Ein Tag wischt 1000 Jahre aus

Veröffentlicht in „Stern“, Nummer 42, am 21. Oktober 1962

Die Sternreporter Gordian Troeller und Claude Deffarge waren die ersten ausländischen Reporter in der Republik Jemen. Sie flogen nach Aden, der britischen Kronkolonie am Roten Meer. Dort mieteten sie einen Jeep und fuhren ohne Visum, über Stock und Stein, ins „Verbotene Land“. Die Revolutionäre nahmen sie herzlich auf. Sie wollten der Welt zeigen, daß es nötig war, endlich den Imam und damit das Mittelalter zu verjagen.

Nein, der Jemen ist kein Wüstenland. Der Jemen ist ein grünes Bergland, in dem die Bauern ihre Felder in kunstvollen Terrassen bis auf 3000 Meter Höhe anlegen. Der Jemen ist auch nicht „Tausendundeinenacht“. Harems gab es vielleicht vier oder fünf. Und dort wurde nicht im Stil orientalischer Hollywoodschnulzen mit nacktem Nabel bauchgetanzt. Nein, gelangweilte, rauschgiftverseuchte, fette Prinzen sammelten die pornographischen Filme der europäischen Hafenstädte und machten nach diesen Vorbildern fragwürdige Fotos von ihren Frauen, Sklavinnen, Schwestern. Sie tranken heimlich Whisky und Schnaps. Dem einfachen Mann war das unter Todesstrafe verboten. Er hatte auch meistens nur eine Frau, selten zwei. Nur wenige reiche Leute können sich die vom Koran erlaubte Anzahl von vier legalen Frauen leisten. Achtzig Prozent der jemenitischen Frauen zeigen ihr Gesicht. Schöne Gesichter mit großen mandelförmigen Augen.

Der Jemen hat auch keinen Stützpunkt für russische U-Boote. Im Hafen von Hodeida liegen nicht 19 russische Schiffe mit Waffen und Munition. Dort gibt es eine amerikanische Siedlung mit Air-Condition, in deren Nähe eine Gesellschaft aus USA nach Öl bohrt. Diese Amerikaner haben seit der Erweiterung des Hafens durch russische Ingenieure kaum noch ein Sowjetschiff gesehen. Aber immer noch fahren diese 19 Waffentransporter durch die Spalten der Presse. Sie kommen wieder einmal gelegen. Es ist ja Revolution. Eine Revolution, die sich auch noch „sozial“ nennt.

Genau wie damals zur Zeit der Suezkrise. Damals war ich in Syrien wie heute im Jemen. Damals hieß es auch 19 russische Schiffe lägen im Hafen von Latakie und MIGs ständen auf geheimen Flugplätzen in der Wüste. Ich fuhr nach Latakie: ein winziger jugoslawischer Frachter. Ich fuhr kreuz und quer durch die Wüste; kein Flugplatz. Und jetzt heißt es:

  • Im Jemen ist die Situation unübersichtlich.
  • Der Jemen wird ein neues Kuba. Mit russischen Technikern, chinesischen Beratern, Raketenstützpunkten.
  • Die Revolutionäre haben keine Unterstützung im Volk.
  • Hunderttausend königstreue Jemeniten marschieren auf Sanaa, die Hauptstadt des Landes.

Wir fuhren kreuz und quer durch Jemen, mit einem Jeep, ungehindert, unbeschattet, ohne Visum, und wir sahen: Es gib zehnmal mehr Männer aus dem Westen als Russen und Chinesen. 180 Amerikaner bauen eine Straße. Norweger, Schweden, Engländer fliegen die Verkehrsmaschinen. Deutsche beraten die Landwirtschaft. Italiener, Franzosen und Deutsche leiten die Krankenhäuser.

Waffen aus dem Sowjetblock, ja, die haben wir gesehen. Sie wurden jedoch bereits vom alten Imam Achmed ins Land gebracht, ebenso wie die östlichen Techniker.

