Ein Kriegsbericht aus dem Mittelalter: Nieder mit Nasser

Veröffentlicht in „Stern“, Nummer 27, am 7. Juli 1963

Im Jemen ist Krieg. Vor neun Monaten verjagten republikanische Offiziere den jungen König, den Imam El Badr, und ergriffen mit Hilfe ägyptischer Soldaten die Macht. Der gestürzte Imam organisierte den Widerstand im Norden des Landes mit Unterstützung Saudi-Arabiens. So ist der Jemen zu einem Schlachtfeld geworden, auf dem sich die beiden feindlichen Systeme der arabischen Welt gegenüberstehen: fortschrittliche panarabische Republiken gegen feudalistische Monarchien – Neuzeit gegen Mittelalter. In diesem ungleichen Kampf scheint das Mittelalter härter zu sein als Panzer und Düsenjäger. Mit dem Schlachtruf: „Nieder mit Nasser“ hat es die Hälfte des Jemen zurückerobert. STERN war dabei.

„Keine Angst. Es wird schon gut gehen. Allah ist groß.“ Der jemenitische Prinz zieht hastig seinen Sicherheitsgurt fester und klammert seine Hände um den Verschluß. Wie zum Gebet.

Auch uns zum Beten zumute. Seit einer Stunde fliegen wir durch einen Sandsturm. Durchs Fenster sehe ich jetzt kleine, schwarze Wolken auftauchen. Sie bersten.

„Flag?“ frage ich. Der Prinz nickt.

„Wieso? Wo sind wir?“

„Über Naïran.“

Das kann nicht wahr sein. Als wir aus Er-Riad abflogen, hatte man uns diesen Ort als unser Ziel genannt. Es ist die südlichste Oase in Saudi-Arabien, am Fuß der jemenitischen Berge. Wir wissen, daß sie seit dem Krieg im Jemen die bedeutendste Nachschubbasis der königlichen Truppen ist. Aber warum schießt man auf eigene Flugzeuge?

„Wir müssen über Sanaa sein!“ rufe ich dem Prinzen zu. „Der Pilot reißt aus. Zu den Ägyptern. Für Sie bekommt er sicher eine hohe Belohnung.“

Der Prinz schüttelt nur den Kopf und deutet auf seine Pistole. Ich erinnere mich plötzlich an die Freude, die uns überfallen hatte, als uns der saudi-arabische Kriegsminister in Er Riad persönlich die Erlaubnis zu diesem Flug erteilte. Eine Erlaubnis, um die Archäologen und Wissenschaftler jahrelang vergebens gekämpft haben. Sie wollten die Geheimnisse der Königin von Saba entschleiern, die einst über Naïran herrschte. W i r wollen den Stand des Krieges im Jemen ergründen, der sich in der Presse fast nur als Propagandakrieg niederschlägt. Radio Mekka in Saudi-Arabien und Radio Kairo sind die tendenziösen Quellen, auf die man angewiesen ist, denn gewaltige Hindernisse, Gefahren und Strapazen halten den Journalisten ab, selbst Augenzeuge zu werden.

Unser Flugzeug kreist wie betrunken, eingekesselt zwischen hohen Bergen. Plötzlich sehen wir Sand – nur Sand, der rasend schnell näher kommt.

„Keine Angst“, stößt der blaß gewordene Prinz hervor. „Wir haben den besten Piloten Saudi-Arabiens. Er wird es schaffen. Allah ist mit uns.“

Die Maschine bäumt sich auf, berührt den Boden, springt, rollt über Steine, Löcher, Sträucher und bleibt endlich stehen.

Wild gestikulierende Offiziere des saudi-arabischen Heeres drängen sich um den Piloten, der schweißüberströmt zur Erde klettert. Sein Gesicht ist grau – vor Angst. Er wußte, daß man auf uns schießen würde, denn alle in Naïran landende Flugzeuge müssen von Osten einfliegen, wenn sie nicht als Feinde behandelt werden wollen. Nur die Ägypter kommen von Westen, wenn sie Naïran bombardieren. Aber im Sandsturm hatte es die Orientierung verloren. Hier gibt es keinen Kontrollturm, kein Radio, deshalb mußte er zwischen den Bergen nach der Karawanenspur suchen, die nach Naïran führt. Sie aber schlängelt sich von Westen heran.

