Es hatte während des Krieges in Portugal begonnen. Als ich dort im Gefängnis saß, teilte ich eine Zelle mit einem deutschen Grafen, einem Herrn Treuberg. Er war reich, erhielt sein Essen vom besten Restaurant der Stadt und teilte es großzügig mit mir. Ihm begegnete ich zufällig wieder, Jahre später. In einer Kneipe in Rom. Wir tauschten Erinnerungen aus, und zum Schluß sagte er: „Ich habe eine Bitte, die du mir nicht ausschlagen darfst. Ich muß verreisen, aber übermorgen kommt eine Freundin aus Berlin. Du musst ihr Rom zeigen.“ Ich sagte zu und war begeistert von Wicki von Schaak. Wir wurden enge Freunde.
Monate später rief Wicki an und sagte: „Ich heirate nächste Woche in Berlin. Du mußt unbedingt dabei sein.“ Ich flog hin, und wer war der Auserwählte? Peter Boenisch, der spätere Chefredakteur der „Bild“- Zeitung und Regierungssprecher unter Helmut Kohl. Er war gerade Chefredakteur der „Revue“ geworden und hatte sich auf Wickis Wunsch einen Bildband besorgt, den wir kurz zuvor in Berlin veröffentlicht hatten, „Persien ohne Maske“. Das war 1959.
Boenisch meinte: „Wir Deutsche haben wenig Auslandserfahrung, Du aber bist überall rumgekommen, willst Du nicht Chef unserer Auslandsabteilung werden?“
Wir schrieben gerade ein Buch über Syrien und dachten, auch in Deutschland könne man es beenden. Also, auf nach München!
Ich hatte vertraglich festgelegt, daß ich nicht ständig im Büro sitzen müsse, sondern mir als freier Mitarbeiter die Zeiten, den Anforderungen entsprechend, selbst aussuchen könnte. Denn was ich am ersten Tag im Büro erlebte, hatte mich entsetzt. Wenn Helmut Kindler, der Besitzer der „Revue“, auftauchte, standen alle Redakteure auf und warteten stramm, bis er befahl: „Setzen“. Es hätte noch gefehlt, daß sie die Bleistifte präsentierten. Das war Deutschland damals.
Dann, eines Nachts um 4 Uhr, holte man mich zu einer Redaktionskonferenz aus dem Bett. Die gesamte Redaktion war versammelt, und Kindler sagte: „Wir haben einen Fehler gemacht. Auf der Titelseite der vorletzten Ausgabe ist das Bild der griechischen Königin, Friederike Prinzessin von Hannover, von unseren Graphikern unvorteilhaft manipuliert worden. Der König protestiert und droht mit gerichtlichen Schritten. Was sollen wir tun?“ Ich fragte: „Was ist Ihnen das wert?“ Er reagierte empört: „Sie wollen doch nicht etwa eine deutsche Königin kaufen?“ Ich wiederholte meine Frage. „Zweihunderttausend“, meinte er.
Ich fuhr nach Griechenland und regelte die Geschichte für 40.000 Mark. Ich hatte die Königin nicht etwa bestochen, sondern mea culpa gemacht und das Geld dem Roten Kreuz gespendet. Die Sache war aus der Welt. Als ich zurückkam, ernannte mich Kindler umgehend zum stellvertretenden Chefredakteur. Ein Traumjob. Jetzt konnte ich mich selbst schicken, wohin ich wollte. Nach Thailand, in den persischen Golf, mit De Gaulle durch Afrika, zu Albert Schweizer usw..
Von diesen Reisen möchte ich zwei Anekdoten erzählen:
Im Norden Thailands, in Chiang-Mai, begegneten wir einem deutschen Maler. Er mußte Deutschland während der Nazizeit verlassen, weil er als entarteter Künstler galt. Er hatte es bis Bali geschafft und erzählte uns von der großartigen Zeit, die er dort verbracht hatte. Das machte uns neugierig, und wir fragten: „Wie kommen wir dahin? Wo können wir da wohnen? Können Sie uns an Ihre dortigen Freunde empfehlen?“ Er nannte uns den Namen eines einflußreichen Mannes, der eine Manie hatte: Er wollte alle Statuen seines Palastes vergolden. Dazu brauchte er eine Menge Blattgold. „Wenn Sie ihm das mitbringen, werden Sie königlich behandelt werden.“
Wir gingen also nach Bali und nahmen Blattgold mit. Gleich erhielten wir ein Zimmer in dem Palast, der eher aussah wie ein Tempel. Unser Gastgeber stellte uns ein Auto mit einem Chauffeur zur Verfügung, der uns auch als Dolmetscher diente. Die Mahlzeiten waren üppig.
Wir waren noch nie so herrschaftlich aufgenommen worden.
Damals gab es noch keine Touristen auf Bali. Auf der ganzen Insel lebten nur vier Europäer. Zwei hatten balinesische Frauen geheiratet. Die beiden anderen waren Maler.
Wir kamen in Dörfer, wo man noch nie einen Fremden gesehen hatte, und wurden wie Außerirdische bestaunt. Unser Dolmetscher erklärte den Leuten, daß wir Europäer seien und uns für die Kunstschätze der Insel interessierten.
