Ein Schah, drei Kaiserinnen – und was dahinter steckt II

Stern, Heft Nummer 44, 229 Oktober 1960, 50 Pfennig

Der Schah schreibt: „Meine Einsamkeit ist dadurch vertieft, dass ich es ablehne, Ratgeber zu fragen und gewillt bin, mir selber die letzten Entscheidungen vorzubehalten. Außer einigen unbedeutenden Worten erwähne ich Staatsgeschäfte nicht einmal von meinen Verwandten und intimsten Freunden.“
Deutlicher kann er nicht sagen, dass es in Persien keine Demokratie gibt. Er wird uns nicht widersprechen, wenn auch wir das behaupten. Und wenn der Schah erklärt, wie tief in ihm die Ethik seines Vaters weiterlebt, müssen wir nach Vergleichen greifen, um auch dies zu bestätigen: Sein Vater kam arm zur Macht – aber er besaß zum Schluss mehr als dreitausend Dörfer. Er nahm einfach, was in gefiel. Widerspenstige wurden verbannt, gehängt oder vergiftet. Heute verteilt der Schah einen Teil dieser Ländereien an besitzlose Bauern. Aber es ist kein Geschenk. Die Bauern müssen den Preis des Landes über viele Jahre abstottern. Der Schal dagegen präsentiert die Schuldbriefe der Bauer bei einer eigens hierfür geschaffenen Bank und kassiert direkt.

„Autch!“ – Mit schmerzverzerrtem Gesicht dreht sich die junge Frau um, die von mir geht. Sie rennt an mir vorbei und trommelt mit ihrer Handtasche auf einen jungen Perser herum, der ihr gerade begegnet ist.
„Sie Schwein!“ schreit sie auf Englisch. „Sie unverschämter Kerl. – Oh.“ Sie kann sich gar nicht beruhigen. Tränen stehen in ihren Augen.
Es ist sechs Uhr abends. Die Lalesar, die Hauptgeschäftsstraße von Teheran, ist schwarz von Menschen. Meistens junge Männer, die nichts zu tun haben und hier ihre Langeweile spazieren führen, bis die Nacht kommt und der Schlaf. Keiner kümmert sich um die blonde Amerikanerin, die jetzt stehen geblieben ist und versucht, sich zu beruhigen. Auch der Mann, auf den sie einschlug, hat sich nicht einmal umgedreht.
„Das nächste Mal benutzen Sie ihre Handtasche besser ein Schild“, sage ich im Vorbeigehen, „dann brauchen Sie sie nicht mehr als Waffe.“
„Hm“, macht sie nur, stampft mit dem Fuß auf dem Boden und stolziert davon.
Was war geschehen? Sie war das Opfer einer eigenartigen Manier geworden, die alle mohammedanischen Ländern geübt wird: das Spiel des Kneifens.
Man muss geschickt sein und lange üben, um im richtigen Augenblick blitzschnell zuschlagen zu können, ohne dass die Frau vorher aufmerksam geworden ist. Es ist viel schwieriger als das läppische Tätscheln, das man in Europa in überfüllten Straßenbahnen beobachten kann. Hier in Persien sucht der Mann sein Opfer aus der Entfernung aus, wenn es noch zwanzig Meter weg ist und auf ihn zukommt. Er beschleunigt dann seinen Gang und damit das Schlenkern der Arme. Er berechnet die Geschwindigkeit der Frau und stimmt die eigene genau darauf ab, dass sein Arm, der auf der Seite der Frau ist, sich im Moment der Begegnung notwendigerweise nach vorne bewegt. Jetzt braucht er nur noch schnell zuzukneifen und ist genau dort, wo er sein wollte.
Das Ganze dauert vielleicht eine Zehntelsekunde. Er geht weiter, als sei nichts geschehen. Die Frau stößt einen kleinen Schrei aus, und die einzige Geste, die vielleicht den Mann im Augenblick des Angriffs verrät, ist ein leichtes Drehen des Kopfes, um dieses Seufzen aufzufangen.
Ohne im richtigen Moment die Handtasche als Schild zu benutzen, kann es für eine Ausländerin peinlich sein, allein durch die von Männer wimmelnden Städte des Vorderen und Mittleren Orients spazieren zu gehen. Es sei denn, sie nimmt es auf sich, am Abend mit einigen blauen Flecken nach Hause zu kommen, die ungeschickte Kerle oder schlecht zielende Anfänger ihr beigebracht haben. Oder sie muss sich so verteidigen wie eine Engländerin, die ich im Beirut kennenlernte: Sie schritt mit einem siegreichen Lächeln durch die dichtesten Männerstraßen.