„Na, wer hatte recht?“ lächelt der Prinz. „Es konnte nicht schiefgehen. Es war nicht unsere Stunde.“

In unserem Fall war sie es offenbar nicht, und der Emir von Naïran schüttelt uns unsere angstkalten Hände. Er, der Herr der Oase, ist von jetzt an für unsere Sicherheit verantwortlich. Trotz unseres Schreckens geben wir uns alle Mühe nett zu sein. Wenn es ihm nicht passen sollte, daß wir die königlichen Truppen im Jemen besuchen, kann er uns Tage oder Wochen hier festhalten. Höflich und mit perfekter Gastfreundschaft natürlich.

Radio Mekka gegen Radio Kairo

Männer wie dieser sind die Schlüsselfiguren Saudi-Arabiens. Außerhalb der wenigen großen Städte sind sie die absoluten Herren ihrer jeweiligen Gebiete. Alle gehören zur königlichen Familie. Einige Tausend.

Nasser und seine panarabischen Freunde hassen natürlich diese Emire, die ihnen den Weg nach Saudi-Arabien versperren. Es genügt in der Tat, daß jeder von ihnen hundert ergebene Freunde hat, um das Land zu kontrollieren. Bei steinreichen Leuten ist das einfach. Dabei vermehren sie sich in geometrischer Progression. Viel schneller als die Arbeiter der Ölgesellschaften, Zement- und Limonadenfabriken, unter denen Nasser seine Anhänger hat. Dazu kommt das Problem der Kindersterblichkeit. Die Reichen leiden darunter viel weniger – eine unlösbare Rechenaufgabe für alle arabischen Revolutionäre.

Nasser wollte dieses Problem und den Widerstand der immer stärker werdenden Großfamilien umgehen, indem er seine Truppen zur Unterstützung der Revolution in den Jemen schickte. Dort hatte General Sallal den König gestürzt, den arabischen Sozialismus proklamiert und somit die südliche Flanke Saudi-Arabiens angeschlagen.

Der Jemen, dieser kleine südlichste Zipfel der arabischen Halbinsel, hat ebenso viele Einwohner wie das zehnmal größere Saudi-Arabien; Männer, die mit Dolch und Gewehr zur Welt kommen, wie sie selbst von sich sagen. Wenn sie zum Werkzeug der ägyptischen Hegemoniebestrebungen werden, ist die Herrschaft der Emire ernsthaft bedroht.

Die mächtige Königsfamilie Saudi-Arabiens handelt deshalb aus purer Notwehr, wenn sie den gestürzten König und Imam des Jemen unterstützt – mit Geld, Waffen und Lebensmitteln.

Das, meint Radio Kairo, sei nur halb so schlimm und hätte den Sieg der Revolution im Jemen nicht aufhalten können. Entscheidend sei die Gegenwart saudi-arabischer Einheiten auf jemenitischem Gebiet. „Sie verlängern den Krieg, sie haben die Revolution zum internationalen Konflikt erweitert, sie allein haben den massiven Einsatz ägyptischer Truppen auf seiten der Republikaner herausgefordert“, behauptet Nassers Propaganda.

Radio Mekka bestreitet das, und wir müssen den Saudi-Arabern in diesem Punkt recht geben:

Während unserer vierwöchigen Reise durch die königstreuen Gebiete des Jemen haben wir keinen saudi-arabischen Soldaten gesehen – Verzeihung: einen. Im Hauptquartier des Oberkommandierenden der königlichen Streitkräfte reparierte er einen kleinen Sender, der durch ägyptische Bombenangriffe beschädigt worden war.

Im übrigen werden die Waffen (amerikanischer Herkunft), die Zigaretten („Drei Rosen“ aus England) und die Lebensmittel von saudi-arabischen Chauffeuren über die Grenze gefahren. Im Norden des Jemen gibt es keine Straße, keine Autos, mithin auch keine Jemeniten, die einen Wagen steuern könnten.

