Eine kleine Stadt in Frankreich III

Stern, Heft 30, 29. Juli. 1962

„Der Baum muß weg.“
„Der Baum bleibt stehen.“
„Dann komme ich nachts mit der Axt.“
„Nur über meine Leiche.“
„Vater, wir sind im 20. Jahrhundert!“
„Kein Grund, um nicht zu gehorchen.“
„Der Traktor hat das letzte Wort. Er muß durch.“
„Hier nicht. Der Baum bleibt.“
„Weil der Dragoner darunter liegt?“
„Genau.“
„Knochen aus dem Jahre 1815?“
„Der preußische Dragoner gehört zur Familie, und damit hat sich’s.“ – Herr Dufour klopft energisch gegen den Stamm des uralten Nußbaums. „Das ist das Denkmal unseres Patriotismus. Verstanden. Hier steht mein Stolz. Und deiner auch. Wer daran rüttelt, ist mein Feind. Verstanden?“
„Nur weil deine Vorfahren den armen Kerl umgebracht und verscharrt haben. Napoleon hat trotzdem verloren.“
„Das waren auch deine Vorfahre. Oh…“ Herr Dufour wendet sich zu mir: „In dieser Generation steckt der Wurm“, meint er „da kratzt man Millionen zusammen, damit so was studieren kann, und wenn sie aus Paris zurückkommen, wollen sie alles besser wissen.“

Ich schaue mir die Sachlage an. Der junge Dufour hat zweifellos recht. Auf weiter Flur gibt es nur diesen einen Baum. Und er steht ausgerechnet so verzwickt am Eingang der Felder, daß der nagelneue Traktor, den Dufour Junior soeben drohend unter die kranken Äste gefahren hat, nicht durchkommen kann. Ich muß ihm zustimmen. Wenn er jemals seine Äcker mit dem Traktor bestellen will, muss der Baum weg. Aber wie soll ich es sagen, ohne den alten Herren zu kränken:
„Warum haben Sie den Traktor gekauft, wenn Sie den Baum nicht fällen wollen?“ frage ich. „Die meisten ihrer Felder liegen doch hier.“
„Seinetwegen“, sagt er und zeigt auf seinen Sohn. „Der älteste ist Professor in Paris, der zweite ist Arzt in Lyon. Ohne Traktor wäre Charles nicht mehr nach Hause gekommen. Er will modern arbeiten.“
„Erzähl keine Märchen“ ruft Charles von seinem Sitze herunter. „Die Nachbarn sollten staunen. Sei doch ehrlich. Das ist der einzige Grund. Da hat bald jeder einen Traktor. Selbst wenn er nur einen halben Hektar besitzt. Die Felder der ganzen Gemeinde könnten mit sechs Traktoren bestellt werden. Aber nein. Die Herren haben fünfzig oder mehr. Auf Kredit natürlich. Jeder für sich. Die gute, alte französische Tour. Mein – dein. Ich – die anderen. Haarscharf getrennt. Todfeinde wegen zwei Zentimeter Boden. Man kontrolliert seine Pflöcke, mit dem Jagdgewehr unter dem Arm. Um Gottes willen, ja nicht zusammenarbeiten. Da könnte X, Y oder Z besser abschneiden. Nein, Vater, das Märchen nimmt dir keiner mehr ab, genau wie die Geschichte mit dem preußischen Dragoner. – Laß uns doch mal nachschauen. Nur kontrollieren, ob er da ist.“
Charles springt vom Traktor, nimmt einen Spaten und geht auf den Baum zu. Der alte Herr hebt beide Arme zum Himmel.
„Bist du verrückt? Damit er uns nachts an den Beinen zieht? Ah, non!“
„Ich glaube nicht an Geister.“
„Du bist zu jung.“
„Wir können ihn doch auf dem Friedhof beisetzen.“
„Ein preußischer Dragoner auf unserem Friedhof? Bist du verrückt? Neben deiner Mutter vielleicht?“
„Ich dachte, du seist ein echter Republikaner.“
„Ja, aber es gibt Grenzen.“
Charles sagt kein Wort mehr. Er springt auf seinen Traktor und fährt davon. Herr Dufour steigt mit mir in den Wagen.
