Hier dürfen Araber Neger morden (Südsudan)

Stern, Heft 17, 23. April 1967

Gordian Troeller und Claude Deffarge gelang es als ersten Reportern zu den Freiheitskämpfern im sudanesischen Busch vorzudringen. Sie begleiteten sie auf der ständigen Flucht vor den arabischen Regierungstruppen, die hier einen grausamen Vernichtungskrieg führen, von dem die Welt nichts weiß. Über eine halbe Million Neger sind diesem Massaker bereits zum Opfer gefallen.
(Anmerkung: Der Terminus „Neger“ wurde in den Sechzigerjahren noch als gängige Bezeichnung für Schwarzafrikaner und Afroamerikaner benutzt.)

Teil eins

Wie werden die sieben Neger sich verhalten, wenn eine weiße Frau sich auszieht? Nachts. Im Busch. Männer, die wir erst seit wenigen Stunden kennen, Schwarze, die vorher noch keine Weißen gesehen haben. Diese Frage bewegt mich im Augenblick mehr als die Gefahr, in der wir schweben. Wir befinden uns an der verbotenen Grenze, die Uganda vom Sudan trennt: an einem der vielen Nebenflüsse des Nils, den die Regenzeit in einen reißenden Strom verwandelt hat.
„Könnt ihr schwimmen?“ fragt der Anführer unserer Eskorte.
Wir können. – Sollen wir uns nun ausziehen? – Wir müssen uns ausziehen. Die Nächte sind kalt. Wenn wir angezogen in den Sudan hinüberschwimmen und dann mit nassen Kleidern weitermarschieren, dürfte es mit dem Rest der Reise aus sein.
Außerdem müssen wir uns beeilen. Der Morgen graut, bald werden Menschen wach, die uns hier nicht sehen dürfen. Die Soldaten haben Befehl, auf alle zu schießen, die sich dieser Grenze nähern.
Während Claude Deffarge sich auszieht, drehen unsere Begleiter sich diskret um. Erst als sie hören, dass wir im Wasser sind, packen Sie unsere Sachen in Gummisäcke, ziehen sich selbst aus und folgen uns.
Es geht nicht ohne Zwischenfälle. Filme schwimmen davon. Claude verfängt sich im Geäst eines toten Baumes, in den die Strömung sie geschwemmt hat, und wir müssen sie zu dritt befreit.
Als wir nach zehn Minuten alle heil am anderen Ufer sind, ist die Nacktheit kein Problem mehr. Sie ist einfach vergessen.
Eine Frage hatte mich im Fluss fast gelähmt, aber jetzt erst wage ich sie auszusprechen: „Gibt es hier Krokodile?“
„Natürlich“, sagte der Anführer. „Aber die schlafen nachts genau wie die Soldaten, die diese Grenze bewachen.“
Wir lachen. Sieben nackte Neger und zwei Weiße krümmen sich vor Lachen, weil dieser kleine Scherz die Spannung der wahren Angst und der falschen Scham gelöst hat. Für einen Augenblick sind Krieg und Massaker fast vergessen – obwohl wir nur ihretwegen das Wagnis auf uns genommen haben, auf Schleichwegen in den verbotenen Sudan zu gelangen.
Es gibt keinen anderen Weg. Wenn man in Khartoum, der Hauptstadt des Sudans, um die Erlaubnis bittet, den Süden des Landes zu besuchen, wird man höflich, aber bestimmt abgewiesen. Im Süden tobt nämlich ein Krieg, den die Welt vergessen hat – und der vergessen bleiben soll. Über fünfhunderttausend Menschen sind bisher umgebracht worden, mindestens ebenso viele wurden aus ihren Dörfern vertrieben.
Die ersten Flüchtlinge treffen wir nach drei Stunden Marsch. Tief im Busch versteckt, haben sie ihre Hütten gebaut. Als sie uns sehen, laufen die Frauen und Kinder laut schreiend davon. Die Männer greifen nach ihren Speeren und Pfeilen. Weil wir hellhäutig sind, hält man uns für Araber, für Feinde. Ein Speer bohrt sich neben Claude in den Boden. Wir müssen in Deckung gehen, bis unsere Begleiter erklärt haben, wer wir sind. Die Frauen kommen nur zögernd zurück. Sie zittern immer noch.
Erst vor zwei Monaten haben die arabischen Regierungstruppen ihr Heimatdorf zerstört und alle, die nicht schnell genug laufen konnten, umgebracht.
Man bietet uns Erdnüsse an. Sonst gibt es hier nichts zu essen. Zwei Männer werden in den Wald geschickt, um in den Fallen nachzusuchen, ob vielleicht ein Buschbock oder ein Wildschwein hineingefallen ist. Nach zwei Stunden kommen sie jubelnd mit einer riesigen Boa zurück, die sie unterwegs getötet haben. Jeder von uns bekommt zwanzig Zentimeter Schlangenfleisch. Für uns beide wird das Schwanzende gebraten. Es soll der beste Teil sein. Jedenfalls schmeckt es vorzüglich, denn wir haben schon dreißig Stunden nichts mehr gegessen.
Während unseres vierwöchigen Marsches durch den Sudan haben wir noch oft an diese Mahlzeit gedacht. Sie war die beste unserer ganzen Reise. Je weiter wir ins Innere vordringen, desto karger wird die Speisekarte.
Fast jeden Tag ändert sich unsere Eskorte. Heute ist einer dabei, der besonders stolz aussieht. An seinem Gürtel hängen vier Handgranaten. Jeder seiner Kameraden weiß, daß er schon sieben Araber im Nahkampf getötet hat. Er heißt Bismarck und will endlich wissen warum.
„Du mußt es mir sagen“, fordert er. „Du bist die Geschichte, die Politik und die Geografie.“
Das sind wir schon seit Beginn der Reise. Jeden Abend, wenn wir am Lagerfeuer sitzen, scharen sich Rebellen und Bauern um uns und überschütten uns mit Fragen. Seitdem sie uns „Geschichte, Politik und Geografie“ getauft haben, glauben sie, uns benutzen zu können wie ein Wörterbuch – selbst wenn wir vierzig Kilometer marschiert sind und todmüde von unseren weichen Betten in Hamburg träumen.
Aber das ist noch erträglich. Meist sind wir dann in Sicherheit, tief im Dschungel und vor Überraschungsangriffen gedeckt durch schwer bewaffnete Wachen.
