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Die Anfänge

Auch als Luxemburger mußte man sich mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen, umso mehr, als Hitler den Großdeutschen Traum hatte. Auch Luxemburg sollte zum Reich gehören. 1940 wurde es dann tatsächlich annektiert.

  • Charles Gordian Troeller,  Luxemburger.
  • Geboren am 16. März 1917 in Lothringen, Frankreich.
  • Schule in Frankreich, Deutschland, Luxemburg.
  • Erstes politisches Engagement im Spanischen Bürgerkrieg.

Schon vorher entschloß mich, gegen die Nazis zu kämpfen. Das aber war nur in Spanien möglich, wo deutsche und italienische Truppen Franco unterstützten. Mit der Hilfe französischer Kommunisten erreichte ich Figueras und landete dort bei der kommunistischen Partei. Die hatte entschieden, daß ich in der „Internationalen Brigade“ kämpfen sollte, eine von der Partei dominierte Einheit. Ich sagte zu und wollte in die Partei eintreten. Aber dann kamen mir Zweifel, denn inzwischen hatte ich festgestellt, daß das Hauptanliegen der Kommunisten die Schwächung oder Eliminierung der anderen linken Organisationen war. Das Verbot der Trotzkisten hatten sie bereits durchgesetzt, jetzt waren die Anarchisten ihr Hauptgegner. Moskau mischte kräftig mit. Wenn ein Schiff mit Waffen im Hafen von Barcelona lag, wurde dieses erst ausgeladen, nachdem eine Anzahl sowjetischer Forderungen erfüllt war. Diese bezogen sich hauptsächlich auf linke Politiker, deren Auslieferung sie verlangten und meistens auch erreichten. Den Kommunisten ging es nur darum, das Machtmonopol zu erringen, und da waren die anderen linken Parteien ein Hindernis, das bekämpft werden mußte. Als ich das durchschaute, schwor ich mir, nie Kommunist zu werden und diese Partei nicht weniger entschlossen zu bekämpfen wie die Faschisten.

Das nahmen mir besonders linke Intellektuelle in Frankreich sehr übel. Es war schick, den Kapitalismus zu verdammen und die sowjetische Staatsform als Alternative zu preisen. Das war auch 1982 noch so. In dem Film, den ich damals unter dem Titel „Die Herren – Ein Pamphlet gegen die Männerherrschaft“ gedreht hatte, kommentierte ich:

Wo Männerherrschaft sich behaupten will, muß der weibliche Teil der Bevölkerung abqualifiziert, zur „Frau“ erniedrigt werden, der männliche Teil aber zum „Mann“, zum Herrn, erhoben werden. Anders ist die Identifikation der Männer mit der herrschenden Ordnung nicht zu erzielen. „Die Welt gehört den Führenden . . . “, ein Lied der Herren. Es paßt ebenso gut zu Nazideutschland wie zu Sowjetrußland – lassen wir sie ruhig gemeinsam dazu marschieren.

Was unterscheidet den Nationalsozialismus eigentlich vom historischen Kommunismus?  In Bezug auf Herrschaftsanspruch und Ordnungsprinzip – nichts. Ob man von Vorsehung spricht oder von Materialismus, von Rasse oder von Klass –  solange Gesellschaftssysteme auf der patriarchalischen Ordnung beruhen, ist die Frau das Opfer und der Mann nur Werkzeug. In Bezug auf Revolutionen sagte der junge Marx recht treffend: „Wenn sich die menschlichen Beziehungen nicht ändern, dann fängt die gleiche Scheiße von vorne an.“

Mittlerweile haben die Nationalstaaten an Macht verloren. Regierungen können über die

Zukunft ihrer Völker nicht mehr entscheiden. Das System ist zu groß geworden. Sein Motor, das Recht des Stärkeren, jenes unerbittliche Prinzip der Männerherrschaft, ist außer Kontrolle geraten. Weltweit diktieren Gesetzmäßigkeiten – und nicht mehr Menschen – den Ablauf der Geschichte. Die Vaterfigur ist etappenweise entmenschlicht worden: Vom Landesvater über den Staat bis hin zu jener abstrakten Gewalt, die engmaschig die Welt umspannt und unser aller Leben beherrscht. Wie eine neue Art Gottvater im Himmel – unsichtbar und doch allgegenwärtig. Kündigt die Entmenschlichung der Vaterfigur das Ende des Patriarchats an? Eher seinen totalen Sieg und damit vielleicht das Ende der Menschheit. Wo das Recht des Stärkeren herrscht, kann es keinen Frieden geben.

Wer damals die Sowjetunion an den Pranger stellte, galt als Agent des Kapitalismus. Die

Kommunisten unter meinen Bekannten kündigten mir die Freundschaft. Heute wettern ausgerechnet sie gegen die ehemalige DDR, dieses „Unrechtssystem“, und jubilieren, wenn Menschen, die dort nichts anderes taten, als den geltenden Gesetzen zu gehorchen, im vereinten Deutschland als Kriminelle verurteilt werden.

