Ein bewaffneter Aufstand hatte 1967 die Engländer aus dem Südjemen vertrieben. Eine sozialistische Regierung übernahm die Macht und rief die Demokratische Volksrepublik Jemen aus. Sofort waren Russen und Chinesen herbeigeeilt und bemühten sich, Einfluß zu gewinnen. Deren Rivalität belastete die neugegründete Volksrepublik schwer: Darüber wollten wir berichten.
Die Chinesen bauten Straßen, die Russen bildeten Funktionäre und Offiziere aus. Der Lebensstil beider Konkurrenten war entscheidend für ihr Ansehen in der Bevölkerung.
Die Chinesen lebten nicht anders als die Jemeniten. Sie hatten wenig zu essen, schufteten den ganzen Tag und schliefen auf der Erde. Die Russen hingegen waren in komfortablen Häusern untergebracht, verweigerten den Kontakt mit der Bevölkerung und benahmen sich wie die Herren des Landes. Kein Wunder, daß die Chinesen von der Masse der Jemeniten geliebt und bewundert wurden.
Auch die DDR war massiv vertreten. Ihre Vertreter waren selbst in kleinen Dörfern präsent. Von der Fassade ihrer Häuser strahlte ein großes Portrait von Erich Honecker die Bewohner an. Sie organisierten den Geheimdienst, und zwar mit deutscher Gründlichkeit. Den Bewohnern Adens wurde sogar verboten, mit Ausländern zu sprechen. Selbst auf der Straße. Fragte man einen Jemeniten nach einer Adresse, ging er wortlos seines Weges.
Als ich eines Abends mit Ministern der Regierung zusammensaß, fragte ich: „Wie könnt Ihr dies alles gutheißen?“ Die Antwort lautete: „Du kennst uns doch von früher und weißt, daß wir einen unserer Gesellschaft angemessenen Sozialismus verwirklichen wollten. Aber wir sind arm und von unseren Nachbarn bedroht. Da boten uns die Kommunisten ihre Hilfe an. Wir mußten akzeptieren. Während des kalten Krieges blieb uns nichts anderes übrig. Jetzt sind wir machtlos. Das kannst Du ruhig berichten. Wir freuen uns sogar darauf.“
Ich stellte noch eine Frage: „Wie kommt es eigentlich, daß Ihr am Arsch der arabischen Welt Kommunisten geworden seid, obwohl Eure arabischen Brüder das gar nicht gutheißen?“ Einer von ihnen, mit dem ich schon in den Bergen gewesen war, als sie gegen die Engländer kämpften, sagte: „Wir sind schon seit tausend Jahren Kommunisten. Versuch Dich zu erinnern, unser Kampf gegen die Engländer begann im Hohen Jaffa, wo die Karmathen leben. Da komme ich her, und dort sind wir seit jeher Kommunisten.“
Ich traute meinen Ohren nicht. Diese Karmathen hatten uns schon fasziniert, als wir in den fünfziger Jahren in Persien von ihnen gehört hatten. Sie bildeten vor tausend Jahren die erste egalitäre politische Bewegung im arabischen Raum. Die letzte der karmathischen Volksrepubliken, die von islamischen Kalifen zerschlagen worden war, lag im Südjemen. Viele Karmathen konnten in die Berge fliehen, wo sie sich unter die Stämme mischten. Daß sie bis heute im Untergrund lebten und ihrer politische Überzeugung treu geblieben sind, war kaum zu glauben.
Ich sagte: „Ich werde dieses Land nicht verlassen, bevor Ihr mir nicht die Möglichkeit verschafft habt, dort hinzukommen.“
Es dauerte zwei Wochen. Dann stellten sie uns einen Jeep zur Verfügung, der uns in das Hohe Jaffa bringen sollte, eine Region in den über 2000 Meter hohen Bergen nördlich von Aden. Außer Marie-Claude war noch ein französischer Freund dabei, der mich gebeten hatte, endlich einmal den Jemen kennenlernen zu dürfen.
Als wir im Hohen Jaffa ankamen, trafen wir Landarbeiter, die singend ihre Arbeit verrichteten. Wir fragten: „Wer seid Ihr?“ – „Jemeniten.“ – „Aber was treibt Ihr so fröhlich?“ – „Wir bestellen unsere Äcker.“ Die Stimmung war so, daß wir uns fragten, ob wir hier bereits karmathisches Erbe entdeckt hatten. Aber wir mussten uns noch gedulden, bis wir Auskunft bekamen.
