Die Maffia regiert Sizilien

 Stern, Heft 16,  16. April 1960 –

Durch die Weltpresse ging vor kurzem die Meldung, daß vier Mönche eines sizilianischen Kapuzinerklosters wegen Erpressung, Mithilfe bei Morden und Brandstiftung verhaftet worden sind. Die Stern-Reporter Gordian Troeller und Claude Deffarge besuchten diese Mönche zehn Tage vor ihrer Verhaftung. Dieser Besuch unserer Reporter mag mit dazu beigetragen haben, daß viele seit Jahren bekannte Verbrechen nicht mehr länger vertuscht werden konnten.

Als die Sonne hinter den Bergen unterging und Mazzarino, die kleine malerische Stadt im Herzen Siziliens in Gold und Purpur tauchte, schritt Angelo Cannada eiligst in sein Haus und verriegelte Türen und Fenster. „Du zahlst zwei Millionen oder du stirbst“, stand in den Briefen, die er seit einer Woche erhielt, und der Satz war zum lebensbestimmenden Albtraum geworden.
Er wollte nicht sterben. Aber er wollte auch nicht zahlen. Wenigstens nicht alles und nicht auf einmal. Er wußte, daß es eines Tages zur Abrechnung kommen mußte, denn die Maffia läßt nie locker, wenn sie einmal ein Opfer ausgesucht hat; vielleicht konnte er mit ihr verhandeln und den Preis drücken. Für eine Million weniger lohnte es sich schon, etwas ‚Angst zu haben. Zur Polizei zu gehen, wäre Irrsinn gewesen, damit hätte er sein Todesurteil unwiderruflich selber unterschrieben. Es war besser zu schweigen, zu warten und zu hoffen.
Er hatte genügend Geld, viel Geld. Das wußte auch die Maffia. Seine Ländereien, das schöne Landhaus und die Villa in der Stadt konnten nicht lügen. Und doch hatte Angelo Cannada sich entschlossen, um jeden Pfennig zu kämpfen.
Als er nachdenklich auf seinen Sohn blickt, der einmal all dies erben soll, klopft es an die Tür. „Ich bin’s, Padre Carmelo.“
Cannada atmet erleichtert auf, als er die vertraute Stimme des Mönchs vernimmt, der seit fünfzig Jahren die Messe in seiner Privatkapppelle liest und der Seelsorger seiner Familie ist. „Willkommen Pater“, ruft er freudig. „Gott sei mit dir, mein Sohn.“
Der alte Mönch läßt sich erschöpft auf einen Stuhl fallen. „Du hast schon vier Briefe erhalten und nicht geantwortet“, sagt er vorwurfsvoll. „Du mußt zahlen, mein Sohn, und zwar sofort. Man will das Geld spätestens morgen haben.“ – „Wer, man?“ möchte Cannada wissen. – „Leute, die ich nicht kenne“, antwortet der Mönch ausweichend.
Beide Männer diskutieren bis spät in die Nacht. Trotz der Beredsamkeit des greisen Mönchs bleibt Cannadas Geiz größer als seine Angst. „Ich bin bereit, 250 000 Lire zu zahlen“, ruft er zum Schluß. Er ergreift die Hand seines Seelsorgers. „Ich stelle mich unter Ihren Schutz, Padre. Unter den Schutz Gottes.“ Der Mönch erhebt sich mühsam. „Gott ist Gott“, sagt er, „aber nur wir selber können dafür sorgen, daß wir nicht getötet werden.“
In den folgenden Tagen versuchen noch drei weitere Mönche des Kapuzinerklosters von Mazzarino, den Bauern Cannada zur Vernunft zu bringen, aber jedesmal bittet er um Bedenkzeit oder versucht, den Preis zu drücken.
Am 28. Mai 1958 wird er vor den Augen seiner Frau und seines Sohnes von drei maskierten Männern erschossen. Die Lupara reißt ihm ein großes Loch in den Leib.
Eine Lupara ist ein Jagdgewehr, dessen Lauf auf halber Länge abgesägt ist, was die Streuung bedeutend verbreitert. Ein Schuß mit zwölf erbsengroßen Schrotkörnern kann mit einer solchen Waffe das Opfer nicht verfehlen. Die Lupara ist die typische Waffe der Mafia, sie ist handlich und kann leicht unter den weiten Mänteln der Bauern versteckt werden.
