Ein Schah, drei Kaiserinnen – und was dahinter steckt I

Stern, Heft 43, 22. Oktober 1960  –

Ein Schah schreibt Memoiren
Eine Kaiserin gebiert ein Kind
Alle Welt blickt nach Persien

Aber das Volk hungert in Not
Das Regime reagiert mit Gewalt
Das Land wird ausgebeutet

 

Der Schah, drei Kaiserinnen und die Wirklichkeit

 

 

 

 

 

 

 

Die ägyptische Prinzessin Fawzia war seine erste Kaiserin. Danach heiratete der Schah Rest Pahlevi 1951 Prinzessin Soraya. Auch sie schenkte ihm, wie ihre Vorgängerin, keine Thronerben. Beide schickte der Schau wieder fort.
Kaiserin Farah bleibt des Schahs letzte Hoffnung.

 

Der Rummel um Persien erreicht in diesen Wochen seinen Höhepunkt. Was die erste Kaiserin, Fawzia, dem Schah nicht geben konnte und was auch Soraya versagt blieb, soll nur durch Farah in Erfüllung gehen: der Schah wünscht einen Thronerben, damit die Dynastie von innen her gestärkt wird. Nach außen hin soll der Rummel um die Geburt das sentimentale Interesse überall in der Welt von der wirkliche Situation Persiens auf den gleißenden Pfauenthron ablenken, damit man das Land vergisst, auf dem er steht.

