Das war Anfang 1939. Mittlerweile hatten die Deutschen das Rheinland besetzt, Österreich annektiert und gewaltig aufgerüstet. Der Zweite Weltkrieg war vorprogrammiert.
Als die deutschen Truppen dann im Mai 1940 in Luxemburg einmarschierten, klingelte meine Freundin Ruth, eine Jüdin, die mit ihren Eltern bereits aus Deutschland geflohen war, morgens um 4 Uhr an meiner Tür und sagte: „Die Deutschen kommen, ich muß weg.“ Das wollte ich natürlich auch.
Meine Mutter kam dazu und meinte: „Kinder, seid nicht so laut, sonst wacht der Vater auf. Er wird versuchen, Euch aufzuhalten, und Ihr kommt nicht mehr rechtzeitig weg.“ Sie schmierte uns ein paar Butterbrote und wünschte uns gutes Gelingen. Da schickt ihr Sohn sich an, in den Krieg zu gehen, und sie versucht nicht einmal, ihn zurückzuhalten!
Meiner Mutter habe ich viel zu verdanken. Sie gab mir das Geld, um nach Spanien zu gelangen. Sie hat selbst problematische Entscheidungen immer verständnisvoll begleitet. Sie war einfach wundervoll. Bevor sie mit 90 Jahren starb, bat sie mich bei meinem letzten Besuch, eine Flasche Champagner mit ihr zu trinken und sagte, ich hätte ihr immer viel Freude bereitet. Was kann man sich als Sohn Schöneres wünschen?
Am 10. Mai 1940 nahm ich also mein Fahrrad, meine Freundin setzte sich vorne auf die Stange und wir fuhren Richtung Frankreich. An der Grenze wurde Ruth sofort verhaftet, denn sie hatte ja einen deutschen Paß.
Ich kam in eine Gegend, in der luxemburgische Flüchtlinge untergebracht wurden, und wohnte im Haus des Schmieds. Der beäugte mich voller Mißtrauen. Ich war blond, hatte blaue Augen und las ein deutsches Buch. Da nahm er mich nach einigen Tagen bei der Hand, schleppte mich zu einer Laterne und erklärte den Dorfbewohnern, ich sei ein deutscher Spion und müsse aufgehängt werden. Den Strick hatte er schon dabei. Die Lehrerin der einklassigen Dorfschule mischte sich ein und rettete mir durch ihren Prostest das Leben. Als dann die deutschen Truppen nur wenige Kilometer vor dem Dorf standen, rief der Schmied einige seiner Freunde zusammen. Die fesselten mich und wollten mich den Deutschen ausliefern. Wieder rettete mich die Lehrerin. Sie war offensichtlich die höchste Autorität des etwa 600 Einwohner zählenden Ortes.
Ich machte mich auf den Weg gen Süden. Unterwegs gelang es mir, Kontakte zur französischen Résistance aufzunehmen, eine sich zur Zeit gerade formierenden Gruppe von Widerstandskämpfern. Sie hießen mich willkommen. Ich lebte einige Zeit mit ihnen in den Bergen, ohne jemals Kontakt zu den deutschen Einheiten gehabt zu haben. Dann erfuhr ich, daß deutsche Jüdinnen in einem Lager in der Nähe von Gurs, ganz im Süden Frankreichs, untergebracht waren. Also machte ich mich auf den Weg, um meine Freundin zu suchen.
Unterwegs lernte ich mehrere Offiziere der französischen Armee kennen, die alle auf der Flucht vor der Wehrmacht waren. An einem Lagerfeuer erzählte ich ihnen, daß ich meine Freundin befreien wollte. „Kein Problem“, meinten sie, „Wir geben Dir eine Uniform und ein Papier der Armee, das bescheinigt, daß Du sie in ein anderes Lager bringen sollst.“ So ausgestattet präsentierte ich mich bei der Lagerleitung in Gurs. Es dauerte eine Weile, bis sie Ruth gefunden hatten. Wir umarmten uns. Dann aber meinte sie, daß sie sich dort eigentlich sehr wohl fühle. Die Lagerleitung hatte ihr einen verantwortungsvollen Posten übertragen. Sie hatte schon immer einen Hang zur Wichtigtuerei – was schließlich auch später zu unserer Trennung führte. In Gurs wäre das tödlich ausgegangen. Mit diesem Argument konnte ich sie jedoch überzeugen, das Lager zu verlassen.
Wir fuhren nach Marseille, und dort heirateten wir. Jetzt war auch Ruth Luxemburgerin. Uns stand also nichts mehr im Weg, um uns nach Portugal durchzuschlagen. Von dort wollten wir zu den Alliierten nach England gelangen. Zunächst aber brauchten wir ein Visum, mit dem wir dann die Transitvisa für Spanien und Portugal bekommen konnten. Wir gingen zur chinesischen Botschaft. Da schüttelte man den Kopf. „Wir sind immer noch mit Luxemburg im Krieg“, hieß es. Scheinbar waren auch Luxemburger im Boxerkrieg aktiv gewesen und sang- und klanglos abgezogen.
