Liebe in Frankreich IV

Stern, Heft 29, 22. Juli. 1962 –

„Mein Auto für diese Frau.“
„Welche?“
„Die nackte…“
„Sie sind alle nackt, mehr oder weniger.“
„Na, die nackteste. Die ganz links mit den Pfundshüften.“
„Nicole?“
„Was heißt Nicole? Du kennst sie?“
„Warum nicht?“
„Angeber.“
„Ich kenne die ganze Familie.“
Mein Freund Wolfgang kratzt sich am Kopf. Er scheint plötzlich nachdenken zu müssen. – Heute Morgen ist der aus Deutschland gekommen und wollte natürlich sofort Paris kennenlernen. Ich hatte ihm vorgeschlagen auf der linken Seite der Seine durch einige Bistros zu ziehen, ein paar nette Leute zu treffen, um zunächst einmal die Atmosphäre der Stadt ein wenig auf der Haut zu spüren. Aber nein, davon wollte er nichts wissen.
„Bin ich ein Intellektueller?“ – Er wollte sich sofort an die Brust des Pariser Lebens stürzen, wie er sagte. Das O là là, und so. Das Fro-frou und das chéri, tu viens. Na, das Paris, wie es wirklich ist und von dem jeder spricht. „Sei doch kein Frosch“, sagte er, „glaubst du, ich sei nach Paris gekommen, um Vegetarier zu werden? Pariser Frauen, französische Liebe. Mann! Meine Freunde haben mir Sachen erzählt. Na, Junge, nun mal ran. Zeig mal, dass du Paris kennst. Ich will auch was erzählen können.“
„Für Geld gibt’s überall ‚tolle Sachen‘.“
„Was heißt zahlen? Die haben pariserisch gelebt, mein Lieber. Jeder weiß doch, wie es hier ist. Das knistert von Liebe. Nun tu mal nicht so. ’ne kleine Französin. Die denken doch an nichts anderes. So zum Sprachunterricht. Ha ha.“
So hatte es angefangen. Wolfgang wollte Paris kennenlernen, sein Paris, und zwar sofort. Und jetzt scheint er plötzlich ein wenig perplex.
„Eigenartig“, sagt er, „ich habe nie gedacht, dass Nackttänzerinnen eine Familie haben. Die müssen doch wenigstens von zu Hause weggelaufen sein. Stell dir vor, ’ne Tochter, die sich nackt zeigt. Das gibt’s doch nicht. Und du willst sie auch noch kennen.“
„Du wirst ja sehen. Nachher gehen wir nach nebenan.“
Seine Augen sprühen: „In ein Séparée?“
„Nein. In eine Kneipe.“
Als wir um zwei Uhr ankommen, ist die Kneipe voll, wie immer zu dieser Stunde. An der Theke trinken vier Taxichauffeure Rotwein und reden:
„Hast du den großen Charles  auf dem Bildschirm gesehen?“
Rechts neben dieser Textspalte zwei Fotos.
Ein kleines von Varietee-Tänzer/Innen.
Text daneben über dem größeren Foto, das zwei Tänzerinnen an der Stange zeigt:
Paris gilt als das Zentrum einer billigen Erotik für Einsame und Touristen. Die gewagten Schauspiele der Vergnügungsindustrie stützen sich auf die Arbeit junger Menschen, die eisern in Tanzstudios trainieren und nur selten etwas mit diesem Gewerbe zu tun haben.

„Wenn du mich fragst: Brigitte Bardot wäre mir lieber als der Präsident.“
„Die säh‘ dufte aus als Marianne.“
„Quelle force de frappe – Was für eine Bombe!“
„Da brauchten wir keine Atombomben mehr. Mit BB sind Kennedy und Chruschtschow   k.o.“
Etwas weiter stehen zwei Arbeiter. Sie sehen düster aus. Besonders der dickere scheint reif für einen Sprung in die Seine. Wenn man sich in Paris umbringen will und etwas auf sich hält, geht man in die Seine.
„Komm nach Hause“, sagt der eine.
„Unmöglich.“
„Deine Bürgerin wird verrückt vor Sorge.“
„Unmöglich.“
„Es ist doch nicht schlimmer als sonst.“
„Doch, diesmal ist auch der Lohn hin. O, la pute – Oh, die Hure. Und dabei hat sie so gestunken, dass ich das Parfüm nicht los werde. Riech doch. Ich stinke wie ein Friseurladen. Das merkt die Alte sofort.“
„Du musst nach Hause.“
„Unmöglich, du kennst meine Alte nicht. Die ist wie eine Löwin, wenn’s um die Liebe geht.“
„Na, was kann schon passieren?“
„Kann ich dir genau sagen: Zuerst kriege ich Schläge. Ich schlag‘ zurück. Resultat: Sie hat ein blaues Auge. Dann muss ich in der Küche schlafen. Auf ’ner Matratze. Dann schläft sie mit dem ersten besten Kerl. Rache nennt sie das. Eins weniger eins ist null. Dann schlag ich natürlich. Und wir sind wieder versöhnt. Bis zum nächsten Mal. Und heute ist das nächste Mal. Weißt du, die Liebe: Die Katze soll sie holen.“
Er haut auf die Theke, dass die Gläser tanzen, und bestellt noch einen Pernod.
„Dann leb‘ doch wieder allein.“
„Und was mach‘ ich ohne die Alte? Die liebe ich.“
In einer Ecke stehen zwei Zuhälter. Sie trinken Whisky und schweigen.

