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Die verratenen Frauen (Algerien)

Stern, Heft 48, 28. November 1965

Algerien ist seit drei Jahren unabhängig. Nach den langen, blutigen Kämpfen war der Siegestaumel groß. Auch für die Frau schien die Zeit der Freiheit angebrochen zu sein. Sie hatte mitgekämpft. Viele waren gefoltert worden, vergewaltigt, umgebracht. Die Freiheitskämpferinnen wurden als Heldinnen der Revolution gefeiert. Aber die Ernüchterung ließ nicht lange auf sich warten. Im Namen des Nationalismus stecken die neuen Herren ihre Frauen wieder hinter Schleier und Gitter. Der Kampf geht weiter. Jetzt gegen die eigenen Männer. Viele junge Mädchen gehen freiwillig in den Tod. Sie wollen lieber sterben als weiterhin in Unfreiheit leben.

Supermarkt in Algier: Die Verkäuferinnen stehen paarweise und verschüchtert hinter den Ladentischen. Es ist unmöglich zu sagen, ob sie hübsch sind oder häßlich. Unförmige Blusen. Ein wenig Furcht in den Augen. So sehen viele Mohammedanerinnen aus, wenn sie den Schleier abgelegt haben: wie eben ausgeschlüpfte Schmetterlinge, die nichts von ihren Flügeln wissen und sich noch wie Raupen bewegen.

Um so geschmeidiger gleiten junge Männer durch das Labyrinth der Auslagen. Kunden? Ja. Aber sie kaufen nichts. Sie haben ihre Hände tief in den Taschen und werfen verstohlene Blicke auf die Verkäuferinnen. Sobald eine von ihnen allein ist, pirschen sie sich heran und stecken ihr kleine Zettel zu. Liebeserklärungen wahrscheinlich oder Telefonnummern.

Plötzlich liegen zwei Jungen am Boden. Sie schlagen sich gemein. Sie treten und beißen. Brutal. Zwei Mädchen von kaum vierzehn Jahren flüchten in eine Ecke. Verängstigt schmiegen sie sich aneinander.

Nur mit Mühe gelingt es einigen Angestellten, die Kämpfenden zu trennen. Sie schreien, stoßen wilde Drohungen aus. Der Abteilungsleiter sagt ein paar Worte. Einer der beiden Jungen gibt hastig eine Erklärung, dann reißt er eines der zitternden Mädchen an sich und zerrt sie aus dem Geschäft hinaus. Sein Gegner packt die andere Kleine und Schleppt sie zum entgegengesetzten Ausgang.

Ohne Kommentar kehren die Kunden und Angestellten zu den Ladentischen zurück Einer schüttelt lächelnd den Kopf. Claude Deffarge fragt ihn, was da eben passiert sei.
„Oh, Madame, den Rummel haben wir alle Tage.“
„Diebstahl?“
„Nein, Madame. Junge Mädchen werden beim Einkauf von ihren Brüdern begleitet. Die passen auf. Verstehen Sie?“
Claude schüttelt den Kopf, denn sie hat nichts Ungewöhnliches bemerkt.
„Oh, das geht so schnell.“, erklärt der Angestellte. „Der Größere mit dem gelben Pullover hat die Augen der Schwester des Kleinen gesucht und ein Lächeln erhascht. Das hat ihr Bruder bemerkt. Jetzt mußte er was tun. Er schimpfte die Schwester des anderen eine Dirne. Nun mußte der etwas unternehmen, denn er konnte doch nicht untätig zusehen, wie der Name seiner Schwester besudelt wurde. Das ist nun mal so. Wir müssen nur immer aufpassen, daß unsere Einrichtung heil bleibt und die anderen Männer sich nicht mittlerweile an unsere Verkäuferinnen ranmachen.“

Claude geht auf die Straße. Gegenüber liegt ein Café. Auf der Terrasse sitzen an die fünfzig Männer und eine einzige Frau. In anderen mohammedanischen Ländern ist man an diese trostlosen Männer-Terrassen gewöhnt. Die Frau ist ausgestoßen. Aber in Algerien? Nach der Revolution? In einem Staat, der sich sozialistisch nennt?

Selbst das Straßenbild wird hier noch vom Schleier beherrscht. Einige Frauen gehen vorbei. Weiß verschleiert, mit gestickten Taschentüchern vor dem Mund. Claude hebt die Kamera.

