Ein Schah drei Kaiserinnen – und was dahintersteckt III

Stern, Heft 46, 12. November 1960

Mohammed Resa Schah, der Kaiser von Persien, hat persönlich die Stern-Berichte über sein Land bestätigt. In einem ausschließlich für Deutschland bestimmten Interview gibt der Schah das wirtschaftliche Chaos in seinem Land zu.
Um die von uns beschriebenen Missstände zu beheben, verspricht er: strenge Sparmaßnahmen, den Bau von Schulen und Universitäten, eine Landreform und die Wiederholung der gefälschten Waren. Diesmal sollen, wie er sagt, „die Wähler viel größere Möglichkeiten haben, Volksvertreter Ihres Vertrauens zu wählen“.
Warum erst jetzt? Der Schah hat genug Zeit gehabt, diese Reformen in seiner 20-jährigen Herrschaft durchzuführen. Warum gibt er jetzt Versprechen, nachdem der Stern den Blick vom glitzernden Pfauenthron, dem Hofklatsch und dem Thronfolgerrummel abgelenkt hat auf das wirkliche, das arme, das verzweifelt ums Leben kämpfende Persien?
Bis jetzt wurde immer nur versprochen. Aber diese Versprechen sind bekannt. Sie werden immer wieder gemacht, wenn Persien Geld braucht, um seinen korruptionsbedingten Konkurs abzuwenden.
Schon vor langer Zeit wurden Schulen und Universitäten versprochen. Aber auch dieses Jahr werden wieder Zehntausende Abiturienten an der Universität in Tehran vergebens um Aufnahme bitten. Es sind nur 1700 Plätze frei. Was sollen die übrigen tun? Nicht alle haben das Geld, im Ausland zu studieren.
Der Schah hat schon recht, wenn er sagt: „Die Jugendlichen, die in Europa oder Amerika ausgebildet worden sind, sind fremden Einflüssen unterlegen und dadurch entwurzelt.“ Ja, Sie haben endlich die Freiheit kennengelernt und kommen kritisch zurück. Zu kritisch für den Geschmack des Regimes. Persische Studenten in Deutschland haben uns spontan angerufen und haben uns geschrieben, um uns dafür zu danken, dass endlich einmal die Wahrheit über ihr Land offen ausgesprochen wird. Und diese Entwicklung, sagt der Schah, will er vermeiden. Es geht also nicht um die Ausbildung der persischen Jugend – es geht um seinen Thron.
Schon 1955 beschloss das Parlament, die öffentlichen Ländereien zu verteilen. Warum muss es jetzt nochmals versprochen werden?
Schon seit Jahren wird außerdem um die allgemeine Landreform gefeilscht. Man hat es so geschickt gemacht, dass sie jetzt ihren Sinn verloren hat: Es genügt, die Bewirtschaftung des Landes zu mechanisieren, um nicht von der Reform betroffen zu werden. Und welcher Großgrundbesitzer könnte sich nicht schnell ein paar Traktoren kaufen, um diese Bedingung zu erfüllen?
Schon im Sommer dieses Jahres wurden freie Wahlen versprochen. Korruption und Erpressung standen bei jeder Urne Pate. Und nur unter dem Druck allgemeiner Unzufriedenheit hat der Schah diese Wahlen für ungültig erklärt und das frisch gefälschte Parlament wieder nach Hause geschickt.

Hassan stellt die Opiumpfeife wieder in die Glut des kleinen Kohlenbeckens und lehnt sich zurück. „So“, sagt er zufrieden, „jetzt kommst du dran.“
Ich krame sämtliche gängigen Einwände hervor, die mir schon oft in ähnlichen Situationen geholfen haben. Aber er will davon nichts hören.
„Bist du Reporter oder bist du’s nicht?“ unterbricht er mich. „Dann musst du auch wissen, wie man sich nach einer Pfeife Opium fühlt. Sonst bist du doch anspruchsvoller, da willst du immer alles selber kontrollieren.“
Auf seinen Wink nimmt ein Diener die Pfeife aus der Glut. So eine Pfeife hat ein langes Mundstück aus Holz, das auf eine hohle Porzellankugel aufgesetzt ist, die ein winziges Loch hat. Unmittelbar neben dieses Loch klebte Diener jetzt ein Stückchen Opium, ungefähr einhalbes Gramm. Mit einer Hand hält er mir das Mundstück an die Lippen. Mit der anderen führt er ein Stück glühender Kohle ganz nah an das Opium heran.
