Aber zurück zu ernsteren Problemen. In Madagaskar hatten 1972 Volksaufstände zum Sturz der Diktatur geführt. Militärs übernahmen die Macht. Durch Volksentscheid erhielten diese den Auftrag, die Verträge zu kündigen, die Madagaskar – über Frankreich – an die Wirtschaft Europas ketteten. Die neuen Machthaber sollten auch die Franzosen zwingen, ihre militärischen Stützpunkte auf der Insel zu räumen.
85% der madagassischen Wirtschaft lag in Händen von Franzosen. Nach zwölfjähriger politischer Selbständigkeit wollten die Madagassen jetzt auch ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit erzwingen. Gewalt war vorprogrammiert.
Wir gingen dorthin, weil Madagaskar als Schulbeispiel für die Verarmung der sogenannten Entwicklungsländer gelten konnte.
Experten waren sich einig: Madagaskar – 8 Millionen Einwohner – könnte 100 Millionen ernähren. Dennoch grenzte die Verarmung bereits an Hungersnot. „Unser Thema“ – wie Radio Bremen es nannte – bestätigte sich auf exemplarische Weise: Hunger, Arbeitslosigkeit und Verelendung sind keineswegs ein Naturzustand der Länder der „Dritten Welt“, sondern das Produkt der wirtschaftlichen Abhängigkeit von den Industrienationen.
Hier eine kurze Textpassage aus dem Film, den wir 1973 aus Madagaskar mitbrachten:
Die Revolution der kleinen Leute
Zu welchen Exzessen die Logik der Kolonisierung führen kann, wird im Süden des Landes am deutlichsten: Bis zum Krieg gegen Kakteen.
Dank eines Riesenkaktus, den man hier Raquette nennt, hatte das Volk der Antandroy für sich und seine Rinderherde eine originelle Existenzmöglichkeit gefunden. Die Menschen ernährten sich von der Frucht des Kaktus und von der Milch und dem Fleisch ihrer Tiere. Und während der Trockenheit konnten die Rinder dank der saftigen Kakteen überleben.
Aus der Sicht der Kolonialherren hatte dieses System einen grundlegenden Fehler: Die Antandroy hatten es nicht nötig, für Fremde zu arbeiten. Und da sie Dickköpfe sind, konnte auch die Kopfsteuer sie nicht dazu bewegen. Sie versteckten sich einfach im Labyrinth ihrer Kakteenfelder, aus denen selbst die gefürchteten Kolonialtruppen aus Senegal sie nicht vertreiben konnten. Da begannen die Soldaten, die Kakteen zu fällen. Und um sie schneller auszurotten, wurde ein Insekt eingeflogen – die Schildlaus.
Innerhalb von zwei Jahren zerstörte die eingeführte Schildlaus alle Kakteen der Gegend.
300.000 Rinder starben. Eine Hungersnot brach aus, die bis heute anhält.
Im Vorspann zu diesem Film hatte ich dargelegt, daß die Amerikaner in Vietnam mit ihrer
Entlaubungskampagne nur wiederholten, was die Franzosen vorgemacht hatten.
Seither ist keiner unserer Filme mehr im französischen Fernsehen gelaufen. Wir kamen auf eine schwarze Liste.
Wenn es um das Ansehen der „Grande Nation“ geht, sind sich alle Franzosen einig: Sie sind die Größten. Ob Kommunist, Sozialist oder Rechtsradikaler. Irgendwann haben sie ja mal eine wichtige Revolution gemacht und die Menschenrechte erfunden. Diese in ihrem Kolonialreich zu respektieren, ist ihnen aber nie in den Sinn gekommen.
Wir hatten früher schon ähnliche Erfahrungen mit den französischen Medien gemacht. Als wir 1962 im „Stern“ eine kritische Reportage über den Algerienkrieg veröffentlicht hatten, wurde der Verkauf des „Stern“ in Frankreich sechs Wochen lang verboten, und die großen Tageszeitungen widmeten uns hämische Artikel. Der Tenor: Die Deutschen wollen von ihrer Nazivergangenheit ablenken, indem sie die zivilisierten Großtaten der Kolonialmächte als Menschenrechtsverletzungen anprangern.
Einige Auszüge aus dem beanstandeten Bericht:
„De Gaulle ist ein Schwein.“ – „Wem sagst du das?“ – „Ein Verbrecher.“ – „Ich kann ein Lied davon singen.“ – „Hast du noch Schmerzen?“ – „Brandwunden.“ – „Was haben sie gemacht?“ – „Zuerst die Badewanne.“ – „Wie oft?“ – „Sechsmal.“ – „Und dann?“ – „Strom.“ – „Wo?“ – .„Da, wo du denkst.“ – „Wer waren die Schweine? Mobilgarde, Polizei, Sonderkommando?“ – „Find dich zurecht.“ – „Elle est foutue, la France – Frankreich ist kaputt.“
Die beiden Männer, die so sprechen, sind Offiziere der französischen Armee. Ich kenne Pierre, den Oberst, seit 1945. Zu jener Zeit war er einer der Helden der französischen Befreiungsarmee. „Mein Leben für eine menschliche Welt“, pflegte er zu sagen. Und er meinte es so.
Ich frage, warum er sich so verändert habe.
