In Venezuela

Stern, Heft 23, 4. Juni 1961 –

Die Stewardess zieht den Tisch aus der Rückenlehne des Vordersitzes und befestigt ihn über meinen Knien.

„Was gibt es?“ frage ich.

„Hummer.“

„Ach, schon wieder.“

Neben mir macht Claude Deffarge eine Grimasse, die man auch nicht gerade als feinschmeckerisch bezeichnen kann. Sind wir völlig versnobt? Nein. Wir rechnen nach: Es ist das zwanzigste Mal in vierzehn Tagen, dass wir Hummer essen. Wir wagen gar nicht, bis an den Anfang der Reise zurückzudenken; sicher würden wir sonst allein von der Vorstellung leberkrank.

In Haiti fängt es an: „Nehmen Sie Hummer, der ist frisch und kostet wenig.“ In San Salvador ging es weiter: „Warum nicht Hummer, der ist billiger als Fleisch?“ In Nicaragua, Costa Rica, in Panama, überall um das Karibische Meer gab es Hummer wie in Deutschland Bratkartoffeln mit Spiegeleiern und ungefähr zum gleichen Preis.

Der kleine Mann isst Reis mit Bohnen oder Bohnen mit Reis, aber jeder, der sich überhaupt etwas leisten kann, mag sich auf die „Delikatesse der Reichen“ stürzen, ohne seinen Geldbeutel sonderlich zu belasten. Hier ist eben alles verdreht.

Unter uns liegt Kolumbien. Dort herrschen kommunistische Generäle über ganze Provinzen. Kommunisten? Sicher nicht. Sie nennen sich nur selber so, weil dieses Wort hier mehr Prestige hat als Räuber oder Bandit. Es klingt auch viel ehrlicher, wenn man sich unter einer politischen Spitzmarke die Taschen vollstopft.

Ein wenig weiter sehen wir Maracaibo. Dreißigtausend Häuser klammern sich um die Bucht, aus der Venezuelas Reichtum fließt: das Öl. Bohrtürme stehen im Wasser, Brücken überspannen Flüsse, amerikanische Wagen blitzen in den Straßen – und nur fünfzig Kilometer westlich beginnt das Gebiet der Motilones. Indianer, von denen wir nichts wissen, starren aus ihren Bergen auf das Leben der Weißen und versuchen es zu deuten. Wenn sie näher hinsehen wollen, bleiben sie in elektrisch geladenen Drähten hängen oder sie werden von Kugeln zerrissen, von Metallen, die sie noch nicht entdeckt haben.

Alles hier ist anders. Keiner unserer Maßstäbe ist gültig, um die geografischen Dimensionen zu messen, die menschlichen Probleme zu verstehen, die politische Situation zu erklären. Wir können es uns nicht mehr erlauben, diesen Kontinent unter dem Einfluss des „Kulturschocks“ zu sehen, das heißt, indem wir einfach verurteilen, was uns nicht gleicht, und belächeln, was wir nicht begreifen. Indianer, die weniger arbeiten als ein deutscher Kumpel, sind keine faulen Kerle, sondern oft unterernährte Menschen, denen die Kraft fehlt. Frauen, die sich verkaufen, sind nicht unbedingt „Prostituierte“, sondern oftmals Mütter, die nicht sterben wollen. Hummer ist nicht über all die Speise der Reichen.

Auch die politische Vereinfachung in Kommunismus und Antikommunismus passt hier nicht hin. Ein Tyrann, der mit dem Heer regiert, ist kein Demokrat, wenn er auch ein Freund des Westens ist. Ein Mann, der nach Brot schreit, ist kein Kommunist. Er wird es aber, wenn man ihn lange so nennt.

Diese Erfahrungen wurden uns im Laufe der Reise ebenso häufig serviert wie Hummer. Wir haben auch gelernt, dass die anti-amerikanische Haltung der Massen, die aussichtslose Armut von Millionen, die rücksichtslose Ausbeutung durch falsche Demokraten ebenso viele Trümpfe in der Hand Fidel Castros sind.

Aber nun soll es anders werden. Wenigstens hat man es uns gesagt: In Venezuela sollen die Voraussetzungen bestehen, um eine Antwort auf Castros Herausforderung in Mittelamerika zu geben. Es ist das reichste Land dieser Gegend und, was entscheidend ist, der einzige wirklich demokratische Staat am Ufer des Karibischen Meeres.

