Die zerstörerische Wirkung der westlichen Fortschrittsideologie – sowohl wirtschaftlich wie kulturell – auf die Gesellschaften der sogenannten Entwicklungsländer, das war mein Thema. Die Industrienationen des Nordens, oder besser des Westens, hatten entschieden, daß der Großteil der übrigen Welt „unterentwickelt“ sei. Sie mußten also entwickelt werden. Nach welchem Muster? Nach dem westlichen selbstverständlich. Das ist keineswegs neu. Die Europäer haben sich schon immer für die Krone der Schöpfung gehalten, vorbildlich für den Rest der Welt. In einem Film über Togo versuchte ich, das deutlich zu machen:
Am Anfang war die Kirche. Aus Wilden machte sie zivilisierte Menschen, aus Heiden Kinder Gottes. Das nannten sie Fortschritt. So sahen es auch die europäischen Eroberer, die Soldaten und Geschäftsleute, denen Missionare überall auf dem Fuße folgten. Vom gleichen Eroberungsgeist getrieben, denn ihre Aufgabe war es ja, alle Menschen der Erde dem einen Gott untertan zu machen. Die materielle Überlegenheit der Europäer war eindeutig. Sie mußten Geheimnisse kennen, die den Afrikanern verborgen geblieben waren. Wahrscheinlich waren ihre Fetische mächtiger: Das Kreuz, der Weihrauch, die Kerzen und Bilder. Wer sich taufen ließ und sie akzeptierte, wurde fast ein Weißer. Jedenfalls wurde ihm der Himmel der Weißen versprochen, und er durfte auch jetzt schon auf der Erde auf seinen heidnischen Bruder herabsehen. Die Kirche vermittelte ihm den Eindruck, ein besserer Mensch zu sein. Kirchgang bedeutete sozialer Aufstieg.
Und dann kam die Schule – von Missionaren eingeführt. Faszinierender noch als die Kirche. Was der Glaube offensichtlich nicht geschafft hatte – den Schwarzen dem weißen Mann ebenbürtig zu machen –, konnte die Schule sicherlich erreichen. Sie schenkte das Wissen des weißen Mannes. Zunächst wurden nur Christen aufgenommen. Ein Grund mehr, sich taufen zu lassen. Die Kirche hatte das Volk getrennt in Christen und Heiden – in gut und schlecht – die Schule verschärfte diese Trennung in Elite und Volk. Was wie Segen aussah, wirkte wie ein Werk des Teufels: Die unabhängigen Staaten haben das Erziehungssystem der Kolonialmächte übernommen. Die verschiedenen Stämme der neuen Staaten sollten mit Hilfe der Schule ein Volk werden. Der gemeinsame Nenner: eine fremde Sprache und die Werte der Fremden. Der junge Staat, dessen Grenzen willkürlich von den Eroberern gezogen wurden, soll zum Vaterland werden.
In der Schule lernen die Kinder eine Sprache, die sie nicht untereinander sprechen – auch nicht zu Hause. Die Kinder müssen in einer Sprache lernen, in einer anderen leben.
Das Ergebnis ist entsprechend düster. Von allen Kindern, die die Volksschule beginnen, erlangen nur 10% das Abschlußzeugnis. Die anderen bleiben auf der Strecke und verlassen die Schule mit dem ungeschriebenen Zeugnis der Unfähigkeit. Denn die importierte Erfolgsmoral sagt: Dem Tüchtigen gehört die Welt. Die Erfolgreichen verlassen ihren Clan, der zum Großteil aus Analphabeten besteht. So erfahren diese, daß die Schule die Kinder nicht darauf vorbereitet, ihrer Gesellschaft besser zu dienen. Sie lädt sie ein, aus ihrer Welt zu fliehen.
