Damals, Anfang der sechziger Jahre, stand Kuba im Zentrum westlicher Berichterstattung. Der Konflikt mit den USA hatte sich verschärft. Ja, Mitte April 1961 war es sogar zu einer Invasion Kubas in der Schweinebucht gekommen, die zurückgeschlagen wurde. Also fuhren wir dorthin. Wir schrieben eine Serie unter dem Titel „Zwischen Kennedy und Castro“, denn wir wollten auch untersuchen, wie die übrigen karibischen Staaten auf diesen Konflikt reagierten.
Der erste Beitrag handelte von der Situation in Kuba:
Fidel Castro hat gesiegt. Der schnelle Zusammenbruch der Invasion zeigt, daß der bärtige Regierungschef die Mehrheit des Volkes hinter sich hat. Allen, deren Denken nicht von Wunschträumen bestimmt wird, war dies bekannt. Umso erstaunlicher ist es, daß Washington eine Aktion unterstützt hat, die selbst, wenn sie erfolgreich gewesen wäre, nur Haß und Verbitterung in Lateinamerika auslösen konnte. Und um Lateinamerika geht es hier.
Und der Glaube, mit Präsident Kennedy sei die Zeit der amerikanischen Einmischung vorüber, ist zerstört worden. Andererseits hat Castro gezeigt, daß man sich erfolgreich gegen den industriellen Riesen des Nordens stellen kann. Jetzt werden die anti-amerikanischen Gefühle überall explosive Formen annehmen. Im karibischen Raum ist die Lage bereits dramatisch.
Die Hauptstadt Havanna war wie immer; sie schien vor Leben und Temperament aus den Nähten zu platzen. Als ob niemand fühlte, daß dieses Land einer Krise entgegentrieb, tanzten die Menschen auf den Straßen. Sie feierten in einem verlängerten Karneval die Siege der Revolution: die Landreform, das „Jahr der Erziehung“, die Nationalisierungen, neue Bauerndörfer. Die erste „Zuckerernte des Volkes“ wurde von üppig gewachsenen, sparsam bekleideten Mädchen auf reich geschmückten Wagen dargestellt. Bärtige Revolutionäre regelten den Verkehr. Die Rhythmen des Cha-Cha-Chas waren überall in der Luft. (…)
Die kommunistische Partei zählt 26 000 Mitglieder, sie kontrolliert einen großen Teil der Presse und die meisten Gewerkschaften der Städte. Jeder weiß, daß es ohne sie nicht mehr geht. Jeder weiß aber auch, daß sie nicht regiert, noch nicht. (…)
Wir wollen sehen, was auf dem Land passiert, denn um das Land geht es doch bei dieser Revolution. Mit einem gemieteten Wagen machen wir uns auf den Weg, und schon beim Verlassen von Havanna gibt es die erste Überraschung: Wir werden nicht kontrolliert. In Europa wäre das normal. Aber hier, in einem Polizeistaat – so ist es ja überall zu lesen -, denkt man zunächst an Schlamperei. Das ist es nicht. Wir fahren zweitausendsechshundert Kilometer, schlafen in Städten und Dörfern, sprechen mit Bauern, mit Revolutionären und Rebellen, ohne daß jemals ein Polizist oder Soldat uns fragt, wer wir sind, was wir wollen, woher wir kommen. Denn auch wenn wir spanisch sprechen, wir sehen nicht wie Kubaner aus. (….)
Die nächste Überraschung stellt sich ein, als wir die Ergebnissen der Landreform an Ort und Stelle vergleichen mit den Behauptungen der gegenrevolutionären Propaganda oder mit den Erklärungen gewisser westlicher Diplomaten in Havanna. Zwischen zwei Cocktails und einem galanten Abenteuer entscheiden sie: „Die Leute verhungern, die Industrie steht still, die Landreform ist eine Pleite, achtzig Prozent aller Kubaner sind gegen Castro. Viertausend Rebellen sind in den Bergen.“ Beweise? Sie können keine bringen. Dazu fehlt die Zeit. Sie müssen schnell zurück ins Cocktail-Getto der feinen Leute.