Der Exkommunist und jetzt liberale Romulo Betancourt gelangte durch freie Wahlen legal zur Präsidentschaft. Wenn es ihm gelingt, auf demokratischem Wege das Lebensniveau des Volkes zu heben und die sozialen Spannungen zu mildern, wenn er beweist, dass man auch ohne totalitäre Maßnahmen Reformen durchführen kann, die zu Unabhängigkeit und Wohlstand führen, dann wird das Beispiel Venezuelas das beste Bollwerk gegen den „Fidelismus“ sein. Genau wie der Wettkampf zwischen Indien und China die politische Zukunft Südostasiens bestimmen wird, genauso, hatte man uns gesagt, wird Erfolg oder Scheitern des venezolanischen Experiments entscheiden, ob Lateinamerika demokratisch wird oder „fidelistisch“. Venezuela soll das Schaufenster des Westens in Lateinamerika werden. Wie groß sind die Chancen?

Schon bei unserer Ankunft in Caracas nehmen uns die Zeitungen unsere Illusionen. „Die Grundgesetze sind vorübergehend aufgehoben“, erklärten die Schlagzeilen. „Ausnahmezustand“, „Zensur“, „Verhaftung“ sind Worte, die immer wieder vorkommen und ahnen lassen, dass man hier die Demokratie nicht „demokratisch“ retten kann.

Ein Blick auf die Hauptstadt genügt, um einen Teil der Schwierigkeiten zu verstehen, mit denen Betancourt fertig werden muss. Hier liegt der architektonisch kühnste, der teuerste, der protzigste Häuserhaufen, den man sich vorstellen kann. Wolkenkratzer, vierspurige Avenuen, Pariser Modegeschäfte, unendliche Schlangen von amerikanischen Autos und Preise, wie sie New York nicht kennt, stehen in keinem Verhältnis zum Lebensstandard der sechseinhalb Millionen Einwohner des Landes.

Caracas ist wie eine kokette Frau, die das gesamte Haushaltsgeld verpulvert, ohne sich darum zu kümmern, ob der Rest der Familie zu Grunde geht.

Das Haushaltsgeld von Venezuela stammt in der Hauptsache aus dem Öl, das man vor 35 Jahren im Norden des Landes gefunden hat: zwei Millionen Dollar täglich. Hiermit hätten sozial denkende Politiker einen vorbildlichen Wohlfahrtsstaat aufbauen können. Aber was ist geschehen? In einem Land, in dem Macht und Bereicherung identisch sind, haben Korruption und Spekulation das Geld in wenige Hände gespielt. Caracas ist entstanden. Ein Haufen von totem Zement anstelle von produktiven Anlagen im Inneren des Landes. Die „Familie“ ist am Verhungern, während die kokette Stadt im Geld schwimmt.

Nirgends in Lateinamerika sind die Unterschiede zwischen Reichtum und Not so groß wie in Venezuela, obwohl – oder gerade weil die Einkünfte hier so mühelos flossen. Aus demselben Grund hat man kaum daran gedacht, neue Industrien und damit neue Einnahmequellen zu schaffen. Und heute befindet sich Venezuela in einer wirtschaftlich nicht minder gefährlichen Lage wie Kuba vor Fidel Castro: Sein Volkseinkommen hat nur eine einzige Quelle. In Kuba war es der Zucker. Hier ist es das Öl. Eine kleine Preisschwankung auf dem Weltmarkt kann zur Katastrophe führen. Und man kann schon jetzt die Entwicklung voraussehen: Das Öl wird billiger, die Reserven werden größer, die Produzenten zahlreicher.

Nach dem Rausch des schwarzen Goldes kommt die Ernüchterung. Die Grundstücksspekulation, das bisher einträglichste Geschäft, bricht zusammen. Es wird nicht mehr gebaut. Zweihunderttausend Männer verlieren ihre Arbeit allein in dieser Branche, und das allein in Caracas. Dreihunderttausend andere, die der Hunger vom vernachlässigten Land in die Hauptstadt getrieben hatte, wo sie in Holz- und Blechhütten ein unmenschliches Dasein führen, sind plötzlich jeder Hoffnung beraubt, auch nur einen Pfennig zu verdienen.

