Aufstand gegen den Krieg

Erschienen in „Stern“ Nummer 23, am 5. Juni 1966

Der Krieg in Südvietnam wird immer grotesker. In der nördlichen Hafenstadt Da Nang kam es zum „Krieg im Krieg“: Regierungschef General Ky musste eine einwöchige blutige Schlacht gegen seine eigenen Truppen führen. Buddhisten und die Garnison von Da Nang hatten gegen einen Krieg rebelliert, der immer sinnloser wird. Die Zivilbevölkerung, zwischen den Fronten gefangen, hat nur einen Wunsch: endlich Ruhe, endlich Frieden.
Als die ersten Granaten explodieren, liegen wir noch im Bett. Es ist halb sieben. Zehn Minuten später sind wir im Zentrum von Da Nang. Elitetruppen der Marine-Infanterie, dem Ministerpräsidenten Ky ergeben, tasten sich vorsichtig durch die Straßen. Die aus dem Schlaf gerissene Zivilbevölkerung beschimpft sie.
Als wir in die Nähe der Radiostation kommen, fallen die ersten Schüsse. Sie gelten uns, sieben Journalisten, die der Zufall oder eine gute Nase rechtzeitig nach Da Nang geführt hat. Wir gehen hinter Eisenröhren in Deckung, Reporter und Fotografen, die für die nächsten sieben Tage nicht mehr den Kopf heben können, ohne ihn zu riskieren.
Es sind Soldaten der Garnison von Da Nang, die auf uns schießen. Sie sind vom plötzlichen Auftauchen der Marine-Infanteristen des Generals Ky ebenso überrascht wie wir und halten uns für einen Spähtrupp.
Der Vietnamkrieg ist in Da Nang zur Farce geworden: Antikommunistische Buddhisten schießen auf westliche Korrespondenten, südvietnamesische Soldaten aus Da Nang schießen auf südvietnamesischen Soldaten aus Saigon, südvietnamesische Soldaten aus Saigon schießen auf kommunistische Vietcong und auf antikommunistische Mönche, die Vietcong schießen auf die Amerikaner und die Amerikaner auf die Vietcong, wobei die Amerikaner sich aber auch gegen die Buddhisten und gegen die mit ihnen eigentlich verbündeten südvietnamesischen Soldaten zu verteidigen haben – grotesker und verrückte gibt es wohl nicht mehr.
Diesmal ging es um Da Nang, drittgrößte Stadt in Südvietnam und wichtigster Stützpunkt der amerikanischen Streitkräfte. Hier sind 45.000 „Ledernacken“, wie die Elitesoldaten der amerikanischen Marine-Infanterie genannt werden, stationiert. Und hier hat sich die örtliche Garnison mit den Buddhisten verbündet, um dem Krieg ein Ende zu machen.

Die südvietnamesischen Soldaten der Garnison Da Nang werden von der Regierung Ky in Saigon bezahlt, ernährt und ausgerüstet. Dennoch rebellieren sie gegen ihren Kriegsherrn Ky. Um mit ihnen und den aufsässigen Buddhisten fertigzuwerden, muss die Ky seine Leibtruppen aus Saigon heranfliegen lassen.
Claude Deffarge und ich waren dabei, als die Rebellion gegen den Krieg ausbrach.
Zunächst waren uns Kys Soldaten sehr willkommen. Sie befreiten uns aus einer heiklen Lage. Mit Granatwerfern und Maschinengewehren gingen sie gegen die Da-Nang-Soldaten vor, die 50 Meter von uns entfernt die Radiostation verteidigten. Es dauerte zwanzig Minuten, dann war der Widerstand gebrochen. Kys Truppen gingen vor, wir schlossen uns an.
Im Garten des eben eroberten Senders brachen die Soldaten ein Haus auf. Darin weinte eine Frau. Die Soldaten brüllten sie an. In einer Zementbadewanne kauerte die ganze Familie, mit den Gesichtern zum Boden. Die Kinder weinten.
„Oh, Madame“, ruft die Frau auf Französisch, als sie Claude Deffarge sieht. „Madame, wir haben solche Angst, wir können nicht mehr; wird es denn nie ein Ende nehmen?“

Vor acht Wochen hatten sich Da Nang, die alte Kaiserstadt Hué und weitere Städte im Norden Südvietnams gegen die Politik des Generals Ky erhoben. Von buddhistischen Mönchen geführt, forderte die Bevölkerung in Demonstrationen das Ende der Militärdiktatur, die Einsetzung einer Zivilregierung und freie Wahlen. Das blinde Morden im Dschungel-Bürgerkrieg sollte durch Verhandlungen mit den Vietcong-Rebellen beendet werden. Die Buddhisten wollen die friedliche Koexistenz mit den Kommunisten wagen, selbst auf die Gefahr hin, unterwandert oder überspielt zu werden. Sie wagen es, weil das Volk gegen den Krieg ist, und weil sie das Land vor völliger Zerstörung retten wollen.

