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Die Revolte der Sklaven –  Dhofar 1969

Wir waren Ende der 60iger Jahre dabei, ein Buch über unsere jemenitischen Erfahrungen zu schreiben und wollten darin auch über das weitere Schicksal der Prinzen berichten. Wir hatten erfahren, daß einige sich nach Beirut abgesetzt hatten und flogen dorthin.

Der deutschsprechende Prinz, mit dem wir 1963 durch die Berge des Jemen gezogen waren, lud uns in die Bar eines Hotels ein. Als wir dort saßen, stürzte plötzlich ein hochgewachsener Blonder auf ihn zu und umarmte ihn. Er setzte sich zu uns, und wir erfuhren, daß er während des Bürgerkriegs im Jemen als Söldner für die Royalisten gekämpft hatte. „Und was machst du jetzt?“ fragte der Prinz. „Ich kämpfe im Sultanat Oman, gegen die Kommunisten.“ So erfuhren wir, daß Revolutionäre sich in Dhofar erhoben hatten, in einer Provinz, die an Südjemen grenzt. „Wenn wir Gefangene machen, haben sie oft Maos rote Bibel dabei.“

Warum hatten wir noch nichts davon in der Presse gelesen? Libanesische Freunde klärten uns auf: „Weil die arabischen Regierungen ihre Presseagenturen angewiesen haben, nicht darüber zu berichten. Sie wollen nicht, daß ein kommunistischer Aufstand in einem arabischen Land weltweit bekannt wird.“

Mehr brauchten wir nicht zu erfahren, um zu entscheiden, dort eine Reportage zu machen. Auch die Filmkamera hatten wir dabei. Aber wie dort hinkommen? Wir flogen zuerst in den Südjemen und kontaktierten die Regierung. Dort hatten wir Freunde. Wir waren einmal mit ihnen in den Bergen gewesen, als sie noch gegen die Engländer kämpften. Sie versprachen sich zu bemühen, die Erlaubnis für unsere Einreise in den Dhofar zu bekommen.

Das dauerte zwei Wochen.

Was wir im Dhofar sahen, war so unerwartet, daß  ich dem Leser einige Ausszüge aus unserem „Stern“-Artikel nicht vorenthalten möchte:

Die Revolte der Sklaven

Der jemenitische Prinz weinte. In seinen Armen lag ein englischer Söldner, dem auch die Tränen herunterkullerten. Sie hatten jahrelang zusammen gekämpft und sich in der Bar unseres Hotels in Beirut zufällig wiedergefunden. Mit dem Prinzen waren auch wir einmal durch die Berge des Jemen gezogen. Er hatte seinen Krieg verloren und lebt jetzt im Libanon im Exil. Der Söldner hatte einen neuen Krieg gefunden – im Dhofar.

Dort, im unzugänglichen Teil der arabischen Halbinsel, kämpfen starke Guerilla-Verbände seit vier Jahren erfolgreich gegen die Engländer, die diese Gebiete halten. Die Rebellen wurden in China ausgebildet und kämpfen mit chinesischen Waffen. Sie wollen den Persischen Golf aufrollen, wenn die Engländer sich 1971, wie vorgesehen, zurückziehen. Es geht um eines der reichsten Erdölgebiete der Welt, um die Energiequellen Europas.

„Man weiß nichts von diesem Krieg, weil England eine Nachrichtensperre verhängt hat“, erklärte uns der englische Söldner. „Und wer wagt sich schon zu Rebellen, um von dort zu berichten. Wir haben eine Söldnertruppe aufgebaut. Mit Kerlen aus Belutschistan. Die schneiden den Gefangenen die Zunge heraus und die Hoden ab. Das wirkt wenig einladend, und ich wette meinen Monatssold von 200 Pfund (2000 Mark), daß auch Ihr es nicht wagen werdet.

Er hat seine Wette verloren. Wir haben uns vier Wochen lang durch den Dhofar geküßt. Buchstäblich. Halb nackten Männern und uniformierten Partisanen mußte ich bei jeder Begegnung eine Hand auf die Schulter legen und einen Kuß auf die Wange geben.

So will es die Sitte. Selbst in gefährlichen Situationen.

