Ruth und ich reisten weiter nach Paris und mieteten uns dort eine Wohnung. Eines Tages erhielt ich eine Einladung in die amerikanische Botschaft. Mein Gesprächspartner war ein Herr Dulles, Bruder des damaligen US-Außenministers John Foster Dulles und später Chef der CIA. „Wir kennen Ihre Verdienste während des Krieges, wollen Sie von jetzt an nicht für uns arbeiten?“. Ich lehnte ab, denn ich wollte nach Luxemburg, um dort bekannt zu machen, wie unsere Exil-Regierung sich im Krieg benommen hatte.
Diese Herren nämlich, zwei Christdemokraten und zwei Sozialdemokraten, hatten sich während des Krieges ziemlich unpatriotisch verhalten. Zunächst hatten sie sich gestritten. Zwei wollten in Luxemburg bleiben und sich den Deutschen unterordnen, die beiden anderen in England Zuflucht suchen. Sie kamen bis nach Portugal, wo sie immer wieder Gelegenheit hatten, nach London zu gelangen, aber nicht davon Gebrauch machten.
Schließlich riß den Engländern die Geduld. Sie schickten zwei Geheimdienstmänner nach Lissabon, die es schafften, unsere Regierung davon zu überzeugen, nach London zu fliegen, wo auch mittlerweile die anderen vor den Deutschen geflohenen Regierungen angekommen waren.
Für die luxemburgischen Gefangenen, die ich in Spanien aus dem Lager holte, brauchte ich Pässe, um ihre Situation in Portugal zu legalisieren. Das verweigerte mir die luxemburgische Regierung, die nun in London saß. Die Holländer hingegen erklärten sich dazu bereit.
Aber warum soll ich hier all die Verfehlungen von vier machtbesessenen Politikern aufzählen? Ich muß sowieso auf sie zurückkommen, denn als ich in Luxemburg eine Zeitung aufmachen wollte, nutzten sie ihre Macht, um mir das Leben zur Hölle zu machen.
Als ich Herrn Dulles’ Angebot, für die CIA zu arbeiten, ablehnte, hatte ich die Absicht erwähnt, in Luxemburg eine Zeitung zu gründen.
Wenige Tage nach dem Treffen klingelte ein kleiner Mann an meiner Tür, Thomas Wilson, ein Amerikaner. Er sagte, daß er von meiner Absicht gehört habe, und fragte, ob ich denn genügend Geld dafür hätte. Ich fragte, was ihn das anginge. „Sehr viel“, meinte er. „Ich war während des ganzen Krieges der Verbindungsoffizier bei der luxemburgischen Regierung. Ich habe sie hautnah erlebt, mußte sogar dreimal die Woche mit ihnen in die Kirche gehen. Mir liegt sehr daran, daß die Luxemburger erfahren, wie diese Herren sich benommen haben. Wenn Sie Geld brauchen, ich kann Ihnen helfen.“
Meine Antwort lautete: „Ich lasse mich nicht kaufen.“ „Das will ich ja auch nicht“, sagte er. „Ich kann aber das Geld, das Sie haben, ohne Schwierigkeiten verdreifachen. Ihr Geld wohlverstanden.“ Und er erklärte, er bräuchte es nur in Besatzungsgeld umzutauschen, dann wieder zurück in Französische Franken. Diese Operation könne er dreimal ohne Risiko vornehmen. Ich willigte ein, gab ihm mein Geld, steckte den dreifachen Betrag ein und schickte mich an, nach Luxemburg zu fahren.
Dazu brauchte ich eine Genehmigung der Alliierten, denn in den Ardennen wurde immer noch gekämpft. Ich wurde abgewiesen. Die Begründung: Meine Regierung war vorstellig geworden und hatte verlangt, daß drei Luxemburger nicht vor ihr in Luxemburg eintreffen dürften und zwar mein Freund Norbert Gomand, der in Madrid die Stellung gehalten hatte, Henri Koch, der in London das Treiben der Regierung beobachtet hatte, und ich. Ich kontaktierte Wilson, und schon am nächsten Tag reiste ich mit Einverständnis der Alliierten ab. Auch Norbert Gomand hatte die Genehmigung erhalten.
In Luxemburg mieteten wir ein Büro und gründeten „L’Indépendant“ („Der Unabhängige“), eine Zeitschrift, die wöchentlich erscheinen sollte. Mittlerweile war auch die Regierung zurückgekehrt. Ihre erste Handlung: Sie verweigerte uns das Papier, das nach dem Krieg streng rationiert war. Daraufhin hängten wir unsere Nachrichten groß gedruckt in die Fenster unseres Büros. Auch das klappte nur zwei Tage. Dann verhinderten Straßenarbeiten, daß man in unsere Fenster schauen konnte. Zur gleichen Zeit war ein Zirkus nach Luxemburg gekommen. Wir hatten erfahren, daß er seine Tiere durch die Stadt führen würde, um Reklame zu machen. Für wenig Geld erlaubte man uns, unsere Nachrichten an Kamele, Elefanten, Zebras und Lamas zu hängen. Ein Riesenerfolg.
Der „Indépendant“ war tagelang dasStadtgespräch. Dennoch weigerte sich die Regierung, uns das Papier zum Druck unserer Zeitschrift zur Verfügung zu stellen. Unsere Zirkusaktion hatte in den Medien so viel Aufmerksamkeit erregt, daß auch die belgische Regierung davon erfuhr. Sie sandte uns einen Vertreter, der sagte: „Eure Regierung hat auch uns während des Krieges nicht besser gefallen als Euch. Wenn Ihr darüber berichten wollt, könnt Ihr in Arlon drucken.“
Das belgische Arlon liegt nur 30 Kilometer von Luxemburg-Stadt entfernt. Also los.
