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Eine andere Perspektive

Wir hatten die Nase vom Leben in Teheran voll und machten uns auf den Weg, um einen archäologischen Führer durch Persien vorzubereiten.

Also quälten wir uns auf Schotterstraßen tausende von Kilometern durchs Land und fotografierten jeden alten Stein. Als wir unser Stativ vor einer Burg aufgebaut hatten, kam ein Reiter des Weges, ein Stammesfürst, den wir in Teheran kennengelernt hatten. Er sagte: „Ihr Europäer seid unverbesserlich. Ihr bestaunt diese alten Bauten und glaubt, so Persien zu verstehen. Das sind Stein gewordene Symbole der Ausbeutung und Unterdrückung unseres Volkes. Denkmäler der Macht, die sich die Herren errichten ließen, um ihren Herrschaftsanspruch deutlich zu machen. Wie viele versklavte Bauern dabei starben, interessiert Euch nicht. Ihr bewundert, was Ihr Kultur nennt, und glaubt so, der Vergangenheit näher zu kommen. Wenn Ihr unser Volk wirklich kennenlernen wollt, dann kommt mit mir. Mein Stamm ist im Augenblick ganz in der Nähe, und Ihr könnt mit uns ziehen.“

Er hieß Zarghami und war der Chef eines Nomadenstammes, der Bassiri. Wir willigten ein und schlossen uns einer Gruppe von etwa 200 Personen an. Sie wohnten in Zelten und trieben ihre Herden, der Jahreszeit entsprechend, von einem Weideplatz zum anderen. Sie lebten von der Milch und dem Fleisch ihrer Tiere und schienen mit ihrem Leben zufrieden.

Kleine Männergruppen trafen sich zu stundenlangen Teepartys, bei denen über Gott und die Welt getratscht wurde. Ihre einzige Abwechslung war die Jagd auf Gazellen. Nein, oft mußte auch ausführlich geklärt werden, welchen Weideplatz man als nächstes ansteuern sollte, denn der durfte nicht bereits von einer anderen Gruppe abgegrast worden sein.

Eines Tages fragte ich: „Möchtet Ihr nicht lieber in einer Stadt leben, dort arbeiten, am modernen Leben teilhaben und viel mehr erleben als hier?“

Die vielen Antworten klangen zusammengefaßt so: „Einige unserer Stammesbrüder haben das getan. Sie hatten keine Bildung und mußten  schwerste Arbeit leisten, um sich einigermaßen zu ernähren. Sie hatten kein Geld und keine Zeit, die angeblichen Vorteile der Moderne zu genießen und sehnten sich zurück nach ihrem Leben im Stamm. Was ihnen aber am meisten fehlte und was sie krank machte, war der Mangel an Solidarität, an die sie gewöhnt waren, das psychische und – wenn es sein mußte – materielle Netz, das ihnen Sicherheit gab. Einige kamen zum Stamm zurück und blühten wieder auf.“

Nachdem wir mehrere Monate mit den Bassiris durch Persien gezogen waren, konnten wir nicht mehr so berichten wie vorher. Wir hatten unsere journalistische Unschuld verloren, wenn man das so nennen kann, die Überzeugung nämlich, daß die in den eingeweihten Kreisen der Hauptstädte gesammelten Informationen der Realität entsprächen.

Unser Weltbild war zwar erschüttert, doch der Glaube an die zivilisatorische Überlegenheit der westlichen Welt, unser Eurozentrismus, war noch nicht überwunden. Und im nachhinein weiß ich auch warum. Was waren wir denn schon für Journalisten, und wer sollte uns ernst nehmen, wenn wir nicht aus der Sicht des westlichen Überlegenheitsanspruchs urteilten und verurteilten?

Wir mußten bekannt werden, Spezialisten der „Dritten Welt“ sozusagen, Autoritäten, um ungehindert das vertreten zu können, was uns langsam zur Gewißheit wurde: die kulturelle und wirtschaftliche Verelendung der sogenannten Entwicklungsländer durch den westlichen Fortschrittsimperialismus.

Das gelang uns aber erst Jahre später beim „Stern“.

„Meine“ Zeitungen, die lange nichts mehr von mir aus dem Iran gehört hatten, schlugen vor, ich solle doch in den Nahen Osten gehen, denn dort war damals politisch viel in Bewegung.

Ich reiste nach Damaskus, wo die Baath-Partei an die Macht strebte. Eine sich sozialistisch nennende Formation, die islamische und arabische Werte berücksichtigen wollte. Michel Aflaq, ein syrischer Christ, hatte mit dem schiitischen Muslim Salah ad-Din al-Bitar das Programm der Partei geschrieben. Als wir uns befreundeten, bat Aflaq mich, die französische Übersetzung des Programms zu korrigieren. Er wünschte, es auch in Nordafrika bekannt zu machen, wo das in Syrien gesprochene Arabisch nicht verstanden wird. Sein Ziel war es, alle arabischen Völker in einer sozialistischen Gemeinschaft zu vereinen.

Die Baath-Partei hatte auch im Irak viele Anhänger gefunden und putschte sich dort an die Macht. Aflaq jubelte: „Das ist nur der Anfang. Wir sind auf dem Weg, meinen panarabischen Traum zu verwirklichen.“ Aber er hatte die Rechnung gemacht, ohne das psychologische Umfeld und die Einmischung westlicher und östlicher Geheimdienste zu berücksichtigen.

In jener Gegend lassen sich Menschen ungern etwas vorschreiben. Persönliche Interessen haben Vorrang, und da sind Bestechungsgelder nicht unwillkommen. Das nutzten die Geheimdienste, denn sowohl die Westmächte als auch die Sowjetunion wollten ein panarabisches Reich um jeden Preis verhindern. Das tun sie auch heute noch, mit beträchtlichem Erfolg. Die Führer der arabischen Länder sind zerstritten, selbst in bezug auf die Palästinenser können sie sich auf keine einheitliche Linie einigen.

Nicht anders verlief es zwischen den Parteigenossen in Syrien und im Irak. Von einheitlicher Politik konnte keine Rede sein. In Damaskus wurde Aflaq immer mehr angefeindet. Er hatte für die Iraker Stellung bezogen. Schließlich setzte er sich nach Bagdad ab, und als er dort 1989 starb, verordnete Saddam Hussein ein Staatsbegräbnis.

Mittlerweile hatte auch Nasser in Ägypten sich zum Panarabismus bekannt. Um Zeichen zu setzen, rief er die „Vereinigte Arabische Republik“ aus, ein Bündnis zwischen Syrien und Ägypten. Auch das ging schief. Das Gerangel um Kompetenzen führte schon bald zum Bruch. Aus dem Libanon kann ich wenig berichten. Ich pendelte zwischen Beirut und Damaskus hin und her. Syrien war damals interessanter. Schließlich gingen wir nach Italien zurück, wo wir immer noch eine Wohnung hatten. Dort bahnte sich an, was mich schließlich nach Deutschland führte.

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