Und das vor unserer Tür

Veröffentlicht in „Stern“, Nummer 13, am 26. März 1960

Dies ist eine Reportage über Sizilien. Aber Sie werden vergebens darin nach Sonne und dem Frühling suchen, den uns die Reiseprospekte verheißen. Es ist ein schrecklicher Bericht über eine Welt, deren Elend zum Himmel schreit. Und das geschieht nicht fern in Indien oder im Innern Afrikas, sondern in einem christlich-demokratisch regierten NATO-Staat. Unmittelbar vor unserer Tür.

„Wir können den Leuten diesen Gestank nicht zumuten“, sagte Claude, als wir endlich vor der chemischen Reinigungsanstalt in Agrigento angekommen waren. „Sie werden uns rauswerfen.“

„Dann können wir auch in kein Hotel mehr gehen“, antwortete ich, „denn wir riechen nicht besser als unsere Kleider. Komm, wir müssen es versuchen, sonst haben wir überhaupt nichts mehr anzuziehen. Und etwas Gestank werden die hier schon gewöhnt sein.“

Ohne auch nur die Nase zu rümpfen, nahm ein höfliches Fräulein unser Bündel entgegen. Wir fühlten uns befreit, wenigstens so lange wir in der frischen Luft waren, denn im Auto stand der Geruch zum Durchschneiden dick, genau wie vorher. Seit drei Tagen schleppten wir ihn mit uns herum, in den Kleidern, den Schuhen, den Haaren. Und da half kein Schrubben und kein Waschen. Es war hartnäckig und unausweichlich – genau wie die sizilianische Blutrache. In den Elendsvierteln von Palermo, die mehr als die Hälfte der Stadt ausmachen, in Licata, Partinico, Montelepre und vielen anderen Dörfern und Städten hatte er für uns schon seit Wochen den Duft der Mandelblüten verdrängt. Aber so wie in Palma di Montechiaro, wo wir seit drei Tagen fotografierten, war er uns noch nicht begegnet. Selbst nicht in Asien oder Afrika. Hier wateten wir förmlich in der offenen Latrine von 22 000 Menschen, die die wenig beneidenswerte Ehre haben, die Bürger dieser Stadt zu sein.

Palma di Montechiaro liegt im Süden Siziliens an der Hauptstraße Nr. 115, zwischen Agrigento und Ragusa. Wir kamen dort an einem Sonntag an.

„Suchen Sie jemanden?“ fragte der kleine Mann im zerfransten Mantel, der uns schon eine Stunde lang schweigend gefolgt war und diskret versucht hatte, uns die bettelnden Kinder vom Leib zu halten. Noch bevor ich antworten konnte, schrie Claude entsetzt auf. Aus einem der Häuser hatte eine Frau im Eifer des morgendlichen Reinemachens den Familiennachteinmer, ohne hinzugucken, auf die Straße geschüttet und dabei genau Claudes Beine getroffen. „Ich kann es nicht mehr aushalten, stammelt Claude, „seit wir auf Sizilien sind, ist mir übel. Dieser fade, süße Geruch, diese Mischung von Mensch und Tier dreht mir den Magen um.“ Sie zeigt hilflos auf ihre triefenden Beine. „Erinnerst du dich an die neidischen Gesichter unserer Freunde als wir nach der ‚Trauminsel des Mittelmeeres’ aufbrachen? Die sollten uns jetzt mal sehen.“

Mittlerweile hatte der kleine Mann einen Eimer Wasser besorgt. Er machte eine zögernde, etwas entschuldigende Verbeugung und goß das Wasser mit einem kräftigen Schwung an Claudes Beine. „Das ist Sizilien“, sagte er, „das ist Palma di Montechiaro. Sie müssen auf den Hauptstraßen bleiben und in den großen Hotels, wenn Sie der Armut nicht begegnen wollen.“

Jetzt erscheint auch die putzeifrige Frau mit Wasser und Bürste und versucht fluchend, den Dreck abzuwaschen. Im Nu sind wir von einem Dutzend Frauen umgeben, hinter denen 30 bis 40 Kinder mit Ellenbogen und Fußtritten versuchen, sich einen Weg zum Mittelpunkt des Interesses zu erkämpfen. Claude will mir etwas zurufen, aber ihre Worte gehen im Stimmengewirr der heftig gestikulierenden Frauen unter. Der Kontakt mit der Bevölkerung ist hergestellt, das ist sicher, wenn es auch diesmal nicht auf ganz saubere Weise geschah.