„Hier dürfen Sie nicht fotografieren.“ „Wo denn?“ „Nirgends!“ Der Polizist kommt drohend auf mich zu. „Wenn Sie nicht sofort verschwinden, muss ich Sie verhaften.“
Sein zottiger Schnurrbart imponiert als seine schmutzigen Hosen. Ich versuche ihm zu erklären, was ich jeden Tag zehnmal erklären muss: dass man seit einigen Jahren in Persien keine Spezialgenehmigung mehr zum Fotografieren braucht.
Und da geht gerade mein Titelbild vorbei, auf das ich seit Tagen warte. Eine elegante Perserin, bei Dior gekleidet, mit Hollywood-Make-up und Cartier Schmuck, eine bezaubernde Person, stößt sich gelangweilt einen Weg durch eine Gruppe von verschleierten Frauen. Ich reiße die Kamera hoch – Klick – und sehe im Sucher die Faust des Polizisten.
Vier andere Fäuste, die auch zu Polizisten gehören, führen mich zur nächsten Wache. Hier will ein Offizier wissen, warum ich fotografiere, was ich fotografiere, für wen ich fotografiere, wovon ich leben, was ich denke. Er hängt nachlässig in einem durchgesessenen Sessel und putzt sich die Nägel mit seinem Taschenmesser. An der Wand sieht man den Schah von Persien in Uniform eifrig auf einem leeren Blatt Papier herumschreiben. Vielleicht sind es seine Memoiren. Ein lebensgroßes Bild, das Arbeit symbolisieren soll und ein Beitrag zum Kampf gegen das Analphabetentum.
Der Offizier lässt das nagelsäubernde Messer fallen. Er bückt sich nicht. Er schaut nicht einmal hin. Er streckt nur lässig die Hand aus und wartet mit abwesendem Blick, bis ein schnell hinzugestürzter Polizist es ihm wieder ehrfurchtsvoll präsentiert, mit beiden Händen und tiefer Verbeugung.
„Sie sprechen etwas Persisch. Wo haben Sie das gelernt?“ will er wissen
„In Persien.“
„Warum?“
„Ich konnte nicht umhin, ich habe hier ein Jahr gelebt.“
„Aha!“ Er klappt sein Messer zusammen, lässt es schnell in der Tasche verschwinden und schaut mich forschend an. Diesen Blick kenne ich, denn es ist nicht das erste Mal dass ich in Persien in einer Polizeiwache lande. Er fragt sich besorgt, ob ich einflussreiche Freunde in Teheran haben könnte. Wenn man sein Geld mit Fotografieren und Schreiben verdienen muss, kann man unmöglich ein Herr sein. Mit seiner herausfordernd-lässigen Haltung hat er mir dies von Anfang an klar zu verstehen gegeben.
Aber jetzt wird er unsicher. Wenn man so lange in einem Land gelebt hat, muss man Freunde haben. Ich brauche mich gar nicht mehr auf die in den Reiseführern abgedruckten Bestimmungen zum berufen, denen zufolge jeder fotografieren darf, solange er nicht auf Häuser klettert. Ich brauche jetzt nur konsequent die Spielregeln der persischen Gesellschaft zu befolgen, die das moralische, soziale und politische Leben des ganzen Landes bestimmen: Man ist umso mehr Mensch, je weiter der Arm nach oben reicht. Wer einem Minister die Hand gegeben hat, ist ein Gentleman, wer die kaiserliche Familie kennt, ein halber Gott. Man muss zu den jeweiligen lokalen oder nationalen Größen Zugang haben, um überhaupt zu bestehen.
Ich spreche also ganz zufällig von dem mächtigen A., bei dem ich einmal gewohnt habe, von Generalen, die ich kenne, und als ich beim Hofminister ankomme, schreit mein Gegenüber wütend einmal eine schnurrbärtigen Schutzengel an:
„Tchai biar -Tee her!“
Der Polizist fährt zusammen und stürzt aus dem Zimmer. Er hätte aus der Unterhaltung sehen müssen, dass der Tee schon lange fällig war.
Als ich dann noch erzähle, wie ich einmal mit einem Bruder des Schahs auf Bärenjagd gewesen bin, sitzt der Lieutenant nicht mehr gelassen in seinem Sessel. Er steht neben mir, zündet mir die Zigarette an und kümmert sich persönlich um die Anzahl Zuckerstücke, die ich in meinem Tee haben will.
