Während unseres Aufenthaltes im Iran, zu Beginn der 50er Jahre, hatte ich versucht, an der südlichen Golfküste Persiens einen Spielfilm zu drehen. Unsere Freunde in Teheran warnten uns: „Wir werden Euch nie mehr wiedersehen, dort wimmelt es von Banditen.“ Wie konnten die das wissen? Die feine Gesellschaft Persiens kannte ihr Land nicht. Wenn betuchte Iraner verreisten, dann nach Frankreich oder in die USA.
Als wir uns dann der Hafenstadt Bandar Abbas näherten, kam uns eine Frau auf einem Kamel entgegen. Sie trug eine schwarze Maske, die ihr ganzes Gesicht bedeckte. Wenig später begegneten wir weiteren Frauen, die ebenfalls diese Masken trugen. Wir glaubten es mit einer gefährlichen Krankheit zu tun zu haben. Wenig später klärte man uns auf: Anstelle des Schleiers trugen die Frauen Masken: die Sunniten schwarze, die Schiiten orangefarbene. Davon hatte man uns in Teheran nie erzählt. Ja, ich glaube, die gute Gesellschaft wußte nicht einmal davon.
In Bandar Abbas erfuhren wir, daß von dort und anderen kleineren Häfen, Sklaven nach Saudi-Arabien, den Emiraten und Oman verschifft wurden. Meist sollte es sich um Kinder handeln, die entweder entführt oder von ihren Eltern verkauft worden waren. Der Gedanke, darüber zu berichten, wurde zur Obsession. Jetzt, 1964, machte ich mich dahin auf den Weg. Diesmal allein. Das Unternehmen schien mir zu gefährlich, um es mit einer Frau zu bewältigen.
Das Ergebnis war erschütternd. Im „Stern“ war daraufhinzu lesen:
Mit Sklaven unterwegs
Ich habe sie gesehen und mit ihnen gesprochen: Sklaven – Männer und Frauen, die wie Haustiere einem anderen Menschen gehören. Kinder, die von ihrer Mutter getrennt werden können wie kleine Hunde oder Katzen, weil sie als Sklaven zur Welt kommen, als Eigentum des Besitzers ihrer Eltern. Ich traf sie in Saudi-Arabien, im Jemen, in Afrika, in Persien. Sie werden öffentlich verkauft oder heimlich verfrachtet, zur Arbeit gezwungen oder zum Vergnügen.
Zwar gibt es nur noch wenige Länder der arabischen Halbinsel, in denen das Gesetz die Sklaverei erlaubt. Selbst Saudi-Arabien hat sie 1962 abgeschafft – offiziell, auf dem Papier. In Wirklichkeit blüht der Handel mit Menschen wie kaum zuvor. Und das Geschäft ist einträglicher geworden. Die Preise sind gestiegen. Öltantiemen und Wirtschaftshilfe haben die Kaufkraft der Liebhaber und Kunden erhöht. Die neuen höheren Preise haben den heimlichen Händlern das Risiko wieder schmackhaft gemacht. Ein Sklave, der vor zehn Jahren rund tausend Mark wert war, verkauft sich heute für das Fünf- bis Zehnfache, wenn man ihn gesund zur arabischen Halbinsel hinüberbringt.
Mit der Konjunktur ist aber auch die Vorsicht der Händler und ihrer Komplizen gestiegen. Es ist nicht leicht, ja sogar gefährlich, seine Nase in ihre Geschäfte zu stecken.
Vor wenigen Wochen noch wurden zwei französische Lehrer aus Algerien ausgewiesen. Sie hatten gegen den Sklavenhandel protestiert. In Tindouf, an der algerisch-marokkanischen Grenze, hatten sie gesehen, wie schwarze Sklaven gehalten, geraubt oder verkauft wurden. Sie hatten besonders auf den Fall der kleinen Auicha aufmerksam gemacht, die siebenjährige Tochter des Sklaven Muissa. Der Besitzer ihres Vaters hatte sie verkauft. Als die beiden Franzosen die lokalen Behörden aufforderten, diesen Handel zu unterbinden, wurden sie des Landes verwiesen. Die Komplizen der Händler sitzen in den höchsten Stellungen.