Obwohl Angelo Cannada mit dem Leben bezahlt hat, verlangt die Maffia ihr Geld. Im Hause der Hinterbliebenen liest Padre Carmelo die Totenmesse. Anschließend beschwört er die Witwe: „Nun mußt du zahlen. Man will jetzt zehn Millionen oder das Leben deines Sohnes.“ Frau Cannada ist nicht erschrocken, sie ist echte Sizilianerin und kennt die Spielregeln. Auch sie will handeln, und man einigt sich auf drei Millionen, zahlbar in sechs monatlichen Raten von 500 000 Lire, die der achtzigjährige Mönch selber kassiert. „Aber ja nicht die Nummern der Banknoten notieren“, warnt er, „sonst weißt du, was passiert.“
Er und seine Brüder kassieren auch bei anderen. Die wohlhabenden Bürger von Mazzarino haben mittlerweile so viele Drohbriefe erhalten, daß selbst die Polizei davon erfährt. Alle Briefe sind mit der gleichen Maschine geschrieben. In einer kleinen Stadt wie Mazzarino gibt es nicht viele Schreibmaschinen. Es ist deshalb auch nicht schwer, festzustellen, daß die Drohbriefe auf der Maschine des Kapuzinerklosters geschrieben wurden. Dort findet man auch eine Lupara und einige schwarze Seidenstrümpfe, wie Banditen sie zur Maskierung über den Kopf ziehen.
„Wir handelten unter Zwang, unter Drohung unseres Gärtners“, erklären die Mönche.
Dieser Gärtner ist Analphabet, er kann also keine Briefe tippen. Als man ihn dennoch verhaften will, ist er verschwunden. In Genua kommt man ihm wieder auf die Spur, als er sich anschickt, eine Villa zu kaufen. Er wird in das Gefängnis von Caltanissetta übergeführt und verhört.
„Ich bin nur ein Werkzeug in den Händen mächtiger Herren“, beteuert er. Er hat noch keine Namen genannt, aber am nächsten Morgen schon wird er erhängt in seiner Zelle aufgefunden. Selbstmord, sagt die Polizei. Und in Mazzarino geht das Erpressen weiter.
Plötzlich ist die Lupara der Mönche nicht mehr im Kloster, sondern man entdeckt sie im Hause eines Landarbeiters. Also muß er der Mörder sein. Man entdeckt auch zwei seiner Komplicen, aber keiner nennt die Namen der Auftraggeber. Die drei kleinen Fische werden verhaftet, aber nie verurteilt. Große Fische sind mittlerweile nach Mazzarino gekommen, der Landeschef der Mafia mit bekannten Abgeordneten, und alles wird vergessen, keiner spricht mehr von den Mönchen und ihren mysteriösen Verbindungen zu ungenannten Mafiafürsten. Im Kloster wird weiter die Messe gelesen, und die Mönche halten Gottesdienst in den Kirchen der Stadt.
Bis hierher hatten wir die Geschichte verfolgt. Als wir dann am 7. Februar im Kapuzinerkloster von Mazzarino vorsprechen, finden wir Padre Vittorio da Gela, den Besitzer der Schreibmaschine, wie er mit den Kindern des Ortes ein Theaterstück für den Karneval einübt. Er empfängt uns mit offenen Armen. Touristen kommen selten nach Mazzerino, und er ist froh, die kleinen Kunstschätze des Klosters aus dem achtzehnten Jahrhundert zeigen zu können, auf die sein Orden stolz ist.
Wir haben kaum Zeit, einige Aufnahmen zu machen, da hören wir das Geknatter eines Motorrades, und der Brigadiere Noviello, Chef der Polizei von Mazzarino, stürzt auf Padre Noviello zu.
„Das sind keine Touristen“, flüstert er, „das sind Journalisten.“ Der Mönch wird förmlich grün im Gesicht. Er reicht uns nicht die Hand zum Abschied, er grüßt uns nicht. Wir müssen gehen.
Jetzt will der Polizeichef auch noch wissen, wie lange wir in Mazzarino bleiben wollen, ob und wo wir essen werden, wen wir hier kennen. Zwei uniformierte Polizisten begleiten uns von nun ab auf Schritt und Tritt. Während wir in der einzigen Wirtschaft des Ortes einen Kaffee trinken, erscheint der Polizeichef wieder und fordert uns auf, ihm in die Kaserne der Carabinieri zu folgen.
„Warum?“ will ich wissen.
„Identifikation“, sagt er, „Paßkontrolle.“
„Das können Sie auch hier machen.“
„Nein, in der Kaserne.“
„Nur wenn Sie uns verhaften“, antworte ich, „der Besuch eines Klosters scheint mir kein triftiger Grund zum Abführen.“
Wir diskutieren. Er wird böse, rennt davon, telefoniert, kommt zurück und befiehlt uns wieder in die Kaserne. Aber wir bleiben fest. Nur unter Anwendung von Gewalt. Er wird unsicher.