Die Liebeist kein Zeitvertreib

Drei Tänzerinnen sitzen an einem Tisch und essen Zwiebelsuppe:
„Ich bin verliebt.“
„Ich auch.“
„Und ich erst.“
„Meiner studiert. Der ist so gescheit.“
„Meiner ist in Algerien. Wenn er zurückkommt, heiraten wir.“
„Meiner ist schon verheiratet. Aber was soll’s. Ich bin verrückt nach ihm. Ich hab‘ immer von der grossen Liebe geträumt und jetzt ist sie da.“
„Wird er sich scheiden lassen?“
„Wir wollen noch warten. Weißt du, wir kennen uns erst seit vier Monaten. Nur wenn wir sicher sind, dass es die große Sache ist, lässt er sich scheiden.“
Wolfgang und ich sitzen in der hintersten Ecke. Er langweilt sich. Es ist schon zwei Uhr, und er hat noch nichts erlebt. Sein Französisch genügt nicht, um dem Gespräch folgen zu können. Ich übersetze.

Zwischen zwei Textspalten zwei grosse Fotos: Dörfliche Atmosphäre, fünf junge Frauen vor einer Musikkapelle.
Text darunter:
In den Dörfern sind Mädchen ebenso frei wie in Paris. Das Vorbild liefern Film und Fernsehen.

Zweites Foto: Zwei jugendliche Liebespaare auf der Straße.
Text darunter: Junge Pariserinnen aus dem Volk lieben Hosen – für manche ein Zeichen der Ungebundenheit.

„Die genieren sich gar nicht“,meint er.
„Vorteile einer Millionenstadt. Niemand kennt dich.“
„Und die reden alle nur über Liebe. Hier denkt man an nichts anderes. Du siehst, ich hab‘ recht.“
„Ja, nur nimmt man sie sehr ernst. Die lieben nicht aus Zeitvertreib oder weil es gerade mal Spaß macht. Soll ich dir ein offenes Geheimnis verraten: Die Französinnen glauben an die große Liebe. Laut Meinungsumfrage 76 Prozent.“
„Donnerwetter.“
„Und dabei gelten hier die Deutschen als sentimental. Alles Legenden. Genau wie O là là – Paris und so.“
Wolfgang hört gar nicht mehr zu. Er hat sich zu den Mädchen hinübergebeugt und versucht zu verstehen.
„Ich will nicht auf den Knien eines Bürovorstehers landen“, sagt eine. „Lieber schufte ich bis ein Uhr nachts. Die heiraten dich doch nie.“
„Selbst wenn. Ein schöner Zeitvertreib im Hause eines feinen Herrn sein? Nein, danke. Dann lieber – oh, da kommt er.“ Das Mädchen mit der Stupsnase springt dem jungen Mann an den Hals. Sie küssen sich, lange, als seien sie ganz allein. Dann küsst er die beiden anderen Mädchen auf die Backen und setzt sich zu ihnen.