Ich muss jetzt kräftig blasen, damit mein Atem durch das winzige Loch hindurch die Kohle trifft und zur Weißglut bringt. Das Opium schmilzt jetzt. Und nun heißt es aufpassen. Im richtigen Augenblick muss ich schnell einatmen, um den Opiumrauch in meine Lungen zu pumpen. Das ist gar nicht so einfach. Ich komme mir vor wie ein aufgeblasener Frosch, der verzweifelt nach Luft schnappt. Fünfmal muss ich das Spiel wiederholen, bevor ich das halbe Gramm Opium geraucht habe.
Ich lehne mich zurück und warte.
Nichts. Hasan reicht mir eine Tasse Tee. Er sagt kein Wort. Nach einigen Minuten lässt er mir noch eine Pfeife reichen.
„Na?“ fragt er schließlich. „Siehst du nackte Frauen oder weiße Mäuse? Oder spazierst du mit Eva im siebenten Himmel herum?“
Ich fühle nur ein gewisses Wohlbehagen, eine angenehme Entspannung und große Lust zum Diskutieren und Arbeiten.
„Siehst du“, sagt er, „wenn man nicht übertreibt, ist es großartig. Viel besser als Whisky.“
Erblickt mich forschend an.
„Aber eigentlich möchtest du noch etwas spüren.“
„Was denn?“
„Steh doch mal schnell auf und renne zur Tür.“
Ich springe über das Kohlenbecken und laufe zur Tür. Plötzlich bleibe ich stehen.
„Mein Hexenschuss ist weg“, rufe ich begeistert. „Ich kann wieder gehen.“
Hasan schüttelt sich vor Lachen.
„Nichts anderes habe ich erreichen wollen. Wenn ich es dir vorher gesagt hätte, wärst du davon gekrochen und hättest geglaubt, ich wollte dich nur auf Umwegen zum Opium verführen. Aber wie hättest du morgen auf Reisen gehen können, du Idiot. Mein Buchhalter fährt doch morgen nach Meschugabad und nicht nächste Woche.“
Hassan hatte recht, denn die Reise war zwei Pfeifen Opium wert.
Am nächsten Morgen sitze ich mit Mehdi, dem Buchhalter, im Autobus, der uns nach Meschugabad, seinem Geburtsort, bringen soll.
Schon im Bus geht es los: Mehdi hier, Mehdi dort. Die Leute kennen ihn, grüße ihn, küssen ihn. Aber als wir zu Mittag in einem Teehaus haltmachen, wo man uns Hamelfleisch mit Reis serviert, geht es weiter: Von allen Seiten kommen Männer herbei. Sie wollen wissen, wie es Ihnen geht, was er macht.
Er kann unmöglich all diese Menschen kennen. Aber Sie kennen ihn, das ist klar, und sie wollen von ihm bemerkt sein.
Was hat denn nur dieser kleine bebrillte Mann mit den wilden Haaren, der in seinen Bluejeans und dem karierten Hemd eher ein intellektueller aus Saint-Germain-des Près ähnlich sieht als einen persischen Buchhalter.
„Was soll ich schon haben? Diese Männer lieben wahrscheinlich meine Vergangenheit. Das ist alles“, antwortet er geheimnisvoll. Und damit muss ich mich abfinden.
In Meschugabad erreicht der Triumphzug seinen Höhepunkt. Hunderte von Menschen strömen aus den Häusern und küssen ihn. Die Autos stoppen. Radfahrer steigen ab und schließen sich uns an. Polizisten und Gendarmen bahnen uns einen Weg durch die jubelnde Menge. Einige Männer hängen an Mehdis Arm. Ein Polizist hält mir die Hand und drückt sie zärtlich. – Das erinnert mich an meine Kamera. Ich hole sie aus der Tasche.
„Keine Fotos, bitte“, sagt Mehdi schnell, „sonst laufen sie alle weg. Es ist nicht immer so gut, mit mir gesehen zu werden.“
Wieder diese Geheimnistuerei. Na schön. Warum soll ich auch fragen. Die Popularität fängt an, mir zu gefallen. So nett waren so viele Perser noch nie zu mir. Selbst wenn der Schah sich zeigt, gibt es nur halb so viel Jubel. Ein Mann gibt mir eine Zigarette, ein anderer Feuer. Sie sprechen Dialekt. Ich verstehe ‚Russe‘ oder ‚Russland‘, sonst kein Wort. Aber ich bin froh über so viel Wärme und denke mit Dankbarkeit an Hassan und seine zwei Pfeifen Opium, denen ich diese Reise verdanke.
