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Berichterstattung in Zeiten des Krieges –  Vietnam 1966

Während wir in Afrika für fünf weitere Folgen der Frauen-Serie recherchierten, hatten sich die Amerikaner in Vietnam als skrupellose Mörder hervorgetan: Nach dem Abzug der französischen Kolonialmacht 1954 hatte sich in Nordvietnam eine von China und Sowjetrussland unterstützte sozialistische Republik etabliert. Im Süden des Landes riß nach einigen Umstürzen eine von den USA protegierte Militärjunta die Macht an sich. Gegen die bald folgende militärische Einmischung der Amerikaner flammte der alte antikoloniale  Widerstand wieder auf. Ab 1965 gab es einen systematischen Luftkrieg der USA gegen Nordvietnam. In Südvietnam operierten US-Bodentruppen, gegen die Befreiungsbewegung, den Vietkong.  Die Amerikaner warfen mehr Bomben über dem kleinen Land ab als während des ganzen Zweiten Weltkriegs gegen die Nazis. Sie sprühten sogar das dioxinhaltige „Agent Orange“ über die Wälder, um die Bäume zu entlauben und somit die geheimen Pfade des Vietkongs sichtbar zu machen.

Wir unterbrachen die Frauen-Serie und flogen nach Südvietnam. Als wir zurückkamen, bat mich Gert von Paczensky um ein Interview für seine Zeitschrift „deutsches panorama“. Darin veröffentlichte er in der Mai-Ausgabe unser Gespräch unter dem Titel

Wie Sie getäuscht werden

panorama : In Kriegszeiten häufen sich die Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit. Wie steht es damit in Vietnam?

Troeller : Es gibt viele Faktoren, die eine objektive Berichterstattung unmöglich machen. Dazu gehören in erster Linie die Barriere der Sprache, die Unkenntnis der asiatischen Mentalität, die Beschränkung des Milieus, zu dem ein ausländischer Journalist Zutritt hat und natürlich die Gefahr, der er sich aussetzen muß, wenn er mehr erfahren will als das, was offizielle Stellen ihm mitteilen wollen.

Es ist nahezu unmöglich, mit Vietnamesen ins Gespräch zu kommen, die nicht zum bürgerlichen, westlich orientierten Milieu der großen Städte gehören. Was man dort erfährt, sind die Wunschträume einer Klasse, deren Existenz ausschließlich vom Schutz der amerikanischen Streitkräfte abhängt. Der ausländische Korrespondent befindet sich somit in einer Art Spiegelkabinett, in dem ihm das von der amerikanischen Propaganda gezeichnete Bild tausendfach zurückgeworfen wird.

Wenn er sich im Inneren des Landes umsehen will, ist er auf amerikanische Hilfe angewiesen. Die meisten Dörfer sind nur im Hubschrauber zu erreichen, denn es geht über Vietkong-Gebiet, das man auf dem Landwege nicht durchqueren kann. Im Dorf findet er Menschen, die ebenfalls unter amerikanischem Schutz stehen und sich entsprechend verhalten. Meist handelt es sich um Flüchtlinge aus der Kampfzone, die in ruhigeren Gegenden neu angesiedelt werden.

Lehnt der Journalist es ab, sich auf Dörfer zu beschränken, die zur Regierungstreue verpflichtet sind, dann muß er feststellen, daß die Städte und amerikanischen Stützpunkte belagerte Festungen sind, aus denen er nur unter Lebensgefahr und gegen den Willen der Regierung heraus kann. (…)

So ist es im ganzen Land. Wer aus den belagerten Städten herauskommen will, muß heimlich die Sperren der südvietnamesischen Armee umgehen. Vietnamesen und Amerikaner sehen es nicht gern, wenn Journalisten ins Niemandsland vordringen oder sogar Gebiete erreichen wollen, in denen der Vietkong und seine nationale Befreiungsfront (FNL) Herr und Meister sind. Gelingt es doch, dann wird der Betreffende bei seiner Rückkehr stundenlang verhört und tut besser daran, das Land zu verlassen.

