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Das Mittelalter überlebt (Jemen 1963)

Unser Artikel über den Umsturz im Nordjemen wurde gedruckt, und Nannen war damit einverstanden, daß wir im Anschluß eine große Reportage über den Nahen Osten machen wollten. Wir konnten nicht ahnen, daß diese Reise uns wieder in den Nordjemen führen sollte – diesmal nicht zu den Republikanern, sondern auf die Seite der Royalisten.

Wir fuhren also von Hamburg mit dem Auto los und erreichten wohlbehalten Beirut. Im Hotel trafen wir einen alten Freund, Eric Rouleau, den Orientexperten der französischen Zeitung „Le Monde“. Er war mit jungen Amerikanern verabredet, die gerade aus dem Jemen zurückgekommen waren. Wir wollten dabei sein.

Da saßen wir dann drei jungen Männern zwischen 20 und 25 Jahren gegenüber, die offensichtlich nicht mit sich zufrieden waren. Sie hatten von Saudi-Arabien die Erlaubnis bekommen, über die jemenitischen Royalisten zu berichten, die die Stämme des Nordens gegen die Republikaner mobilisierten. Ein Traumjob. Als sie an der jemenitischen Grenze angelangt waren, stellte man ihnen einen Jeep zur Verfügung. Sie inspizierten das Vehikel und fanden vieles reparaturbedürftig. Am meisten störte sie der Zustand der Reifen. Diese hatten überhaupt kein Profil mehr. Daraufhin gaben die Amerikaner auf und kehrten nach Beirut zurück. Wahrscheinlich hatten auch die wild aussehenden Krieger ihnen Angst eingejagt.

Wir trauten unseren Ohren nicht. Am nächsten Tag ging ich zur Botschaft der Saudis und erklärte, wir seien bereit, die Mission der Amerikaner zu übernehmen. Wenige Stunden später hatten wir das Visum. Offensichtlich waren die Saudis sehr daran interessiert, daß endlich in westlichen Medien über die Situation im Nordjemen berichtet wurde.

Ich rief in Hamburg an und erklärte die Situation. Nannen war sofort einverstanden, und wir machten uns auf den Weg. Es ging reibungslos. An der Grenze stellte man uns den gleichen Jeep zur Verfügung, den die Amerikaner abgelehnt hatten. Als wir über die Grenze fuhren, empfingen uns ohrenbetäubende Trillerpfeifen. „Herzlich willkommen“, hieß es, „Ihr seid endlich gekommen, jetzt werdet Ihr noch von der Ehrengarde begrüßt, dann könnt Ihr Euch ausruhen.“

Also schritten wir, würdevoll – wie es sich anscheinend gehört – an etwa 500 Kriegern vorbei. Und plötzlich schrien alle: „Long live Life!“ Da platzte mir die Geduld. Ich blieb stehen und sagte: „Die Amerikaner waren zu feige, um zu Euch zu kommen. Wir sind Journalisten aus Deutschland und haben ihren Platz eingenommen. Jetzt schreit gefälligst: ‚Long live Stern‘.“ Der Prinz, der in Deutschland studiert hatte, war begeistert und erklärt den Kriegern, was sie schreien sollten.

Das war unser erster Kontakt mit den Royalisten im Nordjemen.

Ich war ein wenig sauer auf mich, denn ich hätte sagen sollen „Long live Luxemburg“. Aber, wer weiß schon, wo das liegt.

Der Prinz, der sich fortan unserer annahm, sprach perfekt deutsch. Wir machten uns auf den Weg zu seinem Hauptquartier. Seine Krieger waren ein lustiger Haufen. Immer wieder lief einer voraus, stellte einen Stein auf, und auf den wurde dann geschossen. Ich mußte mitmachen, und da ich ein guter Schütze bin, traf ich oft besser als sie. Begeisterter Beifall war die Folge. Dann tuschelten einige von ihnen aufgeregt und beschlossen, mir ein Gewehr zu schenken. Im Jemen eine große Ehre. Ich bat den Prinzen, ihnen zu erklären, daß ein Journalist keine Waffen tragen darf. Das verstanden die Krieger nicht und meinten, ob ich lieber eine Maschinenpistole haben möchte. Der Prinz klärte sie auf, und weiter ging’s.