Komfort muss keine Sünde sein

„Hübsch sind die nicht“, meint Wolfgang.
„Die wenigsten Französin sind hübsch. Das ist noch so eine Legende. Die Französinnen sind weder hübscher noch eleganter als andere Frauen. Ich möchte fast sagen: im Gegenteil. Aber sie haben Charme. Und sie heucheln nicht. Als die Engländer 1944 in Frankreich landeten, gaben sie jedem Soldaten den Knigge des Befreiers mit in den Rucksack. Darin konntest du lesen: ‚Wenn eine Französin dich mit auf ihr Zimmer nimmt, dann ist sie nicht unmoralischer als eine Engländerin, die zum gleichen Zweck mit dir ins Freie fährt: Französinnen lieben Komfort.‘ – Aber es ist noch mehr: Alles oder gar nichts. Die Liebe ist viel zu wichtig. Wenn sie sich schon entschlossen haben, dann auch ganz und richtig. Nicht wie in jene Mädchen, die sich irgendwo überraschen lassen und denken: ‚Um Gottes willen, es darf doch nicht vorsätzlich geschehen. Was würde er von mir denken.‘ Und vor sich selbst will man ja auch eine kleine Ausrede haben: ‚Es hat einen überwältigt‘, ‚man ist verführt worden‘. Quatsch, sagen da die Französinnen, diese Heuchelei machen wir nicht mit. Wenn schon, denn schon. Wenn ich einen Mann liebe, dann will ich ihn auch richtig lieben, und nicht wie eine Diebin. Daher kommt sicher der Ruf der Französinnen. Aber eben deshalb ist es viel schwerer, sie zu verführen als die Frauen aus dem Norden.“
„Weshalb bin ich nur nach Paris gekommen“, stöhnt Wolfgang. „Um Nicole zu sehen. Hier kommt sie.“
„Dieses unscheinbare Ding im Regenmantel. Du spinnst wohl?“
Von weitem sieht Nicole alles andere als betörend aus. Sie hat sich abgeschminkt und ist blass wie ein Aspirin. Ihre Haare hängen wirr um den Kopf. Sie ist klein und schmächtig. Was übrig bleibt, sind die grünen Augen, die wie Peitschenschläge um sich knallen. Als sie näher kommt, fährt Wolfgang unter dem ersten Hieb zusammen.
Während sie mich mit einem flüchtigen Kuss begrüßt, tritt er mir gegen das Schienbein und flüstert:
„Ich hab nichts gesagt. Sie ist noch toller als nackt. Sprachunterricht. Vergiss nicht. Nur Sprachunterricht.“
Er springt hoch und begrüßt sie feierlich.
„Schön, dass ich dich mal wieder sehe“, sagt sie zu mir. „Du vergisst nicht. Immer noch auf Reisen?“
„Immer.“
„Der ewige Matrose ohne Wasser.“
„Und du, Nicole?“
„Fast glücklich“, sagt sie mit trauriger  Stimme.