Hier einige Passagen aus dem Film, der auf dieser Reise entstand:
Kommunisten seit 1000 Jahren
(…) Die unwegsamen Berge haben das Hohe Jaffa vor dem Zugriff der Kolonialmächte geschützt. Auch fremde Reisende kamen nicht hinein. Wir konnten als erste Ausländer nach den Karmathen Ausschau halten. Von diesen Karmathen wissen die Geschichtsschreiber, daß sie im 9. Jahrhundert eine Revolution entfachten, die das gesamte islamische Reich erschütterte. Dank ihrer geheimen Organisationen haben sie ihre urkommunistischen Lehren von Nordsyrien bis nach Südarabien verbreiten können. Zum ersten Mal setzte eine politische Bewegung bei wirtschaftlichen und sozialen Mißständen an.
Die Karmathen forderten radikale Veränderungen. Ende von Besitz und Profit, Gleichheit der Frau, alle Macht dem Volk und gemeinschaftliche Verwaltung aller öffentlichen Einrichtungen. Ihre Lehren fielen auf fruchtbaren Boden. Nahezu gleichzeitig entstanden Volksrepubliken, Enklaven im Reich der Kalifen. Im Irak, in Syrien, am persischen Golf und im Jemen. Im Jahre 930 stürmten Karmathen sogar Mekka und entführten den Heiligen Schwarzen Stein. (…)
1000 Jahre später drangen englische Truppen bis an den Fuß dieser (im Film gezeigten) Bergfestung vor. Britische Unterhändler durften sogar in die Burg. Was dahinter liegt, blieb Europäern bis heute verborgen.
Hier im Hohen Jaffa mischten sich die Karmathen unter die Stämme. Sie agitierten nur noch heimlich in Zellen und Komitees gegliedert, wie eine Partei im Untergrund. Das Volk, in dem sie untertauchten, trieb regen Handel mit dem übrigen Jemen, mit Saudi Arabien und Aden. Das Hohe Jaffa war ein Schnittpunkt der Karawanenwege. Viele Männer gingen nach Indien, nach Indonesien und Afrika und kamen welterfahren zurück.
Von Aden aus brauchten wir drei Tage, um mit einem Landrover in das 2500 Meter hoch gelegene Bergland zu kommen. Drei Tage für eine Entfernung von nur 150 Kilometern Luftlinie. (…)
Die Dörfer gleichen eher Städten. Eine dicht besiedelte Landschaft mit Häusern aus Steinquadern. Und in jedem dieser Paläste wohnt nur eine Familie. Bauern. Es gibt keine Slums, keine Gettos der Misere. Nur diese burgähnlichen Bauten, die ohne Mörtel oder Zement Jahrhunderte überdauern.
Mit Trommeln werden wir empfangen. Ein Tanz zur Begrüßung. Wie viele dieser Männer Karmathen sind, können wir nicht herausfinden. Bis zum Siege der Revolution 1967 waren sie im Untergrund, und auch jetzt geben sie sich nur zögernd zu erkennen.
Daß hier ein anderer Geist herrscht als in anderen arabischen Gebieten und als selbst im übrigen revolutionsfreudigen Südjemen, wird am deutlichsten an den Frauen. Sie verbergen ihre Gesichter nicht hinter Schleiern oder Masken. Sie werden nicht eifersüchtig von Mann, Vater und Bruder bewacht oder gar eingesperrt. Auch sie arbeiten. Sie müssen Lasten tragen und schuften. Aber nicht, weil ihnen die Männer die Schwerarbeit aufbürden, um selbst die Herren spielen zu können. Hier sind die Aufgaben von Mann und Frau genau verteilt. Die Frauen kümmern sich ums Haus und schaffen Wasser herbei. Sie füttern das Vieh und helfen bei der Ernte. Ausschließlich Sache der Männer ist es, die Häuser zu bauen, das Land zu verteidigen, die Äcker zu bestellen.
Jedes Mal wenn sich die Trommel rührt, sind wir zu Stelle. In der Hoffnung, daß sich die Karmathen endlich zu erkennen geben. Wir haben überall verbreiten lassen, daß wir mit ihnen sprechen wollen. Diesmal wird das Fest umfunktioniert in eine politische Versammlung.