Jetzt jedoch scheint mir der Zeitpunkt schlecht gewählt, Lexikon zu spielen. Ganz in der Nähe patrouillieren Panzer der Regierungstruppen. Flüchtlinge haben uns erzählt, daß man auf uns Jagd macht. Die arabische Regierung in Khartoum liebt es nicht, wenn Journalisten sich in den Süden des Landes einschleichen, um der Welt berichten zu können, wie grausam hier gekämpft und getötet wird. Dieser Krieg wird vergessen bleiben, solange es keine ausländischen Zeugen gibt. Deshalb will man uns fangen, uns umbringen. „Man wird euer Leben nicht schonen“, wußten Flüchtlinge zu berichten. „Und den Rebellen euren Tod in die Schuhe schieben, um sie als grausame Banditen hinzustellen.“
Bismarck läßt nicht locker. Als ich ihm erkläre, daß er den Namen eines deutschen Staatsmannes trägt und daß der Pfarrer ihm diesen Namen wahrscheinlich nur gegeben hat, um die damaligen Kolonialherren, die Engländer, zu ärgern, ist er immer noch nicht zufrieden.
„War Bismarck auch ein Heiliger?“
„Nein. Aber er war aus Eisen.“
So etwas, hoffe ich, hört ein Krieger gern. Irrtum, mein schwarzer Bismarck möchte lieber den Namen eines Heiligen tragen, genau wie seine katholisch getauften Freunde.
„Um mich in einem weißen Gesicht zu spiegeln.“
In der Ferne dröhnen die Motoren der arabischen Panzer. Hin und wieder fällt ein Schuß. Trotzdem setzen sich auch noch andere Rebellen zu uns. Es ist ein wilder Haufen. Einige haben Uniformen, andere laufen in Lumpen herum. Insgesamt vierzehn Mann. Beschützer und Träger zugleich. Zwei Maschinenpistolen, sieben Gewehre, drei Speere. Der Chef mit dem klangvollen Namen Casimiro ist ein Leutnant der Partisanenarmee. Er ist für unsere Sicherheit verantwortlich. Diese Aufgabe nimmt er so ernst, daß er jedes Mal, wenn Gefahr droht, ganz nah an uns herangerückt, als wolle er uns mit seinem Körper vor den feindlichen Kugeln schützen.
„Die Araber nennen uns immer noch abid – Sklaven“, sagt er. „Sie behaupten, wir seien Untermenschen, die sie zivilisierten müßten.“
„Mir haben sie in der Schule beigebracht, daß sie zu einer höheren Rasse gehören als wir und deshalb Gott näher sind“, erklärt Bismarck. „Kann das stimmen?“
„Jedenfalls seid ihr die ersten Weißen, die das Essen mit uns teilen und in unseren Hütten schlafen“, meint Casimiro. „Das gibt uns Vertrauen.“
„Sag, doch was“, bittet, Bismarck. „Sind alle Menschen gleich, oder gehören wir Schwarzen zu einer minderwertigen Rasse?“
Jedes Mal wenn „diskutiert“ wird, vergessen sie die Gefahr. Sie wollen erfahren, lernen, wissen. Letztlich geht es ihnen immer um die gleiche Frage, die auch jetzt nicht ausbleibt: „Sind wir eigentlich richtige Menschen?“
Während unseres ganzen Marsches durch den sudanesischen Busch verfolgt sie uns wie der Klageschrei eines verwundeten Tieres. Sie taucht an jedem Lagerfeuer auf, in jedem Dorf, überall wo wir halt machen. Jedes Mal, wenn wir neue Gesichter sehen, wollen sie wissen, warum sie schwarz sind, warum sie verachtet und gejagt werden wie Freiwild.
Das ist nicht verwunderlich. Die Neger im Sudan sind von all jenen, die zu ihnen kamen, kaum als Menschen behandelt worden. Zunächst kamen die Ägypter, die Araber. Sie fingen die Schwarzen wie Vieh und schleppten sie als Sklaven in den Norden. Die Frauen zum Vergnügen, die Männer zur Arbeit. Stämme, die einst Hunderttausende zählten, schrumpften innerhalb eines Jahrhunderts auf ein Zehntel zusammen. Ein Land, das von den ersten Reisenden als ein blühender Garten beschrieben worden war, verwandelte sich durch Krieg und organisierten Menschenraub in eines der verlassensten Gebiete Afrikas.
Später kamen die Engländer und verschmolzen den von Arabern bewohnten Norden mit dem von Schwarzen bewohnten Süden zu einem Staat. Dieser Zusammenschluß von zwei rassisch und kulturell völlig verschiedenen Völkern wurde auch beibehalten, als der Sudan am 1. Januar 1956 unabhängig wurde.
Die Stämme des Südens protestierten. Sie fürchteten, den Arabern abermals schutzlos ausgeliefert zu sein und forderten deshalb eine autonome Verwaltung innerhalb eines föderalistischen Staatenbundes. Auch in London wurden Stimmen laut gegen eine Verbindung, die angesichts der zahlenmäßigen Überlegenheit und des höheren Bildungsgrades der Araber nur zu einer neuen Kolonialisierung des Südens durch den Norden führen konnte. Aber der Suezkanal und die englischen Ölkonzessionen im Vorderen Orient waren zwingende Trümpfe in der Hand der Araber, um London für die These eines zentral regierten Sudans zu gewinnen.
Die neuen Herren des Landes, die so lautstark den Abzug der englischen Imperialisten gefordert haben, entpuppten sich nun ihrerseits als weit rücksichtslosere Imperialisten. Sie bemächtigten sich der Verwaltung und der Wirtschaft, des Heeres und der Polizei. Die Neger haben nichts mehr zu melden, obwohl sie über ein Drittel der Bevölkerung ausmachen. In Khartoum wird zwar noch verhandelt. Schwarze Abgeordnete sitzen im Parlament. Aber im Busch wird hart durchgegriffen. Neben der Gewalt erscheint den Arabern ihre Religion, der Islam, als das beste Mittel für eine brutale Gleichschaltung. Christen werden verfolgt, Heiden zu Mohammedanern gemacht, Moscheen erbaut, Schulen geschlossen. Je ungebildeter die Schwarzen bleiben, umso eher kuschen sie, heißt es. Englisch, das bisher als Lingua Franca (Verkehrssprache zwischen einheimischer Bevölkerung und Europäern) diente, wird durch Arabisch abgelöst.