Das Spiel ist zu Ende. Ohne meine gesellschaftlichen Trümpfe hätte ich wahrscheinlich diskret einige Scheine hervor zaubern müssen, und das Recht zu erkaufen, der Nutznießer eines bestehenden Gesetze zu sein.
„Die Korruption ist das tödliche Krebsgeschwür unseres Landes“, sagte mir ein Oberst der Luftwaffe, der heimlich für ein besseres Persien kämpft. „Alle lebenswichtigen Organe sind überwuchert. Der Hof, die Regierung, der letzte Gendarm im kleinsten Dorf. — Wie die meisten Ausländer werden jetzt auch sie vielleicht sagen: Die Umstände führen dazu, die orientalische Mentalität.“
Er blickt mich herausfordernd an: „Wenn Persien am Rande der Katastrophe steht und jeder zweite den Kommunismus herbei sehnt, dann sind nicht die Umstände daran schuld. Nein, die Menschen sind es, die diese Lage geschaffen haben. Wenn Persien gesunden soll, müssen sie verschwinden: Der Schah und sein Regime.“
Aus dem Munde eines ordensschweren Obersten klingen diese Worte fast unwirklich. Er stampft im Zimmer auf und ab, in dem wir uns vor den neugierigen Blicken des Sicherheitsdienstes versteckt haben.
„Wir sind keine Kommunisten, wenn es auch vielen Leuten in den Kram passt, und so zu nennen“, sagt er. „Wir sind Revolutionäre, das ja. Im echten Sinne. Nicht solche, die eine ihnen unbequeme Ordnung zertrümmert wollen. Unter diesem Regime könnten wir doch in einem Jahr steinreich werden, wenn wir richtig mitmachten. Nein, wir wollen eine Unordnung und ein moralisches Chaos aus der Welt schaffen, weil unser Land zugrunde geht. Wir wollen endlich eine Ordnung an ihren Platz setzen, in der das Wort Moral mehr bedeutet als das Scheckbuch.“
„Wie könntet ihr denn reich werden?“ unterbreche ich ihn.
Er starrt mich zunächst sprachlos an. Dann lässt er sich auf den Teppich nieder, der das einzige Möbelstück des Zimmers ausmacht und sagt:
„Ich könnte zum Beispiel gewissen kaiserlichen Prinzessinnen helfen, Autos ins Land zu schmuggeln. Ich könnte meinen Einfluss am Hofe und in der Regierung verkaufen. Womit glauben Sie denn, dass die meisten meiner Kollegen ihre großen Wagen bezahlen? Doch nicht von ihrem läppischen Sold.“
Er schaut mich plötzlich verschmitzt an.
„Was würden Sie jetzt machen“, fragt er dann, „wenn ich ihnen ernsthaft erklären würde, Sie hätten mir Geld geboten, um geheime Informationen über unsere Streitkräfte zu erhalten?“
„Ich würde wohl sagen, Sie seien verrückt.“
„Gut. Aber wem würde man mehr glauben, wenn ich Sie zum Sicherheitsdienst führte? Dem Ausländer oder dem bewährten Krieger?“
„Ihnen wahrscheinlich.“
„Schön. Und wieviel würden Sie zahlen, damit ich das nicht tue?“
„Nichts.“
„Jetzt antworten Sie, ohne zu überlegen“, meint er gelassen. „Soll ich die Frage besser stellen? Was ist es Ihnen wert, drei Jahre Gefängnis nicht abzusitzen, denn dazu könnte ich Sie ohne Mühe verurteilen lassen.“
„Sehr viel“, muss ich zugeben. „Aber das würden Sie nie tun.“
„Ich nicht“, lächelt er. „Aber so handeln viele unserer Machthaber. Es ist nicht ganz so brutal einfach. Es kommt aber genau darauf hinaus: Man bedroht, nimmt oder verweigert Ihnen zunächst das, worauf sie ein unumstößliches Recht haben – wie in unserem Fall die Freiheit – und verkauft sie Ihnen dann wieder für klingende Münze. Ausübung der Macht bedeutet bei uns hauptsächlich dies.“
Er springt wieder auf.
„Ihr wisst gar nicht, was Korruption ist“, sagt er. „Was stellt ihr euch schon darunter vor? Einen Mann, der heimlich einem anderen eine Flasche Cognac zuschiebt. Einen Polizisten, der ein Trinkgeld annimmt. Das ist keine Korruption. Das ist gelinde Bestechung. Ein Tröpfchen Öl, das die Maschine schmiert. Korruption ist der Missbrauch der Macht zur persönlichen Bereicherung.