„Es ist alles durcheinander“, meint er. „Früher war die Welt kristallklar. Da gab es Rote und Schwarze, das heißt: Republikaner und Klerikale. Die Frauen ließ man in die Kirche gehen. Aber wir schlugen uns für unsere Prinzipien: für die Freiheit, das Recht, unsere Kinder auf öffentliche Schulen zu schicken; gegen die Herrschaften vom Schloß und ihre Verbündeten, die Priester, die uns verdummen wollten. Wenn gewählt wurde, kamen wir erst einmal zusammen und diskutierten. Wir wußten alle, worum es ging. Da war der Jean der Jean und Pierre war Pierre. Jetzt sitzen wir im Nebel. Es gibt nur noch Hampelmänner, die uns für dumm verkaufen: Abgeordnete, die nicht einmal von hier sind, sollen unsere Interessen vertreten. Kurz vor den Wahlen werden sie uns vorgeführt und angepriesen wie das letzte Seifenpulver. Das ist keine Politik. Das sind Reklamefeldzüge. Ich gehe nicht mehr wählen. Ich sage auch nicht mehr, was ich denke. Es kann nur schaden. Die Herren haben lange Arme, wie einst die Schloßherren. Meine Vorfahren, die den Dragoner umbrachten, waren richtige Kerle. Die waren konsequent.“
Monsieur Dufour spielt mit dem Zigarettenanzünder. Seine Hände tasten über das Armaturenbrett des Wagens. Er lächelt.
„Die Technik ist doch was Schönes. Unter uns: Charles hat recht. Den Traktor habe ich nur wegen der Nachbarn gekauft. Wir sind keine armen Schlucker. Das soll jeder wissen. Besonders jetzt, da Charles Bürgermeister geworden ist.“
Er versucht seinen Stolz zu verbergen und blickt aus dem Fenster.
Wir kommen in der kleinen Stadt an: viertausend Einwohner. Alle sind katholisch. Siebzehn Männer gehen regelmäßig zur Messe. Es gibt: eine Kirche, zwei Märkte, eine Zementfabrik, eine Ziegelei, eine Konservenfabrik, einen Abgeordneten, einen Notar, zwei Ärzte, zwei Apotheker, eine Gräfin mit Schloß, vier Hotels, eine elegante Absteige, ein Kino, zwei Schulen (eine staatlich und eine konfessionell), ein Stoffgeschäft. Der einzige Konfektionsladen verkauft jetzt Kühlschränke und Gasherde. Sieben Restaurants, fünfzehn Bäcker, zehn Schlachter, drei Käseläden mit fünfzig verschiedenen Sorten, achtundzwanzig Kolonialwarengeschäfte, dreißig Kneipen.
So sieht sie aus, unsere kleine Stadt im Herzen Frankreichs. Das Schwergewicht liegt auf dem Essen. Jeder Haushalt gibt vierzig Prozent für die Ernährung aus, zwanzig Prozent für Getränke, zehn Prozent für Wohnung, elf Prozent für Vergnügen (Jagd, Angeln, Reisen). Der Rest ist für Kleidung, Erziehung, Hygiene.
Dick sein ist ein Zeichen von Kraft und Gesundheit. „Der ist reif für den Friedhof“, sagt man von einem mageren Menschen. Und „Wer nicht trinkt, ist kein Mann.“ Herr Dufour ist ein Mann: drei Liter Wein, fünf Schnäpse und einige Pernods sind die täglichen Beweise.
Ich habe mir angesehen, was er regelmäßig ißt. Der Tag beginnt mit einem Schnaps, „um die Würmer zu töten“. Dann kommt das Frühstück: ein großer Teller Fleischbrühe mit eingebrocktem Brot. Natürlich gehört ein Schuß Wein hinein, „um die Suppe zu entfetten“. – Um zehn Uhr: drei harte Eier, ein Stück Käse, Schinken und Wein. – Mittags: Fleisch, Kartoffeln, Salat, Brot, Früchte und Wein. – Um drei Uhr: einen Verdauungsschnaps, „um Platz zu schaffen“. Denn um vier Uhr macht er „vier Uhr“: Brot, Wurst, Käse, Wein. – Abends löffelt er nur Milchkaffee mit viel Brot drin. So sieht der Wochentag aus.

Eile ist ein schlechter Koch

Sonntags wird endlich richtig gegessen. Aber vorher musßder Dreck der Woche herunter. Herr Dufour nimmt einen rauen Waschlappen, taucht ihn in hochprozentigen Branntwein und reibt seinen ganzen Körper damit ab, bis er rot wird. Dann geht es an die Vorbereitung der Mahlzeit, die man schon seit Tagen bespricht. Alle helfen. Herr Dufour überwacht: „Macht nur langsam“, sagt er alle zehn Minuten. „Eile ist ein schlechter Koch“.
