Einen Schutzengel hatte ich wohl auch drei Jahre später im Irak dabei. Die Medien hatten gemeldet, daß der Irak die DDR anerkannt hatte und daß eine Delegation der DDR in den Irak reisen würde, um ihrerseits das dortige Regime anzuerkennen. Der „Stern“ schickte mich nach Bagdad, um die verantwortlichen Herren zu interviewen. Das Visum für den arabischen Staat, der seit 1965 keine diplomatischen Beziehungen mehr zur Bundesrepublik unterhält, bekam ich in Paris. Da ich Luxemburger bin, war das nicht schwierig. Auf Empfehlung französischer Freunde hatte ich von der Botschaft des Irak in Paris sogar einen Brief mitbekommen, in dem der irakische Außenminister um ein Interview gebeten wurde.
Im Generalkonsulat der DDR, über dem stolz die Hammer-und-Zirkel-Fahne flatterte, wurde ich vom Presseattaché, Walter Prade, freundlich empfangen, ja sogar bewirtet. Er versprach, Herrn Winzer, den Außenminister, um ein Interview zu bitten und mir die Erlaubnis zu verschaffen, beim großen Empfang in der Residenz des zukünftigen Botschafters fotografieren zu dürfen. Doch am nächsten Tag klang Prades Stimme gar nicht mehr freundlich: Ich dürfe weder Herrn Winzer interviewen noch am Empfang teilnehmen.
Dennoch wollte ich Fotos mit nach Hamburg bringen. Ich stellte mich deshalb am Ufer des Tigris auf, wo das irakische Ministerium für Presse und Tourismus eine Bootsfahrt für die DDR-Delegation organisiert hatte. Von diesem Ministerium war ich offiziell akkreditiert, mit Presseausweis und Fotografier-Erlaubnis.
Als sich die Delegation aufs Schiff bemüht, schieße ich einige Fotos. Daraufhin kommt ein blonder Hüne auf mich zu. „Fotografieren verboten. Wir wissen genau, für wen Sie arbeiten“, stößt er hervor, „Sie kommen nie aufs Schiff.“ „Darüber müssen die Iraker entscheiden“, sage ich, „denn wir sind hier nicht in der DDR.“
Nachdem sie kurz die Köpfe zusammengesteckt haben, bemüht sich der irakische Außenminister Sheikhly zu mir und bittet mich, etwas geniert, das Feld zu räumen.
Das soll mein einziges Gespräch mit Herrn Sheikhly bleiben. Am nächsten Tag klingelt das Telefon in meinem Zimmer im Hotel „Baghdad“. „Freunde warten in der Halle auf Sie. Bitte kommen Sie sofort.“
In der Halle werde ich von zwei Fremden in die Mitte genommen und in rasendem Tempo in die Zentrale des Sicherheitsdienstes gefahren. Keine Erklärung. Kein Wort, als eine schwere Eisentür hinter mir verriegelt wird. Ich muß mich in einem langen Gang auf einen abgenutzten Gartensessel setzen. Genau gegenüber, auf einer Holzbank, sitzen sieben junge Männer, die mit ihren Maschinenpistolen herumspielen. Und die sind stets, wie durch Zufall, auf meinen Bauch gerichtet.
Nach drei Stunden führt mich ein liebenswürdig aussehender Herr mit Brille und biederem Bäuchlein in sein Büro. „Sie sind doch Deutscher.“
„Nein, ich bin Luxemburger.“
„Unseren Informationen zufolge sind Sie ein Westdeutscher, der sich mit einem luxemburgischen Paß die Einreise verschafft hat. Sie haben doch unbedingt die DDR-Delegation fotografieren wollen.“
„Ja.“
„Na, sehen Sie.“
So geht es stundenlang. Andere Beamte kommen hinzu. Der Chef des Sicherheitsdienstes bemüht sich persönlich. Man will wissen, wen ich gesprochen, was ich fotografiert und was ich mir notiert habe. Warum ich nicht eine Sammlung meiner Artikel dabei habe, um zu beweisen, daß ich ein Freund der Araber sei. Ich solle endlich gestehen, daß ich von den Bonner Imperialisten geschickt worden sei, um Zwischenfälle zu provozieren usw. Das Kreuzverhör in der irakischen Sicherheitszentrale läuft sich langsam tot. Ich verweigere jede weitere Auskunft und verlange, daß mein Empfehlungsschreiben aus Paris, das ich im irakischen Außenministerium abgegeben habe, herausgesucht wird. Um 8 Uhr abends bin ich frei.
Selbstverständlich war mein Hotelzimmer durchwühlt worden.
Als ich am nächsten Morgen das Hotel verlasse, um zum Flugplatz zu fahren, werde ich von einem Taxi frontal angefahren und zu Boden geschleudert.
„Tut mir leid, keine Bremse“, sagt der Chauffeur grinsend auf englisch.
Noch benommen verlange ich, sofort die Polizei zu holen.
Doch dann bringt mich ein anderer Chauffeur zur Besinnung. „Seien Sie froh, daß Sie noch leben“, sagt er, „und machen Sie, daß Sie hier wegkommen.“
