Franco kommt

Veröffentlicht in „Stern“ Nummer 39, am 26. September 1959

Überall in Barcelona begegneten wir der Unzufriedenheit. Die Männer der Untergrundparteien sprachen heimlich mit uns über ihre Opposition gegen Franco. Die Bürger sagen es recht offen in Cafés und auf der Straße. Die Jugend, sie schrie es aus vollem Halse.
„Sag deinen Lesern, sag der ganzen Welt, dass wir Feiglinge sind. Stolze Spanier nennt man uns! Uns, gerade uns, die wir wie kein anderes Volk vor einem Haufen Polizisten in die Hose machen. Waschlappen sind wir, hörst du, Prostituierte der Angst, seelische Krüppel einer idiotischen Revolution.“
Rafael rannte aufgeregt in seinem Zimmer auf und ab.
Wir waren bei seinem Vater zum Abendessen eingeladen, einem wohlhabenden Industriellen, der mit ruhigen Worten seiner Unzufriedenheit über das Franco-Regime Ausdruck gegeben und vor überstürzten Handlungen gewarnt hatte. Sein Sohn Rafael, ein Student von 25 Jahren, hatte mit verschlossenem Gesicht dagesessen, ohne sich an der Unterhaltung zu beteiligen. Nach dem Kaffee hatte er mich kurzerhand auf sein Zimmer mitgenommen, wo er sich jetzt austobte.
„Für ein wenig Ruhe, für die Ruhe und das Schweigen der Gefängnisse verkaufen wir unsere Ehre und das Recht, frei zu sein wie ihr alle. Die Alten protestieren, indem sie schweigen. Aber das genügt nicht. Die Angst vor einer Wiederholung unserer Revolution steckt ihnen noch so in den Knochen, dass sie ganz einfach stumm strammstehen und das Gefasel des Herrn Generals über die Größe des spanischen Volkes und seine historische, von Gott gegebene Mission als den Rettungsring ihrer Würde anbeten und wie Balsam gegen ihr schlechtes Gewissen drücken. Oh, diese Schwächlinge! Weil Franco ihnen, den Reichen, alles erlaubt, um noch reicher zu werden, wollen sie uns mit dem Schreckgespenst des Bürgerkrieges zu Mitschuldigen ihrer Verschwörung des Schweigens machen.“
Er warf seine Zigarette zu Boden und trat darauf herum.
„Oh nein, dieses Ammenmärchen vom schrecklichen Bruderkrieg, der Spanien eine Million Tote gekostet hat, kann unsere Gehirne nicht gleichschalten. Unsere Erinnerungen an diese Zeit sind nichts anderes als aufgescheuchte Kindermärchen, zerbrochene Spielzeuge, schwarze Schleier und die von Tränen entstelltem Gesicht unserer älteren Schwestern. Solche Bilder können uns nicht abschrecken. Tausendmal abschreckender ist das Gesicht des heutigen Spaniens, und da müssen wir handeln wir, die wir für die Zukunft verantwortlich sind und – leider auch schon – für die Gegenwart.“
Ich unterbrach ihn. „Aber die Alten haben gekämpft. Egal auf welcher Seite. Sie wissen, wie Blut und Tod aussehen. Und die, die weiter kämpfen wollten, endeten im Gefängnis. Man sollte ihnen …“
Mit einer ungeduldigen Handbewegung fegte er meine Worte zur Seite.
„Auch ich war im Gefängnis“, sagte er leise, zweimal schon. – Ja, sieh mich nicht so erstaunt an, ich, das Kind so reicher Eltern, die früher auf der Seite Francos gekämpft haben.
Sein Vater war ins Zimmer getreten und hatte schweigend Platz genommen. Ohne sich im geringsten stören zu lassen, fuhr Rafael fort:
„Seit einigen Jahren überlassen wir den einzigen spanischen Adelstitel, der nicht besudelt ist – politischer Gefangener – nicht mehr den Arbeitern und Armen, die lautlos verschwinden. Auch wir, die guten Bürger, sind wieder Spanier geworden. Hinter den Mauern der Gefängnisse sitzen heute ebenso viele von uns wie von den linksgerichteten Parteien. Und wir sind stolz darauf. Wir haben es fertiggebracht, den Señorito auszurotten, jenem Begriff des reichen jungen Herrn, der von Mutter und Schwester verhätschelt wird bis zum vierzigsten Lebensjahr und nur dem Nichtstun und seinen Launen lebt. Jenen Faulenzer, den eure Literatur zum spanischen Helden gemacht hat . . .“
Er regte sich auf, als wolle er zeigen, dass er aus einem anderen Holz geschnitzt ist.