Aber wie sollten wir die Zeitschrift über die Grenze bringen? Die erste Ausgabe wurde erwartungsgemäß von den Zöllnern beschlagnahmt. Wir waren so dumm, an den Frieden zu glauben. Ohne Gewalt war nichts zu erreichen. Das hatten wir im Krieg erfahren. Also saß bei der nächsten Lieferung ein Mann mit einer Maschinenpistole auf der Kühlerhaube, und niemand wagte es, uns anzuhalten.
Das ging monatelang so.
Die Zöllner waren so traumatisiert, daß ich auch Jahre später, wenn ich über diese Grenze fuhr, höflich durchgewinkt wurde. Sie kannten das Auto.
Dank der Belgier konnte der „Indépendant“ nun endlich veröffentlichen, was er wollte. Doch die Regierung gab nicht auf. Sie begann, einen Prozeß gegen den „Indépendant“ zu führen. Wegen Verleumdung. Sie setzte Beamte unter Druck, beeinflußte die Richter, so daß wir schließlich zu einer symbolischen Strafe von einem Franken verurteilt wurden. Das konnten wir verkraften. Aber zur Begleichung der Prozeßkosten hatten wir nicht genügend Geld. Wir mußten den „Indépendant“ aufgeben.
Wie rücksichtslos Politik gemacht wird – wenn man dieses Gebaren überhaupt so nennen kann –, erfuhr ich dann in Paris. Als ich dort in meiner Wohnung ankam, erwartete mich die Polizei. Sie hatte alles durchwühlt und präsentierte mir einen Ausweisungsbefehl. Ich hatte Frankreich innerhalb von 48 Stunden zu verlassen. Ohne Begründung.
Gott sei Dank hatte ich am Ende des Krieges in Paris bei Freunden gewohnt, die auch André Malraux beherbergten. Wir teilten uns damals ein Zimmer und freundeten uns an. Er hatte sich vom militanten Linken zu einem glühenden Verehrer De Gaulles gewandelt und wurde dann später auch Minister in dessen Kabinett.
Ich rief Malraux an und schilderte, was in Paris passiert war. Er machte sich kundig und erfuhr, daß die luxemburgische Regierung den Franzosen gesteckt hatte, ich sei während des Krieges Agent der Nazis gewesen und immer noch ein gefährliches Subjekt. Malraux verbürgte sich für mich, und innerhalb weniger Tage wurde die Ausweisung aufgehoben. Ich konnte wieder unbehelligt nach Frankreich reisen.
Das Ende des „Indépendant“ scheint mir heute eine glückliche Wendung, denn als Chefredakteur eines Oppositionsblattes wäre ich in Luxemburg wahrscheinlich vor die Hunde gegangen.
Ich bereitete mich also vor, etwas Aufregenderes zu unternehmen. Aber was? Mittlerweile hatten die Alliierten Europa befreit, die Nürnberger Prozesse begannen, und sie gaben sich Mühe, den Begriff Demokratie verständlich zu machen. Darüber wollte ich berichten. Aber wie kam ich dahin?
Ich machte mich zum Auslandsberichterstatter: Auf dem Briefpapier des „Indépendant“ schrieb ich: „Unser Korrespondent Gordian Troeller ist beauftragt, über die Nürnberger Prozesse und die Entwicklung in den befreiten Gebieten zu berichten.“ Daraufhin fuhr ich nach Paris und kaufte mir auf dem Flohmarkt eine Alliierten-Uniform. Auf die Schulter stickte ich in goldenen Lettern „War Correspondent“.
Um den Erfolg meines Unternehmens verständlich zu machen, muß ich vorausschicken, daß mein Auto dabei eine entscheidende Rolle gespielt hat. Das hatte ich gekauft, als ich aus Portugal nach Paris zurückgekehrt war. Ein Prachtstück, das der Händler während des Krieges in seinem Keller versteckt hatte, weil die Armee es sicherlich beschlagnahmt hätte. Es war das letzte Modell amerikanischer Autos, das vor dem Krieg nach Europa gekommen war. Wo immer ich damit auftauchte, fragten die Leute: Wo haben Sie das Ding her? Sind Sie Amerikaner?
Mit diesem Luxusvehikel begab ich mich auf den Weg nach Deutschland. Niemand hielt mich an. Das Auto beeindruckte so, daß wohl alle glaubten, nur ein General könne eine solche Karosse besitzen. In den Pressecamps wurde ich freundlich aufgenommen, wurde beköstigt, bekam Benzin und sogar die Zigaretten umsonst. Auch in Budapest, bei den Russen, wurde ich perfekt versorgt.
Aber dann kam ich in den kleinen norddeutschen Ort Ahlhorn, im kanadisch verwalteten Sektor. Nach zwei Tagen sagte der verantwortliche Offizier: „Troeller, you are a fake. You have an American trouser and a British battledress.“ Ich erzählte ihm meine Geschichte. „Das muß belohnt werden“, meinte er. „Ich akkreditiere Sie jetzt offiziell bei der kanadischen Armee und ernenne Sie zum assimilierten Hauptmann.“
Mit einer neuen Uniform und gültigen Papieren reiste ich dann kostenlos mehrere Monate durch das befreite Europa. In Holland und in den skandinavischen Ländern nahm ich Kontakt zu Zeitungen und Agenturen auf, für die ich dann Reportagen schrieb. Auch der kanadische Presseoffizier hatte mich an Zeitungen in seinem Land empfohlen.
Ich fühlte mich wie ein Glückspilz.