Als ein Kampf in unserer Nähe im Gange ist, kommt ein Riese auf mich zu, und ich muß mich hochrecken. Dabei gibt das Geröll nach. Ich rutsche den Abhang herunter. Unten steht ein unbekannter Krieger vor mir, den ich auch wieder küssen muß, bevor ich in Deckung gehen darf.

„Dich schickt der Himmel!“ meint er – wahrscheinlich weil ich von oben komme – und hält mir ein Walkie-Talkie entgegen. „Den haben wir den Engländern abgenommen. Wenn Du auf den Knopf drückst, hörst Du, was sie sagen.“

Ich mache aus, daß wir umzingelt werden. Der Krieger strahlt und küßt mich nochmals. „Die sind in die Falle gegangen. Auf dem einzigen Pfad, auf dem sie uns umgehen können, liegen unsere Leute im Hinterhalt.“

Zur Bestätigung bollern Granatwerfer und schwere Maschinengewehre los. Dann ist es still wie nach einem Gewitter. Nur die Steine, die ich bei meinem Aufstieg ins Rollen bringe, hüpfen ins Tal. Oben wollen 20 siegreiche Rebellen geküßt werden. Auf einem Pfad, der höchstens 30 Zentimeter breit ist. Ich wünsche mir fast eine Frau zu sein wie meine Kollegin Claude Deffarge, die nur Hände zu schütteln braucht und nicht küssen darf.

Diese Kußreise durch einen Krieg hatte in Aden begonnen. Um in den Dhofar zu gelangen, mußten wir fünfzehnhundert Kilometer nach Osten reisen. Quer durch den Südjemen. Über kahle, rot-braune Berge erreichten wir große Städte, die in Europa nahezu unbekannt sind. Seyun mit seinen Palästen, Tarim mit seinen 366 Moscheen und Shibam, das Chicago des Hadramaut, mit seinen Wolkenkratzern aus Quadersteinen. Hier formierten sich bereits zu Christi Zeiten die Karawanen, die Weihrauch, Gewürze und die „Düfte Arabiens“ nach Europa brachten.

Wir müssen mit wackeligen Flugzeugen, per Jeep und zu Fuß nach Osten ziehen, bis unüberwindliche Berge uns zwingen, im Boot die Küste entlang zu rudern. Durch ein Meer, in dem es ebenso viele Haifische gibt wie Heringe in der Nordsee. Wir vertrauen unser Leben sieben Männern an, die wie Piraten aussehen. Nach 18 langen Stunden kommen wir in Hauf an – der östlichsten Stadt des Südjemen. Es ist Nacht. Eine Hand mit Pistole winkt uns heran.

„Seid Ihr Journalisten?“

„Ja.“

„Herzlich willkommen im Namen der ‚Front für die Befreiung des Golfes‘“, sagt der Mann. Die Uniform mit kurzer Hose sieht sehr englisch aus. Das Gesicht hat feine intelligente Züge. Er spricht ein nahezu akzentfreies Englisch.

„Willkommen“, schallt es jetzt auch hinter uns auf englisch. Sieben junge Guerilleros in tadelloser Uniform starren uns an. „Wir wußten nicht, daß einer der Journalisten eine Frau ist. Willkommen, Madam! Sie werden die erste Europäerin sein, die je den Dhofar betrat.“

Ich erkläre, daß der Dhofar bis morgen warten kann und wir zunächst einmal schlafen möchten.

„Euer Bett wird von jetzt an die Erde sein und der Himmel Eure Decke“, heißt es.

Am nächsten Morgen entdecken wir Hauf. Etwa 100 Häuser aus Quadersteinen. Obwohl wir noch im Südjemen sind, benehmen sich die Partisanen wie in ihrem eigenen Land. Hauf ist ihre Nachschubbasis. Mao Tse-tungs Portrait ziert die Brust der meisten Partisanen, und das rote Büchlein ragt aus vielen Taschen. Am Strand formieren sich Karawanen, die den Rebellen Lebensmittel und Waffen in den Dhofar bringen. Die Kamele fressen getrocknete Langusten und Fische. Ihre Milch schmeckt wie Fischsuppe.