Am Tag ist die Wüste tödlich

Aktive militärische Hilfe wird in einem kleinen Ausbildungslager geleistet, das hier in Naïran auf saudi-arabischem Gebiet liegt. Die Rekruten sind in Saudi-Arabien ansässige Jemeniten, die sich freiwillig melden. Das wenigstens behaupten sie – soweit man von Freiwilligen sprechen kann, wenn der tägliche Sold drei Mark (ein sonst unerreichbarer Reichtum) ist und die in Aussicht gestellte Plünderung ägyptischer Lager den tausendjährigen Traum aller Stämme östlich des Roten Meeres verwirklicht.

Uns wurde versprochen, von hier aus ins Lager des Prinzen Hassan geführt zu werden, ins Hauptquartier des Oberkommandierenden – irgendwo im Jemen.

Diesseits des Mittelmeeres beginnen alle Versprechungen mit „Bukhra – morgen, wenn es Allah gefällt …“ Wir sind deshalb erstaunt, als uns der Emir von Naïran kurz erklärt, daß wir noch heute weiterreisen.

„Sie müssen nachts fahren“, meint er. „Am Tage ist die Wüste hier tödlich.“

„Wir haben Hüte …“

„Nicht wegen der Sonne. In der Wüste gibt es keine Deckung gegen die ägyptischen Bomber.“

Schon wenige Stunden später sitzen wir neben dem Fahrer eines kleinen Lastwagens mit Kurs auf die jemenitische Grenze.

Nach einer Stunde erklärt der Mann: „Hier beginnt der Jemen.“

Wir schauen uns um. Keine Grenzwachen, keine Soldaten, kein Zoll, kein Schild oder Stein. Nur ganz in der Ferne erkennen wir im Mondschein hohe Berge. Je länger wir fahren, desto näher rücken sie. Als wir sie fast greifen können, ertönt ein schriller Pfiff. Andere Trillerpfeifen antworten. Taschenlampen blitzen auf. Männer springen hinter Gebüschen hervor und stellen sich uns in den Weg. Sie sind barfuß, tragen Röcke und krumme Dolche, farbige Patronentaschen und Gewehre, in deren Läufe wir blicken.

„Journalisten für den Prinzen Achmed“, erklärt unserer Fahrer. Es klingt, als würden wir hier als eine Delikatesse für das morgige Frühstück des Prinzen abgeliefert.

Ganz so einfach hatte ich mir diesen Abschnitt der Reise nicht vorgestellt. Wir sind zwar schon sieben Stunden unterwegs, es ist vier Uhr morgens, und wir fühlen jeden Zentimeter unserer Knochen. Aber mir kommt es vor, als sei ich plötzlich auf der Place de l’Opéra in Paris. Die Pfeifen müssen daran schuld sein, deren fanatische Betätiger jetzt auch noch im Stile französischer Polizisten unseren Einwagenverkehr trillernd zu regeln versuchen. Es geht um Büsche herum, an Bombenkratern vorbei, bis wir unter einem Baum halten. „Deckung gegen Flugzeuge“, meint der Fahrer.

Aber das interessiert mich jetzt nicht – mitten in der Nacht. Ich will wissen, warum hier soviel gepfiffen wird.

„Weil es Spaß macht.“

„Gehört denn die Trillerpfeife zur Ausrüstung jedes Soldaten?“

Er schaut mich fassungslos an.

„Wann wird gepfiffen?“ frage ich wieder.

„Wenn man Lust hat.“

„Ach so …“ Jetzt bleibt bei mir der Groschen stecken. Wir haben in Europa Vorurteile, die gewisse Gedankengänge verstopfen. Fixe Ideen von Ordnung, Disziplin, Gehorsam. Unsere Soldaten machen nur Krach, wenn der Kalender es befiehlt oder der Chef es erlaubt, und auch dann nur im Gleichschritt, im Chor, nach Takt und Regel.

„Kann denn der Prinz dabei schlafen?“ will ich noch wissen.

„Der ist daran gewöhnt.“

Prinz Achmed kennt die ägyptischen Kniffe

Gründlich, wie wir feststellen können. Die im Zelt herumliegenden Wachen werden gebeten, uns Platz zu machen und im Grünen weiterzuschlafen. Nur ein schnarchender Haufen bleibt zurück: der Prinz. Er schnarcht noch, als wir beim Morgengrauen vom ersten Pfeifkonzert aus dem Schlaf gerissen werden. Man bringt uns Wasser zum Waschen und Tee zum Trinken. Die Sonne steigt langsam über die Berge. Ein schwerer Sack wird ins Zelt geschleppt und aufgeschnitten: Große silberne Mariatheresientaler rollen zur Erde: die Währung des Landes. Sie werden sorgfältig aufgestapelt. Es ist Zahltag. Die Soldaten gehen durchs Zelt. Es wird gepfiffen, gelacht. Aber der Prinz schläft. Erst als wir Anstalten machen, das Lager zu verlassen, rütteln ihn seine Soldaten wach.