Hier wird Politik zu Erpressung. Korruption ist auch die Angst und Feigheit, die man damit schafft. Das Beispiel, das man liebt und das jeder nachahmen muss, um zu überleben. Hier hat man die Seele korrupt gemacht. Der Geist ist wohlfeil. Korruption in jeder Form – das ist Persien heute.“
Er hält inne. Diese Koloss, fast zwei Meter groß, mit frühzeitig ergrauten Haaren, ist vielleicht der zukünftige Nasser Persiens. Viele Offiziere haben sich umgeschaut und warten auf die günstige Stunde zum Losschlagen.
Wie alle revolutionären Impulse, die in Asien ein Land nach dem anderen erschüttern, ist auch ihre Triebfeder ein puritanisches Drängen nach Sauberkeit. Sie wollen nicht mehr Komplizen eines Regimes sein, das, wie sie selber sagen, „mit Blut nach Geld wirft“ und sich ihrer bedient, um an der Macht zu bleiben.
Der Oberst schüttelt den Kopf. „Es ist unnütz, ihr könnt es nicht begreifen, denn ihr könnt euch einfach nicht vorstellen, wie so etwas funktioniert.“
Plötzlich bricht er in ein schallendes Gelächter aus.
„Wie solltet ihr auch? Soraya, Farah, der ‚traurige Kaiser‘ und der ‚schwarze Panther‘. Das ist Persien für die meisten Europäer. Ein Groschenroman, in dem die schreibe diese Hauptpersonen so handeln lassen, dass sie in die Gefühlswelt des dümmsten Dienstmädchens passen. Aber sonst nichts.“
Er lacht immer noch.
„Wenn ich mir vorstelle, was alles gedichtet worden ist. Der Durchschnittsdeutsche weiß zehnmal mehr über den Schah als über Adenauer. – Haben Sie in Persien außerhalb der Hofkreise schon jemanden getroffen, der sich um die Kaiserin oder die Thronfolge kümmert? Ehrlich!“
Ich muss zugeben, dass ich in der Provinz kaum einen Menschen getroffen habe, der den Namen der neuen Kaiserin kennt. Viele Bauern wussten nicht einmal, dass der Schah wieder geheiratet hat. Sie wussten auch nicht, wer Soraya war. Selbst in Tehran interessierten sich nur diejenigen für Farah Diba, die europäische illustrierte lesen können.
„Sehen Sie“, ruft er, es geht ja auch nur die Leute etwas an, die direkt betroffen sind. Das heißt, die Familien, die jetzt durch ihre neuen Einfluss am Hofe Geschäfte machen können, oder jene, die durch Farahs Familie an die Wand gedrückt werden.
Warum sollte sich das persische Volk um das Liebesleben das Schahs kümmern. Ein Liebesleben, das von Europäer für Europäer erfunden worden ist. Unsere früheren Herrscher hatten tausend Frauen und ganze Scharen von möglichen Thronfolgern liefen im Palast herum. Selbst Reza Pahlevi könnte nach unserem Gesetz vier Frauen Haben und kurzfristig hunderte dazu heiraten, wenn es ihm Spaß machte.
Dass er ein ‚moderner Herrscher‘ sein will ist seine Sache. Für das Volk ist all das ohne Bedeutung. Besonders die Thronfolge. Er hat doch Brüder.“
Plötzlichen wird der Oberst ernst. „Es tut mir leid, dass wir über diesen Quatsch reden. Aber man muss es, weil sich dieser Dreck zwischen Persien und die übrige Welt geschoben hat. Warum, glauben Sie, gibt es gerade jetzt eine Inflation von Schah-Memoiren, Ashraf – Memoiren und anderen Bettgeschichten? Weil die politische und wirtschaftliche Lage katastrophaler denn je ist. Man lockt euch ins kaiserliche Schlafzimmer und öffnet euch das Herz des Schahs, damit ihr das nackte Persien nicht mehr seht
Wenn ein Journalist hierher kommt, gebärden sich Kaiser und Kaiserin wir drittklassige Filmstars und lassen sich von vorn und hinten fotografieren. Wenn er aber das Leben eines Bauern fotografieren will, besudelt er die Ehre Persiens. Das ist schon keine Korruption mehr, das ist Prostitution.
In Russland gibt es einen Eisernen Vorhang. Hier ist es der Vorhang zum kaiserlichen Alkoven, der Persien von der Umwelt trennt.“

