Eines Tages sagte Nannen: „Troeller, recherchieren Sie mir zu Liebe in einem Gebiet, das mir sehr am Herzen liegt. Ich komme gerade aus Sizilien zurück. Die Armut dieser Insel hat mich traumatisiert. Schreiben Sie darüber. Ich habe auch schon einen Titel für die Serie: „Und das vor unserer Tür“.Das Ergebnis unserer Recherche war erdrückend,wie der folgende Auszug zeigt:
(. . . ) Der kleine Mann im zerfransten Mantel mit den traurigen schwarzen Augen hat uns nicht verlassen. Zögernd geht er neben mir: „Die Armen lieben sich nicht“, sagt er tonlos vor sich hin, „sie hassen sich tödlich. Sie hassen sich untereinander tausendmal mehr als sie die Reichen hassen. Vor denen haben sie Respekt und machen Bücklinge. Sie sind häßlich, die Armen, häßlich an Leib und Seele.“
Ich höre ihm nur halb zu. Meine Augen sind gebannt von einem kleinen Mädchen, das mit nacktem Unterkörper in einer Pfütze menschlicher Exkremente sitzt und mit seinen Händen darin herumspielt. Langsam zieht es einen 10 Zentimeter langen weißen Wurm heraus. Es hält ihn zwischen Zeigefinger und Daumen und läßt ihn hin- und herpendeln. Der Wurm lebt, und die Kleine strahlt vor Freude. Liebevoll wickelt sie ihn zunächst um ihr Handgelenk und betrachtet ihn kritisch. Dann dreht sie ihn vorsichtig um den Ringfinger der linken Hand. Das scheint ihr besser zu gefallen, denn ein zufriedenes Lächeln spielt um ihre Lippen. Neben ihr steht ein Hund, der ebenso fasziniert hinschaut wie ich. Sein Kopf ist aufmerksam zur Seite gebeugt, und ich kann den Eindruck nicht loswerden, schon einmal auf einer farbigen Postkarte aus Südtirol einen Hund in dieser Stellung gesehen zu haben, der ein blumenpflückendes, pausbackiges Mädchen betrachtet. Als die Kleine den Wurm wieder abwickelt und einen Knoten in ihn schlägt, schnappt der Hund blitzschnell zu und rennt mit seiner Beute davon. Das Mädchen schreit auf und beginnt zu weinen.
Marie-Claude dreht sich um. Auch ihr ist dieser markerschütternde Schrei in die Glieder gefahren. „Was ist los?“ fragt sie mich mit unruhiger Stimme. „Nichts“, sage ich, „nichts von Bedeutung. Die Kleine hat ihren Ring verloren.“
Der automatische Impuls, zu fotografieren, den man vor noch annähernd ertragbarem Elend haben kann, ist vollkommen verschwunden. Die Kameras baumeln auf meiner Brust, als gehörten sie nicht zu mir, als wäre ich nie Fotograf gewesen. Es gibt Situationen, wo man nur noch stumm dastehen und Gott bitten kann, der Scham, Zeuge zu sein, ein Ende zu bereiten.
Ohnmächtiger Zeuge einer Tragödie, in der die schreienden Frauen, die jammernden Kinder, der Wurm, der Dreck und die arbeitslosen Angestellten nur die heutige Wiederholung täglich erlebten Elends aller Städte und Dörfer Siziliens sind.
Wenn ich ehrlich mit mir bin, muß ich gestehen, daß ich vor einem Negerkind oder einem Arabermädchen vielleicht noch die Kamera gezückt hätte, wenn sie mit ihrem Wurm gespielt hätten wie mit dem kostbarsten Schmuck der Welt. Weil meine Ohren voll sind von den Propagandaposaunen über die hilfsbedürftigen Entwicklungsländer, in denen Ost und West mit Rubel und Dollar um die Gunst der unentschiedenen Millionen kämpfen.
Auch weil das beziehungslos Exotische, das Fremde, die Scham vielleicht geschwächt hätte. Aber hier, vor unserer Tür, im vergessenen Armenhaus Europas, wo Menschen gleicher Farbe, gleichen Glaubens, gleicher geschichtlicher Vergangenheit schlechter leben als die Kühe und Hunde unserer ärmsten Bauern, fehlten mir der Mut und die Distanz, Bilder einzufangen, die ebenso anklagend sind wie Massengräber und Folterkammern.