Gewöhnlich muß ein Journalist sich also mit jenen Informationen zufrieden geben, die er in Saigon oder anderen größeren Städten erhalten kann.

panorama : Welche Informationsquellen gibt es, und wie zuverlässig sind sie?

Troeller : Die Pressedienste der vietnamesischen Regierung und der Vereinigten Staaten sind die Hauptinformationsquellen. Auf militärischer Ebene gibt es keine anderen, es sei denn, man ist mit vietnamesischen oder amerikanischen Offizieren befreundet, deren heimliche Geständnisse oder offenen Verzweiflungsausbrüche nicht selten zu den offiziellen Nachrichten im Widerspruch stehen.

Auf politischer Ebene gibt es natürlich die üblichen Kontakte: katholische Würdenträger, Studentenführer, buddhistische Mönche, Leute der Regierung usw. Mit ihnen kann man ohne Schwierigkeiten ins Gespräch kommen, obwohl alle, die nicht mit dem Regierungschef General Ky einverstanden sind, streng überwacht werden.

Weit wichtiger als die Informationsquellen scheint mir die Einstellung der meisten Journalisten zu sein. Sie akzeptieren widerspruchslos die These, mit der die Vereinigten Staaten ihr militärisches Engagement in Vietnam zu rechtfertigen versuchen, nämlich: im Namen eines nach Freiheit strebenden Volkes (Südvietnam) einen Angriffskrieg aus Nordvietnam abzuschlagen.

Nur Journalisten, die einen so großen Namen haben wie Walter Lippmann, scheinen es sich erlauben zu können, die Dinge ins rechte Licht zu rücken.

Lippmann schrieb in dem amerikanischen Nachrichten-Magazin Newsweek: „Die blinde Annahme, daß der Vietnamkonflikt eine Aggression aus dem Norden sei, die mit Hitlers Einmarsch in Polen und den Niederlanden zu vergleichen wäre, hat die Regierung zu dem unerklärten, rechtswidrigen und strategisch nutzlosen Bombenkrieg gegen Nordvietnam getrieben.(…)

Vergleichen wir doch einmal die Zahlen: Amerikanische Quellen in Vietnam behaupten, daß rund 20 000 Mann nordvietnamesischer Truppen im Laufe der letzten Jahre nach  Südvietnam geschleust worden seien. (Im Gegensatz zu den aufgeblähten Zahlen, die Washington verbreitet.) Gleichzeitig aber sind nahezu 140 000 südvietnamesische Soldaten zu den Vietkong übergelaufen. Im übrigen verfügt die FNL (nationale Befreiungsfront) über mehr als 400 000 Partisanen südvietnamesischer Herkunft.

Auf seiten des Vietkong sind somit über fünfhunderttausend Menschen in diesen Kampf verwickelt und nur 20 000 davon sollen aus dem Norden kommen. Dieser Prozentsatz ist so gering, daß es grotesk ist, von einem nordvietnamesischen Angriff zu sprechen. (…)

Kurzum: In Vietnam haben wir es weder mit einem Angriffskrieg aus dem Norden noch mit einer Kabale des internationalen Kommunismus zu tun. Dort tobt ein Krieg, sicherlich – aber es ist einerseits ein Befreiungskrieg gegen fremde Einmischung, andererseits eine Revolte gegen korrupte Führung, soziale Ungerechtigkeit und militärische Willkür.

Selbst wenn der Norden darin verstrickt ist, so ist das sein gutes Recht, denn legal sind Nord- und Südvietnam nach wie vor eine Nation. Washington hingegen kann sich kaum auf eine Klausel des internationalen Rechtes stützen, um die amerikanischen Bombenteppiche zu rechtfertigen, es sei denn, die Zustimmung der Militärdiktatur in Saigon, die „made in USA“ ist.

Revolutionen werden nicht immer in Moskau oder Peking organisiert. Es gibt soziale Situationen und geschichtliche Momente, in denen ein Volk seine Revolution machen muß, wenn es nicht untergehen will. Die Vereinigten Staaten haben es auch einmal getan und müßten eigentlich wissen, daß es Bürgerkriege gibt, für die kein „Kommunist“ verantwortlich zu sein braucht.