Ein Männerkopf füllt den ganzen Sucher aus und versperrt den Blick auf die Frauen. „Allein?“ fragt er. „Wie wär´s mit einem Kaffee, Madame – und ein wenig Gesellschaft?“
„Nein, danke.“
„Du suchst doch sicher nichts anderes!“
„Was? Kaffee?“
„Nein. Männer…“

Claude dreht sich wütend um. Sie ist eingekreist. Selbst mit einem Superweitwinkel könnte sie diese grinsenden Gesichter nicht alle auf ein Negativ bekommen. Und wenn sie es versuchen würde, gäbe es wohl eine gute Gelegenheit, „handgreiflich“ zu werden.

Diese Szene wiederholt sich noch mehrmals am Tag. Sicherlich ist Claudes Auftreten zum Teil eine Erklärung für die Aggressivität der Männer. Mit ihren drei Kameras um den Hals, ihrer Hose und der Lederjacke verkörpert sie genau das, was man hier am meisten zu hassen scheint: die unabhängige, berufstätige Frau.

Den Abend verbringt Claude bei einer befreundeten Familie. Der Mann ist Frauenarzt. Sie will ihn ausfragen.


„Ich möchte den Beruf wechseln“, sagt er, und es klingt, als sei er lebensmüde. „Täglich empfange ich ebenso viele Männer wie Frauen. Und weißt du, was die Männer von mir verlangen – und sogar bezahlen wollen? Zeugnisse, wissenschaftliche Beweis, daß ihre Frauen bei der Hochzeit unberührt waren. Das heißt: vor zwei Jahren, vor drei – oder vor zehn. Ich weiß nur, daß ich müde bin, einfach fertig. Ich war Spanier. Algerier bin ich geworden, weil ich an die Revolution und den Sozialismus glaubte. Aber es ist immer das gleiche Lied: Man zieht begeistert in den Kampf, um einer neuen Welt zum Siege zu verhelfen. Und dann, wenn es endlich soweit zu sein scheint, ändern sich nur die Herren, und alles bleibt beim alten. Ich habe die Nase voll!
„Hat der lange Krieg denn nicht die herkömmliche Familienordnung ins Wanken gebracht?“ will Claude wissen. „Man schrieb doch soviel darüber: die radikalen Umsiedlungen. Die Beteiligung der Frau am Widerstand. Kampf, Tod und Verfolgung. All das soll das Alte begraben haben und es den jetzigen Machthabern leicht machen, eine neue Gesellschaft aufzubauen.“
„Schau dich doch um“, antwortet er resigniert, „sieh sie dir an, die einstmals stolzen Freiheitskämpferinnen!“

In Protestmärschen fordern die jungen Mädchen volle Gleichberechtigung …

Zutritt zu allen Berufen und das Recht, ihre Ehepartner selbst zu wählen

Claude versucht es. Trotz guter Empfehlungen ist es unmöglich, mit den meisten Algerierinnen ins Gespräch zu kommen. Ihre Männer weigern sich – oder sind immer dabei. Zum Dialog bleiben nur die Lehrerinnen, Ärztinnen, Studentinnen und Berufstätigen. Eine hauchdünne Schicht. Sobald Claude Fragen stellt, sprudeln Anklagen hervor.

Eine Sekretärin erzählt: „Wenn wir, statt früh zu heiraten, arbeiten wollen, müssen wir mit unseren Familien brechen. Unsere Väter und Brüder verachten eine Frau, die allein auf die Straße geht und im Beruf mit anderen Männern in Berührung kommt.“

„Wir finden keine Zimmer“ , klagt eine Sozialhelferin. „Wenn eine Frau allein vorspricht, wird sie mit Schimpfworten davongejagt. ‚Wir sind anständige Leute‘ heißt es. ‚Dirnen gehören auf die Straße!‘ Nur wenn wir uns mit mehreren zusammentun, haben wir manchmal Glück.“


Die neuen Herren haben Algerien von den Franzosen befreit, aber nicht die Frauen von ihrem Schleier. Wenn die weiblichen Formen nicht versteckt sind, fühlt sich der Mann in seiner Ehre verletzt

Claude besucht eine Lehrerin. Von ihr erfährt sie, daß Schülerinnen oft von einem Tag zum anderen nicht mehr zur Schule kommen. Wenn die Eltern dann um eine Erklärung gebeten werden, heißt es: „Ihr zukünftiger Mann hat verlangt, daß sie sich nicht mehr zeigt.“ Und so endet für viele der Schulbesuch oder das Studium, das Leben außerhalb einer kleinen dunklen Kammer.