Alle wollen uns erklären, alle sprechen zur gleichen Zeit. „Was sollen wir denn mit unserem Schmutz machen?“ fragt eine. – „Wir haben kein Wasser, keine Toiletten, keine Kanalisation“, schreit die andere.- „Nicht einmal einen Platz außerhalb der Stadt, wo wir unseren Dreck hinbringen können“ – „Die Hühner, Ziegen und Kinder setzen sich einfach auf die Straße. Aber für uns Erwachsene ziemt sich das nicht. Da müssen wir eben in unserem Zimmer ein Gefäß reservieren, das wir nach Gebrauch auf die Straße leeren.“ – „Wohin denn sonst?“ – „Entschuldigen Sie, daß ich nicht hingeschaut habe.“ – „Ich bin eine Witwe mit neun Kindern. Ich war schon einmal in Siculiana, da ist es auch nicht anders“ – „In Licata auch nicht.“ – „In Caltanissetta vielleicht?“

„Gibt es denn keine städtische Fäkalienabfuhr?“ will ich wissen.

Schallendes Gelächter.

„Nur in den großen Städten.“ – „Hier hilft uns der Regen. die Straßen sind fast alle abschüssig. Da wälzt sich der Schmutz im Winter langsam den Abhang hinunter und sammelt sich am Ende der Straße.“ – „Sehen Sie, der kleine Hügel dort unten, wo die Kinder spielen, das ist die Endstation all unseres Drecks.“

Ich danke meinem Schöpfer, daß wir im Winter gekommen sind, nicht im Sommer, wenn Millionen Fliegen und Mücken sich gierig über den Kot hermachen und jeder Schritt nicht nur den Gestank, sondern auch eine schwarze summende Wolke aufscheucht.

Genauso plötzlich, wie es gekommen war, ist das Interesse der Frauen an uns erloschen. Etwas viel Faszinierenderes, als neugierige Ausländer es ein können, ist aufgetaucht: ein Meinungsstreit, der jetzt schreiend ausgefochten wird. Es geht um die Stadtreinigung. Wenn ich richtig verstehe, gibt es sie doch. Ein wohlhabender Herr des Ortes erhält im Jahr mehrere Millionen Lire, um die Sauberkeit der Stadt zu garantieren. In seinen Büchern führt er mehrere Straßenfeger und Angestellte. In Wirklichkeit jedoch beschäftigt er davon nur zwei, die auf dem Platz vor den Kirchen und in der Hauptdurchgangsstraße für Sauberkeit sorgen. Die anderen aufgeführten Namen gibt es zwar, und wenn man einen dieser Männer in seiner mit Kindern überfüllten Einzimmer-Stall-Wohnung aufsuchen würde, würde er hoch und heilig beteuern, daß er bei der Stadtreinigung beschäftigt ist; aber er arbeitet weder, noch bezieht er Lohn. Und wenn man ihm morgens auf den Abhängen der Berge begegnet, wo er Kräuter sucht, um seinen Kindern wenigstens einmal am Tag eine warme Suppe machen zu können, würde er fest und steif behaupten, daß er seinen freien Tag habe und morgen wieder arbeite. Warum? Weil das absolute, hoffnungslose Elend ihn hilflos jeder Willkür ausliefert, wenn sie nur den Schein und das Versprechen einer Besserung andeutet.