„Dieses Schwein“, schreit Hasan, „wird er mir bezahlen.“
Er hält mir einen Brief unter die Nase, den er gerade gefunden hat. Er steckte in der Ecke eines großen Rahmens, aus dem eine bezaubernde Frau lächelt. Seine Frau.
„Er hat sie mir weggenommen. Hier steht’s. Schon Jahre betrügen sie mich. Oh, dieser erbärmliche Hund.“
Hassan schmettert das Bild auf dem Boden, dass die Scherben klirren. Dann tanzt er darauf herum, bis nur ein einziger Brei übrigbleibt.
„Dein Vater soll verbrennen“, murmelte er. „Trommel das Personal zusammen“, ruft er mir zu. „Wir müssen sofort aufbrechen.“
Während er rasend weiter tanzt, versammele ich die drei Gärtner, die zwei Chauffeure, die drei Diener und vier oder fünf andere Männer, deren genaues Aufgabengebiet ich immer noch nicht kenne, obwohl ich schon zwei Wochen hier wohne.
Als ich an der Spitze der Dienerschaft wieder im Zimmer erscheine, brüllt Hasan: „Worauf wartet ihr? Macht die Autos fertig!“
Wenige Minuten später brausen wir in zwei Straßenkreuzern davon.
„Was willst du machen?“ frage ich.
„Warte nur“, sagt er geheimnisvoll. „Denen werden wir’s zeigen. Meine Leute wissen Bescheid.
Es dauert nicht lange, und wir kommen vor einer hohen, weißen Mauer an, die von einem fest verriegelten Tor unterbrochen ist. Hassans Diener steigen aus den Autos. Ohne dass ein Wort gesprochen wird, stürzen sie sich auf die herumliegenden Steine und werfe sie gegen das Tor. Hassan und ich bleiben im Wagen. Einer der Männer erklimmt mühsam die Mauer und schreit:
„Wo seid ihr? – Feiglinge! Hundesöhne! – Zeigt eure Gesichter, ihr Weiber.“
Es dauert eine ganze Weile, bis das Tor geöffnet wird. Zwölf stämmige Burschen, mit Knüppeln und Steinen bewaffnet, stehen uns gegenüber. Hinter ihnen, ungefähr zwanzig Schritt entfernt, wartet ein elegant gekleidet der Herr, den ich gut kenne, Abdullah, ein Vetter Hassans.
Im Nu sind die Diener in ein Handgemenge verwickelt, dessen Verlauf ich kaum übersehe, da ich sie nicht mehr auseinanderhalten kann. Hassan hat das Autofenster heruntergedreht und feuert seine Leute an. Abdullah ist vorsichtig einige Schritte näher gekommen und schreit seinen Männern ermunternde Worte zu. Und dann, über das Schlachtengetümmel hinweg, beschimpfen sie sich beide.
„Du kannst sie haben, die Hure!“ schreit Hasan. „Ich bin sie schon lange satt.“
„Mir gefällt sie!“ brüllt Abdullah zurück. „Du jämmerlicher Zwerg, nicht mal eine Frau kannst du halten. Du Kröte.“
„Morgen wirst du betrogen, ha ha, morgen wirst du es sein. Hure bleibt Hure.“
„Ich sehe deine Hörner von hier“, schallt es zurück, „ Riesenhörnerauf kleinem Zwerg.“
Unterdes geht der Kampf weiter, dessen Zweck ich immer noch nicht begreife, denn es handelt sich offensichtlich nicht darum, die untreue Frau wiederzuerobern. Hassans Männer werden langsam zurückgedrängt. Die Schlägerei spielt sich jetzt direkt vor unserem Wagen ab. Jedes Mal, wenn eine der feindlichen Diener nah an unserem Fenster vorbei kommt, macht er eine höfliche Referenz und murmelt eine Entschuldigung. Zwei unserer Leute liegen bewusstlos am Boden. Die beiden feindlichen Vettern schreien immer noch Verwünschungen und feuern ihre Männer an.
Nach ungefähr 15 Minuten Kampf ziehen sich Abdullah Diener zurück und verriegeln wieder das Tour. Es wird nicht mehr gesprochen. Wir packen unsere Verwundeten und unsere müden Männer in die Autos und fahren wieder davon.
„So, jetzt fühle ich mich besser“, sagt Hassan auf dem Heimweg. „Das war ich mir schuldig. Ein wenig Schlägerei tut doch gut.“
Diese Vettern, zwei Prinzen, die ihre Ehre mit den Fäusten ihre Diener verteidigen, gehören zu den großen Familien Persiens. Sie sind typische Vertreter jener Oberschicht, die man die „tausend Familien“ nennt und die seit Jahrhunderten das Schicksal Persiens bestimmt.
Diese Familien sind reich. Ihre Großväter waren Offiziere, kleine Landbesitzer, große Khans oder Verwandte der herrschenden Dynastie. Sie alle haben verstanden, dem jeweils Regierenden Kaiser so zu dienen, dass auch für sie etwas dabei heraussprang.
Heute leben sie nicht mehr auf dem Lande oder am Hof. Sie haben moderne Wohnungen im eleganten Norden von Teheran und Kramläden im Zentrum. Denn es ist nicht mehr die Landwirtschaft, die schnell flüssiges Geld bringt, es ist der Handel. So ein Laden oder Importgeschäft entspricht ganz den Vorstellungen, die wir von einem Basar haben: ein Durcheinander von Zahnbürsten, Staubsaugern, Strumpfhaltern, Eisschränken, Nagellack, Parfüm, Porzellanpferden, Federhaltern und Rasierapparaten. Es ist gleichzeitig das stärkste Symbol für das wirtschaftliche Chaos Persiens.
Man führt Verbrauchsgüter ein, die nur den Ansprüchen jeder fünf Prozent der Bevölkerung entsprechen, die kaufkräftig sind und nach europäischem Muster leben wollen. Die gleichen fünf Prozent, die durch den Handel reich werden. Da die Einfuhr frei ist und jeder alles herbeischaffen kann, erschöpfen sich die Devisenreserven Persiens ohne jede Kontrolle. Persönliche Laune und Gerüchte bestimmen Persiens Wirtschaft. Wenn es plötzlich heißt, man könne mit Zahnpasta, Kaugummi oder japanischen Kacheln schnell Geld machen, stürzen sich alle drauf, und im Nu ist der Markt überschwemmt. Das Ergebnis: eine Übersättigung an unbrauchbaren Verbrauchsgütern, die auf den oberflächlichen Besucher Teherans den Eindruck von Reichtum und Luxus machen.
„Tehran ist wie Bagdad vor der Revolution Kassems“, sagt mir ein englischer Diplomat. „ Auch dort gab es so viele Autos, dass man zu Fuß schneller vorwärts kam. Aber die Iraker hatten wenigstens einen Teil ihres Gewinnes am Land investiert und somit die Voraussetzung für eine bessere Zukunft geschaffen. Hier dagegen wird jedes flüssige Kapital sofort in der Schweiz oder in den Vereinigten Staaten angelegt. Der Hof gibt den Ton an, und alle anderen tun das gleiche. Das Ergebnis: Persien hat kein Geld. Wie soll das gut gehen?“
Ich habe viele Spezialisten befragt. Sie waren alle derselben Meinung: Es kann nur zur Katastrophe führen.