Englische Reisende wurden aus Marokko ausgewiesen, weil sie zu auffällig nach Beweisen des Sklavenhandels fahndeten. Ein Amerikaner hatte es fertiggebracht, sich heimlich nach Mekka zu schleichen, der heiligen Stadt des Islam, deren Zugang jedem Christen untersagt ist. Er wollte den Markt fotografieren, auf dem schwarze Sklaven zum Kauf angeboten werden. Er wurde entdeckt und in Stücke gerissen.
Die Liste derer, die ermordet, eingesperrt oder ausgewiesen wurden, weil sie den Sklavenhändlern zu nah auf den Fersen waren, ist erschreckend groß.
Einige zahlen so den Preis für ihr humanitäres Bestreben, die Sklaverei aufzudecken und zu bekämpfen. Andere für ihre Neugier. Die meisten jedoch, weil sie Sensationen suchen, die sich auf unserem Unterhaltungsmarkt ebenso gut verkaufen wie das schwarze Fleisch auf den Sklavenmärkten Saudi-Arabiens. Die Sklaverei ist ein ausgezeichneter Vorwand, um in die schwülen Gemächer der Harems einzudringen und wild zu phantasieren: von Orgien, erotischen Spielchen, Eunuchen und geknebelten Jungfrauen. – Voller Entrüstung natürlich.
Mit ebensoviel Entrüstung wird darauf hingewiesen, daß diese Sklaven aus den neuen afrikanischen Staaten kommen, aus Ländern, die in den Vereinten Nationen sitzen, die UNO Charta über die Menschenrechte unterzeichnet haben, sich fortschrittlich nennen und doch das abscheulichste aller Verbrechen, den Handel mit Menschen, nicht eindämmen wollen oder können. Offiziell ist die Sklaverei dort seit langem verboten, aber immer noch wird „schwarzes Elfenbein“ aus Nigeria, Mali, Mauretanien, dem Kongo, Äthiopien und vielen anderen Staaten über den Sudan, Somalia oder Kenia zu den großen Absatzmärkten gebracht: nach Saudi-Arabien, dem Jemen und den Sultanaten der Südarabischen Föderation.
Weniger schwarz ist die Ware, die aus dem Mittleren Orient kommt. Persien, der Irak, Afghanistan und Pakistan haben die Sklaverei in den zwanziger Jahren abgeschafft, den Raub und den Ankauf von Menschen haben sie jedoch bis heute nicht völlig unterbinden können. Heimlich werden Sklaven an die Küste des Persischen Golfs gebracht und von dort nach Saudi-Arabien, Oman oder Bahrein übergesetzt.
Ich habe eine solche Sklavenkarawane begleitet. Es war in Bandar Abbas, am Persischen Golf. Früher war Bandar Abbas einer der größten Handelsplätze des Mittleren Orients. Es gehörte den Portugiesen, ebenso wie die vorgelagerte Insel Hormuz, die man die
„Perle der Welt“ nannte. Die Fenster der Häuser waren aus Alabaster, die Rahmen aus Gold, die Türen aus Silber, schwere Seide hing über allen Straßen, um Schatten zu spenden, und unterirdische Zisternen im Stil portugiesischer Kathedralen sorgten für Wasser.
Heute ist Bandar Abbas ein armseliger Hafen und Hormuz wenig mehr als ein Ruinenfeld. Von vergangenem Glanz zeugt nur noch der Schmuck der Frauen: portugiesische Goldmünzen, die sie unter den Trümmern der Burgen und Häuser ausgegraben haben.
Ich drehte dort einen Spielfilm und brauchte Statisten. Die Frauen, die ihr Gesicht nicht hinter Schleiern, sondern mit schwarzen Masken verstecken, waren mit wenig Geld leicht zu gewinnen. Schwieriger war es mit jungen Männern und ganz unmöglich mit Kindern. Richtig hysterisch wurde ein zwölfjähriger Junge, als ich seinen Vater um die Erlaubnis bat, einige Szenen mit seinem Sohn drehen zu dürfen.
Wir saßen am Strand. Der junge Ali spielte in unserer Nähe. Als wir einig waren, rief der Vater ihn zu uns und erklärte ihm, daß er mit mir gehen könnte. Ali blickte auf die Hand seines Vaters, in der das Geld noch lag, das ich ihm gegeben hatte. Ich glaube, ich habe noch nie so tiefes Entsetzen auf einem Kindergesicht gesehen. Schritt um Schritt wich der Junge zurück, immer die Augen auf das Geld gerichtet; dann drehte er sich plötzlich um und rannte davon.