„Welche Waffen sollten wir denn benutzen, wenn wir überhaupt schießen wollten?“ fragte mich ein jemenitischer Offizier. „Sollten wir speziell einige Panzerwagen aus den USA kommen lassen, um unsere Revolution nach euren Begriffen ‚sauber’ zu halten? Wenn ein Soldat eine tschechische Maschinenpistole abdrückt, ist er noch lange kein Kommunist.“

Der Großteil der im Westen verbreiteten Informationen stammt aus Jordanien und Saudi-Arabien. Dort werden im Augenblick die „Tatsachen“ über die jemenitische Revolution fabriziert. Die beiden letzten Tyrannen der arabischen Welt bangen um Thron und Leben. Sie können nicht einmal mehr ihren eigenen Truppen trauen. Sie vergiften systematische die öffentliche Meinung des Westens. Sie drücken den neuen Männern aus dem Jemen einen Stempel auf, bei dessen Anblick den kalten Kriegern des Westens die Gänsehaut über den Rücken läuft: den Stempel des Ostens. Selbst die kleinen Sultane im britischen Protektorat machen mit. Sie geben schon Pamphlete heraus, auf denen Chruschtschow und El Sallal gemeinsam armselige Araber verschlingen.

Am 11. Oktober saßen wir mit El Sallal beim Mittagessen. Ein Offizier trug einen Transistor herein. Wir hörten Nachrichten. „Sanaa, die Hauptstadt des Jemens, ist von königlichen Truppen umzingelt“, hieß es auf englisch. „Sie sind nur noch einige Stunden von Regierungspalast entfernt.“

Wir lachten, denn wir saßen in eben diesem Palast und hatten noch am Morgen die Umgebung der Stadt überflogen.

Aber es ist nicht zum Lachen. Wir stehen wieder ohnmächtig vor einer Niederlage des Westens. Es handelt sich nicht um die Tatsache, daß ein Monarch gestürzt wurde. Nein. Der Westen erleidet hier im Jemen eine neue Schlappe im Ringen um die Sympathie der Dritten Welt, um das Urteil von zwei Dritteln der Menschheit.

„Wir sind sehr enttäuscht, daß die Westmächte unsere Regierung immer noch nicht anerkannt haben“, sagt uns Dr. Bedhani, der Vizepremier, in perfektem Deutsch. (Er hat in Deutschland studiert und war Gesandter in Bonn.) „Die Westmächte wissen doch genau, was hier los war. Die Presse hat ausgiebig über die Grausamkeiten des Imams geschrieben, über das Unerträgliche des alten Regimes. Und jetzt zögert der Westen, es fallenzulassen. Ja, er unterstützt die alten Machthaber. Der Westen begeht immer wieder den gleichen Fehler, wenn ein Volk sich gegen die Ungerechtigkeit erhebt. Ich bin überzeugt, daß Castro keine Unterstützung bei der Sowjetunion gesucht hätte, wenn die Amerikaner ihn nicht dazu gezwungen hätten. Sie haben ihn den Kommunisten ausgeliefert. Wird man uns in die gleiche Lage drängen? Hoffentlich nicht.“

Ein junges Mitglied des Revolutionsrates drückt es weniger diplomatisch aus. Sieben Jahre Gefängnis – Tuberkulose, Malaria, Rheumatismus, gebrochene Glieder.

„Wenn ihr von der brutalen Unterdrückung von Millionen Menschen durch einen Irrsinnigen lest, dann sind das für euch ergötzliche Geschichten aus Tausendundeinernacht. ‚Stell dir bloß vor, so was gibt es noch!’ Doch was eine Haremsdame auf dem Hintern trägt, interessiert euch mehr als die fünf Millionen, die langsam krepieren, weil ein Herr seinen Harem nicht aufgeben will. Wenn diese fünf Millionen aber endlich die Nase voll haben, ein jämmerliches Kuriosum der Vergangenheit zu bleiben, wenn sie die Verantwortlichen für ihre Misere davonjagen oder umbringen, dann runzelt ihr erschrocken die Stirn und sucht nach ideologischen Motiven, internationalen Intrigen und kommunistischen Agitatoren.“

„Hier hatte keiner etwas gegen den Westen. Im Gegenteil. Besonders Deutschland war sehr beliebt. Die deutschen Fachleute, die im Auftrag ihrer Regierung unsere Bauern beraten, haben Großartiges geleistet. Aber heute schon ist das anders. Jeder Jemenit weiß, welche Nationen uns anerkannt haben. Er fühlt sich ihnen verbunden. Automatisch. Sie sind seine Verbündeten im Kampf gegen die Tyrannei. Die Blindheit des Westens will, daß nur die kommunistischen und neutralen Länder sich von der ersten Stunde an auf unsere Seite geschlagen haben. Auf die Seite des Volkes, mein Herr, vergessen sie das nicht. Denn das hier ist keine Palastrevolution herkömmlicher Art, keiner der üblichen Personalwechsel an der Kasse und am Drücker. Hier hat ein ganzes Volk mit tausend Jahren Verspätung ganz einfach aufs Mittelalter geschossen.“

Der Mann hat recht. Wir haben überall begeisterte Menschen gesehen. In den Städten, in den Dörfern fallen sich die Männer vor Freude um den Hals.