Blond, herausfordernd, begnadet wie Lollobrigida war sie eine Zielscheibe von solcher Anziehungskraft, dass alle fünfzig Meter ein Mann versuchte, ins Schwarze zu treffen. Sie hatte sich einen Gürtel geschneidert mit einem kleinen Kissen das genau das Ziel der Kneifer deckte, aber damit nicht genug. Sie hatte ein Dutzend Nadelspitzen auf dem Kissen befestigt. Bei jedem Schlag war sie es, die ihren Kopf leicht zur Seite drehte und sich am erschrockenen Schrei der Männer ergötzte.
Bis jetzt habe ich diese spezielle Technik des Kneifens nur in mohammedanischen Ländern angetroffen, und zwar in allen mohammedanischen Ländern, von Casablanca bis nach Kabul.
Ich schildere sie hier nicht als Anekdote, sondern als Beispiel. Sie ist bezeichnend für eine Mentalität, die aus dem Übereinander, Durcheinander, Nebeneinander von modernem Zwanzigsten Jahrhundert wir 100 und islamischer Gefühlswelt entstehen musste.
In seinem Milieu ist der junge Mann des Volkes streng auf männliche Gesellschaft beschränkt. Die Frau ist etwas Geheimnisvolles. Sie ist unnahbar und deshalb umso begehrenswerter.
Mit seinen aufgestauten Komplexen geht der Mann auf die Straße, wo die Frau ihr Gesicht zeigt, ihre Beine und manchmal Arme und Schultern. All diese Frauen der emanzipiertem Kreise, die ohne Schleier gehen, all diese Ausländerinnen und jungen Mädchen aus reichen Familien, die zur Schau stellen, was sie verstecken müssten, werden zu einer fast gemeinen Herausforderung,
zur Beleidigung des spezifischen Schamgefühls, in dem dieser junge Mann erzogen worden ist.
Ich wir brauchen uns nur vorzustellen, dass auf einer Straße in Paris oder Berlin nackte Frauen lässig dahinspazieren und die Männer mit koketten Blicken bombardieren, als sei nichts dabei. Genau das ist eine Straße Teherans für einen Perser, der auf herkömmliche Weise erzogen worden ist.
Für uns sind Busen, Schenkel und Hüften erotische Pole, deren zur Schaustellung Gesetz und Scham verbieten. Für den echten Mohammedaner sind Mund, Haare, Arme, Beine erotische Merkmale, die mit der gleichen sexuellen Spannungen geladen sind, weil sein Gesetz und sein Schamgefühl ihre Verhüllung fordern. Bei ihrem Anblick reagieren seine Sinne wie die unseren vor der Nacktheit oder ihrer Andeutung. Bei ihm kommt ein Gefühl der Geringschätzung für die Frau hinzu, die so offen an seine Sinne appelliert. Sie wird für ihn verächtlich, und er wird umso mehr gereizt und verbittert, je unüberwindlicher die Schranken sind, die sie von ihm trennen.
Er berührt sie (weil sie ihn reizt), tut ihr weh (weil er sie verachtet), er bestraft sie doppelt durch die Vulgarität seiner Geste und das Vergnügen einer verstohlenen und erzwungenen Intimität.
Dieser junge Perser, der natürlich nicht zu der Gruppe jener gehört, die den westlichen Lebensstil angenommen haben, wird im Kino genauso in seinen Grundwerten erschüttert wie auf den emanzipierten Straßen der großen Städte. Und wie überall ist auch im Film eine Frau im Mittelpunkt der Handlung. Sie ist da, in Farbe und auf Breitwand, unverschleiert, schamlos, liebend, küssend. Sie trägt ein Benehmen zur Schau, für das jeder richtige Mohammedaner seine eigene Schwester umbringen würde, ohne zu überlegen. Und doch fasziniert sie ihn, weil er das Verbotene nur hier so erleben kann.

„Wenn du das Wort ‚Liebe‘ sagst, was meinst du damit?“
„Sex.“
„Und wenn du ‚Frau‘ sagst?“
„Sex.“
„Und wenn du von Emanzipation sprichst?“
„Sex natürlich.“
Ahmad blickt mich an, als habe er das Ei des Kolumbus entdeckt. Präziser konnte er nicht antworten. Er ist ganz begeistert, denn über nichts sprechen in Persien die jungen Männer der Gesellschaft so gern wie über Frauen. Sie kennen nicht mehr die Entbehrungen des Volkes und der kleinen Bürger. Dafür haben sie andere Probleme.