Und es handelte sich nicht um krasse Einzelfälle. Auf der größten und potenziell reichsten Insel des Mittelmeeres leben 2 300 000 von 4 700 000 Menschen in einem uns unvorstellbaren Elend. Das heißt, die Hälfte der Einwohner. 527 000 Familien, für die das tägliche Brot nicht der selbstverständliche Lohn der Arbeit ist, sondern der gefährdete Ergebnis von Betteln, Stehlen, Prostitution und gelegentlichen Handlangerdiensten. Jeder dieser Menschen würde bei uns im Gefängnis sitzen, weil der Hunger ihn täglich zwingt, das Gesetz zu brechen.
46 % aller Sizilianer sind Analphabeten. Ein Fünftel kennt nur eine Mahlzeit am Tag, dabei essen sie weder Fleisch, noch Fisch, noch Eier oder Milch. In Palma di Montechiaro steht ein Drittel der Einwohner auf der Armenliste der Gemeinde. 13 % haben Trachom, die ägyptische Augenkrankheit, 15 % Tbc 5000 von 22 000 Menschen sind Braccianti, das heißt, landwirtschaftliche Gelegenheitsarbeiter.
Aber lassen wir sie selber zu Wort kommen. Unser diskreter Begleiter ist vor einem Häuschen stehengeblieben. „Hier wohne ich“, sagt er, „Sie können hereinkommen, wenn Sie wollen. Man nennt mich Ruggero.“
Die Wohnung besteht aus einem einzigen Raum von ungefähr 25 Quadratmetern. Rechts ragen über einen geblümten Vorhang die Ohren eines Esels hervor. Links in der Ecke steht ein Bett, auf dem zwei Hühner nach Brotkrumen suchen. Ein Tisch und vier Stühle füllen die Mitte des Raumes. An der Wand hängt etwas Küchengeschirr, darunter liegt ein Bündel Kleider, gegen das ein Tonkrug mit frischem Wasser lehnt. Einige Heiligenbilder hängen kreuz und quer an den Wänden. Vier Kinder hocken auf dem Tisch und knabbern an trockenem Brot, während die Mutter wortlos an der Tür steht.
„Das sind die Jüngsten“, sagt Ruggero mit einem Unterton von Stolz, „die vier Großen spielen auf der Straße.“
„Schlafen sie alle zehn hier?“ will Marie-Claude wissen.
„Die vier Kleinen mit meiner Frau dort im Bett, ich und die Größeren auf der Erde. Wir breiten natürlich Kleider aus und Decken.“
Schnell fügt er einige Worte in sizilianischem Dialekt hinzu, die wir nicht verstehen. Es kommt Leben in die Frau, sie räumt die Kinder förmlich vom Tisch. Wir werden aufgefordert, uns zu setzen. Und wieder geht das Getuschel auf sizilianisch los; Ruggero kramt in seinen Taschen, die Frau in einem Kochtopf, in dem Münzen klingeln.
„Etwas Wein?“ fragt er und reicht seiner Frau, was er in den Taschen erfunden hat. Wir danken.
„Doch, doch, meine Frau wird ihn holen.“
Ich kann es nicht mehr mit ansehen. Diese demütige Gastfreundschaft des Elends, diese qualvoll groteske Würde der Armut erdrücken mich. Mit einem Sprung bin ich bei der Tür, packe die Frau am Arm und ziehe sie in den Raum zurück. Unter meinem Griff öffnet sich ihre Hand. Das Geld fällt auf den Tisch. Es sind 135 Lire, 65 Pfennig. Wir starren alle darauf, als hätten wir noch nie Geld gesehen. Als meine Augen dem Blick Ruggeros begegnen, sagt er mit ruhiger Stimme, als beantworte er eine nicht ausgesprochene Frage: „Ja, das ist alles, was wir besitzen.“ (…)
Wir haben während unseres Aufenthaltes in Sizilien so laut und so oft nach dem allmächtigen Mafiafürsten gesucht, daß die Mafia ebenso neugierig auf uns wurde, wie wir auf sie.
Eines Tages, als wir gerade von der Kirche San Domenico in Palermo die Beerdigung eines großen sizilianischen Politikers fotografierten, stellte sich eine kleine Frau neben Marie-Claude und gab ihr unaufgefordert Auskunft über alle Prominenten, die dem Sarg folgten. Sie trug einen ärmlichen blauen Regenmantel und redete wahrscheinlich nur deshalb so schnell, weil sie das große schwarze Loch, das drei fehlende Oberzähne in ihrem Mund rissen, verstecken wollte.