Gewisse Informationen behaupten, El Sallal habe seinen „Gönner und Beschützer“, den Imam El Badr, nur aus persönlichem Ehrgeiz gestürzt. Unsinn! Die Revolte schwelt seit drei Jahren. In den letzten drei Jahren seines Lebens, die er in geistige Umnachtung verbrachte, konnte der alte Imam Achmed sich kaum noch um die Staatsgeschäfte kümmern. Früher hatte er jede Kleinigkeit selbst entschieden, denn Entscheidungen brachten Geld ein. Besonders aufmerksam verfolgte er die Eintreibung des berüchtigten „Zehnten“. Von allem, was im Jemen erzeugt und verkauft wurde, bekam er zehn Prozent in klingenden Maria-Theresien-Talern. In einem Land ohne Straßen steckte er sogar Straßengebühren ein. Eine Fahrt über Stock und Stein von Thais nach Aden kostete 18 Taler (60 DM).

Während der Imam dahinsiechte, hielten die Gouverneure die Stunde für gekommen, ihrerseits ihre Bankkonten in der Schweiz zu füllen. Sie erhöhten den Ablaß – in manchen Fällen bis auf 90 Prozent -, konfiszierten Ländereien und ließen Widerspenstige niederknüppeln.

Als El Badr vor fünf Wochen die Nachfolge seines Vaters antrat ( im Grunde illegal, denn das Imanat ist nicht erblich ), versprach er durchgreifende Reformen. Es galt, sich populär zu machen und den Thron zu retten.

Die Scheiche begaben sich voller Hoffnung nach Sanaa, um nach altem Brauch die Gefolgschaft ihrer Stämme zu bestätigen. Diesesmal jedoch kamen sie nicht zur bedingungslosen Unterwerfung. Sie brachten Klagen, Forderungen, Pläne für eine Verfassung. Sie wollten erfahren, wie El Badr sich die Reformen vorstellte. Der ließ sie wissen, daß er, genau wie sein Vater, mit eiserner Hand regieren würde und schickte sie nach Hause.

„Fortschrittlich hatte sich El Badr nur so lange gebärdet, wie sein Vater noch am Leben war und er die Sympathien der revolutionshungrigen Bauern und Offiziere braucht, um an die Macht zu kommen. Zur Abschirmung ernannte er El Sallal zum Chef des Heeres. Er glaubte, ihn kaufen zu können. Der Rest ist bekannt. El Sallal entfachte die Revolution und beseitigte die tausend Jahre währende Tyrannei.

Weniger bekannt ist die Tatsache, daß schon einige Tage nach der Revolution die Scheiche aus allen Teilen des Landes nach Sanaa kamen, um der neuen Regierung ihre Unterstützung zuzusichern.

Wir wohnten in Sanaa im Palast der Republik. So haben die Revolutionäre eines der Schlösser des Imam getauft, in dem sie ihr Hauptquartier aufgeschlagen haben. Meine Kollegin Claude Deffarge erhielt das schönste Zimmer. Zwei ägyptische Offiziere wurden ausquartiert, um der einzigen Frau im Palast Platz zu schaffen.

Täglich sahen wir die Scheiche mit El Sallal und Dr. Bedhani konferieren. Wir durften immer dabei sein, fotografieren, Fragen stellen. Es gab keine Geheimnistuerei. Selbst die kriegerischsten unter den Stämmen, die Zaramik, erschienen schon in den ersten Tagen nach dem Umsturz, um sich auf die Seite der Revolutionäre zu stellen.

„Wie wollen Sie mit diesen Männern Parteien und vielleicht sogar freie Wahlen organisieren?“ fragte ich Dr. Bedhani.

Er lächelte. In einer archaischen Stammesgesellschaft kann zunächst von Parteien keine Rede sein. Politik kann im Augenblick nur unter Berücksichtigung der herkömmlichen Strukturen gemacht werden. Die Scheiche des Landes werden einer Nationalversammlung angehören. Aus ihr wird ein nationaler Verteidigungsrat hervorgehen.“

„Wird Ihre Regierung Ansprüche auf die britische Kronkolonie Aden erheben?“

Wir haben keine Ansprüche im Stil des Imam, dessen Hauptbeschäftigung es war, Ansprüche auf Aden zu erheben und sein Geld in der Schweiz anzulegen. Wir sind jedoch für die Selbstbestimmung der Völker. Es ist mithin Sache der Bevölkerung von Aden über ihre Zukunft zu entscheiden.“

