Wer Sanaa stürmt, darf plündern

Stern, Heft 3, 21. Januar 1968

Fünf Jahre tobt der Bürgerkrieg im Jemen. Fünf Jahre lang unterstützten ägyptische Truppen die Republik gegen ihre royalistischen Feinde. Nach ihrer Niederlage gegen Israel mußten die Ägypter abziehen. Jetzt ist die Republik allein. Sanaa ist umzingelt. Royalistische Krieger beherrschen die Berge. Die Verlockung ist groß. Wenn sie die Stadt nehmen, dürfen sie plündern. Die Prinzen haben es ihnen versprochen.

Der Pilot hat Angst und scheut sich nicht, es zu zeigen. Gestern hatte er nicht in Sanaa landen können. Gewehrkugeln aus den nahen Bergen durchbohrten seine Maschine. Heute sitzen wir in seiner vergammelten DC3 und versuchen Sanaa anzufliegen. Fünf Jahre ist hier Bürgerkrieg. Heute ist die Hauptstadt des Jemen zum erstenmal völlig eingeschlossen. Die Royalisten sitzen auf den nahen Bergen und beherrschen die Straßen, die Sanaa mit den beiden großen Städten des Landes – Tais und Hodeida – verbinden. Zwei bedrohte Flugplätze sind die letzten Verbindungspunkte mit der Außenwelt. Als wir zur Landung auf dem Zivilflughafen ansetzen, begrüßt uns Granatfeuer aus den Bergen. Der Pilot zieht schleunigst wieder hoch und landet schließlich auf dem nahegelegenen Militärflugplatz. Bei laufenden Motoren müssen wir aussteigen. Kaum haben wir festen Boden unter den Füßen, gibt der Pilot wieder Vollgas.
Auf der Fahrt zur Stadt werden wir alle fünfhundert Meter von Soldaten angehalten. Beim zweiten Kontrollposten erklärt unser Chauffeur; „Gestern war diese Straße noch in den Händen der Royalisten.
Ein paar hundert Meter von der Straße entfernt brennt ein Dorf. Die Häuser, wahre Wolkenkratzer aus Quadersteinen, wie sie für den Jemen typisch sind, brechen, in weißen Rauch gehüllt, langsam in sich zusammen. Ihre Bewohner hatten den Royalisten Zuflucht gewährt. Nun straft sie die republikanische Armee. Es hat Tote gegeben.
Es gibt mehr. Drei Köpfe schmücken das monumentale Stadttor. Blut tropft noch. Wir mischen uns unter die neugierige, erregte Menge.
Aus Gesprächsfetzen schnappen wir auf: Es sind die abgehackten Köpfe von Royalisten, von Verrätern, bezahlt mit saudi-arabischem Gold, Gold von König Feisal, Gold auch vom Schah von Persien – die Könige wollen die Republik vernichten.
„Dürfen wir diese Köpfe fotografieren?“ frage ich einen Soldaten.
„Gern, wenn ihr eure Köpfe daneben aufgereiht sehen wollt. Einer davon ist ziemlich weiß. Vielleicht war’s ein Söldener.“