Viele Eltern wissen, daß sie ihre Kinder verlieren, wenn diese in der Schule erfolgreich sind. Sie plädieren deshalb für einen anderen Bildungsweg. Die Verbreitung des Wissens innerhalb der Gruppe und durch die Gruppe. Ein dialektischer Prozeß des Wissens und Lernens. Wo der, der am meisten weiß, das meiste gibt. Flüssige Beziehung zwischen Gruppen, Klassen, Personen. Einer lernt vom anderen. Ein endloser Tanz kollektiver Besinnung. So könnten eines Tages die Mauern der Schule fallen, hinter denen die Kaste der Intellektuellen sich verschanzt. Die hohen Priester eines fremden Wissens. So könnte auch vielleicht einmal Fortschritt von und für jene formuliert werden, denen das westliche Modell bisher nur Elend gebracht hat.
Dieser Film, „Die Schule des Teufels“, wurde 1974 ausgestrahlt.
Wie die Menschen in Afrika heute auf die Schule reagieren, berichte ich in dem Film „Ihre Zukunft ist die Vergangenheit“, den ich 1996 im Senegal gedreht habe.
In dem ebenfalls im Jahr 1996 in Brasilien entstandenen Film „Rechtlos im Rechtsstaat“ zeige ich die Folgen der unaufhaltsam fortschreitenden Verarmung:
Verantwortlich dafür ist das von den Industrienationen aufgezwungene Entwicklungsmodell. Diese gaukelten den Ländern des Südens vor, sie bräuchten sich nur zu industrialisieren, um mit dem Norden gleichzuziehen. Dazu aber brauchten die nun als Entwicklungsländer geltenden Staaten eine Menge Geld. Sie machten Schulden, immer mehr Schulden. Um diese zu tilgen, brauchten sie Devisen. Folglich bauten sie zügellos Produkte an, die auf dem Weltmarkt Abnehmer finden. Zuckerrohr, zum Beispiel. Der hellgrüne Teppich überzieht mittlerweile die fruchtbarsten Gebiete des Nordostens. Es gibt immer weniger Platz für den Anbau von Grundnahrungsmitteln. Und auch keinen Platz mehr für die Kleinbauern und Landarbeiter, die hier einmal ihr Leben fristeten.
Landarbeiter lebten in solchen Häusern inmitten der Plantagen. Das Grundstück gehörte zwar dem Besitzer, aber sie hatten das Recht, Gemüse und Bananen anzubauen und Tiere zu halten. Wer zehn Jahre ansässig war, durfte – laut Gesetz – nicht vertrieben werden. Aber was gelten hier schon Gesetze? Wer auf seinem Recht bestand, wurde von der Polizei und den Milizen der Großgrundbesitzer verjagt. In den letzten 20 Jahren wurden 30 Millionen von ihnen vertrieben und hausten fortan in den Elendsvierteln der Großstädte, wo sie keine Chance haben, menschenwürdig zu leben. Ihre Kinder müssen arbeiten, sich prostituieren, betteln und stehlen.
Und das gilt nicht nur für Brasilien. Überall in der „Dritten Welt“ nimmt die Verarmung ständig zu. Einer UNO-Studie zufolge ist der Lebensstandard in 100 Ländern in den letzten 30 Jahren um 20% gesunken. In Afrika ist die Zahl der unterernährten Menschen im gleichen Zeitraum von 103 auf 215 Millionen gestiegen. Trotz Entwicklungshilfe und massivem Einsatz westlicher Experten. Oder besser gesagt: wegen des Entwicklungsmodells, das der Norden dem Süden aufgezwungen hat. Und zwar keineswegs aus Nächstenliebe. Es geht dabei um handfeste Interessen. Aller „Fortschritt“ – die Industrien, die Staudämme, die Industrialisierung der Landwirtschaft und die Modernisierung der Städte – wird fast ausschließlich von Firmen des Nordens eingeführt und zum Teil mit Entwicklungsgeldern bezahlt. So kommt es, daß der Norden zwar 16 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe zahlt, aber etwa 57 Milliarden zurückfließen. Ein Bombengeschäft. Schon 1975 machten wir dieses Ausbeutungsverhältnis am Beispiel Gabuns in dem Film „Verarmungshilfe“ deutlich:
Afrika exportiert keine Sklaven mehr. Heute werden die Bodenschätze abgeholt. „Zum Nutzen aller Beteiligten“, sagen die einen. „Bis zur völligen Verelendung der Förderländer“, behaupten die anderen. Gabun ist ein gutes Beispiel. Reich an einigen wichtigen Rohstoffen. Ehemalige französische Kolonie. Unabhängig seit 15 Jahren.
