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Scherzverwandtschaften und Schutzengel –  Südsudan 1966

Der Film den wir 1963 von den königstreuen Stammeskämpfern aus dem Jemen mitgebracht hatten, lief in Frankreich in einer der angesehensten Sendungen des dortigen Fernsehens, in „Cinq Colonnes à la Une“ („Fünfspaltig auf Seite 1“).

Der Verantwortliche für die Ausstrahlung damals machte keinen Hehl daraus, für den französischen Geheimdienst zu arbeiten. Er hatte gemeint, wir könnten noch Spektakuläreres im Südsudan filmen. Da hatten die Stämme, meist Christen und Animisten, sich gegen den Anspruch des Nordens erhoben, sich zum Islam zu bekehren. Er empfahl uns, den französischen Konsul in Kampala, der Hauptstadt von Uganda, aufzusuchen. Der könnte uns helfen.

Drei Jahre später waren die Kämpfe immer noch nicht beendet. Im Herbst 1966, entschlossen wir uns, nach Kampala zu fliegen. Der Konsul war informiert und hatte schon alles vorbereitet. Wir erreichten unbehelligt die Grenze zum Sudan: einen Fluß.

Sieben Männer und vier Frauen vom Stamme der Kakua erwarteten uns am anderen Ufer. Die Frauen trugen Lendenschurze. Der Rest ihrer „Bekleidung“ bestand aus rituellen Narben. Drei der Männer trugen Hemd und Hose und hatten Gewehre bei sich. Die übrigen waren halbnackt.

Wir mußten über den Fluß schwimmen. Die Frauen nahmen Marie-Claude in ihre Mitte, zwei Männer schwammen neben mir. Es gab Komplikationen mit Treibholz und Krokodilen, und wir konnten nur dank größter Anstrengungen gerettet werden. Am anderen Ufer umarmten wir uns alle. Eine rührende Szene, die nach Bruderschaft aussah.

Anschließend wurde im Wald gegessen, aber da waren wir wieder getrennte Gruppen. Wir saßen auf einer Zeltbahn, unsere Retter hockten 20 Meter entfernt auf dem nackten Boden. Obwohl wir sie immer wieder aufforderten, sich zu uns zu setzen, lehnten sie ab. Am nächsten Tag war es nicht anders. Doch diesmal machten wir nicht den Fehler, sie zu uns zu bitten, sondern nahmen unser Essen und setzten uns zu ihnen. Die Diskussion, die dadurch ausgelöst wurde, dauerte die ganze Nacht.

Sie hatten uns das Leben gerettet, doch mit uns essen, das glaubten sie nicht zu dürfen. Einer so intimen Beziehung fühlten sie sich nicht würdig. Nach langen Palaver kam es an den Tag: Sie waren überzeugt, keine wahren Menschen zu sein. Höher entwickelte Affen vielleicht. Aber Menschen nicht. Noch nicht.

Wir hatten uns einiges über die Kakua angelesen. Ein paar italienische Missionare, ein englischer Ethnologe und zwei weiße Söldner waren durchgekommen. Die Kakua galten als Kannibalen, was den Überlegenheitsanspruch der Weißen wahrscheinlich noch verstärkt hatte.

Die Missionare hatten erklärt, daß alle Schwarzen mit unsichtbaren Affenschwänzen auf die Welt kämen und diese erst abfallen würden, wenn sie sich taufen ließen. Erst dann könnten sie sich langsam zu wahren Menschen entwickeln.

Auch Lesen und Schreiben müßten sie zunächst einmal lernen.

Einer hatte sich taufen lassen und italienisch gelernt.

Dann hatte die Regierung in Khartum die Missionare vertrieben und die Islamisierung des

Südens befohlen. Wieder wurde den Kakua gesagt, daß sie keine Menschen wären, solange sie Allahs Lehre nicht befolgten. Viele wurden zwangsbekehrt. Auf Widerspenstige wurde Jagd gemacht wie auf wilde Tiere.

Die Fragen des englischen Ethnologen waren wie richterliche Verhöre im Gedächtnis haften geblieben. Die Söldner hingegen hatten den Männern beigebracht, mit modernen Waffen umzugehen. Ihr Einfluß war eher ein guter, denn sie waren gekommen, um diesen Menschen zu helfen, ihre Lebensart zu bewahren.

All das wurde uns in jener Nacht erzählt, und immer wieder hieß es: Was haben wir nur getan? Welche Schuld haben wir auf uns geladen? Warum haben uns böse Mächte so arg mitgespielt?

