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Ein Geheimdienst entsteht

Wo Luxemburger keine diplomatische Vertretung haben, sind die Holländer für uns verantwortlich. Man brachte uns also in ein holländisches Auffanglager. Das lag in der Nähe Lissabons am Meer, in Praia das Maçãs. Als ich dort eines Nachts spazieren ging, sah ich Lichter und reges Treiben am Strand. Ich traute mich nicht hin, stellte aber am nächsten Tag anhand der Spuren im Sand fest, daß dort schweres Material verladen worden war. Auch Behälter mit flüssiger Luft. Vierzehn Tage später dasselbe.

Mir dämmerte, daß dort deutsche Unterseebote versorgt wurden.

Ich ging zum holländischen Militärattaché und teilte ihm meine Vermutung mit. Der sagte:

„Mensch Troeller, das ist ja gewaltig! Bauen sie doch einen kleinen Geheimdienst auf und berichten sie mir weiter davon.“ In der Gegend wohnten viele Ausländer, auch einige deutsche Diplomaten. Als ersten Agenten rekrutierte ich den Schaffner der Trambahn, die von Sintra nach Praia das Maçãs fuhr. Er sollte über die Ausländer berichten, die regelmäßig an den Strand fuhren. Den zweiten rekrutierte ich bei der Post in Sintra, um alle Briefe zu bekommen, die an Deutsche in der Region adressiert waren. So erfuhr ich, daß tatsächlich deutsche Unterseeboote ganz in der Nähe versorgt wurden. Der holländische Militärattaché unterrichtete die englische Botschaft, und britische Kriegsschiffe konnten dem Treiben ein Ende bereiten.

Daraufhin meinte der holländische Militärattaché: „Troeller, bauen Sie doch einen größeren Geheimdienst auf.“ Ich zog nach Lissabon und innerhalb eines Jahres hatte ich 49 Agenten. Die waren in die  deutsche Botschaft eingeschleust, bei der Polizei, im Auswärtigen Amt, bei der Einheitspartei usw. …

Eines Tages erlaubten wir uns einen Riesenspaß. Wir hatten erfahren, daß die deutschen

Geheimdienstler aus Portugal, Spanien und Frankreich sich unter dem Vorsitz ihrer Berliner Chefs in Lissabon versammeln würden. Wir kannten natürlich die Wagennummern aller zur Botschaft gehörigen Autos. Einer meiner Mitarbeiter hatte eine glänzende Idee. Er rief 20 unserer Agenten zusammen und verteilte an jeden von ihnen ein Pfund Kartoffeln, mit dem Auftrag, je eine in den Auspuff der deutschen Wagen zu stecken. Die konnten dann nicht mehr starten, und es dauerte oft Stunden, bis sie die Ursache der Panne entdeckt hatten. So sabotierten wir eine wichtige Begegnung der deutschen Geheimdienstchefs.

Auch in den Bordellen waren wir massiv vertreten. Aus gutem Grund: Die Zahl der Schiffe, die  aus dem Hafen von Lissabon ausliefen und torpediert wurden, nahm ständig zu. Ich fragte mich, wie können die Deutschen so genau informiert sein? Die Erklärung lag auf der Hand. Ein, zwei Tage vor der Abfahrt gingen die Matrosen ins Bordell und weinten sich aus: „Morgen geht’s los, ich weiß nicht, ob wir uns wiedersehen.“

Wir recherchierten in den Bordellen, und die Vermutung bestätigte sich. Viele Mädchen wurden von den Deutschen bezahlt. Wir boten mehr, und fortan gaben die meisten falsche Informationen weiter. Die Zahl der torpedierten Schiffe sank beträchtlich.

Aber das waren eigentlich Peanuts im Vergleich zu einer anderen Aufgabe, die ich bewältigen mußte: politisch und rassisch Verfolgte aus den besetzten Gebieten Europas nach Portugal zu bringen. Anlaß war die Situation der jungen Luxemburger, die aus eigener Kraft versucht hatten, über Portugal zu den Alliierten zu gelangen. In Spanien wurden sie verhaftet und in ein Lager gesteckt. Und dort holten die Deutschen sie ab, um sie hinzurichten. Luxemburg war zwischenzeitlich annektiert worden, und jeder wehrpflichtige Luxemburger, der sich nicht stellte, galt als Deserteur und wurde als solcher verurteilt.