Die Reaktion der schwarzen Bevölkerung bleibt nicht aus. Das Christentum hat sie gelehrt, dass alle Menschen gleich seien, gleich vor Gott und den Menschen. Aber wiederum behandelt man wie niedere Wesen, und sie versuchen, sich zu wehren. Im Busch formieren sich kleine Widerstandsgruppen, die den Arabern zu schaffen machen, wenn sie Land enteignen wollen oder Dörfer überfallen.
Dieser Widerstand wird von Christen geführt. Missionare, die um die Glaubensfreiheit bangen und eine gewaltsame Islamisierung des Südens fürchten, unterstützen sie. Daraufhin schließen die Araber alle Missionen und Seminare und verweisen die ausländischen Missionare des Landes. Kirchen werden zerstört, christliche Dörfer Erdboden gleichgemacht.
Aber damit nicht genug. In einer einzigen Nacht im Juni 1965 wurden in Juba, der Hauptstadt des Südens, 1400 Neger getötet. Von Soldaten der Regierung. In Khartoum weiß man, daß der Widerstand im Süden des Landes ohne intellektuelle Führer zusammenbrechen muß, und macht systematisch Jagd auf alle, die lesen und schreiben können.
Damit ist der Bruch zwischen Arabern und Negern, zwischen Norden und Süden endgültig. Hunderttausend Schwarze fliehen vor dem Terror in die Nachbarstaaten. Dörfer, in denen die Regierung Widerstandskämpfer vermutet, werden in Brand gesteckt, die Einwohner erschossen. Fünfhunderttausend Menschen sind – nach Schätzungen der Vereinten Nationen – auf diese Weise umgebracht worden, mehr als ein Zehntel der Bevölkerung des Südens. Nicht vor hundert Jahren. Heute.
Trotzdem gibt es keine internationalen Proteste. Dieser organisierte Völkermord interessiert nur ein paar Moralisten. Die Politiker bleiben stumm, weil weder westliche noch östliche Interessen auf dem Spiel stehen. Im Sudan gibt es keine ideologische Auseinandersetzung, keinen kalten Krieg, keine Kommunisten, nicht einmal Chinesen. Dort werden ja nur Neger umgebracht. Und im Übrigen liegt der Sudan weit weg. Es ist gefährlich, an Ort und Stelle zu untersuchen, was wirklich passiert. Mit der Anprangerung eines Völkermordes, der außerhalb der großen internationalen Spannungsfelder begangen wird, können sich weder Diplomaten noch Journalisten Sporen verdienen – und wenn Bismarck nicht gepfiffen hätte, wären auch wir wohl nicht zurückgekehrt.
Während wir noch über die Gleichheit der Menschen diskutieren, pfeift er plötzlich leise durch die Zähne. Er hat als Einziger das Warnsignal gehört und gibt es weiter. Die Partisanen schwärmen aus. Nach fünf Minuten hören wir einige Schüsse. Eine arabische Patrouille, die sich an uns heranschleichen wollte, zieht sich zurück in den Schutz ihrer Panzer, die auf der Landstraße warten.
Zum Glück haben wir bei unserem heimlichen Besuch in Südsudan das Ende der Regenzeit erwischt. Wenn es monatelang gegossen hat, ist das Gras über zwei Meter hoch. Wir haben oft geflucht, wenn wir uns da hindurchkämpfen mußten und die scharfen Blätter Gesicht und Hände blutig rissen. Aber jetzt sind wir froh, denn nur selten wagen Regierungstruppen sich in das undurchsichtige Gewirr fingerdicker Gräser, in denen Heckenschützen perfekte Deckung haben und Fallen qualvollen Tod bedeuten.
Die Natur hat uns zunächst wieder einmal gerettet. Aber wir können nicht weiter. Unsere Reiseroute sollte über die Straße führen, die jetzt von feindlichen Panzern und Truppen abgeriegelt ist. Wir müssen zurück. Das nächste Dorf ist zehn Kilometer entfernt. Sechs Hütten. Ein paar Felder. Männer in Lumpen. Frauen, die ihre Scham mit Blättern verdecken. Zur Begrüßung knien sie nieder.
Man hat sie gelehrt, vor einer anderen Hautfarbe Demut zu zeigen. Fremde sind wie Naturgewalten, denen man sich beugen muß, ob sie Gutes bringen oder Böses. Sie vertreten höhere Mächte. „Euch muß Gott geschickt haben“, sagt der Dorfälteste. „Bitte rettet meine Tochter.“
Sie liegt auf einer Strohmatte und windet sich vor Schmerzen. Der Leib ist geschwollen. An jeder Seite des Mädchens hockt eine alte Frau. Sie halten ihre Hände und summen leise vor sich hin. Das ist hier das einzige Mittel, um Schmerzen zu stillen.
Was sollen wir tun? Wahrscheinlich handelt es sich um eine Blinddarmentzündung. Wenn wir auf Reisen in entfernten Gebieten sind, wo es keinen Arzt gibt, keine Hilfe, kein Zurück – dann fürchten auch wir diese sonst harmlose Krankheit mehr als Malaria, Schlangenbissen oder Kugeln. Ich habe selbst mit Fieber und Leibschmerzen zwei Tage lang in einer Hütte gelegen, und wir befürchteten schon das Schlimmste. Jetzt sehen wir, was geschehen wäre, wenn ich wirklich eine Blinddarmentzündung gehabt hätte. Noch am selben Tag stirbt das Mädchen. Wir können nur die Schmerzen lindern und ihr das Sterben erleichtern.
Es gibt wohl kaum eine Gegend der Welt, die so nötigt der Hilfebedarf wie der südliche Sudan. Seit Krieg und Terror hier toben, gibt es kein Medikament mehr, keinen Verbandsstoff, keinen Arzt oder Krankenpfleger, weder Kleidung noch Seife, weder Milch noch Zucker. Selbst Salz ist selten. Man muß Asche essen, um den Salzbedarf teilweise zu decken.
Während der Trauerfeier für das Mädchen wird nur ganz leise gesungen. Tamtam, Tanz und Musik sind seit Beginn des Krieges verbannt. Die Araber sollen nicht hören, wo man sich im Busch vor ihnen versteckt. Die Trommeln sind vergraben. Selbst die Masken und Fetische sind verschwunden. Sie verbrannten mit den Hütten. Wir wollen es zunächst nicht glauben: Alle Dörfer, in denen wir übernachten und die westlichen Augen wie idyllische Bauernsiedlungen anmuten, sind nur provisorische Unterkünfte gehetzter Menschen.