„Welche Hilfe erhoffen sie von der Sowjetunion?“

Er umging die Antwort; „Alles, was wir von den Russen haben, sind ein paar Waffen, Panzerwagen und Flugzeuge, die vor sechs Jahren vom Imam erstanden worden sind. Sie sind in jämmerlicher Verfassung. Wir haben große Mühe, sie instand zu setzen.“

„Streben sie eine Union mit Ägypten an?“

„Im Augenblick planen wir keine politische Union mit der Vereinigten Arabischen Republik. Wir haben innere Probleme ganz spezieller Art zu lösen, die all unsere Kräfte in Anspruch nehmen werden. Für einen westlichen Menschen muß es unvorstellbar sein: Wir müssen von Null anfangen. Wir haben keine Verwaltung, keine Büros, nicht einmal Schreibmaschinen, keine Beamten, nicht einmal Techniker oder Menschen, die qualifiziert wären. Wir haben auch keine Einnahmen. Hier hat es nie ein Budget gegeben – nur den Schatz des Königs. Wir müssen zunächst einmal Inventur machen. Und wir brauchen Hilfe. Die Ägypter helfen uns schon. Wir haben auch andere Nationen um Beistand gebeten. Gern möchten wir uns auch an Deutschland wenden, aber es ist zu schwierig, Abkommen zu schließen mit Ländern, die uns nicht anerkannt haben. Wir brauchen dringend Techniker aus Deutschland.“

Solche Gespräche wurden zwischen zwei Empfängen geführt. Es gab keine Wichtigtuerei, kaum ein Protokoll. Mittags und abends saßen wir alle zusammen an einem riesigen Tisch mit hundert Gedecken. Alle, das heißt die Bewohner des Schlosses: Oberst El Sallal, die Minister, ägyptische Offiziere, Scheiche und Würdenträger. Es wimmelte von Ägyptern: Fallschirmjägern, Piloten, Technikern, Beamten. Über hundert wohnten allein in unserem Palast. Jeden Tag bringen Transportflugzeuge aus Kairo Verstärkung heran. Ägyptische Soldaten bewachen die Flugplätze und sitzen des Nachts von den Türen ihrer Offiziere. Ägyptische Journalisten sind mit uns die einzigen ausländischen Korrespondenten.

Nassers Hilfe ist massiv. Außer militärischer Unterstützung und diplomatischer Rückendeckung gegen Saudi-Arabien und Jordanien liefert er Funktionäre, die beim Aufbau der jemenitischen Verwaltung Hilfestellung leisten sollen.

Auch an Propagandisten fehlt es nicht. Redakteure des Senders „Die Stimme der Araber“ ziehen durch die Dörfer und nehmen die Begeisterungsausbrüche der Bevölkerung auf Tonband auf. Dabei verpassen sie keine Gelegenheit die Schlagworte der arabischen Einheit ins Mikrophon zu schreien. Parolen, die wie ein Lauffeuer durch die Dörfer gehen.

Kein Zweifel, die Ägypter sind beliebt. Man betrachtet sie als die großen gelehrten

Brüder, die selbstlos zu Hilfe eilen. Wir sind mit ihnen durch das Land gefahren. Überall wurden sie wie Befreier gefeiert.

Hieraus darf man aber nicht schließen, daß die neuen Männer im Jemen von den Ägyptern bevormundet oder gar beherrscht werden. Dafür sind sie zu stolz. Die fast krankhafte Empfindlichkeit der Jemeniten ist sprichwörtlich. Und jeder der führenden Männer läßt klar durchblicken, daß es hier ausschließlich um den Jemen geht, wo Außenstehende zwar helfen, jedoch unter keinen Umständen befehlen dürfen.

Im übrigen wird – wie nach jeder Revolution – die jetzige Regierung kaum sechs Monate überleben. Die Ministerposten wurden in der Eile nach revolutionären Verdiensten verteilt.

Männer, die in Gefängnissen saßen, wurden belohnt und geehrt. In kurzer Zeit werden Fachleute sie ablösen.

Sie sind schon unterwegs. Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben über eine Million.

Jemeniten im Ausland Zuflucht gesucht. Sie wohnen in Djibuti, in Äthiopien, Ägypten, in Europa und Amerika. Viele haben studiert. Jetzt wollen Tausende zurück. Sie werden den Kern der Verwaltung bilden.