„Ich werde Ihr Konsulat anrufen“, brüllt er, „die müssen Sie verhaften.“
„Warum?“
Sein Unterkiefer klappt herunter und bleibt dort bewegungslos während eine Minute stehen. Er denkt sehr angestrengt, kommt aber zu keinem Entschluß und zieht sich zurück. Zwei seiner Leute bleiben uns auf den Fersen.
Als wir endlich im Wagen den Ort verlassen, geht der Tanz wieder los. Ich weiß nicht, wer ihm Anweisungen gibt, ob es seine Vorgesetzten in Caltanissetta sind, die Mönche oder die Maffia; auf alle Fälle ist der Kerl diensteifrig und zäh. Aber auch wir geben nicht nach. Wir bestehen auf Anwendung physischer Gewalt, wenn er uns in die Kaserne bringen will. Nach langem Hin und Her einigen wir uns auf einen Kompromiß. Im Auto wird er unsere Papiere kontrollieren. Er tut es und schreibt gewissenhaft jedes Wort ab.
Unsere sizilianischen Kollegen in Caltanissetta sind empört, als sie von dem Zwischenfall erfahren. Artikel werden geschrieben und die Föderation der Journalisten macht einen Protestbesuch bei dem Polizeichef der Provinz.
Eine Woche später werden die Mönche endlich der Justiz übergeben. In den Banken entdeckt man dicke Konten auf die weltlichen Namen dieser Männer, die, als sie die Kutte anzogen, das Gelübde der Armut ablegten. Nur ein alter Kapuziner darf im Kloster bleiben. Als seine Brüder abgeführt werden, stehen Tränen in seinen Augen; aber Padre Vittorio tröstet ihn. Er erhebt die Arme zum Himmel und ruft:“Vergiß nicht Bruder, die Wege des Herrn sind unermeßlich …“

Ich erzähle diese Geschichte nur deshalb, weil sie zu unseren stärksten sizilianischen Erlebnissen gehört und man beim besten Willen kein besseres Beispiel finden kann, das in so zusammenfassender Form das psychologische, politische und grotesk kriminelle Klima Siziliens beschreibt. Daß es sich hier um Mönche handelt, hat nichts mit christlichem Glauben und Kirche zu tun, es zeigt nur wie allgemein und stark die „Mentalität der Maffia“ im sizilianischen Menschen verankert sein muß, wenn selbst Kutte und Gelübde sie nicht zum Schweigen bringen können. Maffia ist nämlich nicht nur eine verbrecherische Organisation, Maffia ist ein Geisteszustand, der kriminelles Handeln zum Ausdruck innerer Unabhängigkeit erhoben hat.
Der Ursprung dieser Haltung liegt Tausende von Jahren zurück. In geschichtlichen Zeiten ist Sizilien nie von Sizilianern regiert worden, sondern immer nur von fremden Eroberern. Heer, Polizei und Gesetz, diese sichtbaren Verkörperungen der Macht, wurden gehaßt und abgelehnt: besonders im letzten Jahrtausend, in dem Araber, Normannen, Deutsche, Spanier, Franzosen und Italiener als Herren der Insel sich ablösten. Wer zur Polizei ging, stellte sich auf die Seite des Eroberers, gegen das Volk. Er beging Verrat. Hier liegt der Ursprung der Omertà, der Pflicht des Schweigens, die die Grundlage der maffiesken Mentalität ist. Sie war zunächst der passive Widerstand gegen die fremden Machthaber.

Es war unvermeidlich, daß in einer Welt, deren oberstes Gesetz es ist, das Gesetz zu brechen, die Mafifa geboren wurde. Zunächst war ihre Rolle recht ehrenvoll: Sie hatte die Aufgabe, in geheimen Gerichten über die Interessen der Sizilianer zu wachen. Man nannte sie die „Ehrwürdige Gesellschaft“. Aber sie blieb es nicht lange. Sie wurde mächtig, weil das Volk ihr hörig war: Menschen, für die ein Verbrechen kein Verbrechen ist, weil fremde Gesetze das Handeln bestimmen wollen, – besonders dann, wenn Not und Armut zum Verbrechen zwingen.