Ein junges, blasses Gesicht schält sich aus den Decken. Prinz Achmed ist einundzwanzig Jahre alt. Er ist der einzige der königlichen Familie, der etwas von moderner Kriegsführung versteht. Er hat bei Nasser gelernt. Nur zehn Tage vor dem Ausbruch der Revolution im Jemen hatte er seine Studien an der Militärakademie in Kairo abgeschlossen und Ägypten verlassen.

„Sonst wäre ich sicher erschossen worden“, meint er. Auf mich haben die Ägypter es auch jetzt noch ganz besonders abgesehen, denn ich kenne ihre Kniffe.“

Prinz Achmed leitet den Kampf im Djouf, einem Wüstenstreifen, der die Straße Sanaa – Saada mit den östlichen Städten Marib und Harib verbindet und für den ägyptischen Nachschub unentbehrlich ist. Hier hatten die Ägypter acht befestigte Lager errichtet.

„Drei davon haben wir bereits vernichtet“, erklärt Prinz Achmed. „Natürlich ist der Kampf für uns dort am verlustreichsten. Es gibt keine Deckung in der Wüste. Die Ägypter sind die Herren der Luft. Sie haben Panzer, Kanonen, Napalmbomben. Wir greifen deshalb nachts an und versuchen morgens wieder in den Bergen zu sein. Dort sind wir die Herren. Die Ägypter haben Angst vor den Bergen. Ohne Panzerdeckung fühlen sie sich nackt. Ihre automatischen Handwaffen sind ausgezeichnet in einer Straßenschlacht oder beim Nahkampf, aber zwischen den Felsen sind sie nutzlos. Unsere Leute erledigen jeden Ägypter auf fünfhundert Meter mit dem ersten Schuß. Nur so erklären sich unsere geringen Verluste. Auf zehn tote Ägypter kommen zwei gefallene Jemeniten.“

„Wieviel Mann kommandieren Sie hier?“

„3500 Freiwillige aus Saudi-Arabien; Jemeniten natürlich, die dort ansässig sind; und außerdem 2000 Einheimische. Das ist der eigentliche Kern meiner Truppe. Hinzu kommen die Stämme, die hier wohnen. Sie Kämpfen alle auf unserer Seite. Im Notfall können wir 40 000 Mann auf die Beine stellen. Nur in meinem Sektor, wohlverstanden.“

Auch tote Ohren haben ihren Rang …

Als wir mit zwei Eseln und sechs Wachen weiterreisen, treffen wir Gruppen dieser Stämme: fröhlich singende Landsknechte. Selbst der oberflächliche militärische Schliff der Soldaten um Prinz Achmed fehlt ihnen. Wenn man mir sagen würde, wir seien plötzlich aus den Wolken ins Europa des Mittelalters gefallen – es könnte nicht verblüffender sein. Denn hier sind wir im tiefsten Mittelalter. Keine unserer modernen Vorstellungen, kein Gedanke des Westens hat hier Kurswert. Nur das Gewehr erinnert an unsere Welt – und die Trillerpfeifen. Manchmal auch ein paar Schuhe oder eine Uniformjacke. Sie gehörten toten Ägyptern und werden mit Stolz getragen.

Noch stolzer aber ist der kleine Mann, der jetzt ein Tuch aus seinem Gürtel zieht und es behutsam entfaltet. Ungefähr ein Dutzend häßliche, halbkreisförmige Gegenstände liegen auf seiner Hand.

„Ohren“, erklärt er lächelnd, „ägyptische Ohren.“

Drei davon sind von Dolchstichen durchlöchert. Er hält sie triumphierend hoch. „Offiziere“, meint er, „drei Offiziere.“

Selbst tote Ohren verlieren ihren Rang nicht. Ein Loch für den Leutnant, zwei für den Hauptmann, usw.

