchen, die den Ruf dieser Insel begründeten, angerichtet haben: Überall entstehen Hotels.Ein interkontinentaler Flugplatz wird es den Schaulustigen bald erlauben, von Übersee direkt – und nicht wie wir von Djakarta aus – ins Südsee-Paradies zu fliegen, wo sie dann geführt werden, wie durch die Tierparks von Ostafrika. Anstatt Elefanten, Büffel und Löwen zu zeigen, zeigt der Führer: „Achtung, Foto – links wird nackt gebadet! Die Frauen immer stromabwärts. Die Männer stromaufwärts“. Kameras klicken. „Die Männer halten immer eine Hand vor den Hauptteil der Anatomie“, erklärt der Führer. „Die Frauen stecken ihn geschwind ins Wasser, sobald sie die Röcke hochgehoben haben. Ja, meine Damen und Herren. so badet man hier seit vielen tausend Jahren zweimal am Tag. Wir sind Fanatiker der Sauberkeit.
Ehrlich gesagt, mich regt das nicht auf. Was mich weit mehr interessiert, sind die unglaublich vielen Tempel, die wie Edelsteine – in Palmen und Bambus gefasst – den Rand der Straße säumen. Wir fahren schon zwanzig Kilometer landeinwärts, und ich habe noch kein gewöhnliches Haus entdeckt.
Wo wohnen nur all die Leute, die mit Körben auf ihren Köpfen herumlaufen? Etwa in diesen Prachtbauten mit ihren monumentalen Eingängen? Kinder spielen davor. Und wenn man näher hinschaut, entdeckt man Küchen und Frauen, die dort arbeiten. Also doch: Tempel und Wohnungen liegen beisammen, umgeben von hohen Mauern. Der Balinese lebt mit seinen Göttern wie in einer Burg.
Ich möchte mehr wissen, aber meine erregten Reisegenossen lassen mich nicht zu Wort kommen. „Schnell“, ruft der Reiseführer,„rechts! Ein junges Mädchen mit freier Brust.“ Klick, klick, klick.
„Stopp“, ruft ein Herrn dem Fahrer zu. „Ich fotografiere in Farbe. Fahren Sie zurück, Mann. Sofort!“
„Das geht leider nicht“, entschuldigt sich der Reiseführer. „Was die Herrschaften soeben gesehen haben, ist ungewöhnlich. Heute ist das sozusagen verboten. Das Mädchen muss aus einem entlegenen Dorf kommen und die neuen Vorschriften noch nicht kennen.“ Der Herr mit dem Farbfilm flucht: Er ist verbittert wie alle Ausländer, auf deren Filmen jetzt billige Büstenhalter die berühmten balinesischen Busen abgelöst haben. Einige Touristen sind schon zur Polizei geschleppt worden, weil sie an traditionellen Parkplätzen, hinter Palmen versteckt, mit Teleobjektiven auf unbekleidete Damen Jagd gemacht haben. Seit der Unabhängigkeit Indonesiens gelten nackte Brüste als Verstoß gegen die nationale Würde des jungen Staates. Und wenn es nicht die Polizei ist, dann wacht die balinesische Jugend darüber, dass ihr weiblicher Teil die europäischen Maßstäbe der Scham umschnallt.
„He, Mister – ich wechsle Dollars zu niedrigen Preisen“,spricht mich ein junger Mann an, der seinen unsicheren Blick hinter einer dicken Sonnenbrillen zu verbergen sucht. Als ich ablehne, kommt er näher und flüstert: „Wollen Mister Balimädchen Natur fotografieren? Sehr schöne. Sehr schöne. Zweitausend Rupien (etwa zwei Mark) das Stück. Heute Abend am Strand von Sanur?“
„Zweitausend das Bild?“
„Nein, Mister. Zweitausend die Brust.“
„Das ist verflucht teuer.“
„Rupien wenig wert, Mister. Aber Brüste heute sehr selten. Wenn Sie mir Dollar bezahlen, mache ich zwanzig Prozent Rabatt.“
Ich gehe weiter. Er läuft mir nach und deutet fragend auf die drei Kameras, die um meinen Hals hängen. „Warum haben Mister die denn mitgebracht?“
„Zum Fotografieren natürlich.“
Jetzt bohren sich seine Augen schamlos in die meinen. Die erwartete Antwort scheint auszubleiben, denn er fragt immer noch zögernd: „Mister kommen doch aus England oder Deutschland? Mister sein blond.“
Ich nicke – und nun geht die Erkenntnis mit ihm durch: „Natürlich. Wie habe ich nur können mich so täuschen. Mister wollen junge Männer fotografieren. Hätte ich wissen müssen. Unverzeihlich. Wie viele? Wann?