Es gelang ihm sogar, die Erlaubnis zu erhalten, daß wir bei den abendlichen Theateraufführungen der Dorfbewohner dabei sein konnten. Da traten junge Männer und Frauen auf, sangen und tanzten ein wenig, um anschließend regelrecht Theater zu spielen. Der Dolmetscher klärte uns auf: „Das ist kein Theater. So wird einmal die Woche gezeigt, was im Dorf geschehen ist. So werden Konflikte geklärt, Spannungen abgebaut.“ Ein Psychodrama also. Inzwischen sind diese Vorführungen zur Touristenattraktion verkommen.
In Bali glaubte man damals – ich weiß nicht, ob es heute auch noch so ist – an weiße und
schwarze Magie. Ohne sie lief nichts. Bei Partnerwahl, Geburten, Todesfällen sollte sie entscheidend beteiligt sein.
Als ich mit unserem Gastgeber darüber sprach, sagte er: „Selbstverständlich entscheidet die Magie in unserem Leben fast alles. Wollen Sie ein Beispiel? Indonesien ist ein islamisches Land, wir aber sind unserem Glauben treu geblieben. Das haben wir unseren magischen Kräften zu verdanken. Als die Indonesier zu uns kamen, um uns zu bekehren, sagten sie: Ihr müsst beschnitten werden. Als sie dann ihre Scheren ansetzten, brachen diese auseinander. Sie konnten es noch so oft versuchen, es klappte nicht. Nur deshalb wurden wir keine Muslime.“
Er erzählte noch ein anderes Beispiel: Ein einflußreicher Mann hatte sich in die Frau des englischen Konsuls verliebt. Er beauftragte eine bekannte Magierin, sie zu ihm zu führen. Diese verlangte, er möge ihr ein Haar der Frau besorgen, das würde sie dann besprechen. Das Haar besorgte sich der Verliebte von einem Diener der Engländer und gab es der Magierin. Diese versprach: „Heute nacht um 12 Uhr wird sie bei dir sein.“ Der Mann wartete. Zunächst vergebens. Aber dann, so gegen 1 Uhr, krachte das Fenster seines Schlafzimmers, und ein Baum stand im Zimmer. Was war geschehen? Der Diener des englischen Konsuls hatte Böses vermutet und eine Faser aus einem Baum gelöst, die wie ein blondes Haar aussah. Die Verspätung des Baumes war leicht zu erklären: Er hatte Zeit gebraucht, um seine Wurzeln aus der Erde zu ziehen.
Nach 14 Tagen fragten wir uns, ob wir genügend Geld hätten, um das Auto und die großzügige Verpflegung zu bezahlen. Wir kündigten unsere Abreise an. Unser Gastgeber meinte: „Aber vorher müssen wir noch einmal gemeinsam richtig tafeln.“
Am nächsten Tag saßen wir mit ihm an einem prachtvoll gedeckten Tisch. Im Hof bereiteten seine vier Frauen das Essen zu. Sie waren vorher auf die Felder gegangen, denn alles, was Gästen vorgesetzt wird, muß frisch sein. Ich glaube, ich habe noch nie so gut gegessen.
Als wir am nächsten Tag mit gepackten Koffern um die Rechnung baten, sagte er: „Ihr seid 14 Tage hier gewesen. Das macht 28 Dollar, einen Dollar pro Tag für jeden von Euch.“ Vielleicht wollte er sich so für die Goldblätter bedanken, die wir mitgebracht hatten. Für diesen Preis wären wir gerne noch einen Monat geblieben, aber man hat ja auch seinen Stolz.
Kurz nach unserer Abreise bauten die Israelis einen Flughafen auf Bali. Jetzt konnten die neuen Eroberer kommen: die Touristen. Ein Paradies wurde zum Rummelplatz und die einheimische Kultur zur Folklore.
Eines Tages meinte Kindler: „Troeller, ich möchte Sie um einen großen Gefallen bitten.
Einer meiner Lieblingsschriftsteller hat ein Buch über den belgischen Kongo geschrieben, aber er weiß nicht mehr, ob die Straßennamen noch stimmen, doch das scheint sehr wichtig zu sein. Sie sprechen französisch und kennen sich in Afrika aus.“
Ich tat ihm den Gefallen, denn im Kongo war damals politisch viel los.
In Leopoldville, so hieß damals Kinshasa noch, versuchte ich natürlich Kontakt zu den Freiheitskämpfern aufzunehmen. Über das Hotelpersonal war das recht einfach. Aber damals durften Europäer das Viertel der Weißen nicht verlassen. Auch das Problem wurde vom Hotelpersonal gelöst. Sie brachten mich, verkleidet, in eine Kneipe, in der Revolutionäre ihre Pläne schmiedeten. Ich erzählte ihnen von meinen Erfahrungen mit Freiheitsbewegungen, und wir trafen uns jeden Abend. Am letzten Tag meinten sie: „Du bist der erste Europäer, der sich um uns kümmert, heute Abend werden wir uns bedanken.“ Ich wartete auf ein Geschenk. Aber sie meinten, das sitze bereits im Auto. Ich stieg also ein, und neben mir saß eine zauberhaft aussehende Frau. Was ich erst jetzt merkte: Die Revolutionäre hatten mir Johimbim, ein starkes Aphrodisiakum, in den Kaffee geschüttet, und das zeigte jetzt seine Wirkung. Es dauerte nur wenige Minuten, und wir lagen uns in den Armen. Der Chauffeur lachte sich fast tot. Er raste mit hoher Geschwindigkeit in die Kurven, denn er glaubte, uns so das Vergnügen noch genüßlicher zu machen. So wurde mir von den Freiheitskämpfern für meine Anteilnahme gedankt. Ein etwas ausgefallenes, aber zauberhaftes Geschenk.