Wer bezahlt, gewinnt

Ein kleiner Junge schiebt eine amerikanische Zigarette zwischen die Lippen des Kopfes, der vielleicht einem Franzosen gehört hat, einem Belgier, einem Deutschen. Rund dreihundert weiße Söldner leiten die technischen Dienste der Royalisten und versuchen ein wenig moderne Kriegsführung in diesen Kampf zu bringen, der an das Mittelalter erinnert.
Hier gehört alles einer vergangenen Epoche an. vor allem die Mentalität. Nur die Waffen, die Fahrzeuge und ein paar häßliche Gebäude aus Beton erinnern an das zwanzigste Jahrhundert.
Erst vor zwei Tagen fand eine Schlacht statt, die eher in die Zeit Attilas paßt als in unsere: Um den Ring zu sprengen, der sich um Sanaa geschlossen hat, hatte der Oberkommandierende der republikanischen Armee Soldaten auf die Straße nach Tais geschickt: reguläre Truppen, Volksmiliz und Krieger eines der Republik ergebenen Stammes. Um den Stammeskriegern die Lust am desertieren zu nehmen, wurden sie vorsorglich zwischen die Soldaten und die Miliz gelegt. Aber kaum hatte der Angriff auf die royalistischen Stellungen begonnen, da eröffnete der angeblich republikanische Stamm das Feuer auf die vor ihm marschierenden Soldaten. Es gab viele Tote. Einige Goldstücke hatten genügt, die Stammeskrieger zur Königstreue zu bekehren.
Für die Stämme des Jemen ist dieser Krieg ein unerwarteter Segen. Er bringt ihnen, was sie wie nichts auf der Welt lieben: Waffen und Gold. Anstatt das Land zu bestellen und kunstvolle Terrassen auf steilen Berghängen zu bauen, kann ein Mann heute in einem Monat mehr verdienen als mit seiner Landarbeit in einem Jahr. Er ist dem König nicht mehr ergeben als ein Belgier im Dienste des Imam. Er ist Söldner, genau wie der Weiße, und wie dieser will er, daß der Krieg möglichst lange dauert.
Was nützt den Stämmen ein Sieg der Royalisten, wenn damit die Goldquelle versiegt? Einnahme Sanaas – warum nicht? Dort gibt es kostbar geschmückte Frauen, Geschäfte mit den Reichtümern Europas und Arabien und wiederum Waffen und Geld – unwiderstehliche Verlockungen für Männer, denen die Plünderung der Stadt als Lohn ihrer Einnahme versprochen worden ist.
Aber wer wird als erster in Sanaa einziehen? Welcher Stamm darf die Kostbarkeiten der Stadt kassieren? Mit wem muß man die Beute teilen? Solange Stammesfehde und Rivalität unter den kommandierenden Prinzen vorherrschen, wird das belagerte Sanaa standhalten.
Unterdessen kann es den republikanischen Machthabern sogar gelingen, Sanaa uneinnehmbar zu machen. Unter der harten und manchmal grausamen Führung des Generals Hassan al Amri, der jetzt zum Ministerpräsidenten avanciert ist, nimmt die Armee langsam eine berufsmäßige Form an. Dazu kommt die Volksmiliz, alle Männer zwischen 14 und 60 Jahren. Jedes Haus wird zur Festung. In allen Wohnungen häufen sich Maschinenpistolen, Granatwerfer und Gewehre. „Jeder Mann besitzt heute mindestens vier Gewehre“, erklärt und General Amri. Das sind zwanzigtausend bis an die Zähne bewaffnete Männer.
Wenn Amri und das republikanische Regime unbeliebt wären, hätte diese waffenstarrende Stadt sie schon lange hinweggefegt. Um so mehr, als man in Sanaa genau weiß, worum es geht. Schon 1948 ließ König Achmed die Stadt von den gleichen Stämmen plündern, die sie heute in den nahen Bergen belauern. Damals wurde geraubt, gemordet, vergewaltigt. Frauenhände waren eine ebenso beliebte Beute wie Männerköpfe. Um den Matronen ihre Armbänder und Ringe abzunehmen, die sie in ihrer Jugend angelegt hatten, mußte man ihnen die Hände abschneiden. Jetzt vorsichtig geworden, haben die Frauen ihre im Fett des Alters ruhenden Goldreifen aufmeißeln lassen und sie mit dem übrigen Schmuck vergraben.
Jeder bereitet sich auf das Schlimmste vor, aber es gibt keine Anzeichen für Panik. Wir haben niemanden getroffen, der das Ultimatum der Royalisten zur kampflosen Übernahme annehmen würde. Sanaa und der republikanische Jemen scheinen um jeden Preis durchhalten zu wollen. Sollte die Stadt dennoch fallen, dann nur durch Verrat.
Verrat hat es schon gegeben. So wenigstens bezeichnen die republikanischen Jemeniten den Abzug der ägyptischen Truppen, ihrer Verbündeten seit der Vertreibung des Königs (1962). Sie verließen den Jemen im Oktober letzten Jahres (1967) – als Folge der Niederlage gegen Israel – und jeder erwartete anschließend den Zusammenbruch der Republik. Sie kapitulierte jedoch nicht vor den Royalisten und fühlt sich heute sogar gefestigt. Zum Verdruß der Ägypter, deren militärisches Prestige dadurch erneut angeschlagen wird.
In der Tat, wenn zwanzigtausend ägyptische Soldaten es in fünf Jahren nicht geschafft haben, die Royalisten aus der Umgebung von Sanaa zu vertreiben, wie ist es dann möglich, daß die junge republikanische Armee, schlecht ausgerüstet und alleingelassen, die Royalisten schon drei Monate lang in Schach hält?
„Weil die ägyptische Armee nichts taugt“, erklärt uns ein republikanischer Offizier. „Im Jemen wurde es noch deutlicher als im Krieg gegen Israel. Dort wurde sie von einem überlegenen Gegner vernichtet, hier war sie nicht einmal fähig ein paar primitive Stämme zur Räson zu bringen. Als wir 1962 den Imam davonjagten, waren die Royalisten nur eine kleine Bande von Flüchtlingen. In den nächsten Jahren erlangten sie wieder die Herrschaft über die nördlichen Provinzen – trotz der Anwesenheit von 80 000 ägyptischen Soldaten. Das hat die arabische Welt erschüttert, und ich kenne einige Herren in Kairo, die Allah anflehen, uns – ihre Verbündeten – zu vernichten. Sie wünschen insgeheim den Sieg der Royalisten und tun alles, um uns zu demoralisieren.