Der wohlhabende Müllabfuhrunternehmer besitzt nämlich die Arbeitskarte unseres armen Mannes. Er stempelt sie gewissenhaft ab, und wenn 52 Wochenmarken gewissenhaft geklebt sind, hat unser armer Mann recht auf eine sechsmonatige Arbeitslosenunterstützung von rund 17 000 Lire (110 DM) pro Monat. Für dieses unter normalen Umständen unerreichbare Ziel überläßt er dem Arbeitgeber seine Familienkarte, auf der neun Kinder eingetragen sind, für die ihm aus der Staatskasse 39 840 Lire (257 DM) pro Monat zustehen. Solange er offiziell arbeitet, wohlverstanden. Von diesem Geld sieht er natürlich nie etwas, da er den Arbeitgeber für den großen Dienst bezahlen muß, ihn in seinen Büchern zu führen und ihm dadurch alle zwei Jahre während sechs Monaten Arbeitslosenunterstützung zu verschaffen. Die Rechnung geht so auf: 478 080 Lire (3085 DM) für den Unternehmer, 102 000 Lire (663 DM) für den armen Mann. Und das alles bezahlt der Staat. Natürlich hilft ein kluger Unternehmer nur Männern mit 8 bis 12 Kindern. Wenn er ein besonderer Menschenfreund ist, gibt er ihm auch manchmal etwas von den Kindergeldern ab.

Die Frauen feilschen um die Preise, jede will es besser wissen und die Witwe mit den neun Kindern am allerbesten .Sie hatte nämlich einen Mann, der drei Jahre lang der fiktive Arbeiter einer ebenso nicht existenten Steingrube war, was ihm während der ganzen Zeit 1300 Mark eingebracht hat.

Später erkundigten wir uns genauer. In Palma di Montechiaro allein gibt es 128 Unternehmer, vom Schneider über den Apotheker und den Metzger bis zu den Straßenbauern, die sich mit den Kindergeldern fiktiver Arbeitnehmer die Taschen vollstecken, was im kinderreichen Sizilien recht einträglich sein kann. Da gibt es Junggesellen, die für 100 und mehr Kinder monatlich kassieren. Dafür brauchen sie nur zehn oder zwölf zeugungsfreudige arme Väter zu finden. Was heißt finden? Sie müssen unter den unzähligen Bewerbern einen ihrem Betrieb entsprechende Auswahl treffen. Es ist ein unerhörtes Glück auserwählt zu werden. Man muß schon mit dem Arbeitgeber verschwägert sein oder wenigstens der Freund eines Freundes sein, um überhaupt in die engere Wahl zu kommen. Und dabei hat der Unternehmer nie eine Einbuße. Wenn er nämlich einen Mann aus seinen Büchern streichen muß, damit der arme Teufel endlich, mit seinen 52 Marken bewaffnet, in den Genuß seiner Arbeitslosenunterstützung kommen kann, stellt er sofort einen neuen ein, wenn möglich mit noch mehr Kindern.

„Ihr und die Behörden duldet so etwas?“ fragten wir die Gewerkschaftsführer, die uns darüber Auskunft gaben. „Die Mafia duldet und fördert es“, war die Antwort.

„Was ist die Mafia, was will sie, wer vertritt sie hier?“

Die vier alten Männer schauten zu Boden. Unsere Frage gehörte zu jenen, die man Sizilien nicht hört, selbst wenn man sie von den Dächern schreit.

„Wollen Sie noch etwas Kaffee?“, fragte einer.“Es ist spät“, sagte ein anderer, „die Sonne geht bald unter.“

Es sollten Wochen vergehen, bevor wir die mysteriöse Mafia finden konnten.

Jetzt bahnen wir uns mühselig einen Weg durch immer lauter schreiende Weiber; es geht schon nicht mehr um die Müllabfuhr, sondern um das Privatleben einer jeden.