Ich erkläre ihm, daß nackte Knaben mich nicht interessieren und schwarz gehandelte Brüste weder einzeln noch paarweise in Frage kommen. Er läßt nicht locker:
„Aber Mister können hier nur auf Schwarzmarkt lieben. Mädchen fast unmöglich. Aber Jungen. Bali richtiger Himmel für raffinierte Herren.
Auf diese Idee hätte ich eigentlich eher kommen müssen: Der weltweite Ruf vom balinesischen Liebesparadies ist ein Märchen – wenigstens für normale Touristen. Hier kommen nur ganz bestimmte Herren auf ihre Kosten. Sie waren es auch, die Bali berühmt gemacht haben. Früher als sie – Maler, Literaten und Ästheten – über die Insel berichteten, war es weder modisch noch versprach es literarischen Ruhm, sich offen zur gleichgeschlechtlichen Liebe zu bekennen. Deshalb füllten sie nur ihre Privatalben mit kunstvollen Bildern badender Jünglinge. Für die Öffentlichkeit produzierten sie Bilder freibrüstiger Amazonen der Liebe. Und in der Beschreibung ihrer Erlebnisse vertauschten sie einfach „er“ mit „sie“, um das Paradies auch normalen Menschen schmackhaft zu machen.
Dieses kleine grammatikalische Tauschgeschäft fordert heute noch seine Opfer. Die normalen Freunde exotischer Abenteuer gehen in Bali leer aus. Zwar gab es einmal zwei oder drei Ausländer, die sich einen regelrechten Harem hielten. Aber das waren Ausnahmen. Sie verteilten Medizin und gaben heilende Spritzen und galten deshalb bei den Inselbewohnern als mächtige Zauberer. Die abergläubischen Bauern schenkten ihnen gern ihre Töchter, um so die großen Geister zu bestechen, zu denen diese Herren anscheinend gute Beziehungen unterhielten. Alle anderen normalen Männer, die sich je in Bali niederließen, mußten wie Mönche leben – oder heiraten. Und selbst das war gar nicht so einfach.
Doch das gilt nur für Ausländer. Unter sich sind die Balinesen keineswegs prüde. Sie hassen es, wenn sich ein Mädchen ziert. Sie haben es nicht einmal für nötig gehalten, ein Wort für Liebe zu erfinden. Sie sprechen von Verlangen – Lust haben – Vergnügen.
Romantische Naturen mögen das bedauern. Aber Romantik kann es nur dort geben, wo Verbote gebrochen oder Widerstände überwunden werden müssen. Das ist in Bali unter Balinesen nicht der Fall. Die Liebeserklärung ist kurz und deutlich: „Willst du?“ Und das Mädchen sagt dann ja oder nein. Die im Blitzflirt gewonnene Zeit wird anschließend gründlich genutzt. So wenigstens erzählt mir ein junger Mann, der schon einigen weiblichen Touristen als Führer gedient hat und wahrscheinlich vergleichen kann.
„Bei euch verpufft die Hauptenergie im nutzlosen Vorgeplänkel“, erklärt er wie ein wohlwollender Lehrer einem etwas zurückgebliebenen Schüler. „Im Grunde weiß doch jeder von Anfang an genau, was er will. Aber ihr wollt die große Schau. Uns vergeht dabei die Lust. Euch scheint dieser Zirkus so aufzuregen, daß ihr das Ziel dann in einem hastigen Sprint erreicht. Nein, mein Lieber. Von der Liebe habt ihr keinen blassen Schimmer. Ihr spielt Theater. Das ist alles.