„Seit Generationen wohnten wir am Rande der Straße, die von Juba nach Yei führt“, sagt der Chef des Dorfes, in dem wir heute halt machen. „Eines Morgens hörten wir das Geräusch vieler Motoren. Eine Militärkolonne näherte sich. Die jungen Leute und die meisten Frauen rannten sofort in den Busch. Als die Lastwagen abgefahren waren, schlichen wir ins Dorf zurück. Die Araber hatten es niedergebrannt, und wir zählten vierzehn Leichen. Auch eine junge schwangere Frau war darunter.“
„Und wann seid ihr hier hergekommen?“ will ich wissen.
„Vor drei Monaten. In den letzten zwei Jahren mußten die vier Mal fliehen und uns jedes Mal tiefer Busch verstecken. Bald müssen wir auch von hier wieder fort. Wenn die Regenzeit zu Ende ist, stecken die Araber das trockene Gras an. Dann haben sie bessere Sicht und weniger Angst, die Straße zu verlassen.“
Aber auch jetzt fürchten sich diese Menschen vor einem nächtlichen Überraschungsangriff. Nachdem sie uns das Essen zubereitet haben (Maniok mit Erdnüssen und Pfeffersauce), verschwinden sie ihren Dschungel, wo sie die Nacht verbringen werden. Selbst unsere Anwesenheit kann sie nicht dazu bewegen, einmal in ihren Hütten zu schlafen.
Wir fühlen uns auch nicht wohl in unserer Haut. Dieses verlassene Dorf, in dem nur zwei magere Hunde herumschleichen, wirkt gespenstisch. Wir haben zwar ein Feuer, das wenigstens die Illusion der Geborgenheit ausstrahlt, trotzdem wären auch wir lieber mit den anderen im Dschungel, anstatt hier unser westliches „Gesicht zu wahren“. Es muß sein – sonst würden unsere Begleiter, die außerhalb des Dorfes Wache halten, jeden Respekt verlieren.
Im Übrigen haben wir ja all dies gewollt: die Gefahr, daß karge Essen, den Mangel an Salz und Zucker, die Strapazen der täglichen dreißig Kilometer, die reißenden Flüsse, die wir durchqueren müssen, und die giftigen Spinnen, die wir morgens aus den Schuhen schütteln. Wenn wir ein wenig Glück haben, liegen wir bald wieder mit vollem Magen in warmen Betten und denken mit etwas Wehmut an diese aufregende Zeit im afrikanischen Busch. Für diese Menschen hier wird es jedoch nie ein Ende geben.
Es gibt keinen Pardon. Die Truppen der arabischen Regierung in Khartoum unterscheiden nicht zwischen ihren kämpfenden Feinden, den Partisanen, und der Zivilbevölkerung. Es ist ein Kampf gegen ein ganzes Volk. Nur junge Mädchen können hoffen, am Leben zu bleiben, wenn ihr Dorf niedergebrannt wird. Sie werden mitgeschleppt.
Feuer und Schwert sind nicht die einzigen Mittel der Vernichtung. Ebenso wirksam, wenn auch weniger Aufsehen erregend, ist die unablässige Vertreibung der schwarzen Bevölkerung von einem Versteck ins andere. Sie sind Bauern, und sie brauchen Felder, um zu leben. Wenn sie aus ihrem Heimatdorf vertrieben werden und an einem anderen Ort gerade gerodet, gepflügt und gesät haben, dann bleibt ihnen meistens nicht die Zeit zum Ernten. Sie müssen wieder fliehen und abermals versuchen, den neuen Boden urbar zu machen, bis eine weitere Strafexpedition sie davongejagt.
So werden sie mehr und mehr in die Steinzeit zurückgetrieben. Sie müssen neu erfinden, wie ihre Vorfahren im Busch überlebten. Anstatt zur Schule zu gehen, machen Kinder sich mit essbaren Wurzeln vertraut und mit dem Legen von Fallen. Bald haben die Frauen ihre letzten Kleider aufgetragen und müssen wieder nackt gehen.
Die Beweggründe dieser Politik der Ausrottung sind Machthunger und der Wahn rassischer Überlegenheit. Früher holten die Araber ihre Sklaven aus dem Süden, heute streben sie nach größerem Lebensraum. Dabei ist keineswegs der Sudan allein im Spiel. Es geht um weit mehr: um den Führungsanspruch des arabischen Nordafrikas über den Schwarzen Kontinent. Nicht umsonst unterstützen ägyptische und algerische Offiziere die Truppen von Khartoum im Kampf um den Süden.
Im Sudan versuchen die Araber, die Grenzen ihres Einflusses mit Waffengewalt zu erweitern. Im übrigen Afrika vergrößert sie ihren Einfluß durch die systematische Islamisierung der schwarzen Bevölkerung.
Was heute zum Beispiel in Nigeria geschieht, ist nur in diesem Zusammenhang zu verstehen. Auch dort streben die mohammedanischen Haussas nach Herrschaft über die in ihrer Mehrzahl heidnisch gebliebenen Yorubas und Ibos. Die Front des zur politischen Waffe gewordenen Islams zieht sich quer durch Afrika. Im Sudan spricht man heute schon oft vom „Heiligen Krieg“ und der zivilisatorischen Mission des Islams. Nicht zufällig wurden dort vor allem Christen verfolgt, Missionare vertrieben und von Priestern erzogene Neger getötet. Man schaltet die „Konkurrenz“ aus.
Diese Offensive des Islams mag die großen Auseinandersetzungen der nächsten Jahrzehnte in Afrika bestimmen. Die einzige Gruppe, die sich ihr heute schon mit Waffen widersetzt, sind die Rebellen der südsudanesischen Freiheitsbewegung. Über diese Männer und unser Leben mit ihnen berichten wir im nächsten STERN.

Teil zwei

Stern, Heft 18, 30. April 1967 –

Krieg zwischen Arabern und Negern im Sudan. Seit zehn Jahren. Eine halbe Million Neger wurden bisher getötet. Aber die Welt weiß von diesem Völkermord nichts. Sternreporter Gordian Troeller und Claude Deffarge kehrten jetzt von einer abenteuerlichen Reise durch das entlegene Kriegsgebiet im Südsudan zurück. Sechs Wochen waren sie bei den schwarzen Flüchtlingen und Freiheitskämpfern im Busch.