Solche Fragen waren vor der Ankunft der Araber und Europäer hier nicht gestellt worden. Es hatte Nachbarn gegeben, die anders waren, etwas heller oder dunkler, vielleicht tüchtiger im Jagen oder weniger vertraut mit den Tieren. Sie hatten ihre Tänze und Sitten, und man hatte seine eigenen. Man konnte von anderen lernen, aber Vorbild waren sie nicht. Diese Arroganz hatten erst die Araber und Europäer. Aus dem „Nicht-so-sein“ wie andere, wurde das „Noch-nicht-so-sein“. Was konnten wir mit diesen Erkenntnissen anfangen? Worte können Situationen klären, aber Verhalten nicht ändern.

Da kam plötzlich der Christ auf mich zu und rief: „Du bist auch nicht besser als die anderen. Dabei bist du klein, ja häßlich und fummelst großkotzig mit deinen Apparaten herum. Die haben sicher einen Haufen Geld gekostet, oder hast du sie gestohlen?“

Ich glaubte, wir hätten etwas falsch gemacht, dann aber dämmerte mir, daß hier ein Ritual begonnen hatte. Dieser Mann bot mir seine Freundschaft an. Dieses Ritual ist in vielen Teilen Afrikas üblich und heißt „Scherzverwandtschaft“. Da wirft man sich alle gängigen Vorurteile an den Kopf, und zum Schluß haben alle ihren Sinn verloren. Man ist verwandt.

Plötzlich ruft der mich wütend anschauende Mann: „He, Besserwisser, komm her und schneid mir den Affenschwanz ab.“

Ich gehe hin, zücke mein Messer, und schneide ihn ab. Ich nehme den unsichtbaren Schwanz und stecke ihn an mein Steißbein.

„So jetzt bin ich ein Wilder wie du.“

„Und was macht ein Wilder?“

Ich tanze, klopfe mir auf die Brust, brülle in den Wald.

„Ich war viel wilder“, sagt der Mann, dem ich den Schwanz abgeschnitten hatte.

Da hör ich auf zu tanzen, geh auf die Knie und bitte ihn, mir den Schwanz abzuschneiden.

„Niemals. So wirst du Afrika verlassen und nie mehr fröhlich sein. Deine Frau wird dich verlassen, weil du dumm geworden bist.“

Uns fielen noch viele Beleidigungen ein. Zum Schluß umarmten wir uns, und er sagte: „Jetzt bist du mein Bruder.“

Als wir dann auch noch Läuse kriegten und uns gegenseitig lausten, war der Mythos von der menschlichen Überlegenheit des weißen Mannes endgültig dahin.

In der ersten Ortschaft, die wir erreichten, wurden wir einem Franzosen vorgestellt, der augenscheinlich über modernste Funkgeräte verfügte. Paris hatte ihm unsere Ankunft angekündigt. Als wir weiterzogen, begegneten wir in einem anderen Dorf einem Engländer, der eine ähnliche Ausrüstung in seinem Büro hatte. Ihm war es gelungen, eine für den Franzosen bestimmte Waffenlieferung, die von französischen Flugzeugen abgeworfen wurde, zu seinem Lager umzuleiten. Er jubelte, und wir begriffen endlich, daß es hier um eine der alten Fehden zwischen Engländern und Franzosen ging.

Sie hatten sich schon immer ihre Einflußsphären gegenseitig streitig gemacht. Jetzt unterstützten die Engländer die Regierung in Khartum. Der Sudan hatte ja einmal zu ihrem Kolonialreich gehört. Für die Franzosen war der Aufstand des Südens eine willkommene Gelegenheit, den Engländern Paroli zu bieten.

Aber nicht genug der ausländischen Einmischung. In einem anderen Dorf trafen wir Aufständische, die von israelischen Offizieren beraten wurden. Einige der dortigen Südsudanesen waren sogar in Israel ausgebildet worden. Wir erfuhren, daß Israel jede Gelegenheit wahrnahm, gegen arabische Staaten zu kämpfen.

Was wollten wir hier eigentlich noch? Wir hatten geglaubt, über einen von keiner fremden Macht gesteuerten Freiheitskampf berichten zu können. Aber weit gefehlt.

Wir waren hier gar nicht willkommen. Denn auch der Regierung in Khartum schien unsere Präsenz nicht zu gefallen. Wahrscheinlich hatten ihre englischen Verbündeten sie informiert.

Auch die Regierung von Uganda schien besorgt. Sie hatte nämlich den Israelis den Weg ins Rebellengebiet geöffnet. Also einigten sich beide Länder, die ersten fremden Journalisten, die hier „eingedrungen“ waren, zu eliminieren.