Mit Hilfe spanischer Antifaschisten, die in Portugal im Exil lebten, gelang es uns, eine

Fluchtlinie aufzubauen und luxemburgische Gefangene nach Portugal zu bringen. Dazu gehörte selbstverständlich die Bestechung der Lagerverwaltung und der Zöllner an der spanisch-portugiesischen Grenze. Für fünf Kilometer unbewachter Grenze bezahlten wir nicht mehr als 500 Mark pro Nacht. Die Verantwortlichen waren halt arme Leute.

Später bauten wir diese Fluchtlinie bis nach Belgien aus. Unsere Helfer waren französische Widerstandskämpfer und vor allem Klöster und Kirchenleute, die sich von der Präsenz und dem arroganten Verhalten der deutschen Besatzer gedemütigt fühlten. Dank dieser Mitarbeit gelang es uns, eine ganze Menge politisch und rassisch Verfolgter in Sicherheit zu bringen. Durch Frankreich brachten wir sie verhältnismäßig leicht. In Spanien hingegen gab es Probleme. Hauptgrund war, daß diese Leute kein Spanisch sprachen. Wir mußten also sichere Unterkünfte finden. Wieder wandten wir uns an Bordelle und Klöster und hatten beträchtlichen Erfolg.

Schließlich besorgte ein spanischer Mitarbeiter – ich weiß nicht mehr wie – einen Wagen, in dem die spanische Polizei ihre Gefangenen transportierte. Von nun an gab es keine Probleme mehr.

Die Briten in Lissabon hatten Wind davon bekommen, daß unsere Fluchtlinie gut funktionierte. Die Flüchtlinge, die anschließend nach England wollten, hatten ihnen berichtet, wie sie nach Portugal gekommen waren. Also baten mich die Engländer, zwei ihrer Schützlinge nach Portugal zu bringen: König Carol II aus Rumänien und seine Geliebte, die Lupesku. Es war mir ein Vergnügen. Ich ließ sie nicht im bequemen Gefängniswagen durch Spanien fahren, sondern im Kofferraum eines Autos. Ich weiß, ein billiges Vergnügen, aber ich hab nun mal was gegen Könige und ihr präpotentes Gehabe.

Die vier Jahre Portugal gehörten zu den aufregendsten und gleichzeitig amüsantesten meines Lebens. Ich kam immer wieder ins Gefängnis – wie viele andere Flüchtlinge auch, die man so zur Ausreise bewegen wollte.

Da steckte mir einer meiner Informanten bei der Polizei, ich solle doch einfach durch meinen Lebensstil vorgeben, der Sohn einer sehr reichen Familie zu sein. Reiche Leute würde man gerne im Land behalten. Darüber informierte ich meine alliierten Geldgeber. Und sie willigten ein.

Sie finanzierten eine vom renommiertesten Architekten Lissabons eingerichtete Wohnung und stellten das Geld zur Verfügung, um eine Köchin, eine Kammerzofe und zwei Chauffeure zu bezahlen. Morgens ging ich ausreiten und abends ins Kasino, wo ich mit Geld um mich warf. Ich mußte ja beweisen, der Sohn reicher Eltern zu sein.

Daß einem 24jährigen ein solches Leben unheimlichen Spaß machte, braucht wohl nicht betont zu werden. Umso mehr, als ich auch als Geheimdienstchef immer wieder Erfolge zu verbuchen hatte, die selbst die Amerikaner beeindruckten. Das führte dazu, daß der Chef des amerikanischen Geheimdienstes in Lissabon einmal in der Woche zu mir nach Hause kam, um die Lage zu erörtern. Der Grund: Ich sollte um Gottes Willen nicht in die Botschaft gehen, denn die Deutschen fotografierten alle Besucher. Als nach Kriegsende die deutsche Botschaft gefilzt wurde, fand man dort ein Paßbild von mir, mit der Bemerkung: „Arbeitet vielleicht für die Belgier.“ Ich hatte also vier Jahre lang gut gearbeitet.