Handgranaten sind scheußliche Dinger. Konserven des Todes. An einem Ende baumelt ein Ring. Wenn der herausgezogen wird, dauert es nur noch wenige Sekunden – und das Ding explodiert.
Diese Ringe müssen verdammt fest verankert sein. Vor mir marschiert Elias, ein Partisan, der seit dem frühen Morgen seine Handgranate spazieren führt. Sein Zeigefinger steckt im Ring und wirbelt die Todeskonserve herum wie ein Filmcowboy seinen Colt. Mir steht der Schweiß auf der Stirn. Ich habe ja nichts dagegen, hier im sudanesischen Busch Kriegskorrespondent zu spielen und zu beobachten, wie Neger und Araber sich gegenseitig umbringen. Aber ich verspüre wenig Lust, das Opfer eines verspielten Partisanen zu werden.
In Reisebüchern hatte ich viel über die Gefahren des afrikanischen Busches als gelesen. Da tritt man auf tödliche Schlangen, Panther warten hinter Sträuchern und heimtückische Zauberer verhexen ganze Karawanen. Solch aufregende Dinge haben wir nicht erlebt. Nur ein Affe schmiß mir einmal einen Ast in den Rücken. Der wollte scherzen. – Aber Handgranaten haben keinen Humor.
Jetzt kugelt sie über den Boden. Ein Befehl hat Elias zusammenfahren lassen. Er steht wie versteinert. Wieder ein Ruf.
„Nicht bewegen!“ ruft Elias mir zu. Aus dem Gebüsch treten drei Männer mit Maschinenpistolen. Die Läufe sind auf unsere Brust gerichtet. Obwohl Elias mir erklärt, daß wir es mit den Wachtposten eines Partisanenlagers zu tun haben, ist mir nicht wohl zu Mute. Bis jetzt sind Kinder und Frauen meistens davongelaufen, weil sie uns Weiße für Araber hielten, und ich kann mir lebhaft vorstellen, was passiert, wenn diese jungen Freiheitskämpfer dem gleichen Irrtum unterliegen.
Zum Glück nähert sich jetzt auch das Gros unserer Karawane, und Casimiro, der Chef, kann den Posten erklären, wer wir sind. Trotzdem müssen wir mit erhobenen Händen bis zu einer Strohhüte gehen, wo ein Offizier unsere Ausweise kontrolliert.
So erreichen wir endlich das Hauptquartier der „ Anya nya“. Diese Namen haben die Freiheitskämpfer sich selbst zugelegt. Er bezeichnet ein tödliches Gift. So wollen sie ausdrücken, daß ihr Kampf bis zur Vernichtung des Gegners geführt wird, bis zum Abzug der Araber, die ihre Herrschaft über den Südsudan mit Gewalt aufrechterhalten wollen.
Es ist ein grausamer Krieg. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen haben die Araber von 1963-1966 mehr als eine halbe Million Neger getötet. Ebenso viele wurden aus ihren Dörfern vertrieben und irren jetzt als Flüchtlinge durch den Busch, gehetzt von den Regierungstruppen, beschützt von den Anya nya.
Das Hauptquartier, in dem wir heute angekommen sind, ist ein großes Lager. Etwa fünfzig Hütten. Überall wird exerziert. Es wird gefegt und gewaschen. Wenn die Strohhütten aus Zement wären, könnte man sich in einer richtigen Kaserne wähnen. Als Vorbild gilt die englische Armee. Viele Führer der Anya nya dienten einst im „Äquatorial Corps“, einer schwarzen Eliteeinheit des englischen Kolonialheeres.
Mädchen – Marketenderinnen und Köchinnen zugleich – bringen uns warmes Wasser in riesigen Kübeln. Frisch und sauber stellen wir uns dem Chef des Lagers vor. Der Oberst empfängt uns in einer großen Hütte, umgeben von etwa fünfzig Offizieren. Wir sind überrascht, angenehm überrascht. Die Regierung in Khartoum behauptet, die Anya nya seien nur Banditen oder bestenfalls „fanatisierte Wilde“, die mordend durchs Land zögen. Hier aber stehen wir uniformierten Herren gegenüber, die gut Englisch sprechen und ihre Ziele sachlich darlegen.
Zunächst wollen sie die schwarze Bevölkerung gegen den Terror der arabischen Regierungstruppen schützen und den vielen Flüchtlingen die Möglichkeit geben, sich neu anzusiedeln. Auf lange Sicht streben sie die völlige Unabhängigkeit des Südsudans an. Obwohl die Regierung 18.000 Mann (zwei Drittel ihres Heeres) in den Süden geschickt hat und nahezu die Hälfte ihres Haushaltes für diesen Krieg ausgibt, kontrolliert sie nur noch die Städte, befestigte Stellungen und große Verbindungsstraßen. Im Busch herrschen die Rebellen, die Anya nya. Sie verfügen über rund 12.000 Mann. Wenn Sie mehr Waffen hätten, könnten sie doppelt so stark sein
Es ist sicherlich keine ideale Beruhigungstherapie, wenn man einem den ganzen Tag mit Handgranaten, Maschinenpistolen und Gewehren vor der Nase herumfuchtelt. Vor allem, wenn sie geladen sind und dazu noch entsichert. Eine Panzerfaust scheint mir besonders gewogen zu sein. Der Posten vor meiner Hütte hat sich so geschickt damit aufgestellt, daß ich mir jedes Mal den Kopf daran stoße, wenn ich durch den schmalen Ausgang krieche. Die Beule ist bis jetzt meine einzige Kriegsverletzung. Ich bin das Opfer der strengsten aller Guerillaregeln, nie die Waffe aus der Hand zu legen. Hier schläft man sogar damit. Aber warum muß gerade eine Panzerfaust vor meiner Hütte Wache halten, wo doch die arabischen Panzer sechzehn Kilometer entfernt sind und gar nicht hierher kommen können?
„Weil Panzerfäuste schön sind“, meint Casimiro. „Weil wir stolz auf sie sind. Sie haben viel Blut gekostet.“
Hier werden die Waffen nicht mit Geld erworben. Sie werden mit Blut bezahlt. Man muß sie kämpfend erbeuten. Von allen Freiheitskämpfern sind die Anya nya die einzigen, die von keiner fremden Macht unterstützt werden.