Die Staatspartei verpasst keine Gelegenheit, über die Traditionen an das Volk heranzukommen. (…)
Nach den Schätzungen der Partei ist etwa die Hälfte der Bevölkerung heimlich den urkommunistischen Grundsätzen der Karmathen treu geblieben. Jetzt will sie dieses Erbe in ihren revolutionären Prozeß einbringen. (…)
Während dieser Versammlung kommt ein Mann zu uns und sagt: „Bei uns in El Kweiti sind fast alle Einwohner Karmathen. Aber wir nennen uns heute nicht mehr so. Wir nennen uns „Volk der Wahrheit“. Kommt uns besuchen.
Am Eingang des Dorfes wird uns von einer jungen Frau Wasser und Brot gereicht. Alle Reisenden werden so empfangen. Gesang begrüßt uns. Die Trommel ruft die Männer zum Tanz. Nur einer der Tanzenden schwingt ein Gewehr. Die anderen feiern unsere Ankunft mit Hammer, Säge, Hacke und Sichel. Das also sind mit Sicherheit Karmathen oder Männer der Wahrheit. Der neue Name wurde vor 80 Jahren von Hassan Harun geprägt, auf den die Engländer ein Kopfgeld gesetzt hatten, weil er der Bewegung der Karmathen neuen Auftrieb gab, der bis nach Aden spürbar war.
Der Vater dieses Karmathen hier hat den Erneuerer Hassan Harun noch gekannt und die von ihm geschriebenen Bücher aufbewahrt. Wie dieses, in dem die Lehren des „Volkes der Wahrheit“ aufgezeichnet sind.
„Wir wissen aus diesem Buch, daß die alten Karmathen leidenschaftliche Verfechter der Gerechtigkeit waren und für die Gleichheit der Menschen kämpften. Auch für Gleichheit von Mann und Frau. Im Staat der Karmathen gab es keine Hierarchie.“
„Auch keine Sheiks?“
„Nein, keine. Die Macht lag beim Volk. Die Gemeinschaft bestrafte jene, die sich gegen den Volkswillen stellten, die kollektive Arbeit sabotieren oder Mitmenschen ausbeuten wollten. Sie haben sicherlich all die Brunnen und Terrassen und Moscheen gesehen. Die hätten ohne kollektive Arbeit kaum gebaut werden können.“
Das Eis ist gebrochen, jetzt sprechen sie. Noch zweifeln wir, ob es sich beim „Volk der Wahrheit“ wirklich um Karmathen handelt oder um irgendeine Sekte.
Wir fragen einen der Führer, der Hassan Harun noch persönlich gekannt hat: „Gibt es einen Unterschied zwischen den Karmathen und dem „Volk der Wahrheit?““
„Auch wenn wir mit den Karmathen von einst nicht am gleichen Tisch gesessen haben, eins ist gewiß: unsere Ideen sind die ihren. Karmathen und „Volk der Wahrheit“ sind ein und dasselbe.“
„Wie lebten die Karmathen, als noch die Sheiks hier herrschten?“
„Die Sheiks waren Festungen des Teufels. Sie nahmen dem Volk die Ernte weg. Und wenn sie einen Karmathen entdeckten, brachten sie ihn um. Denn für uns gibt es den Unterschied nicht zwischen groß und klein, zwischen schwarz und weiß. Wir Menschen sind alle aus dem gleichen Stoff geschaffen. Auch die Frau. Sie ist dem Mann gleich. Sei es im Feld, im Haus oder unter den Waffen.“
Wenn die Alten nicht mehr so recht arbeiten können, sorgen sie für die Arbeitenden. Diesen Alten haben wir oft getroffen. Er verteilt Wasser oder Tee und bringt das Essen. Er ist einer der Großen im „Volk der Wahrheit“. In nächtelangen Gesprächen hat er uns die Lehren der Karmathen erklärt. (…)
Er und ein anderer Alter erklären uns, worin eigentlich die Wahrheit besteht, von der immer die Rede ist.