Ich bin soviel in der Welt herumgekommen, dass ich mich kaum noch als Europäer fühle und schon gar nicht unsere Art zu lieben in fremden Paradiesen verteidigen will. Nur um ihn zu ärgern sage ich: „Das Verbotene ist bekanntlich reizvoller als das leicht Zugängliche. Damit beginnt das Abc der Erotik, falls du es nicht wissen solltest.“
Er lächelt und erkundigt sich, ob ich im Schneidersitz hocken kann, ohne daß meine Beine einschlafen.
„Nein. Wir haben seit vielen Jahrhunderten Stühle.“
„Siehst du“, meint er. „Und da wagst du von Erotik zu sprechen.“
Ich begreife kein Wort. Aber er scheint zu jubilieren. „Ihr seid Stümper“, fügt er hinzu. „Analphabeten der Liebe, wenn du mir den Ausdruck erlaubst.“
Ich erlaube – bedauere jedoch, daß es noch keine Olympiade der Liebe gibt, dann würde vielen dieser Aufschneider zwischen Argentinien und Japan endlich einmal der Mund gestopft.
Aber auch dieses Argument widerlegt er spielend. Er zieht einen Haufen Briefe aus der Tasche, in denen Frauen aus allen Teilen der Welt schreiben, wie glücklich sie in Bali waren.
Bali ist also doch ein ganz besonderer Platz – für Homosexuelle und einsame Frauen. Ich muß unwillkürlich an Italien denken. Dort schieben viele Männer ihren sexuellen Kohldampf durch den ganzen Winter und stürzen sich dann im Sommer ausgehungert auf die ausländischen Touristinnen. Mit verzehrenden Blicken und romantischem Kriegsgeschrei. Aber Bali? Hier herrscht doch die größte Freiheit. Die brauchen nicht auf die Flut der Touristinnen zu warten, die in Italien zu den bekannten Deichbrüchen führt. Es muß wohl doch mehr hinter den Worten meines jungen Freundes stecken als pure Prahlerei.
„Was geschieht“, frage ich ihn, „wenn eines eurer Mädchen rundheraus ’nein‘ sagt?“
„Dann suche ich mir eine andere.“
„Und wenn du verliebt bist? Das gibt es bei euch doch auch?“
„Dann gehe ich zum Zauberer. Der braut ein Mittel zusammen, das schnell zum ‚ja‘ führt.“
„Und was geschieht, wenn der Liebestrunk versagt?“
„Dann bleibt immer noch die Entführung.“
„Mit Gewalt?“
„Das kommt vor.“
Aha, das gibt es also auch: gewaltsamer Raub! Bali überrascht uns immer mehr. Bis jetzt wußten wir nur, daß die Entführung nur als eine abgesprochene Komödie zur Verbilligung der Hochzeit in Szene gesetzt wird: Wenn zwei junge Leute sich einig sind und die Eltern eingewilligt haben, wird die Braut eines Tages entführt. Das Paar versteckt sich in einer entlegenen Hütte, während die Sippe der Braut mit Säbeln durch die Gegend rennt, um deutlich zu zeigen, daß sie ihre Ehre rächen will. Das Liebesnest wird natürlich nie ausgehoben, sonst müßte ja der Entführer wirklich umgebracht werden. Wenn dann die reuigen Sünder nach einigen Tagen wieder auftauchen und um Verzeihung und Segen bitten, werden diese großzügig gewährt. Die Tochter ist unter Haube – und es hat nicht gekostet.