„Alle großen politischen Ereignisse der letzten Jahre wurden von uns, von der bürgerlichen Jugend, getragen. Sag deinen Lesern auch dies. Erzähle ihnen, wie die Universität von Barcelona revoltierte. Aber damals wart ihr alle von der ungarischen Revolution so fasziniert, dass ihr unseren Hilferuf gar nicht gehört habt.“
Rafael zog seinen Stuhl heran und setzte sich mir gegenüber. Seine leidenschaftlichen Augen wurden etwas ruhiger, zufriedener. Er schien glücklich, mir auch etwas Gutes über das Spanien von heute erzählen zu können.
„Vom ersten Tag an war für uns der Aufstand der Ungarn die Erhebung der Sklaven gegen die Tyrannei. Wir fühlten eine tiefe Verbundenheit mit diesen Menschen von Budapest, nicht etwa weil sie gegen die Kommunisten kämpften – das war uns vollkommen egal -, sondern ganz einfach, weil sie den Mut hatten, sich gegen einen Polizeistaat zu erheben. Gleichzeitig fühlten wir uns beschämt, weil wir uns noch nicht gegen unsere Unterdrücker geworfen hatten wie die ungarische Jugend gegen die russischen Panzer. Wenn wir uns auch spät besonnen hatten, so wollten wir uns doch wenigstens jetzt nicht von den ungarischen Helden beschämen lassen.
Wir baten den Gouverneur von Barcelona um die Erlaubnis, öffentlich unsere Sympathie für Ungarn ausdrücken zu dürfen. Aufrecht, mit zornig verzerrtem Gesicht, schrie er uns an: ‚ Für Ungarn oder für Franco, niemand auf die Straße!‘“
Als wir zur Universität zurückkommen, warten dreihundert Studenten. Madolell, ein junger Monarchist, bittet ums Wort: ‚ Da die Straße uns verboten ist, werden wir uns in der Universität einschließen.‘- als Antwort schickt der Gouverneur die bewaffnete Polizei. Er kommt sogar selbst, um zu verhandeln, und lässt die Türen aufbrechen. Die Polizisten werden mit den Rufen empfangen: ‚Rusos, Rusos‘, als seien sie, wie in Budapest, die Vertreter einer fremden Macht. – Viele Studenten werden verhaftet.“
Lächelnd schaute Rafael zu seinem Vater.
„Diesmal ließen uns die Alten nicht im Stich. Die Professoren beschlossen zu streiken, falls die Studenten nicht freigelassen würden. Der Rektor telefonierte nach Madrid und drohte mit seinem Rücktritt. Um schlimmere Folgen zu vermeiden, entschloss sich der Gouverneur, uns nach viertägiger Haft zu entlassen.“
Voller Erwartung sah Rafael mich an. Er erwartete Anerkennung.
„Na ja, vier Tagen, die machen einen Mann noch nicht zum Märtyrer . . .“, sagte ich.
„Du hast alles Recht zu spotten“, antwortete er ruhig. „Gegen die Ungarn sind wir nur Halbstarke der Politik. Aber ich bin noch nicht fertig mit meiner Geschichte.
Seit jenen Tagen – und bis heute – bedrückt uns das Beispiel der ungarischen Jugend. Anfang 1957 können wir einfach nicht mehr warten. Wir stürzen auf die Straße und demonstrieren gegen den Gouverneur, gegen die Falange und Franco.
Wir werden natürlich zusammengeknüppelt. Unsere wohlersonnene Rache jedoch bringt das Regime ins Wackeln, da sie zeigt, dass ganz Barcelona gegen Franco ist. Wir telefonieren an Zehntausende und fordern sie auf, durch den Boykott der Straßenbahnen ihrer Opposition Ausdruck zu geben. Und ganz Barcelona folgt unserem Aufruf.