„Ihr schneidet jedesmal nur ein Ohr ab?“ frage ich.

„Ja, wenn der Ägypter tot ist.“

„Und wenn er lebt?“

„Beide.“

Ich reibe mir unwillkürlich die Ohren.

„Macht Ihr Gefangene?“

Sie lachen nur und schießen fröhlich in die Luft.

Es scheint also doch zu stimmen, was man sich in Naïran erzählt: Es werden kaum Gefangene gemacht, obwohl der Imam und die königlichen Prinzen fünf Goldpfunde für jeden lebenden Ägypter bezahlen. Sie wollen diesen Krieg „vermenschlichen“, wie sie uns später selber sagten. Aber was ist dieses Geld im Vergleich zu Gewehr, Uniform, Patronen, Schuhen und was so ein ägyptischer Soldat noch mit sich herumschleppt. Krieger, für welche die Aussicht auf Beute seit Jahrtausenden der Hauptreiz zum Kampf ist, können nicht plötzlich aus internationalen Rücksichten „menschlich“ werden.

Sie haben, so erzählt man uns, eine eigene Art, mit den Gefangenen umzugehen. Zunächst nehmen sie ihnen alles ab, außer der Unterwäsche, denn in Fragen der Nacktheit ist man hier ziemlich zimperlich. Dann werden die Ohren fein säuberlich abgeschnitten, die Nase und auch die Lippen.

Die Soldaten, die in diesem Zustand zu ihrer Einheit zurückkehren, werden angeblich sofort erschossen. Obwohl wir diese Gerüchte nicht bestätigen können, scheint es glaubhaft. Der bereits stark angeschlagene Kampfgeist der ägyptischen Truppen dürfte wahrscheinlich völlig zusammenbrechen, wenn allgemein bekannt würde, was einem Soldaten geschieht, der lebend in königliche Hände fällt.

Es bleibt keine Zeit mehr für Gespräche in gebrochenem Arabisch. Zwei Düsenbomber heulen über die nächste Bergspitze. Wir rennen in Deckung. Bomben fallen. Nur eine explodiert in unserer Nähe. Der Krater ist höchstens zwanzig Zentimeter tief. Niemand wird getroffen.

„Feige Hunde“, murmelt der Krieger, der sich neben mir zwischen die Felsblöcke geworfen hat.

Ich muß ihm recht geben. Die Ägypter fliegen in mindestens 2000 Meter Höhe, obwohl hier unten nur harmlose Flinten auf sie warten.

„Nein“, sagt er, „Hunde, keine Söhne Allahs“, und zeigt in die Ferne, wo eine Napalmbombe mehrere Sträucher zu Fackeln macht.

Mit der Flinte gegen die Bomber

Jetzt verstehe ich, und das ist die Antwort auf meine unausgesprochene Frage. Für diesen Mann ist es unmenschlich, Bomben auf Häuser, Tiere, Frauen und Kinder zu werfen.

Gewiß fühlt sich der Mann, der da oben am Drücker sitzt als ein Supermensch im Vergleich zu meinen bärtigen Ohrenabschneidern. Der Pilot hat seinen Beruf erlernt, für teures Geld. Er kennt die Technik des Tötens. Er hat ein Diplom in der Tasche, das ihn zum Fachmann macht.

Aber nicht nur in seinem Beruf ist er diesen Barfüßlern haushoch überlegen. Selbst in New York würde er sich zurechtfinden und kaum Brigitte Bardot mit Anita Ekberg verwechseln. Er kennt den Bossa Nova, weiß wie Elektronen tanzen und lebt vergnügt nach der gängigen Moral: Du sollst nicht töten – es sei denn, man befiehlt es dir. Kurzum, ein normaler Mensch unserer Zeit, der – mit amerikanischem Benzin – in einer russischen Ilyushin mit Überschallgeschwindigkeit die Aufgabe hat, ein wenig Fortschritt ind Zivilisation unter diese primitiven Menschen zubringen.

Seine schmerzverzerrten, verstümmelten Opfer treten nicht einmal im Traum vor ihn hin. Der anonyme Mord rüttelt nicht am Gewissen. Aber ein handgeschnittenes, echtes Menschenohr, mit ein paar blutigen Härchen daran, würde seinen Glauben an die Menschheit ins Wanken bringen und wahrscheinlich vollends erschüttern, wenn er erführe, daß hier nicht aus Gehorsam geschnippelt wird, sondern gegen den Befehl.