Die Balinesen sind praktische Leute. Wir erleben es sogar am eigenen Leibe. Ausländer werden gehaßt, aber manchmal können sie nützlich sein. Wir zum Beispiel. Mittlerweile hat es sich herumgesprochen, daß wir uns für die Frauen und Sitten der Insel interessieren und sogar ein Auto gemietet haben. Diese Tatsachen scheinen einem Herrn sehr gelegen zu kommen. Er schlägt uns vor, bei einer Entführung mitzumachen. Die Auserwählte soll im Straßenkreuzer geraubt werden. Wir sind natürlich begeistert, bei einer solchen Komödie in der ersten Reihe zu sitzen und als Eintrittsgeld nicht mehr als ein paar Liter Benzin zahlen zu müssen. Wir fühlen uns wie echte Pfadfinder beim Räuber- und Gendarmspiel. Eine enge Brücke am Eingang des Dorfes wird als strategisch beste Position gewählt. Hier muß die junge Dame vorbeikommen. Die Horoskope sind auch einverstanden. Donnerstag um neun Uhr werden alle Götter und Sterne auf unserer Seite stehen.
Wir liegen auf der Lauer. Der Besitzer des Mietwagens, der Entführer, Claude Deffarge und ich. Plötzlich kommt ein Dutzend Frauen im Gänsemarsch daher.
„Es ist die vierte,“ flüstert der Bräutigam und geht in Deckung.
Ich stoße die Tür auf, und der Besitzer zieht das Mädchen ins Auto. Vollgas.
Die Kleine schreit. Wir zögern nicht, dem Räuber die geforderte Hilfestellung zu geben. Ich halte die wütend strampelnden Beine des Mädchens fest, Claude die Arme. Der Bräutigam setzt sich einfach auf den Bauch seiner Zukünftigen und hält ihr den Mund zu. Ihre Füße zerreißen mein Hemd. Der Entführer blutet. Claude Deffarge scheint das gar nicht komisch zu finden.
„Es ist doch nur ein Scherz“, beruhige ich sie.
„Aber es sieht so echt aus. Schau, sie weint sogar.“
„Das gehört dazu“, meint der Besitzer des Wagens.
Als wir am Abend bei einer Flasche Reiswein beisammen sitzen, macht der Wagenbesitzer ein langes Gesicht. Zögernd gesteht er, daß das Mädchen gar nicht einverstanden war. „Ich wußte es zunächst auch nicht“, entschuldigt er sich. „Auf Ehre und Gewissen. Aber macht euch keine Sorgen, das renkt sich schon wieder ein.“
Der Mann hat Nerven! Wir sollen ruhig bleiben, während ein Mädchen mit unserer Hilfe geraubt und womöglich vergewaltigt wird.
„Mittlerweile wird das Zaubermittel gewirkt haben“, versucht er mich zu beruhigen. „Und die Verhandlungen mit den Eltern übernehme ich.“
Zaubermittel – schon wieder. Seit einigen Wochen haben wir den Eindruck auf dem Weltkongreß der Magier zu sein. Die Balinesen haben vielleicht die Technik der Liebe perfektionieret – aber was sonst passiert, scheint mit dem Gefühl oder dem Willen der Menschen nichts zu tun zu haben. Medizinmänner, Götter, Hexen, Astrologen und schriftgelehrte Brahmanen spielen mit den Schicksalen wie mit gefälschten Würfeln. Es würde mich gar nicht wundern, wenn irgendein Hexenmeister ausgeknobelt hätte, daß nur unsere Beteiligung am Raub Glück bringen könnte. Anstelle von Schlangenschwänzen oder gemahlenen Eulenschnäbeln hat er vielleicht kurzerhand ein paar Ausländer in die Liebesmischung gesteckt. Ich weiß nicht, welcher Gott oder Stern ihm das geraten hat. Jedenfalls finde ich, daß dies ein erbärmliches Schurkenstück ist. Ich verlange, sofort zu dem Mädchen geführt zu werden.
Der „Räuber“ liegt im Bett. Die Entführte sitzt neben ihm auf dem Boden. Sie scheint vollkommen entspannt. Wir entschuldigen uns und erklären, daß wir gekommen sind, um sie wieder mitzunehmen. Der junge Mann lächelt, und das Mädchen wehrt ab. Es behauptet plötzlich, glücklich zu sein. Die beiden verstehen nur ein paar Worte Englisch und Holländisch. Das erschwert natürlich die Verständigung. Wie sollen wir überzeugend wirken, wenn wir kaum verstanden werden? Und der Besitzer des Wagens, der sonst so bereitwillig dolmetschte, hält sich vorsichtig zurück.