Diese Überlegungen passen natürlich keineswegs in das Konzept des Generals Ky, der, wie er erklärt hat, Adolf Hitler verehrt. Diesem Beispiel folgend, sieht er lieber sein Land in Schutt und Asche untergehen als ein Ende seiner Macht.

Vor uns liegt die Leiche eines 22 jährigen Studenten. Eine Kugel der Ky Truppen traf ihn in den Kopf. Buddhistische Pfadfinder, mit Knüppeln und Eisenstangen bewaffnet, tragen ihn an den Soldaten vorbei in die Pagode, in der schon ein Soldat aufgebahrt liegt: die ersten Opfer des Zweifrontenkrieges in Vietnam.
„Wenn nicht bald eine politische Lösung gefunden wird, werden alle Städte des Nordens gegen Saigon zu den Waffen greifen“, sagt uns ein buddhistischer Mönch.

Die Buddhisten kämpfen nicht nur mit Waffen. In der Hauptpagode von Da Nang haben sie drei Scheiterhaufen errichtet. Drei Priester wollen sich verbrennen lassen, falls Kys Soldaten es wagen sollten, die Pagode anzugreifen.

Nur hundert Meter entfernt stehen vier Panzer der Ky- Soldaten. Ihre Kanonen sind auf die Pagode gerichtet. Zwischen den Panzern und der Pagode sitzen eine Gruppe Priester und einige hundert Jungen und Mädchen auf der Straße. Bevor einer der Panzer das Hauptquartier der Buddhisten angreift, müsste er diese Menschen zermalmen.

Wir begegnen einem Ky- Soldaten. Er will zu den Buddhisten überlaufen.
„Warum tun sie das?“ frage ich ihn.
„Man hat mir gesagt, ich würde gegen Kommunisten kämpfen. Dagegen habe ich nichts. Wenn ich aber gegen meine Glaubensbrüder marschieren soll, dann weigere ich mich.“
Einige Kameraden stehen um ihn herum, auch ein Unteroffizier ist dabei. Niemand hält ihn zurück.
Vierzehn andere Soldaten „ergeben“ sich einer Gruppe unbewaffneter Schüler, die sie im Triumph in die Pagode führen. Keiner der zuschauenden Ky- Soldaten versucht, sie zu befreien.
Immer noch fallen Schüsse. Aber es wird nicht mehr geschrien, und man sieht kaum jemanden rennen. Diese „Ruhe“ ist mir fast unheimlicher als die pfeifenden Kugeln und Granatsplitter.