Nackt nur bei der Arbeit

Ich frage, was los ist. Sie weicht aus und spricht von vielen belanglosen Dingen. Ich komme immer wieder darauf zurück. Sie blickt fragend auf Wolfgang.
„Ein Freund“, sagte ich. „Du hast mir immer dein Herz ausgeschüttet. Was heißt: fast glücklich?“
„Er hat einen großen Fehler.“
„Wer?“
„Mein Freund natürlich. – Er will mich nackt sehen“, sagt sie, und Tränen treten in ihre Augen.
Ich versuche ihre Augen zu trocknen. Sie lässt den Kopf fallen, auf meinen Arm, und weint, weint richtig.
„Aber Nicole, ist das nicht verständlich? Er liebt dich.“
„Nein, Gordian nein“, ruft sie. „Versuch doch zu verstehen. Auf der Bühne bin ich eine abstrakte Figur. Was die Leute hineindenken, berührt mich nicht. Man hat bestimmt, dass ich schön sei. Gut. Aus Marmor, aus Ölfarbe oder aus Fleisch und Blut. Für mich ist es das Gleiche. Ich habe ebenso wenig Beziehung zum Zuschauer wie eine Statue zu ihren Bewunderern. Und ich verdiene mein Brot. Wenn Jacques aber will, dass ich mich ausziehe, damit er mich bewundern kann, dann schäme ich mich. Dann könnte ich in den Boden versinken. Versteh doch. Dann geht es um mich, Nicole, und nicht mehr um eine kalte Figur. Dann wird ein Zuschauer plötzlich ein begehrender Mensch. Ach, ich kann es nicht erklären. Ich weiß nur, dass es mich unglücklich macht und mir auch die Arbeit verleidet. Ich habe immer Angst, Jacques versteckt sich zwischen den Zuschauern. Aber ich muss durchhalten. Mein Vater ist alt. Er kann nicht mehr arbeiten. Und ich muss meine Stunden bezahlen. Ich habe tolle Fortschritte gemacht, weißt du. Ich bin fast eine große Tänzerin. Ich übe jeden Tag zwei Stunden im Studio Wacker. Weißt du noch…“
Ja. Dort hatte ich Nicole kennengelernt. In einem Tanzkursus, wo eisern gearbeitet wird, wo die Stars, Starlets und Statisten der Theater und Nachtlokale produziert werden. Dies sind die wirklichen Kulissen des „Gai Paris“: junge Menschen, die an ihren Beruf, ans Tanzen, glauben. Ich habe selten eine saubere Atmosphäre kennengelernt, niemals Menschen andächtiger arbeiten gesehen als in diesen Studios. Dagegen sind Büros Intrigenställe und unflätige Süßholzmühlen.
Natürlich träumen sie alle davon, Stars zu werden. Und sie arbeiten dafür. Verbissen. Denn Tanzen und Musik sind die einzigen Berufe des Showbusiness, bei denen man nicht mogeln kann. Man muss was können. Es genügt nicht, die Freundin des Managers zu werden oder einen imposanten Busen über dem Parkett zu hissen. Und die große Ballerina trainiert neben der Nackttänzerin vom Pigalle. Sie sind Schwestern. Gestern war der Star auch nur ein Revuegirl.
Sie gehören nicht zum Paris der Touristen, Einsamen und Perversen. Jenes Paris gehört den Zuhältern und Huren, die wie Ungeziefer über die Arbeit dieser jungen Menschen kriechen. Was aus den Studios kommt, ist sauber. Selbst wenn es halbnackt tanzt, wie Nicole.
Sie hat jetzt zwei Zwiebelsuppen bestellt und gießt sie vorsichtig in einen Kochtopf, den sie unter Zeitungen in einem Einkaufsnetz versteckt hatte.
„Für Jaques“, sagt sie. „Ich will nicht allein essen. Kommt ihr mit? Vater wird sich freuen, wenn er dich mal wieder sieht.“
Wir lassen noch zwei Zwiebelsuppen hinzugießen
Wolfgang murmelt irgendwas von hierbleiben, Zeit ausnutzen, die Tänzerin drüben und vielleicht doch mal versuchen…
Ich sage, dass es sinnlos sei – oder er müsse sich mit dem „Ungeziefer“ einlassen.
Er flucht und kommt mit. Er flucht noch mehr, als wir sechs Stockwerke über morsche Treppen zu Fuß machen müssen. Zwischen jeder Etage eine Tür mit einem Herzen. Manche stehen offen. Es stinkt.
„’ne arme Gegend“, meint Wolfgang.
„Im Gegenteil hier möchten viele wohnen, am Ufer der Seine. In Paris musst du lange suchen, bis du Fahrstuhl und Badezimmer findest. Frankreich ist ein altes Land. Als diese Häuser gebaut wurden, glaubte man doch nicht an Hygiene. Die haben die Franzosen erst nach dem Krieg entdeckt.“
Wir kommen endlich an. Außer Atem. Nicoles Vater wartet, wie jede Nacht. Er spielt Schach. Mit Jacques. Während wir die Zwiebelsuppe essen, wird über Gott und die Welt geredet.
„Die beiden wollen erst heiraten, wenn sie eine eigene Wohnung haben“, sagt der Vater. „Deshalb hab ich Jacques aufgenommen. Ich will nicht, dass meine Tochter sich verstecken muss, um glücklich zu sein. Aber mit der Wohnung können sie lange warten. Gestern erst habe ich gelesen, dass fünfzig Prozent unserer jungen Paare bei den Eltern wohnen müssen. Dreißig Prozent  haben nur einen Raum, fünfzehn ein möbliertes Zimmer, und nur fünf Prozent wohnen, wie es sich für verheiratete Leute gehört. Es ist ein Skandal. Wie soll das die Liebe fördern. Die Regierung muss Häuser bauen, anstatt Kriege zu führen.“
Als ich Wolfgang um vier Uhr morgens in seinem Hotel absetze, stöhnt er:
„Du willst mir doch nicht vormachen, dass ganz Frankreich so lebt und denkt.“
„Natürlich nicht. Aber was du gesehen hast, ist typisch französisch. Wie überall auf der Welt, kannst du hier Frauen bekommen, vom Dienstmädchen bis zur Gräfin. Es gibt alles, und noch mehr. Aber es gibt einen beherrschenden Trend, den hab ich dir gezeigt. Und nun amüsiere dich. Gute Nacht.“