Die eigentliche Überraschung erwartet uns, als wir von sieben bewaffneten Partisanen begleitet, in den Dhofar marschieren: Berge, Wälder, Gras, Kühe. Wenn wir nicht fünfzehnhundert Kilometer Wüste hinter uns hätten, würden wir uns niemals in Südarabien dünken. Dieses ist das „Arabia Felix“, das „Glückliche Arabien“, von dem die Römer erzählten.

Die sogenannten „wilden Stämme“: Männer, die wie Hippies aussehen, mit langen Haaren und geschminkten Augen. Jedesmal, wenn wir an einem Wasserloch halt machen, präsentieren sie uns Kamel- oder Kuhmilch. Manchmal sogar eine Ziege, die wir auf heißen Steinen grillen.

Und die Frauen! Nicht die fette vulgäre Araberin, wie Filme sie uns anbieten. Nein, Gazellen mit grünen Augen – mit feinen Zügen und zierlichen Gelenken und doch groß und wohlgeformt. Ohne Schleier oder Maske. Völlig frei. Genau wie die Männer.

So etwas haben wir noch nie in einem arabischen Land erlebt, und ich will wissen, ob die Revolution diese Menschen so verwandelt hat.

„Wir lebten schon immer freier als die übrigen Araber“, erklärt der Anführer unserer Eskorte. „Deshalb konnte die Revolution hier so leicht Fuß fassen. Wir tun jetzt alles, um diese Freiheit auszubauen. Die Hälfte unserer Truppen ist ständig unterwegs, um der Bevölkerung zu erklären, daß Revolution sich nur durch bessere menschliche Beziehungen verwirklichen läßt.“

Auch wir gehören von jetzt an zu einer Art ‚Aufklärungskommando‘. Unterwegs, an jeder Wasserstelle, und abends, bevor wir schlafen gehen, gibt es politischen Unterricht für die Dorfbewohner. Das rote Buch Mao Tse-tungs ist immer dabei. Vor allem aber wird über die Ziele des Kampfes gesprochen, der den Engländern gilt, die diese Gebiete halten, und den Sultanen, die von ihnen gestützt werden. In den Worten der Partisanen: „Dem Imperialismus und den Feudalherren“.

In den Gebieten, die die ‚Front‘ kontrolliert, gibt es kaum noch Analphabeten. Jeder Guerillakämpfer muß lesen und schreiben lernen. Die meisten Bauern und Hirten melden sich freiwillig zum Unterricht. Ein gewaltiger Fortschritt, wenn man bedenkt, daß es im gesamten Dhofar bisher nur eine Volksschule gab – in der Hauptstadt Salalah.

Die Hitze macht uns zu schaffen. Wir können nur morgens zwischen fünf und zehn und nachmittags erst wieder nach vier Uhr marschieren. Als ich eine chinesische Mütze auf rundem Schädel im Gebüsch entdecke, renne ich trotz der Mittagsglut den Berg hinauf. Das ist die Sensation: chinesische Instrukteure!

Der Mann küsst mich sofort, und ich muß enttäuscht feststellen, daß ich mich an echt arabischen Bartstoppeln stoße.

„Ihr versteckt Eure Chinesen verdammt gut. Wo sind Eure Instrukteure?“

„In China“, sagt der Guerillero. Er ist barfuß wie alle anderen und sehr höflich.

„Aber Eure Waffen – die kommen doch aus China?“

„Ja, über Aden und Mukalla“, informiert er mich bereitwillig. China hilft uns – ohne Bedingungen zu stellen. Gott sei Dank. Alle anderen haben uns im Stich gelassen, die Araber genauso wie die Russen. Moskau unterstützt in der arabischen Welt leider nur das nationale Bürgertum gegen die Arbeiter und Bauern.“

So sprechen junge Burschen, denen ich zunächst weder Lesen noch Schreiben zugetraut hatte. Viele Rebellen wurden in China ausgebildet, einige in Kuba. Ihre militärischen Chefs haben Akademien in den arabischen Ländern absolviert. Einige sind von den Engländern ausgebildet worden und dann desertiert.

Von jetzt an begleitet uns Mohammed Ahmad, ein Mitglied des Zentralkomitees der ‚Front‘. Ingenieur, weitgereist, in China ausgebildet. Bart und Augen erinnern an Che Guevara. Während er spricht, stützt er sich lässig auf sein Gewehr, das er laut Guerilla-Vorschrift nie aus der Hand legen darf.