Aber so einfach lassen wir uns nicht an der Nase herumführen. Jetzt wollen wir doch mal sehen, was hier gespielt wird! Die friedliche Koexistenz zwischen balinesischer Zauberei und europäischen Vernunft ist vorüber. Wir werden mit den gleichen Waffen zurückschlagen! Die beste Hexe der Gegend ist uns gerade gut genug. von ihr hat man uns phantastische Dinge erzählt.

Hexenspuk im Tempel der Toten

„Ich weiß, warum ihr kommt“, begrüßt uns die Hexe. „Ihr habt Schuld auf euch geladen.“
Kunststück. Um das zu sehen, braucht man keine Zauberin zu sein. Es steht in unseren Gesichtern geschrieben.
„Ihr habt einem Mädchen Leid angetan.“
Jetzt wird mir ein wenig unheimlich zumute. Woher weiß sie das? Oder sollte der Räuber auch ihr Kunde sei?
„Was sollen wir tun“, frage ich. „Wenn bis morgen nichts passiert, rufen wir die Polizei.“
Die Hexe geht zu ihrem Bett hinüber, das im Tempel der Toten steht, und legt sich nieder. Mit geschlossenen Augen murmelt sie einige Sätze vor sich hin. Dann steht sie auf und sagt: „Ihr könnt ruhig schlafen, jetzt ist alles wieder in Ordnung.“
Am nächsten Tag begegnen wir der Entführten auf dem Markt. Sie strahlt und winkt uns heran. Ich erwarte von keinem Leser, daß er glaubt, was das Mädchen allen Ernstes berichtet – auch uns verschlug es den Atem: Um die gleiche Zeit, als wir bei der Hexe waren, sei sie, so erzählt die Kleine, plötzlich aufgewacht. Sie habe gesehen, daß aus der Tasche ihres schlafenden Entführers eine Flasche gefallen war. Und sie habe sofort begriffen – denn sie ist ja Balinesin! – daß hier das Mittel war, das sie verzaubert hatte. Sie öffnete die Flasche und schüttete einige Tropfen des Inhalts über ihren Leib. Schon fühlte sie sich frei. Der Bann war gebrochen. Sie ging aus dem Haus, als ob nichts gewesen wäre – und niemand hielt sie zurück.

Tanzende Bauern in prunkvollen Kostümen

„Ihr seid doch alle ein wenig verrück“, beschimpfe ich den Besitzer des Wagens. „Durch eure verfluchte Zauberei wären wir fast in Teufels Küche gekommen. Glaubt ihr denn wirklich an all diesen Humbug?“
„Hat er vielleicht versagt?“
Nein, aber …“
„Ihr glaubt doch auch an eure Wissenschaft!“
Ich verstehe die Beziehung nicht. Aber er klärt mich auf: „Wissenschaft ist nichts anderes als Magie, die funktioniert.“
„Und was ist dann eure Zauberei, wenn ich fragen darf?“
„Wissenschaft natürlich, denn sie funktioniert ja auch!“

Diese kleine Lektion balinesischer Logik hat uns sehr geholfen, Bali besser zu verstehen: Religion, Liebe Tanz, Theater, Fest und Tod – alles was das Leben dieser Menschen ausmacht, ist eng mit Magie verquickt. Ja, sie ist das Fundament ihrer Gesellschaft.
Selbst der Luxus ihrer Häuser und Tempel ist auf den Glauben an diese Magie zurückzuführen. Der Käfig eines Papageis ist nur deshalb so schön wie der Rahmen eines venezianischen Spiegels oder der Pfeiler eines Hauses nur deshalb so kunstvoll ziseliert wie eine Tempelsäule, weil jedes Ornament seine magische Bedeutung hat. Dieser echte Luxus entsteht durch die symbolisch ausgedrückte Einbeziehung der Kräfte des Alls in jedes Detail des alltäglichen Lebens.