Wer ausprobiert, wird nicht geschieden

Die „typisch französische“ Einstellung ist trotz aller Freiheit recht bürgerlich. Verlobung, Hochzeit, sozialer Aufstieg und Geborgensein sind die großen Meilensteine des Glücks. Heute heiratet man früher, als es die Eltern taten. Es muss in „Weiß“ sein und mit großem Aufwand. Der Nachbar soll staunen. Studentenehen häufen sich. Jungfräulichkeit ist schon lange kein Problem mehr. Von hundert Erstgeburten kommen fünfundzwanzig schon früher als acht Monate nach der Eheschließung auf die Welt. Das heißt, dass ein Viertel aller Franzosen heiratet, weil – oder wenn sie schon ein Kind erwarten. Experimentieren vor der Ehe gilt als Garantie für gute Harmonie. Scheidungen sind deshalb selten. Frankreich steht damit in der Welt erst an sechszehnter Stelle. Die häufigsten Gründe: Alkoholismus, schlechter Charakter, zu große Angelleidenschaft, Laster, Zusammenleben mit den Schwiegereltern.
In Frankreich werden jährlich 800.000 Kinder geboren und schätzungsweise 400.000 Abtreibung durchgeführt.
Die meisten Ehepaare sind der Meinung, dass man sich alles sagen muss, jedoch nicht alles gestehen soll. Untreu sind viele. Die Frauen behaupten, es sofort zu merken: „Er war heute so selbstsicher.“ – „Er hat das Geschirr gespült.“ – „Wir waren mal im Kino.“
Eifersüchtig? Ja, die Franzosen reagieren heftig auf Untreue. „Sechs Kugeln in den Bauch.“ – „Ich bring sie um“ – „Ich reiß‘ ihm die Augen aus“, sind die ersten Ausbrüche der Wut. Aber dann geht es meistens glimpflich ab. Leben und leben lassen. Viele wissen, dass wenige es mit der Treue sehr genau nehmen.
Alle Franzosen flirten. Die Mädchen beginnen mit 15, die Jungen mit 16. Bis zu 17
Jahren sind viele überzeugt, dass der Flirt bereits die Liebe ist. Nachher sagen die Mädchen: Der Flirt hört auf, wenn der Junge anfängt, die Rippen zu zählen. Es wird bis ins hohe Alter geflirtet. Selbst auf dem Lande. „Die einzige Abwechslung“, sagen die Bauern, „wir haben kein Kino.“
Wenn die Eltern unter sich sprechen, finden sie es großartig, dass junge Menschen flirten. Wenn sie ihre eigenen Kinder dabei ertappen, heißt es : „Taugenichtse. Anstatt zu arbeiten. Schämt euch.“ – Frankreich ist stolz darauf, die Wiege der Vernunft zu sein, und man gibt sich alle Mühe, es zu zeigen. Jeder ist großzügig und tolerant. Wenn es ihn jedoch direkt angeht, gehen die schönen Prinzipien oft in die Brüche. „Neger heiraten. Natürlich. Warum nicht?“ – Aber bitte nur die Töchter anderer Eltern.
So sieht Frankreich heute aus. Laut Meinungsumfragen.

Schmales Foto zwischen
den Spalten: Liebespaar im Gleichschritt von hinten auf der Straße.
Text darunter: Den schwierigen Weg zum Glück geht man meistens nicht allein.

Sexualität: eine Sprache ohne Worte

Darunter grollt eine neue Welle. Viele sprechen bereits von einer „sexuellen Revolution“ – und leben sie. Die Hintergründe sind:
die fortschreitende Zertrümmerung der sexuellen Tabus;
die wirtschaftliche Unabhängigkeit der modernen Frau;
die Erkenntnis der Frau, dass ihr Erblühen von der Qualität ihrer körperlichen Entspannung abhängt;
die Erfindung sicherer Mittel zur Empfängnisverhütung;
die Großstadt, in der die Familie ihre zentrale Rolle verliert;
die Sinnlosigkeit einer materialistischen Zivilisation;
die Bedeutungslosigkeit der menschlichen Person in der modernen Gesellschaft;
die Heuchelei der bürgerlichen Moral

Das Ergebnis:

Die Sexualität wird immer weniger eine soziale Funktion der Fortpflanzung und immer mehr zum Ausdrucksmittel der Persönlichkeit. Nur noch das. Eine Sprache ohne Worte. Ein Alphabet, mit dem man alles schreiben kann: Romane, Leitartikel, Gedichte – und die Zukunft.
Solange die Sexualität als schmutzig und sündhaft verrufen und verboten war, konnte sie nur eine Versuchung werden, ein quälender Wahn, dem man heimlich seine falschen Prinzipien opferte. Jetzt erhält sie den Rang, der ihr zusteht. Sie wird rein und echt.
So denken viele in Frankreich, und man spricht bereits von einer „neuen Religion“. Danach steht es jedem zu, seine sexuelle Moral selber zu erfinden, im Einklang mit seiner Persönlichkeit. Genau wie Blick, Gang und Handschrift, soll die Sexualität nichts anderes werden als der Ausdruck einer bestimmten inneren Haltung, ein bewusst akzeptierter Teil seiner selbst, ohne falsche Scham, ohne Betrug, ohne die übliche Heuchelei und die daraus entstehende Entartung.
Es ist das Ende des sexuellen Aberglaubens. Wir verlassen endlich das Mittelalter der Liebe. An Stelle von Leidenschaft und dunklem Drang tritt Zärtlichkeit, an Stelle von verschwommener Sentimentalität bewusste Partnerschaft. Man will den anderen nicht mehr besitzen – man will ihn lieben.
Die Wortführer dieser Revolution sind nicht Schriftsteller, Künstler oder Linksintellektuelle. Es sind Priester der katholischen Kirche, Beichtväter, die den Puls der Jugend sicher besser fühlen als Psychologen, Fachärzte und Eltern.
Sie sehen in Brigitte Bardot, in den Helden einer Françoise Sagan, in den Millionen Jüngern von James Dean, die lächelnd oder grimmig die alte Moral zertreten, keine entgleisten Kinder, sondern Menschen, die den moralischen Konflikt unserer Zeit schmerzlich erleben. Sie sind die Helden der größten Revolution aller Zeiten.