„ Siehst du die Kleine im dunkelroten Kleid, die mit dem Virus tanzt?“ fragt er. „Die waren gestern bei mir.“
„Sehr jung, was?“
„Neunzehn – nichts Besonderes. Aber die Frau, mit der Malek gerade herumwirbelt, die ist toll. Sie ist jetzt seine Geliebte. Vorher war sie meine.“
„Bisschen alt.“
„Verheiratet, ja. Hat ein paar Schönheitsoperation hinter sich. Aber ganz große Klasse. – Interessiert dich?“
Bevor ich noch antworten kann, ist der Tanz zu Ende. Viel Firuz, Malek und zwei andere Freunde, mit denen wir hier ins Parkhotel gegangen sind, kommen wieder an unseren Tisch. Die Konversation ist aus.
Mit Persern in ein elegantes Lokal zu gehen, ist eine Qual. Es ist aber auch die beste Art, alles über alle zu erfahren. Man muss nur Geduld haben, viel Geduld. Zunächst kümmert sich keiner um seinen Tischnachbarn. Man ist nicht hier, um zu plaudern, man ist hier, um gesehen zu werden. Mein grüßt nach rechts, nach links. Die Bedeutung eines jeden ermisst sich an der Zahl der Referenzen. Ihre Summe entscheidet über Erfolg oder Misserfolg eines Abends.
Wenn aber die Zeit fortgeschritten ist und keine neuen Gäste mehr zu erwarten sind, dann lässt sich die gute Gesellschaft in ihren Lieblingssport treiben: die Klatscherei.
In jeder Stadt des Mittleren Orients genügt es, einmal mit einer Gruppe wohlhabender Leute auszugehen, um zu wissen, wer was mit wem hat und wer bankrott gemacht hat oder über Nacht reich geworden ist, wer drei Junggesellenbuden hat und vier Geliebte. Wenn keine Frauen am Tisch sind, wird die Unterhaltung noch freier. Wann kennt in wenigen Stunden die intimsten Dinge über die meistens Frauen, die im Saal sind. Man weiß, ob sie leidenschaftlich sind oder kalt, treu oder unbeständig.
In einer Gesellschaft, die so exklusiv ist wie die der reichen Leute Persiens, muss diese Großsprecherei den meisten Frauen jegliches Geheimnis rauben. Vorkam zwanzig Jahren saßen sie hinter Gitter oder liefen tief verschleiert herum. Heute benehmen sie sich wie die ungezwungensten Frauen europäischen Großstädte.
Im Taumel der Emanzipation haben weder Frau noch Mann versucht, unter sich eine Beziehung herzustellen, die über das Sexuelle hinausgeht. Wie hätten sie es auch machen soll? Bei ihrem Sprung aus dem Harem waren die Frauen fasziniert vom europäischen Beispiel, dessen äußere Formen sie zwar spielerisch nachahmten, Voraussetzungen sie jedoch nicht erfüllen konnten, weil aus anderer Tradition geboren: und die Emanzipation ist zur Explosion geworden, die Freiheit zur Ausschweifung. Heute bezahlt die Frau ihre Flucht aus dem Haaren, indem sie noch ausschließlicher Objekt geworden ist als zuvor. Früher gehörte sie einen. Heute oft vielen.
„Wir haben unsere Fesseln mit lautem Knall gesprengt, aber leider nur bis zum Nabel. Gefühlsmäßig sind wir immer noch in unserer alten Welt befangen.“
Ali, ein junger Arzt, sitzt mir mit seiner Frau gegenüber. Sie halten sich die Hände wie zwei junge Verliebte, die eben erst entdeckt haben, dass sie sich wirklich lieben. Nur selten habe ich in Persien solche Paare getroffen, am wenigsten bei wohlhabenden Leuten wir diesen.