Ein wenig Hilfe erhalten sie von katholischen Organisationen. Geld, Kleidung, Medikamente. Seit die sudanesische Regierung sämtliche Missionare vertrieben und die meisten Kirchen zerstört hat, fürchtet man in katholischen Kreisen eine gewaltsame Islamisierung der schwarzen Bevölkerung. Nahezu alle Führer der Anya nya sind getauft. Am Lagerfeuer müssen wir mit ihnen über die Unsterblichkeit der Seele diskutieren, über das Paradies und die Vor-und Nachteile der christlichen Einehe. Jedes Mal geht es sehr lebhaft zu. Auch Heiden mischen sich ein. Sie wollen wissen, ob es nach diesem Leben ein anderes gibt, und wer von dort zurückkam, um es zu verkünden.
„Wir besiegen den Teufel“
„Ich werde mich nicht taufen lassen“, verkündet heute lautstark ein bärtiger Riese, der sein Gewehr wie ein kleines Kind in den Armen wiegt. „Wenn ich mich taufen ließe und später in den Himmel käme, würde ich keinen meiner Sippe dort antreffen. Heiden ist der Eintritt ins Paradies verboten. Warum nur? Meine Vorfahren konnten doch nicht wissen, daß es einen Erlöser gab. Sind sie deshalb schlechtere Menschen? Nein, nach dem Tode will ich mit den Meinen zusammen sein. Wo auch immer. Selbst wenn es dort ebenso schrecklich ist wie hier auf Erden.“
„Alle guten Menschen kommen in den Himmel“, sagt Casimiro. „Auch Heiden.“
„Und wer entscheidet zwischen Guten und Bösen?“ ruft der bärtige Riese. „Die Weißen natürlich! Die Christen. Sie hüten ihren Himmel ebenso eifersüchtig wie ihren Reichtum. Da dürfen nur ‚gute Neger‘ mitmachen, Neger, deren Seele weiß geworden ist und die sich ihrer Vorfahren schämen.“
Wir haben etwas getrunken. Ja, das gibt es auch hier im Busch: selbstgebrautes Bier und Schnaps aus Mais. Der Bauer, der die Getränke aus dem nächsten Dorf gebracht hat, muß aus jedem Kübel ein Glas trinken, um zu beweisen, daß sie nicht vergiftet sind.
Ich fürchte, daß trotzdem berauschende Kräuter darin waren, denn ich höre mich sagen: „Meine Herren, wie Ihr wißt, bin ich ein weit gereister Mann. Ich kenne sogar den Himmel und bin auch durch die Hölle gekommen. Über alle gibt es Schwarze und Weiße, Braune und Gelbe, Menschen aller Religionen. Im Himmel sind alle gleich und leben in Frieden zusammen. In der Hölle aber benehmen sie sich genau wie hier auf Erden. Jeder glaubt besser zu sein als der andere. Im Namen ihres Gottes oder ihrer Rasse bekämpfen sie sich. Nur das Blut, das fließt, hat die gleiche Farbe. Und am Ende der Schlucht liegt der Teufel auf dem Bauch. Er lacht und säuft das Blut, denn nur davon kann er leben – von der Zwietracht der Menschen.“
Es ist still geworden. Nur das Lagerfeuer knistert und ein paar Affen bellen. Der Riese erhebt sich. Hoch über mir glänzt sein ernstes Gesicht. Er ergreift meine Schultern, zieht mich hoch und küßt mich. Casimiro ist näher getreten. Auch er will mein Gesicht mit seinen Lippen berühren. Alle stehen auf. Vierzehn Mann. Protestanten, Katholiken und Heiden küssen mich der Reihe nach so vorsichtig, als sei ich zerbrechlich und das Ganze eine religiöse Handlung. Auch Claude Deffarge wird in das Fest der Brüderlichkeit einbezogen. Die Männer umarmen sie. Thimotée, der einzige Christ seiner Sippe, weint.
„Warum dürfen Protestanten und Katholiken sich nicht endgültig versöhnen?“ fragt er zögernd.
„Ja“, ruft Casimiro. „Warum können wir Christen nicht in Frieden die gleichen Kinder des gleichen Gottes sein?“
Diese Frage kommt so überraschend, daß ich mich wieder setzen muß. Ich erkläre, daß meines Wissens das letzte Konzil ausdrücklich eine Annäherung der Konfessionen empfohlen habe.
Das weiß man auch hier im Busch, aber: „Das gilt nicht für Afrika.“
„Woher wollt ihr das wissen?“
„Die italienischen Missionare haben es uns gesagt. Obwohl sie nach Uganda fliehen mußten, sind sie immer noch unsere Seelsorger und politischen Berater. In Afrika geht der Kampf um die Seelen weiter, behaupten sie.“
Es ist zum Heulen. Hier kämpfen Christen und Heiden gemeinsam für die Freiheit des Glaubens. Aber diese Männer, die im Kampf zu Brüdern wurden, müssen zusehen, wie auf höherer Ebene die Rivalität zwischen Katholiken und Protestanten ihre Einheit gefährdet. Von den etwa hunderttausend christlichen Seelen des Südsudans besitzen die Katholiken den Löwenanteil und wollen ihn behalten. Das hat natürlich politische Folgen: Nach dem Motto „Geld ist Macht“ verlangen weiße Missionare und schwarze Priester – als Gegenleistung für ihre spärliche materielle Unterstützung – die politische und militärische Führung für die Katholiken.
Dieser religiöse Starrsinn aus einer überlebten Zeit führt langsam zur Spaltung der Freiheitsbewegung. Die Anya nya, die im Innern des Landes die ganze Last des Kampfes tragen, distanzieren sich immer mehr von den politischen Führern im Exil und ihren geweihten Geld- und Ratgebern.
Wir hatten geglaubt, daß die sprachlichen und strukturellen Unterschiede der vielen Stämme, die den Südsudan bevölkern, die Einheitsbestrebungen am stärksten behindern würden. An unserem Lagerfeuer aber sitzen heute Abend Vertreter von sieben verschiedenen Stämmen. In völliger Eintracht. Die Freiheitsbewegung ist zu einem Schmelztiegel geworden, in dem Jahrhunderte währende Stammesfehden überwunden worden sind.
Das haben die Schwarzen geschafft. Allein. Sobald sie jedoch von Fremden beraten werden, scheint der Teufel die Hand im Spiel zu haben.
„Am Ende der Schlucht liegt er lachend auf dem Bauch und lebt vom Streit der Menschen“, sagt Casimiro mit verträumter Stimme. „Haß und Streit ist der Teufel. Aber du wirst sehen, daß wir ihn im Busch besiegt haben. Du mußt einem Gottesdienst beiwohnen. Morgen.