Etwas liberalere Eltern verschleiern ihre Töchter, sobald sie einem Mann versprochen sind, schicken sie aber weiterhin zur Schule. Dann gibt es jedoch ein neues Problem: Die anderen Schülerinnen sprechen nicht mehr mit der Kameradin, die sich von ihren Eltern „verschachern“ läßt. Sie, die modern sein wollen, meiden die „Verräterin“. Und schon nach wenigen Tagen muß das verlobte Mädchen die Schule verlassen.

„Anstatt zu unterrichten“, erzählt die Lehrerin weiter, „verbringen wir unsere Zeit damit, solche Konflikte zu schlichten. Ohne Erfolg. Meistens siegen die Eltern – oder das Mädchen bringt sich um.“

Eine Sechzehnjährige berichtet, daß sie in einem Pensionat untergebracht ist, obwohl die elterliche Wohnung nur fünfhundert Schritte entfernt liegt. „Weil ich diese Strecke nie zurücklegen kann, ohne belästigt zu werden. Und ich habe auch keinen Bruder, der mich begleiten könnte.“

Claude trifft auch eine echte Widerstandskämpferin. Sie heißt Laila und war lange in französischen Gefängnissen gesperrt. Damals kämpfte sie für die Unabhängigkeit ihres Landes. Heute tritt sie ebenso mutig für die Freiheit der Frau ein. „Meine Familie haßt mich“, sagt Laila, „denn ich habe ihren Ruf geschändet, weil ich zusammen mit Männern gekämpft habe. Dadurch sei die Zukunft meiner Schwestern verpfuscht. Sie finden keine Männer, die den schlechten Ruf meiner Familie teilen wollen.“

Seit der Befreiung Algeriens arbeitet Laila in einer Bank. Dort freundete sie sich mit einem Franzosen an, der auch für Algerien gekämpft hat. Eines Tages wurde sie von den Chefs ihrer früheren Widerstandsgruppe zur Rede gestellt: „Jetzt langt es aber! Du verkehrst mit einem Franzosen. Freiheitskämpferinnen dürfen keine Dirnen werden. Verstanden!“
Leila verteidigt sich empört. Sie verwies auf die Verdienste des jungen Franzosen. Ohne Erfolg. „Wenn du weiterhin Schande über uns alle bringst“, sagte man ihr, „dann zwingst du uns, radikalere Mittel anzuwenden.“ Und dazu die unmißverständliche Geste mit dem Finger vor der Gurgel.

Yasmina Chelali, ehemalige Freiheitskämpferin, besitzt einen Modesalon in Algier. Sie gehört zu den wenigen Frauen, denen es gelang, wirklich unabhängig zu werden

Das ist nur eine kurze Sammlung von Anklagen, die über hundert Seiten fortgeführt werden könnte. Meistens baten die Frauen, Claude möge sie wieder besuchen, es sei so gut, einmal das Herz ausschütten zu können.

Wenn Claude jedoch wiederkam, in Büros, Redaktionen, Parteibüros, dann bekam sie die redelustigen Frauen nicht mehr zu Gesicht. Irgendein Arbeitskollege versperrte den Weg: „Fräulein X ist krank. Kommen Sie doch in einem Monat mal wieder vorbei …“

Claude lässt sich nicht entmutigen. Sie geht zur Universität. Dort, so glaubt sie, können die Frauen sicherlich offen ihre Meinung sagen. Sie hat sich nicht getäuscht. Worüber aber wird leidenschaftlich diskutiert? – Über Selbstmord. Nicht über einen, zwei oder zehn. Auch nicht über die moralischen oder religiösen Vorbehalte. Nein. Über eine regelrechte Selbstmord-Epidemie. Junge Mädchen trinken massenweise Chlor- und andere Säuren. Sie ziehen es vor, zu sterben, anstatt qualvoll zu leben. Sie bringen sich um, weil dies die einzige Möglichkeit ist, über ihr eigenes Schicksal zu entscheiden.

Hundertvierundsiebzig pro Jahr, behauptet die von Männern kontrollierte algerische Presse, die nach Möglichkeit alles vertuscht, was Kritik an der herkömmlichen Mann-Frau-Beziehung übt. -Zwei pro Tag, verbessern die Frauenvereine. Sie haben systematisch nachgeforscht und sind überzeugt, daß selbst diese Zahl nur die Hälfte erfaßt; denn viele Eltern verheimlichen die Selbstmorde ihrer Töchter.