Hin und wieder hatte es Schwierigkeiten gegeben. Aus einem mir unbekannten Grund, stellten die Holländer plötzlich ihre Zahlungen ein. In London hatten neue Männer wichtige Stellen in der holländischen Exilregierung eingenommen. Ohne Geld war ich verloren. Was tun? Ich verkleidete zehn meiner Agenten als Bettler und stellte sie vor der holländischen Botschaft auf. Wenn sie gefragt wurden, was sie wollten, sagten sie: „Das Geld, das Ihr uns schuldet.“ Man rief mich an und fragte, was das solle. Ich sagte: „Sie fordern nur ihr Recht. Sie haben jahrelang für Euch gearbeitet, ihre Sicherheit aufs Spiel gesetzt, und jetzt behandelt Ihr sie wie Aussätzige. Gebt jedem von ihnen 20 Dollar, und sie werden abziehen.“

So geschah es. Aber damit war der Konflikt mit der holländischen Exilregierung keineswegs bereinigt. Ich mußte dort einen mächtigen Feind haben.

Dann rief mich der Militärattaché an und zitierte mich in sein Haus nach Cascais. Damals konnte man niemandem trauen. Ich postierte deshalb zwei meiner besten Männer in der Nähe des Hauses und beauftragte sie, mich herauszuholen, falls ich in einer Stunde nicht erscheinen würde.

Das Gespräch war ein Versöhnungsgespräch. Der Militärattaché teilte mir mit, daß ich so

weitermachen könne wie bisher, denn es hätte sich herausgestellt, daß in London deutsche Agenten Einfluß auf die Exilregierung gewonnen hätten, wir tranken darauf und redeten über Gott und die Welt. Ich war glücklich und hatte meine Bewacher dabei völlig vergessen. Plötzlich flog Fernando, der beste meiner Agenten, durchs Fenster, richtete eine Pistole auf meinen Gesprächspartner und forderte meine Freilassung. Der Militärattaché war zunächst erschrocken, dann aber meinte er: „Das ist der beste Beweis, daß Ihre Organisation gut funktioniert.“

In Lissabon hatte ich auch Kontakt zu spanischen Anarchisten und ihren portugiesischen

Freunden. Sie meinten eines Tages, morgen würde ich staunen, denn Salazar, der portugiesische Diktator, würde am Mittag in die Luft fliegen. Alles sei vorbereitet, und nichts könne schief gehen. Sie hatten es tatsächlich geschafft, Sprengstoff in einem Gully anzubringen, über dem Salazars Auto immer parkte, wenn er in die Stadt kam. Dort stieg er wie gewöhnlich ein. Als er im Auto saß, zündeten sie das Dynamit. Aber nicht das Auto flog in die Luft, sondern etwa 100 Gullydeckel im Umkreis von einigen Kilometern. Es hätte genügt, ein Stück Papier unter den Sprengstoff zu legen, um die Explosion nach oben zu steuern, so aber hatte das Auto dafür gesorgt, daß sie von der Kanalisation geschluckt wurde. Es ist eben nicht einfach, Diktatoren umzubringen.

Der Krieg näherte sich 1944 seinem Ende. Es hatte keinen Sinn mehr, in Portugal zu bleiben. Aber ohne eine spektakuläre Aktion wollte ich das Land nicht verlassen. Wenn man so jung so viel Erfolg gehabt hat, dreht man wahrscheinlich ein wenig durch. Jedenfalls entschloß ich mich in der Osterzeit, die Büros der faschistischen Einheitspartei anzugreifen und alle ihre Akten herauszuholen. Ich versammelte acht meiner besten Leute, und gut bewaffnet griffen wir an. Ein Kinderspiel. Als die Wachen unsere Waffen sahen, legten sie ihre sofort beiseite. Wir packten die Dokumente in ein riesiges Osterei und legten es in den Garten der amerikanischen Botschaft. Mit einem herzlichen Gruß von „Astro“. Das war damals mein Deckname.

Die Amerikaner reagierten überraschend schnell. Meine acht Begleiter brachten sie in Marokko in Sicherheit, und mich und meine Frau fuhren sie in einem Auto der Botschaft nach Madrid. Was aus meiner Luxuswohnung, den Kleidern, Möbeln und Gemälden geworden ist, konnte ich bis heute nicht in Erfahrung bringen. Es gibt überall schwarze Schafe – auch bei den Alliierten.

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