Im Gegenteil, verantwortlich sind einzig und allein jene Herren, die durch Gewalt zur Macht kamen und sich durch Terror halten. Sie sind es, die revolutionäre Erhebungen herausfordern. Sie aber genießen nur zu oft den Schutz der USA. (…)

Ein Journalist, der widerspruchslos die amerikanischen Thesen hinnimmt, kann natürlich nicht mehr objektiv berichten. Viele scheinen ähnlich zu reagieren wie ein Offizier des amerikanischen Geheimdienstes, mit dem ich in Vietnam lange Gespräche führte. Er war zu der Überzeugung gekommen, daß die USA nur noch eine winzige Minderheit der Bevölkerung hinter sich haben und deshalb Vietnam so schnell wie möglich verlassen sollten, um wenigstens ihr moralisches Prestige wieder herzustellen.

Als ich ihn fragte, wie Washington auf solche Berichte reagiere, blickte er mich verständnislos an.

„Aber so etwas berichte ich doch nicht nach Washington“,  meinte er.

„Warum nicht?“ wollte ich wissen.

„Weil ich dann sofort versetzt würde.“

Als ich immer noch nicht begreifen wollte, fuhr er fort: „Verstehen Sie denn nicht? Meine ganze Karriere würde darunter leiden. Ich kann doch keine Informationen weiterleiten, die den Zielen unserer Kriegführung widersprechen. Wie würde ich dastehen? Wie ein Verräter. Ein Zweifler zumindest. Ein Defätist.“

panorama : Haben Sie deutsche Kollegen getroffen – welche? Wie arbeiten sie?

Troeller : Ja, einen – den Vertreter der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Während der letzten schweren Krise war er der einzige Vertreter der deutschen Presse in Vietnam. Ich traf ihn in Saigon. Er konnte nicht in die umkämpften Städte des Nordens gehen, um von dort aus eigener Sicht zu berichten, weil deutsche Hilfsaktionen in Saigon eingeweiht werden mußten. Der Rummel um ein paar Kisten aus der Bundesrepublik war natürlich wichtiger als der Kampf der Buddhisten um freie Wahlen.

Ich möchte nichts gegen die beruflichen Qualitäten dieses Mannes sagen. Ganz im Gegenteil: Er arbeitet sich buchstäblich zu Tode. Eigentlich ist sein Hauptsitz Hongkong. Von dort muß er ganz Südostasien bearbeiten.

Stellen Sie sich vor: Ein Mann, ganz allein, in der explosivsten Gegend der Welt. Vor Monaten wurde er nach Vietnam beordert, und da sitzt er nun in einem Hotelzimmer und soll über diesen Krieg berichten. Wenn seine Frau nicht wie eine Besessene jeden Tag zehn Stunden helfen würde, wäre dieser Mann wahrscheinlich schon unter der Erde. Und seine Frau erhält keinen Pfennig dafür, nicht einmal das Gehalt einer Sekretärin, obwohl sie die Arbeit eines zweiten Korrespondenten mit viel Sachkunde verrichtet.

Die Amerikaner, Engländer, Franzosen, Japaner usw. haben riesige Büros mit einem Haufen Personal und Informanten in allen Ecken des Landes. Es wäre unfair, die dpa englischen oder amerikanischen Agenturen zu vergleichen. Aber nehmen wir Frankreich, das wirtschaftlich schwächer ist als die Bundesrepublik und wo weit weniger Zeitungen gelesen werden:

Die AFP (Agence France Presse) beschäftigt in Saigon fünf Franzosen und ein Dutzend Vietnamesen. Anzahl und Qualität des Personals entspricht der internationalen Bedeutung des Vietnamkonfliktes. Um informiert zu sein und berichten zu können, brauchen die Franzosen sich nicht mit der amerikanischen Propaganda abzufinden. Wenn sie täglich einen Mann zu den Pressekonferenzen der Amerikaner schicken, so geschieht dies nicht, um „informiert“ zu sein, sondern um unter anderem auch den offiziellen Standpunkt Washingtons zu kennen.