„Der Guerillakampf ist die beste kritische Universität“, meint er. „Wir kennen keine Existenzangst in Eurem Sinne. Ein Partisan besitzt nichts außer seiner Uniform und einem Tuch, mit dem er sich nachts zudeckt. Es gibt keinen Sold. Auch keine Beförderung. Das Leben hat nur noch seine nackte Bedeutung, und jeder hat genügend Muße, über seine Existenz nachzudenken. Und weil das Erlernte nicht Theorie bleibt, sondern aus der revolutionären Praxis heraus verwirklicht wird, leben wir genau, was wir sagen.“

Während vier Wochen können wir uns überzeugen, daß die Partisanen nach diesen Worten leben. Insgesamt treffen wir 460 Kämpfer.

„Mit besseren Augen hättet Ihr mindestens fünfmal so viele entdeckt“, erklärt uns Mohammed Ahmad. „Sie liegen auf den Berggipfeln und besetzen alle Pfade, damit Euch nichts passiert. Die Engländer haben geschworen, Euch nicht lebend aus dem Dhofar herauszulassen. Sie wollen Euch umbringen. Wir wissen davon. Die Welt soll nicht erfahren, was sie hier tun.

Wir erfahren es täglich aus dem Mund de Flüchtlinge, denen wir begegnen: Die Söldnertruppen der Engländer haben ihre Dörfer niedergebrannt und die Brunnen mit Zement ausgegossen. Die Männer werden einfach niedergemacht oder ins Gefängnis der Hauptstadt verschleppt. Die Frauen, die uns davon erzählen, jammern nicht, sie schildern einfach die Grausamkeiten des Feindes, die an Völkermord grenzen.

„Das Volk ist auf unserer Seite, weil wir ihm die Wahrheit nicht verschweigen“,  erklärt uns Mohammed Ahmad. „Wir bekennen uns offen zum Sozialismus. (…)

Die Stammesfürsten verstecken sich heute in den Städten, von den Engländern bezahlt und geschützt. Ihre Macht ist gebrochen, ihre Ländereien werden von den Rebellen verwaltet. Ihre Sklaven sind frei.

Die Sklaven revoltieren – sie wollen nicht länger wie das Vieh sein

Ja, Sklaven gibt es auch in diesem Land. Wirkliche Sklaven, so wie es in alten Büchern steht; Sklaven, die ihren Herren gehören wie Kuh und Kalb.

Der Guerillero Salmin, der für meine persönliche Sicherheit verantwortlich ist, war auch noch vor drei Monaten Sklave eines Großgrundbesitzers in der Hauptstadt Salalah. Wenn seine Schwestern heirateten, wurden ihre Kinder automatisch die Sklaven ihres Herrn.

Mit seiner jüngsten Schwester schwamm er eine ganze Nacht, um sich zu den Rebellen zu schlagen und so frei zu werden. Hunderte haben es ihm gleich gemacht. Kein Wunder, daß viele diese Revolution „die Revolte der Sklaven“ nennen. (…)

Kurz nach unserer Ankunft im Dhofar wurden wir immer heftiger aus der Luft bombardiert. Es waren englische Flugzeuge. Sie gehörten einer britischen Einheit an, die die englische Königin dem Sultan von Oman, auf dessen Bitte, zu Verfügung gestellt hatte. Wie wir später erfuhren, hatten sie die Aufgabe, uns unbedingt zu töten. Die Briten wollten verhindern, daß die westliche Öffentlichkeit über ihre Präsenz in Oman informiert würde.

