Für Peseten kann man alles kaufen – aber Peseten zu haben, ist das Privileg jener wenigen Auserlesenen, die an der Macht sind und diese Macht ausnutzen, um noch reicher zu werden. Madrid, Barcelona, Valencia, alle Prunkstädte Spaniens sind die Symbole dieser Zusammenballung von Kapital, das man unerbittlich aus dem Lande herauspumpt, um es in unproduktivem Luxus anzulegen. Hinter dieser Fassade leben Männer ohne Hoffnung, Frauen mit versteinerten Gesichtern, Kinder ohne Zukunft. Die Herren des Landes haben die Peseten. Aber für das spanische Volk ist das tägliche Brot nicht der selbstverständliche Verdienst getaner Arbeit, sondern der fragliche Erlös eines bitteren täglichen Kampfes.
„Hier können Sie nicht stehen bleiben. Hier ist strengstes Parkverbot.“
Wir halten in einer Straße, wo rechts und links, hinten und vorn viele andere Wagen parken. Ich mache den Wachtmeister darauf aufmerksam.
„Die haben besondere Erlaubnis“, schreit er, „Sie können hier nicht halten.“
„Na schön, wenn es besondere Bestimmungen für Ausländer gibt“, murmele ich vor mich hin und lasse den Motor wieder anspringen. Dabei sehe ich, wie fünfzig Meter vor mir ein anderer Polizist neben einem anderen Wagen verhandelt. Für den scheint es auch verboten zu sein. Oder nicht? Anstatt wegzufahren, öffnet ein Chauffeur in blauer Livrée die Tür, überquert die Straße und steuert auf einen elegant gekleideten Herrn zu, der gelangweilt auf einer Café-Terrasse seinen Manzanilla schlürft. Sie sprechen einen Augenblick zusammen, dann sehe ich, wie der Herr in seine Tasche greift und dem Chauffeur etwas in die Hand drückt. Kaum ist dieser wieder bei seinem Wagen angekommen, da verschwindet dieses Etwas im Handumdrehen in der Tasche des Polizisten, der nachlässig davonschlendert.
„Ach so“, sage ich zu meinem Polizisten, „das hätten Sie mir doch gleich sagen können. So viel Anschauungsunterricht war gar nicht nötig.“
Ich gab ihm 5 Peseten. Er nimmt sie zögernd. Etwas schüchtern sagt er: „Ausländer kennen die hiesigen Verhältnisse nicht . . . “ Dann dreht er sich ohne ein weiteres Wort um und geht seinem Kollegen nach.
Als wir auf dem Bürgersteig stehen und suchend die Straße hinunterblicken, steht er wieder neben uns.
„Wo wollen Sie hin?“ fragt er liebenswürdig.
„Zum Luftfahrtministerium.“
Er erklärt uns umständlich den Weg, und plötzlich, ohne Übergang, sagt er: „Sie müssen verstehen, ich verdiene 1120 Peseten im Monat (80 DM) . . . “
Das Luftfahrtministerium gehört zu jenen unzähligen Monumentalbauten der letzten 20 Jahre, mit denen Franco, durch die bewußte Kopie des Escorialstils, eine ebenso bewußte Beziehung zwischen jener ruhmreichen Epoche Spaniens und seinem Regime herstellen will.
Als wir eintreten, verlieren wir uns zunächst in einem Labyrinth von marmorbelegten
Treppen und Gängen. Es sieht prunkvoll aus. Weniger prunkvoll ist das Büro, in das man uns endlich führt, und wo ich nach Manolo Greco frage, dem wir von Freunden aus Barcelona eine Botschaft zu überbringen haben.
„Herr Greco ist nicht hier“, lautet die lakonische Antwort.
„Aber er arbeitet doch hier.“
„Ja, am besten erreichen Sie ihn zwischen 12 und 15 Uhr.“
„Ist er denn nicht fest angestellt?“ will ich wissen.
„Aber natürlich.“
Der Beamte, der mir antwortet, kritzelt in einem Heft und hat bis jetzt nicht einmal
aufgeblickt.
„Wo ist er denn jetzt zu erreichen?“ frage ich wieder.
Der kleine Mann im grauen, abgeschabten Anzug dreht sich müde nach mir um. Seine
Augen drücken kein Interesse, kein Erstaunen, nichts aus.
„Im Kino“, sagt er.
„Während der Bürostunden im Kino?“
Sein Gesicht verzieht sich einen Augenblick, als versuche er zu lächeln.
„Ja, aber er sitzt an der Kasse.“ Etwas bestimmter, energischer fügt er hinzu: „Er muß arbeiten, um seine vier Kinder zu ernähren. Hier verdient er nur 1400 Peseten (100 DM).“
Er dreht sich wieder seinem Heft zu und flüstert: „Ich wasche nachts Autos.“
Jeden Tag begegnen uns Beispiele dieser Art. (…)
Vor dieser Not hat Franco seine Prunkbauten errichtet, um die Größe seiner Mission zu demonstrieren.
Nach der Veröffentlichung aller fünf Folgen und der guten Resonanz bei den Lesern, schenkten mir Nannen und Bucerius, der Chefredakteur und der Verleger des „Stern“, eine Flasche Champagner. Die Kollegen waren sauer, aber ich fühlte mich wie ein König. Spanien unter dem Diktator Franco war jedoch für uns wieder ein verbotenes Land geworden.
Von nun an wurden im „Stern“ alle unsere Themenvorschläge ohne Wenn und Aber angenommen.
Über einen besonders ausgefallenen Vorschlag wurde sogar im Fahrstuhl entschieden. Dort trafen wir uns zufällig, und Nannen fragte: „Troeller, was haben Sie vor?“ Gerade hatte mich ein französischer Freund, der in Madagaskar lebte, zu Weihnachten eingeladen. Er hatte eine besondere Art, sein soziales Engagement unter Beweis zu stellen: Er lud Bettler und Landstreicher zum Essen ein und einmal im Jahr sogar die Prostituierten.Diesmal sollte das zu Weihnachten stattfinden. Ich sagte zu Nannen: „In Madagaskar lädt man mich zu einem Hurenball ein, das könnte ein Thema sein.“ „Nichts wie hin“, meinte er, „das kann ja mal ausnahmsweise was Unpolitisches werden.“