Wir aber sind jetzt bei den „dreckigen Bauern“ und fragen: „Wieviel verdienen Sie?“
„Zwei Pesos achtzig (11,20 DM) am Tag.“
„Und vor der Revolution?“
„Manchmal 50 Cents, manchmal einen Peso oder sogar mehr. Aber es gab nie Arbeit fürs ganze Jahr. Höchstens für 4-5 Monate“
„Sind Sie ein freier Bauer?“
„Ich war nur Landarbeiter. Jetzt gehöre ich zu einer Staatsfarm:“
„Zufrieden?“
„Mit soviel Geld, das ich regelmäßig bekomme. Ohne Angst vor der Zukunft und mit einem neuen modernen Haus? Wie soll ich da nicht zufrieden sein?“
„Man hat mir gesagt, ihr bekommt euren Lohn in Form von Warengutscheinen ausbezahlt, die ihr in den Volkskantinen in Waren umtauschen müßt? Stimmt das?“
„Nein, wir bekommen alles in barem Geld. Hier.“ Er zieht strahlend dreißig Pesos aus der Tasche – 120 DM. „Das ist der Lohn der letzten zwei Wochen.“ Soviel Geld hat er früher nie auf einem Haufen gesehen.
Das ist ein Fall. Einer von zahllosen. Wir haben etliche hundert Menschen gefragt. Landarbeiter, freie Bauern, Mechaniker und Soldaten, Techniker und Chauffeure. Neunzig Prozent sind begeistert, weil sie glauben, am Aufbau ihrer neuen Zukunft zu arbeiten. Hier, hat man das Gefühl, wird die Revolution gemacht. Nicht in Havanna. Hier entstehen Straßen Dörfer, Fabriken – ja, Fabriken, die unter Batistas Diktatur stillagen arbeiten wieder. Hier wird die Landwirtschaft neu aufgebaut, um der Sklaverei des Zuckers zu entrinnen. (…)
Nach der Veröffentlichung zitierten mich Gruner und Bucerius, die Besitzer des „Stern“, in ihr Büro. Sie meinten, nur ein Kommunist könne einen solchen Bericht geschrieben haben. Sie wollten meine Meinung dazu hören. Ich sagte: „Ich bin Anarchist und kein Kommunist.“ Jetzt schauten sie noch mißtrauischer. Für sie war ein Anarchist ein blutrünstiger Chaot, der jedem Kapitalisten an die Gurgel wollte. Ich klärte sie auf und beteuerte, daß auch wir den Kommunismus bekämpfen. Etwas verwirrt ließen sie mich gehen.
Als ich Nannen erzählte, was geschehen war, sagte er: „Die sollen sich da raushalten. Mir geht es um die Auflage, und die steigt gewaltig. Wir nähern uns der Zweimillionengrenze. Alle fünf Artikel Ihrer Serie ‚Zwischen Kennedy und Castro‘ werden im Wochenrhythmus veröffentlicht.“
Hier noch ein Auszug aus der vierten Folge über die Lebensbedingungen in Costa Rica:
Carlos hatte zwei Beine, zwei Arme, eine Nase, zwei Augen. Er hatte richtige Ohren und fünf Finger an jeder Hand. Auch seine Kleidung war wie die der anderen. Ein verschwitztes Hemd, zerfranste Hosen, ein Strohhut für sechzig Pfennig und zwei spitze Schuhe ohne Schnürsenkel. Und doch hatte er irgend etwas, das ihn auffallen ließ. Er sprach sicherer, er lachte lauter, saß bequemer. – Er hatte Geld.
„Vierundzwanzig Dollar und dreißig Cents“, sagt er und schielt zu den Frauen hinüber, die gelangweilt aus den Fenstern des fahrenden Zuges schauen. „Damit kann ich sie mir alle kaufen. Wieviel sind es?“ Er zählt langsam. „Sieben in diesem Wagen. Wenn du das mit drei multiplizierst – denn in den übrigen Wagen sind sicher ebenso viele – dann macht das einundzwanzig. Stimmt’s? Wieviel Geld bleibt mir also übrig?“
„Kenn ich euer Leben?“
„Du willst es doch kennenlernen. Also: wenn ich großzügig bin, bleiben mir drei Dollar
und dreißig Cents. Wenn ich handle oder bis Montag warte, wenn die andern alles versoffen haben, kostet mich der Spaß höchstens zehn Dollar fünfzig Cents.“
„Erzähle mir lieber, wie du das Geld beim Hahnenkampf gewonnen hast“, sage ich, um ihn vom Thema abzubringen.