Bisher war das Holz Reserveschatz Nummer eins. Zwanzig Millionen Hektar Wald schienen unerschöpflich. Heute noch besitzt Gabun das Monopol des Okoumé, einer Baumart, aus der leicht Sperrholz herzustellen ist. Aber in den Waldgebieten, in denen Flüsse den Transport leicht und billig machen, ist der Okoumé bereits selten geworden. Neupflanzungen gibt es nicht. Nach dem letzten Weltkrieg mußte Europa wieder aufgebaut werden. Das Holzgeschäft blühte. Traktoren und Maschinen wurden in Gabun eingeführt. So konnte die Ausbeute verdoppelt, die Hälfte der Arbeiter entlassen werden. Immer mehr Geld floß nach Europa, immer weniger blieb im Land. An der Produktionssteigerung durch Mechanisierung verdienten die ausländischen Unternehmen und Maschinenlieferanten in Europa.
Diese in Frankreich gebauten Schlepper, die einer französischen Gesellschaft gehören, schleppen das von Franzosen abgebaute Holz zu einem französischen Schlepper, der es nach Europa bringt. Ein klassisches Beispiel der Wirtschaftsbeziehungen zwischen einem Entwicklungsland und der früheren Kolonialmacht. Gabunesisch sind nur das Holz und ein paar Arbeiter.
Gabun muß sein Holz ausführen. Bis zur Entdeckung des Erdöls lieferte das Holzgeschäft den Großteil der Staatsgelder. Durch Abholz- und Ausfuhrgebühren, Einkommensteuer und Zollgebühren. Die politische und militärische Bürokratie des Landes lebte vom Holz. Es zahlte die Büros der Minister und Beamten, die Gewehre der Soldaten und den 600er Mercedes für den Präsidenten.
1973 wurde für 200 Millionen Mark Holz ausgeführt. Was blieb davon in Gabun? Ein Bruchteil an Löhnen und Gebühren. Rund 15% dessen, was das Holz wert ist, wenn es den Ausfuhrhafen erreicht hat. Dann geht es nur noch durch ausländische Hände: Banken, Versicherungsgesellschaften, Spediteure, Schlepp-, Lade- und Transportgesellschaften. Der Wert des Holzes steigt um die Dienstleistungen all dieser ausländischen Firmen. Eine Tonne Okoumé kostet im Busch rund 750 Mark. Allein der Transport nach Europa kostet das Doppelte. Wer verdient nun mehr an dem Holz – Gabun oder die Schiffahrtsgesellschaft?
Sobald ein Baum gefällt ist, gehört er nicht mehr Gabun. Er zahlt das ausländische Kapital mit Zinsen zurück, bezahlt die eingeführten Maschinen und finanziert eine Vielzahl ausländischer Firmen. Das gabunesische Holz ist für Europa notwendig – nicht als Rohstoff, sondern weil dieses Holz Profite abwirft, ganze Wirtschaftszweige in Gang hält und Arbeitsplätze schafft.
Die Bauern – im Inneren des Landes – leben außerhalb des Wirtschaftssystems, das von Fremden für fremde Interessen geschaffen wurde. Sie sind auf sich selbst gestellt, erzeugen nur für den Eigenbedarf. Niemand ist reich, aber auch niemand hungert. Die Solidarität der Gruppe garantiert Sicherheit für alle.
In den Städten muß ein Tagelöhner weit mehr Arbeit leisten, und auch das nur, um zu überleben. Losgelöst von seiner Gruppe. Ohne Solidarität und Sicherheit. Ist das Fortschritt, fragen viele Gabuner, Rädchen in einer Wirtschaft zu sein, die Fremde reich macht?