„Du Tochter einer Hergelaufenen,“ schreit eine zwei Zentner schwere Matrone. Sie stillt einen kleinen Jungen, der verzweifelt versucht, die wogende Brust festzuhalten, und seine kleinen Zähne resolut zur Hilfe nimmt. Eine schallende Ohrfeige bringt den kleinen Kerl dazu, seine fanatische Nahrungssuche aufzugeben; er hustet, verschluckt sich und bricht die Milch über die Brust und das schwarze Kleid seiner Mutter. Die scheint es gar nicht zu bemerken. „Hier, setz ihn runter“, sagt sie zu einer jungen Frau, die hinter ihr steht. Diese nimmt das Kind und stellt es außerhalb des Kreises der Frauen auf die Straße. Der kleine Junge läuft schreiend davon. Jetzt sehe ich erst, daß er mindestens zwei, wenn nicht drei Jahre alt ist.

Mittlerweile hat sich seine Mutter wieder ihrer Gegnerin zugewandt: „Du zehnmal betrogene Dirne. Wer hat den Kadaver Ernestos entdeckt, nachdem er im Feld erschossen worden war? Du. Und warum fehlten ihm die Goldzähne, als er nach Hause getragen wurde? Weil du und dein Mann sie herausgebrochen hatten. Hoffentlich schmort er in der Hölle, dein Mann.“

„Du wirst in der Hölle braten, weil du unseren Priester vom rechten Weg abgebracht hast – von wem ist dieses Kind? Antworte. Von wem?“

Wir gehen um die Ecke und hören nur noch eine wildes Stimmengewirr, das mit Weinen und Kindergeschrei vermischt wie die Anklage einer jämmerlichen Menschheit zum Himmel steigt.

„Ich weiß nicht, was schlimmer ist“, murmelt Claude vor sich hin, „der Gestank oder das Geschrei. Am schlimmsten für mich war das Radio, das über die Straße grölte. Hast du gehört? Sie spielten Dolce Vita, süßes Leben.“

Der kleine Mann im zerfransten Mantel mit den traurigen schwarzen Augen hat uns nicht

verlassen. Zögernd geht er neben mir: „Die Armen lieben sich nicht“, sagt er tonlos vor sich hin, „sie hassen sich tödlich. Sie hassen sich untereinander tausendmal mehr, als sie die Reichen hassen. Vor denen haben sie Respekt und machen Bücklinge. Sie sind häßlich, die Armen, häßlich an Leib und Seele.“

Ich höre ihm nur halb zu. Meine Augen sind gebannt von einem kleinen Mädchen, das mit

nacktem Unterkörper in einer Pfütze menschlicher Exkremente sitzt und mit seinen Händen

darin herumspielt. Langsam zieht es einen 10 Zentimeter langen weißen Wurm heraus. Es hält ihn zwischen Zeigefinger und Daumen und läßt ihn hin- und herpendeln. Der Wurm lebt, und die Kleine strahlt vor Freude. Liebevoll wickelt sie ihn zunächst um ihr Handgelenk und betrachtet ihn kritisch. Dann dreht sie ihn vorsichtig um den Ringfinger der linken Hand. Das scheint ihr besser zu gefallen, denn ein zufriedenes Lächeln spielt um ihre Lippen. Neben ihr steht ein Hund, der ebenso fasziniert hinschaut wie ich. Sein Kopf ist aufmerksam zur Seite gebeugt, und ich kann den Eindruck nicht loswerden, schon einmal auf einer farbigen Postkarte aus Südtirol einen Hund in dieser Stellung gesehen zu haben, der ein blumenpflückendes pausbackiges Mädchen betrachtet. Als die Kleine den Wurm wieder abwickelt und einen Knoten in ihn schlägt, schnappt der Hund blitzschnel1 zu und rennt mit seiner Beute davon. Das Mädchen schreit auf und beginnt zu weinen.

