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Spanische Diktatur und Demokratie auf italienisch

Für diese Zeitungen – es waren inzwischen 40 geworden – ging ich dann als Korrespondent nachSpanien. Nach dem Krieg war Franco von den Alliierten geächtet und ein wirtschaftlicherBoykott über das Land verhängt worden. Ich konnte Interessantes berichten, und meineZeitungen waren zufrieden. Unter ihnen befanden sich nur wenige überregionale Blätter, in derMehrzahl waren es Regionalzeitungen, die sich keinen festen Korrespondenten leisten konnten und deshalb stolz waren, wenn sie drucken konnten: „Unser Korrespondent Gordian Troellerberichtet aus Spanien“.

Für jeden Artikel erhielt ich, je nach Bedeutung der Zeitung, 20 oder 30 Dollar und kam so im Monat auf etwa 1.000 Dollar. Damals ein Batzen Geld. Mein größtes Problem: die Kopien. Damals gab es keine Kopierer. Mit der Schreibmaschine brachte ich höchstens sechs leserliche Durchschläge zustande. Also mußte ich jeden Artikel mindestens siebenmal tippen. Meine Einkünfte erlaubten es mir, ein Leben zu führen wie während des Krieges in Portugal. Ich mietete eine Villa mit Swimmingpool, hatte eine Köchin, eine Kammerzofe und einen Chauffeur.

Die Villa hatte der Bischof von Toledo seiner Geliebten geschenkt. Die aber hatte sich mittlerweile in einen Stierkämpfer verliebt, den berühmten Manolete. Wir beide wurden Freunde, und er schlug vor, aus mir den ersten luxemburgischen Stierkämpfer zu machen. Ich nahm an. Wir übten fast täglich. Nach ein paar Monaten durfte ich schon gegen Jungtiere kämpfen. Mit Erfolg. Dann gingen wir auf ein Landgut, wo Kampfstiere gezüchtet wurden.

Angeblich kann man am Kampfgeist der Kühe erkennen, ob sie für den Stierkampf geeigneten Nachwuchs zur Welt bringen. Auch ich wurde aufgefordert, mich an einer Kuh zu versuchen. Aber Kühe sind ja nicht so dumm wie die jungen Stiere, mit denen ich geübt hatte. Sie ließen sich vom roten Tuch nicht ablenken, sondern griffen resolut den an, der es schwenkte. Ich wurde niedergetrampelt. Manolete lenkte die Kuh von mir ab. Einige Rippen waren gebrochen. So endete meine Karriere als Stierkämpfer.

Mittlerweile hatte ich in Madrid Kontakt zu meinen anarchistischen Freunden aufgenommen. Sie waren in der verbotenen CNT organisiert, der anarchistischen Gewerkschaft. Zweimal im Monat tagte die Führung heimlich in meiner Garage. Vor dem Haus hatten sie Wachen aufgestellt.

Eines Tages entschieden sie, in Bilbao einen Streik zu organisieren. Sie baten mich, die beiden damit beauftragten Genossen in meinem Auto dort hinzufahren. Ich sagte zu, und wir kamen ungeschoren an. Der Streik war ein großer Erfolg. Selbst unter der Francodiktatur lief in den Betrieben kaum etwas ohne die CNT. Obwohl im Untergrund, war sie die mächtigste Gewerkschaft Spaniens.

Als ich die beiden Genossen nach Madrid zurückfuhr, erstaunte mich ihr Verhalten. Der eine hatte eine Mütze auf, der andere trug eine Brille. Jedesmal, wenn wir uns einer Polizeikontrolle näherten, wechselten sie Mütze und Brille. So glaubten sie, unerkannt zu bleiben. In Madrid setzte ich sie nicht vor ihrer Wohnung ab, sondern in einer kleinen Nebenstraße. Gott sei Dank, denn in ihrer Wohnung wartete bereits die Polizei.

Genau wie in Lissabon Salazar, hatten auch hier Anarchisten geplant, Franco umzubringen. Sie hatten Verbündete im Palast des Diktators, und die hatten ihnen gesteckt, daß Franco gerne bei Kerzenlicht diniere. Also wurden Kerzen mit Dynamit gefüllt und auf Francos Tisch gestellt. Als das Essen begann, ließ er sie anzünden. Es war Sommer, die Fenster standen offen, und der Wind blies immer wieder die Kerzen aus. Genervt ließ Franco sie in die Küche bringen. Dort blies der Koch sie sofort aus. Er wußte, was drinsteckte. – Wie gesagt, Diktatoren bringt man nur schwer um.

Ich blieb unbehelligt, bis ich einem baskischen Untergrundkämpfer zur Flucht nach Frankreich verhalf. Da ich immer noch das Auto mit einer Luxemburger Nummer hatte, glaubten wir, ungehindert die Grenze erreichen zu können, aber mein Chauffeur hatte uns verraten. Unterwegs versuchten Polizeisperren uns aufzuhalten. Für meinen Freund ging es um Leben oder Tod. Also raste ich durch. Sie verfolgten uns, es gelang ihnen aber nicht, uns einzuholen. Wir schafften es bis zur Grenze, wo eine baskische Organisation ihn nach Frankreich brachte.