Als dieser Film ausgestrahlt wurde, protestierten die Holzimporteure in Bremen und Hamburg. Der Autor solle doch mal vorbeikommen, ihre Argumente hören und den Film dann, entsprechend verändert, abermals senden. Auch die Handelskammern, wahrscheinlich von den Importeuren unter Druck gesetzt, forderten von Radio Bremen eine „Richtigstellung“.
Wie gesagt, dieser Film lief 1975, als noch alle Welt im Westen davon überzeugt war, mit Steuergeldern zur Entwicklung der „Dritten Welt“ beizutragen. Die Ernüchterung stellte sich erst langsam ein. Heute ist der Chor der Kritiker überall zu hören.
Einen zerstörerischen Faktor der „Entwicklungshilfe“ habe ich in dem Film nicht angesprochen: die Korruption. Aufträge mußten und müssen von den entsprechenden Regierungen genehmigt werden. Um diese zu erhalten, griffen die europäischen Unternehmer tief in die Tasche und schmierten die zuständigen Politiker. Diese Ausgaben konnten sie dann von der Steuer absetzen, als „landesübliche Ausgaben“. Selbstverständlich gaben sie höhere Summen an – denn es gab ja keine Belege – und betrogen nun den Fiskus. Ein Skandal, der dazu geführt hat, daß es heute in den sogenannten Entwicklungsländern keinen einflußreichen Politiker mehr gibt, der nicht käuflich wäre. So hat der Norden nicht nur die Wirtschaft ruiniert, sondern auch der Politik jegliche Glaubwürdigkeit genommen. Sie ist zur Ware verkommen und steht dem Meistbietenden zur Verfügung.
Mobuto hat auf diese Weise 26 Milliarden Dollar gehortet, der Schah von Persien noch etwas mehr, und was Bongo aus Gabun in der Schweiz sein Eigen nennt, konnte ich nicht herausfinden. Ich weiß nur, daß er von allen Investitionen in seinem Land einen Anteil von 10% verlangt.
Mein Film „Verarmungshilfe“ hatte ihn sehr verärgert. Als der Film 1975 in einem Pariser Kino lief, forderte er die französische Regierung auf, dies zu verbieten. Ohne Erfolg. Daraufhin engagierte er ein französisches Fernsehteam, das ähnliche Bilder filmte, die dann von ihm persönlich kommentiert wurden. Ich weiß nicht, ob dieser Film jemals ausgestrahlt wurde.
Ich glaubte, mit solchen Filmen eine wichtige Aufklärungsarbeit zu leisten, und vielleicht sogar Verantwortliche aus Politik und Wirtschaft zum Umdenken zu bewegen. Es hat sehr lange gedauert. Jetzt erst schlägt UNICEF vor, die Entwicklung eines Landes nicht mehr an seiner wirtschaftlichen und militärischen Stärke zu messen, sondern das Wohlergehen der Bevölkerung zum Maß für den Fortschritt eines Landes zu machen. Endlich wird offiziell gefordert, wofür ich seit Jahrzehnten gekämpft hatte. Ich konnte mich zur Ruhe setzen.
Dann aber, bei der Diskussion nach einer Filmvorführung, in der es auch um meine Memoiren ging, meinte ein Zuschauer: „Ich war bei einigen Diskussionen dabei und weiß, warum Sie keine Memoiren schreiben wollen. Sie haben selbstverständlich ein Recht auf Faulheit. Aber denken Sie an Ihr Alter. Wenn Sie den Tag verbringen, indem Sie in Kneipen gehen, Zeitungen lesen, Whisky und Wein trinken, werden Ihre Gehirnzellen bald ebenso faul sein wie Sie. Dann fällt Ihnen auch kein guter Gedanke mehr ein. Also, schreiben Sie, bevor Sie es nicht mehr können.“
Also, los. All die Leute haben ja vielleicht recht, wenn sie immer wieder meinen Lebenslauf ins Gespräch bringen, um mich zum Schreiben zu animieren. Alltäglich ist er ja tatsächlich nicht.