„Das ist der Minister soundso“, sagte sie. „Hier kommt der Sohn des Verstorbenen, dahinter der Chef der Mafia aus Caltanissetta. Dort zwei große Mafiosi aus Palermo. Das ist der Chef der Regierung…“
Marie-Claude versteht überhaupt nichts mehr. Hier, im Geleitzug des großen Sizilianers, den die gesamte Regierung und alles, was Rang und Namen hat, zur letzten Ruhe geleitet, soll jeder dritte ein bedeutendes Mitglied der Mafia sein, und man zeigt sie uns mit dem Finger. Das darf doch nicht wahr sein. Sie ruft mich heran. Die kleine Frau wird noch redelustiger. Sie streckt ihren Kopf.
„Der große Chef ist nicht da“, sagt sie plötzlich ganz enttäuscht, „ich versteh´ gar nicht, seit der Regierungskrise ist er in Palermo.“
Ich glaube nicht recht gehört zu haben.
„Wer?“, frage ich.
„Genco Russo, natürlich. Es gibt nur einen Chef der Mafia. Genco Russo aus Mussomeli, der 1954 mit Einverständnis der amerikanischen Mafia zum Nachfolger des verstorbenen Don Calogero Vizzini gewählt wurde.“
Der Regierungschef geht gerade vorbei. Ich vergesse ihn zu fotografieren. Genco Russo ist viel wichtiger.
„Wenn er in Palermo ist, muß man ihn doch sehen können?“
„Natürlich“, sagt die kleine Frau wieder, als spräche sie vom Wetter (…)
Die kleine Frau schleppt uns resolut ins Hotel Centrale.
In der Halle gehen einige Männer, Hut auf dem Kopf und Hände in den Taschen, beschäftigungslos auf und ab. Einer von ihnen macht ein kurzes Zeichen, und unsere Begleiterin führt uns in die Bar des Hotels. Dort sitzt ein Herr ganz allein. Hut auf dem Kopf, eine Pfeife im Mund, ein typischer sizilianischer Bauer mit maliziös intelligenten Augen.
„Hier sind sie“, sagt die kleine Frau nur. Der Herr steht auf. „Genco Russo“, stellt er sich vor. „Bitte nehmen Sie Platz. Zwei Kaffee“, ruft er befehlend.
Wir nennen unsere Namen und setzen uns. Wenn ein Mann der Mafia jemanden zum Kaffe einlädt, so bedeutet dies dasselbe, als wenn ein Araber Brot anbietet: Wir sind unter Freunden.
Genco Russo kümmert sich fast ausschließlich um Marie-Claude. Er ist sehr galant, hilft ihr aus dem Mantel und scheint froh, eine Ausländerin an seinem Tisch zu haben.
„Ich bin froh“, sagt Marie-Claude, „endlich den mächtigsten Mann der Insel zu kennen, den Chef der Mafia.“
Mir bleibt der Kaffee im Halse stecken. Das Wort darf nie ausgesprochen werden, unser Interview ist hin. Aber Genco Russo lächelt nur bescheiden.
„Es ist eine Ehre für mich, Sie kennenzulernen“, antwortet er höflich.
Das Eis ist gebrochen. Er ist zwar recht wortkarg, erzählt uns aber, daß die „Ehrwürdige Gesellschaft“ entschlossen sei, die Regierung zu stürzen, weil sie von Kommunisten unterstützt wird, und nur die westlichen Ideale der Freiheit und des christlichen Glaubens zukunftsbestimmend für Sizilien sein dürfen.
„Während des Krieges haben wir den Amerikanern geholfen, die Faschisten aus Sizilien zu verjagen sollen wir jetzt tatenlos zusehen, wie sich die Kommunisten breitmachen?“
Die Mafia hat tatsächlich eine entscheidende Rolle während der Landung der Alliierten in Sizilien gespielt. Der amerikanische Geheimdienst hatte Männer der amerikanischen Mafia, das heißt Sizilianer aus New York und Chicago, nach Sizilien geschickt, um mit dem Vorgänger Genco Russos, dem berühmten Don Calogero Vizzini, Verbindung aufzunehmen und seinen Beistand zu erbitten. Don Calogero hatte daraufhin selber die Landungspläne ausgearbeitet, und am entscheidenden Tag verstopften riesige Schafherden die Verbindungswege der deutsch-italienischen Streitkräfte. An strategisch wichtigen Punkten weideten kleine Herden, die mit ihren hellen Fellen leicht erkennbare Zielscheiben abgaben. Als die Insel genommen war, wurde Don Calogero Vizzini von den Amerikanern wie ein Held gefeiert und zum Bürgermeister seiner Stadt ernannt.
Nachdem dieser Artikel erschienen war, wurde er auch in Italien von mehreren Zeitungen übernommen. Es erstaunte uns nicht, daß die Reaktionen dort recht kläglich ausfielen. In Sizilien hatte man uns nämlich versichert, daß auch Regierungsmitglieder mit der Mafia zusammenarbeiteten.