Ein Fass ohne Boden

Seit der Handel zum Stocken gekommen ist, weil Geschäfte, Lagerräume und Hafendocks überfüllt sind, haben die persischen Machthaber eine neue Einnahmequelle entdeckt: die Industrie.
Auch hier wenden sie die ihnen eigene Geschäftsmoral an, das heißt, sie wollen schnell und ohne Risiko viel Geld einstecken. Natürlich investieren sie dazu nicht ihr eigenes Kapital, das sicherer in der Schweiz liegt. Sie brauchen gar kein Geld. Ihre politische Macht eröffnet ihnen Kredite in sämtlichen persischen Banken, und alle Länder des Westens sind bereit diesen Banken langfristige Kredite zu gewähren. „Wir dürfen die Märkte nicht verlieren“, sagt man, „selbst wenn es nichts einbringt.“ Und dann rollen Maschinen nach Persien.
Der Prinz, der zunächst Händler war, wird nun zum industriellen. Er baut zum Beispiel eine Spinnerei, für die er nur das Grundstück zur Verfügung stellt. Der Kredit der Bank bezahlt die Mauern. Deutsche Firmen liefern die Maschinen. Die Produktion beginnt. Arbeiter bekommen Hungerlöhne oder werden gar nicht bezahlt. Das geht ein Jahr gut, vielleicht zwei. Der Prinz steckt Geld ein, denn er kümmert sich nicht um Amortisation oder Rentabilität auf lange Sicht.
Aber dann kommt der Moment, wo die Rückzahlung der ersten Kredite fällig wird. Er bittet um Aufschub oder erklärt sich einfach bankrott, denn er hat kein Geld. Es liegt in der Schweiz. Ein gerichtliches Verfahren ist unnütz. Er ist zu mächtig, und jeder Prozess würde zehn oder 20 Jahre dauern.
Die Bank sieht sich also gezwungen, die Fabrik selber zu übernehmen. Dabei stellt sie meistens fest, dass das Werk völlig unrentabel ist.
Und nun kommt auch der Zeitpunkt, an dem die deutschen Maschinen bezahlt werden müssen. Aber man stellt fest, dass Persien keine Devisen hat.
Wird der deutsche Exporteure den Verlust tragen müssen? Keinesfalls, „Hermes“, ein eigens für die Garantie von Exportkrediten geschaffenes, halbstaatliches Institut in Hamburg bezahlt ihm die Maschinen, die mittlerweile schon in Persien zum Stillstand gekommen sind. Der deutsche Steuerzahler gibt also letztendlich das Geld, das Persiens Industrielle in der Schweiz anlegen.
Natürlich hält die Bank dem deutschen Staat den Gegenwert in persischem Geld zur Verfügung. Aber was soll man damit machen?
Und was soll die deutsche Industrie Ausstellung in Tehran bezwecken, wenn Persien keinen Pfennig der Devisen mehr hat und deshalb nichts kaufen kann? Um die bereits bestehende Auslandsschuld zu tilgen, sind die persischen Öleinnahmen schon für die nächsten vier Jahre verpfändet.
Die Lage ist katastrophal. Um sich über Wasser zu halten, hat der Schah die Amerikaner um eine Anleihe von 35 Millionen Dollar gebeten. „Sie bekommen keinen Dollar mehr“, bekam er zur Antwort, „wenn Sie nicht der Korruption Einhalt gebieten. Wir wollen keine Wirtschaft mehr unterstützen, die nur zur Bereicherung von fünf Prozent der Bevölkerung dient.“ Diese Antwort ist bereits eine politische Aktion. Auch der internationale Währung zu verweigerte in den Kredit.
Und prompt dreht sich der Schah sich nach Norden. Die Russen sollen jetzt einspringen, um das Regime zu retten. Vielleicht werden sie es sogar tun, denn wie sagte mir eines Tages der russische Konsul in Teheran: ‚„Wenn wir unseren politischen Studenten die Frage aufgeben würden: ‚Wie kann Persien am sichersten kommunistisch werden?‘ dann würden jeder den ersten Preis erhalten, der die Methoden aufzeichnen würde, mit denen man das augenblickliche Regie so lange wie möglich am Leben hält.“
Diese Worte des russischen Konsuls halten ihre volle Bedeutung erst dann, wenn man weiß, wie achtzig Prozent der persischen Bevölkerung leben. Außer in den reichen Stadtteilen Teherans und einigen Provinzstädten, wo aller Luxus Persiens sich auf fünfzig Quadratkilometern häuft, gibt es kaum einen Menschen, der auch nur einmal im Monat satt wird.
Ich habe ein ganz Persien keinen einzigen Dienstboten gesehen, der ein Bett hat. Selbst bei Ministern schläft die Dienerschaft in Lumpen gewickelt in der Küche oder im Keller auf der Erde. Und wenn sie Glück haben, auf einem Teppich.
„Ihre Vorfahren schliefen schon auf der Erde“, sagt mir einer der vielen Prinzen, als ich ihn danach frage.
„Diese Leute sind daran gewöhnt. Wenn wir ihnen ein Bett geben, wollen sie das ganze Haus. – Tradition, mein Lieber. Die einen werden im Bett geboren, die anderen auf der Erde. So muss es bleiben.“