Was ist Leben? „Nicht allein sein“

Man muss sich damit abfinden, meinen sie, dass heute über die Hälfte der siebzehnjährigen Mädchen nicht mehr Jungfrau ist und viele es laut verkünden. Bald wird es niemand mehr sein. Man muss sich damit abfinden, dass sie mit achtzehn schon mehrere Liebhaber hatten. Es ist nutzlos zu jammern. Die Entwicklung ist unaufhaltsam. Die jungen Menschen sind auf der Suche nach Ehrlichkeit. Und die „verlogene Generation“ soll nicht versuchen, sie zu ihrem Laster herabzuziehen: zur Lüge. Anstatt vorwurfsvoll auf lächerliche Prinzipien zu pochen, sollte sie ihnen den Sinn dieser Revolution klarmachen. Heute noch. Sofort. Denn zeitig gelenkt, kann sie endlich zu jenem Ziel führen, dass alle offiziell anstreben, aber immer wieder verraten haben: die wahre Liebe.
Natürlich gibt es, wie bei allen Umwälzungen, auch Verirrungen und Exzesse. Für viele ist die Sexualität zunächst nur eine Zuflucht, die letzte Schanze gegen eine erdrückende unerklärliche Umwelt. Sie fühlen sich verloren und ergreifen sie als das einzige Mittel zur Selbstbestätigung.
Im Alltag sieht das so aus:
„Salut Suzanne.“
„Tag, André.“ – Ein kurzer Kuss. Suzanne geht weiter.
„Salut Suzanne.“
„Tag, George.“ Ein kurzer Kuss. Suzanne geht weiter.
„Salut Suzanne.“
„Tag, René.“
Ein Kuss. Die Musik spielt. Suzanne beginnt zu tanzen. Allein. Sie schlängelt sich zwischen den Tischen durch. Auf der Tanzfläche sind schon sieben junge Leute. Keine Paare. Vier Mädchen. Drei Jungen. Jeder tanzt für sich. Langsamer, Amsterdamer Twist.
Ein Junge geht auf ein Mädchen zu. Sie tanzen zusammen. Entspannt. Fast gelangweilt. Ein anderer kommt hinzu. Sie tanzen zu dritt. Wenige Minuten nur. Dann sucht der Erste eine neue Partnerin. Bald gibt es Gruppen von vier und fünf, die zusammen tanzen, sich wieder auflösen, sich mischen.
Suzanne hat schon vier Mal den Partner gewechselt. Jetzt tanzt sie mit einem Mädchen. Zwei Jungen nähern sich. Jeder nimmt eine von ihnen. Die scheinbare Gelöstheit verschwindet. Sie stampfen den Boden. Sie berühren sich, umarmen sich. Sie tanzen eng umschlungen mit geschlossenen Augen. Dreißig Sekunden, vielleicht vierzig. Dann ist der Charme gebrochen. Sie trennen sich, tanzen allein weiter und suchen oder warten auf neue Partner.
Ich habe den Eindruck, einem Ballett zuzusehen mit rätselhaften Regeln, dem mysteriösen Ritus einer neuen Sekte. Und dabei sehen diese Menschen ganz normal aus. Es sind keine Halbstarken, keine Kellerintellektuellen. Nein, korrekt gekleidete junge Männer, elegante Mädchen. Angestellte, Sekretärinnen, Verkäuferinnen. Durchschnittliche junge Leute aus Paris.
Suzanne sitzt jetzt mit einem jungen Mann an einem Tisch. Er streichelt ihren Arm, zupft an den kleinen Härchen. Seine Finger fahren zärtlich über ihr Gesicht. Sie studieren das Grübchen am Kinn, die hohe Stirn, die vorstehenden Backenknochen und schließlich spielerisch die Wimpern über den großen schwarzen Augen. Susanne nimmt den Kopf des Jungen zwischen ihre Hände und sucht seinen Mund. Niemand beachtet sie. Selbst der junge Mann, der eben noch leidenschaftlich mit ihr getanzt hat, geht vorüber, ohne auch nur einen Blick auf sie zu werfen.
Eine neue Melodie erklingt. Suzanne steht wieder auf. Auch ich nähere mich der Tanzfläche. Wir tanzen. Ich sage ein paar Worte. Keine Antwort. Ich sage noch etwas. Sie schüttelt nur den Kopf und schmiegt sich eng an mich. Ich verstehe: Hier wird getanzt. Übrigens führt sie. Suzanne bestimmt den Rhythmus. Aus dem Swing macht sie einen Tango.
„Wenn Sie reden wollen, können wir uns setzen“, sagt sie plötzlich. Wir setzen uns.
„Was suchen Sie hier?“ fragt sie. „Sie sind viel älter als die Jungen hier.“
„Ein Mädchen“, sage ich scherzend. „Ich folge der neuen Mode: Lolita.“
Sie lacht. „Das ist nicht schwer. Wenn Sie hier einem Mädchen wirklich gefallen, gibt es weder Probleme noch große Geschichten. Sie brauchen auch kein Auto zu haben oder Geld.“
„Der Altersunterschied…“
„Unwichtig. Im Gegenteil. Junge Männer können so blöd und aufdringlich sein.“
„Und was suchen Sie hier?“ frage ich.
Sie blickt erstaunt. „Komische Frage. Ich habe heute meinen freien Tag. Ich arbeite bei einem Juwelier. Montags ist geschlossen. Soll ich etwa zu Hause stricken oder Höschen waschen, bis die Arbeit wieder losgeht?“
„Lesen, zum Beispiel.“
„Lächerlich. Ich will leben. Selber. Nicht aus zweiter Hand.“
„Was ist Leben?“
„Nicht allein sein.“
Die Musik beginnt wieder. Suzanne steht auf und tanzt.