Die letzte Selbstmörderin, die bei Claudes Ankunft in Algerien im Sterben lag, wurde von einem kleinen revolutionären Frauenklub zur „Heldin“ ernannt. Die Männer reagierten mit Tobsuchtanfällen. – „Unmöglich“, riefen auch viele Frauen. „Wenn ihr den Selbstmord verherrlicht, werden sich morgen Tausende junger Mädchen umbringen.“

Sicherlich. Aber gerade das veranlaßt junge revolutionäre Frauen, weiterzukämpfen und die Selbstmörderinnen als Märtyrerinnen dieses Kampfes zu feiern. „Sollen wir denn ewig gegen unseren Willen verheiratet werden? An Männer, die wir nie gesehen haben? Im sozialistischen Algerien?“

Und sie klagen die Männer an: „Wenn ihr schon die Achtung vor dem Nächsten und seiner Freiheit als große Parolen ständig im Munde führt, dann müßt ihr ihm auch erlauben, seinen Lebensgefährten selbst zu wählen. Denn der ‚Nächste‘, das sind wir – eure Schwestern! Auch wir sind Menschen! Es steht sogar in der Verfassung: Die Gleichheit von Frau und Mann muß verwirklicht werden…!“

Aber ebensowenig, wie man mit einem Papagei diskutiert, fragt man eine Frau nach ihrer Meinung. Das ist in vielen Teilen der Welt so. Und in Algerien ganz besonders. Wie sollte ein dressiertes Wesen eigene Meinungen haben? Diese dummen Weiber sollen nur ihren Mund halten und den Ruf Algeriens nicht gefährden.

Aber die „Schwestern“ bohren weiter: „Ihr habt eure Unabhängigkeit. Jetzt sind wir an der Reihe. Als ihr Herren gegen die Franzosen Krieg führtet, da war jeder Gefallene ein Held und jeder Gefolterte ein Beispiel eurer Tapferkeit. Heute kämpfen wir, und ihr seid die Folterknechte. Wenn euer Gewissen, eure Heuchelei, eure Eitelkeit nur durch Massenselbstmorde ins Wanken gebracht werden können, dann seid ihr schuld daran. Ihr seid die Mörder, genau wie einst die Franzosen eure Mörder waren. Und diese Mädchen sind unsere Heldinnen!“

„Ihr seid doch noch gar nicht reif für die Freiheit“, wettern die Herren in allen Ecken des Landes. „Mal schön langsam. Schritt für Schritt. Werdet erst einmal erwachsen. Geduld, liebe Schwestern, Geduld!“

Geduld – Warten – Unreife. Alle diese Vertröstungen und Argumente, die heute von den früheren Unabhängigkeitskämpfern gebraucht werden, stammen aus dem Arsenal ihrer ehemaligen Kolonialherren. Auch sie ließen die Algerier in Elend und Unwissenheit aufwachsen und erklärten sie für unfähig, ihr Schicksal selber in die Hand zu nehmen. „Wartet geduldig“, hieß es damals, „bis wir die Stunde für gekommen halten!“

Aber dann glaubten die Algerier selber, daß es endlich an der Zeit sei, sich der französischen Vormundschaft zu entledigen. Sie griffen zum Gewehr und erzwangen ihre Unabhängigkeit. Hätten sie warten sollen, bis „Papa Frankreich“ ihnen eines Tages ihr eigenes Land wie eine Art Reifezeugnis in die Hand gedrückt hätte?
„Natürlich nicht!“ ruft der Algerier entrüstet.

Heute gilt das Wahlrecht auch für Algerierinnen. Alte Frauen stimmen gleichgültig nach dem Willen des Mannes. Jungen Mädchen genügt diese symbolische Freiheit nicht. Sie wollen ihre Zukunft selbst wählen dürfen und am Aufbau der jungen Nation teilnehmen


Hahnenstolz hinter religiöser Maske

Ebenso entrüstet sind heute die Frauen, weil nun der algerische Mann „Papa Frankreich“ spielt – das heißt: seine Privilegien im verhaßten kolonialistischen Stil verteidigt.