Der dpa-Mann hängt jedoch ausschließlich vom Nachrichtendienst der Vereinigten Staaten ab. Da er allein ist, bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als brav das amerikanische Material zu sammeln und anschließend nach Hause zu kabeln.

Das erklärt vielleicht, warum die Berichterstattung über Vietnam in vielen deutschen Zeitungen so aussieht, als habe man die amerikanische Propaganda mit der Lupe gelesen.

Die Presse anderer Länder berichtet viel objektiver. Ich glaube kaum, in Japan, England, Frankreich oder Schweden gefragt zu werden, wieviel Rotchinesen ich in Vietnam gesehen habe. Das aber ist mir in Hamburg passiert. Als ich dem Fragesteller klarmachte, daß es überhaupt keine Rotchinesen in Vietnam gibt, fragte er mich ganz verblüfft, auf wen die USA denn ihre Bomben werfen. Und dieser Mann liest regelmäßig zwei Tageszeitungen.

„Aber warum wollen die Amerikaner mit Peking und Hanoi über den Frieden verhandeln“, fragte er mich weiter, „wenn sie mit denen gar nicht im Krieg sind?“

Ja, das gehört auch ins Kapitel der amerikanischen Propaganda. Die USA tun so, als ob es die FNL gar nicht gäbe.

Auch die Franzosen haben seinerzeit dieses Spiel gespielt. Während des Algerienkrieges sprachen sie den Freiheitskämpfern jede Autonomie ab. Paris behauptete damals, der Kampf der Algerier werde von Kairo aus gesteuert. Er sei keineswegs ein Streben nach nationaler Unabhängigkeit, sondern lediglich der getarnte Versuch Nassers, ganz Nordafrika unter seine Fuchtel zu bringen.

Genau so operieren heute die Amerikaner. Sie lancieren ihre „Friedensoffensiven“ in Richtung Hanoi und Peking und erwecken so den Eindruck, daß dort die eigentlichen Unruhestifter am Werk sind, obwohl sie genau wissen, daß der einzig entscheidende Gesprächspartner in Südvietnam sitzt und „Nationale Befreiungsfront“ heißt. Gegen wen müßten sie sonst eine Million Soldaten ins Feld führen (eigene und fremde), um sich mühsam in den Städten halten zu können? Ich wollte hiermit nur zeigen, wie lückenhaft die deutsche Berichterstattung ist – wie provinziell sie ist, mag aus folgendem Beispiel hervorgehen:

Als ich nach der Niederlage von Da Nang wieder in Saigon eintraf, fand ich den dpa-Vertreter und seine Frau völlig erschöpft vor. Sie waren nicht etwa durch Kugelhagel oder Gasbomben gerannt. Nein. Sie waren zwei Tage lang auf allen Märkten der Hauptstadt herumgelaufen, um ausfindig zu machen, ob deutsche Medikamente unter der Hand verkauft würden. Ja, Sie haben richtig gehört: Während in Da Nang Buddhisten ermordet wurden, während in Hué das amerikanische Konsulat in Flammen aufging, während es in Saigon um die Zukunft General Kys und den Verbleib der USA ging, forderte man aus der Bundesrepublik dringend Nachricht, ob deutsche „Liebesgaben“ auf dem Schwarzmarkt verschachert würden, und dies nur, weil die „Bildzeitung“ es behauptet hatte.

Die Bedeutung einer Nachricht wird am „deutschen Aufhänger“ gemessen und nicht an ihrem Informationswert für Menschen, die sich eine Meinung über das Weltgeschehen bilden möchten.

Um nochmals Frankreich zum Vergleich anzuführen: Während der gleichen Krise waren außer den ständigen AFP-Leuten mehr als zwanzig französische Journalisten in Vietnam. Aus der Bundesrepublik werden sie erst dann in Scharen anrücken, wenn das Lazarettschiff „Helgoland“ im Hafen von Saigon anlegt. Dann besteht endlich ein „deutsches Interesse“, dann wird endlich dieser Krieg, dessen Ausweitung eines Tages jeden von uns unmittelbar angehen kann, auch für die deutsche Presse wichtig genug sein, aus nächster Nähe betrachtet zu werden.