Das Hauptgericht des Tages muß als erstes zubereitet werden. Es geht schon früh morgens los. Speck, weiße Bohnen, Karotten, Zwiebeln, Schmalz, Wurst mit Knoblauch, eine Hammelkeule, ein Huhn, mehrere Schweinskoteletts werden in einen Steinkrug gelegt. Das Ganze wird mit Brotteig zugedeckt und zum nächsten Bäcker gebracht, wo es vier bis fünf Stunden im Backofen bleibt. Und jetzt hat man genug Zeit, um die anderen Gerichte vorzubereiten.
Wir haben eine Kostprobe des normalen Sonntagsessens bekommen. 1. Gang: Leberpastete, Hasenpastete, harte Eier, Tomatensalat. 2. Gang: Blutwurst mit Zwiebeln und Apfelmus. 3. Gang: das Steintopfgericht, das heiß vom Bäcker zurückkam.
4. Gang: Schinken, Salat mit Speck, harte Eier. 5. Gang: sechs Käsesorten. 6. Gang: Krapfen. 7. Gang: Pudding. 8. Gang: Apfeltorte. 9. Gang: Früchte.
Ohne natürlich die Aperitifs, Weine und Schnäpse zu zählen. Wir setzten uns um ein Uhr an den Tisch und standen um fünf Uhr auf.
Herrn Dufour ist diese Diät bis heute ausgezeichnet bekommen. Er trägt seine 71 Jahre wie ein Sechzigjähriger und scheint in jeder Hinsicht rüstig zu sein. Jetzt blinzelt er wie ein übermütiger Junge aus dem Wagenfenster.
Halten Sie doch mal schnell an“, ruft er, „ich muß der Mutter Pommard etwas sagen.“
Eine üppige Fünfzigjährige schließt vorsichtig eine grüne Haustür und kommt uns entgegen. Schwarzer Strohhut, graues Kleid, schwarze Schürze, rote Backen.
„Auf frischer Tat ertappt“, flüstert er, „die kommt gerade von den Brüdern Béry. Seit dreißig Jahren ist sie die Geliebte dieser beiden Junggesellen. Ihr Mann arbeitet in der Zementfabrik. Haha. Hier haben alle Hörner. Höher als der Eiffelturm.“
Er dreht die Scheibe runter. „Bonjour, mère Pommard.“
„Bonjour, Monsieur Dufour.“
„Stellen Sie sich vor, mein Sohn will den Dragoner ausgraben.“
Sie bekreuzigt sich. „Jesus Maria, der Jugend ist nichts mehr heilig.“

Cherchez la femme

„Was gibt’s sonst Neues?“
Sie kommt näher. Ihre Stimme ist nur noch ein Geflüster:
„Der Jean hat schon wieder ’ne Neue. Diesmal ist sie dreißig. Kein Jahr älter. Die Familie will ihn schon wieder einsperren lassen. Dabei ist er ganz normal.“
„So normal möchte ich auch mit 82 sein. Es ist eine Wonne, wie er seine Erben zur Verzweiflung treibt. Die beten, daß er abkratzt. Ja ja, wenn es um Millionen geht, ist man zu allem im Stande. Erinnern Sie sich noch, mère Pommard?“
Sie schlägt schnell das Kreuz: „Jesus Maria. Malen Sie den Teufel nicht an die Wand, père Dufour.“
Als wir weiterfahren, erzählt er mir, wie Herr Jean seine Erben zur Verzweiflung bringt. Er ist ein reicher Industrieller. Vor zwei Jahren fuhr er „zum Scherz“ nach Rumänien, um sich einer Verjüngungskur zu unterziehen. Gleich nach seiner Rückkehr nahm er eine Geliebte. Kinder und Enkel lächelten: „Der will nur zeigen, daß er sein Geld nicht umsonst ausgegeben hat“, sagten sie und ließen dem alten Mann seine Laune.
Aber es war keine Laune. Es war die Kur. Jede Woche wechselte Herr Jean die Geliebte. Es ging hoch her. Er unternahm regelrechte Hochzeitsreisen. Die letzte führte ihn bis nach Kairo. Die Frauen wurden königlich beschenkt.
„Meine letzte Viertelstunde soll mein Vermögen kosten. Es lebe Rumänien. Es lebe die Liebe“, rief er eines Abends im besten Restaurant der Stadt, stürzte sich auf die Wirtin, küßte sie vor allen Kunden und entführte sie unter tobendem Beifall mit seinem Auto. Als sie nach zehn Tagen zurückkam, schwärmte sie von Spanien.