Als ich wieder in Madrid ankam, empfingen mich Polizisten in meiner Wohnung. Ich kam ins Gefängnis. Nach dreimonatiger Einzelhaft wurde ich schließlich dem Militärrichter vorgeführt. Der war für seine Unerbittlichkeit bekannt. Er hatte zwei seiner Söhne im Bürgerkrieg verloren. Er beschuldigte mich, einem gefährlichen Feind des Regimes geholfen zu haben, und drohte mit einer exemplarischen Strafe.

Zu jener Zeit hatten gerade die Kommunisten in Prag durch einen Putsch die Macht übernommen. Mir fiel ein, den Richter zu fragen: „Was würden Sie tun, wenn Sie in Prag wären, und ein Freund, der verfolgt wird, Sie bittet, ihn an die Grenze zu bringen?“ Wie aus einer Pistole geschossen kam die Antwort: „Hombre, ich würde ihm selbstverständlich helfen.“ – „Nichts anderes habe ich getan. Mit den Basken hat das nichts zu tun. Ich habe nur einem Freund das Leben gerettet.“

Der Richter schaute mich eine Weile wortlos an. Dann sagte er: „Sie haben recht, ich kann Sie nicht verurteilen, aber ich muß Sie ausweisen. Die internationale Presse hat Ihren Fall derart ausgeschlachtet, daß ich zu einer solchen Maßnahme gezwungen bin.“

Zwei Tage später flog ich mit der KLM, der einzigen ausländischen Fluggesellschaft, die trotz des Boykotts Madrid noch anflog, nach Amsterdam.

Ich war u. a. auch Korrespondent des dortigen „Allgemeen Handelsblad“. Das hatte natürlich ausgiebig über meinen Fall berichtet und meine Rückkehr mit Photos groß herausgebracht. Daraufhin wurde ich mit Liebesangeboten überschüttet. Ein Mann, der drei Monate im Gefängnis gesessen hatte, mußte sich doch nach einer Frau sehnen.

Ich war so vernarrt in Spanien, daß ich den Portier meines Hotels fragte, wo ich im kalten

Norden spanische Atmosphäre finden könnte. Er empfahl mir ein Theater, in dem

Flamencotänzer auftraten. Unter ihnen befand sich Marie-Claude Deffarge. Ihre Tänze begeisterten mich. Ich verliebte mich sofort in sie. Ich ließ sie an meinem Tisch bitten. Sie lehnte ab. Doch als ich ihr mitteilen ließ, daß ich gerade aus einem spanischen Gefängnis kam, setzte sie sich zu mir. Sie studierte an der Sorbonne Ethnologie und Archäologie. Da sie an einer wissenschaftlichen Arbeit über den spanischen Tanz schrieb, hatte sie es für nötig gehalten, selbst zu tanzen und aufzutreten, „um das richtige Gefühl zu bekommen und das Milieu kennenzulernen“. Ich konnte sie überzeugen, künftig mit mir durch die Welt zu reisen. Wir wurden ein Paar und arbeiteten fortan zusammen.

Meine Zeitungen meinten, ich solle doch nach Italien gehen, wo sich 1948 entschied, ob Italien kommunistisch würde. 1946 hatten sich die Italiener mit knapper Mehrheit gegen die Monarchie und für eine Republik als Staatsform entschieden. Die republikanische Verfassung sollte aber erst 1948 in Kraft treten. Wahlen standen vor der Tür und politisch war dort sehr viel los. Die kommunistischen Widerstandsbewegungen, die gegen die Deutschen gekämpft hatten, waren nach dem Krieg sehr populär und drohten die Oberhand über die Democrazia Cristiana zu gewinnen. Da schalteten sich die Amerikaner mit viel Geld ein. Sie bezahlten die aufwendige Wahlpropaganda der Christdemokraten, erklärten die Kommunisten zu Kriminellen und agierten in Dörfern und kleinen Städten geschickt mit Geschenken. Jeder, der wollte, bekam ein Geschenk.

Dazu gehörten auch Schuhe, ein Luxus für die arme Landbevölkerung. Aber zunächst bekam jeder nur einen, den linken und, falls er richtig gewählt hatte, sollte er auch den rechten bekommen. In kleinen Gemeinden war das leicht zu kontrollieren. Irgendwie hatten sie es sogar hingekriegt, daß Nonnen und Mönche zwei- bis dreimal wählen konnten. Das Resultat fiel auch entsprechend aus: eine große Mehrheit für die Christdemokraten.

Aus später veröffentlichen Dokumenten geht hervor, daß die Amerikaner sogar eine militärische Intervention geplant hatten, falls die Kommunisten gesiegt hätten.

Darüber berichtete ich, erntete aber wenig Lob. Denn die Amerikaner wurden ja als die Befreier Europas gefeiert, und Kritik war tabu.

Sie hatten auch eine Fluchtlinie für prominente Nazis durch Italien aufgebaut. Die wurden dort in Klöstern untergebracht und solange versteckt, bis ihre Weiterreise gesichert war. Wer den Amerikanern als nützlich galt, Atomfachleute, Geheimnisträger jeder Art, kam in die Vereinigten Staaten. Die anderen wurden in Argentinien und Chile in Sicherheit gebracht. Damals wurden etliche meiner Artikel gar nicht gedruckt. Ich war sauer, aber da bot sich ein anderes Betätigungsfeld an: Der Iran.

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