Wir mußten mehrere Stammesgebiete durchqueren. An den Grenzen gab es jedes Mal langes Palaver. Schließlich unterschrieben die jeweiligen Anführer, daß sie uns lebend empfangen hatten. „Das ist eine Lebensversicherung“, erklärte mir der Prinz. „Von jetzt an ist Euer Blutpreis viermal so hoch wie der eines hiesigen Kriegers. Solltet Ihr umgebracht werden, müssen acht Männer der verantwortlichen Sippe getötet werden. Für jeden von Euch vier.“

Wir erreichten ein Tal, in dem etwa tausend Krieger sich versammelt hatten. Der Prinz hatte sie dorthin beordert, um die Stadt, die auf einem anliegenden Hügel lag, zu erobern. Diese hatte sich auf die Seite der republikanischen Regierung geschlagen. Den Sturm wollte ich selbstverständlich filmen und stellte mich vorteilhaft auf.

Dann ging’s los. Der Regisseur Cecile B. DeMille, der viele dramatische Kriegsfilme gedreht hat, wäre vor Neid geplatzt. So ein Spektakel hatte ich selbst in seinen Filmen nie gesehen. Ich drehte auf Teufel komm raus, aber dann surrte die Kamera, der Film war zu Ende. Als ich vor der Stadt ankam, fragte der Prinz: „Hat’s geklappt?“ Ich mußte verneinen. „Kein Problem“, meinte er, „wir machen das Ganze noch mal“, und gab die entsprechenden Anweisungen an seine Männer.

Mittlerweile hatte ich einen neuen Film eingelegt und wieder eine gute Position eingenommen. Und es ging noch einmal los. Nie mehr habe ich so spektakuläre Bilder drehen können wie diese. Als ich dann wieder beim Prinzen ankam, fragte er: „Hat es diesmal geklappt? Wenn nicht, können wir ein Lager ägyptischer Soldaten angreifen, das nur wenige Kilometer entfernt liegt.“ – „Wird es dabei Tote geben?“ –  „Selbstverständlich, die sind schwer bewaffnet. Hier oben gab es doch kaum Widerstand.“ Ich lehnte ab, und wir zogen weiter.

Anderntags kamen wir durch ein Dorf, wo die Bevölkerung zu beiden Seiten der Straße aufgereiht stand und uns lautstark willkommen hieß. Auf der einen Seite standen eindeutig Jemeniten, auf der anderen Männer und Frauen in völlig anderer Kleidung, deren Identität ich nicht einzuschätzen vermochte.

„Das sind Juden“, erklärte der Prinz, „für sie ist der Blutpreis doppelt so hoch wie für einen Stammesangehörigen. Sie dürfen nämlich keine Waffen tragen und können sich selbst nicht verteidigen. Übrigens werden die jüdischen Frauen wegen ihrer schönen weißen Hände von den einheimischen Frauen beneidet. Sie brauchen keine Feldarbeit zu leisten. Die Juden sind keine Bauern, sondern Schmiede, Tischler, Kunsthandwerker.“

Nach etwa einer Woche kamen wir im Hauptquartier des Prinzen an. Dort erlebte ich eine

weitere Überraschung. Männliche Stammesangehörige, die irgendetwas Strafwürdiges begangen hatten, wurden nicht ins Gefängnis gesteckt. Man nahm ihnen Gewehr und Dolch ab und stellte diese in einen eigens dafür eingerichteten Raum. Ein Krieger ohne Waffe ist kein Mann. Also versteckte er sich, bis seine Waffen die Strafe abgebüßt hatten.

Fast den ganzen Tag lang mußte der Prinz Audienz halten. Jeder konnte zu ihm kommen und sein Anliegen vortragen. Am turbulentesten ging es zu, als der Angriff auf Sanaa entschieden werden sollte. Jeder der beteiligten Stämme wollte als erster angreifen. Ich bewunderte ihren Mut. Später erfuhr ich, daß es nur um eins ging: um Beute. Wer als erster in Sanaa ankommt, kann die beste Beute machen.