Jetzt wurden die Erben unruhig. In der Provinz will man erben. Koste es, was es wolle. Einer der Söhne starb an Herzschlag. Die Witwe riss der Geliebten des Schwiegervaters zwanzig Gramm Haare vom Kopf und die Perlen vom Hals. Man versuchte, den Familienarzt zu bestechen. Der Alte ist verrückt. Er muß ins Asyl.“ – „Keineswegs“, meinte Herr Jean und fuhr mit der Frau des Arztes in die Schweiz, wo er eine neue Verjüngungskur machte.
Herr Dufour schmunzelt. „Zuerst waren es die Frauen von fünfzig, dann vierzig, jetzt ist er bei dreißig angelangt. Wo wird er aufhören?“
„Sieht der denn auch jünger aus?“ will ich wissen.
„Überhaupt nicht. Aber drei andere Herren sind schon in die Schweiz gefahren, um sich auch verjüngen zu lassen. Wir sind alle gespannt. Donnerwetter, hier gab’s immer viel zu quatschen. Aber so viel doch noch nie. Wir zählen schon die Tage.“
Der Mann mit dem roten Pullover torkelt gegen den Wagen. Er breitet seine Arme aus und lehnt sich über den Kühler.
„Buh“, schreit er und grinst uns an. „Buh, ich bin der große Charles. Lang lebe Frankreich.“ Er führt seine Hände an den Mund und trompetet einen Militärmarsch.
Herr Dufour steckt seinen Kopf aus dem Fenster. „Geh aus dem Weg, Richard. Um diese Stunde ist man nicht besoffen. Es ist erst vier Uhr. Hau ab.“
„Buh. Ich bin die Leiche der Republik.“ Er krabbelt auf die Motorhaube und drückt seine Nase gegen das Fenster. „Ich bin die Leiche der Republik. Taratata.“
„Wo ist der Scheibenwischer?“ fragt Herrn Dufour.
Ich zeige ihm den Knopf. Er stellt an. Unnütz. Der Wischer klemmt sich unter Richards Nase. Er nimmt ihn zwischen die Zähne und zischt:
„Buh. Ich bin ein dreckiger Kommunist.“
Wir steigen aus und helfen ihm wieder auf die Beine. Herr Dufour schlägt vor, ihm einen starken Kaffee zu geben. Ein kleiner Schnaps täte uns auch gut.“
Wir gehen in die nächste Kneipe. An der Theke steht ein stämmiger Arbeiter.
„Was ist mit Richard los?“ will Herrn Dufour wissen.
„Aus der Ziegelei entlassen“, sagt der Dicke.
„Buh“, lallt Richard, ich bin ein Kommunist.“
„Der ist doch schon sieben Jahre dort.“
„Richtig. Aber er hat die Dummheit begangen, einer Gewerkschaft beizutreten.“
„Das interessiert mich“, sage ich.
„Kann man entlassen werden, wenn man einer Gewerkschaft beitritt?“
„Früher nicht“, sagt der Dicke. „Aber heute gibt es so viele Spanier, Portugiesen und Araber in dieser Gegend. Vierhundert allein in unserer Gemeinde. Die sind froh, wenn sie Arbeit finden, und ducken sich, um sie zu behalten. In den großen Städten gibt’s sowas natürlich nicht. Aber hier auf dem Lande machen die Großen, was sie wollen.“
„Wie viel verdiente Richard?“
„Ungefähr 400 neue Franken.“ (320 Mark).
„Und wie viel bekommt ein Portugiese?“
„Fünfzig weniger.“
Richard ist auf seinem Stuhl eingeschlafen. Herr Dufour tut plötzlich sehr wichtig.
„Ich habe mich heute fast mit meinem Sohn geprügelt. Er will den preußischen Dragoner ausgraben.“
„Recht hat er“, sagt der Dicke. „Wie soll der Traktor sonst auf Ihren Acker? “
„Unsinn“, sagt der Wirt. „Wir wollen keine Geister in der Stadt.“
„Ich bin ein Sozialist“, sagt der Dicke. „Für mich gibt’s keine Geister.“
„Ich bin Republikaner“, sagt der Wirt. „Für mich gibt’s Geister.“
„Wir wollen den Knochenbrecher fragen“, meint Herr Dufour.
Richard schläft. Der Wirt schließt die Kneipe ab, und wir überqueren die Straße. Hinter einem kleinen Schaufenster, in dem Kräuter, verschiedene Pulver und kleine Amulette liegen, sitzt der Knochenbrecher und reinigt sein Jagdgewehr.
„Kann man den Dragoner ohne Gefahr ausgraben?“ will der Wirt wissen.
„Darüber reden wir bei dir“, sagt der Knochenbrecher. „Ich muß einen trinken.“ Er schließt den Laden ab, und wir marschieren alle fünf wieder in die Kneipe.
