Ein Nachmittag war entscheidend für eine andere wichtige Reportage. Im Königreich Nordjemen hatten Offiziere sich gegen den König, den Imam El Badr, erhoben und ihn zur Flucht nach Saudi-Arabien gezwungen. Sie wollten das Land, das sich bis dahin jeglichem fremden Einfluß verweigert hatte, modernisieren und hatten die Republik ausgerufen. Wir hatten schon einige Tage vorher von den Unruhen gehört, und Marie-Claude wälzte Bücher und Artikel, um zu verstehen, was sich dort abspielte. Beim Mittagessen erzählte sie mir, was sie herausgefunden hatte.
Anschließend ging ich in die Kneipe, in der Nannen oft mit einigen Mitarbeitern aß. Ihr Gesprächsthema: der Jemen. Ganz beiläufig erzählte ich, was ich eben von Marie-Claude erfahren hatte. Nannen hörte, fast ungläubig, zu. Ich zitierte viele Details, die nur mit der Situation Vertraute kennen konnten. Daraufhin rief Nannen: „Ich bin ein Idiot. Ich habe Gillhausen und Heldt beauftragt, dort hinzufahren, aber Sie sind doch der Mensch, der so viel in der Welt herumgekommen ist. Sie werden das übernehmen.“
Unsere erste Station im Jemen: Aden, die Hafenstadt im Süden der arabischen Halbinsel. Damals noch britisches Protektorat. Wie aber in die Stammesgebiete des Nordjemens kommen, in das Reich des gestürzten Imam El Badr? Unter der Regierung des Imams war das Land von der Außenwelt völlig abgeschlossen worden. Wir gingen zum Sammelpunkt der Lastwagen und Taxis und fanden einen Jeep, dessen Besitzer schon mehrmals im Nordjemen gewesen war.
Unterwegs sahen wir viele Männer, die alle eine deutlich geschwollene Backe hatten. „Das muß eine furchtbare Krankheit sein“, meinte Marie-Claude, „laß uns umkehren.“ Der Chauffeur klärte uns auf: „Keine Angst. Das sind Qatblätter, eine wohltuende, leichte Droge, die hier alle nehmen, Frauen wie Männer. Die muß man kauen und in der Backe mit Speichel vermischen.“
Auch am Grenzpunkt hatten alle dicke Backen. Wir erklärten den Grenzposten, daß wir einem Aufruf des Außenministers der neuen Republik gefolgt seien. Der hatte im Radio verkündet, daß alle Journalisten willkommen seien.
Einen Einreisestempel gab es noch nicht, aber wir durften weiterreisen.
In Sanaa, der Hauptstadt des Nordjemens, suchten wir vergebens nach einem Hotel. Unser Chauffeur riet uns, zum Palast der Revolution zu fahren. Dort residierte die neue Regierung. Es wimmelte von ägyptischen Offizieren. Allein Ägypten unter dem Präsidenten Nasser unterstützte die aufständischen Offiziere.
Wir wurden herzlich willkommen geheißen. Marie-Claude erhielt das schönste Zimmer des Palastes. Zwei ägyptische Offiziere wurden ausquartiert, um der einzigen Frau im Palast Platz zu schaffen Wir saßen bei jeder Mahlzeit am Tisch der revolutionären Regierung und waren noch nie so schnell an wichtige Informationen herangekommen.
Diesmal ging es nicht darum, eine Serie zu schreiben. Es handelte sich um brennende Aktualität. Wir mußten schnell zurück. Die Revolutionäre boten uns ihr Flugzeug an, das einzige, über das sie verfügten. Eine russische Maschine. Stalin hatte sie einmal dem Imam geschenkt. Die Besatzung inbegriffen. Unter dem Titel „Ein Tag wischt 1000 Jahre aus“ veröffentlichte der „Stern“ unseren Artikel.
Die Bundesrepublik war der erste westliche Staat, der die Regierung der neugegründeten Jemenitischen Arabischen Republik anerkannte. Man gab uns zu verstehen, daß unser Artikel den Ausschlag gegeben hätte.