Ich kann diese Gedanken nicht weiterspinnen. Die Bomber kommen zurück. Mein Begleiter springt plötzlich auf und beginnt zu schießen. Wenn er Chancen auf Erfolg hätte, wäre nicht viel dagegen zu sagen, aber so kann er nur die Aufmerksamkeit des Piloten auf uns ziehen. Ich winke ihm zu. Es nützt nichts. Ich springe auf und will ihn zu Boden ziehen. Er widersteht. Wir kommen ein wenig ins Handgemenge und fallen beide hin. Dabei fühle ich seinen Gewehrlauf in meinem Mund und ein Loch, wo eben noch ein Zahn war.

Ich mache mich fluchend auf die Suche. Auch die anderen kommen hinzu. Zwanzig königstreue Krieger suchen auf allen vieren nach dem einzigen Opfer des Angriffs: nach meinem Zahn.

Claude kann ein Lächeln nicht verkneifen. „Was willst du denn damit?“ fragt sie.

„Ich weiß nicht, er gehört mir . . .“

„Sei froh, daß du noch lebst. Das Gewehr hätte losgehen können.“

„Danke . . .“ Ich kann ihr nicht sagen, wie gern ich ihr die Ohren abschneiden möchte, denn unser Suchkommando tanzt auf meinem Zahn herum und schießt wild schreiend um sich. Der Grund ihrer Freude scheint auf einem Berg zu liegen, der ungefähr fünf Kilometer entfernt ist und jetzt mit Bomben und Napalm belegt wird.

1200 Krieger begrüßen uns

„Das ist Barhat“, ruft einer. „Barhat. Ja. Allah ist groß.“

Prinz Achmed hatte uns erklärt, daß wir an Barhat vorbeireiten würden, einer kleinen Stadt, die noch von den Ägyptern gehalten wird und von seinen Truppen umzingelt ist. Deshalb der Jubel. Präzision scheint nicht die Stärke der ägyptischen Piloten zu sein. Man muß ihnen zugute halten, daß es keine exakten Karten vom Jemen gibt. Deshalb nehmen sie oft Einheimische als Führer mit, die ihnen ihre Dörfer zeigen sollen. Aber selbst wenn ein Bauer bei stockfinsterer Nacht sein Dorf mit einem blinden Esel finden kann, aus der Luft sieht das ganz anders aus, bei 600 Kilometer Geschwindigkeit pro Stunde. Und im übrigen sieht man die Bomben viel lieber aufs Nachbardorf fallen.

Der kleine Haufen der Stammeskrieger verabschiedet sich und zieht seines Weges, während wir mit unserer Eskorte die vierte Bergkette in Angriff nehmen. Unsere Esel sind schwach. Wenn es steil aufwärts geht, müssen wir absteigen. So geht es zwölf Stunden lang, bergauf, bergab, bergauf, bergab. Mehrere Male machen wir erschöpft halt oder werden von Bombern gezwungen, uns zu verkriechen. Als wir endlich das Lager des Prinzen Hassan sichten, des Oberkommandierenden der königlichen Streitkräfte, schleppen wir uns nur noch vorwärts. die Esel haben seit langem den Dienst verweigert.

Um uns jedoch einen würdigen Einzug zu ermöglichen, ist ein Bote vorausgelaufen, der jetzt mit zwei frischen Maultieren zurückkommt. Es ist höchste Zeit. Eintausendzweihundert Krieger sind angetreten, um uns zu begrüßen. Wir reißen uns mit letzter Kraft zusammen, um wenigstens den STERN nicht zu blamieren, und donnernd schallt es uns entgegen:

„Long live LIFE.“

Der junge Prinz Ibrahim ben Mohammed heißt uns willkommen. Ich muß mit ihm die Front abschreiten, und wieder rufen die Krieger:

„Lang lebe LIFE.“

„Wir sind vom STERN“ sage ich. „Wir kommen aus Deutschland.“

„Ihr seid nicht die beiden LIFE-Reporter, die vor drei Wochen angemeldet wurden“, fragt er.