Jetzt fordern die Frauen ihre „Entkolonialisierung“. Der Kampf ist hart. Immer wieder finden die Männer neue fadenscheinige Argumente. Früher versteckten sie ihren Hahnenstolz hinter den religiösen Geboten des Islams. Dann kamen ihnen die Franzosen gelegen: Die fremden Machthaber wurden für das unwürdige Los der algerischen Frauen verantwortlich gemacht. Und heute wird an das „vaterländische Gewissen“ appelliert. „Ihr wollt wie die Französinnen aussehen?“ heißt es. „Wie die Frauen unserer früheren Kolonialherren! Haben wir dafür gekämpft? Schämt euch. Besinnt euch auf unsere Tradition!“ – Und jede Frau, die es nicht tut, gilt als Verräterin. So einfach ist das.

In der Universität ist ein Diskussionsabend über die Situation der Frau angekündigt. Aha, denkt Claude Deffarge, endlich einmal ein echter Dialog zwischen Mann und Frau.
Sie ist pünktlich zur Stelle. Ebenso zwanzig Studenten, Jungen und Mädchen. Claude macht es sich bequem und wartet gespannt. Ein russischer Film wird gezeigt. „Die Mutter“, nach dem Buch von Maxim Gorki.
Nach der Vorstellung bleibt Claude sitzen. Die anderen stehen auf. Drei Studenten wollen wissen, worauf sie wartet.
„Auf die Diskussion natürlich.“
„Schluß der Vorstellung“, sagt einer.
„Warum?“
„Sie können doch nicht ernsthaft erwarten, daß wir zwischen Jungen und Mädchen über die Frau sprechen. Das gäbe Mord und Totschlag!“

Wer ausgeht, ist ein Flittchen

„Und das ziemt sich auch nicht“, meint ein anderer.

Jetzt bleibt noch der Studentenball. Dort muß es doch gemischt hergehen. Hotel Aletti. Ein riesiger Saal. Fast eine Bahnhofshalle. Etwa tausend Männer und vielleicht dreißig Mädchen. Die Tanzfläche ist trotzdem voll. Drei Paare. Der Rest nur Männer. Alle tanzen. Es sieht entsetzlich aus.

Einige Studenten umringen Claude. Sie muß erklären, warum sie hier ist.
„Ach, Frauen ist Ihr Thema“, sagt einer. „Unsere sind alle häßlich und dumm und verlogen. Die können sich nicht einmal richtig anziehen.“
„Die kotzen uns an“, sagt ein anderer. „Alle.“
„Haben Sie Schwestern?“ will Claude wissen.
„Drei.“
„Die hätten Sie doch mitbringen können.“
„Was – die sollen Flittchen werden? Bei Ihnen stimmt wohl was nicht …“

Jetzt werden die Worte eindeutig unanständig. Ein Neger rettet die Situation. „Darf ich Sie einen Moment allein sprechen?“ fragt er Claude. Und nachdem die Konversation in Gang gekommen ist, meint er: „Die behandeln uns hier auch nicht anders. Neger oder Frau, das ist für die das gleiche.

Ich komme aus Angola“, erzählt der junge Mann weiter. „Wir wollen unser Land von der portugiesischen Herrschaft befreien. Für diesen Kampf werden wir hier ausgebildet. Vor allem sollen wir die Guerilla-Technik lernen, den Widerstandkampf in Städten. Und dazu müssen wir natürlich auch Häuser betreten. Aber bis jetzt haben wir noch keins von innen gesehen. Es könnte uns ja eine Frau begegnen – und sogar ohne Schleier! ‚Das ist unmöglich‘, sagen die Algerier. Das Haus würde in Verruf kommen, wenn die Nachbarn Neger reingehen sehen.‘ – Ja, so reden unsere ‚algerischen Brüder‘. Wir wollten bei ihnen ein wenig lernen. Das war ein schöner Traum. Was für eine Welt ist das nur?“


Studentenball in Agier: tausend Männer und dreißig Mädchen. Die Herren müssen miteinander tanzen, weil sie jede Frau, die ausgeht, wie eine Dirne behandeln

Ja, was für eine Welt ist das? Nor vor ein paar Jahren waren die Frauen gut genug, Bomben zu legen, Nachrichten durch französische Linien zu schmuggeln und Verwundete zu pflegen. Sie hatten die „Ehre“, sich foltern, vergewaltigen und umbringen zu lassen. Die Überlebenden wurden – wie heute die Kosmonauten – um die Welt geschickt und überall stolz herumgezeigt: Entdeckerinnen neuer Welten, Heldinnen der Revolution. „Es lebe das freie Algerien! Völker Afrikas, folgt unserem Beispiel! – Und die Frauen? Kehrt um, marsch! Zurück hinter Schleier und Gitter.