„Eine Bombe – und Ky ist erledigt“

Der fanatische Friedenswille dieser Menschen wird es den Amerikaner immer schwerer machen, den Krieg weiterzuführen. Claude und ich bekommen es zu spüren: Solange man uns für Amerikaner hält, beschimpft man uns oder sieht uns feindlich an. Wenn wir uns aber als Europäer zu erkennen geben, bittet man uns oft sogar in die Häuser und antwortet freundlich auf unsere Fragen. Die Leute haben die Nase voll. Sie wollen endlich Frieden.
Über uns hören wir Flugzeuge. Im Sturzflug fliegen die Maschinen Pagode an, werfen aber keine Bomben. Die Soldaten, die mit dem Priester und der buddhistischen Gläubigen gemeinsame Sache machen, schießen auf die Flugzeuge.
„Wenn die auch nur eine Bombe werfen, bleibt Ky keine zwanzig Minuten an der Macht“, sagt ein Offizier der Abtrünnigen.
Die Machtprobe im antikommunistischen Lager hilft natürlich den Vietcong. Seit Wochen können die Regierungstruppen zu keinem größeren Gefecht mehr eingesetzt werden. General Ky braucht die Soldaten in der Etappe, um die Zivilbevölkerung in Schach zu halten. Seit Wochen zum ersten Mal in diesem Bürgerkrieg haben die Amerikaner größere Verluste als ihre vietnamesischen Verbündeten.
Die Moral der südvietnamesischen Truppe ist auf dem Nullpunkt. „Wer will schon seinen Kopf verlieren für eine Sache, an die er nicht mehr glaubt?“ sagt mir ein Soldat. „Vielleicht ist sogar mein Bruder bei den Vietcong. Würden Sie auf Ihren Bruder schießen?“
Der Vietcong nützt die Situation geschickt aus. Nur im Notfall schießen die Kommunisten auf vietnamesische Soldaten. Sie wolle zeigen, dass sie Söhne desselben Landes und derselben Rasse sind. Umso rücksichtsloser greifen sie die Amerikaner an.
Annähernd 300.000 US-Soldaten stehen jetzt in Vietnam. Es ist fast ausschließlich ihr Krieg geworden, ein Krieg des weißen Mannes. Die Unmenge weißer Soldaten in Uniform erinnert die Vietnamesen fatal an die Kolonialherrschaft der Franzosen – andere weiße Soldaten in Uniform. Der Vietcong erinnert daran, dass alle Vietnamesen einmal gemeinsam einen gemeinsamen Feind bekämpften: die weißen Herren.
Im Südwesten des Landes haben die Amerikaner in der „Operation Birmingham“ 10.000 ihrer Elitesoldaten, Artillerie, Napalm-und Tränengasbomben und ganze Bombenteppiche aufgeboten. Es wurden in einer Woche ganze 141 Vietcong getötet, und nie wird man genau wissen, wie viele davon einfache Bauern waren, die das Pech hatten, hier zu leben. So sehen keine Sieger aus. Der amerikanische Aufwand steht in keinem Verhältnis zu den Erfolgen.
In Saigon hatten wir vor einigen Tagen erlebt, wie nervös die Amerikaner geworden sind. In der Nähe eines amerikanischen Hotels hatte ein Vietcong sein Fahrrad mit einer Bombe geparkt, die wenige Minuten später in die Luft ging, aber nur Materialschaden anrichtete. Sofort begannen die US-Soldaten zu schießen. Andere schossen zurück, auf die eigenen Leute. In das Kreuzfeuer geriet ein vorbeifahrender Lastwagen mit vietnamesischen Arbeitern. Bilanz: fünf Tote, 29 Verletzte, davon acht Amerikaner. Die amerikanische Botschaft entschuldigte sich und versprach Schadensersatz. Wie viel Dollar kostet ein toter Vietnamese?
Am Nachmittag geraten wir in Da Nang ein zweites Mal ins Feuer der Gewehre und Granatwerfer. Wir liegen hinter einem Baum. Fünf Meter entfernt bellt ein schweres Maschinengewehr. Ein paar junge Buddhisten haben sich zu uns gekauert. Selbst diese Situation benutzen sie, um uns zu erklären, was sie wollen – oder besser, was sie nicht wollen:
„Die Vietcong-Rebellen sind unsere Brüder. Nur die Machthaber in Saigon und die Amerikaner hindern uns daran, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Wir haben keine Angst vor dem Kommunismus. Asien ist nicht Europa. Ihr Europäer braucht keine Revolution mehr, aber bei uns muss endlich der Dreck von Jahrtausenden weggefegt werden. Ohne die Kommunisten geht das hier nicht mehr.“
Dem buddhistischen Studenten, der uns dies sagte, wird zwei Minuten später ein Finger abgeschossen.

