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Eine bezaubernde Königin und ein König der versagte

Stern, Heft 50, 10. Dezember 1967

Das Protokoll des Militärstaats hat der Griechenkönigin eine Reklame-Aufgabe zugedacht: Anne-Marie muß sich mit ihren Kinder Alexia und Paul vergnügt in der Öffentlichkeit präsentieren. König Konstantin spielt selbst in der Reklame eine Statistenrolle – er ist nur noch eine Marionette in den Händen der Militärbosse.

Auf dieser Griechenlandreportage haben wir uns mehr die Haare ausgerissen als je zuvor. Aus Gründen der Sicherheit. Jedesmal, bevor wir das Hotel verließen, klebten wir Haare über die Schlösser der Koffer und Schubladen. So kontrollierten wir, ob unsere Sachen durchsucht wurden. Zehn Tage lang ging alles gut. Am elften sind die Härchen verschwunden oder zerrissen. Fünf Filme fehlen. Auch einige Papiere. Ein Telegramm aus Hamburg hatte dem Sicherheitsdienst verraten, daß wir keine Touristen waren, sondern Journalisten. Damit war unsere Mission beendet. Von nun an wären alle, denen wir begegneten, in Gefahr gewesen. Denn jeder ausländische Journalist ist heute in Griechenland ein willkommener Köder für die Polizei. Er führt sie ungewollt zu den politischen Gegnern des Regimes.

Seit dem Militärputsch vom 21. April lebt Griechenland unter Belagerungszustand. Das Parlament ist aufgelöst, alle politischen Parteien sind verboten. Theater, Film, Rundfunk, Fernsehen und Presse unterliegen der Zensur. Die Zeitungen dürfen keine Nachrichten über Persönlichkeiten bringen, die vor dem Putsch eine politische Rolle spielten. Jede Druckseite muß von der Zensur genehmigt werden.

Jedermann kann ohne Haftbefehl auf unbestimmte Zeit festgesetzt werden. Auf den Inseln Leros und Jaros sitzen nach offiziellen Angaben 2600 politische Gefangene. Der ehemalige Außenminister Averoff wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, weil er in seine Privatwohnung dreißig Gäste eingeladen und damit gegen das Versammlungsverbot verstoßen hatte.

Eine Mauer des Schweigens umgibt den ausländischen Journalisten. Wer wissen will, was dahinter vor sich geht, findet nur einen Gesprächspartner: den organisierten Untergrund. In Rom, Paris und London gibt es Gruppen griechischer Exilpolitiker. Es ist nicht schwer, von ihnen nützliche Adressen in Griechenland zu bekommen. Aber die Kontaktpersonen in Athen sind vorsichtig geworden.

Griechenlands NATO Soldaten stehen Spalier, wenn ihr „neuer starker Mann“ zur Kirche fährt. Oberst Pattakos liebt Fahnen und Paraden

Tagelang mußten wir uns von den Widerstandsgruppen überwachen lassen und genau ihren Anweisungen folgen, bis sie überzeugt waren, daß wir kein Sicherheitsrisiko für ihre Organisation darstellten. Und auch dann noch glich jede Begegnung einer Szene aus einem Spionagefilm. Eine Mischung von James Bond und Karl May.

Eines haben wir dabei feststellen können: Der Widerstand gegen die Militärdiktatur organisiert sich. Die Opposition hat einige Monate gebraucht, um sich wiederzufinden. Am 21. April, beim Putsch der Obersten, waren ihre Führer buchstäblich im Schlaf überrumpelt worden. Fast alle im Notstandsplan der NATO unter Alpha, Beta und Gamma geführten „subversiven Elemente“ saßen innerhalb von zwei Stunden hinter Schloß und Riegel. An Widerstand war nicht zu denken. Die politische Opposition war ihrer Führer vom Zentrum bis zur äußersten Linken beraubt.

Nur langsam bildeten sich neue Führer heraus. Aber auch sie fielen der Polizei zum Opfer. Es will gelernt sein, außerhalb der „Legalität“ Politik zu machen. Erst der dritten Welle gelang es, den Spitzeln zu entgehen. Es waren Männer ohne politische Vergangenheit, den Geheimdiensten unbekannt. Sie, die in keiner Notstandsliste als schwarze Schafe geführt werden, sind heute Vertreter eines offiziell unmündig erklärten Volkes: Rechtsanwälte, Gewerkschaftler, Studenten, Ärzte und sogar Offiziere. Mit ihnen konnten wir sprechen

Dieser Widerstand sammelt sich in ein paar kleineren Gruppen und in zwei großen Organisationen. Sie nennen sich „Patriotische Front“ und „Demokratische Verteidigung“. Die „Front“ umfaßt in einem weiten Fächer alle politischen Kräfte, von liberalen Elementen der Rechten bis zu den Kommunisten. Zum erstenmal in der griechischen Politik machen so weit auseinanderstehende Gruppen gemeinsame Sache. Ihr Ziel: Sturz der Militärdiktatur, freie Wahlen, parlamentarische Demokratie.