 Das Gerangel nahm kein Ende, und entsprechend fiel der Angriff aus. Er wurde abgewiesen. Wir hatten viel gesehen, aber eines unserer Ziele nicht erreicht: eine Begegnung mit dem Imam El Badr. Die Saudis hatten uns ja ans Herz gelegt, ihn zu fotografieren, um zu beweisen, daß er nicht, wie die Republikaner behaupteten, erschossen worden war, sondern wohlbehalten aus einem Versteck den Kampf der Royalisten leitete. Aber dieses Versteck lag im Westen, am Roten Meer, und war quer durch den Jemen nicht zu erreichen. Also, zurück nach Saudi-Arabien, wo wir sofort ein Flugzeug zur Verfügung gestellt bekamen.

Unser Begleiter war wieder ein jemenitischer Prinz. Er setzte sich neben den Piloten, zog eine Pistole und hielt sie diesem an den Kopf. „Wenn du nach Ägypten fliegst, werde ich dich erschießen.“

Zu jener Zeit waren tatsächlich mehrere Piloten mit ihren Maschinen nach Ägypten geflogen. Ich gab zu bedenken, daß wir lieber nach Ägypten fliegen würden, als über Saudi-Arabien abzustürzen. Er aber steckte seine Pistole nicht wieder ein, und wir landeten wohlbehalten nahe der jemenitischen Grenze.

Von dort ging es wieder mit Jeeps, auf Eseln und Maultieren in die Berge. Als wir endlich das Lager des Imam erreicht hatten, mußten wir zwei Tage warten, bis er uns empfing. Er hauste in einer ziemlich geräumigen Höhle, wurde von Kriegern bewacht und von Sklaven bedient.

Das Interview war bedeutungslos, doch wir hatten unser Ziel erreicht, den Imam lebend gesehen.

Auf der Rückreise stritten Marie-Claude und ich uns über den einzuschlagenden Weg. Ich wollte den längsten nehmen, um noch einiges zu erleben. Sie den kürzesten, denn sie hatte die Nase voll davon, tagelang auf Eseln zu hocken.

Schließlich schlug ich vor, sie solle sich noch einige Tage ausruhen. Ich würde mittlerweile ein Maultier besorgen. Sie willigte ein und war hinterher ebenso froh wie ich. Denn unterwegs trafen wir wieder den Imam. Er saß auf einem Esel, der von zwei seiner Begleiter den Berg hinaufgeschoben wurde. Die linke Backe war voll Qat. Schöne Bilder. Er stieg ab, und wir begrüßten uns. Da kam mir eine Idee: Männer geben im Jemen einer fremden Frau nie die Hand, denn sie könnte „unrein“ sein, d. h. die Regel haben. Also forderte ich Marie-Claude auf, ihm die Hand zu reichen. Er war so benommen, daß er sie schüttelte. Ich hatte schnell die Leica gezückt und drückte mehrere Male ab.

Als wir unsere Filme in Hamburg entwickelten, waren diese vier Bilder unbelichtet. So etwas war uns noch nie passiert und ist auch später nie mehr vorgekommen. Sollte der Imam über übernatürliche Kräfte verfügen? Es ist uns ein Rätsel geblieben.

Nannen war begeistert von unserer Reportage, meinte aber: „Die können wir jetzt nicht gleich drucken. Es läuft noch eine andere Serie. Aber schreiben Sie doch einen kurzen Bericht für die aktuelle Rubrik ‚Diese Woche‘, damit die Leser wissen, was Sie erlebt haben.“ Ich schrieb ein paar Seiten und fuhr nach Paris. Als ich zurückkam und den Bericht las, traute ich meinen Augen nicht. Da hatte sich der zuständige Redakteur klug gemacht, Agenturberichte gelesen und seinen Senf dazugedichtet. Nichts stimmte mehr. Dabei wußte die gesamte Redaktion, daß wir die ersten und die einzigen Journalisten waren, die bei den Royalisten gewesen waren und den Imam aufgestöbert hatten. Der Redakteur hätte wissen müssen, daß Agenturen meist Sprachrohre ihrer Regierungen sind.

Ich ging zu Nannen und forderte: „Dieser Kerl vertraut fremden Agenturen mehr als mir. Entweder Sie schmeißen ihn raus, oder ich verabschiede mich.“ Er versprach mir, daß ich nie mehr mit diesem Redakteur zu tun haben würde.

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