„Unsere Oberschicht hat den fragwürdige Vorteil gehabt, die westlichen Sprachen zu sprechen und das Geld zu haben, ihre Ferien in Europa zu verbringen“, sagt er. „Sie gingen an die Riviera, in die großen Hotels. Sie stürzten sich in die Nachtlokale und lernten von Europa zunächst nur das kennen, was selbst dort die Erscheinungen einer gewissen Entwurzelung sind. Hier suchten sie ihr Vorbild. Das Ergebnis kennen Sie: eine hauchdünne Schicht modernen Gehabes überdeckt ein seelisches Chaos.“
„Sie müssen über die Emanzipation schreiben“, wirft seine Frau dazwischen, „sonst kann sich niemand vorstellen, was in Persien wirklich vor sich geht. Emanzipation bedeutet für uns: die Beziehung zur Umwelt vollkommen neu herzustellen, besonders die Beziehung zu anderen Menschen.“
„Ich weiß“, sage ich beschwichtigend, denn mein schweigendes Zuhören scheint sie zu stören. „Wenn ihr auch ihr auch wie Europäer ausseht, kommt ihr aus einer anderen Welt.“
„Aber weiß man, wie diese Welt aussieht? Wer von euch kennt den mittelalterlichen Winterschlaf, aus dem wir erwachen wollen?“ ereifert sich Ali. „Wenn ihr hierher kommt, trefft ihr nur die gute Gesellschaft und bleibt in Teheran, aber das ist wenig im Vergleich zu den zwanzig Millionen Persern.“
Ali hat recht. Was kennen wir schon von der Welt Eines Mohammedaners. Wir wissen, dass das Gesetz ihm vier offizielle Frauen erlaubt und dass er unter Vertrag auch andere kurzfristige Ehen eingehen kann, die zeitlich genau begrenzt sind und ziemlich viel Geld kosten. Wir wissen, dass eine Tendenz zur Einehe besteht, die sich immer mehr durchsetzt, besonders in den Städten.
Der herkömmlichen Lebensstil ist nirgends mehr nur Routine, die widerspruchslos hingenommen wird. Der westliche Einfluss klopft an alle Türen. Es gibt keine Ruhe mehr. Die Herausforderung, das Alte im Vergleich zum Neuen zu bewerten, ist alltäglich. Das Radio brüllt sie aus allen Cafés, aus vielen Häusern. Kaiser, Regierung, Abgeordnete und Reiche leben weithin sichtbar das Moderne vor, wenigstens in der Form. Kino und Musik zertrümmern die Tradition.
Selbst die kleinste Stadt ist ein wirres Durcheinander von Mittelalter und Neuzeit, Tradition und Fortschritt. Oft findet man dieses Durcheinander in einem einzelnen Haus. Es steckt in jedem Menschen. Hier fährt einer im Straßenkreuzer und denkt, wie ein Mensch vor vierhundert Jahren gedacht hat. Dort führt einer eine Karawane und träumt von Brigitte Bardot. Jeden Tag muss jeder wählen zwischen Altem und Neuem. Wenn er das Neue durch die Brille des Alten betrachtet oder das Alte mit den neuen Ideen beurteilt, kann man sich vorstellen, wie verwirrt fast jeder Perser sein muss. Denn es ist schwer, den Einklang zu finden zwischen den neuen Forderungen und dem gewohnten Denken.
Die Emanzipation der Frau wird hier zum Prüfstein, an dem man die Umwälzungen messen kann. Am schwersten haben es dabei der bürgerliche Mittelstand und die Intellektuellen. Mit seiner Beziehung zur Frau hat der Mann dieser Gruppe es abgelehnt, die exklusive Art der reichen Leute nachzuahmen, die die Emanzipation zunächst als sexuelle Freiheit ausgelegt haben. Er hat sich jedoch dazu verstanden, nur eine Frau zu heiraten und ihr den Schleier abzunehmen.
Diese Tat mag uns wie eine banale Notwendigkeit vorkommen. Für den Mohammedaner bedeutet sie den endgültigen Verzicht auf seine Moral und seinen Ehrenkodex. Sie ändert sein ganzes Leben.
Wir brauchen uns nur daran zu erinnern, wie die europäischen Familien sich stritten, als der Bubikopf modern wurde, der Nagellack, die Schminke und die feuerroten Lippen. Wie viel Zeit haben wir gebraucht, um vom ersten, heute belächelten Badeanzug zum Bikini zu kommen? Für viele Europäer waren diese Neuerungen nichts anderes als Ausdruck der Sittenlosigkeit – und als solcher zu verwerfen.
Für den Mohammedaner bedeutet das Problem weit mehr als diese im Grunde nebensächlichen Formfragen, die uns so sehr beschäftigt haben und heute noch zu Diskussionen führen. Was den Wandel der Konvention angeht, indem wir langsam vom langen Rock beim Bikini ankommen, so handelt es sich bei uns immerhin um freie Frauen. Religion und Gesetz verwehren ihnen nicht die Gleichheit.