Professoren, Soldaten, Priester, Beamte, Arbeiter, eine Million Menschen gehen während 14 Tagen zu Fuß, als gäbe es diese blau-roten Straßenbahnen nicht, die plötzlich zum Symbol des Regimes geworden sind. Der Gouverneur stopft sie mit Angestellten der Tramgesellschaft voll, lässt sie von motorisierten Polizisten begleiten, aber auch diese können sie nicht schützen gegen die Tintenflaschen, faulen Apfelsinen und Flugblätter, die wie Konfetti aus den Fenstern Barcelonas geworfen werden – erinnerst du dich, Vater, selbst du hast eine kostbare Tintenflasche auf das Dach eines Wagens geworfen.“
Herr Diaz schaute zu Boden wie ein Junge, der bei einem bösen Streich erwischt wird. „Na ja, so kostbar war sie nicht – einfaches Kristall“, murmelte er.
Rafael lächelte: „Siehst du, Gordian, selbst die müden Alten können wieder jung werden, wenn wir sie mitreißen. – Aber lass mich weiter erzählen:
Während des Boykotts der Straßenbahnen ist die Universität natürlich geschlossen. Als sie wieder geöffnet wird, finden wir die Haupteingänge von Polizisten versperrt, die uns durch Nebentüren zu unseren Hörsälen führen. Dort werden unsere Professoren gezwungen, sich öffentlich gegen uns auszusprechen. Schweigend verlassen alle Studenten die Hörsäle und versammeln sich im Hof der Rechtsfakultät. Domingo Madolell ist wieder da, der junge Monarchist, der schon das letzte Mal unser Sprecher war. Er steigt auf eine Bank. ‚Die Universität ist seit jeher der Hort der Freiheit. Wir wollen sie auch hier wieder dazu machen.‘ Siebenhundert Studenten jubeln ihm zu. Man singt ‚Gaudeamus igitur‘. Madolell lässt ein Vaterunser beten.
Mittlerweile hat die Polizei Befehl erhalten, die Studenten aus der Universität zu vertreiben. Mit den Waffen in der Hand geht sie gegen die Studenten vor, die zunächst in die Aula zurückfluten. Aber dort erwacht ihr Widerstand. Sie ergreifen Stühle und Bänke. Der Zusammenstoß scheint unvermeidlich.
Da ertönt wieder die Stimme des kleinen Madolell: ‚ Wir sind hier‘, sagt er mit ruhiger Stimme, um unseren Professoren den Standpunkt der Studenten klarzumachen, und nicht, um uns mit der Polizei zu schlagen. Ich bitte die Wachen, dem Ort zu respektieren, und den Rektor der Universität, uns anzuhören.‘ Polizisten und Wachen stehen die festgenagelt. Auch sie sind von der Persönlichkeit Madolells fasziniert. Er hat sich hingesetzt und lässt eine Minute verstreichen. Keiner wagt zu atmen. In dem Augenblick, da die Spannung unerträglich wird, erhebt er sich: ‚ Ich stelle fest, dass keiner unserer Professoren sich hierher bemüht hat, und danke der Polizei für ihre respektvolle Haltung.‘
Alle Studenten jubeln der Polizei zu, und es sieht so aus, als ob die ganze Angelegenheit friedlich beigelegt würde.
Als aber am Nachmittag die Studenten die Universität verlassen, werden Madolell und zwanzig seiner Kameraden von einem Schwarm Polizisten umringt und verhaftet. Die Studenten wollen sie befreien. Aber Verstärkung wird eingesetzt. Polizisten und Wachen, die Madolell nicht mit angehört haben, knüppeln die Studenten rücksichtslos nieder. Man hört die Offiziere schreien: ‚Hay que acabar con esto.‘ ‚Man muss ein Ende machen.‘ Das tragische Wort in jedem spanischen Streit: den Gegner erledigen.
Jetzt gibt es keinen Pardon mehr. Wer sich erhebt, widersteht, wird rücksichtslos niedergeschlagen. Mütter, die vier Stunden lang bangend gewartet haben und ihren verwundeten Söhnen zur Hilfe eilen, werden verprügelt und ebenfalls in die Lastwagen der Polizei geworfen. Hunderte werden verhaftet. Es gibt kein Verhör, keine präzise Anklage, nur Gefängnis und Schweigen. Dreihundert von uns wird es untersagt, sich zum akademischen Examen zu stellen.