Die „Demokratische Verteidigung“ setzt sich aus Männern des fortschrittlichen Zentrums zusammen, die das gleiche Ziel verfolgen wie die „Patriotische Front“. Ihr Alleingang entspricht hauptsächlich taktischen Überlegungen. Die „Demokratische Verteidigung“ will jene Griechen sammeln, die sich vor einer Verbindung mit den Kommunisten fürchten oder genieren. Es ist die Organisation des Mittelstandes.

Wir treffen Vertreter der „Demokratischen Verteidigung“ in einem Restaurant in der Nähe Athens. Unser Gesprächspartner hat eines der elegantesten gewählt. „In der Höhle des Löwen ist man immer am sichersten“, meint er. „Wenn ein unbekannter Rechtsanwalt sich in einer Kneipe versteckt, kann er auch gleich ins Gefängnis gehen.“

Früher war er politisch nicht aktiv. „Jetzt müssen wir, ‚Unbescholtenen‘ die Verantwortung des Widerstandes tragen, den unsere Führer in den Gefängnissen nur noch symbolisch verkörpern können“, erklärt er. „Was Sie heute abend sehen können, soll der großen Masse nur zeigen, daß es uns gibt. Gehen Sie von sieben bis Mitternacht zwischen Ihrem Hotel und der Hermesstraße spazieren. Mehr darf ich ihnen nicht sagen.“

Wir gehen brav auf und ab. Als nach drei Stunden immer noch nichts passiert, geben wir auf. Aber kaum sind wir wieder im Hotel, geht in einem leerstehenden Neubau eine Bombe hoch. Pech gehabt. Etwas präziser hätte unser Freund sich schon ausdrücken können. „Wir sind noch Dilettanten“, erklärt er später. „Keiner von uns konnte genau voraussagen, wann das Ding explodieren würde.“

Die „Patriotische Front“ hingegen hat bewiesen, daß bei ihr die Profis dienen: Eines Mittags wird eine Kühlschrankverpackung auf der Straße abgeladen, und schon beginnt das Ding zu sprechen: „Patrioten“, ruft es, „hört mir zu und unterbrecht mich nicht. Wer mich anfaßt, fliegt in die Luft.“ Und dann folgt eine lange Rede die immer wieder von der Warnung unterbrochen wird: „Nicht berühren, Explosionsgefahr.“

Als ein Polizist trotzdem an der Kiste herumfingert, sprühen Funken. Er springt zurück, und die Ansprache geht weiter. Dann ruft die Stimme: „Patrioten, tretet zurück! Geht in Deckung, in zehn Sekunden kracht es!“ Dann fliegt die Kiste mit dem Tonband auseinander.

Bei jeder Begegnung stellen wir fest, wir ausgezeichnet die Organisation der „Patriotischen Front“ funktioniert. Täglich erhalten wir Flugblätter. Wir treffen Verantwortliche der Gewerkschaften, der Studenten. Männer und Frauen werden uns vorgeführt, die gefoltert worden sind, Auf dem Dachgarten des Polizeipräsidiums, so erklärt man uns, werden die Häftlinge geschlagen, gebrannt, gestochen. Unsere Gesprächspartner versichern, daß manchen Gefangenen Flüssigkeiten eingespritzt werden, die den Körper schmerzhaft anschwellen lassen. Sie erhalten Schläge auf die Fußsohlen, bis die Haut platzt. Um die Schreie der Opfer zu übertönen, lauft ein Dieselmotor während der Verhöre. Wenn die Nachbarsfrauen das Motorengeräusch hören, schlagen sie das Kreuz.

Einige Tage vor unserer Abreise treffen wir Tassos Demou, ein Mitglied des „Nationalrates der Patriotischen Front“. Seinen Namen würfen wir nennen. Er lebt im Untergrund. Die Polizei kennt und sucht ihn. Seine Frau sitzt gefangen auf der Insel Jaros.