Leider muss ich jetzt ohne Mehdi weiterreisen. Ein Freund wird mich abholen, um mich zu einem Nomadenstamm zu bringen, der eine Tagesreise entfernt in den Bergen lebt.
Als ich im Teehaus auf ihn warte, kommt eine Gruppe von Männern mit zwei Polizisten an der Spitze, um mir feierlich zu erklären, dass die Meschugabad mich einlädt. Ja, ich soll ihr Gast sein. Für einen Monat, für zwei, solange ich wollte. Ich sei doch der Freund Mehdis. Ich muss leider absagen, aber sie leisten mir Gesellschaft, bis ich abfahre.
Nach fünf Tagen bin ich zurück und sitze wieder im gleichen Teehaus. Diesmal warte ich auf Mehdi, denn wir wollen gemeinsam nach Teheran zurückfahren. Fahrplanmäßig müsste es jetzt losgehen. Der Autobus ist da. Aber Mehdi lässt auf sich warten. Ich schicke einen Mann. Der kommt lächelnd zurück und erklärt seelenruhig:
„Machen Sie sich keine Sorgen, der Bus wird warten.“
Die anderen Reisenden haben das gar nicht gern. Sie werden ungeduldig und drängen zur Abfahrt. Ein Offizier der Polizei erscheint und befiehlt Ruhe.
Endlich sehe ich Mehdi die Straße herunterkommen. Wieder Hunderte von Männern, die lachen und schreien und nach ihm greifen. Er schüttelt Hände, geht in ein Haus, kommt nach einigen Minuten wieder heraus, geht in ein anderes und so weiter.
Ich koche vor Ungeduld und setze mich vorsichtshalber in den Bus, denn auch der Chauffeur scheint die Nase voll zu haben.
Es dauert eine Ewigkeit, bis Mehdi endlich ankommt. Der Chauffeur mustert erstaunt seine Bluejeans, das karierte Hemd und die billigen Sandalen.
„Auf den mussten wir warten?“ sagt er zu mir. „Für sowas haben wir 2 Stunden Verspätung. Wer ist denn dieser Herr, der so viel Aufsehen macht?“

Die gleiche Frage stelle ich Hassan, als ich wieder in Teheran angekomme.
„Ein Kommunist“, antwortete er unter schallendem Gelächter, denn er ist glücklich, dass seine Regie hier genauso gut geklappt hat wie bei den zwei Pfeifen Opium. Er liebt „praktische Scherze“, wie man so schön auf Englisch sagt, wenn man jemanden auf den Arm nehmen will. Und er erzählt mir die Geschichte seines Buchhalters.
Mehdi war während vieler Jahre Mitglied des Zentralbüros der Kommunistischen Partei gewesen, die sich in Persien „Tudeh“ nennt und seit 1953 verboten ist. Vor einigen Jahren war er verhaftet worden. Hunger, Schläge und raffinierte Foltermethoden hatten Mehdi nach zehn Monaten soweit gebracht, dass er einwilligte, das zu tun, was alle gefangenen Kommunisten in Persien tun müssen, wenn sie ihr Leben retten wollen: Er unterschrieb eine Erklärung, in der er seinen Irrtum einsah, sich vom „Tudeh“ lossagte, die Kommunisten der Volksverhetzung anklagte und den Schah in den Himmel hob. Diese Erklärung wurde mit seinem Bild in allen Zeitungen abgedruckt – und Mehdi war wieder ein freier Mann.
„Und mehr Kommunist denn je.“
„Natürlich“, antwortet der Hassan gelassen. „Er müsste schon sehr pervers sein, wenn er jetzt die Menschen lieben würde, die ihn gefoltert haben. Du solltest die Narben auf seinem Rücken sehen.“
„Aber warum die Leute zu?“ Will ich wissen.
„Um das zu begreifen, muss man eigentlich Perser sein“, meint Hasan.