Um die wachsende Unzufriedenheit teilweise aufzufangen, sieht Präsident Betancourt sich gezwungen, immer mehr Leute in der Verwaltung zu beschäftigen. Für die Arbeit, die ein Mann spielend erledigen könnte, sind jetzt drei da oder sogar vier. In den Büros gibt es nur noch Stehplätze. Und viele Köche verderben den Brei. Um ein Päckchen mit Fotos vom Zoll abzuholen, musste ich zwei Tage Schlange stehen und durch sechs Instanzen gehen.

Diese Beamteninflation trägt sicher zur politischen Stabilität bei, weil sie den Großteil der Menschen, die lesen und schreiben können, unmittelbar an das Schicksal der Regierung bindet. Für die Gesundung des Landes ist sie bestimmt nicht die richtige Medizin. Die Staatskasse wird überlastet. Die Gehälter können jedoch nicht hoch genug sein, um das Hauptübel aller lateinamerikanischen Regierungen auszurotten: die Korruption. Deshalb ist es auch belanglos, welche Gesetze man erlässt. Sie mögen noch so fortschrittlich sein, auf dem Weg zur Anwendung werden sie von den ausführenden Organen meistbietend „verkauft“. Der kleine Mann liest sie nur in den Zeitungen, und seine Proteste gelangen nie nach oben. Es bleibt ihm nur noch die Straße, um sich Gehör zu verschaffen. Um das zu vermeiden, hebt man die Grundgesetze auf. Und um das zu tun, muss man Gewalt anwenden. Es ist ein verzweifeltes Rennen nach Sicherheit und Ruhe, in dem die demokratischen Ansätze unweigerlich untergehen. Und je mehr die Freiheit beschnitten wird, umso gespannter wird die Lage.

Ist eine echte Demokratie hier überhaupt möglich? Bestehen irgendwo in Mittelamerika die nötigen Voraussetzungen? Kann der Westen demokratischen Versuchen zum Erfolg verhelfen? Gibt es überhaupt noch Chancen, die westlichen Stellungen zu halten? Dies sind Fragen, die wir während der ganzen Reise gestellt haben. Die Antworten, die sowohl Menschen wie Situationen darauf gegeben haben, waren uns nicht angenehm und werden auch vielen Lesern nicht gefallen.

Freie Wahlen sind die Grundpfeiler der Demokratie. Außer in Kuba wird in allen Ländern des karibischen Raums gewählt. Sind diese Staaten also Demokratien? Nein, mit der Ausnahme von Costa Rica. Gewalt und Geld liegen in wenigen Händen. Es ist deshalb einfach, Stimmen zu erzwingen, zu kaufen oder kurzerhand zu fälschen. Am Tag des demokratischen Alibis sind es nicht die Ideen, Versprechungen, Programme, die den Menschen zur Urne treiben, sondern es ist Macht. Unter dem Deckmantel der Demokratie leistet man der Freiheit einen Henkersdienst. Wenn man Institutionen missbraucht, vernichtet man für Generationen jedes Vertrauen in sie.

Als Castro am 1. Mai die Kubaner fragte: „Wollt ihr Wahlen?“, da haben sie nicht aus Zufall oder aus Angst „nein“ geschrien. Sie wissen, was Wahlen hier bedeuten: den Sieg dessen, der die Macht hat.

Castro ist sicher kein Demokrat, aber er hat mehrere entscheidende Vorzüge gegenüber allen Voll- und Halbdespoten, die jenen guten Namen missbrauchen: Er gibt es offen zu. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern und Nachbarn ist Macht für ihn nicht ein Mittel zur persönlichen Bereicherung und die Wirtschaft des Landes nicht der exklusive Vergnügungspark einiger reicher Freunde. Er hat die erdrückende Mehrheit der Kubaner hinter sich, weil er offensichtlich die Macht und die Wirtschaft in ihren Dienst stellen will, um Kuba in eine Arbeiterrepublik zu verwandeln, in der jeder zu essen hat, jeder arbeiten darf, jeder lesen und schreiben kann.

Dass all die Millionen, die im Pseudo-Demokratien hungern, arbeitslos sind und keine Schulen haben, ein solches Beispiel begeistert begrüßen, ist nicht verwunderlich. Denn für sie lautet die Alternative nicht: Freiheit oder Versklavung, sondern: Hunger oder Hoffnung. Selbst wenn in Mittelamerika auf dem Lande die Nachricht verbreitet wird, Castro kollektiviere alle Frauen und Kinder, werden diese plumpen Propagandatricks kaum verhindern können, dass die kubanische Revolution alle zum Träumen und viele zum Handeln führen wird.