Kein Wunder, daß es das Wort „Kunst“ in der balinesischen Sprache ebensowenig gibt wie das Wort „Liebe“. Die Tempelbauer, Tänzer, Bildhauer, Mimen, Holzschnitzer und Musikanten sind keine „Künstler“ in unserem Sinne. Es sind Bauern und Bäuerinnen und deren Töchter und Söhne. Jeder Balinese ist „Künstler“. Das heißt: Er nimmt teil an den magisch-religiösen Aufgaben der Gemeinschaft.
Es ist ein eigenartiges Schauspiel, wenn man einem Tanz zugesehen hat oder einem Theaterspiel, und wenn man dann hinterher beobachtet, wie einfache Bauern sich aus den prunkvollen Kostümen schälen, um wieder zu ihrer harten Arbeit auf die Felder zu gehen.

Frauen können sich mehrere Liebhaber halten

Das kleinste Dorf hat seine Tänze und Spiele. In ihrer Freizeit sind die Balinesen nicht – wie wir – gemütlich im Sessel sitzende Zuschauer bezahlter Zeitvertreiber. Sie stehen selbst im Mittelpunkt des Geschehens oder sind „magisch“ beteiligt. Mal sind sie König, mal Gott, mal Teufel, Phönix, Drache oder Affe. Ihre Spiele und Tänze sind psychologische Entspannungsübungen für alle. So erklärt sich vielleicht, warum diese Menschen eine so harmonische Gesellschaft aufbauen konnten und weshalb sie nicht, wie die Inder, im Kastensystem des Hinduismus erstickten.

Ja, auf Bali herrscht die gleiche Religion wie in Indien. Selbst das hat – laut Volksmund – magische Hintergründe. Als einer der mohammedanischen Herrscher Javas die Balinesen zum Islam bekehren wollte, schickte er einen Gesandten mit einer Schere an den Hof des dortigen Fürsten, um diesen zu beschneiden. Der Fürst konnte dem Wunsch seines Lehnsherren nicht widersprechen und willigte ein. Aber die Schere zerbrach, und der Gesandte starb. Das war für ganz Bali die „magische“ Rechtfertigung, dem Hinduismus treu zu bleiben. Und die Balinesen sind es heute noch. Auf dieser kleinen Insel entdeckt man, daß nicht die Religion an sich entscheidend ist, sondern das, was die Menschen daraus machen.

Während zum Beispiel in Indien das Gefälle zwischen Mann und Frau gewaltig ist, kann man auf Bali kaum einen soziologischen Unterschied zwischen den Geschlechtern beobachten. Auch die Kasten haben nicht die gleiche Bedeutung wie in Indien. Es gibt auf Bali nur vier Kasten und ihre Beziehungen untereinander sind nicht durch den indischen Reinheitsfanatismus und Rassendünkel belastet. Eine Frau darf sogar in eine tiefere Kaste heiraten. Sie kann sich ebenso leicht scheiden lassen wie ein Mann, und Witwen ist es nicht verboten wieder zu heiraten. Selbst „verblühende“ Damen können sich so viele Liebhaber halten, wie sie wollen. Außer den Zaubermitteln ihrer eventuellen Rivalinnen haben sie nichts zu befürchten.

Die Kinder sind die Könige des Hauses und frei wie die Spatzen. Anstatt ihr Leben durch regelmäßige Mahlzeiten zu komplizieren bekommen sie ein paar kleine Geldstücke und essen zwischen zwei Spielen auf dem Markt. Wenn jedoch eine Balinesin sich in die Küche stellt, dann kommen Gerichte auf den Tisch, die zu den besten der Welt gehören. Wir wenigstens haben selten so gut gegessen.
Bali ist schon ein Paradies! Zwar nicht für männliche Vergügungsjäger, die den viel besungenen Liebesgarten suchen. Auch nicht für Touristen, die in großen Hotels europäisch essen und sich „amerikanisch“ herumführen lassen. Wohl aber für alle, die einmal eine völlig verzauberte Welt sehen wollen.