Im Orient ist das etwas ganz anderes. Indem er ihr den Schleier abnimmt, ändert der Mann vollkommen seine Einstellung zur Frau und damit sein Leben. In Bezug auf seine überlieferte Welt ist seine Geste revolutionär, denn sie erhebt die Frau vom „niederen Wesen“, das sie nach Brauch und Sitte ist, zum Menschen. Und dies geschieht durch die Einführung eines ganz neuen Begriffes in das Mann-Frau-Verhältnis: das Vertrauen. Die Frau, die ihr Gesicht offen zeigt, erhält hiermit eine neue Verantwortung: die einzige, die direkt an ihr Wesen als Frau gebunden ist und die es ihr erlaubt, vom Besitz zum geliebten Menschen aufzusteigen, vom gekaufte Gegenstand zu erwählten Partner. Indem sie vor ihrem Mann und den anderen die Verantwortung für sich selber übernimmt, wird die mohammedanische Frau endlich ein erwachsener Mensch. Nichts anderes bedeutet die Emanzipation der Frau.
Im traditionellen Leben wird der Mohammedaner zum Beispiel einer untreuen Frau ihren Betrug kaum vorwerfen. Da sie ein Wesen ohne Verantwortung ist, muss man sie führen, beherrschen und bewachen wie ein Haustier. Wenn sie untreu ist, muss man deshalb die Wächter bestrafen und die Verführer. Der Verführer ist hier nur ein Dieb, der sich am Eigentum eines anderen vergriffen hat. Die komplizierte Einrichtung des Harems ist der ins Praktische übertragene Ausdruck dieser Geisteshaltung: falsche Türen, blinde Treppen, ungleiche Stufen und enge Gänge sollen Verführer und flüchtende Frauen irreführen und zu Fall bringen.

Wo die Frau ein Gegenstand ist, wird die Heirat zum Geschäft. Ein Freund aus Meshhed, eine der großen Städte Persiens, erzählte mir, wie er zu Beginn des Jahres versucht hatte zu heiraten. Er hatte gerade seine Studien abgeschlossen und fuhr zu seinem Vater, um ihn von seinem Wunsch zu unterrichten. Der Vater sprach mit seiner Frau, die daraufhin ihre Töchter zu Rate zog. Man ging systematisch alle Familien durch, die infrage kamen, und stellte nach mehreren Tagen Arbeit eine Liste der möglichen Bräute auf.
Jetzt setzten sich Mutter und Schwestern in Marsch, um die Kandidatinnen zu besichtigen. Da es dem Sohn nicht erlaubt ist, seine zukünftige Frau vor der Hochzeit zu sehen, müssen die Frauen des Hauses die Wahl treffen. Aber sie haben auch eine eigennützige Gründe, um diese Aufgabe zu übernehmen. Die Männer und Brüder werden bei der Arbeit sein, auf der Straße und in den Cafés und ihre Frauen nur des Nachts sehen. Den ganzen Tag über sind die Frauen unter sich, und da ist es wichtig, miteinander auszukommen. Dieser Gesichtspunkt ist für die Wahl entscheidend. Man untersucht alles, selbst die Zähne werden manchmal betrachtet und der Atem brauchen.
Endlich wird der Name der Auserlesenem dem Vater das heiratslustigen Mannes mitgeteilt. Und nun wird es Sache der Männer, denn jetzt geht es um den Preis. In Persien bringt eine Frau keine Mitgift mit, sie hat auch keine Aussteuer. Die Familie des Mannes muss zahlen. Der Handel dauert manchmal Monate. Im Falle meines Freundes wurden 2000 Tomans verlangt (rund 10.000 DM).
Er war nicht reich genug noch und blieb Junggeselle. Jetzt träumt er davon, eine durchreisende Engländerin oder Deutsche zu finden, die er ohne Umstände heiraten kann, ohne große Ausgaben: eine Frau, die er selber gewählt hat. Seit er diesen Entschluss gefasst hat, lebt er in ständiger Angst. Er weiß, dass er eine Ausländerin nie seinen Eltern vorstellen kann, denn sie gehören einem streng traditionellen Milieu an. Er fürchtet auch, so eine Frau schnell wieder zu verlieren, weil er an seinen Möglichkeiten zweifelt, ihr innerlich nahe zu kommen.