Claude dreht sich um. Auch ihr ist dieser markerschütternde Schrei in die Glieder gefahren. „Was ist los?“ fragt sie mich mit unruhiger Stimme. „Nichts“, sage ich, „nichts von Bedeutung. Die Kleine hat ihren Ring verloren.“

Wer satt werden will, muß das Gesetz brechen

Der automatische Impuls zu fotografieren, den man vor noch annähernd ertragbarem

Elend haben kann, ist vollkommen verschwunden. Die Kameras baumeln auf meiner Brust, als gehörten sie nicht zu mir, als wäre ich nie Fotograf gewesen. Es gibt Situationen, wo man nur noch stumm dastehen und Gott bitten kann, der Scham, Zeuge zu sein, eine Ende zu bereiten. Ohnmächtiger Zeuge einer Tragödie, in der die schreienden Frauen, die jammernden Kinder, der Wurm, der Dreck und die arbeitslosen Angestellten nur die heutige Wiederholung täglich erlebten Elends aller Städte und Dörfer Siziliens sind. Wenn ich ehrlich mit mir bin, muß ich gestehen, daß ich vor einem Negerkind oder einem Arabermädchen vielleicht noch die Kamera gezückt hätte, wenn sie mit ihrem Wurm gespielt hätten wie mit dem kostbarsten Schmuck der Welt. Weil meine Ohren voll sind von den Propagandaposaunen über die hilfsbedürftigen Entwicklungsländer, in denen Ost und West mit Rubel und Dollar um die Gunst der unentschiedenen Millionen kämpfen. Auch weil das beziehungslos Exotische, das Fremde die Scham vielleicht geschwächt hätte. Aber hier, vor unserer Tür, im vergessenen Armenhaus Europas, wo Menschen gleicher Farbe, gleichen Glaubens, gleicher geschichtlicher Vergangenheit schlechter leben als die Kühe und Hunde unserer ärmsten Bauern, fehlten mir der Mut und die Distanz, Bilder einzufangen, die ebenso anklagend sind wie Massengräber und Folterkammern.

Und es handelte sich nicht um krasse Einzelfälle. Auf der größten und potentiell reichsten

Insel des Mittelmeeres leben 2 300 000 von 4 700 000 Menschen in einem uns unvorstellbaren Elend. Das heißt, die Hälfte der Einwohner. 527 000 Familien, für die das tägliche Brot nicht der natürliche Lohn getaner Arbeit ist, sondern der fragliche Erlös aus Betteln, Stehlen, Prostitution und gelegentlichen Handlangerdiensten. Jeder dieser Menschen würde bei uns im Gefängnis sitzen, weil der Hunger ihn täglich zwingt, das Gesetz zu brechen. 46 % aller Sizilianer sind Analphabeten. Ein Fünftel kennt nur eine Mahlzeit am Tag, dabei essen sie weder Fleisch, noch Fisch, noch Eier oder Milch. In Palma di Montechiaro steht ein Drittel der Einwohner auf der Armenliste der Gemeinde. 13 % haben Trachom, die ägyptische Augenkrankheit, 15 % Tbc. 5000 von 22 000 Menschen sind Braccianti, das heißt, landwirtschaftliche Gelegenheitsarbeiter.

Aber lassen wir sie selber zu Wort kommen. Unser diskreter Begleiter ist vor einem Häuschen stehengeblieben. „Hier wohne ich“, sagt er, „Sie können hereinkommen, wenn Sie wollen. Man nennt mich Ruggero.“

Die Wohnung besteht aus einem einzigen Raum von ungefähr 25 Quadratmetern. Rechts ragen über einen geblümten Vorhang die Ohren eines Esels hervor. Links in der Ecke steht ein Bett, auf dem zwei Hühner nach Brotkrumen suchen. Ein Tisch und vier Stühle füllen die Mitte des Raumes. An der Wand hängt etwas Küchengeschirr, darunter liegt ein Bündel Kleider, gegen das ein Tonkrug mit frischem Wasser lehnt. Einige Heiligenbilder hängen kreuz und quer an den Wänden. Vier Kinder hocken auf dem Tisch und knabbern an trockenem Brot, während die Mutter wortlos an der Tür steht.

„Das sind die Jüngsten“, sagt Ruggero mit einem Unterton von Stolz, „die vier Großen spielen auf der Straße.“ „Schlafen Sie alle zehn hier?“ will Marie-Claude wissen.