So entwickelte sich die Maffia von einer patriotischen Widerstandsbewegung zur größten Verbrecherorganisation aller Zeiten. Sie kontrolliert heute den Viehhandel und die Klöster, die Märkte und die Prinzen, die Fischerei und die gesamt sizilianische Politik. Auch außerhalb Siziliens hat sie ein Reich aufgebaut, das seinesgleichen sucht. Der Rauschgifthandel der ganzen Welt gehört ihr. Ihre Agenten fahren unter jeder Flagge, auf allen Meeren. Die Unterwelt von Chicago, New York und San Francisco wird von ihr regiert. Las Vegas ist ihre vollendetste Schöpfung. Und im Heimatland Sizilien hat sie einen unerschöpflichen Vorrat an Menschen, arme, verhungerte Kerle, die leben wollen und seit ihrer Geburt nur die Gesetze der Maffia kennen.
Um offiziell zur Mafia zu gehören, muß man ein Verbrechen begangen haben. Wir haben junge Menschen gesehen, fast noch Kinder, die nicht nur aus Not zum Messer gegriffen hatten, sondern auch um endlich die Taufe des Blutes zu empfangen, ohne die sie vielleicht mentalitätsmäßig „Maffiosi“ sind, aber nicht das Recht beanspruchen können, zur Maffia zu gehören. Für sie, für die meisten Sizilianer, ist die Maffia immer noch die „Ehrwürdige Gesellschaft“. Für die Reichen verkörpert sie am reinsten die hochmütige Auffassung des Sizilianers, das Recht in sich zu tragen. Für die Armen bedeutet sie eine „würdevolle“ Entschuldigung für den Zwang zum Stehlen.
„Maffioso“ ist deshalb kein Schimpfwort wie bei uns etwa „Dieb“ oder „Mörder“. Arme Mütter nennen ihre Kinder stolz und liebevoll „Maffioso“, wenn sie stürmisch, eigenwillig und hübsch sind. Und die Reichen nennen ein Pferd „Maffioso“ oder einen Stier, wenn sie Rasse und Temperament zeigen.
Die Maffia ist die reinste Verkörperung der sizilianischen Mentalität: der selbstherrlich asoziale Stolz, der sich im Laufe der Jahrhunderte abnutzt und zu eigennütziger, antisozialer Willkür wird: das Gesetz, das fordert, zu brechen, und somit erlaubt, zu leben.
Aber das ist unmöglich, wird man mir zurufen, daß die Mehrheit eines ganzen Volkes so denkt und lebt. Ein Raub, ein Mord sind doch mehr als ein Verbrechen gegen eine, wenn auch gehaßte, weil fremde, Ordnung. Das sind Sünden, denn „Du sollst nicht stehlen“ – „Du sollst nicht töten“.
Und doch ist es so. Am Sizilianer ist die christliche Ethik ebenso spurlos vorübergegangen wie die moderne Technik. Erstarrt in einem uralten Widerstand und ohnmächtig unwissend aus Not, kennt er nur ichbezogene, mit falscher Ehre, Männlichkeit und Würde verbundene Begriffe, die er als einzigen Beweis seiner Eigentümlichkeit wie verstümmelte Gliedmaße zum Himmel streckt. Im eigentlichen Sinne ist der sizilianische Mensch weder Christ noch italienischer Bürger, weil er seit 2500 Jahre versucht, sich gegen das stärkere Fremde und die materielle Not zu behaupten.
An diesem Versuch sind die Sizilianer zerschellt. Wenn sie heute zu den erbärmlichsten Europäern gehören, weil Schweigen, Lügen, Rauben und Morden die einzigen Adelstitel ihrer Gesellschaft sind, wenn sie nicht nur in Unwissenheit und Aberglauben ersticken, sondern in unbeschreiblichem Elend fast widerstandslos zugrunde gehen, wenn sie zeitlos primitiv geblieben sind und verbrecherisch verschlossen, dann nur deshalb, weil es kaum ein Volk auf der Erde gibt, das so lange unterdrückt worden ist.
Sizilien ist in der Tat die älteste Kolonie der Welt.
„Man muß Außenstehender sein, um uns so zu beurteilen, und die Zusammenhänge erkennen“, sagt Ernesto R., ein sizilianischer Rechtanwalt, mit dem ich seit Stunden diskutiere. „Du hast ja recht. Aber selbst wenn wir historisch begründbare Entschuldigungen haben, was nützt es uns? Wir müssen mit unserem Alltag fertig werden, und belastet, wie wir nun einmal sind, können wir es nur auf unsere Art tun. Das versperrt uns jede Aussicht auf die Zukunft.“
Wir sitzen im Café „Mokka“, einem der vielen Treffpunkte der Maffia. Eine moderne Espresso-Bar auf der Via Maquedo, der elegantesten Geschäftsstraße Palermos. Man sagt mir, daß jeder Ober mindestens einmal im Gefängnis gesessen haben muß, um überhaupt angestellt zu werden. Der Kellner, der uns bedient, war elf Jahre wegen Totschlags im Zuchthaus.