Der Admiral im Tretboot

Auch die Soldaten schlafen auf der Erde. In Bander Pahlevi am Kaspischen Meer, gegenüber der russischen Küste, führt uns ein befreundeter Offizier heimlich in die Kaserne der Marinetruppen. Es gibt kein Bett. Ein steiniger, feuchter Boden dient den Männern als Schlafstelle.
Etwas weiter finden wir eine modern eingerichtete Schreinerei, in der Matrosen eifrig am Basteln sind. Sie verarbeiten kostbare Hölzer, die aus dem Urwald kommen, der wenige Kilometer hinter Bander Pahlevi beginnt. Möbel für die Offiziere und ein Tretboot für den Admiral. Ich weiß, es klingt wie ein Scherz, aber ich habe es gesehen.
Seit sechs Wochen basteln Sie an diesem Tretboot herum, dessen Farbe, Form und Größe jedes Mal vom Admiral beanstandet wird. Er flucht. Er will sich doch endlich damit vergnügen und sonntags mit seinen Kindern im Hafen herumradeln. Man kann es ihm eigentlich nachfühlen, denn er hat ja kein Schiff. Das einzige Schiff, das er hin und wieder mal besteigt, ist die Jacht des Kaisers, die hier im Hafen liegt.
„Die kommt aus Holland“, erklärte uns der Offizier, als er uns von einigen Matrosen durch die Lagune von Pahlavi rudern lässt.
„Die Jacht es durch die russischen Flüsse und Kanäle bis hierher geschleust worden“, erzählt er.
„Schöne Stange Geld.“
„Das ist gar nichts. Als sie kaputt war, wurde sie auf demselben Wege nach Italien geschleppt, dort repariert und genauso wieder hierher gebracht.“
„Und was macht der Schah damit?“ will ich wissen. „Er kann doch nicht weit fahren, ohne mit den Russen in Konflikt zu kommen.“