Das ist gar nicht so einfach, es gibt nur noch ein paar überlebende Geistliche, die, seit ihre Dörfer und Kirchen zerstört wurden, durch den Busch ziehen und gelegentlich Gottesdienste abhalten. Solch einen müssen wir finden. Claude kommt diesmal nicht mit. Wir fahren mit dem Fahrrad durch den Busch, um schneller vorwärtszukommen. Die Pfade sind nur zwei Fuß breit, das Gras über zwei Meter hoch. Vor mehr radelt ein Partisan mit seiner Maschinenpistole, hinter mir ein Leutnant mit dem schönen Namen Emanuel.
Im ersten Dorf fragen wir, wo ein Prediger zu finden sei.
„Acht Meilen nördlich.“
Dort angekommen, fragen wir wieder. „Acht Meilen westlich“, heißt es jetzt. Und auch dort schickt man uns wieder „acht Meilen weiter“. Immer wieder acht Meilen. Der scheint das Einheitsmaß hier zu sein.
So hasten wir auf Rädern durch den Busch. Nach der sechzehnten Meile hatte man uns selbstgebranntes Maisbier angeboten. Der Partisan, der noch nichts gegessen hatte, kippte gierig zwei Liter herunter und war prompt betrunken.
„Wo sind die Araber?“ will ich wissen.
„Nicht weit“, lallt er, und schon überqueren wir eine ihrer Landstraßen. Hundert Meter rechts steht ein Panzer. Dahinter ein Dutzend Lastwagen mit Soldaten. Sie müssen so verdutzt vom Anblick des radelnden Dreiergespanns sein, dass sie gar nicht ans Schießen denken. Erst als wir im Gras auf der anderen Seite der Straße sind, fliegen ein paar Kugeln hinter uns her.
Überall lauern Feinde
Jetzt wird dies zum Karussell. Wir haben etwa hundert Kilometer zurückgelegt und wissen nicht mehr, wo wir sind. In den Dörfern kann man uns auch nicht sagen, wie wir ins Lager zurückkommen. Die Bewohner sind Flüchtlinge, die diese Gegend ebenso wenig kennen wie wir. Die ewigen „acht Meilen“ haben uns irregeführt. Wir schlafen bei einem Zauberer und erhalten ein Huhn. Das erste seit einer Woche. Um uns zu helfen, spricht er mit seinen Göttern und bestellte Regen für den nächsten Tag. „Dann verschwinden die Araber von der Straße.“
Und der Zirkus geht weiter. So jedenfalls kommt es mir vor, wenn ich plötzlich aus dem Gebüsch heraus in ein Dorf radele, aufgescheuchten Menschen blöde zulächele und wenige Sekunden später wieder wie ein Spuk im Gebüsch verschwinde.
„Achtung rechts!“
Die Warnung kommt zu spät. Ich radele mitten in eine Herde hinein. Was ich für schwarze Ziegen hielt, entpuppt sich als eine Gruppe nackter Mädchen, die Wurzeln sammeln. Sie rennen schreiend auseinander. Ich torkele weiter. Mein Partisan ist verschwunden.
„Halt“, schreit er plötzlich hinter mir. Ich halte. Aus dem Transistor meines jetzt nüchternen Beschützers singt Sinatra sein „ Strangers in the Night“. Was so ein paar Mädchen doch zaubern können. Seit Tagen ging ich das Gerät nicht. Die nackten Damen haben sich mittlerweile beruhigt und wollen mich begrüßen. Ich setze mich hin, und sie stellen sich auf.
Plötzlich sprudeln Fragen: „ Wie heißt du? Wie alt bist du? Bist du überall weiß – am ganzen Körper?“
Ich ziehe mein Hemd aus. Sie kommen zögernd näher und streicheln mich. Wie zart doch die schwarzen Finger sein können.
Zum Glück fällt mir ein, sie zu fragen, ob nicht ein Prediger vorbeigekommen sei. Er ist hier, in ihrem Dorf, und wir wären wohl wieder vorbeigefahren – „acht Meilen weiter“ – Spuk auf Rädern.
Der Gottesdienst ist ergreifend. Da knien Katholiken, Protestanten und Heiden gemeinsam nieder und beten das Vaterunser in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Die Heiden summen nur den Rhythmus. Ihre Gesichter – auf die Hände gestützt, mit denen sie Pfeil und Bogen halten – drücken ebenso tiefe Inbrunst aus wie die der Christen.
Um das Dorf herum haben Männer mit Pfeilen und Speeren Stellung bezogen. Heiden wachen so über den Frieden des Gebets an einen fremden Gott. Wenn ich je einen ökumenischen Geist gesehen habe, dann hier im afrikanischen Busch. Casimiro hatte Recht: Hier ist der Teufel besiegt.
Aber nur hier im Busch. Im Exil haben die Christen es nicht fertiggebracht, eine geschlossene Front gegen die Offensive des Islam in Afrika zu bilden. Ebenso wenig gibt es eine schwarze Solidarität gegen die nach Süden dringenden Araber. Die Anya nya stehen ganz allein da. Sie erhalten keine Unterstützung von den schwarzen Nachbarstaaten. Uganda macht sogar gemeinsame Sache mit den Arabern.
Wir erleben es, als wir wieder zurück wollen, zurück nach Uganda, um von dort nach Hamburg zu fliegen. Jeder von uns hat zehn Kilo abgenommen. Es wird Zeit, daß wir heimkommen. Wir müssen wieder heimlich die Grenze überqueren, genau wie vor sechs Wochen, als wir uns nachts auf verbotenen Pfaden in den Sudan schlichen.
Als wir noch einen Tagesmarsch von der Grenze entfernt sind, treffen wir die ersten Flüchtlinge. Es sind Sudanesen. Vor zwei Jahren waren Zehntausende von ihnen vor dem Terror der Araber geflohen und hatten sich in Uganda angesiedelt. Mit Erlaubnis der dortigen Regierung. Jetzt treibt man sie gewaltsam über die Grenze zurück.
Die Brutalität der Soldaten von Uganda ist berüchtigt. Wir treffen verwundete Flüchtlinge, deren Verwandte vor ihren Augen erschossen wurden. Einfach so, um andere zur kopflosen Flucht zu bewegen.