„Ein Mann der Wahrheit zu sein, bedeutet nichts anderes, als das Bewußtsein erlangt zu haben, daß es keinen Unterschied gibt zwischen den Menschen.“
„Das ist es. Wahrheit ist nichts anderes als Gerechtigkeit. Und die wurde früher von den Sheiks und den Engländern mit Füßen getreten.“
„Wenn wir alle aus dem gleichen Stoff geschaffen sind, warum sollen wir es dann hinnehmen, daß einige wenige uns gegeneinander aufhetzen, weil sie Hirngespinste haben oder der Ehrgeiz sie treibt.“
„Ihr glaubt also, daß alle Menschen gleich sind?“
„Gleich vor dem Recht und gleich in jedem Bissen Brot. Gleich in allem.“
„Was haltet Ihr von der Revolution im Südjemen?“
„Die Gedanken und Taten der Partei entsprechen unseren Vorstellungen, seit der Aufstand gegen die Engländer begann. Wir waren die Vorläufer. Und wenn sie nicht vom rechten Weg abkommt, dann ist es auch unser Weg. Alle müssen gleich bleiben. Gleich, bis zum letzten Bissen Brot.“
Zum Abschied nehmen sie den Turban ab und tanzen. Zwei behende Alte zwischen 80 und 90 Jahren.
Auf die Frage nach Gott hatten sie gesagt: „Warum zeigst du nach oben, wenn du von Gott sprichst? Gott ist nicht im Himmel, er ist im Menschen. Wer hat das Feuer geschaffen? Nicht Gott, sondern der Mensch. Deshalb ist er Gott. Wenn es den Menschen nicht gäbe, wer hätte Gott beim Namen genannt und ihn geschaffen, indem er ihn nannte?“ (…)
Bei unseren Gesprächen mit den Männern der Wahrheit erfahren wir, daß bisher nur ein Teil der Karmathen sich zu erkennen gegeben hat und die Linie der Staatspartei bejaht. Jüngere unter ihnen sind der Partei beigetreten, ohne dafür das Volk der Wahrheit zu verlassen. Andere aber bleiben im Untergrund. Sie warten ab. Sie können sich nicht vorstellten, daß eine zentrale Autorität – die Regierung – durch Macht nicht zu Willkür verleitet wird. Sie lehnen jede etablierte Autorität ab. Philosophisch sind sie Anarchisten. In der Praxis verlangen sie Selbstverwaltung. Sie bleiben in der Reserve. Tausendjährige Verfolgung hat sie gelehrt vorsichtig zu sein.
Später wurde uns auch bestätigt, daß es hier kein Privateigentum gab. Alles Land gehörte allen und wurde gemeinsam bearbeitet. Der Ertrag wurde geteilt.
Was wir den Herren in Aden nicht glauben wollten, war tatsächlich Realität. Selbst die Frauen waren den Männer waren gleichgestellt. Ja, es waren die Frauen, die sich selbst ihre Partner aussuchten.
Den Beweis dafür lieferte uns ein Mädchen von etwa 15 Jahren, das vor einem Haus stand, an dem wir öfter vorbeigefahren waren. Eines Tages lief sie hinter uns her und bat uns anzuhalten. Mein französischer Begleiter war ein hübscher junger Mann mit einem verführerischen Schnurrbart. In ihn hatte sie sich vernarrt. Sie erklärte uns, daß sie ihn heiraten wolle. Wir gaben zu bedenken, daß er in Frankreich lebe, und sie, im Falle einer Heirat, ihre Heimat verlassen müsse. Das schien sie nicht zu beeindrucken. Sie fing sogar an, Didiers Hand zu streicheln. Wir versprachen, er wolle sich das noch überlegen. Wir würden wieder vorbeikommen. Das taten wir allerdings nicht und hatten alle, irgendwie, ein schlechtes Gewissen.
Wir waren auch dabei, als ein Abgesandter der Regierung die Ältesten aufforderte, sich der kommunistischen Partei anzuschließen und sich entsprechend zentralistisch zu organisieren. Sie lehnten ab und drohten: „Wenn Ihr uns hier bevormunden wollt, werden wir gegen Euch kämpfen.“
Als ich wieder in Aden eintraf, fragten meine Freunde: „Sag, was hältst du von den
Kommunisten?“
„Das sind keineswegs Kommunisten, das sind waschechte Anarchisten.“
Ich mußte es erläutern. Dann sagten sie: „So wollten wir auch hier leben, aber leider wohnen wir nicht in schwer zugänglichen Bergen, wie die Leute im Hohen Jaffa. Ohne die Hilfe der Russen hätten wir nicht überleben können.“
So entstand ein Film mit dem Titel „Kommunisten seit 1000 Jahren“. Auch das ein Resultat des Kalten Krieges. Hätte ich „Anarchisten“ geschrieben, hätte wohl kaum jemand den Film angesehen.
Was aus den Karmathen geworden ist, weiß ich nicht. Die Russen bauten eine Straße dorthin, und das dürfte viel verändert haben. Man kann den „Fortschritt“ eben nicht aufhalten.