„Vergiß nicht: Sieben Jahre lang haben alle Regierungen – einschließlich De Gaulle – unsere Art der Befriedung gekannt und gebilligt: Massenausrottung. Zwangsumsiedlung von Millionen, Folter und Gehirnwäsche wurden geduldet oder sogar gefordert. Siegen mit allen Mitteln, hieß der Befehl eines sozialistischen Ministers. Willst du weiterhören, wie man zur Verzweiflung getrieben wird?“
Ich nicke nur, denn ich kann nicht widersprechen.
„Die FLN (algerische Befreiungsfront) nannten sie ausländische Agitatoren, von Moskau bezahlte Verbrecher, Kommunisten ohne Gefolge. Und wenn irgendein Intellektueller an unseren Befriedungsmethoden Kritik übte, dann besudelte er die Ehre des Heeres und wurde gerichtlich verfolgt – vom Kriegsministerium. Und nun sollen die Ströme von Blut umsonst gewesen sein. Die Kommunisten ohne Gefolge, die ausländischen Verbrecher, die Werkzeuge Moskaus, wie man sie nannte und gegen die man uns hetzte, werden plötzlich Freunde Frankreichs und Herren Algeriens.“
„Im Namen des Rechts der Algerier auf Selbstbestimmung“, werfe ich ein.
„Recht ist der Wille des Besseren“, sagt er gelassen.
„Rassendünkel?“
„Nein, besser ist nicht die Rasse – besser sind die Werte, die ein Volk oder eine Gruppe der Nation verkörpert.“
Er reißt die Tür auf: „Madeleine“, ruft er, „wo um Himmels Willen bleiben die Kinder?“
Pierre breitet die Arme aus und sie stürzen sich zu ihm. Er umschlingt sie alle. Wie frisch gepflückte Blumen drückt er ihre Köpfe gegen sein Gesicht.
„Laßt uns beten“, sagt er.
Die Kinder schließen die Augen. Madeleine ist hinzugetreten. Sie legt ihre Hände auf die Köpfe und wie eine Stimme erhebt sich das Vaterunser. Anschließend sagen sie ein selbstgedichtetes Gebet, das so endet: „Mach Frankreich groß, und beschütze alle, die wir lieben.“
Unwillkürlich knüpfe ich diese Worte an das vorausgegangene Gespräch. Sie liegen auf der gleichen Ebene.
Ja, hier beginnt die irre Logik, die Rechtfertigung des Verbrechens: „Alle, wir lieben“ kann nur ein Gefühl erzeugen, daß es Menschen gibt, die wir nicht lieben können oder nicht lieben wollen. Menschen, die des Schutzes Gottes unwürdig sind. Für diese Kinder wird die Welt heute schon in zwei Gruppen geteilt: Wir – die mit Gott sprechen und deshalb gut und edel sind – und die anderen.
Die Kinder sind sichtlich gerührt.
Es ist schwer, nicht sentimental zu werden. Es gelingt mir nur, weil ich weiß, daß viele
Folterknechte gute Väter sind und ihre Hunde verwöhnen, daß man die Seinen innigst lieben und die Lieben der anderen kaltblütig töten kann. Man kann ein guter Mensch sein, ein biederer Bürger, ein treuer Freund – und ein Mörder.
Pierre ist ein Mörder. Er hat es mir selber gesagt. Ich werde nie die Nacht vergessen, in der er davon sprach.
Es war im Sommer 1958. Wir waren bei gemeinsamen Freunden eingeladen und mußten das einzige Gästezimmer teilen. Pierre hatte viel getrunken. Damals betrank er sich systematisch, bis er todmüde ins Bett fiel.
In der Nacht werde ich von lautem Stöhnen geweckt.
„Nimm die Augen weg“, höre ich Pierre schreien. „Die Augen, reiß sie raus. Zum Teufel, tritt drauf. Bitte, bitte, bitte.“
Ich stehe auf und rüttle ihn wach. Als er mich endlich erkennt, sagt er: „Sie schaut mich immer noch an“, und dann: „Hol was zu trinken, bitte, sonst kommt sie wieder.“
Als ich mit dem Wein zurückgekommen bin und wir lange schweigend getrunken haben, fragte ich, wer ihn nachts anschaut.
„Die Kabylin“, sagte er. „Ich hatte das ganze Magazin in ihren Leib geleert. Sie wollte nicht sterben. Sie setzte sich langsam hin, als sei sie ein wenig müde. Nur deshalb blickte ich hin – und ich sah ihre Augen. Erstaunte Augen, ohne Haß, ohne Angst. Nur ungläubige Verwunderung.
Dann griff sie nach ihrem Säugling, der tot neben ihr lag, und preßte ihn gegen den blutenden Leib. Und die Augen weinten. Nur die Augen, die weit offenen Augen. Sie kommen jede Nacht.“
„Mußtest du sie töten?“
„Wir haben das ganze Dorf erledigt. Es war nicht das erste Mal. Tu nicht so, als ob du nichts wüßtest. Ganz Frankreich weiß davon. Krieg ist Krieg. Auf Terror können wir nur mit Terror antworten.“
Da muß sich jeder, der so denkt, die Frage gefallen lasse: „Wer hat mit dem Terror angefangen?“ Die Kolonialmächte. Wer denn sonst? Auf ihren Eroberungszügen waren sie keineswegs zimperlich. Ob Franzosen, Portugiesen, Italiener oder Engländer. Ja, auch die Deutschen. Als sie Togo besetzten und die einheimischen Männer sich mit Pfeil und Bogen verteidigten, schnitten sie allen Erwachsenen, derer sie habhaft wurden, Zeigefinger und Daumen ab. So waren sie auch zur Jagd und zu anderen Arbeiten nicht mehr fähig.