Ich will aber versuchen, es dir zu erklären. In unserer Religion ist es jedem erlaubt seinen Glauben öffentlich zu verleugnen, wenn das Festhalten daran sein Leben oder seine Interessen gefährden könnte. Es genügt, den richtigen Gott im Herzen zu tragen, meinen unsere Schriftgelehrten. Zur Zeit der Eroberungen war das recht praktisch und es erklärt, warum es bei uns keine Märtyrer gegeben hat. Ein geheimer, aber lebendiger Gläubiger ist mehr wert als ein toter Fanatiker.“
„Sowohl für Gott als für die Kommunistische Partei.“
„Ganz richtig“, fährt Hassan fort. „Nun ist dieser Zug zum Verheimlichen bei uns so allgemein geworden, dass man schlechthin als Idiot gilt, wenn man offen sagt, was man denkt. Ihr Europäer rümpft darüber die Nase und sprecht voller Verachtung von uns unaufrichtigen Orientalen. Aber habt ihr euch schon mal überlegt, warum wir so sind? Weil seit Jahrhunderten nicht Recht über Sicherheit und Leben entscheidet, sondern Willkür, mussten die Perser immer Bücklinge machen und heucheln. Sie müssen es heute noch tun und sind deshalb dankbar, dass ein religiöses Rezept ihnen die Lüge erlaubt. Auf lange Sicht ist solch eine göttliche Entschuldigung natürlich tödlich, denn sie macht die Menschen unfähig, sich ihr Recht selber zu erkämpfen. Bei uns kommt es nicht darauf an, was man denkt, sondern was man vorgibt zu denken. Liebedienerei nach oben ist das A und O ihres Lebens.“
„Und das sagst du, ein Prinz?“
Er lächelt spöttisch: „Prinzen brauchen nicht unbedingt dumm zu sein, mein Lieber. – Im übrigen müssen auch sie Bücklinge machen. Als der Vater des Schah meinen Vater hängen ließ, weil er dessen Güter haben wollte, ging ich nicht zum Begräbnis. Feigheit, nach euren Begriffen. Und beim nächsten Hof Empfang küsste ich ehrfurchtsvoll die Hände der zwei Meter langen Majestät. Das war keine Liebe, das war Lebensrettung. Ich hast du den Schah, und ich hasse seinen Sohn.“
Hassan sieht plötzlich gar nicht mehr wie der leichtlebige Bonvivant aus, der mit Humor und Zynismus das Leben meistert. Seine Augen bohren sich auf ein Bild an der Wand. Das Bild seines Vaters.
„Aber wir kommen vom Thema ab“, sagt er jetzt wieder ganz ruhig.
„Mehdi folgt den persischen Spielregeln: Er gibt vor, anders zu denken, als er denkt. Die Leute jubeln ihm zu, weil jeder sich mit einem mächtigen Kommunistenführer gutstellen will. Man kann auch nie wissen, vielleicht kommandiert er morgen in Persien. Und dann kann jeder sagen: ‚Erinnerst du dich, ich war immer auf deiner Seite. Und ich habe dich dich geküsst, weißt du noch …?“
„Und die Polizei?“
„Die macht feste mit. Das hast du doch selber gesehen. Immer an erster Stelle, wenn es darum geht, die Zukunft zu sichern.“
„Nein“, unterbreche ich ihn, „ich meine die Polizei in Teheran, die Sicherheitsbehörden, wie können die so etwas zulassen?“
„Du hast nichts begriffen“, sagt er sehr höflich. „Was soll die Polizei machen? Wenn sie ihre kleinen Agenten oder die Männer von Meschgabad fragen, warum sie Mehdi so gefeiert haben, wird sie von allen die gleiche Antwort erhalten: ‚ Wir haben dem Mann zugejubelt, der mutig vor aller Welt dem Kommunismus abgeschworen hat und sich unserem geliebten Schah zu Füßen warf.“
„Und warum arbeitet Mehdi bei dir?“ will ich nun noch wissen.