Bei en Nomaden und Bauern ist die Heirat einfacher und billiger. Hier sind die Frauen nicht verschleiert. Sie müssen arbeiten und deshalb Augen und Hände frei haben. Der Martin kann sie also sehen und selber wählen. Wenn er seine Wahl getroffen hat, schickt er „Spioninnen“ in das Haus oder das seit seiner zukünftigen Frau. Diese Spioninnen haben die Aufgabe, den Preis das Mädchen zu ermitteln, ohne den Namen oder die Stellung des Bewerbers preiszugeben. Sonst würde der Preis automatisch nach dessen Vermögen berechnet werden. Solange dies unbekannt bleibt, kann man feilschen.
Das Ganze endet gewöhnlich mit dem Tausch des jungen Mädchens gegen ein Dutzend Schafe, einige Kühe, ein Kamel oder mehrere Ochsen, je nach dem Milieu. Oft wird auch Geld bezahlt.
Die gute Gesellschaft trägt keinen Schleier mehr und wird deshalb „nach Sicht“, wie Bauer und Nomade. Zuneigung ist weniger ausschlaggebend als materielle Überlegungen. Deshalb werden Verträge abgeschlossen, die darauf abzielen, die Zukunft der Frau zu sichern. Und das ist wichtig. Denn in Persien kann ein Mann sich sehr leicht scheiden lassen. Es genügt, seine Frau zu „verstoßen“: einen Brief zu schreiben, in dem er mitteilt, dass er sie nicht mehr haben will. Und schon ist er frei. Deshalb muss der Mann vor der Hochzeit bei den Eltern der Frau eine hohe Summe hinterlegen, die nicht, wie bei den einfachen Leuten, der Preis ist, sondern die Garantie für eine gesicherte Zukunft. Aus dem gleichen Grund herrscht strikte Gütertrennung. Die persische Frau sieht sich vor, und obwohl es nicht so aussieht, ist sie unabhängiger als ihre europäische Schwester. Sie nutzt das auch weitgehend aus.
Wo die Ehe ein Geschäft ist, wird die Mesallisance zum Fehltritt. Wer unter seinem Stand heiratet, kann sein ganzes Leben lang von seinesgleichen geschnitten werden. Meistens nimmt man diese Mesallisance Liebesheiraten – weil sie dauern. Ich habe lange gebraucht, um zu wissen warum.
In Isfahan, der drittgrößten Stadt Persiens, erzählte mir ein einflussreicher Mann von seinem Neffen, der ein einfaches Mädchen geheiratet hatte.
„Ich habe sie seit ihrer Hochzeit, das heißt seit drei Jahren, nicht besucht“, sagt er, „aber ich höre, dass sie sich wirklich lieben.“
„Die möchte ich kennenlernen“, rufe ich. „Warum zeigen Sie nicht etwas Nachsicht für richtig Verliebte und machen endlich Frieden.“
Es kostet mich eine Stunde Überredung, bis er einwilligt und bei seinem Neffen anruft, um sich einladen zu lassen.

Liebesheiraten sind selten in
Dort treffen wir eine kleine rundliche Frau, nicht schön, aber charmant, die perfekteste Hausfrau, die mir bis heute in Persien begegnet ist. Sie huscht durch das Haus, bereitet Aperitifs vor, stellt Käsestangen auf kleine Spitzendeckchen vor uns hin. Sie ist sogar nett zu dem Dienstmädchen, was in Persien selten ist.
Ihr Mann liegt in einem Sessel und beobachtet sie mit sichtbarer Zufriedenheit. Hin und wieder zwinkert er seinem Onkel zu. „Na, hab ich recht gehabt“, will er sagen. Aber auch das kann den alten Herrn nicht veranlassen, weniger steif dazusitzen.
Zum Schluss zeigt man uns das Haus: europäische Gemütlichkeit von 1927, imitiert und wieder belebt von einheimischen Tischlern. Aber alles ist mit so viel Sorgfalt geordnet und geputzt, dass ist rührend wirkt. Mit viel Zärtlichkeit, mit ihren Mitteln und ihrem Geschmack hatte diese Frau ein Heim geschaffen, das genau zu ihrem Mann passte. Es war unverkennbar, dass sie nur für ihn und seine Gemütlichkeit lebte.
Einige Tage später, an einem Freitag, dem Sonntag der Perser, fahren wir zusammen aus der Stadt, um im Grünen zu essen. Am Abend nimmt mich der Mann zur Seite und sagt:
„Ich muss Ihnen danken. Sie haben meinen Onkel überzeugt, uns endlich zu besuchen. Sie wissen, dass Ich weit unter meinem Stand geheiratet habe. Aber es ist eine Liebesheirat. Das ist doch das Wichtigste im Leben, nicht wahr?“
Ich stimme zu.