„Jetzt kommt der feine Herr wieder raus. Du bist hier nicht in Europa oder in einem
Luxushotel. Du bist hier mit einem Bananenschlepper im Zug der Bananenfirma in Gesellschaft von billigen Bananenmädchen.“
„Das ist zu viel für einen Gringo (Amerikaner)“, sagt eine junge Frau, die hinter uns
sitzt. „Gringos brauchen parfümierte Röcke.“
„Er ist kein Gringo. Er ist mein Freund!“ sagt Carlos und erklärt umständlich, wie wir
uns vor drei Tagen in Golfito getroffen haben.
Golfito ist ein kleiner Hafen im Süden von Costa Rica. Er gehört der „United Fruit Company“, genau wie der Zug, in dem wir sitzen.
Diese amerikanische Gesellschaft, einer der mächtigsten Konzerne der Welt, beschäftigt sich hauptsächlich mit Bananenanbau und -handel. In allen Ländern Mittelamerikas besitzt sie Städte, Häfen, Eisenbahnen und riesige Bananenplantagen mit Dörfern und Arbeitslagern. Überall hier ist sie ein Staat im Staate. Ihre Macht ist so groß, daß sie in den meisten Ländern die Politik bestimmt. Wenn die Menschen in Mittelamerika von „amerikanischem Imperialismus“ sprechen, dann denken sie zunächst an die „United Fruit“.
Carlos kann sie auch nicht leiden, obwohl er für sie arbeitet – oder gerade deshalb.
Jedenfalls schreit er am Schluß seiner Erklärungen: „Glaub Ihr denn, ich könnte mit einem Gringo saufen? Würdest Du, Carmen, mit einem Gringo gehen?“
„Du arbeitest ja auch für die Amerikaner“, sagt die Frau.
Carlos bleibt einen Moment sprachlos.
„Du hast recht“, meint er dann, „wenn’s ums Fressen geht, können wir nicht wählerisch sein. – Das erinnert mich an Liz, die kleine Mulattin aus Panama. Ein Amerikaner war verrückt nach ihr. Verstehst du, er mußte sie einfach haben. Und wenn ein Gringo was will, dann kriegt er’s. Mit dem Geld. Für fünf Dollar am Tag wollte er sie ausschließlich für sich. Fünf Dollar ist viel Geld. Viel mehr als ein Mann verdient. Und das für eine Frau. Du siehst die Situation?“
„Ich kenne die Geschichte“, sagt Carmen gelangweilt. ,,Ein Neger verliebt sich in Liz
und sie sich in ihn. Vier Monate lang sparen sie die fünf Dollar des Gringos, um auszuwandern und zu heiraten. Als er es entdeckt, läßt er den Neger von den Plantagen jagen. Liz schlägt er so lange, bis sie ein Auge verliert und ihm sagt, wo das Geld versteckt ist. Dann nimmt er seine Dollar und läßt Liz nach Panama abschieben. Schluß der Geschichte.“
„Nein”, ereifert sich Carlos, „du hast meinem Freund nicht gesagt, daß Liz nie das verweigerte, wofür der Gringo bezahlte. Das ist das Wichtigste. Er hatte kein Recht, das Geld zu nehmen und sie zum Krüppel zu schlagen.“
„Warum machst du es nicht wie Liz und der Neger?“ frage ich Carlos. „Warum sparst du nicht das Geld, das du gewonnen hast? Soviel verdienst du nicht in einer Woche.“
„Denk doch einen Moment nach, dann merkst du, wie sinnlos deine Frage ist. Liz und der Neger hatten ein festes Einkommen. Sie konnten Pläne schmieden, weil sie wußten: Jeden Tag gibt es fünf Dollar mehr. Das macht im Monat hundertfünfzig, im Jahr fast zweitausend. Damit kann man sein Leben ändern. Man hat eine Zukunft. Verstehst du?“
Er schreit es fast heraus: „Weil ich keine Zukunft habe, kann ich nicht sparen! Soll ich meine vierundzwanzig Dollar und dreißig Cents einbuddeln? Es kommt doch nie etwas dazu. Und wenn, dann nur aus Zufall. Nicht, weil ich es einrichten kann. – Sparst du Carmen?“
„Wovon? Von den paar Dollar, die Ihr mir gebt, muß ich meinen drei Kindern zu essen geben. Die älteste ist jetzt groß genug, um mir bei der Arbeit zu helfen. Sie ist nicht hübsch. Aber Gott sei Dank macht das hier nichts aus.“
Nichts in der Stimme der Frau verrät Erregung oder Gram, sie klingt auch nicht vulgär oder zynisch. Carmen spricht schlicht von ihrem Leben, wie ein Schreiner oder Schuster es tun könnte.