Ernesto hat mich nach langem Zögern hierher gebracht und mich ein wenig eingeweiht. „Diese Herren“, sagt er, indem er auf die Gäste des Cafés zeigt, „sind mächtiger als die kleinen Gruppen von Intellektuellen, die verzweifelt versuchen, Sizilien aus dem Dreck zu ziehen. Was können wir armen Kerle gegen Geld, Einfluß und rücksichtsloses Morden tun? Sizilien, das sind sie. Schau sie an. Brav aussehende Bürger mit gut geschnittenen Anzügen und biederen Gesichtern. Die Großen der Maffia sehen nicht aus, wie die Gangster der amerikanischen Filme. Sie könnten Bankiers sein oder Politiker, Ärzte oder angesehene Kaufleute. Meistens sind sie es auch. Diese Herren kümmern sich nicht persönlich um Überfälle oder Erpressungen, obwohl ihre Karriere meistens damit begonnen hat. Das überlassen sie den kleinen Verbrechern. Sie machen die großen Geschäfte: das Rauschgift, die Politik, den Schmuggel, die Märkte und die Finanzen, und wachen über ihre Interessen, indem sie zu Gericht sitzen und Widerspenstige oder Verräter zum Tode verurteilen. Sie bilden die Spitzengruppe einer Art Loge, in der es Handlanger gibt, Gesellen, Meister und Großmeister.
„Wer ist eigentlich der große Chef?“ will ich wissen.
Ernesto entdeckt wie durch Zufall einen Bekannten, stürzt auf ihn zu und läßt mich allein.

Wieder einmal ist diese Frage unbeantwortet geblieben. Seit unserer Ankunft stellen wir sie allen Bekannten und Freunden, in der Hoffnung so zu diesem mächtigen Mann vorzudringen, aber immer erhalten wir ausweichende Antworten. Es scheint zur Lebensregel selbst der aufgeklärtesten und modernsten Sizilianer zu gehören, von der Maffia nur allgemein zu sprechen. Namen werden nie genannt. Nur wenn ein Maffiafürst stirbt oder von ehrgeizigen Kollegen erschossen wird, erfährt man etwas über sein Leben, denn jetzt kann man ohne Gefahr sprechen. Und dann entdeckt man plötzlich, daß diese Herren, die hier herumsitzen wie die gelangweilte Prominenz eine Provinzstadt, und deren Strafregister leer sind wie die Kladde eines Analphabeten, neben Schieben und Verschieben von Waren, Menschen und Rauschgiften eine erstaunlich Reihe von Morden und Überfällen auf dem Gewissen haben. Zu Lebzeiten sind sie brave Bürger, weil selbst dann, wenn sie mit der Mordwaffe in der Hand auf frischer Tat ertappt werden, eine Verurteilung selten erfolgen kann. „Mangelnde Beweise“ ist der ewig wiederkehrende Satz im Lebenslauf der Maffiafürsten, weil keiner spricht, weil nie jemand es wagt, aufzustehen und zu sagen: „Der hat gemordet, ich habe es gesehen.“ Das wäre nämlich das Letzte, das er von der Welt gesehen hätte.

Ernesto ist wieder an meinem Tisch. „Das war der Leibwächter eines berühmten Chefs“, sagt er, er war lange in Amerika.“
„Stell mich vor“, bitte ich ihn.
„Nein, man muß sich nicht um die Maffia kümmern, dann kann man sicher sein, auch von ihr in Ruhe gelassen zu werden. Du bist zu neugierig. Sie wissen schon alle, daß ihr im Kloster von Mazzarino gewesen seid. Man hat mich bereits vor euch gewarnt. Erinnere dich daran, daß die amerikanische Geheimpolizei zur Zeit der großen Gangsterkriege in Chicago einen ihrer besten Männer nach Sizilien schickte, um hier, an der Quelle, nachzuforschen. Nur einige Männer in Washington wußten von der geheimen Mission dieses G-Man. Als er hier in Palermo das Schiff verließ, wurde er erschossen. Du fragst zu aufdringlich nach dem großen Chef.“
Wir haben während unseres Aufenthaltes in Sizilien so laut und so oft nach dem allmächtigen Maffiafürsten gesucht, daß die Maffia ebenso neugierig auf uns wurde, wie wir auf sie.