Haß den Ägyptern

Das ist eine harte Sprache. Es ist jedoch nicht zu leugnen, daß die Ägypter das Signal zur Flucht der Ausländer aus Sanaa gaben, bald gefolgt von den Russen und ihren sozialistischen Freunden. Der Chef der UNO-Mission, ein Ägypter zog seine Mitarbeiter zurück, ohne das Hauptquartier der Vereinten Nationen zu konsultieren. Panik brach aus. Die ausländischen Diplomaten und Techniker sahen schon ihre Köpfe auf den Bajonetten der Royalisten und stürmten die Flugplätze. Der Konsul der DDR gab seinen Schützlingen nur eine einzige Stunde, um ihre Koffer zu packen. Als wir in Sanaa ankamen, trocknete ihre Wäsche noch auf den Terrassen der verlassenen Häuser, und die Weihnachtsgänse, eigens aus Ostberlin geschickt, verfaulten in leeren Küchen.
Anstatt sich abwartend nach Tais oder Hodeida zurückzuziehen wie ihre Ostblockkollegen, flohen die Techniker aus der DDR gleich bis nach Hause, obwohl ihre Arbeit, der Ausbau des Elektrizitätswerks, noch nicht beendet ist.
Die Chinesen hingegen sind geblieben und haben sogar die Zahl ihrer Ärzte und Techniker erhöht. Auch die Italiener, die jetzt alle westlichen Interessen vertreten, haben an Ansehen gewonnen. In ihren Büros halten vier Westdeutsche durch, deren Courage dem Ruf der Bundesrepublik mehr nutzt als jahrelange diplomatische Kleinarbeit.
Die kurze Geschichte der Republik Jemen klagt Ägypten des Kolonialismus an. Es klingt befremdend, dieses Wort auf ein Land zu beziehen, das sich selbst erst vor wenigen Jahren von fremder Herrschaft befreit hat und heute zu den radikalsten Vertretern des Anti-Imperialismus zählt. Aber im Jemen nennt man heute das Kind bei seinem Namen.
Als ägyptische Truppen der erst wenige Tage alten Republik im September 1962 zur Hilfe eilten, spielten sie Besatzungsmacht. Sie verhafteten alle, die sich Nassers Politik widersetzten. Sie folterten sie in den Gefängnissen von Tais und Sanaa oder brachten sie nach Ägypten, wo einige für immer verschwanden. Fünf Jahre lang herrschten Polizei und Geheimdienst.
Die Ägypter ließen nichts zurück als Haß. Die Straßen wurden von China und den USA gebaut, die Schulen und Krankenhäuser von Kuwait, Ungarn, Schweden, China und von amerikanischen Baptisten.
Kein Wunder, daß Nassers Porträt nur noch in wenigen Büros und Geschäften hängt; und auch dort nur, weil der revolutionäre Arabismus noch keine neues Symbol gefunden hat. Aber die Ablösung bahnt sich an, und zwar hier im Jemen. Deshalb ist dieser abseits liegende Krieg für die arabische Welt ebenso wichtig wie der Konflikt mit Israel.
Der Anspruch auf die Nachfolge des Nasserismus als Träger der arabischen Revolution wird heute offen von der nationalen Befreiungsfront gestellt, von der NLF, die in Aden die Engländer zum Abzug zwang und dort Ende November die Macht ergriff. Den neuen Staat am Zipfel der arabischen Halbinsel taufte sie „Volksrepublik Süd-Jemen“. Damit gab sie deutlich zu verstehen, daß sie sich zum Jemen gehörig fühlt und die Geschicke dieses Landes mitbestimmen will.
Sie tut es bereits. Ihr Fernziel ist, den Kampf ins Land des eigentlichen Feindes zu tragen: nach Saudi Arabien. Sie glaubt, daß die britischen Protektorate am Persischen Golf auch bald unabhängig werden und daß dort, genau wie in Aden, die NLF die Macht ergreifen wird. Dann hat sie Feisals Königreich in der Zange. Im übrigen werden die 300 000 jemenitischen Arbeiter in Saudi-Arabien, die den Großteil des Proletariats ausmachen, jetzt schon von der NLF kontrolliert. Das Heer ist unterwandert und die Öltürme können in die Luft fliegen, sobald die NLF es befiehlt. Das Material und die Männer sind bereits am Platze.