Der prüde Leser wird sich fragen, warum ich ihn gerade unter Prostituierte und Arbeiter führe, um ihm Mittelamerika zu zeigen. Die Antwort ist einfach: Weil das Mittelamerika ist. Die erdrückende Mehrheit lebt so, sei es auf Bananenfeldern, auf dem Lande oder in den Vororten der Städte. Man könnte sie natürlich einfach statistisch erfassen und sagen, es gibt soundso viel Millionen elende, betrunkene, erbärmliche Menschen. Aber wie sehen sie aus? Wir wissen ja gar nicht, welche erschreckend fremde Welt die Armut ist. Aber wir werden uns mit ihr bekannt machen müssen, denn aus drei Erdteilen wird sie immer lauter an unsere Türen klopfen. Ihre Sprache ist nicht die unsere. Ihre Begriffe sind nicht vergleichbar.
Wie sagte einer: „Die Moral ist der Luxus der Reichen.“ Hier fühlt man es bei jeder
Begegnung. Diese Frauen zum Beispiel sind keine Prostituierten. Bei uns wären sie es natürlich, denn solch ein Mädchen könnte Sekretärin werden, aufwaschen oder in einer Fabrik arbeiten. Bei uns gibt es immer einen Platz, wenn man zwei Hände hat und gesund ist. Aber hier haben sie keine Wahl, und das ist das Entscheidende in der Bewertung. Sie können nichts anderes sein. Sie sind Menschen, die nicht sterben wollen. Sonst nichts. Und all unsere Worte haben hier keinen Sinn mehr. Sie sind Schablonen, die nicht mehr passen.
Millionen Frauen aus dem Volk sind nicht verheiratet, trotz Missionaren und Kirche. Der
Hunger ist stärker. Sie leben mit einem Mann und haben Kinder von ihm, bis er sie nicht mehr ernähren kann. Dann gehen sie zu einem andern und haben Kinder mit dem. Und so geht es weiter. Sollen diese Menschen ein Familiengefühl kennen wie wir? Außer einem Anzug, ein paar Töpfen, drei Messern und einem Bett wissen sie auch nicht, was Besitz ist. Sollen sie da unser Prinzip des Eigentums verteidigen? Und wenn sie Arbeit finden, rentiert es sich nicht. Es genügt kaum zum Sattwerden. Sollen sie da zu unserem Ethos der Arbeit stehen?
Was Carlos auch tut, ob er vier Stunden mehr arbeitet oder drei Stunden weniger, sein
Leben kann sich nicht ändern. Er wird nie das Existenzminimum erreichen und jenes Gefühl der Sicherheit, ohne das es keine Freude an der Arbeit und kein Sparen gibt.
(. . . ) Als wir in Villa Neily ankommen, ist es dunkel. In keinem Cowboy-Film habe ich einen Ort gesehen, der so den Vorstellungen entspricht, die wir uns von dem wilden Westen der Goldsucher machen: drei Straßen, fünfzig Häuser, davon zwanzig Geschäfte und zehn „Saloons“. Alles aus Holz hingestellt, als sei es nur ein Jahrmarkt, der morgen wieder abgerissen werden soll. Dahinter eine hohe Wand: der Urwald. In den Gossen liegen Männer und schlafen ihren Rausch aus. Vor den Saloons warten Frauen. In den Geschäften stehen Neger, Weiße, Indianer, Mulatten. Jeder hat einen Hut, wenige tragen Schuhe (. . . ) Vor den kleinen Buden wird gespielt, geflucht, gestritten. Und über all dem mischen sich die Melodien der Juke-Box aus den zehn Saloons zu einem höllischen Lärm, der auch ohne Rum die Besinnung raubt.