Der Wirt serviert einen Pernod.
„Auf meine Kosten“, sagt Dufour. „Also?“ fragt der Dicke.
„Wenn ich vom Standpunkt der Wissenschaft ausgehe“, meint der Knochenbrecher, „ist es natürlich ganz unmöglich, einen Erschlagen in seiner Ruhe zu stören. Dann sinnt er auf Rache. Auf wen fällt die? Auf dich, Dufour.“
„Seht Ihr – Trink noch einen.“
„Danke. – Betrachte ich es jedoch unter dem Aspekt der astralen Einflüsse dieses Monats, dann muß ich gestehen, daß ich keine Gefahr wittere. Ich muß natürlich dabei sein. Versteht sich…“
Herr Dufour wird unsicher. „Ich muß mit meinem Sohn darüber reden“, sagt er. „Auf Wiedersehen.“ – „Der will Geld“, flüsterte er mir zu, „dieser Kurpfuscher.“

Schmales Foto zwischen den Spalten mit zwei alten Damen in Schwarz vor einem Herren Frisiersalon.
Text darunter: Die öffentliche Meinung einer kleinen Stadt steht unter dem ständigen Druck von Frauen eines gewissen Alters. Sie kolportieren, kommentieren, beurteilen und  verurteilen das Leben eines jeden Mitbürgers.

Als wir an der Kirche vorbeifahren, läuten die Glocken zu einem Begräbnis. Vierzig Männer in Schwarz stehen vor dem Eingang.
„Warum dort?“ frage ich.
„Echte Männer setzen nie den Fuß in die Kirche. Das tut kein guter Republikaner. Nur die Frauen sind drin. Wenn der Sarg herauskommt, gehen die Männer mit zum Friedhof.“
„Und wo heiratet ein echter Republikaner? Auch vor der Kirche?
„Unsinn. Da muß man natürlich dabei sein. Eine Frau will vor dem Altar getraut werden. Aber Sie sollten sich das mal ansehen. Entweder stehen die Herren da, als hätten sie einen Besen verschluckt. Oder sie reißen Witze. Ein Roter weiß nie, wie er sich in der Kirche benehmen soll.“
„Gibt’s hier so viele Kommunisten?“
„Ich hab Ihnen doch schon erklärt, Rote sind Republikaner, Antiklerikale. Parteien gibt es kaum noch. Wir halten an alten Gewohnheiten fest. Kommunisten haben wir natürlich auch.“
„Kennen Sie einen kommunistischen Stadtrat?“
„Selbstverständlich. Einer der dicksten Bauern.“
„Kann ich ihn besuchen?“
„Sofort.“
Monsieur Blondel empfängt uns vor der Tür seines Hauses. Baskenmütze, rote Nase, Schnurrbart, Samtjacke, Reithose, Gummistiefel zieren einen Mann von 50 Jahren. Er besitzt 100 Hektar. Viel Land für diese Gegend. Er beschäftigt vier Landarbeiter, hat vierzig Kühe, produziert Milch, Fleisch, Korn und Wein. Als Herr Dufour ihm sagt, daß ich Journalist sei, fällt die einladend auf das Haus gerichtete Hand wieder herunter. Wir bleiben im Hof.
„Wie viel Kommunisten gibt es hier?“ frage ich.
„Ich bin kein Kommunist.“
„Herr Dufour hat es mir doch gesagt.“
„Hier wird jeder als Kommunist verschrien, der am Privatbesitz rüttelt. Übrigens, die Kommunistische Partei ist hier klein. Aber ein Drittel der Bevölkerung wählt sie.“
„Aus Überzeugung?“
„Nein, nicht aus Überzeugung. Franzosen stänkern gern. Es gibt nur eine große Partei in Frankreich: die Nörgler. Wenn die Kommunisten fest genug auf die Pauke schlagen, kommt immer ein guter Haufen mit ihnen. Es gibt natürlich auch viele Kommunisten aus Überzeugung. Versteht sich.“
Herr Blondel erklärt mir anschließend, daß es heute in der französischen Landwirtschaft eigentlich nur noch einen beneidenswerten Posten gibt: Landarbeiter. Ihnen geht es bei weitem besser als den kleinen und mittleren Bauern.