Dieser Mann hat uns kommen lassen, um uns im Namen des „Nationalrates“ eine Mitteilung zu machen, die Aufsehen erregen dürfte: „Es ist beschlossen worden“, sagt er mit einer etwas zu ruhigen Stimme,“ das Volk zum bewaffneten Aufstand aufzurufen. Der Zeitpunkt bleibt noch zu bestimmen. Aber die Vorbereitungen haben begonnen. Wir sind entschlossen, zu den Waffen zu greifen. Es bleibt uns keine andere Wahl.“

Wir erinnern an den blutigen Bürgerkrieg von 1946 bis 1949, der mit der Niederlage der Kommunisten endete. Aber Tassos Dimou winkt ab: „Diesmal werden wir nicht in die Berge gehen. Die Städte werden sich erheben. Nicht nur, wie damals, die äußerste Linke. Alle demokratischen Kräfte rufen zu den Waffen.“

Bei nichtkommunistischen Studenten sahen wir das Portrait des südamerikanischen Guerillaführers „Che“ Guevara an der Wand. Es stammte vom Titelbild einer französischen Illustrierten. Selbst einfache Leute kaufen diese Zeitschrift, obwohl sie sie nicht lesen können. Der „Che“ ist zum Symbol des bewaffneten Widerstandes geworden. Der Aufstand wird nicht morgen oder übermorgen ausbrechen. Zahllose Griechen stehen dem Militärregime gleichgültig bis wohlwollend gegenüber. Denn auch vor dem Putsch war Griechenland nicht gerade ein Hort der Freiheit. Bis 1963, zum Wahlsieg von Georg Papandreou, dem Führer der Zentrumsunion, gab es fast ebenso viele politische Gefangene wie heute.

Der Gendarm war immer Herr im Dorfe und kontrollierte die Wahlen. Über jeden Bürger wurden Karteikarten mit seiner politischen Einstellung geführt. Organisationen, die der Königin Friederike nahestanden, kamen in Verdacht, politische Gegner ermordet zu haben.

Aber noch nie wurde die Griechen so systematisch unterdrückt wie heute. Sie haben vor allem noch niemals so notorisch dumme Machthaber ertragen müssen, Männer, denen es aus purer Einfallslosigkeit nicht gelungen ist, mehr als eine kleine Minderheit der Bevölkerung für sich zu gewinnen.

Den versprochenen wirtschaftlichen Aufschwung gibt es nur in den Propagandareden. Tatsächlich müssen viele Betriebe Feierschichten einlegen. Die Zahl der Arbeitslosen hat sich beträchtlich erhöht.

Der angesagte „Kampf gegen die Korruption“ war bisher die zugkräftigste Parole der Militärs. Dummerweise entgeht es keinem Griechen, daß auch die Vertreter des neuen Regimes käuflich sind. Nur die Preise sind gestiegen. Die Vetternwirtschaft besteht wie einst und je. In kleinen Städten und Dörfern machen sich Offizieren oft gar nicht mehr die Mühe, um ihre Zeche zu feilschen. Sie zahlen ganz einfach nicht.

Nein, es ist den Putschisten nicht gelungen, die Mehrheit der Bevölkerung für sich zu gewinnen. Das Militärregime ist gezwungen, sich ausschließlich auf Soldaten, Polizisten, Spitzel und Gendarmen zu stützen, das heißt: auf die Gewalt. Kinder, deren Eltern eine „linke“ Vergangenheit haben, dürfen nicht studieren. Sechstausend wurden zum Semesteranfang abgewiesen. Beamte müssen Loyalitätserklärungen unterschreiben oder politische Leumundszeugnissen beibringen. Sie können ihre Posten verlieren, falls Verwandte politisch tätig sind. Wer sich von „linken“ Ärzten behandeln läßt oder politisch verdächtige Rechtsanwälte konsultiert, wird unter Druck gesetzt. Wer unvorsichtige Reden über den Innenminister Pattakos führt, muß mit vielen Jahren Zuchthaus rechnen. Auch wer an Festtagen nicht flaggt, wandert ins Gefängnis.

Die Folge des Terrors ist Mißtrauen und Angst. Freunde hüten sich, miteinander über Politik zu sprechen. Portiers und Nachbarn werden zu potentiellen Feinden. Denunzianten sind der Polizei herzlich willkommen.