„Sehen Sie“, sagt er, indem er seinen Revolver aus der Tasche zieht und zerstreut auf die Fische schießt, die in dem kleinen Bach zu unserem Füßen schwimmen. „Sehen Sie, wenn mein Vater noch leben würde, hätte ich diese Frau nie heiraten können. Er hätte mich sofort enterbt. Nach seinem Tode habe ich es gewagt, denn ich glaube an die Liebe. So, wie sie es in Europa gibt.“
Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass auch bei uns Messalliancen oft verpönt sind und dass eben sooft aus Interesse geheiratet wird wie aus Zuneigung.
Er unterbricht mich: „Aber nein, mein Lieber, Sie verstehen immer noch nicht. Wenn ich eine Frau gleichen Vermögens geheiratet hätte, wäre sie unabhängig gewesen. Sie hätte ihr Geld behalten, und ich wäre nach dem ersten Streit davongelaufen. Sie hätte sich Sachen gekauft, ohne mich zu fragen. Und welches Interesse hätte sie gehabt, mir ein gemütliches Heim zu machen oder eine gute Frau zu sein? Keines. Aber diese hier, wo soll sie denn hingehen, wenn ich sie fallen lasse. Sie muss mir immer dankbar sein, dass ich sie aus ihren Dreck heraus gezogen habe.“
Oh getötet gerade eine Forelle.
„Sehen Sie, aus Liebe habe ich eine einfache Frau geheiratet.“
Ich nehme ihm den Revolver aus der Hand und leere das Magazin auf eine Flasche, die den Bach herunterschwimmt.
„Aus Liebe?“
„Natürlich. Hätte ich sonst unter meinem Stand geheiratet und mich mit meiner Familie verfeindet?“
Ich geb’s auf. Mit Logik ist hier nichts zu machen.
Diese fast lächerlich in Widersprüche sind unvermeidlich. Die Perser bekommen täglich den Konflikt zwischen den Willen zum modernen Denken und ihren alten Vorstellungen zu spüren. Dabei geraten sie ganz durcheinander und verstecken ihre Unsicherheit hinter übertriebenen Gebärden. Genau wie die meisten Autodidakten großsprecherisch tun, weil sie unsicher sind und nur im Krach ihre Zweifel ersticken können, genauso leben die Perser mit großem Klamauk alle ihre Ungewissheiten, die von Abraham zum Sputnik reichen, von Mohammed zu Nehru und über Max, Freud, Edgar Wallace und Courts-Mahler führen. Sie beherrschen meisterhaft den Sport Anna innerlich zerrissen den Menschen: Sie leben und dagegen an. Sie sind gegen alles, was man ihnen vorschlägt, und wollen immer alles besser wissen. Oh
Es genügt zum Beispiel, dass man die Monogamie vor einem Perser lobt, und schon hebt er die Vielehe in den Himmel.
„Das war ein Leben“, ruft er, „jede Frau gab sich die größte Mühe, dir ein Höchstmaß von Vergnügen zu bereiten, denn nur so konnte sie die anderen übertreffen und Lieblingsfrau werden. Sie wussten, was sich gehörte. Wenn sie alt wurden, umgaben sie sich mit jungen Mädchen, denen sie ihre Geheimnisse und unseren Geschmack beibrachten. Sie verstanden es, ihren Einfluss zu wahren. Und wir konnten dabei nur gewinnen. Das waren Zeiten.“
Wenn man ihn bei einer anderen Gelegenheit sagt, dass die viel jedoch eigentlich ihr Gutes hat, wird er wütend. Dann erklärt er voller Pathos: „die Frau ist für die Seele des Mannes die unerlässliche Ergänzung. Nur durch sie kann er seiner Vollendung entgegen gehen.“
Fast immer zitiert er etwas, was er irgendwo gelesen hat, und dabei die Seiten und die Bücher durcheinander.

Tausendundeine Nacht nicht mehr gefragt
Es ist aber nicht immer so: über all in Persien gibt es Menschen, die eine fundierte Erklärung für die Notwendigkeit einer modernen Lebenseinstellung gefunden haben, ohne dass sich überlieferte Vorstellungen einschleichen und Verwirrung stiften. Dazu konnte man nur durch die Ablehnung der alten Werte kommen. Und das geht nicht ohne Kritik an der Vergangenheit. Diese Menschen müssen nach den Gründen suchen, die für den Verfallen ihrer Zivilisation verantwortlich sind, und sie bewusst ablehnen. Dabei erkennen sie, dass nicht geschichtliche Zufälle zu der bestehenden Dekadenz geführt haben, sondern ein seit Jahrhunderten kritiklos übernommener der Lebensstil. Ihm müssen sie den Krieg erklären.