Ein Landarbeiter bezahlt kaum etwas für seine Wohnung auf dem Hof. Er erhält kostenlos die Grundnahrungsmittel. Hühner, Enten, Blumen, Gemüse gehören ihm. Sein monatlicher Durchschnittslohn beträgt rund 300 Franken (240 Mark). Im übrigen befolgt er gewissenhaft die offizielle Geburtenpolitik: Er hat viele Kinder und steckt die hohen Zuschüsse ein. So kann ein Mann mit fünf Kindern leicht auf 700 Franken (560 Mark) kommen. Die einzigen Barausgaben hat er für Kleidung. Einen Anzug pro Jahr und pro Kopf. Alles andere kann er nach Gutdünken ausgeben oder sparen, denn selbst Arzt und Apotheke braucht er nicht zu bezahlen.

Die Jungen fliehen das Land

„Gibt es eine beneidenswertere Lage?“ fragt Herr Blondel. „Und keine Sorgen um Vieh, Wetter, Rentabilität und Gott weiß was. – Nun schauen Sie sich die Bauern an. 200 Franken (160 Mark) im Monat gilt als schöner Verdienst. Manche Monate gibt es gar nichts. Nur Ausgaben. Bei Krankheiten müssen sie selber blechen. Es ist ein Hundeleben. Schuften, bis sie ins Gras beißen. Die Kinder verlassen das Land, weil es keine Zukunft und wenig Verdienst verspricht. Sie werden Postboten, Angestellte oder Lehrer und Beamte. Das Durchschnittsalter der aktiven Bauern liegt in unserer Gegend bei 65 Jahren. Haben Sie schon einen jungen Menschen auf den Feldern gesehen? Nein. Hier gibt es 120 Bauern. In zehn Jahren werden es nur noch 80 sein, weil die Kinder abhauen. Mit Recht. Die Tendenz zur Großflächenwirtschaft ist unaufhaltbar. Warum nicht gleich die richtige Politik machen und vielen das Elend eines miserablen Alters ersparen?“
„Das heißt?“
„Kollektivierung, natürlich. Ich habe Ihnen doch gesagt: Landarbeitern geht es besser als Durchschnittsbauern. Und dann könnten die Alten auch endlich eine Pension beziehen und sich zur Ruhe setzen, anstatt bis zum Tode ihren Rheumatismus über die Felder zu schleppen.“
„Stimmt das?“ frage ich Herrn Dufour.
„Jedes Wort.“
„Ist das auch die Linie der Kommunistischen Partei?“
„Was heißt Partei. Die Kommunisten sind hier reaktionär“, ereifert sich Blondel. „Es ist die einzige Linie des gesunden Menschenverstandes. Ich. Er. Alle Bauern denken so. Außer den großen natürlich und den industrialisierten Gütern.“
„Würden Sie Ihr Land zur Kollektivierung hergeben, Her Dufour?“
„Bin ich verrückt? Was kann ich dann noch Mein nennen. Nein. Ich habe sogar gegen die Flurbereinigung gestimmt. Man weiß nie, was dabei herauskommt.“
„Ich würde es tun“, sagt Blondel, „und ich habe dreimal so viel Land wie Sie.“
Er begleitet uns zum Wagen. „Was machen Sie mit dem Dragoner?“ fragt er.
Herrn Dufour blickt ihn mißtrauisch an. „Woher wissen Sie?“
„Man hört so manches.“
„Was würden Sie tun?“
„Fragen Sie doch den Lehrer.“
Der Lehrer hat andere Sorgen. Seine Frau erwartet ein Kind, und er bittet uns, sie ins Krankenhaus der nächsten Stadt zu fahren. Unterwegs frage ich ihn ein wenig aus. Er verdient 550 Mark und seine Frau 400 Mark. Sie ist auch Lehrerin.
„Wenn wir zusammenlegen, verfügen wir über das Budget einer typischen Durchschnittsfamilie“, meint er.
„Neunzig Prozent aller Familien verdienen zwischen 400 und 1200 Mark. Dreißig Prozent davon liegen um 400 Mark. Stellen Sie sich das vor. Ich frage mich immer, wie die auskommen. Bei uns ist es schon nicht einfach. Und fünf Prozent der Bevölkerung haben sogar weniger als 100 Mark im Monat. Wir sind noch weit entfernt vom deutschen Wirtschaftswunder.“
„Müssen Sie die Entbindung selber bezahlen?“
„Natürlich nicht. Das Leben mit einem Kind wird jedoch sehr kompliziert sein. Wir müssen beide täglich zur Schule. Und für ein Dienstmädchen reicht das Geld nicht. Vielleicht lassen wir meine Schwiegermutter kommen. Aber Sie wissen, wie es ist, man soll nie mit alten Leuten zusammen wohnen. Verzeihen Sie, Herr Dufour.“
„Schon gut“, murmelt Dufour, „ich war auch mal jung.“

Um sechs Uhr muß ich Charles in Bürgermeisteramt abholen. Ich treffe ihn in seinem Büro hinter einem kleinen, hellen Schreibtisch. An der Wand hängt ein großes Porträt von General de Gaulle– Kopf nach unten, Bauch nach oben. Ich gehe hin, um es umzudrehen.