Die Schlacht gewonnen, das Volk verloren

Die vietnamesischen Buddhisten glauben, dass der Vietcong mit ihnen verhandelt und sich auf freie Wahlen einlässt, ohne den vorherigen Abzug der amerikanischen Truppen zu verlangen – sondern nur die Einstellung der Kämpfe. Die Buddhisten scheinen dazu das prinzipielle Einverständnis der Vietcong schon zu haben. Ihr Widerstand gegen Ky, seine Ablösung durch eine Zivilregierung sollen die Voraussetzung für diesen Kompromiss schaffen.
Eine Koexistenz von Kommunismus und Buddhismus braucht ihrer Meinung nach nicht zu einer Machtübernahme durch die Kommunisten zu führen. Sie verweisen auf Burma, wo diese Koexistenz zu einem neutralen Sozialismus geführt hat, ja, sie hoffen sogar, dass Nordvietnam sich dann von sowjetischer und chinesischer Vormundschaft freimachen kann, gemeinsam mit dem Süden, nach jugoslawischem Vorbild, einen eigenen Weg zu gehen. Vielleicht ist der Zweifrontenkrieg in Da Nang der erste Schritt auf diesem Weg.
Die nächsten fünf Tage pfeifen von morgens bis abends die Kugeln. In der Pagode liegen 20 Tote und 170 Verletzte.
Als Kys wohlgerüstete Elitetruppen Da Nang mehr oder weniger in den Griff bekommen, fliegt der General selbst in die Stadt. Auf dem Flughafen erklärt er in einer Pressekonferenz, er habe seine Truppen in die Stadt geschickt, „weil die Buddhisten mich scheinbar für einen dummen Jungen halten“. Die Buddhisten seien kommunistisch verseucht.
Nach Kys Abflug verschärft sich der Kampf. Seine Truppen verfügen über die einzigen Panzer. Die Pagode ist abgeriegelt. In allen Straßen wird jetzt geschossen. Ky hat über die Stadt Ausgangsverbot verhängt. Das gilt selbst für die Amerikaner, die nun nicht mehr gegen die Vietcong ausziehen dürfen – eine tragikkomische Situation, in die hier die mächtigste Militärmacht der Erde gezogen worden ist.
Nur wir Journalisten rennen durch die Straßen steigen über die Barrikaden. Wenn sich ein Gewehr gegen uns richtet, werfen wir uns auf den Boden und rufen so laut wir können: „Bao chi“ (Presse).
Aber nicht immer geht das gut. Ein amerikanischer Kollege, Sam Caston, Redakteur des Magazins „Look“, wird getötet. Er ist der 17. Journalist, der in diesem Krieg fällt. Der Korrespondent der amerikanischen Nachrichtenagentur „Associated Press“, Robert Poos, der britische Fotograf Tim Page und der Fotoreporter Alain Taieb der französischen Illustrierten „Paris Match“ werden durch Maschinengewehrkugeln verwundet.
Zwei Stunden lang versuchen Claude und ich, auf dem Bauch kriechend, zur Pagode und dem Hauptquartier der Buddhisten durchzukommen. Es geht nicht mehr. Der Ring der Ky- Truppen wird immer enger.
Eine Woche nach der Rebellion stürmen und besetzen Kys Soldaten die Pagoden, feuern seine Jagdbomber auf die Stellungen der Da Nang-Garnison mit Raketen, Bordkanonen und Maschinengewehren. Der „Krieg im Krieg“ endet mit der Kapitulation der Buddhisten und der mit ihnen sympathisierenden Truppen. Ky hat eine Schlacht gewonnen, den Krieg um die Herzen seiner Landsleute hat er spätestens hier verloren.

Was Brudermord heißt, ist nicht zu berechnen

Im Pentagon zu Washington können die Elektronenrechner Truppenstärke und Feuerkraft zu Prognosen verarbeiten. So exakt diese Daten sind, so falsch müssen die Resultate sein: Denn in einem Elektronenrechner kann man nicht den Schmerz des Volkes angesichts der verbrannten Erde oder die Familienbande zwischen Rebellen und Bauern füttern und auch nicht, was es heißt, im Namen eines verhassten Regimes den Bruder morden zu müssen.
In diese Rechnung gehören der höhere Kampfgeist der Vietcong und auch, dass die südvietnamesische Hauptstadt Saigon zu einem Freudenhaus geworden ist, in dem Generäle, Huren und Zuhälter sich am Krieg bereichern und als Reiche und daher Mächtige mehr zu sagen haben als die anständigen Bürger und Bauern.
Während ich diesen Artikel schreibe, sitze ich am Ufer der Lagune von Da Nang. Ein amerikanisches Beobachtungsflugzeug stürzte in die See. Es ist zu tief über die Pagode geflogen und vom Maschinengewehrfeuer der Buddhisten getroffen worden.
Acht Kilometer weiter dröhnte schweres Artilleriefeuer: Die US-Flotte beschießt Vietcong-Stellungen. Ein Dorf brennt. Menschen, die nichts vom ideologischen Konflikt unserer Welt wissen, bezahlen für eine Politik, die nicht die ihre ist, mit allem, was sie besitzen – und oft mit ihrem Leben.