Eines Tages, als wir gerade von der Kirche San Domenico in Palermo die Beerdigung eines großen sizilianischen Politikers fotografierten, stellte sich eine kleine Frau neben Marie-Claude und gab ihr unaufgefordert Auskunft über alle Prominenten, die dem Sarg folgten. Sie trug einen ärmlichen blauen Regenmantel und redete wahrscheinlich nur deshalb so schnell, weil sie das große schwarze Loch, das drei fehlende Oberzähne in ihrem Mund rissen, verstecken wollte.
„Das ist der Minister soundso“, sagte sie. „Hier kommt der Sohn des Verstorbenen, dahinter der Chef der Maffia aus Caltanissetta. Dort zwei große Maffiosi aus Palermo. Das ist der Chef der Regierung…“
Claude versteht überhaupt nichts mehr. Hier, im Geleitzug des großen Sizilianers, den die gesamte Regierung und alles, was Rang und Namen hat, zur letzten Ruhe geleitet, soll jeder dritte ein bedeutendes Mitglied der Maffia sein, und man zeigt sie uns mit dem Finger. Das darf doch nicht wahr sein. Sie ruft mich heran. Die kleine Frau wird noch redelustiger. Sie streckt ihren Kopf.
„Der große Chef ist nicht da“, sagt sie plötzlich ganz enttäuscht, „ich versteh´ gar nicht, seit der Regierungskrise ist er in Palermo.“
Ich glaube nicht recht gehört zu haben.
„Wer?“ frage ich.
„Genco Russo, natürlich. Es gibt nur einen Chef der Mafia. Genco Russo aus Mussomeli, der 1954 mit Einverständnis der amerikanischen Maffia zum Nachfolger des verstorbenen Don Calogero Vizzini gewählt wurde.“
Der Regierungschef geht gerade vorbei. Ich vergesse ihn zu fotografieren. Genco Russo ist viel wichtiger.
„Wenn er in Palermo ist, muß man ihn doch sehen können?“
„Natürlich“, sagt die kleine Frau wieder, als spräche sie vom Wetter, „er ißt meistens in der Conca d’Oro und wohnt immer im Hotel Centrale. Wenn Sie wollen, können wir in die Conca d’Oro essen gehen.“
Dort sieht es nun doch so aus wie in amerikanischen Gangsterfilmen. Die Conca d’Oro ist eines der besten Restaurants Palermos. Adresse: Via F. Fausto 1, erste Etage. Am Fuße der Treppe steht ein unscheinbarer Mann und verkauft sizilianische Andenken. Im Vorbeigehen fragt unsere Begleiterin schnell: „C’e – ist er da?“ Der Mann hebt nur kurz den Kopf, was hier unserem verneinenden Kopfschütteln entspricht.
Im Restaurant sind fast alle Tische besetzt. Gemischtes Publikum, würden wir sagen: elegante Herren und bäuerlich gekleidete Männer mit tief über die Augen gezogenen Mützen und Hüten: Chefs und Leibwächter. Unsere Begleiterin wird mit großer Ehrerbietung von den Kellnern empfangen. Sie stellt uns einige davon vor: das Patenkind Don Calogeros, des früheren Chefs der Maffia, der Leibwächter des vor kurzem verstorbenen Chefs aus Palermo usw. Am Ende des Essens ist Genco Russo immer noch nicht da. Die kleine Frau schleppt uns resolut ins Hotel Centrale.
In der Halle gehen einige Männer, Hut auf dem Kopf und Hände in den Taschen, beschäftigungslos auf und ab. Einer von ihnen macht ein kurzes Zeichen und unsere Begleiterin führt uns in die Bar des Hotels. Dort sitzt ein Herr ganz allein. Hut auf dem Kopf, eine Pfeife im Mund, ein typischer sizilianischer Bauer mit maliziös intelligenten Augen.
„Hier sind sie“, sagt die kleine Frau nur. Der Herr steht auf, „Genco Russo“, stellt er sich vor. „Bitte nehmen Sie Platz. Zwei Kaffee“, ruft er befehlend.
Wir nennen unsere Namen und setzen uns. Wenn ein Mann der Maffia jemanden zum Kaffee einlädt, so bedeutet das dasselbe, als wenn ein Araber Brot anbietet: Wir sind unter Freunden.
Genco Russo kümmert sich fast ausschließlich um Claude. Er ist sehr galant, hilft ihr aus dem Mantel und scheint froh, eine Ausländerin an seinem Tisch zu haben.