Von Mexiko bis Venezuela ist nicht der Industriearbeiter der entscheidende Faktor sozialer Unruhen. Es ist das Landproletariat. Mehr als achtzig Prozent der Menschen leben von der Landwirtschaft. Weniger als fünf Prozent besitzen den Großteil des bebaubaren Landes. Wenn man die Ungenauigkeit einheimischer Statistiken berücksichtigt und vor jeder Übertreibung sicher sein will, kann man sagen, dass über die Hälfte der Bevölkerung aus Landarbeitern besteht, von denen viele nur während weniger Monate im Jahr beschäftigt sind.

Das Landproblem ist deshalb heute der Grund aller Revolutionen in Mittelamerika. Die Besitzlosen verlangen die Auflösung des Großgrundbesitzes. Jedoch wenn das Land aufgeteilt wird, sind die Bauern meist ärmer als zuvor. In Venezuela zum Beispiel hat Betancourt in einigen Teilen des Landes eine gemäßigte Landreform durchgeführt. Damit hat er zunächst die Unzufriedenheit der Bauern gemildert und neue politische Anhänger gefunden. Aber für wie lange? Es fehlen die nötigen Kredite, die aus den neu geschaffenen kleinen Höfen rentable Unternehmen machen würden. Wer kaum Geld für einen Spaten hat, kann sich keine Saat oder Traktoren kaufen. – In anderen Ländern sind ähnliche Reformen in kleinem Ausmaß als soziale Beruhigungspillen verschrieben worden. Mit dem gleichen Erfolg.

Die kubanische Revolution hingegen hat das Landproblem in radikaler Form gelöst. Sie hat das Land in drei Kategorien aufgeteilt: Staatsfarmen, Genossenschaften, Privatbesitz. Die großen Besitzungen (Zuckerplantagen und Viehzucht), die ihren Eigentümern viel Geld einbrachten, aber wenig Arbeit und Nahrung boten, sind in öffentlichen Besitz übergegangen. Ganz gleich, ob sie die Form einer Kollektivfarm oder einer Genossenschaft angenommen haben, der Umsturz bedeutet, dass die Erde nicht mehr brachliegt (Vieh) oder nur einer Bodenkultur dient (Zucker), sondern intensiv und verschiedenartig bebaut wird. Neben der Tatsache, dass endlich im Inland ausreichend Nahrung für die Kubaner erzeugt wird, heißt dies: Bauern, deren festes Gehalt weit über ihrem früheren Einkommen steht, können jetzt das ganze Jahr über pflanzen und ernten, anstatt als Plantagenarbeiter nur während drei bis vier Monaten im Jahr beschäftigt zu sein. Wer Mittelamerika kennt, weiß, was das bedeutet. Der Privatbesitz ist heute auf dreißig Caballerias (1000 Morgen) beschränkt und nur dort neu geschaffen worden, wo er sich rentiert.

Natürlich bezeichnen Castros bedrängten Nachbarn die kubanischen Methoden als Verrat am Volke. „Auflösung des Großgrundbesitzes“, sagen sie, „darf nur Aufteilung des Landes unter die Bauern sein und nicht Verstaatlichung.“

Castro könnte antworten, dass er in zwei Jahren die Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse beträchtlich gesteigert hat. Er könnte ihnen vorhalten, dass es heute in Kuba dank der Landverteilung, doppelt so viele Besitzer gibt wie früher. Aber das ist für Mittelamerika ohne große Bedeutung. Die Besitzlosen an den Ufern des Karibischen Meeres brauchen diese Rechtfertigung der kubanischen Revolution nicht, um an sie zu glauben. Sie wollen ja nicht unbedingt besitzen. Das Gefühl der „Scholle, an der man hängt“, hat es für sie nie gegeben. Wenn sie von Landreform sprechen, dann wollen die Besitzlosen der Willkür des Großgrundbesitzers entkommen und seiner politischen Macht: dem Polizisten, der den Großgrundbesitzer schützt, und der Regierung, der er befiehlt. Nach hundert Jahren Unbeständigkeit und Willkür wollen sie keinen Besitz, sondern Sicherheit. Und das ist es, was die kubanische Revolution ihnen verspricht. Auf lange Sicht ist diese Verlockung unwiderstehlich.