„Laß ihn nur so“, sagt Charles gelassen. „ Er muß sich schämen. Jedes Mal, wenn ich auf ihn wütend bin, wird er rumgedreht.“
„Auch wenn Besucher kommen?“
„Der hängt schon drei Wochen so. Seit dem Referendum. Die Besucher brauchen nur an die Wand zu schauen und sie wissen, was ich denke.“
„Was hast du gegen de Gaulle?“
„Er macht aus dem gescheitesten Volk der Erde eine drittklassige Nation. Er hat die Demokratie begraben. Es gibt keine nationale Aussprache mehr. Wir dürfen nicht mehr mitreden. Zur Dummheit verurteilt. Nichts geht uns mehr was an. Alles ist Sache de Gaulles. Wir haben den großen Papa. Der sorgt für die Familie. Er sitzt am Drücker und weiß besser, was für unsere Zukunft gut ist – sagt er. Wir dürfen nur noch zwei Sätze sagen: Ja, Papa – Nein, Papa. Aber selbst Nein ist unmöglich. Die Fragen werden so gestellt, daß jeder Neinsager zum schlechten Sohn der Nation wird. Es ist zum Heulen. Kein Wunder, daß niemand sich mehr für Politik interessiert. Deshalb drehe ich das Bild manchmal um. Das zwingt meine Bürger zum Nachdenken.“
„Aber sie sagen immer wieder ‚ja‘.“
„Kunststück. Wenn ich dich frage: Willst du am Leben bleiben und de Gaulle Vollmachten geben? Was würdest du antworten?“
„Ja.“
„Aber nicht nur das ist der Grund des Jasagens. De Gaulle behandelt uns meisterhaft an unserer empfindlichsten Stelle: dem nationalen Stolz. Es tut im Grunde jedem weh, daß wir nicht mehr die große Nation sind und unsere Kolonien verloren haben. Er schafft den Ersatz. Er stänkert gegen die UNO, schimpft auf Amerika, spottet über England. Er sagt allen: Ihr könnt mir den Buckel ‚runter rutschen, und tut, als gäbe es nur ihn, Frankreich und seine große Mission. Das kitzelt alle an der empfindlichsten Stelle und gibt ihnen den Eindruck, doch noch – dank de Gaulle – der Nabel der Welt zu sein.
Geh doch ins Kino und schau dir die Wochenschau an. Da gibt es Brücken, Dampfer, Lokomotiven, Staudämme, Büstenhalter, Skihosen, die – vom französischen Genie geschaffen – die besten, schnellsten, kühnsten, schönsten der Welt sind. So fängt man systematisch den Mann auf der Straße. Das ist auf der ganzen Welt so. Wir sind immer glücklich, wenn wir zu einem starken Verein gehören.“
„Das klingt wie Portugal und Spanien.“
„Wenn wir so weitermachen… Komm, das regt mich auf. Laß uns einen Schnaps trinken.“

Der Dragoner muß raus

Es bleibt nicht bei einem Schnaps. Nach dem Essen gehen Herr Dufour. Charles und ich in die Wirtschaft. Richard sitzt immer noch auf seinem Stuhl. Er ist wach, halbwegs nüchtern und ißt. An der Theke stehen ein Schlachtermeister, der Schmied und der junge Garagenbesitzer von nebenan. Sie diskutieren.
„Die Pariser? Arme Kerle“, sagt der Schlachter. „Hast du die Rauchwolke gesehen, die über Paris liegt? Darin schuften die acht Stunden am Tag. Und am Sonntag fahren sie ins Grüne. Im Gänsemarsch. Jeder hat das Auspuffrohr des Vordermanns in der Nase. Da sind wir besser dran. In sechs Stunden sind wir in Paris. Am Wochenende natürlich. Und während die Pariser sich mühsam in den Vororten drängeln, haben wir die ganze Stadt für uns.“
„Kein Zweifel“, meint der Schmied, „wir haben’s besser.“
Und dabei wollen die uns was vormachen“, wirft der Wirt dazwischen.
„Wieso denn? Den Twist haben wir zur gleichen Zeit gekannt wir sie. Wie erfahren die was? Durchs Fernsehen. Genau wie wir. Am gleichen Tag und keine Minute früher.“
„Stimmt“, sagt der Nachbar und bestellt eine Runde.