„Ich bin froh“, sagt Claude, „endlich den mächtigsten Mann der Insel zu kennen, den Chef der Maffia.“
Mir bleibt der Kaffee im Halse stecken. Das Wort darf nie ausgesprochen werden, unser Interview ist hin. Aber Genco Russo lächelt nur bescheiden.
„Es ist eine Ehre für mich, Sie kennenzulernen“, antwortet er höflich.
Das Eis ist gebrochen. Er ist zwar recht wortkarg, erzählt uns aber, daß die „Ehrwürdige Gesellschaft“ entschlossen sei, die Regierung zu stürzen, weil dieselbe von Kommunisten unterstützt wird, und nur die westlichen Ideale der Freiheit und des christlichen Glaubens zukunftsbestimmend für Sizilien sein dürfen.
„Während des Krieges haben wir den Amerikanern geholfen, die Faschisten aus Sizilien zu verjagen“, sagt er, „sollen wir jetzt tatenlos zusehen, wie sich die Kommunisten breitmachen?“
Die Maffia hat tatsächlich eine entscheidende Rolle während der Landung der Alliierten in Sizilien gespielt. Der amerikanische Geheimdienst hatte Männer der amerikanischen Maffia, das heißt Sizilianer aus New York und Chicago, nach Sizilien geschickt, um mit dem Vorgänger Genco Russos, dem berühmten Don Calogero Vizzini, Verbindung aufzunehmen und seinen Beistand zu erbitten. Don Calogero hatte daraufhin selber die Landungspläne ausgearbeitet, und am entscheidenden Tag verstopften riesige Schafherden die Verbindungswege der deutsch-italienischen Streitkräfte. An strategisch wichtigen Punkten weideten kleine Herden, die mit ihren hellen Fellen leicht erkennbare Zielscheiben abgaben. Als die Insel genommen war, wurde Don Calogero Vizzini von den Amerikanern wie ein Held gefeiert und zum Bürgermeister seiner Stadt ernannt.
Als ich Genco Russo zum Schluß unseres Besuches frage, ob ich ihn fotografieren darf, bittet er uns auf sein Zimmer. „Hier nicht“, sagt er, „die brauchen das nicht zu sehen.“ Er meint seine Leibwächter, denen er kurz befiehlt auf ihn zu warten. Wir haben genau eine Minute, dann muß Genco Russo wieder seinen Geschäften nachgehen.
Diese Geschäfte sind hauptsächlich die sizilianische Politik und die Beilegung von Rivalitäten und Streitigkeiten zwischen den Maffiachefs der verschiedenen Provinzen.
Die Maffia hat mit gesagt und Politiker haben es mir bestätigt, daß man nicht Abgeordneter des sizilianischen Parlaments werden kann, wenn die Maffia es nicht will. Selbst nicht die Kommunisten. Dafür brauchen diese Herren nicht zur Maffia zu gehören oder ihr zu gehorchen. Sie dürfen sich nur nicht widersetzen, wenn ihnen daran liegt, wieder gewählt zu werden. Siebzig Prozent der Stimmen, besonders in Dörfern und kleinen Städten, werden von der Maffia kontrolliert.
Woher kommt dieser Einfluß? Die Maffia ist die größte wirtschaftliche Macht Siziliens,jeder zweite Sizilianer hängt für sein tägliches Brot von ihr ab. Die Prinzen, Barone und Großgrundbesitzer haben der Maffia die Verwaltung ihrer Güter abgetreten. Diese Verwalter, die man „Gabelloti“ nennt, sind immer „maffiosi“, die fünfzig Prozent der Einkünfte für sich beanspruchen und wirtschaften können, wie sie wollen. Da sie die Arbeit vergeben, die Kleinbauern betreuen und Viehhandel, Viehdiebstahl und alle Schlachthäuser kontrollieren, hängt die gesamte Landbevölkerung Siziliens von ihnen ab. Wer da noch gegen die Parole der Maffia wählt, begeht wirtschaftlichen Selbstmord. – Die Märkte ganz Siziliens sind in ihrer Hand. Sie kontrolliert die Ware, die Preise, sie bestimmt, wer wo was verkauft. Sie „schützt“ die Geschäfte und läßt sich dafür bezahlen. Sie bestimmt sogar in den Elendsvierteln, wann und wo man betteln, hausieren oder stehlen darf. Die meisten Arbeiten, die von der Verwaltung vergeben werden, gehen an bekannte „maffiosi“, die wiederum nur solche Arbeiter anstellen, die widerspruchslos deren Bedingungen annehmen: Bezahlung unter dem offiziellen Tarif. Das gleiche gilt für die Industrie.

