„Schreibt, dass Vietnam verblutet“

Stern, Heft 24, 12. Juni 1966 

STERN hatte seine Reporter Gordian Troeller und Claude Deffarge nach Vietnam geschickt, um die Geschichte eines kleinen Dorfes zu schreiben: Wie es lebt und wie es leidet zwischen den Fronten der Kriegsführenden. Unsere Reporter flogen in einen Hexenkessel. Sie waren wenige Stunden in Da Nang, als dort der „Krieg im Krieg“ ausbrach. Den Bericht veröffentlichten wir im letzten STERN. Troeller und Claude Deffarge flogen nach der Kapitulation Da Nangs nach Saigon, um einige Tage auszuruhen. Sie gerieten in die blutigen Demonstrationen gegen die Regierung Ky. Troeller kabelte uns: „Wenn ich je eine Seele besessen habe, dann habe ich sie unter Tränengasbomben vor der Pagode von Saigon ausgekotzt.“ Hier ist sein Bericht:

Buddhistische Mönche und Nonnen protestieren in Saigon mit einem Hungerstreik gegen General Ky, der in Da Nang ihre Glaubensgenossen, seine eigenen Landsleute, zusammenschießen ließ. Zunächst stellte sich nur schwer bewaffnete Polizei den Buddhisten entgegen. Aber als sie in den ersten Straßenschlachten nicht mehr Herr der Lage blieb, setzte Ky Fallschirmjäger und Panzerwagen ein.
Junge Buddhisten tragen eine Puppe, die den verhassten General darstellt. „Cowboy Ky“ steht darauf geschrieben. Sie kommen nicht weit damit. Schon an der ersten Ecke werden Tränengasbomben in ihre Reihen geschossen. Einige erwischte es direkt, und sie fallen blutüberströmt zu Boden. Mönche und Pfadfinder tragen sie davon. Die Demonstranten wehren sich mit Steinen.
Sie haben aus den vorausgegangenen Straßenschlachten gelernt: Sobald eine Tränengasbombe fällt, stürzt sich ein Junge mit einem Sack darüber und erstickt die Explosion. Dazu gehört viel Mut, und jedes Mal stößt die Menge einen Siegesschrei aus, wenn es gelingt. Von zehn Bomben werden so mindestens sieben unschädlich gemacht.
Viele der Kämpfenden haben sich Plastiktüten über den Kopf gestülpt, andere versuchen sich gegen das Gas mit nassen Tüchern zu schützen, die sie über Augen und Nase wickeln. Mönche rennen mit Eisbeuteln und Zitronen zwischen den Kämpfenden herum und lindern damit den stechenden Schmerz in den tränenden Augen. Ein junger Mönch hat seine Samariterdienste ganz auf mich konzentriert. Jedes Mal, wenn ich die Kamera senke, drückte er eine Zitrone über meinen Augen aus. Andere geben mir Taschentücher. Eine Nonne setzt mich auf dem Bürgersteig und wäscht mir das Gesicht.
Mit Transparenten fordern die Buddhisten: „ Yankee go home“, „Beendet den Krieg“, „Unser Leben kann man nicht gegen amerikanische Dollar verschachern“ und „Unser Blut und unsere Knochen sind keine Werkzeuge für Kriegshetzer“.
Studenten schreien uns auf Französisch zu: „Schreiben Sie, daß Vietnam verblutet.“ Ihre Schreie werden erstickt. Ein neues Gas wird eingesetzt, das Übelkeit und Erbrechen hervorruft. Mir ist, als ob meine Gedärme platzten und mir durch den Mund getrieben würden. Die Gase seien nicht giftig, wird behauptet. Ich habe Kinder gesehen, die zwei Tage lang ohne Bewußtsein blieben. Ich selbst schreibe diesen Bericht im Bett meines Hotelzimmers, wo ich nach Tagen langsam wieder zu mir komme.
Aber nicht nur die Demonstrationen gegen die Regierung Ky mehren sich. Immer mehr werden auch die Amerikaner angegriffen. Am Abend, bevor ich Da Nang verließ, war ich Augenzeuge eines erregten Wortwechsel zwischen amerikanischen Offizieren im Presselager. Ein Major schrie seine Kameraden an: „ Habt ihr denn kein Hirn mehr im Kopf? Was hier passiert, ist Völkermord, und wir helfen dabei.“
„Wir sind Soldaten“, entgegnete ein Offizier, „ das ist unser Beruf. Wir sind hier, um Vietcongs zu töten. Was die anderen Vietnamesen unter sich machen, geht uns nichts an.“
Der Major verliert immer mehr die Nerven: „Seht ihr denn nicht, daß wir Faschisten helfen, ihr eigenes Volk umzubringen, seid ihr denn alle blind?“
Ein paar Gläser klirren. „Wir tun nur unsere verdammte Pflicht“, sagt ein Offizier.
Und ein anderer ergänzt: „Und das verfluchte gut.“
In Saigon laufen Gerüchte um, daß die Amerikaner General Ky fallen lassen wollen. Die Demonstranten haben zwar den Großteil der Bevölkerung hinter sich, von der Armee jedoch folgten ihnen bis jetzt nur die Truppen in Da Nang und Hue. Dieser Bürgerkrieg ist daher ein Kampf mit ungleichen Mitteln.
Solange Südvietnams Generale noch mit Unterstützung der Vereinigten Staaten und mit geschenkten US-Waffen um die Macht kämpfen dürfen, muß die Zivilbevölkerung kuschen oder sterben.