Das erfuhren wir aus erster Hand, als wir zwei Jahre später in Oman einen Film drehten. Dort trafen wir den englischen Söldner, den wir in Beirut kennengelernt und durch den wir von der Revolte im Dhofar erfahren hatten. Er sagte: „Kinder, Ihr seid wirklich Glückspilze. Wir haben wirklich alles versucht, um Euch zu liquidieren.“

Der Film – „Die Revolte der Sklaven“– lief 1969 im NDR. Vertreter der BBC hatten ihn gesehen und kauften uns eine Kopie ab, die in England ausgestrahlt wurde. Ich wurde zu einer Talkrunde nach London eingeladen, sah aber unseren Film nie mehr wieder. Jedesmal, wenn ich danach fragte – denn wir hatten ausgemacht, daß ich die Kopie wiederbekommen würde – hieß es: „Die hat die Regierung angefordert. Sie wird dort von den zuständigen Stellen analysiert.“

Als ich  wieder in Hamburg war, rief mich ein Mann an und sagte: „Ich habe Ihren Film über den Dhofar gesehen. Ich muß Sie unbedingt sprechen.“ Er schlug den Alsterpavillon in Hamburg als Treffpunkt vor. Ich wollte wissen, wie ich ihn erkennen würde. „Kein Problem, ich habe den gleichen Bart wie mein Bruder.“ „Und wer ist Ihr Bruder?“ „Der Sultan von Oman.“ Er sah ihm wirklich sehr ähnlich.

Zwei Tage später erfuhr ich bei einem Whisky im Alsterpavillon, daß er eine Hamburger Lehrerin geheiratet hatte und schon einige Jahre in Deutschland lebte.

Dann kamen wir zum Thema. Er wollte Oman modernisieren und hatte sich einer Gruppe Gleichgesinnter angeschlossen, die von Bagdad aus konspirativ gegen den Sultan von Oman tätig war. „Die taugen nichts. Ich würde lieber mit den Leuten im Dhofar zusammenarbeiten. Können Sie das vermitteln?“ Ich lehnte ab. Wie sollte dieser sicherlich reiche Mann, der wahrscheinlich selbst einmal Sklaven gehalten hatte, sich mit den Dhofaris verstehen.

Mittlerweile war die „Revolte der Sklaven“ blutig zerschlagen worden. Persische und jordanische Truppen waren ins Land gerufen worden und erledigten gründlich, was die

Engländer nicht geschafft hatten.

Die hatten sich allerdings inzwischen durchgerungen, bei der Modernisierung des Landes Pate zu stehen. Sie entmachteten den Sultan, schickten ihn nach London ins Exil und setzten dessen Sohn Qabus auf den Thron. Der war in England erzogen worden und hatte dort auch studiert. Er berief umgehend eine neue Regierung.

Ich war neugierig und bemühte mich um ein Visum. Das bekamen wir von der britischen

Botschaft ausgestellt.

Oman veränderte sich tatsächlich. Der alte Sultan hatte das Land hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen, weil er meinte, Modernisierung könne nur Unglück über sein Volk bringen. Er kontrollierte jede Neuerung im Land. So durften Häuser zum Beispiel nicht mehr als zwei Stockwerke hoch sein. Der Rest des Himmels gehörte ja Allah. Das Tragen von Sonnenbrillen war verboten. Sie verdunkelten das von Allah geschickte Licht.  Autos waren verboten. Schulen gab es kaum. Jetzt wurde emsig gebaut: hohe Häuser, Straßen und Schulen. Mehr gab es eigentlich nicht zu berichten.

Aber eine Anekdote muß ich unbedingt erzählen.

Wir hatten, wie schon gesagt, den britischen Söldner getroffen. Er gehörte zu einer bunten Truppe von Engländern, Kanadiern und Franzosen.-.Söldner, die vor dem Umsturz angeheuert waren, um den Sultan zu beschützen. Wir lernten einige von ihnen kennen, darunter einen Kanadier. Von ihm erfuhr ich, daß der neue Herrscher am nächsten Tag nach Salalah fliegen würde, wo sein Vater die letzten Jahre gelebt hatte. Qabus sollte den Palast übernehmen. Ich durfte mitfliegen.

Als wir im Palast ankamen, wurde Qabus stürmisch begrüßt. Anschließend wurden wir auf ein flaches Dach geführt, von dem aus wir in den Hof des Schlosses schauen konnten. Dort tanzten siebzig prächtig geschmückte Frauen: der Harem des Sultans. Den hatte Qabus jetzt geerbt. Da stand er nun, hielt die Hand des Kanadiers und blickte bestürzt auf sein Erbe – die beiden waren nämlich ein Liebespaar. Ich konnte das Lachen nur schwer unterdrücken. Da erbt ein Mann siebzig Frauen und kann nichts mit ihnen anfangen.

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