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Was verboten ist, gibt es nicht

Wir wohnten während dieser Reise eine zeitlang bei Hans Walter Berg, damals fester Auslandskorrespondent der ARD in Neu-Delhi. Der hatte mir brisantes Material zur Verfügung gestellt, das er selbst nicht veröffentlichen konnte, ohne fürchten zu müssen, seine Akkreditierung zu verlieren. Die offiziellen Vertreter des Landes waren mit der Reportage gar nicht zufrieden. Nachdem unsere vier Artikel über die Situation der Frauen in Indien erschienen waren, kam ein Herr der deutschen Botschaft zu Berg und fragte ihn, ob er wisse, wen er beherbergt habe. „Gordian Troeller und Marie-Claude Deffarge vom „Stern“, war seine Antwort. – „Sie irren, Troeller ist Martin Bormann, der Stellvertreter des Führers. Die indische Regierung hat uns den Tip gegeben.“ Da konnte Hans-Walter sich vor Lachen nicht mehr halten, denn wir kannten uns schon aus Kinderzeiten.

Zwanzig Jahre später, 1984, wollten wir einen Film in der Reihe „Kinder der Welt“ in Indien  drehen. Diesmal konnten wir uns nicht als Touristen ausgeben, wir hatten zu schweres Gepäck dabei. Als wir bei der indischen Botschaft vorstellig wurden, legte man uns ein Papier vor, das wir unterschreiben sollten. Wir mußten uns verpflichten, den Film vor der Ausstrahlung der Botschaft zu zeigen und all ihre Wünsche zu berücksichtigen. Wir unterschrieben und erhielten die Drehgenehmigung.

Die Dreharbeiten in der Provinz Kerala wurden zum Alptraum. Der uns zugeteilte Aufpasser notierte sich alle Einstellungen. Als ich Kinder bei der Arbeit filmen wollte, sagte er: „Das ist verboten. Indien hat die Charta der Kinderrechte unterschrieben, deshalb dürfen arbeitende Kinder nicht gezeigt werden.“

Selbstverständlich mußten wir für diesen Herrn die Hotelrechnung begleichen. Nach wenigen Tagen ließ er seine Frau und seinen Sohn kommen. Für die mußten wir dann auch Vollpension bezahlen.

Wir baten ihn, der Regierung unseren Wunsch mitzuteilen, wieder zu den Murias zu gehen. Dort hatten wir damals nur fotografiert. Jetzt wollten wir dort auch filmen. Unsere Bitte wurde nicht nur abgelehnt. Man gab uns sogar eine Erklärung: „Das sind kriminelle Stämme. Wir wollen nicht, daß ihre Sitten den Ruf Indiens schädigen.“ Als „kriminelle Stämme“ gelten alle Ureinwohner Indiens, etwa 30 Millionen an der Zahl.

Als wir das Land verließen, erlebten wir noch eine Überraschung. Der Zoll inspizierte unsere Ausrüstung und fragte: „Haben Sie bei uns gefilmt?“ Wir bejahten, und es hieß: „Dann müssen Sie Zoll zahlen.“ – „Für was?“ – „Für die Bilder, die Sie  auf den Filmen haben. Die werden doch jetzt ausgeführt. Das nennen wir „invisible export“ (unsichtbare Ausfuhr) und das muß bezahlt werden.“

Wir bezahlten und waren froh, dieses Land ohne weitere Schwierigkeiten verlassen zu können. Selbstverständlich zeigten wir den Film nicht der indischen Botschaft in Bonn. Wir wollten es zum Skandal kommen lassen, der deutschen Öffentlichkeit bewußt machen, wie schwer es sein kann, aus der sogenannten „Dritten Welt“ kritisch zu berichten.

Nachdem dieser Film „Im Schatten der Götter“ ausgestrahlt war, ließ der Protest der Botschaft nicht auf sich warten. Der Presseattaché verlangte, den verantwortlichen Redakteur zu sprechen. „Warum haben Sie uns den Film vorher nicht gezeigt? Sie haben doch unterschrieben.“ „Wirhaben nichts unterschrieben. Der Reporter ist Luxemburger und nur freier Mitarbeiter. Wir in der Redaktion wußten nichts von einer Unterschrift.“

Mittlerweile hatten wir uns klug gemacht: Alle Fernsehkorrespondenten, die in Delhi akkreditiert waren, mußten Filme – wenn sie länger als acht Minuten waren – den zuständigen Behörden vorführen und deren Wünschen entsprechend verändern.

Aus diesem Grund bin ich nie fester Korrespondent geworden, obwohl es mir manchmal angeboten wurde. Aus den Ländern der „Dritten Welt“ können Korrespondenten nicht so kritisch berichten, wie ich es tue. Etwas Kritik darf schon sein, aber Vorsicht ist immer geboten. Wenn ihre Berichterstattung die Toleranz der zuständigen Behörde zu sehr strapaziert, müssen sie damit rechnen, ihre Akkreditierung zu verlieren. Wer riskiert das schon? Sie haben sich da eingerichtet, mit Frau und Kindern, haben Freunde und einen Vertrag, der gewöhnlich über mehrere Jahre läuft.

Nicht aus Zufall schicken große internationale Zeitungen regelmäßig Sonderberichterstatter in Gebiete, in denen sie feste Korrespondenten haben. Diese haben so viel unveröffentlichtes Material gesammelt, daß ihr reisender Kollege gar nicht mehr lange zu recherchieren braucht.

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