„Die vier Kleinen mit meiner Frau dort im Bett, ich und die Größeren auf der Erde. Wir breiten natürlich Kleider aus und Decken.“ Schnell fügt er einige Worte in sizilianischem Dialekt hinzu, die wir nicht verstehen. Es kommt Leben in die Frau, sie räumt die Kinder förmlich vom Tisch. Wir werden aufgefordert, uns zu setzen. Und wieder geht das Getuschel auf sizilianisch los; und Ruggero kramt in seinen Taschen, die Frau in einem Kochtopf, in dem Münzen klingeln. „Etwas Wein?“ fragt er und reicht seiner Frau, was er in den Taschen gefunden hat. Wir danken. „Doch, doch, meine Frau wird ihn holen.“

Ich kann es nicht mehr mit ansehen. Diese demütige Gastfreundschaft des Elends, diese qualvoll groteske Würde der Armut erdrücken mich. Mit einem Sprung bin ich bei der Tür, packe die Frau am Arm und ziehe sie in den Raum zurück. Unter meinem Griff öffnet sich ihre Hand. Das Geld fällt auf den Tisch. Es sind 135 Lire, 65 Pfennig. Wir starren alle darauf, als hätten wir noch nie Geld gesehen. Als meine Augen dem Blick Ruggeros begegnen, sagt er mit ruhiger Stimme, als beantworte er eine nicht ausgesprochene Frage: „Ja, das ist alles, was wir besitzen.“

Von diesem Augenblick an sehen wir Ruggero jeden Tag. Er wird unser Führer durch das Häuserlabyrinth von Palma di Montechiaro. Als wir zum Abschied vor einer Flasche Wein sitzen, die wir selber mitgebracht haben, bitte ich ihn, uns sein Leben zu erzählen. Nachdenklich blickt er auf seine Frau. „Das wäre schon möglich, wenn wir allein wären …“

Ich mache ihn darauf aufmerksam, daß keine Fremden im Zimmer sind, daß wir die Tür schließen können.

„Nein, das Leben eines Mannes ist nicht für die Ohren von Frauen bestimmt. Allein sein, heißt unter Männern sein.“Claude ist schon aufgestanden und auch die Frau Ruggeros hat bereits die Kinder auf den Arm gepackt, um das Zimmer zu verlassen. Als wir allein sind, spricht Ruggero. Er beginnt ohne Übergang, ohne Einleitung, mit monotoner Stimme, als sage er ein Gebet auf, das er vor Jahren auswendig gelernt hat und jetzt herunterleiert, ohne den Sinn wirklich zu verstehen.

Arbeit bekommt nur, wer den Lohn unterbietet

„Ich bin Bracciante, Landarbeiter, und habe in den letzten drei Monaten sieben Tage gearbeitet. Jeden Tag gehe ich morgens auf den Platz der Stadt, wo die Angestellten der großen Güter die Arbeiter für den Tag aussuchen. Ich bin alt, zweiundvierzig Jahre, das gibt mir wenig Chancen. Wenn ich überhaupt verdienen will, muß ich weit unter dem offiziellen Tarif arbeiten. Das ist so: Der Bauer oder sein Verwalter geht zu einem Braccianten und fragt: ‚Was ist dein Preis?’ ‚Neunhundert Lire (6 DM)’, sagt der Mann. Dann kommt der Bauer vielleicht zu mir und sagt: ‚Der da drüben macht es für neunhundert Lire, wieviel willst du?’ Ich muß achthundert sagen, wenn ich überhaupt eine Aussicht behalten will. Dann geht der Bauern wieder zu einem anderen und vielleicht wieder zu mir zurück und sagt: ‚Der da drüben macht es für siebenhundert Lire, aber der ist zwanzig Jahre jünger als du.’ Wenn ich Glück habe, darf ich dann für sechshundert Lire am Tag arbeiten.

Meistens aber bleibe ich mit vielen anderen auf dem Marktplatz. Wir plaudern bis zum Abend, weil jeder Angst hat, sich zu Hause zu zeigen, bevor die Sonne untergeht. Ohne Geld sind wir zu Hause eine Last. Die Frau schreit uns an und weint. Manchmal leiht mir einer zweihundert oder dreihundert Lire. Ich finde vielleicht auch Lasten, die ich für einige Lire schleppen kann Oder ich gehe nach Licata, wo mich keiner kennt. Da bettle ich. Ich verbinde mir dann ein Auge und male einen Teil meines Gesichtes blau an. Oder ich nehme meine drei jüngsten Kinder mit.