Schließlich erhielten wir ein Visum für Siam, das heutige Thailand. Es war aber auch nur ein Transitvisum. Damit bekamen wir zwar ein Transitvisum für Portugal, aber die spanische Botschaft lehnte unsere Durchreise ab. Also entschlossen wir uns, heimlich die Grenze zu überqueren, und fuhren in das grenznahe Städtchen Perpignan.
Als ich dort einmal allein in einer Trambahn saß, kamen Polizisten und verlangten die Papiere. Sie nahmen einige Passagiere fest, was mich zur Flucht veranlaßte. Ich rannte durch die Straßen, stürzte in ein Haus, lief die Treppen hoch und öffnete eine Tür. In dem Zimmer stand ein Bett. Darunter verkroch ich mich.
Es dauerte nicht lange, dann kam ein Paar herein. Die beiden zogen sich aus und trieben es lustvoll auf dem Bett. Kaum waren sie gegangen, kam wieder ein Paar. Ich war in einem Bordell gelandet. Diesmal war der Mann wohl doppelt so schwer wie sein Vorgänger. Die Metallunterlage der Matratze drückte schmerzhaft auf mein Gesicht. Ich kroch hervor und erklärte dem verdutzten Paar, daß ich auf der Flucht sei und mich hier versteckt hatte. Sie nahmen es gelassen hin. Jeder in der Region kannte die Situation der Flüchtlinge. Die Frau meinte noch: „Wenn dich unser Spielchen angemacht hat, kannst du ja nachher vorbeikommern.“
Einige Tage später versuchten Ruth und ich, zu Fuß die Grenze zu überqueren. Wir schafften es auch problemlos bis zum ersten spanischen Dorf, aber dort stoppten uns Polizisten und brachten uns zur Grenze zurück. Nicht anders verlief unser zweiter Versuch.
Mittlerweile hatten Bekannte uns die Adresse eines Spaniers gegeben, der vom Schmuggel lebte. Er wohnte in der Nähe der Grenze. Er verlangte nicht viel Geld, um uns behilflich zu sein. Ein netter Kerl. Schließlich schlug er uns vor, einen Teil unseres Geldes in Peseten zu wechseln. „Die braucht Ihr drüben“, meinte er und bot uns sogar einen günstigen Wechselkurs an. Wir kamen unbehelligt über die Grenze und schafften es leicht bis nach Figueras.
Wir waren hungrig und gingen in ein Restaurant. Als wir bezahlten, stutzte der Besitzer und verschwand eiligst im Nebenraum. Wir warteten auf unser Wechselgeld. Stattdessen erschien die Polizei und verhaftete uns. Der Schmuggler hatte uns alte Peseten aus der Zeit der Republik gegeben. Wir mußten die Zeche in französischen Franken begleichen und wurden ins Gefängnis gesteckt. Ein dreckiges Loch.
Nach einigen Tagen kam der Direktor des Gefängnisses, um uns in Augenschein zu nehmen. Ich nahm die Gelegenheit wahr und sagte: „Ihr Spanier seid wirklich keine netten Menschen. Wir sind auf der Hochzeitsreise, und Ihr kerkert uns ein.“ Spontan antwortete er: „Hombre, das hab ich nicht gewußt. Ihr wohnt natürlich jetzt bei mir.“
Für eine solche Haltung habe ich die Spanier lieben gelernt. Man stelle sich die Reaktion eines deutschen oder schweizer Gefängnisdirektors vor.
Wir wohnten 14 Tage bei ihm. Dann wurden wir nach Barcelona ins Gefängnis transferiert und mußten zwei Wochen durchhalten. Ebenfalls inhaftiert war dort ein Priester aus Österreich, der gute Beziehungen zum Beichtvater des Gefängnisses geknüpft hatte. Er kam frei und bestand darauf, uns mitzunehmen. Auch das gelang dem Beichtvater. Wir wurden zu dritt an die portugiesische Grenze gebracht. Dort standen wir auf dem Bahnhof und rätselten, wie wir ohne Geld nach Lissabon kommen könnten. Uns allen dreien hatte man in Barcelona das Geld abgenommen. Da kam ein katholischer Priester des Weges, und unser Pater sprach ihn an. Zehn Minuten später hatte er genügend Geld, um Fahrkarten für uns drei zu bezahlen. Ich begann langsam an meiner Einstellung zur Kirche zu zweifeln. Verdankte ich doch Priestern unsere Befreiung und die Reise nach Lissabon. Unbehelligt kamen wir dort an.