Auch spezialisierte Arbeiter wird es zur Genüge geben. Wahrscheinlich zu viele. In der britischen Kronkolonie Aden arbeiten hunderttausend Jemeniten. Auch viele von ihnen wollen zurück in die Heimat. Vor den Gewerkschaftsbüros rotten sie sich täglich zusammen und fordern Transportmöglichkeiten. „Wir wollen die Republik verteidigen“, rufen sie. „Gebt uns Lastwagen und Gewehre.“

Fünftausend sind bereits im Jemen angekommen, wo sie sich freiwillig zur Nationalgarde gemeldet haben. Um einer Massenabwanderung vorzubeugen, haben die Engländer schnellstens die Löhne erhöht. Es nützt nichts.

„Wir versuchen, sie zu halten, denn was sollen diese Facharbeiter im Jemen, der noch keine Industrie hat,“ erklärte uns der Generalsekretär der Gewerkschaften in Aden. „Wir verfügen im Augenblick über viel wirksamere Mittel, der jemenitischen Revolution zu helfen.

Wenn die Engländer ernsthaft versuchen sollten, den Imam El Badr oder seinen Onkel Hassan zu unterstützen, organisieren wir einen Generalstreik und legen den ganzen britischen Stützpunkt lahm. Wir haben achtzehntausend Mitglieder und kontrollieren siebzigtausend Arbeiter. Das sind bessere Waffen als ein paar Flinten. Und wie soll der Jemen heute all diese Fachkräfte einsetzen? Wie soll er sie ernähren?“

Die gleiche bange Frage hörten wir in Jemens Hauptstadt Sanaa. Sie und die materielle

Zukunft des Landes beschäftigen die verantwortlichen Männer mehr als die Flucht El Badrs oder die Gefechte an der saudi-arabischen Grenze. Dort wird es noch lange Unruhen geben. Im Norden wohnen die wenigen Nomaden des Landes, die diesseits wie jenseits der Grenze zu Hause sind. Sie waren seit jeher käuflich. Im Augenblick bezahlt Saudi-Arabien besser. Mit Gold.

Aber hier werden keine entscheidenden Schlachten geschlagen. Es wird ein wenig gemordet und geplündert. Das gleiche Spiel trieb der verstorbene Imam jahrzehntelang mit den Sultanaten im britischen Protektorat. Er schickte gedungene Stämmchen über die Grenze, um die Abtrünnigen in Atem zu halten.

Die Zeiten, in denen Stammesfehden oder bezahlte Nomaden das Schicksal einer Nation bestimmten, sind längst vorüber, selbst im Jemen. Messer, Gift und Gold haben auch dort einer neuen politischen Waffe weichen müssen: der öffentlichen Meinung. Diese Umwälzung ist nicht auf die junge Revolution vom 27. September zurückzuführen. Sie bildet im Gegenteil ihre Grundlage. Sie beginnt mit der Erfindung des Transistors, genau wie die industrielle Revolution des Westens an die Erfindung der Dampfmaschine gebunden ist.

Es gibt im Jemen niemanden mehr, der nicht Radio hört. Im „Verbotenen Wüstenkönigreich“, wie man es so schön nannte, weiß jeder mehr über uns als wir über dieses Land. Seit Jahren hat jedes Dorf Verbindung zur Welt. Die Bauern in den höchsten Bergen, wild aussehende Menschen, die nie ein Auto gesehen haben, wissen genau, wer Chruschtschow ist und was die Amerikaner über Kuba denken, wie viele Sputniks im All herumjagen und daß die Erde sich politisch in drei große Gruppen aufteilt: den Westen, den Osten und das Niemandsland der Armen.

Überall, wo wir sagten, daß wir aus Deutschland kommen, lautete die erste Frage: „Ost oder West?“ Es lag noch kein Urteil in dieser Frage. Noch nicht. Meistens jedoch hieß es weiter: „Warum hat Westdeutschland unsere Regierung noch nicht anerkannt? Steht es etwa auf seiten des Tyrannen?“

Alle herkömmlichen Ansichten über isolierte und rückständige Länder sind hinfällig seit

der Erfindung des Transistors. Es ist fatal für den Westen, wenn er in den Entwicklungsländern die starken Männer von gestern beschützt. Es geht darum, viele Freunde zu gewinnen. Die Welt wird langsam im wahrsten Sinne des Wortes eine Demokratie, in der Meinung und Wille der Mehrheit die Zukunft bestimmen.

Im Kampf um diese Meinung liegt der Westen weit zurück. Seine Haltung im Jemen beeinflußt nicht nur ein paar Millionen Bergbauern. In der ganzen „Dritten Welt“ heißt es wieder einmal: „Der Westen ist der Freund der Tyrannen.“