Wenn sie darüber sprechen, geht es meist wild her, denn es ist schmerzhaft, die Vergangenheit zu töten. Aber wenn ihre Worte auch respektlos und wir klingeln, sie müssen gesagt werden. In vielen Unterhaltung habe ich sie gehört:
„Wie ist es zum Beispiel mit der Frau? Die Vielweiberei befriedigt die Sinne des Mannes nicht sein Gefühl. Und mit den Kindern? Bei der Vielzahl der Geburten kann die väterliche Zuneigung nie weiterkommen als zu einem lächerlichen Zeugungsstolz.
Deshalb konnten in unserer Geschichte die entsetzlichsten Grausamkeiten an Verwandten verübt werden. Im europäischen Sinn gab es hier keine ‚Verwandten‘. Wir haben nie das ‚Du‘ gekannt, nur das ‚Ihr‘, die anderen, die Menge. Und so hat es bei uns weder echte Zuneigung noch Freundschaft oder Liebe geben können.
Wir haben nur rechnen gelernt und die Mentalität des Buchhalters aufs ganze Leben übertragen: Addition von Frauen, Kindern, Klienten, Vergnügen, Reichtümern, Bedeutung. Abziehen von Feinden, Hindernissen. Viel, viel, viel ist die einzige die Devise, die sich jeder von aufs Wappen schreiben kann. Einzig wichtig ist, dass es sich häuft und glänzt.
Man fragt sich nie: wie und warum. Man fragt nur: wieviel. Es ist nicht verwunderlich, dass die Araber, denen wir diese materialistische Zivilisation verdanken, die Null erfunden haben.
Weil wir nur an Zählen gewöhnt sind, haben wir all das im Menschen verkümmern lassen, was man weder addieren noch abziehen kann.
Selbst in unserer Religion ist es nicht wichtig, wie man glaubt, sondern wie oft am Tag man vorgibt zu glauben. Wenn die Religion den Wein verbietet, dann nur deshalb, weil er die Zahlen verwirrt und die Seele zum Weinen bringt. Ergebnis: Unsere wenigen Dichter waren Säufer, weil nur der Wein den Krämergeist wegschwemmen konnte. Und warum untersagt die Religion der Kunst, den Menschen nachzumachen? Weil ein Gesichts nichts bedeutet.
Unser sprichwörtlicher Fatalismus ist die Erfindung romantischer Europäer. Es gibt ihn nicht. Wenn der Nomade mit abwesendem Blick vor seinem Zelt sitzt, dann träumt er nicht, dann zählt er: seine Schafe, seine Kamele, die Beute und die Feinde. Wenn der Krieger sich lächelnd dem Tod entgegenwirft, dann zählt auch er die Belohnungen, die ihn in Jenseits erwarten, die Himmel, die Himmel, die er durchqueren muss, um endlich das von Allah versprochener Ziel zu erreichen: den Überfluss, diesen Wunschtraum aller Buchhalter.
Die Liebe hätte uns retten können. Das heißt. das Wie, das Warum, das Wer an Stelle des Wieviel. Aber wie hätte das geschehen können in einer Welt, die nur Mein und Dein kannte und sie einander gegenüberstellte.
Die Europäer hatten Christus und die Griechen, die ihnen die Liebe und den Menschen offenbarten, uns hat der Nomadengeist der arabischen Eroberer zu Buchhaltern gemacht. Nur deshalb liegt Europa soweit vorn – und wir so weit zurück.
Die Männer, die so denken, sind die Träger der geistigen Umwälzung, die sich heute in Persien vollzieht. Sie stehen im Gegensatz zu den traditionellen Machthabern: den Feudalherren, Geschäftsleuten, Geistlichen und Stammesfürsten, die ihren Einfluss durch die Aufrechterhaltung des alten Geistes verteidigen.
Der Kampf geht nicht um Güter. Er geht um den persischen Menschen. Bis heute ist es nur im Keim eine politische Auseinandersetzung, aber sie wird es bald in ihrem ganzen Umfang werden. Noch ist es kein Klassenkampf, sondern ein moralischer Streit, in dem jedoch die Klasse in absehbarer Zeit zur tödlichen Waffen werden kann.