„Glaubst du, ich will krepieren, wenn die Kommunisten kommen? Ich habe dem Mörder meines Vaters die Hände geküsst, warum sollte ich nicht einem Kommunisten meine Buchführung anvertrauen, wenn ich mir damit einen sicheren Rückzug erkaufe? Viele Reiche halten sich einen Kommunisten, wie man sich einen bissigen Wachhund hält. Andere zahlen direkt in die Kasse der Tudeh-Partei. Du schaust ungläubig und rümpfst die Nase? Vergiss nicht, wir leben in Persien, und hier ist ein Kommunist in der Hand besser als eine Kompanie Soldaten auf dem Dach. Wenn die Tudeh-Parte gewinnen sollte, werden die Soldaten schnellstens ihre Gewehre umdrehen und auf uns schießen – aber unser Hauskommunist könnte uns retten.“
Die Tudeh-Partei ist allgegenwärtig. Sie ist die einzige Organisation, die den Namen Partei verdient. Die offiziellen Parteien Persiens sind nichts anderes als die schwankende Kundschaft dieses oder jenes Politikers oder, genauer vielleicht, Geschäftemachers. Es sind keine Gruppen, die von einer Masse und einer Meinung getragen werden, es sind wahllos zusammengeherdete Haufen, die von oben gekauft oder erpresst werden.
Um es noch einfacher zu machen, befahl der Schah vor einigen Jahren, dass überhaupt nur noch zwei Organisationen im Parlament vertreten sein sollten: die Regierungspartei und die loyale Opposition seiner Majestät. Zwei Herrenclubs wurden also gegründet, deren Präsidenten natürlich persönliche Freunde des Kaisers waren.
Die Abgeordneten werden von oben bestimmt und von gefälschten Wahlen bestätigt. Ergebnis: unter den 200 „Vertretern des Volkes“ gab es keinen Vertreter der 15 Millionen Bauern, keinen Sprecher für die Industriearbeiter, Handwerker, intellektuellen oder den sich langsam bildenden Mittelstand. Das heißt, tausend Familien vertraten sich selber und ihre Interessen gegen achtzehn Millionen Perser.

Im Sommer dieses Jahres sollte das anders werden. Unter amerikanischem Druck versprach der Schah freie Wahlen.
Persien atmete auf. Die kleinen Parteien, die man bis dahin von der politischen Bühne ferngehalten hatte, indem man ihre Zeitungen beschlagnahmte, ihre Lokale besetzte und den Gerichten untersagte, ihre Klagen anzunehmen, rüsteten sich zum Wahlkampf. Sie ging zum Sicherheitsdienst und meldeten ihre Kandidatur an. Man forderte sie auf, sich den Herrenclubs anzuschließen oder von der Bildfläche zu verschwinden. Vorsichtshalber warf man einige von ihren Funktionären ins Gefängnis.
Nun konnten die freien Wahlen beginnen. Wie sie ausgehen, weiß jeder: Erpressung und Korruption standen Party neben jeder oben. Unter dem Druck der allgemeinen Unzufriedenheit musste der Schah die Wahlen für ungültig erklären und das frisch gefälschte Parlament nach Hause schicken.
Jetzt wurden die Amerikaner richtig böse. Sie verweigerten dem Schah eine Anleihe von 35 Millionen Dollar, die er unbedingt brauchte, um seine Finanzen in Ordnung zu bringen.
Er antwortete, indem amerikafreundliche Politiker einsperren ließ und zum altbewährten Erpressungsmittel griff: Russland. „Wir sind doch Nachbarn, lasst uns auch Freunde sein“, jubelten seine Diplomaten, und die Sowjets machten eifrig mit. Es war ja nicht das erste Mal, dass sie den Schah Hilfestellung leisteten, um dann doch die Amerikaner zahlen zu lassen. Für die Russen geht es darum, den Schah und sein Regime an der Macht zu halten, denn nur so kann die Unrast der Massen und der Drang zur Revolte eines Tages zur Explosion führen. Die Russen dürfen aber nie zu weit gehen. Sie müssen nur genügend Interesse zeigen, damit die Amerikaner wieder einspringen und somit weiterhin von dem Volk als die eigentlichen Beschützer des Regimes gelten.
Und auch diesmal hat die Erpressung wieder geklappt. Der Schah wird seine Millionen bekommen. Es wurden zwar Bedingungen gestellt. Er musste versprechen, strenge Reformen durchzuführen und die Korruption zu bekämpfen. Aber das hat er schon oft getan. Er hat ja auch freie Wahlen versprochen.
Die Amerikaner befinden sich in einer Zwickmühle, aus der nur radikale Maßnahmen sie retten können. Aber dazu fehlte ihnen bis jetzt der Mut. Jedesmal wenn sie sich vom Schah und seinem Regime lossagen wollten, vereitelte die Angst vor russischem Einfluss den entscheidenden Schritt.