Carlos führt mich von einer Bar in die andere. (…) Als der kleine Chinese, der hier Ober spielt, einen Rum vor mich hinstellt, zieht einer der Männer seinen Schuh aus und trommelt damit wütend auf dem Tisch herum. Zwei unserer Tischnachbarn folgen. Dann geht es auch auf anderen Tischen los, selbst an der Bar, und in wenigen Sekunden ist die Musik übertönt.
Carlos ist bleich geworden. Er steht auf und schreit: „No es un gringo, es mi amigo – er ist keine Gringo, er ist mein Freund.“
Das Trommeln klingt ab. Mein Gegenüber beugt sich vor: „Pardon, Señor, ich konnte es nicht wissen“
„Du hättest ja fragen können“, schreit Carlos ihn an.
„Darf ich jetzt fragen, warum sie das getan haben?“ sage ich.
Bevor der Mann antworten kann ergreift sein Nachbar das Wort. Der einzige am Tisch, der nicht getrommelt hat.
„Der liest keine Bücher – der schreibt welche“, flüstert Carlos schnell.
„Wir haben das von Chruschtschow gelernt“, sagt der Mann. „Als der in der UNO seinen Schuh auszog, habt ihr die Nase gerümpft, denn ein solches Benehmen gehört nicht in den Herrenclub der Diplomaten. Aber wir haben gejubelt. Plötzlich hatten wir Sympathien für den dicken Russen. Der ist ein geschickter Kerl. Er weiß, wir möchten alle schon lange mit beiden Schuhen auf den Tisch schlagen und brüllen.
Und wenn Fidel Castro mitten in New York den Amerikanern seinen Haß ins Gesichts schleudert, dann regen eure Zeitungen sich nur darüber auf, daß die Rede zu lang war und der Ton unmöglich. Worüber sie sich Gedanken machen sollten, ist, was wir darüber denken. Wir, die 170 Millionen Besitzlosen Lateinamerikas. Die Amerikaner nennen uns abschätzig ‚the latins’ – die Lateiner – .Das kommt gleich nach dem Neger. Nun steht so ein kleiner Lateiner auf und sagt mutig, was wir alle denken. Mehr noch: Er schmeißt die ‚United Fruit’ raus und wagt es, mit seinen paar Millionen Kubanern der stärksten Macht der Welt zu trotzen. Was das in Lateinamerika auslösen wird, kann keine Außenstehender sich vorstellen.
Carlos trinkt. Er trinkt und hört zu. Zwei Frauen setzen sich an unseren Tisch „Seid Ihr schon wieder bei der Politik“, sagt eine. „Dann müssen wir wohl den Mund halten.“
„Bitte“, sagt Carlos, „sprich weiter.“
Der Mann fährt fort: „Sie glauben jetzt sicher, ich sei Kommunist. Keinesfalls. Dafür bin ich aber auch kein Anhänger des kapitalistischen Systems. Ich brauche mir nur anzusehen, was der Kapitalismus aus unseren Ländern gemacht hat. Seit Jahrhunderten ist er hier unumschränkt Herrscher. Er hat also alle Chancen gehabt. Das müssen Sie zugeben. Das Ergebnis ist katastrophal. Warum? Sein einziges Ziel war Bereicherung, ohne Rücksicht auf unsere Länder und Menschen.“
„Bei uns hat er Wunder gewirkt.“
„In hochentwickelten Ländern mag der Kapitalismus die bestmögliche Gesellschaftsform sein. Überall dort, wo die demokratischen Sicherheiten fehlen, wo er das Gesetz bestimmt und die Macht zum Werkzeug der Bereicherung wird, führt der Kapitalismus zum Ruin.“ (…)
In diesem Saloon, der wie das Bühnenbild zu einer mittelamerikanischen Dreigroschenoper aussieht, klingen seine Worte wie Schüsse. Dann gehen die Männer. Carlos will sie zur Tür bringen, aber er kann nicht mehr aufstehen. (…)