Als noch gegen Frankreich gekämpft wurde, habe ich für die Algerier Stellung bezogen und mich vielerorts unbeliebt gemacht. Soll mich das heute blind machen? Nein. Muß ich nicht zur Sache stehen? Natürlich. Selbstverständlich: Die „Sache“ heißt nämlich nicht Algerien, sondern Gerechtigkeit. Wenn sie heute von den ehemaligen Freiheitskämpfern mit Füßen getreten wird, dann stehe ich wieder auf seiten der Unterdrückten: diesmal der armen algerischen Frauen. Und die Herren können mir gestohlen bleiben, die so schnell vergessen, was es heißt, geknechtet zu werden.

Sie haben eine gewisse Entschuldigung: Der Hahnenkult mit all seinen Auswüchsen von Bruderehre und Familienstolz auf Kosten der Frau ist ein Erbe aus frühgeschichtlichen Zeiten, das keineswegs an die Religion des Islams gebunden ist. Es lastet auf allen Völkern rund um das Mittelmeer. Der Sizilianer ist da nicht anders als der Algerier, und der Spanier ist kaum vom Türken oder Griechen zu unterscheiden, wenn es um die Frau geht. Es sind alte Tabus vom „jungfräulichen Blut“, deren Ursprung zwar längst vergessen ist, die aber verzerrt und entstellt noch heute als „Moral“ gelten – sowohl in christlichen wie in mohammedanischen Ländern. Die Schlacken einer längst vergessenen, wahrscheinlich gemeinsamen Vergangenheit sind heute noch Alibis für das Verbrechen an der Frau.

Und so ist es auch kein Zufall, daß die Beteiligung der Frauen an der augenblicklichen Phase der algerischen Revolution immer geringer wird. Systematisch drängen die Männer sie aus den Büros, Kommissionen, Gewerkschaften. Auf dem Lande ist die „Säuberungsaktion“ bereits abgeschlossen: Die Frau sitzt wieder im Haus.

Als Claude Deffarge in Algerien diese Reportage machte, gab es wöchentlich nur noch eine Rundfunksendung, die sich an die weibliche Jugend richtete und ihre Probleme behandelte. Die jungen Redakteure baten Claude um ein Interview. Hatte sie doch die halbe Welt bereist, um die Probleme der Frau zu studieren. Ihre Worte wurden auf Tonband aufgenommen, um am gleichen Abend übertragen zu werden. Sie sprach von Europa, vom Jemen, von Kuba, Brasilien, Afrika, Amerika.

„Großartig“, riefen die Redakteure, „das ist genau das, was wir brauchen: Vergleiche mit anderen Ländern!“

Sie hätten das Tonband besser verbrannt. Das Interview wurde von der Zensur verboten. Und nicht nur das: Die gesamte Sendung an die weibliche Jugend wurde aus „technischen Gründen“ auf unbestimmte Zeit vom Programm abgesetzt. Dabei hatte Claude eigentlich nur gesagt, daß die meisten Revolutionen die Frauen nicht vergessen hätten, und daß es Länder gibt, in denen die Männer weniger selbstherrlich sind als in Algerien.

Die Moral von der Geschichte? Je länger wir diese Reportage über die Frauen der Welt fortsetzen, um so mehr müssen wir feststellen, daß es sich dabei eigentlich um eine Analyse der männlichen Haltung handelt. Unsere Serie über die Frau wird zur Anklage gegen den Mann – gegen seine Vorurteile, Komplexe, Neurosen und Sexualpsychosen. Das ist unvermeidlich, denn sie sind es, die letztlich das Los der Frau bestimmen. Selbst in Ländern, in denen die Frau sehr frei zu sein scheint, ist sie noch das Produkt der Vorstellung, die der Mann von ihr hat – oder genauer gesagt: von sich selbst haben möchte.

In Algerien hält der Mann den Rekord an Selbstherrlichkeit und sexueller Besessenheit. Er teilt ihn nicht nur mit den Ufervölkern des Mittelmeeres. Seine islamischen Glaubensbrüder von Marokko bis Pakistan verhalten sich kaum anders.

Wir glauben, mit der Revolution hätte sich auch auf diesem Gebiet einiges geändert. Das war ein Irrtum. Algerien ist nicht, wie man erwarten durfte, zum fortschrittlichen Gewissen der islamischen Welt geworden. Weiterhin erstreckt sich über zwei Erdteile hinweg die „Hölle der Frau“. – Wie diese aussieht, lesen Sie im nächsten STERN.

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