Wir waren keineswegs stolz darauf, denn mittlerweile hatten wir begriffen, daß wir mit unseren Sympathien für den Umsturz den Resten unseres Eurozentrismus aufgesessen waren. Denn im Jemen vor der Revolution hatten wir es keineswegs mit einer rückständigen Gesellschaft zu tun.
Die sechs Millionen Einwohner lebten zwar nicht im Überfluß, aber sie hatten alles, was sie brauchten. Die Architektur war prachtvoll. Reiner Luxus. Wir hatten gelesen, daß die meisten Jemeniten Analphabeten seien, doch die kleinsten geschäftlichen Vereinbarungen wurden schriftlich festgehalten. Nur gab es keine Institution, die, wie die Schule, das Monopol der Wissensvermittlung hat. Man lernte von den Eltern, was diese zum Überleben gelernt hatten. Es gab keine Armen, keine Bettler, keine Elendsviertel. Der Binnenmarkt deckte alle Bedürfnisse der Bevölkerung. Dennoch hatten wir für die Revolution Partei ergriffen. Wir glaubten immer noch an das, was im Westen als Fortschritt gilt.
Als wir 1972, zehn Jahre später, wieder in den Jemen fuhren, trauten wir unseren Augen nicht: Die Landwirtschaft war ruiniert, überall herrschte Korruption, prächtige Bauten waren dem Erdboden gleichgemacht worden, um Straßen für die mittlerweile eingeführten Autos zu bauen und moderne Hotels für die Touristen.
Auch das Berufsethos der Jemeniten fiel dem Fortschritt zum Opfer. Früher sorgten strenge Regeln für die Sicherung der Chancengleichheit. Alle Mitglieder eines Berufsstandes hatten die gleichen Rechte und Pflichten. Von jetzt an entschied allein die Konkurrenz.
Was wir zunächst als Beginn der „Entwicklung“ gefeiert hatten, war in Wirklichkeit der Beginn der „Unterentwicklung“. Es fiel uns wie Schuppen von den Augen, und wir prägten den Begriff der „Vor-Unterentwicklung“. So bezeichneten wir einen Zustand, in dem die Wirtschaft eines Landes ausschließlich auf die Bedürfnisse der Bevölkerung ausgerichtet ist. Erst wenn ein Land in den Welthandel eingeklinkt wird, wenn seine Wirtschaft den Gesetzen des Weltmarkts ausgeliefert ist, erst dann beginnt jener Prozeß, den wir heute „Unterentwicklung“ nennen.
Damals, 1962, glaubten wir jedoch noch an die Möglichkeit einer gerechten, demokratischen Modernisierung, wie der folgende Auszug aus der „Stern“- Reportage „Ein Tag wischt 1000 Jahre aus“ zeigt:
(…) Kein Zweifel, die Ägypter sind beliebt. Man betrachtet sie als die großen gelehrten Brüder, die selbstlos zu Hilfe eilen. Wir sind mit ihnen durch das Land gefahren. Überall wurden sie wie Befreier gefeiert. Hieraus darf man aber nicht schließen, daß die neuen Männer im Jemen von den Ägyptern bevormundet oder gar beherrscht werden. Dafür sind sie zu stolz. Die fast krankhafte Empfindlichkeit der Jemeniten ist sprichwörtlich. Und jeder der führenden Männer läßt klar durchblicken, daß es hier ausschließlich um den Jemen geht, wo Außenstehende zwar helfen, jedoch unter keinen Umständen befehlen dürfen.
Im übrigen wird – wie nach jeder Revolution – die jetzige Regierung der jungen Republik kaum sechs Monate überleben. Die Ministerposten wurden in der Eile nach revolutionären Verdiensten verteilt. Männer, die in Gefängnissen saßen, wurden belohnt und geehrt. In kurzer Zeit werden Fachleute sie ablösen.
Sie sind schon unterwegs. Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben über eine Million Jemeniten im Ausland Zuflucht gesucht. Sie wohnen in Djibuti, in Äthiopien, Ägypten, in Europa und Amerika. Viele haben studiert. Jetzt wollen Tausende zurück. Sie werden den Kern der Verwaltung bilden.