„Zuerst komm ich“, protestiert Charles. „Bin ich der Bürgermeister oder bin ich’s nicht?“
„Es ist meine Runde“, erklärt Herr Dufour. „Ich bin der Vater des Bürgermeisters.“
Alle lachen, aber das letzte Wort behält der Wirt:
„Einer nach dem andern. Ich bin hier zu Hause. Ich fange an.“
Als meine Runde kommt, dreht sich alles schon ein wenig.
„Gut, daß wir nicht zur neuen Generation gehören“, meint Charles. „Die trinken nicht mehr. Motorrad und Fruchtsäfte sind die einzigen Vergnügungen. Stell dir das vor.“
„Zu meiner Zeit wurde richtig diskutiert“, sagt Herr Dufour verträumt.
Der Knochenbrecher, der wortlos ein Glas nach dem anderen geleert hat, steht jetzt auf. „Da wir schon von der Vergangenheit sprechen. Was machen wir mit dem preußischen Dragoner?“
„Der Baum muß weg“, sagt Charles.
„Der Traktor muß durch“, meint der Nachbar.
„Der Preuße muß ‚raus“, ruft der Schmied.
„Moment!“ Herr Dufour schlägt auf die Theke. „Ich bin auch noch da. Heute habe ich lange nachgedacht. Der Dragoner soll seine Chance haben. Wir werden abstimmen. Hol‘ deine Frau. Sie muß mitstimmen. Wir sind für das Wahlrecht der Frau.“
Der Wirt ruft seine Frau.
„Wer ist dafür, daß der Baum stehen bleibt?“ fragt Herr Dufour und hebt die Hand. – Richard, Wirt und Wirtin folgen.
„Vier. – Gut, wer ist dagegen?“
Charles, der Knochenbrecher, der Schmied und der Nachbar reißen die Arme hoch.
„Vier…“ Alle schauen perplex im Kreise herum. Dann fühle ich plötzlich ihrer sechzehn Augen auf mich gerichtet.
„Ihre Stimme entscheidet“, sagt Herr Dufour.
„Ich bin Ausländer.“
„Hier gibt’s keine Ausländer. Demokratie ist Demokratie. Selbst Frauen dürfen wählen. Also?“
„Ich bin für den Fortschritt.“
„Also gegen den Dragoner?“
„Nein, nicht gegen den Dragoner.“
„Also für den Baum?“
„Aber nein. Ich glaube nur, daß der Traktor durch muß.“
Charles es klopft mir auf die Schulter. Der Knochenbrecher füllt mein Glas. Nachbarn und Richard schütteln mir die Hände.
Alle sprechen jetzt durcheinander. Ich verstehe, daß die demokratische Entscheidung sofort in die Tat umgesetzt werden soll. Wenige Minuten später sitzen wir zu sechst in des Nachbars Wagen. Schaufeln ragen aus dem Fenster. Der Wirt hat einen Korb mit Flaschen und belegten Broten auf dem Schoß. Vor uns fährt Charles auf seinem Traktor. Richard folgt ihm mit dem Rad.
Als wir am Baum ankommen, wird noch lange hin und her geredet. Dann essen wir zunächst und entscheiden, daß wir die Wurzeln ein wenig freilegen und der Traktor anschließend den Baum umreißt. – Wir arbeiten im Licht der Scheinwerfer. Es verläuft alles programmgemäß. Der alte Baum wehrt sich kaum. Es bleiben nur noch ein großes Loch und einige Wurzeln.
„Nichts“, sagt der Knochenbrecher, nachdem er sorgfältig jede Ecke ausgeleuchtet hat. „Ich sehe keine Gebeine.“
„Alle Wurzeln müssen raus“, meint Herr Dufour.
Wir machen uns wieder an die Arbeit. Das Loch wird immer größer. Bald haben vier Mann bequem Platz zum Schaufeln.
„Hier“, ruft Richard. „Ich hab ihn.“
„Ich bin noch nicht tot“, flucht der Knochenbrecher. „ Das ist mein Bein, du Dummkopf.“
Wir suchen noch eine Stunde. Dann geben wir es auf.
„Sie haben ihn also doch nicht umgebracht“, meint Herr Dufour erschöpft.„Wie schade.“
„Sei doch froh, Vater. Wir haben endlich diese Legende getötet.“
„Aber mein Vater und mein Großvater haben davon gesprochen. Wir haben alle fest daran geglaubt. Die ganze Stadt.“
„Gott sei Dank, daß es vorüber ist.“
„Das sagst du nur, weil du getrunken hast.“
„Nein, Vater. Man muß manchmal besoffen sein, damit die Wahrheit endlich über das gewohnte Denken triumphiert.“