Du siehst, Gordian, dass es auch härter hergehen kann. Du siehst, dass wir versuchen, die Achtung vor uns selbst – und vor euch – wiederzugewinnen.“
Rafael strich sich mit zitternden Fingern durch die Haare. Er wandte sich dem alten Herrn Diaz zu: „Was sagst du dazu, Vater.“
Herr Diaz hatte sich erhoben. „Ich kann deine Worte nur bestätigen. Unsere Freunde hier sollen kein falsches Bild bekommen. Ich habe deine Befreiung nach acht Wochen Haft nur deshalb erwirken können, weil ich einst in Francos Generalstab Dienst tat und deshalb direkte Beziehungen zum Staatsoberhaupt habe.“
Er nahm meinen Arm und führte mich zur Tür. „Ich bin stolz auf unseren Jungen“, flüsterte er. „Seine Generation wird uns alle reinwaschen.“
Laut fügte er hinzu: „Aber jetzt genug von Politik, Rafael, unsere Gäste wollen auch die angenehmen Seiten Spaniens genießen. Komm, lass uns etwas trinken. Wir haben es alle nötig.“
Weiß behandschuhte Diener reichten uns in angewärmten Gläsern peinlich genau temperierten Cognac. Die Dame des Hauses verwickelte uns mit viel Charme in wundervoll nichtssagende Gespräche. Wie alle Spanier der gehobenen Klasse es unter sich tun, duzte man Claude und mich seit Anfang des Abends mit einer Natürlichkeit, wie es eben nur in Spanien in diesem Milieu möglich ist. Damit zeigte man uns, dass wir dazugehörten, dass wir alte Freunde waren, und alles wurde soviel gemütlicher, soviel einfacher.
Nach einigen Gläsern konnten wir uns schon gar nicht mehr vorstellen, dass wir hier, in dieser Umgebung, bei „Revolutionären“ zu Gast waren. Revolution, das sind Hinterstuben und Arbeiterviertel. Wenigstens hatten wir es uns so vorgestellt, als wir hinter die spanischen Fassade schauen wollten. Nun saßen wir in bequemen Clubsesseln vor der Fassade, und doch befanden wir uns in der allerersten Reihe.
Wie immer in Spanien, hatte die Nacht keinen Stunden. Erst frühmorgens erinnerten wir uns, dass wir ein wichtiges Rendezvous hatten: eine Begegnung mit Franco. Nicht, dass er uns eingeladen hätte. Nein, wir hatten erfahren, dass General Franco von einer Propagandareise in Aragonien nach Madrid zurückkehrte und beschlossen hatte, mit dem Wagen nach Salinas zu fahren, um dort einen Sonderzug zu besteigen. Da Salinas ein wenig bedeutender Ort ist, waren weder eine Rede noch ein offizieller Empfang vorgesehen. Wir konnten also hoffen, dass die berufsmäßigen Hurraschreier nicht dabei sein würden und wir somit zeugen eines unmittelbaren Kontaktes des zwischen dem Staatschef und seinem Volk werden könnten. Wir wollten herausfinden, wie die Stimmung auf dem Land ist. Vielleicht waren die Bauern, die von der Industrie unberührte Landbevölkerung, seine Anhänger und die eigentlichen Träger der Bewegung.
Schon hinter Saragossa merkt man, dass etwas Ungewöhnliches in der Luft liegt. Auf jedem Hügel – die Straße windet sich durch eine wellige Landschaft – thront ein Reiter, ein Zivilgardist zu Pferd, der mit seinem Fernrohr den Horizont absucht. Der Anblick dieser Wachen, die mit ihren komischen Hüten wie mittelalterliche Späher aussehen, ist so malerisch, dass wir uns auf einen ebenso malerischen Empfang in altspanischem Stil vorbereiten.
Auf dem Bahnhofsplatz von Salinas warten etwa 300 Menschen. Bauern im Sonntagsstaat, Arbeiter in blauen Arbeitskitteln, Kinder, die wie zum Kirchgang gekleidet sind. Die Zivilgardisten, der Pfarrer, der Chef der städtischen Falange und die Ortsverwaltung schreiten aufgeregt hin und her. Der Bischof, zivile und militärische Würdenträger aus Medinacelli, der vornehmen Kreisstadt, schwitzen in der Sonne vor schwarz-goldenen Willkommenssprüchen.