„Ali, es ist doch nur für ein paar Stunden“, rief der Vater.
„Er will mich verkaufen“, schrie der Junge, „er will mich verkaufen“, und jagte den
Strand entlang.
Einige Fischer stellten sich ihm entgegen. Auch wir waren hinzugelaufen. Als er sich umzingelt sah, stürzte Ali sich ins Meer. Er weinte mit offenem Mund und schluckte so viel
Wasser, daß er bald erlahmte. Wir konnten ihn einholen, bevor er die tieferen Gewässer erreicht hatte, in denen die Haifische zu Hause sind. Sobald ich ihn anfaßte, schrie er wild auf und versuchte, sich wieder loszureißen.
„Gehen Sie schnell“, sagte der Vater. „Solange er Sie sieht, wird er sich nicht beruhigen.“
Später erfuhr ich, daß Ali Sklave gewesen war. Sein Vater hatte ihn verkauft. Aus Not. Er war ohne Arbeit. Die Familie hungerte. Die Frau war krank. Sie hatten schon einige Tage nichts gegessen, als ein Mann in ihre Hütte trat und tausend Toman (500 Mark) für Ali bot. Um die neunköpfige Familie zu retten, wurde das Angebot angenommen. Selbst Ali war einverstanden. Er war der Älteste unter den Kindern und fühlte sich verantwortlich. Stolz verließ er das Haus, und es ging alles gut, bis er in Oman ankam. Dort wurde er in ein Zelt gesteckt, in dem bereits sieben gleichaltrige Knaben lebten, die ebenfalls aus Persien eingeführt worden waren. Nachts mußten sie den Wärtern Gesellschaft leisten und wurden so auf jene Aufgaben vorbereitet, die ihnen nach dem Verkauf zugedacht waren. Auch das nahm Ali auf sich. In seiner Heimat ist es nicht anders. Dort heiraten sogar Männer einander unter phantastischen und oft kostspieligen Zeremonien.
Als jedoch eines Tages zwei weitere Leidensgenossen gebracht wurden, jüngere Kinder, aus Qatar, brach Panik im Zelt aus: Die beiden Knaben waren kastriert. Ali und seine Freunde wurden ausgepeitscht und in Ketten gelegt, bis sie sich wieder beruhigt hatten. Aber die Angst, daß sie ebenso verstümmelt würden, ließ sie nicht mehr los, und Ali dachte nur noch an Flucht.
Sie gelang. In Dubai schlich er sich auf ein Schiff, das den persischen Hafen Bender-e Lengeh anlief. Von dort wanderte er nach Hause, fast zweihundert Kilometer zu Fuß. Vor der Hütte seiner Eltern brach er zusammen. Seine Mutter war gestorben, aber Ali wurde gesund gepflegt mit dem Geld, für das sein Vater ihn verkauft hatte. (. . . )
Wir reisten im Süden Saudi-Arabiens von der jemenitischen Grenze nach Djissan, einem kleinen Hafen am Roten Meer. In Sukh al-Ahad machten wir in einem Teehaus halt. Unter freiem Himmel standen hohe Bänke, auf denen Männer hockten, Tee tranken und Wasserpfeifen rauchten. Diese Bänke werden nachts als Betten benutzt. Wir wollten hier übernachten und zwei Bänke mieten. Aber sie waren schon alle vergeben. Als wir in unserem gebrochenen Arabisch nach einer anderen Bleibe fragten, kam ein baumlanger Neger und wollte wissen, ob wir italienisch sprächen.
„Ja.“
„Ich heiße Il Grandone“, sagte er und reichte uns die Hand. „Mein Herr bietet Ihnen zwei Betten an.“ Er zeigt in eine Ecke des Platzes, wo ein vornehm gekleideter Araber mehrere Bänke mit seinem Gefolge belegt hatte und uns heranwinkte. Wir setzten uns zu ihm. Im Laufe des Gesprächs fragte ich ihn, wer seine Begleiter seien.
„Meine Diener“, sagte er. „Mein Sekretär“, und zeigte auf Grandone.