Ein Beispiel: Cola d’Alessandro, der vom kleinen Totschläger zu einem der gefürchtetsten Chefs von Palermo avancierte, hatte von der Schiffswerft „Pioggio“ ein Stück Land zur Verwaltung erhalten und damit auch das Recht, seine Interessen zu verteidigen. Als die Arbeiter der Werft streiken und höhere Löhne verlangen, erscheint Alessandro mit einem Dutzend bewaffneter „maffiosi“ und eröffnet das Feuer. Vier Verletzte, ein Toter, Schluß des Streiks. Und Cola d’Alessandro wird hiermit ein „großes Kaliber“, ein Mann, den man respektieren muß, weil er versteht, sich Respekt zu verschaffen.

Ein uns näher berührendes Beispiel: In Catania hatte sich eine deutsche Brauerei niedergelassen, deren Bier so allgemein boykottiert wurde, daß sie sich gezwungen sah, ihre Aktien an die einzige sizilianische Brauerei zu verkaufen. – Das ist die Maffia: Wer die Wirtschaft und die Männer eines ganzen Landes davon abhalten kann, frei ihr Bier zu wählen, der kann sicher bestimmen, wer ins Parlament gewählt werden soll.
Wenige haben es bis jetzt gewagt, sich gegen das wirtschaftliche und politische Monopol der Mafia zu erheben. Die Gewerkschaften waren bis heute die Mutigsten, besonders die Gewerkschaft der Landarbeiter: Aber die Maffia begriff sofort, daß ein organisiertes Proletariat ihrem willkürlichen Arbeitsmarkt eine Ende bereiten würde. Die schwachen Gewerkschaften wurden gekauft, die starken ihrer Führung beraubt. Seit Ende des Krieges sind 38 Gewerkschaftsführer von der Mafia ermordet worden.
Ein anderer wird sich in diesem Monat gegen die Mafia erheben: Daniello Dolci, der Ghandi Siziliens. Dieser Mann, ein Norditaliener hat sich vor acht Jahren in Sizilien niedergelassen, um hier der Apostel der Armen zu werden. In einem Land, in dem Morden, verbrecherische Verschlagenheit und fanatischer Aberglaube zur sinnlosen Vergeudung menschlicher und materieller Werte führen, hat er vier Grundregeln aufgestellt, die er unermüdlich predigt und selber lebt.
Vier Weigerungen: Die Ablehnung der Gewalt, der Lüge, des Fanatismus und der Vergeudung; die vier Hauptübel Siziliens. Um den Armen helfen zu können, hat er zunächst systematisch die Probleme ihrer Not studiert, wobei ihm freiwillige Helfer aus Deutschland, England, der Schweiz und anderen Ländern zur Seite stehen. Er hatte sich vorgenommen, die Mafia einfach zu ignorieren, aber immer wieder mußte er feststellen, daß man kein einziges Problem Siziliens lösen kann, ohne sie und die sie tragende Mentalität verantwortlich zu machen. Deshalb wird jetzt auch er, der Apostel der Gewaltlosigkeit, sich zum offenen Ankläger der Maffia erheben.
Und nicht zuletzt gibt es die jungen Intellektuellen und Politiker, die von einem neuen modernen Sizilien träumen und verzweifelt darum kämpfen. Ich habe viele von ihnen kennengelernt; intelligente, selbstlose, wundervolle Menschen. Sie werden mir böse sein, weil ich ihre Heimat als das Armenhaus Europas darstelle, als das Opfer von Korruption und Maffia. Aber Sizilien ist heute nicht anderes. Von Redlichkeit, systematischer Industrialisierung oder modernem Elan zu sprechen, würde bedeuten, daß ich die Träume dieser mutigen Männer für Wirklichkeit halte. Sie sind es nicht und können es nicht werden, solange diese Männer allein bleiben.
Und hier wird das Problem der Armut und der verbrecherischen Willkür zu einem Politikum, das uns alle angeht. Diese Männer können und werden nicht allein bleiben. Sie sind die Träger jener revolutionären Impulse, die von China bis Guinea zunächst nicht anderes waren, als puritanische Reaktionen gegen Ausbeutung und korruptionsbedingte Not, und die aus reinem Selbsterhaltungstrieb dem einzigen Helfer in die Arme fallen mußten, der ihnen eine Zukunft verspricht: Rußland. Die guten Sizilianer sind heute von den Kommunisten angezogen. Morgen müssen sie selber Kommunisten werden, wenn sie überleben wollen und keine andere helfende Hand sich ihnen bietet.