Wenn der Schah vor Anker geht

Der junger Offizier lächelt. „Ich darf eigentlich nicht darüber sprechen, denn ich mache selber Dienst auf dieser Jacht.“ Sein Ausdruck wird plötzlich hat. „Sie wissen, was ich von ihm denke. Und alle meine Matrosen denken wie ich: Wir wollen, dass er krepiert.“
So deutlich ist es mir noch nie gesagt worden. Ich blicke mich unwillkürlich erschrocken um, ob uns auch niemand gehört hat.
Der Offizier scheint zu überlegen.
„Wie soll ich es anständig vor einer Frau aussprechen“, sagt er mit einem Blick auf meine Kollegin Marie-Claude. Sagen wir, diese Jacht ist die sturmfreie Junggesellenbude des Schahs.“
„Aber er ist doch jetzt wieder verheiratet“, wirft Marie-Claude ein.
„Er war es ja auch zu Soraya Zeiten. Wir würden uns auch nicht darum kümmern, wenn wir nicht sähen, wie viel Geld das kostet. Wenn der Schah sich amüsieren will, nimmt er diese Jacht und kutschiert die Küste entlang. Immer in weiblicher Begleitung.
Wenn ein Mädchen ihm besonders gefällt, fliegt sein Flugzeug nach Holland und bringt Tulpen. Passt ihm eine nicht, wird sie nach Tehran abgeschoben und eine neue herangeflogen.“
Ich habe diese Dinge über den Schah schon so oft gehört und wollte nie darüber reden, weil es billige Schlagzeilen sind. Aber im Volke werden sie zum politischen Argument. Ich muss sie deshalb bestätigen, denn ich erfuhr sie oft aus erster Hand. Eine dieser Geschichten erzähle ich dem Offizier.
Vor zwei Jahren stand ich einmal in Teheran auf dem Flugplatz, nachdem ich die Geburtstagsfeierlichkeiten des Schahs fotografiert hatte. Während ich auf den Abruf wartete, beobachtete ich ein bezauberndes blondes Mädchen, dass ohne Schwierigkeit durch Pass- und Zollkontrolle geschleust wird. Ihr Begleiter war ein Vertrauter des Schahs.
Im Flugzeug sitzt das Mädchen, Hildegard heißt es, neben mir. Kaum sind wir in der Luft, da fragt sie:
„Sie haben doch den Schah fotografiert, nicht wahr?“
„Ja.“
„Ich war auch dabei. Erinnern Sie sich?“
Und nachdem sie herausgefunden hat, für wen ich arbeite, erzählt sie mir ihre Geschichte. Sie ist Deutsche. Sie lebt in Rom und ist nach Teheran gekommen, um italienische Mode vorzuführen. Auf dem Fernsehschirm hat der Schah sie gesehen und sofort nach ihr gesandt.
„Und Sie haben angenommen?“ frage ich.
„Natürlich“, sagt sie kokett. „Er ist doch der Schah von Persien. Wem passiert das schon mal. – Schauen Sie, was ich zum Abschied bekommen habe.“
Eine handgroße Brosche baumelt an einer goldenen Kette.
„Rubine“, stellte ich fest.
„Ja“, sagt sie ganz schlicht.
„Zwanzigtausend Mark, wenigstens.“
Sie betrachtet verträumt die Brosche und sagt nach einer Weile: „Und dabei ist er ein sehr schlechter Liebhaber. Eigentlich gar nicht so, wie man sich den Schah von Persien vorstellt.“
„Und ein noch schlechterer Herrscher“, meint der persische Offizier, als ich meine Geschichte beendet habe. „Soll ich Ihnen was sagen? Und das können sie ruhig schreiben, wenn sie wieder zu Hause sind: Wir sind Kommunisten geworden. Ja, richtige Kommunisten. So wie die da drüben.“
Er zeigt stolz nach der russischen Küste. „Da haben die Soldaten Betten. Fragen Sie doch meine Matrosen“, ruft er herausfordernd.
Ich stelle die Frage. Keiner antwortet
„Ihr könnt ruhig sagen, was ihr denkt. Dieser Herr ist nicht von der Polizei. Ihr könnt ihm vertrauen. Er ist weder Amerikaner noch Engländer.“
„Ja“, wagt sich einer der Matrosen hervor, „wir sind Kommunisten.“
„Warum?“ will ich wissen.
„Was sollen wir denn sonst sein?“ fragt ein anderer.
Diese Frage hat mich lange bewegt. Auch der Satz des Offiziers: Er ist weder Amerikaner noch Engländer.
Als wir wieder in Tehran sind, bitte ich einen unserer Freunde, einen Universitätsprofessor, mir den Sinn dieser Sätze zu erklären. Zusammengefasst sagte er ungefähr folgendes:
„Um die persische Situation zu illustrieren, gibt es kaum ein besseres Beispiel als den klassischen Wildwestfilm, den wir alle kennen.
Da kommt immer irgendwo im Westen ein reicher, mächtiger Mann vor, dem keiner widerspricht, weil er rücksichtslos ist und seine Cowboys den Colt öfter in der Hand haben als in der Tasche. Er kauft die Gewalt in der Person des Sheriffs, das Recht in der Person des Richters.
Nun verlangt es die amerikanische Zensur, dass ein Bösewicht nicht bis zum Schluss des Filmes Sieger bleibt. Er muss sterben, damit die öffentlichen Moral keinen Schaden leidet.
Es kommt also ein sympathischer Gregory Peck oder Gary Cooper daher, ein armer, aber ein ganzer Kerl und räumt mit den Bösewichten auf. Der Wilde Westen wird zahm, die Menschen gut.
Doch das wirkliche Leben hat den Fehler – wenigstens in Persien – sich nicht um die moralische Kontrolle zu kümmern. Bei uns verschwinden die sympathischen Kerle im Gefängnis. Bis heute sind es mehr als zehntausend.
Unsere reichen und mächtigen Männer tun nach wie vor, was sie wollen. Sie besetzen das Land, militärisch und mit Gewalt. Es ist ein verhängnisvolles Vorteil, zu glauben, man müsse Ausländer sein, um ein Land zu besetzen. Inländer können das auch tun, wenn sie Geld haben und Revolver und die Leute nicht zu Wort kommen lassen, genau wie unser Mann im Wilden Westen.
Kein Mensch könnte jedoch die Wirklichkeit ertragen, wenn er nicht heimlich an einen Gregory Peck oder Gary Cooper glauben würde, an irgendeine Gerechtigkeit auf Erden. Besonders wenn es ihm so dreckig geht wie uns.
So haben wir Perser an Amerika geglaubt, an England und die westliche Welt. Wir haben uns verzweifelt an eure Worte geklammert: an Freiheit, Menschenrechte und Würde.
Aber es waren nur Worte. Die Westmächte sind nicht gekommen, um dem Recht zum Sieg zu verhelfen. Sie haben nicht die Bösewichte verjagt. Sie gaben ihnen Geld und Waffen und helfen Ihnen so, an der Macht zu bleiben.
Was daraus folgt, ist unvermeidlich: Alle, die unter diesem Regime leiden – achtzig Prozent der Bevölkerung wenigstens – machen nicht mehr ihre eigenen Herren für ihr Unglück verantwortlich, sondern jene, die diesen Herren den Mittel geben, das Gesetz des Wilden Westens aufrechtzuerhalten.
Deshalb sagte der Offizier in Bander Pahlevi zu seinen Matrosen: „Dieser Herr ist weder Amerikaner noch Engländer. Ihr könnt ruhig sagen, was ihr denkt.“
Wie lange kann ein Mensch ins Leere glauben? Wie lange kann er lieben, wenn er als Antwort auf sein Werben nur Fußtritte erhält? Einige können lange glauben, andere gar nicht. Eines jedoch kann man mit Sicherheit sagen: Jene, die so arm sind, dass sie unbedingt einen leiblichen Gregory Peck brauchen, um ans Leben zu glauben, können nur nach Russland blicken, weil es auch dort Worte gibt, die von Hoffnung sprechen. Weil man dort ganz offen der Feind des inneren Feindes ist. Weil man sich anbietet, ihn zu vertreiben.
Deshalb fragt der Matrose: „Was sollen wir denn sonst sein?“