Als ich Kind war, schickte mich mein Vater nach Agrigento betteln. Ich mußte dann taubstumm spielen. Er hat mich nie respektiert, deshalb blieb ich damals Analphabet. Ich achte meine Kinder, sie müssen zur Schule gehen. Wir waren elf Kinder. Drei starben. Es war eine Epidemie, und eine Nachbarin hatte uns einen verwünschten Käse geschenkt, um unsere Familie ins Unglück zu stürzen. Ich wurde auch krank. Meine Mutter ließ eine Magierin kommen, die sollte das Haus vom Fluch der Nachbarin säubern. Sie betete viel. Ich mußte zwei Tage neben meinem toten Bruder liegen, mit heiligen Kräutern in Nase und Ohren. Es hat geholfen. Auch kein anderer starb in diesem Jahr.

Mit sechs Jahren wurde ich an einen Schäfer vermietet. Da lernte ich die Kräuter und Wurzeln kennen, die ich jetzt noch an bestimmten Tagen suche und an die Magierinnen verkaufe. Am richtigen Tag ausgegraben, bekämpfen die Wurzeln den bösen Blick. Es gibt die weiße Magie und die schwarze Magie. Die weiße hilft. Die schwarze bringt Böses. Die Polizei verbietet die schwarze Magie, deshalb behaupten allen, sie trieben nur weiße Magie. Das ist nicht wahr. Ich liefere viele Kräuter für die schwarze Magie. Auch die Lava ist wirksam, aber die gibt es nicht hier, sondern nur in der Nähe des Ätna. Wenn man das richtige Gebet darüber spricht und sie unter das Bett eines Menschen legt, stirbt er in sieben Tagen. Mit Quecksilber kann man das auch machen. Das nimmt man aus Thermometern. Deshalb hat die Apotheke hier fast nie welche.

In den Bergen wurde mein Blut dünn, zu dünn zum Arbeiten. Das dauerte drei Jahre. Da ich nichts verdienen konnte, schickte mein Vater mich in die Schule. Ich kann lesen. Als der Steinbruch aufgemacht wurde, konnte ich schon wieder arbeiten. Ich schleppte Körbe mit Steinen an die Eselskarren. Damals war ich elf Jahre. Als ich ein Stück Brot aß, kamen drei Männer aus unserer Stadt. Ohne ein Wort zu sagen, gingen sie auf den Vorsteher zu. Als sie ganz nah waren, zog einer ein Jagdgewehr unter dem Mantel hervor und schoß dem Vorsteher ins Gesicht. Er war tot. Wir konnten ihn nicht mehr erkenne. Er hatte sich geweigert, der Mafia den Schutzzoll für den Steinbruch zu zahlen. Wir kannten die drei Männer, aber keiner von uns sagte etwas. Wir wollten unser Gesicht behalten.

Als Ernesto am nächsten Tag erschossen wurde, war ich auch dabei. Die Landarbeiter kommen abends immer in Gruppen vom Feld zurück, weil sie Angst haben, überfallen zu werden. Einer ist meistens bewaffnet. Er reitet auf seinem Esel voran und sieht stattlich aus mit dem Jagdgewehr über dem Sattel. Ernesto hatte sich geweigert, gestohlenes Vieh über seine Felder laufen zu lassen. Ein Mann, den ich kenne, hatte mir gesagt, er müsse mit Ernesto heimlich verhandeln. Ich sollte Ernesto weit vor der Stadt abfangen und ihm sagen, seine Frau sei krank, und dann querfeldein auf dem kürzesten Weg zur Stadt rennen. Er würde schon folgen. Er tat es auch. Als wir die anderen Landarbeiter nicht mehr sahen, wurde Ernesto erschossen. Ich war es, der ihm die Goldzähne herausbrach.