Der Opposition kann es nur recht sein. Je unerträglicher die Atmosphäre wird, desto größer wird die Bereitschaft zum Widerstand. Die strengen Sparverordnungen im Stromverbrauch kommen der Opposition wie gerufen. Ab sofort muß jeder Grieche 30 Prozent weniger verbrauchen als im März dieses Jahres, sonst bekommt er überhaupt keinen Strom mehr. Die Flüsterparole der Opposition lautet: „Verbraucht mehr Strom denn je.“

Noch ist der aktive Widerstand schwach. Solange die Polizei das Land unter Kontrolle hält, haben die Putschisten „von unten“ nichts zu fürchten. Gefahr droht ihnen zur Zeit nur „von oben“: von der entmachteten konservativen Führungsschicht und ihrem obersten Repräsentanten, dem König. Noch immer hat Konstantin II. einen Teil der Armee und die Unterstützung des amerikanischen Außenministers hinter sich. Denn Washington will dem NATO-Partner Griechenland wenigstens den Anschein parlamentarischer Demokratie wiedergeben.

Die Amerikaner wissen, daß die Putschisten niemals ihr Versprechen einlösen können, freie Wahlen vorzubereiten, ohne gleichzeitig ihr Todesurteil zu unterschreiben. Sie glauben auch – und der amerikanische Botschafter in Athen scheut sich nicht, es im Freundeskreis zu sagen –, daß der augenblickliche Terror eine derartige Radikalisierung der Opposition zur Folge haben wird, daß schon in wenigen Monaten eine „gemäßigte“ Lösung der Krise gar nicht mehr möglich sein kann. Deshalb drängen die Amerikaner den König zum Handeln. Sie haben die politische Stimmung selbst durch eine geheime Meinungsumfrage getestet. Und diese Umfrage, so heißt es in Athen, sollte zum Anlaß des Staatsstreiches vom 21. April werden.

Es geschah im März dieses Jahres. Eine Übergangsregierung sollte damals Wahlen für den 28. Mai vorbereiten. Um das Wahlergebnis abschätzen zu können, führte die CIA (der amerikanische Geheimdienst) eine grundsätzliche Meinungsumfrage im ganzen Land durch. Das Ergebnis: Die in Opposition stehende liberale Zentrumsunion und die Linke erhielten bei dieser Umfrage 63 Prozent der Stimmen, Dieses Wahlergebnis hätte das Ende der konservativen Führungsschicht bedeutet, und möglicherweise auch das Ende der Dynastie. Die beiden Pfeiler der amerikanischen Politik waren bedroht.

Also durften diese Wahlen nicht stattfinden. Ein weitverbreitetes Gerücht in Athen will wissen, daß das State Department in Washington dem König zu einem Staatsstreich riet. Prompt habe er sich mit einer Gruppe ihm ergebener Generale umgeben und die Aktion vorbereitet.

Der CIA jedoch, nur selten mit der Politik des Außenministeriums einverstanden, erschien diese Lösung angeblich zu weich. Deshalb habe die CIA dem Oberst Papadopoulos, einem alten Geheimdienstler, zu einem Gegenputsch geraten, der in einem Zuge das alte „Establishment“ und die Opposition matt setzen würde. Was auch meisterhaft geschah.

Der um seinen Privatputsch betrogene König mußte seine Getreuen beschwören, die Ruhe zu wahren und abzuwarten. Sie taten es so lange, bis der König gezwungen war, 1800 Offiziere aus Heer, Polizei und Gendarmerie zu entlassen. Er deckte die putschenden Obersten, indem er sich mit ihnen fotografieren ließ, ihren Kabinettsitzungen vorstand und ihre Notstandsverordnungen unterschrieb. Jetzt verlangen sie immer schmerzlichere Unterschriften. Die letzte entfernte vier royalistische Minister aus der Regierung und beförderte den Obersten Papadopoulos zu einer Art Superpräsidenten, dem eigentlichen Diktator des Landes.

Trotzdem bleibt der königstreue Widerstand in der Armee beträchtlich. Die Putschisten mußten zwischen ihnen ergebene Eliteregimenter in die Nähe Athens verlegen, um vor Überraschungen sicher zu sein. Die Chancen des Königs und der Konservativen steigen, je stärker der Druck der öffentlichen Meinung Europas gegen das Militärregime wird. Ein Sieg der entthronten Konservativen würde vielen westlichen Regierungen genehm sein.

Die Widerstandsbewegung aber will die Rückkehr des alten Regimes verhindern. Sie führt einen Zweifrontenkrieg: gegen die Militärdiktatur und gegen den König. Bis jetzt sind die Geschicke Griechenlands meist ohne Zustimmung des Volkes und oft gegen seinen Willen gesteuert worden. Wenn der heutige Machtkampf wiederum von „oben“ entschieden werden sollte, dürften blutige Zeiten bevorstehen.

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