Auch spezialisierte Arbeiter wird es zur Genüge geben. Wahrscheinlich zu viele. In der britischen Kronkolonie Aden arbeiten hunderttausend Jemeniten aus dem Norden. Auch viele von ihnen wollen zurück in die Heimat. Vor den Gewerkschaftsbüros rotten sie sich täglich zusammen und fordern Transportmöglichkeiten. „Wir wollen die Republik verteidigen“, rufen sie. „Gebt uns Lastwagen und Gewehre.“
Fünftausend sind bereits im Nordjemen angekommen, wo sie sich freiwillig zur Nationalgarde gemeldet haben. Um einer Massenabwanderung vorzubeugen, haben die Engländer schnellstens die Löhne erhöht. Es nützt nichts.
„Wir versuchen, sie zu halten, denn was sollen diese Facharbeiter im Nordjemen, der noch keine Industrie hat“, erklärte uns der Generalsekretär der Gewerkschaften in Aden. „Wir verfügen im Augenblick über viel wirksamere Mittel, der jemenitischen Revolution zu helfen.
Wenn die Engländer ernsthaft versuchen sollten, den Imam El Badr oder seinen Onkel Hassan zu unterstützen, organisieren wir einen Generalstreik und legen den ganzen britischen Stützpunkt lahm. Wir haben achtzehntausend Mitglieder und kontrollieren siebzigtausend Arbeiter. Das sind bessere Waffen als ein paar Flinten. Und wie soll der Nordjemen heute all diese Fachkräfte einsetzen? Wie soll er sie ernähren?“
Die gleiche bange Frage hörten wir in der Hauptstadt Sanaa. Sie und die materielle Zukunft des Landes beschäftigen die verantwortlichen Männer mehr als die Flucht des Imams El Badr oder die Gefechte an der saudi-arabischen Grenze. Dort wird es noch lange Unruhen geben.
Im Norden wohnen die wenigen Nomaden des Landes, die diesseits wie jenseits der Grenze zu Hause sind. Sie waren seit jeher käuflich. Im Augenblick bezahlt Saudi-Arabien besser. Mit Gold. Aber hier werden keine entscheidenden Schlachten geschlagen. Es wird ein wenig gemordet und geplündert. Das gleiche Spiel trieb der verstorbene Imam jahrzehntelang mit den Sultanaten im britischen Protektorat. Er schickte gedungene Stämmchen über die Grenze, um die Abtrünnigen in Atem zu halten.
Die Zeiten, in denen Stammesfehden oder bezahlte Nomaden das Schicksal einer Nation bestimmten, sind längst vorüber, selbst im Jemen. Messer, Gift und Gold haben auch dort einer neuen politischen Waffe weichen müssen: der öffentlichen Meinung. Diese Umwälzung ist nicht auf die junge Revolution vom 27. September zurückzuführen. Sie bildet im Gegenteil ihre Grundlage. Sie beginnt mit der Erfindung des Transistors, genau wie die industrielle Revolution des Westens an die Erfindung der Dampfmaschine gebunden ist.
Es gibt im Jemen niemanden mehr, der nicht Radio hört. Im „Verbotenen Wüstenkönigreich“, wie man es so schön nannte, weiß jeder mehr über uns als wir über dieses Land. Seit Jahren hat jedes Dorf Verbindung zur Welt. Die Bauern in den höchsten Bergen, wild aussehende Menschen, die nie ein Auto gesehen haben, wissen genau, wer Chruschtschow ist und was die Amerikaner über Kuba denken, wie viele Sputniks im All herumjagen und daß die Erde sich politisch in drei große Gruppen aufteilt: den Westen, den Osten und das Niemandsland der Armen.
Überall, wo wir sagten, daß wir aus Deutschland kommen, lautete die erste Frage: „Ost oder West?“ Es lag noch kein Urteil in dieser Frage. Noch nicht. Meistens jedoch hieß es weiter: „Warum hat Westdeutschland unsere Regierung noch nicht anerkannt? Steht es etwa auf seiten des Tyrannen?“
Alle herkömmlichen Ansichten über isolierte und rückständige Länder sind hinfällig seit der Erfindung des Transistors. Es ist fatal für den Westen, wenn er in den Entwicklungsländern die starken Männer von gestern beschützt. Es geht darum, viele Freunde zu gewinnen. Die Welt wird langsam im wahrsten Sinne des Wortes eine Demokratie, in der Meinung und Wille der Mehrheit die Zukunft bestimmen.