In dieser Nacht wurde ich ein Mann. Wir schliefen zu fünft in einer Ecke unseres Zimmers. Meine Bruder, meine zwei Schwestern und ich. Die drei kleinen Geschwister schliefen mit Vater und Mutter im Bett. Meine Schwester war vierzehn. Von jetzt an brauchte ich jedesmal ihre Nähe, wenn ich mich in Gefahr fühlte. Das ist der Fluch der Männer: Sie brauchen die Frau, wenn sie schwach sind. Andere sagen, sie brauchen die Frau, um ihre Stärke zu zeigen. Das ist nicht wahr. Als ich tuberkulös war, konnte ich gar nicht genug Frauen bekommen. Je schwächer ich wurde, umso mehr brauchte ich sie. Das ist schwer hier, weil die Leute Angst vor bösen Zungen haben. Die Ehre liegt auf der Zunge des Nachbarn. Ich mußte heiraten, weil ich kein Geld hatte und deshalb meinen Durst nach Frauen nicht stillen konnte. Bei einem Armen gilt die Ehre.

Als die Amerikaner kamen, vergaßen wir unsere Ehre, denn die waren reich. Ich verkaufte meine Schwester, meine Frau. Ich heilte meine Schwindsucht mit amerikanischen Truthühnerkonserven. Mein Bruder verkaufte seine Tochter. Im Hafen von Licata standen wir alle Schlange. Auch die Knaben und jungen Männer aßen endlich einmal volle Mahlzeiten.

Wenn ein Sizilianer meine Frau anrühren würde, müßte ich ihn töten. Balthasar hat seine Frau erschossen. Sie war mit ihrer Tochter einen Tag nach Catania gefahren. Balthasar verhörte seine Tochter. Die erzählte ihm, ihre Mutter wäre mit ihr, mit einer anderen Frau und einem Mann in eine Auto gestiegen.

Balthasar war fünf Jahre im Gefängnis. Man ißt regelmäßig im Gefängnis. Mein Schwager, der in Palermo wohnt, war drei Jahre im Gefängnis, weil er gestohlen hatte. Obwohl er nie wieder gestohlen hat, gilt er bei der Polizei als Gewohnheitsverbrecher und wird hin und wieder aus Sicherheitsgründen zur Zwangsarbeit eingezogen. Die muß er auf der Insel Pantelleria machen. Er bekommt zweihundertfünfzig Lire am Tag und seine Familie fünftausend Lire alle zwei Monate. Als ich vor zwei Jahren überhaupt keine Arbeit fand, lebten wir nur vom Verkauf meiner Kräuter. Die Kinder wurden krank. Da schickte ich einen Brief an die Polizei von Palermo und bat sie, mich zur Zwangsarbeit einzuziehen. Sie antwortete nicht. Und dabei ist mein Schwager genauso wenig ein Gewohnheitsverbrecher wie ich.

Voriges Jahr verkaufte ich unser Radio, die Bettwäsche, einen Anzug und lieh mir etwas Geld, um nach Frankreich auszuwandern. Ich brauchte zwanzigtausend Lire (135 DM). Diese gab ich einer hiesigen Organisation, die mich dafür heimlich über die französische Grenze brachte. Wir waren siebzehn. Die französische Polizei griff uns auf und schickte uns wieder zurück. Zwei Monate blieben wir in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Mailand. Dann verlud man uns wieder nach Palma di Montechiaro.

Vor vier Wochen ging ich nach Agrigento. Dort gibt es ein Auswandererbüro, das Arbeiter für Deutschland sucht. Meine Papiere waren in Ordnung. Meine Schwindsucht ist seit langem ausgeheilt. Sie fanden mich gesund. Aber mir fehlten vier Zähne. ‚Wenn Sie vier neue Zähne haben, können Sie auswandern‘, sagte man mir. Aber vier neue Zähne kosten sechzehntausend Lire (107 DM).“

Ruggero läßt die Arme sinken. Er kann dem Elend nicht entrinnen.