Wir haben unseren Wagen auf der Hauptstraße gelassen und uns unter die Menge gemischt, um Franco einmal zu sehen, wie das Volk ihn erlebt. Wir glauben, unbemerkt in der Menge verschwinden zu können, aber schon nach einigen Schritten klopft ein Polizist mir auf die Schulter: „He, Sie, wer sind Sie und was wollen Sie hier?“
„Ich bin Tourist und möchte einmal Franco fotografieren, um ein Andenken aus Spanien mit nach Hause zu bringen.“
Er mustert mich einen Augenblick. „Na gut – aber Ihren Wagen können sie dort nicht stehen lassen. Schnell, weg damit, in fünf Minuten kommt der Caudillo!“
Wir haben unsere Kameras geladen und gute Plätze bezogen. Wenn ich jetzt noch den Wagen in eine Nebenstraße rangieren muss, riskieren wir, Franco zu verpassen.
„Aber Herr Wachtmeister“, sage ich. „Es ist doch so viel Platz . . .“
„Was heißt hier Platz!“ brüllt er. „Wenn ich weg sage, dann muss er weg.“
Er schaut mich misstrauisch an: „Oder haben Sie noch nie gehört, dass Autos in den unglaublichsten Augenblicken in die Luft fliegen können?“
Ich lasse mir das nicht zweimal sagen und renne davon, dass die Kameras auf meinem Bauch tanzen.
Als ich wieder an meinem Platz komme, beginnt die bedrückende Szene, die kein Filmregisseur besser hätte drehen können, um die Macht und die Angst eines Diktators zu veranschaulichen.
Uniformierte Motorradfahrer kommen die Straße herunter. Die Zuschauer recken neugierig die Hälse. Ein Arbeiter, der einen besonders guten Platz erobert hat – er sitzt oben auf einem Wappen zwischen zwei Fahnen – schreit plötzlich: „Da kommt er!“
Ein offener Cadillac, Modell 1959, nimmt die Kurve, dass die Reifen quietschen. Vier Soldaten sitzen darin, schussbereite Maschinenpistolen auf den Knien. Den Zuschauern klappen die Unterkiefer herunter.
Ein zweiter Wagen folgt, ein dritter, ein vierter. Ohne ihr Tempo zu verlangsamen, rasen die prächtigen Cadillacs um den Platz und streifen die Zuschauer, die sich fluchtartig auf dem Bürgersteig zurückziehen. Das alles geht so schnell, dass wir fast vergessen, die Kameras zu zücken. Das Karussell dieser mächtigen Wagen fegt den Platz leer. Dann fahren sie zu einer Wagenburg auf.
Bevor sie noch zum Stillstand kommen, springen bereits 16 marschmäßig gekleidete Soldaten mit Maschinenpistolen herunter und beobachten nach allen Seiten kritisch die Wartenden. –
In der Menge ist es unheimlich still. Neben uns haben zwei städtisch gekleidete Herren Platz genommen, die uns lässig über die Schulter blicken.
Langsam rollt nun ein geschlossener und gepanzerter Cadillac vor den Eingang des Bahnhofs. Das dort angetretene Empfangskomitee verbeugt sich respektvoll vor dem Wagen, und ein heller Hut, wahrscheinlich Francos, verschwindet im Innern des Bahnhofs.
Eine Frau hat sich aus dem Menge gelöst: „Viva Franco“, schreit sie. „Viva, der Retter Spaniens. Viva …“
Die Bauern haben vor Erstaunen ihre Münder immer noch offen. Sie schweigen. Die meisten drehen sich einfach um und gehen kopfschüttelnd davon. Die anderen, die um keinen Preis umsonst gekommen sein wollen, stoßen bis zum Bahnsteig vor. Als Franco sich für einige Augenblicke am Fenster seines Abteils zeigt, wird es totenstill. Nur als das Empfangskomitee kräftig winkt, erheben sich einige müde Arme.
Mein Nachbar schüttelt den Kopf und murmelt zu sich selbst: „Wie jung der noch aussieht – wie sich so was hält. No hay derecho – Es gibt kein Recht auf Erden …“

Im nächsten Heft:
Andalusische Hochzeit