Und wie das aussehen wird, kann ich Ihnen genau sagen. Die Journalisten werden in amerikanischen Flugzeugen einige Minuten „Touristen des Todes“ spielen. Das ist die Gratisattraktion, so eine Art Riesenrad im Zirkus des Krieges. Man darf beim Feindflug dabeisein und zusehen, wie Bomben und Napalm auf Menschen geworfen werden. Wer das Glück hat, neben einem netten Piloten zu sitzen, darf sogar selbst auf den Knopf drücken, der Tod und Verderben auslöst. So etwas ist anscheinend noch aufregender als der Anblick eines brennenden Buddhisten.

Im Hubschrauber oder Geleitzug kann man auch noch ein regierungstreues Dorf besuchen und einige Gefangene ausfragen. Prominente dürfen General Ky, Botschafter Lodge oder General Westmoreland ein paar Fragen stellen, die schon tausendmal beantwortet wurden – und die Rundfahrt ist zu Ende. Es gibt dann ein paar Vietnamspezialisten mehr.

panorama : Gibt es noch andere Deutsche in Vietnam, und wie denken diese über den Krieg?

Troeller : Ich habe Ärzte getroffen, die an Universitäten lehren und gleichzeitig kleine Krankenstationen im Niemandsland betreuen – dort werden sie fast wie Heilige verehrt.

Für das Ansehen der Bundesrepublik ist ein solcher Arzt natürlich wertvoller als zehn Lazarettschiffe. Von ihm weiß die Bevölkerung, daß seine Hilfe selbstlos geschenkt wird und nicht zum Schaugeschäft der Politik gehört.

Da diese Männer nicht nur im Cocktailgetto der großen Städte zu Hause sind, sondern buchstäblich den Puls des Volkes fühlen, weichen ihre Anschauungen über diesen Krieg natürlich weit von der offiziellen Propaganda ab. Was sie wirklich denken, darf ich Ihnen leider nicht mitteilen, denn es ist ihnen laut Vertrag nicht gestattet, ihre politischen Erfahrungen der Öffentlichkeit anzuvertrauen.

panorama : Zensieren die Amerikaner oder die Ky-Regierung die Berichte der Korrespondenten?

Troeller : Nein, für ausländische Journalisten gibt es keine Zensur. Nur die Berichterstattung der inländischen Presse wird von der Regierung kontrolliert.

Ich möchte unterstreichen, daß die Amerikaner in ihrem Bereich den Journalisten keine Hindernisse in den Weg legen. Im Gegenteil, sie unterstützen die Arbeit der Presse. Sie sind hilfsbereit, wie ich es selten in einem Krieg erlebt habe.

panorama: Kann man sich im großen und ganzen auf die amerikanischen Berichte über den Krieg verlassen? Werden die Verluste, die eigenen und die des Vietkong, annähernd richtig wiedergegeben?

Troeller: Ich habe bereits die „Sicht“ erwähnt, aus der die USA – und in ihrem Gefolge der Großteil der westlichen Journalisten – den Krieg betrachten. Aus dieser Sicht ist eine objektive Berichterstattung unmöglich.

Man kann dies am besten beurteilen, wenn man selbst Augenzeuge von Ereignissen war und hinterher die Berichte der Zeitungen liest: Die Rolle der USA wird geschönt, die Aktion der Gegner, selbst der Buddhisten und Studenten, abgewertet oder lächerlich gemacht. Tatsachen werden entstellt oder einfach unterschlagen.

Ich möchte jedoch nicht verallgemeinern. Es gibt amerikanische Zeitungen, die sich um völlige Objektivität bemühen, und je länger dieser Krieg dauert, desto mehr werden es. In den USA wird heute weit kritischer über Vietnam berichtet als zum Beispiel in der Bundesrepublik.

Was die Verluste angeht, so wird natürlich geschwindelt. Zum Beispiel: Ein Dorf im Vietkong-Gebiet wird zunächst mit Bomben belegt und dann widerstandslos genommen. Die Leichen der Frauen und Kinder werden schnell verscharrt. Es kann sich ja nicht um Rebellen handeln, und ihre Erwähnung im Kriegsbericht würde nur Unheil anrichten.