Als unsere Begleiter uns darüber informierten, meinte ich: „Kein Problem. Wir werden uns einfach ergeben.“ Da lachten sie nur und sagten: „Dann wirst du umgebracht und deine Frau wird vergewaltigt.“

Also, nichts wie auf und davon. Aber wohin?

Man schlug uns Zaïre vor, den mittlerweile unabhängig gewordenen belgischen Kongo. Das war 600 Kilometer entfernt, aber wir machten uns zu Fuß auf den Weg. Unsere Begleiter, Angehörige des Stammes der Dinka, waren alle etwa zwei Meter groß. Für einen ihrer Schritte brauchten wir drei.

Wir erreichten dennoch die Grenze zu Zaïre. Dort verhandelten unsere Beschützer mit den Grenzwachen, und wir erhielten schließlich die Erlaubnis, die Grenze zu überschreiten. Wir fühlten uns frei. Wir hatten aber nicht mit der Geldgier unserer neuen Beschützer gerechnet. Sie transportierten uns von einem Buschgefängnis ins nächste und verlangten für jeden  Happen, den wir aßen, eine Menge Geld. Sie hatten uns auch unsere Pässe abgenommen. Erst nach einer Woche setzten sie uns in ein Flugzeug, das uns in die Hauptstadt Kinshasa bringen sollte. Wir atmeten auf.

Neben mir saß ein Mann, ein Europäer, der mich immer wieder anschaute. Schließlich sagte er: „Sind Sie nicht der ‚Stern‘-Reporter Gordian Troeller? Ich habe die Zeitschrift abonniert, weil ich meine Deutschkenntnisse nicht verlieren möchte. Ihr Bild habe ich dort oft gesehen.“

Ich sagte: „Ja, der bin ich.“ und erzählte ihm unsere Geschichte. Er meinte: „Da kommen Sie wohl nicht mehr lebend raus. Im Augenblick ist hier ‚Négritude‘ angesagt, die Verherrlichung afrikanischer Lebensart. Da wird jeder weiße Mann als Söldner betrachtet und entsprechend behandelt.“

Als wir in Kinshasa ankamen, wurden wir sofort verhaftet. Marie-Claude kam in ein Frauengefängnis, ich in eins, in dem hauptsächlich Homosexuelle eingesperrt waren.

Aber zwei Tage später waren wir frei. Der Mann, der im Flugzeug neben mir gesessen hatte, ein Belgier, war schnurstracks zur französischen und luxemburgischen Botschaft gelaufen und hatte über unseren Fall berichtet. Daraufhin machten sich die Botschafter, die die Situation kannten, auf den Weg von einem Gefängnis zum anderen. Schließlich fanden sie uns und holten uns raus.

Sie brachten uns sofort zum Flugplatz, wo angeblich unsere Pässe auf uns warten sollten. Doch sie waren nicht da. Auf dem Flugplatz hatte eine Maschine ihre Motoren schon angeworfen. Ich legte mein letztes Geld auf den Tisch und stürzte mit Marie-Claude ins Flugzeug. Die Botschafter hatten uns Erster Klasse Tickets besorgt. Wir sahen aber so abgerissen aus und rochen so, daß alle Passagiere die Nase rümpften. Die Botschafter hatten auch den Pariser Flughafen informiert, so daß wir ohne Gepäck und ohne Pässe problemlos in Frankreich einreisen konnten. Leider kannte ich den Namen und die Adresse des Belgiers nicht; so konnte ich  mich nicht einmal dafür zu bedanken, daß er uns das Leben gerettet hatte.

Ich bin wirklich ein Glückspilz. Mein ganzes Leben lang habe ich nur gemacht, was mir Spaß machte, und damit mein Geld verdient. Selbst aus den gefährlichsten Situationen kam ich unbeschädigt heraus. Wenn ich an Gott glauben würde, könnte ich mir vorstellen, einen Schutzengel zu haben. Aber vielleicht ist mein Name und die Herkunft meiner Vorfahren für mein Glück verantwortlich. Die stammen aus Norwegen, und dort gibt es die Trolle. Die sollen über übernatürliche Kräfte verfügen. Vielleicht wacht ja einer von ihnen über mich. Mein Name spricht dafür, daß wir vielleicht einmal dazugehört haben. Das E nach dem O in Troeller wurde erst in Frankreich hinzugefügt, wo meine Ururgroßeltern sich niedergelassen hatten.

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