Keine Freundschaft mit Weibern

„Ich heiße Claire F. …“, sagt sie. Ich wohne in Paris. Place des Fêtes. Schicken Sie mir ein Bild. Bitte“
Sie ist höchstens sechzehn. Sehr hübsch. Ihre Augen können überzeugend bitten.
Ich verspreche ihr einige Bilder.
„Wir wollen auch welche haben“, sagen die drei Jungen, die ich eben fotografiert habe, wie sie mit Claire die Straße herunterkamen.
Ich frage nach ihren Namen.
„Bin ich blöd“, sagt der Jüngste, dessen Arm fest um Claires Hüften liegt.
„Sie haben wohl ’ne Meise“, meint ein anderer. Auch er hält Claire fest umschlungen. Von der anderen Seite.
„Warum?“ will ich wissen.
„Diese Pute soll unsere Namen nicht kennen“, sagt der dritte
„Kann man befreundeter aussehen als ihr?“
„Nee, Meister. Freundschaft gibt’s nicht mit Weibern. Die sind nur für eins gut. Und wenn diese ’ne Göre kriegt, braucht sie nicht zu wissen von wem. Sonst gibt’s Geschichten.“
„Die wird sowieso nicht wissen von wem“, grinst der erste. „Von ihm, von dem oder von mir.“
Er ist vielleicht fünfzehn. Seine Freunde scheinen etwas älter zu sein. Claire hört vollkommen unberührt zu. Sie lächelt sogar.
„Ihr macht Scherze“, sage ich.
„Kommen Sie doch mit“, meint der Jüngste. „Je mehr desto besser.“ – Er zieht das Mädchen hinter sich her. Die anderen folgen.
„Mein Bild“, ruft sie noch.
Ich nicke nur. Die Jungen haben Claire wieder in die Mitte genommen. Es sieht lustig aus. Ihr grüner Pullover passt gut zu den schwarzen Lederjacken. Ihre langen Haare flattern im Wind.
Wohin gehen sie? – Sie fliehen in panische Angst vor sich selbst. Sie suchen Betäubung. Aber nur nicht allein sein mit einer Frau; gefühllos bleiben, um jeden Preis, sonst wird das Leben unerträglich. Weil sie nie Zärtlichkeit gekannt haben und sie verzweifelt brauchen, können sie sie weder schenken noch ertragen. Hier wird Sexualität zur Sackgasse der Sinnlosigkeit. – Ich habe viele solcher Mädchen und Jungen getroffen. Sehr oft ist es schlimmer, als ich beschrieben habe. – Eines Tages traf ich einen Jungen, der wie verrückt weinte; zusammengebrochen in seiner Lederjacke. Er war alleine gewesen mit einem Mädchen. Er liebte.

Franzosen fahren besser Auto

„Deutsche Mädchen, mein Lieber. Ich kann nur sagen: deutsche oder skandinavische.“
Roger nagt verträumt an seinem Whiskyglas. Die Kapelle spielt einen Slow. Er scheint bei bester Laune.
„Bei Französinnen muss man meistens lange warten. Aber bei Deutschen. Na, was soll ich dir erzählen. Du kommst aus Deutschland.“
„Weißt du…“
„Schon gut. Drüben kenn‘ ich mich aus. Aber was die deutschen Mädchen in Paris treiben. Viertausend sind hier. Mensch! Unter uns Studenten gibt es nur noch einen Kriegsruf: europäische Integration. Ich kann schon vierzig Worte deutsch. Erster Satz: ‚Sei nicht sauer, Süße, sei zärtlich‘.“
Er winkt einem Paar zu, das an uns vorüber tanzt.
„Auch eine Deutsche“, sagte Roger. „Wenn du mich fragst: Es ist natürlich nicht dasselbe. Die haben oft wollene Unterwäsche, stell dir vor, Bauchwärmer und so’n Zeug. Mit achtzehn Jahren. Sexy sind eigentlich nur die Augenaufschläge, und die Beine. Aber es geht so schnell. Junge.“ Er blickt auf. „Da ist schon wieder eine. Leider in Begleitung.“
„Wolfgang“, sage ich.
„Was heißt: Wolfgang?“
„Der Mann mit der Deutschen. Ein Bekannter.“
Sie kommen an unseren Tisch. Wir laden sie ein. Wolfgang stellt vor: Karin.
„Hat sich das Leben doch noch organisiert?“ frage ich.
„Wie du siehst“, meint er.
„Heimatliche Gefilde?“
„Warum nicht?“
Wir reden und tanzen. Als Roger bei seinem fünften Whisky angekommen ist, fragt er plötzlich:
„Was halten Sie von den Franzosen, Karin?“
„Sie sind charmant.“
„Bla-bla – ich will mehr wissen. Gibt es einen Unterschied mit den Deutschen in Bezug auf die Liebe?“
Karin wird rot: „Sicher – ja – es ist schwer zu definieren.“
„Dann will ich es Ihnen sagen“, ruft er. „Die Deutschen lieben genauso, wie sie Autofahren: stur und brutal. Sobald sie grünes Licht haben, drücken sie auf den Gashebel und brummen drauflos. Fussgänger müssen einfrieren. Bummler werden angepöbelt. Vertrauensselige überrannt. Sie kennen nur einen Gott: das Reglement. Wenn sie Recht haben, sterben Achtung und Aufmerksamkeit für den anderen Menschen. Stimmt’s? Übertragen Sie das auf die Liebe, und Sie wissen, was ich meine.“
Karin hat mit gesenktem Kopf zugehört.
„Haben Sie uns schon mal Auto fahren gesehen?“ fragt er sie.
„Ja“, sagt Karin.
„Ich glaube, wir sollten gehen“, meint Wolfgang