Wir erfahren auch, daß die Armee von Uganda uns sucht. Sie will uns fangen und wahrscheinlich umbringen, damit die Welt nicht erfährt, wie grausam ein schwarzer Staat mit schwarzen Flüchtlingen umgeht.
Die ugandischen Soldaten meinen es ernst. Sie dringen sogar in den Sudan ein und überfallen ein Dorf, das wir vor kaum einer Stunde verlassen haben.
Jetzt macht man regelrecht Jagd auf uns. Vier Tage lang gelingt es uns, immer acht bis zehn Kilometer schneller zu sein als unsere Verfolger. Wir schlafen nicht mehr in Dörfern, um zu vermeiden, daß man sie am nächsten Tag aus Vergeltung zerstört. Unsere Eskorte ist nicht stark genug, um einen Kampf gegen schwer bewaffnete reguläre Truppen zu führen. Erst als wir wieder tief im Innern des Sudans in einem großen Lager der Anya nya ankommen, atmen wir auf.
Wie weiter? Irgendwo heimlich über die Grenze nach Uganda zu schlüpfen, ist unmöglich.
Wir müssen also einen anderen Weg wählen, um aus dem Südsudan herauszukommen. Der Norden kommt nicht infrage. Dort stehen die Feinde der Anya nya, die Regierungstruppen des Sudan. Was uns passiert, wenn sie uns fangen, brauchen wir uns nicht erst auszumalen. Es gibt also nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir versuchen uns südostwärts nach Kenia durchzuschlagen oder wir flüchten uns in den Kongo. Um Kenia zu erreichen, brauchen wir etwa zwei Monate. Im Kongo können wir in fünf bis sechs Tagen sein. Wir haben natürlich keine Einreisevisa für den Kongo. Aber was bleibt uns übrig – für die sechzig Tagesmärsche bis nach Kenia fehlt uns der Mut, wahrscheinlich auch die Kraft.
Das Ende einer Reportage: Verhaftung, Gefängnis, Flucht
Nach fünf Tagen überschreiten wir die Grenze. Wir sind im Kongo. Jetzt brauchen wir uns nur unter den Schutz der kongolesischen Behörden zu stellen, und bald werden wir wieder in Hamburg sein. Um alles ordnungsgemäß zu machen, schicken wir einen Boten nach Aru, der nächsten kongolesischen Stadt. Dort erklärt der Bote unsere Lage – und am Abend geht der Tanz los: Sechzig schwerbewaffnete Soldaten unter Führung eines Leutnants und der Chef des Sicherheitsdienstes umzingeln unsere Hütte, nehmen uns gefangen und führen uns ab. Wir dürfen nicht einmal mehr essen. Unterwegs aber wollen sie alle bewirtet werden. „Ohne Bier wären die Soldaten nicht mitgekommen“, erklärt der Chef des Sicherheitsdienstes. „Aber wir wollen euch doch richtig beschützen.“
In Aru werden wir eingesperrt. Vorher hatte uns der Chef des Sicherheitsdienstes erklärt, wie teuer so eine Gefangenschaft sei, und hundert Dollar eingesteckt. Das war nur der Anfang. Von jetzt an kostet alles viele Dollar. Das Auto, das uns nach Bunia, der Provinzhauptstadt, bringen soll. Das Benzin. Die Verpflegung der Truppen, die uns begleiten. Wir fürchten schon, daß man uns so lange festhalten wird, bis wir den letzten Dollar losgeworden sind. Wer soll sich schon um uns kümmern? Niemand weiß, daß wir hier sind. Unsere Pässe sind beschlagnahmt. An Flucht ist nicht zu denken.
In Bunia müssen die Dollar wieder herhalten. So einen guten Fang scheint man hier schon lange nicht mehr gemacht zu haben. Als wir erfahren, daß die Polizisten und Beamten schon seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen, verstehen wir zwar ihre Geldgier, aber unsere Lage wird dadurch nicht besser.
Wir wandern von einem Gefängnis ins andere. Als wir endlich Kinshasa (Léopoldville) erreichen, lernen wir das schlimmste Gefängnis von allen kennen. Da sitzen wir mit Huren, Zuhältern, Dieben und geschminkten Homosexuellen in einer Zelle ohne Fenster. Eine Ecke dient als Toilette. Ratten wühlen dort. Wir stehen im Urin. Wo sollen wir nur schlafen? Wie jemals gesund hier herauskommen? Unser Verbrechen: Wir haben kein Visum – das ist alles. Und wieder rettet uns das Geld. Wir dürfen im Freien vor der Zelle schlafen.
Durch Zufall hat ein Belgier gesehen, wie man uns abführte. Er alarmiert Freunde. Sie finden uns und lassen ihre Verbindungen spielen. Unter der Bedingung, daß wir das Land innerhalb von vierundzwanzig Stunden verlassen, läßt man uns frei. „Eure Pässe erhaltet ihr am Flugplatz“, heißt es.
Natürlich sind sie nicht da. Und dort draußen auf dem Rollfeld steht die Maschine, die uns aus dieser Hölle heraus nach Paris fliegen kann.
„Wenn ihr jetzt nicht herauskommt, schleppt man euch noch ein paar Wochen durch die Gefängnisse“, sagt unser Freund, der schon zwölf Jahre im Kongo lebt. Er weiß, wovon er spricht.
Was tun? – Wir zählen unsere letzten Dollar. Wir tun es so offensichtlich, daß einigen schwarzen Herren das Wasser im Munde zusammenläuft. Vielleicht warten sie schon einige Monate auf ihr Gehalt. Wir lassen das Geld auf dem Tisch liegen und gehen einfach durch die Sperre auf die Düsenmaschine zu. Die zweihundert Meter bis zur Freiheit erscheinen uns länger als der aufreibende Marsch durch den Busch. Wir schwitzen vor Angst – aber niemand hält uns zurück.
Sieben Stunden später sind wir in Paris. Ohne Geld, ohne Gepäck, ohne Pässe, nur mit den Sachen bekleidet, mit denen wir durch den Busch marschiert sind. Dreckig, zerrissen, verlaust. Trotzdem sind wir glücklich, wie nur selten, denn wir leben, wir sind frei.
Jedoch bleibt die Verzweiflung über das, was wir gesehen haben: Ein ganzes Volk wird ermordet, ohne daß jene Völker, die sich christlich oder zivilisiert nennen, protestieren. Wir haben die Gefahren auf uns genommen, um die Verschwörung des Schweigens zu brechen, die sich um diese afrikanische Tragödie gesponnen hat.