Die nicht-kommunistische Opposition ist in einer ähnlichen Lage.
„Die Revolution wäre schon lange gemacht worden“, sagt Ali Zohari, einer der Führer der „Persischen Arbeiterpartei“. Aber die Verantwortlichen Männer haben Angst vor dem Einfluss der Kommunisten. Wenn sie losschlagen und auch nur einen Tag die Kontrolle dermaßen verlieren, weiß keiner mehr, was passieren kann.“
Gleiche Worte haben mir Offiziere gesagt, die sich zusammengeschlossen haben und in sämtlichen Waffengattungen des Heeres gut organisierte Zellen kontrollieren. Ich sage es Ali Zohari.
„Die Offiziere beweisen damit, dass sie Persien wirklich lieben“, sagte er „denn sie zeigen mehr Verantwortungsbewusstsein als der Schah und die herrschende Schicht, die nur dank dieser Angst an der Macht bleiben und sich nicht schämen, alles zu tun, um die Gefahr zu vergrößern.
Ich beobachte diese sanften Augen, die eher zu einem Pastor passen als zu einem Politiker. Ali die streichelt seinen Hund, einen jungen Boxer, und fährt fort:
„Wir alle wissen, dass neunzig Prozent der Bevölkerung dieses Regime hassen. Wir wissen, dass es eines kleinen Anlasses bedürfte – den wir jederzeit provozieren könnten –, um die Elendsviertel von Teheran, über eine Million hungriger Menschen, in Bewegung zu setzen. Aber mehr wissen wir nicht. In einem Polizeistaat ist es möglich zu wissen, was die Massen denken und wie sie reagieren werden, wenn man ihre Fesseln sprengt.“
„Gibt es denn keine Lösung?“
„Vielleicht gelingt es den Offizieren, was Kassem im Irak gelang. Aber wir dürfen nicht mit ihnen paktieren. Wer von uns weiß, ob er der Folter widerstehen kann. Wir wollen ihre Namen nicht kennen, um sie nicht verraten zu können. Wir müssen nur bereit sein, im gegebenen Augenblick das Volk zu beruhigen.“
Er steht auf und winkt mich ans Fenster. Unter uns patrouillieren zwei Polizisten in Zivil. Ali sieht plötzlich müde aus.
„Sie sind immer da, wie Bluthunde. Ein Polizeistaat lebt vom Blut der besten Söhne des Landes, nur die Besten wagen zu kämpfen. Man hat sie getötet, man hat sie verjagt, man hat sie zum Selbstmord getrieben wie unseren einzigen großen Schriftsteller, Sade Hedayat. Minderwertigkeit wird belohnt – Geist zertreten. So bezeugen unsere Herren ihre Liebe zu Persien.“
Die Polizisten sind unter der Straßenlampe stehen geblieben und tuscheln. Dann läuft einer davon.
„Bald wiederkommen. Er telefoniert nur, um zu sagen dass Sie immer noch hier sind. Jetzt müssen sie schnell gehen, denn so lange der allein ist, wird Ihnen nicht folgen. Er muss auf mich aufpassen.“
Ali begleitet mich zur Tür.
„Nun sehen wir uns schon viele Tage“, sagt ihr zum Abschied, „und ich habe Ihnen immer noch nicht gesagt, welches unser Programm ist. Sie werden erstaunt sein. Wir wollen zunächst nur eins: Wir verlangen, dass die bestehenden Gesetze angewandt werden und jeder Perser damit die gleichen Rechte hat. Und wenn morgen der Schar dieses Programm annimmt, sind wir bereit, die Freiheit aus seiner Hand zu empfangen und sie mit ihm zu verwalten.“
Ali Zohari ist kein Deckname. Dieser Mann ist der einzige, den ich mit gutem Gewissen bei seinem richtigen Namen nennen kann, denn dort, wo er jetzt ist, kann selbst die persische Polizei ihn nicht mehr fassen. Er starb an einem Herzschlag. Gefängnis, Verfolgung und dauernde die Spannung hatten die Gesundheit dieses Mannes unterhöhlt, der mit 47 Jahren zu den großen Hoffnungen Persiens gehörte. Er starb in jener Nacht, in der er mir zum Abschied diese Worte sagte, die wie seine letzte Botschaft an den Kaiser klangen.