„Ihre Sklaven wahrscheinlich!“
„Wenn Sie damit sagen wollen, daß ich sie gekauft habe, ja – aber es ist ein häßliches Wort. Fragen Sie doch selbst, ob mein Sekretär sich als Sklave fühlt.“
Und ich sprach mit Grandone, auf italienisch, in einer Sprache, die sein Herr nicht verstand.
Der große Neger stammte aus dem früher italienischen Eritrea. Obwohl er Mohammedaner war, hatte er bei italienischen Missionaren lesen und schreiben gelernt und dort den Namen Il Grandone (der Riese) erhalten. Auf einer Pilgerfahrt nach Mekka hatte er Schulden gemacht und war gezwungen worden, sich zu verkaufen.
Die unwiderstehliche Frage drängte sich auf: „Möchten Sie nicht lieber frei sein?“
„Ich habe einen guten Herrn“, wich er aus.
„Aber Grandone, kommen Sie, niemand versteht uns hier. Sie können mir alles sagen, was Sie auf dem Herzen haben. Es ist vielleicht das letzte Mal, daß Sie mit einem Europäer sprechen.“
„Ich kenne die Europäer“, sagte er ruhig, „ich habe bei ihnen gelernt und für sie gearbeitet. Sie können die Sklaverei nicht verstehen, weil sie die Araber nicht kennen und auch nicht wissen, was wirkliche Armut ist. – Sicher, bei Euch in Europa möchte auch ich frei sein – wie Sie. Aber bei mir in Afrika – oder gar hier. Nein. Da bin ich als Sklave besser aufgehoben.
Wenn ich krank bin, ruft mein Herr einen Arzt. Ich bekomme regelmäßig zu essen und sogar etwas Geld. Wenn ich einen Fehler mache, schützt er mich vor der Polizei. Aber wer kümmert sich um einen Freien – um einen freien Armen? Der hat keinen Arzt, kein kostenloses Penicillin, nicht einmal satt zu essen. Was bedeutet da noch Freiheit? Überhaupt nichts. Wir Sklaven leben länger als die Armen – ja, viel länger.“
Zum ersten Male höre ich einen Sklaven die sogenannten Entwicklungsländer mit seinen
Maßstäben messen – nicht die „Probleme“ aus westlicher Sicht, nein, den bitteren Alltag.
Bei uns will jeder „mehr“; hier heißt die Alternative „etwas“ oder „gar nichts“ – leben oder langsam verhungern. Und das gilt für zwei Drittel der Menschen zwischen Dakar und Kalkutta. Wenn dieses „Etwas“ die Aufgabe der Freiheit bedeutet, wird damit kaum gezögert, denn die Freiheit ist ohnehin nur der Luxus der Reichen. Nur so kann man verstehen, weshalb dieser Mann seinem Schöpfer dankt, ein Sklave zu sein. Sklave bedeutet Besitz, und der wird überall auf der Welt geschützt und gut behandelt, während der freie Arme der Feind des armen Freien ist – ein Sklave ohne Status.
Dies ist, um Gottes willen, keine Rechtfertigung der Sklaverei. Sie ist und bleibt eines der scheußlichsten Verbrechen der Menschen gegen den Menschen. Es schien mir jedoch wichtig, die sozialen Hintergründe des heutigen Menschenhandels zu zeigen: Es ist Handel mit der Armut.
Ebenso wichtig scheint mir ein Hinweis auf den propagandistischen Mißbrauch der Sklaverei. Ich spreche von der Entrüstung, mit der von Sklavenhandel in Afrika und der arabischen Halbinsel geschrieben wird. Seit die neuen afrikanischen Staaten unabhängig geworden sind, häufen sich die Anklagen gegen sie.
Abgesehen davon, daß meistens die gleichen abgedroschenen Beispiele als persönliche Erlebnisse angeboten werden, zeichnen sich alle diese Berichte durch die gleiche Tendenz aus: Sie versuchen, den Eindruck zu vermitteln, daß es doch eigentlich verfrüht war, Völkern die Unabhängigkeit zu geben, die nicht einmal imstande sind, den Handel mit ihren eigenen Menschen zu unterbinden. Sie wollen damit die Vorstellung erwecken: Die jungen Staaten sind nicht reif genug, um unabhängig zu sein.