Im belagerten Sanaa ist es für uns, die einzigen Journalisten am Platze, leicht, mit Ministern und führenden NLF-Leuten zu sprechen. Sieben Tage leben wir im Rhythmus der belagerten Stadt: Nachts wird geschossen, in kleinen Gruppen angegriffen, Granaten explodieren in der Nähe unseres Hotels. Am Tage geht das Leben weiter wie im Frieden.
Jetzt wollen wir zu den Royalisten. Aus Sanaa kommen wir nur mit dem Flugzeug hinaus. Der Start verläuft glatt und undramatisch. Sobald wir in Tais sind, organisieren wir Pferde und Maultiere. Wir sind acht Tage lang unterwegs. Jedesmal, wenn wir uns den royalistischen Stämmen nähern, werden wir von den Republikanern zurückgeschickt. Aber die Reise lohnt sich.
Dieses Land, das oberflächliche Beobachter immer als ein kahles Wüstenscheichtum hinstellen, offenbart sich in seine grandiosen Schönheit: grüne Berge, die bis 4000 Meter aufsteigen. Kunstvoll angelegte Terrassen, auf denen Hirse, Korn und Kaffee wachsen. Männer, die beim Pflügen singen, um ihre Tiere in den richtigen Rhythmus zu bringen. Dörfer, die wie mittelalterliche Festungen anmuten. Häuser aus Quadersteinen, zehn Stockwerke hoch, massiv und drohend wie Burgen.
Jetzt verstehen wir, warum die Römer dies Land Arabia Felix, das „glückliche Arabien“, nannten. Es war heidnisch, dann jüdisch, dann christlich und wurde schließlich mohammedanisch. Wir entdecken Moscheen aus der Zeit Mohammeds, auf frühchristlichen Kirchen erbaut, die ihrerseits auf Tempeln ruhen, die aus der Zeit Salomons stammen. Und jeder Bauer kennt ihre Geschichte, jeder kann sogar lesen und schreiben. Es ist ein Land vor der „Unterentwicklung“, ohne Slums, unterbezahltes Proletariat und Konsumsucht.
Endlich scheint es uns zu gelingen, mit den Royalisten ins Gespräch zu kommen. Wir machen in einem Dorf halt, über dessen Häusern viele republikanische Fahnen wehen. Das erstaunt und, und wir wollen wissen, warum hier soviel Patriotismus an den Tag gelegt wird. „Weil da oben die Royalisten stehen“, erklärt der Dorfälteste.
Da oben, das ist ein Berg, der dreitausend Meter hoch in den Himmel ragt. Am nächsten Tag mache ich mich allein auf den Weg, um nicht viel Aufsehen zu erregen. Nach einer Stunde stoße ich auf Krieger, die mich vor ihren bärtigen Chef bringen. Ich erkläre, was ich vorhabe. Er aber sagt lächelnd: „Zehntausend Taler wird deine Zeitung zahlen müssen, wenn sie dich lebend wiedersehen will.“
Das paßt mir nicht. Ich rede mir den Mund fusselig, behaupte, daß so etwas für den Ruf des gesamten Jemen katastrophal wäre, sage schlimme internationale Verwicklungen voraus und appelliere an den Geist des Ramadan, des Fastenmonats, während dessen man doch nichts Böses tun sollte.
Der bärtige Krieger lacht nur: „Während des Ramadan sollte man auch nicht Krieg führen“, belehrt er mich. „Gleichzeitig aber steht geschrieben, daß jeder, der auf dem Schlachtfeld stirbt, schnurstracks in den Himmel fährt.“
„Auch Ungläubige?“ frage ich ungläubig.
„Wer Ungläubige tötet, kommt auf jeden Fall in den Himmel.“
Mir ist nicht wohl zumute. Da donnert plötzlich die Kanone, die das Ende der Fastenzeit für diesen Tag ankündigt. Die Männer stürmen in die Häuser zu den vollen Schüsseln. Der Chef nimmt mich mit. Wir essen und trinken wie Brüder. Dann begleitet er mich bis an den Fuß des Berges.
„Es war nur ein Spaß“, sagt er zum Abschied. „Wir sind gar keine Royalisten. Sag zu Hause deinen Leuten, es sei gar nicht wichtig, wer den Krieg gewinnt. Hauptsache: Der Geist der Gastfreundschaft geht nicht verloren. Sonst ist es um uns geschehen.“