Die Antwort des Westens ist Präsident Kennedys neues Hilfsprogramm für Lateinamerika. Es ist ein kühner Versuch, die Beziehungen der Vereinigten Staaten zu ihren südlichen Nachbarn radikal zu ändern. Er nennt es: „Das Bündnis für den Fortschritt“. Anstatt einfach Dollar in die bedrohten Länder zu pumpen, sollen nur jene Staaten Hilfe erhalten, die bereit sind, wirtschaftliche und politische Reformen durchzuführen. Diese Haltung ist revolutionär. Sie ist bezeichnend für die neuen Gesichtspunkte, unter denen Washington von nun an den Kalten Krieg um die hungrigen Nationen führen will. Es handelt sich nicht mehr darum, um jeden Preis den Status quo zu verteidigen und somit alle Pseudo-Demokraten zu den Verteidigern der freien Welt zu machen. Kennedy will sie zwingen, dem Fortschritt zu dienen.

Nun ist es leider unmöglich, wie man uns oft auf dieser Reise sagte, von Haifischen zu verlangen, dass sie Vegetarier werden. Das amerikanische Angebot wurde Regierungen gemacht, die jeder Art Revolution feindlich gegenüberstehen, sei sie gut oder schlecht. Selbst wenn das von den USA bereitgestellte Geld nicht so offensichtlich unzureichend wäre, könnte kaum jemand erwarten, dass eingefleischte Konservative plötzlich sozial-revolutionäre Politik treiben. Sie hängen unmittelbar von den Großgrundbesitzern und dem „Big Business“ ab, den Opfern und deshalb den Feinden der Reform, die Kennedy vorschreiben will.

Es bleibt also in erster Linie Venezuela. Gegen welche Schwierigkeiten Betancourt kämpfen muss, haben wir in Caracas und in der Provinz gesehen. Warum aber auch Kennedys neue Linie nur wenige Chancen auf Erfolg hat, entdeckten wir erst nach vielen Gesprächen, in denen immer wieder vom „Dilemma der Freiheit“ die Rede war. Eine recht simple Erklärung fanden wir auf dem Berg, an dessen Fuß Caracas liegt.

Dort steht, tausend Meter über der Stadt, ein ultramodernes Hotel. Rund wie der Turm von Pisa, einsam und erhaben wie Charles de Gaulle. Zur Anfahrt dient eine Drahtseilbahn, sie ist ebenfalls ganz modern. – Als wir in die Bar gehen wollen, müssen wir Eintrittsgeld zahlen. „Hier darf nur reiches Publikum rein“, sagt ein Portier. „Man muss das Defizit ausgleichen“, erklärt ein anderer. „In vielen Orten des Landes finden Sie Hotels wie dieses. Sie wurden für Touristen gebaut. Aber seit Betancourt an der Macht ist, bleiben die Ausländer fort. Wir machen pleite.“

„Seit Betancourt an der Macht ist.“ Dieser Satz kommt immer wieder vor, sei es, um die massive Rückwanderung der europäischen Emigranten zu erklären, die Kapitalflucht oder das Ausbleiben der Touristen.

Wenn ich hier, von diesem einsamen Turm, der sich „Hotel Humboldt“ nennt, auf Caracas schaue, verstehe ich, warum Vergnügen- und Ruhesuchende ihr Geld lieber woanders ausgeben. Rund um die Stadt ziehen sich kleine Hügel mit erbärmlichen Baracken. Dreihunderttausend Menschen ohne Arbeit haben hier Stellungen bezogen, die wie Bettlerburgen aussehen und Caracas einschließen. Der Hunger belagert die Stadt. Hier kann es keine Sicherheit geben.

Der Tourist ist ein typischer Vertreter der Privatwirtschaft. Er geht dorthin, wo es ihm gefällt, und gibt sein Geld dort aus, wo er etwas dafür bekommt. Wenn Unruhen in der Luft liegen, sucht er sich was Ruhigeres. Deshalb steht das Hotel Humboldt leer, „seit Betancourt an der Macht ist“.

Und genau wie der Tourist benimmt sich das private Kapital, „seit Betancourt an der Macht ist“.