„Nein, wir haben die beiden Amerikaner in Beirut getroffen. Sie haben vier Wochen vergebens versucht, nach Naïran zu kommen, und dann entmutigt aufgegeben.“

„Verzeihung . . .“ Er dreht sich um und spricht zu seiner Eskorte. Als wir weitergehen rufen sie zaghaft: „Es lebe STERN“. Der Ruf pflanzt sich fort, bis die Berge ihn zurückwerfen.

Man bringt uns in ein Zelt, wo sofort eine heftige Diskussion zwischen dem Prinzen und einer Gruppe von Männern entsteht. Es handelt sich um die Wache. In diesem Lager befinden sich Krieger der verschiedenen Stämme. Jeder Stamm fordert für sich die Ehre, während der Nacht über uns zu wachen. Der Prinz beendet das lange Palaver mit einem salomonischen Spruch: Jeder Stamm darf zwei Stunden Wache halten, und da viele Stämme hier vertreten sind, werden beide Eingänge bewacht.

Am nächsten Tag soll eine Stadt eingenommen werden. Die Ägypter und Republikaner sind unter dem Druck nächtlicher Guerillakämpfe schon seit einiger Zeit abgezogen, ohne daß die Königlichen es bisher für nötig befunden haben, die Stadt zu besetzen. Krieger von dort sind zwar zu ihnen gestoßen, aber jetzt bittet die Stadt um offizielle Übergabe.

Wir marschieren los. Unterwegs stoßen vierhundert Mann zu uns. Nach sechs Stunden erreichen wir endlich die Stadt. Die Soldaten schwärmen aus und stürmen mit wildem Geschrei und vielen Schüssen – in die Luft. Am Stadtrand wartet ein Empfangskomitee auf die brüllende Welle. Auch dort wird geschossen. In die Luft. Trommeln erklingen. Die Krieger quirlen durcheinander und schießen nach allen Seiten. So feiert man hier Siege.

Da wir fotografieren, haben wir mit dem Sturm nicht Schritt halten können. Meine Kameras funktionieren nicht richtig. Eine liegt im Sand. Die andere ist blockiert.

„Hast du gute Fotos gemacht?“ frage ich Claude.

„Ich habe mich kaum auf dem Esel halten können. Die Schüsse machen mich nervös.“

Der Prinz hat Sinn für Public Relations

Mit den ersten Bildern, die interessant gewesen wären, war es nichts.

„Reite schnell zum Prinzen und bitte ihn, seine Krieger nochmals ‚runterrennen zu lassen“, sage ich zu Claude.

„Bist du verrückt. Diese Leute sind im Krieg, nicht im Filmstudio.“

Um meiner Erbitterung ein wenig Luft zu machen, treibe ich den Esel zum Galopp an.

Der Gesang hört auf. Es wird still, und ich frage mich, ob wir jetzt höflich gebeten werden, das Land zu verlassen. Aber plötzlich rennen vierhundert Kerle auf mich zu. Schießend, schreiend und Dolche schwingend. Es hat also doch geklappt. Der Prinz hat Verständnis für Public Relations.

Mein Weitwinkel funktioniert zweimal. Dann ist auch er blockiert. Ich könnte vor Wut heulen.

Als der Prinz mich niedergeschlagen den Berg heraufkommen sieht, will er wissen, was passiert ist. Ich erzähle es ihm.

„Sollen wir noch mal stürmen?“ fragt er.

Ich habe schon seit drei Tagen hohes Fieber und keine Courage mehr. „Nein. Danke.“

Der Prinz glaubt, ich würde an seinem guten Willen zweifeln und fährt for: „Zwei Tagesreisen von hier ist ein ägyptisches Lager. Wir hatten zwar nicht vor, es jetzt zu nehmen, obwohl es einfach ist. Wenn das gute Bilder für Sie hergibt, können wir in drei Tagen angreifen. Einverstanden?“

Hier scheint das Paradies der Reporter zu seine. Sensation nach Maß.

„Wird es dabei Tote geben?“

„Krieg ist Krieg.“

„Das scheint mir doch ein zu hoher Preis für ein paar sensationelle Bilder“, meint Claude. Sie wendet stolz ihren Esel und reitet an der Spitze der Truppen in die Stadt ein.