Man zählt also nur die toten Männer. In einem Fall, den ich kenne, waren es neunzig.

Diese Zahl wird veröffentlicht, unter der Rubrik: getötete Vietkong. Im ganzen Dorf aber wurden nur zwölf Gewehre gefunden. Wahrscheinlich waren also nur zwölf Rebellen anwesend, als die Bomber zum Todesstoß ansetzten. Die übrigen Toten sind einfache Bauern, deren Schicksal es wollte, daß sie auf diesem unglücklichen Flecken der Erde zur Welt kamen. Sie werden trotzdem als Vietkong „verkauft“. So beruhigt man sein Gewissen und kann Siege feiern. (…)

Von Vietnam flogen wir nach Laos, um bei der Botschaft Nordvietnams eine Einreisegenehmigung zu beantragen. Die wurde abgelehnt. Der zuständige Presseattaché meinte: „Wir wissen, daß Ihr uns freundlich gesinnt seid, aber Journalisten wie Ihr können uns nicht helfen. Wir haben nur wenige Dolmetscher. Wen wir einladen müssen, das sind amerikanische Journalisten der bürgerlichen Presse. Die sollen in den USA berichten, was ihre Truppen bei uns anrichten.“

Diese Politik zahlte sich aus. Es waren tatsächlich die Berichte amerikanischer Journalisten, die die öffentliche Meinung mobilisierten. Unter ihrem Druck lenkte die Regierung schließlich ein und schloß Frieden mit Vietnam.

Ich hatte auch den Auftrag linker Italiener, dem Vietkong vorzuschlagen, aus dem Vietnam-Krieg einen internationalen Krieg zu machen. Das Vorbild: der Spanische Bürgerkrieg. Sie wollten in mehreren Ländern Europas Freiwillige rekrutieren, die auf Seiten des Vietkong kämpfen sollten. Deren Vertreter in Laos lachte mich aus. „Ihr Europäer seid viel zu fett. In unsere Tunnel kommt Ihr gar nicht hinein. Und dann werdet Ihr auch noch all die tropischen Krankheiten bekommen. Ihr würdet uns das Leben nur erschweren. Vielen Dank, aber bleibt bitte zu Hause.“

Wir reisten weiter nach Thailand. Bangkok war mittlerweile zum Bordell der amerikanischen Soldaten verkommen. Wann immer sie Urlaub hatten, eilten sie dorthin, denn in Vietnam gab es damals wenig Prostitution.

Wir wollten herausfinden, woher all diese Mädchen kamen, fuhren in den Norden Thailands und besuchten einige Dörfer. Die Mehrzahl der Bewohner waren arme Bauern. Wir begegneten vielen elend aussehenden Gestalten und erfuhren, daß viele Familien ihre Töchter in die Hauptstadt schickten, um dort als Prostituierte Geld zu verdienen. Sie hatten erfahren, daß die Amerikaner mit Dollar bezahlten und erwarteten, einige davon abzubekommen

Die Amerikaner brachten ganz Süd-Ost-Asien Unheil. Sie kämpften in Vietnam und hatten eine Theorie entwickelt, die sie Domino nannten. Sie waren überzeugt, wenn Vietnam kommunistisch bliebe, würden auch die übrigen Länder Südostasiens wie Dominosteine, eines nach dem anderen dem Kommunismus zum Opfer fallen. In Indonesien hatte die kommunistische Partei beträchtlichen Einfluß. Die Amerikaner forderten von der dortigen Regierung, die Partei zu zerschlagen, und zwar radikal. Daraufhin wurden hunderttausende von Indonesiern in wenigen Tagen niedergemetzelt. Da Wissenschaftler das Recht haben, nach 30 Jahren geheime Akten zu konsultieren, ist das heute in amerikanischen Dokumenten nachzulesen.

Aber zurück nach Hamburg.

Auf das Vietnam-Interview mit Paczensky reagierte Nannen ziemlich sauer: „Wie sollen wir jetzt Ihre Reportage veröffentlichen, wenn das Wichtigste schon in „Panorama“ steht?“

Er druckte unsere Artikel dennoch ab.

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