Vor Betancourt herrschte der Diktator Pérez Jiménez. Er gab auf seine Art Ruhe und Sicherheit, also jene Garantien, die privates Kapital verlangt, um zu kommen und zu bleiben: Das Heer sorgte für Ordnung.

Nun wird das Land plötzlich zur Demokratie. Die bis dahin unterdrückten Kräfte dürfen sich betätigen. Die sozialen Unterschiede werden politische Tendenzen. Mit den Bajonetten verschwindet die Propaganda, und das Erbe der Militärdiktatur wird sichtbar. Man entdeckt das wahre Gesicht Venezuelas und schaut erschrocken hin: In keinem Land sind die Reichen reicher und die Armen ärmer, in keinem Land ist das Volk so anti-amerikanisch und die Opposition so Kuba freundlich, nirgends ist das Heer versessener darauf, die Macht wieder an sich zu reißen, selten musste eine Demokratie so schnell die Freiheit aufgeben, um den offenen Konflikt zu vermeiden.

Dass in einem solchen Klima kein privates Kapital sich wohl fühlen kann, ist verständlich. Es wandert in weniger turbulente Länder aus. Und die venezolanische Wirtschaft bricht noch mehr zusammen. Die Zahl der Arbeitslosen steigt. Die Ursachen der Unruhen mehren sich und mit ihnen wiederum die Gründe zur Kapitalflucht. Und so weiter.

So muss jede embryonale Demokratie tot geboren werden. Als Endstationen bleiben: die Rückkehr zur Militärdiktatur, was Aufschub bedeutet, aber keine Lösung, oder die Machtübernahme durch die Massen. Das Bild ist nicht rosig. Es ist paradox, dass die Ungebundenheit des Kapitals, dieses Grundprinzip unserer freien Wirtschaft, das Entstehen der Demokratie überall dort verhindert, wo jahrzehntelange Stauung sozialer Spannungen zu schnellen Lösung zwingt.

Washington mag Hunderte von Millionen Dollar ins Land pumpen. Es wird nie die Lücke ausfüllen, noch die Initiative ersetzen können, die das abgewanderte Privatkapital hinterlassen hat. Andererseits kann Präsident Kennedy niemanden zwingen, sein Geld auf dem Altar der Demokratie zu opfern.

Hier liegt das Dilemma der Freien Welt in Gebieten wie Mittelamerika. Es kann nur politisch gelöst werden, indem Präsident Kennedy sein Programm radikalisiert und sich offen zur sozialen Revolution bekennt. Es genügt nicht mehr, Reformen zu empfehlen und widerspenstige Regierung von ihrer Notwendigkeit überzeugen zu wollen. Washington muss jene Tendenzen unterstützen, die solche Reformen verlangen, selbst wenn sie gegen gewisse private Interessen des Westens sind, und solche Lösung des sozialen Problems vertreten, die kaum ins Konzept des Kapitalismus passen. Denn was auch geschieht, die radikalen Strömungen werden hier überall in absehbarer Zeit die Macht ergreifen, ob wir es wollen oder nicht. Wenn der Westen kein Verständnis zeigt, bringt er sie endgültig ins kommunistische Lager. Wenn er durch rechtzeitige Unterstützung ihr Freund wird, kann er helfen, die anfangs notwendigerweise „gelenkte Demokratie“ zu einem Rechtsstaat zu machen.

Ich weiß, all das mag übertrieben klingen, aber es gibt kaum einen verantwortungsbewussten Politiker in diesem Teil der Welt, der uns diese Überlegungen nicht vorgetragen hat. Auch in Amerika vertreten Senatoren und Universitätsprofessoren heute gleiche Meinungen. Dr. Raul Prebisch, der Chef der wirtschaftlichen Kommission für Lateinamerika in den Vereinten Nationen, sagte: „Ich glaube nicht, dass es noch viele andere Gelegenheiten geben wird. Wir haben heute noch die Möglichkeit, etwas Neues zu schaffen, das zutiefst die Art des Lebens und der Produktion in Lateinamerika ändern wird. Wenn wir sie nicht wahrnehmen, werden die neuen Generationen eine Welt ablehnen, die wir aus Unfähigkeit nicht änderten, und eine andere aufbauen, die nicht der entsprechen mag, die wir für sie gewünscht hätten.“