Aber zurück nach Spanien.

Ich verließ Figueras und ging nach Barcelona, wo die Anarchisten mich aufnahmen. Sie waren damals die stärkste politische Organisation. Erstaunt war ich immer wieder, daß viele von ihnen sich als gläubige Christen bezeichneten, obwohl sie immer wieder Kirchen in die Luft sprengten und Klöster verwüsteten. Die Erklärung: „Wir sind die wahren Christen, für uns gilt die Bergpredigt, aber die wurde von der offiziellen Kirche verraten. Sie hat sich den Reichen und Mächtigen verschrieben, fordert die Gläubigen zum Gehorsam auf und kümmert sich nicht um die Armen und Entrechteten. Das aber tun wir, wie Christus es gefordert hat. Diese Kirche muß bestraft werden.“

Eines Abends saß mir ein Blinder gegenüber, einer der klugen Köpfe der Bewegung. Ich brachte das Gespräch wieder auf die Kirche und den Glauben. Worauf er meinte: „Wir sehen keinen Unterschied zwischen dem real existierenden Kommunismus und der katholischen Kirche. Die Machtstrukturen sind die gleichen: Eine streng organisierte Hierarchie, sowohl in Moskau als auch in Rom. An der Spitze zwei Herrscher mit dem Anspruch auf bedingungslosen Gehorsam. Stalin in Moskau, der Papst in Rom. Letzterer sogar mit dem Anspruch, Gottes Vertreter auf Erden zu sein. In der Sowjetrepublik werden Gegner kaltblütig umgebracht oder in Lager gesteckt. Millionen sollen es bisher gewesen sein. Die Kirche ist nicht mehr so brutal, aber in Spanien erinnert man sich immer noch an die Inquisition, die hier besonders gewütet hat. Und an die Bekehrung der Völker Lateinamerikas, an der spanische Missionare und Soldaten maßgeblich beteiligt waren. Viele, die sich nicht bekehren ließen, wurden einfach umgebracht. Ja, man führte sogar gefesselte Ureinwohner als Hundefutter mit sich. Und all das im Namen Christi, des Verkünders der Bergpredigt. Nein, für uns gibt es kaum einen Unterschied zwischen der kommunistischen Partei und der katholischen Kirche.“

So wurde ich langsam zum Anarchismus bekehrt.

Die Verwirklichung einer herrschaftslosen Gesellschaft, also ohne Regierung und basisdemokratisch organisiert, lehne ich jedoch mittlerweile ab. Die Welt hat sich so gewaltig verändert, daß eine gewisse politische Kontrolle notwendig ist. Die Macht der internationalen Konzerne wird immer gewaltiger. Wenn es keine Volksvertreter mehr gibt, keine Regierungen, die sich diesem Trend widersetzen, geht diese Welt zugrunde. Ich plädiere für eine verstärkte Intervention der Regierungen.

Der Markt und die Wirtschaft dürfen unser Leben nicht bestimmen. Aber das ist wohl kaum noch aufzuhalten. Die Sitten, die unsere Geschäftsleute in der „Dritten Welt“ eingeführt haben, zerstören auch in den Industrienationen immer mehr das, was man Zivilgesellschaft nennt.

Politik ist käuflich geworden. Bestechung schon Routine. Es vergeht kaum ein Tag, ohne daß korrupte Politiker und Unternehmer ihren Hut nehmen müssen. Sei es hier in Deutschland, in Belgien, in Frankreich, in Italien oder sonstwo auf diesem Kontinent, dessen Einigung wegen Interessenkonflikten nicht zustande kommt. Selbst die EU-Kommission mußte zurücktreten, weil Vetternwirtschaft und Vorteilnahme um sich gegriffen hatten.

„Dritte-Welt“-Verhältnisse machen sich breit. Nicht nur im Geschäftsgebaren, sondern in der gesamten Gesellschaft. Die Schere zwischen Reichen und Armen klafft immer weiter

auseinander. Die einen werden immer reicher, die anderen immer ärmer. Friedliche oder feindliche Fusionen von Mammutunternehmen führen zu Rationalisierung, und das bedeutet Verlust von Arbeitsplätzen. Wie soll das gut gehen?

Die Globalisierung läßt grüßen. Die Maßnahmen der Politiker, sich diesem Wahnsinn anzupassen, nennen sie „Modernisierung“. Ein positiv besetzter Begriff. Besser hieße es

„programmierte Verarmung“.

Aber zurück nach Spanien.

Ich habe dort an keinem Kampf teilgenommen, denn ich war erst Anfang 1938 angekommen. Als Madrid gefallen war, machten wir – einige anarchistische Freunde und ich – uns auf den Weg nach Frankreich. An der Grenze verhaftete man uns. Die spanischen Freunde wurden in Lager gebracht. Ich, als Luxemburger, konnte frei nach Hause fahren.

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