Im Kampf um diese Meinung liegt der Westen weit zurück. Seine Haltung im Jemen beeinflußt nicht nur ein paar Millionen Bergbauern. In der ganzen „Dritten Welt“ heißt es wieder einmal: „Der Westen ist der Freund der Tyrannen.“
Unrecht hatten sie nicht. Beweise gab es zuhauf: der Schah in Persien, die Sultane in den Emiraten des persischen Golfes, der Herrscher von Oman, und ganz in der Nähe des Jemen, das Königreich Saudi-Arabien. Saudi-Arabien hat die größten Erdölquellen der Welt. Diese werden zum Großteil von amerikanischen Gesellschaften ausgebeutet. Kein Wunder, daß das Regime nicht infrage gestellt, sondern aktiv unterstützt wird.
Dort hatten die Herrscher mit ihren Haremsfrauen Hunderte von Prinzen gezeugt, die nicht anders lebten als vorher die Mächtigen im Jemen – in Saus und Braus. Die einfachen Bürger hingegen durften keinen Alkohol trinken und mußten regelmäßig beten. Zu den Gebetszeiten wurden sogar die Autos von der Sittenpolizei angehalten, und die Insassen mußten sich auf der Straße gen Mekka verbeugen.
Frauen hatten nicht das Recht Auto zu fahren, denn sie galten nicht als verantwortungsvolle Menschen. Wenn sie ein Unfall verursacht hätten, wären ihre Männer zur Verantwortung gezogen worden. Es gab und gibt immer noch keine nicht-islamischen Kultstätten oder Konfessionen. Das ganze Land gilt als eine Moschee, und da ist kein Platz für Kirchen oder Synagogen.
Öffentliche Hinrichtungen von Oppositionellen sind an der Tagesordnung. Die Gefängnisse quellen über. Von Menschenrechten keine Spur. Dennoch werden die Herrscher vom Westen nicht nur geduldet, sondern auch unterstützt. Menschenrechte werden ja nur dort ins Feld geführt, wo es sich politisch auszahlt.
Ein Höhepunkt an Brutalität wurde im Königreich Saudi Arabien im November 1979 erreicht: Während der Neujahrsfeierlichkeiten zum Jahr 1400 – nach islamischer Zeitrechnung – bemächtigte sich eine Gruppe von oppositionellen Gläubigen der Großen Moschee von Mekka, in der sich tausende von Pilgern aufhielten. Die Ankunft des lang erwarteten Mahdi wurde verkündet – des sunnitischen Messias – und damit der Anbruch eines neuen Zeitalters.
Die Herrschaft der saudischen Königsfamilie war bedroht.
Die Armee war machtlos. Da appellierten die Saudis an den Westen, ihnen Truppen zu schicken. Frankreich erklärte sich bereit und schickte die Fremdenlegion. Die aber bestand in der Mehrzahl aus Christen – und Ungläubige dürfen die heilige Stadt nicht betreten. Also wurden sie im Handumdrehen zu Muslimen gemacht. Sie brauchten nur zu sagen: „Allah ist groß, und Mohammed ist sein Prophet.“ Das kam den Fremdenlegionären leicht über die Lippen. Sie konnten also eingesetzt werden.
Viele der Aufständischen hatten sich unter den Moscheen in Tunneln verschanzt. Da setzten die Franzosen Giftgas ein, und in wenigen Tagen herrschte wieder Ruhe. Die übrigen Pilger, meist Sympathisanten der Revolutionäre, verschwanden ohne Protest in ihre Gebiete.
Chef der damaligen Regierung Frankreichs war Giscard d’Estaing. Aber gleich wer an der Macht war, wenn es um die nationalen Interessen ging, schreckte keine Regierung vor Brutalität zurück. Sei es im blutigen Indochinakrieg oder in Algerien, wo Massengräber Zeugnis von ihrem rücksichtslosen Vorgehen ablegten.
